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Religion in Zeiten der Generation Y. Fortschreitende Säkularisierung oder Ausdifferenzierung durch das Social Web?

Bachelorarbeit 2015 37 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Säkularisierungstheorie und Uses-and-Gratifications-Ansatz
2.2 Religiöse Medientheorie
2.3 Generation Y und das Massenmedium Internet

3. Datenbeschreibung
3.1 Datenquelle
3.2 Operationalisierung
3.3 Methoden

4. Ergebnisse
4.1 Deskriptive Ergebnisse
4.2 Multivariate Ergebnisse

5. Diskussion

6. Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Prozentuale Verteilung der medialen Multitasker und Nicht-Multitasker nach Altersgruppe im Erhebungsjahr 2008

Abbildung 2a: Durchschnittlicher Grad der Religiosität nach kategorisierter Internetnut­zung der Digital Immigrants

Abbildung 2b: Durchschnittlicher Grad der Religiosität nach kategorisierter Internetnut­zung der Digital Natives

Abbildung 3: Durchschnittlicher Grad der Religiosität nach dem Grad der traditionellen Ausrichtung

Abbildung 4: Durchschnittlicher Grad der Demut als Folge von Religiosität nach dem Grad der Internetnutzung

Abbildung 5 (Anhang): Histogramm der Internetnutzung der ursprünglichen Variablen vor der Kategorisierung

Abbildung 6 (Anhang): Durchschnittliche Internetnutzung nach dem Grad der traditionel­len Ausrichtung

Abbildung 7 (Anhang): Durchschnittlicher Grad der Religiosität nach Generationen und zeitlicher Entwicklung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht der operationalisierten Variablen

Tabelle 2: Absolute und relative Häufigkeiten aller Variablen in Bezug auf die kategorisierte Religiosität der Digital Immigrants

Tabelle 3: Absolute und relative Häufigkeiten aller Variablen in Bezug auf die kategorisierte Religiosität der Digital Natives

Tabelle 4: Tabelle der linearen Regressionsmodelle mit Religiosität und Demut als Folge der Religiosität

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Einfluss des Massenmediums Internet auf die Religiosität. Bei der Interaktion mit der Generation Y wird dargestellt, warum das Internet die Digital Natives und Digital Immigrants in Bezug auf ihre Religiosität unterschiedlich beeinflusst und wie sich die ausgeübten Folgen der Religiosität entwickeln. Die interdisziplinäre theoretische Basis fußt dabei unter anderem auf der religionssoziologischen Säkularisierungstheorie, die mit einer Variable zur traditionellen Ausrichtung in ihren Annahmen überprüft wird. Bei zunehmender Internetnutzung kann neben einer abnehmenden Religiosität, ebenfalls eine sinkende Ausübung der religiösen Folgen, anhand des Beispiels der Demut, bilanziert werden. Unterschiede zwischen den Digital Immigrants und den Digital Natives sind erkennbar, jedoch zeichnen sich im zentralen Bereich der Beziehung zwischen dem Internet und der Religiosität keine signifikanten Tendenzen ab. Fragen rund um die sozialwissenschaftlichen Untersuchungen des Themenfeldes werden kritisch diskutiert.

1. Einleitung

״Today [...] it seems that religion is everywhere.“ (Mazur/McCarthy 2001: 2)

Religion ist mit ihren ausgeübten Lehren und Praktiken ein vieldimensionales und einzigar­tiges Konstrukt für sozialwissenschaftliche Untersuchungen, welches diverse persönliche und soziale Dimensionen des menschlichen Lebens beeinflusst (vgl. Hosseini 2008: 66). Das Social Web[1] sorgt dafür, dass religiöse Inhalte überall verfügbar und einem Großteil der Weltbevölkerung zugänglich gemacht werden. Im Jahr 2004 gab es ungefähr 51 Millionen Internetseiten mit religiösen Themen (vgl. Hojsgaard und Warburg 2005).

Medien[2] (lat. das Vermittelnde, das Mittel) und speziell das Internet werden als zentrale Über­bringer von religiösen Mitteilungen verwendet. Der Einfluss von Massenmedien gründet sich in dem Bereich des Informationsgewinns und den der sozialen Interaktion zwischen Nutzern (vgl. Stout 2012: 74). Die Beziehung von Massenmedien und Religion kommt aufgrund des kommunikativen und gemeinschaftlichen Charakters dieser Teilbereiche zustande, was die soziologische Relevanz des Themas verdeutlicht. Dabei stellt sich schnell die Frage, ob der individualisierte Internetkonsum und die großen religiösen Institutionen wie z.B. Kirchen und Moscheen miteinander vereinbar oder gegensätzlich sind. Beispielsweise versucht der YouTube-Darsteller Jefferson Bethke mit seinem rund 30 millionenfach aufgerufenen Clip „Why I hate Religion but love Jesus“ primär die Assoziation der christlichen Religion mit der Institution Kirche durch eine individualisierte Beziehung mit Gott zu ersetzen, trotzdem aber die Gemeinschaft als Ausdruck der Religion zu stärken. Wie sich dies auf einer gesell­schaftlichen Makroebene auswirkt, sollen die Untersuchungen zeigen.

Dabei steht im Zentrum der Fragestellung, ob und warum Massenmedien Religiosität ver­stärken oder reduzieren. Einerseits könnten sie zur Aufklärung und Weitergabe von Wissen beitragen und so zu einer Abnahme der religiösen Einflüsse, der Säkularisierung, führen. Andererseits könnte durch die Medien in Form des Transports religiöser Inhalte auch eine Re-Säkularisierung vorangetrieben werden (vgl. Hjarvard 2006: 2f und Hosseini 2008: 66). Die bisherigen Forschungsergebnisse bezüglich der verschiedenen Medien sind widersprüch­lich und je nach Untersuchungsgegenstand unterschiedlich.

Die Besonderheit dieser Arbeit liegt in der Einbeziehung der Generation Y, die oftmals über die Geburtsjahrgänge 1981 bis 1995 definiert wird (vgl. HICM 2013: 5). Diese Untersuchung liegt aufgrund der engen Verzahnung mit dem Internet nahe. Daraus folgernd wird in dem aufgrund der Herleitungen etwas größeren Theorieteil davon ausgegangen, dass das Internet andere Einflüsse bei Personen aus der Generation Y hat.

Bezüglich der vieldiskutierten Kausalrichtung in Arbeiten zu diesem Thema erfolgte die Ent­scheidung für die Analyse des Einflusses von Massenmedien auf Religiosität. Frühere Studien (z.B. Stamm/Weis 1986) untersuchten häufig die gegenteilige Richtung, da damals die Nut­zung des Internets als neuartiges Phänomen in der Gesellschaft stark variierte. In dieser Ar­beit wird jedoch angenommen, dass das Internet die primäre Informationsquelle ist und des­halb die Nutzung nicht von Einstellungen in anderen Lebensbereichen wie zum Beispiel der Religion abhängt. Aus diesem Grund wird die Untersuchung dieser umgekehrten Richtung als weniger zielführend erachtet. Empirisch belegt wurde die hohe Bedeutung des Internets z.B. für Deutschland durch den Bundesverband Informationswirtschaft, der einen Anteil der Internetnutzer von 72% erkannt hat (BITKOM 2011). Ebenfalls direkte Bestätigung erhält diese Untersuchungsrichtung als Kritik einer anderen Studie, die der umgekehrten Richtung nachgegangen ist (vgl. Alkazemi 2013: 140).

Generell fehlt in den Untersuchungen bisher die Verallgemeinerung auf die Gesellschafts­ebene mit Hilfe eines großen (internationalen) Datensatzes. Deshalb lässt sich diese Arbeit mit der Untersuchung der Makroebene auf Basis von Individualdaten gegenüber der Unter­suchung auf der Mikroebene mit geringer Fallzahl in bestimmten Netzwerken (z.B. Baes­ler/Chen 2013) abgrenzen. Mit den Daten des länderübergreifenden European Social Survey (ESS) wird folgender Aufforderung nachgegangen: „What is needed is a large national sample of data that would allow for an assessment of the relationship between religion and Internet use for a broad populace.“ (Armfield/Holbert 2003: 135). Als weiteres Charakteristikum wird die Anschlussfrage verfolgt, wie das Massenmedium Internet die Ausübung von Folgen der Religion beeinflusst.

Im Folgenden wird zunächst die Basis mit Hilfe der interdisziplinären Theorien der Säkula­risierungstheorie, dem Uses-And-Gratifications-Ansatz und der Religiösen Medientheorie erläutert. Anschließend folgt eine Theorie im Hinblick auf die Generation Y, die auf empiri­schen Erkenntnissen beruht. Diese Theorien werden mit entsprechenden Hypothesen ver­knüpft. Weitergehend werden die Ergebnisse beschrieben und erklärt, wonach abschließend im Fazit Aspekte zu dieser Untersuchung und zu der Gesamtthematik diskutiert werden.

2. Theorie

2.1 Säkularisierungstheorie und Uses-and-Gratifications-Ansatz

Bei der zentralen Frage, wie Medien Religiosität beeinflussen, stehen sich die Säkularisie­rungstheorie und der Uses-and-Gratifications-Ansatz gegenüber.

Die Säkularisierungstheorie gehört zu den Klassikern der Religionssoziologie. Grundsätzlich kann diese weniger als eine einheitliche Theorie angesehen werden, sondern vielmehr als ein Set von Erklärungsmöglichkeiten, über das verschiedene Autoren in den letzten Jahrzenten kontrovers diskutiert haben. Es hat seinen Ausdruck in verschiedenen Konstrukten diverser Bereiche gefunden (vgl. Bruce 2002: 2, 43). Zentrale Annahme ist eine untrennbare Verbin­dung zwischen Religiosität und einem traditionellen Weltbild. Diese Weltanschauung ist durch die wachsende Säkularisierung bedroht (vgl. Armfield/Holbert 2003: 130), was zusätz­lich durch die Kapitalisierung gefördert wird (vgl. Berger 1967: 109). Langfristig ist deshalb ein Rückgang der Religiosität zu erwarten (vgl. Bruce 2002: 44).

So folgert beispielsweise Thomas Luckmann den Niedergang der Erklärungskraft und somit den Zusammenbruch der Religion. Deutlich wird dies durch den fortschreitenden Prozess der Privatisierung. Einerseits entsteht für den Nutzer daraus eine individualisierte, private ״invisible religion“ (Tschannen 1991: 398). Andererseits treten religiöse Inhalte bei dem Ak­teur in Konkurrenz mit anderen Bereichen des täglichen Lebens, was deren Wirkungskraft verringert (vgl. Tschannen 1991: 398).

Der Übertragung in den Bereich der Medien liegt die Annahme zugrunde, dass sich der Pro­zess der Säkularisierung bei dem Nutzer besonders durch die Medien und der daraus resul­tierenden Privatisierung zeigt und verstärkt. Diese stellen einen Teil der modernen, säkularen Gesellschaft dar und widerspiegeln nicht die traditionellen religiösen Werte (vgl. Budden­baum/Stout 1996: 20). Folglich wäre die Nutzung von Massenmedien negativ mit Religiosi­tät korreliert.

Bestätigt hat sich diese Annahme durch Robert Abelman (1991), der bei seiner Untersuchung mit 179 „gläubigen“ TV-Konsumenten zu Zeiten des Skandals eines bekannten Fernsehe­vangelisten herausfand, dass Personen mit starkem Gebrauch von säkularen TV-Sendungen und Magazinen der Religion gegenüber zunehmend negativer eingestellt waren (vgl. Abelman 1991: 101). Armfield und Holbert (2003) haben dies mit ihrer Studie zum Einfluss von Reli­giosität auf Internetnutzung bestätigt (vgl. Armfield/Holbert 2003: 129-144).

Im Gegensatz zur Säkularierungstheorie nimmt der Uses-and-Gratifications-Ansatz an, dass Nutzer Massenmedien ausschließlich gebrauchen, um ihre persönlichen Normen und Werte zu bestätigen. Besonders das Internet mit seiner Selektivität könnte hierfür die richtige Platt­form bieten (vgl. Armfield/Holbert 2003: 135f.). Die Annahme hierbei ist, dass sich die Ak­teure gleichzeitig von Inhalten der Medien fernhalten, die ihr Weltbild widerlegen würden. Somit würden also eher religiös Interessierte auch religiöse Informationen im Internet rezi­pieren und eine Verstärkung ihrer Religiosität erfahren. Weniger religiös Interessierte würden keine religiösen Informationen im Internet aufrufen und somit auf ihrem niedrigen Grad an Religiosität bleiben. Deshalb gäbe es insgesamt durchschnittlich eine leichte Verstärkung der Religiosität durch das Internet.

Diese positive Beziehung bestätigen Stamm und Weis (1986), die eine positive Korrelation zwischen dem Abonnement von Zeitungen und Beziehungen zu Kirchenmitgliedern erkannt haben (vgl. Stamm/Weis 1986: 125). Genauso fanden Finnegan und Viswanath (1988) in ihrer Studie eine positive Beziehung zwischen dem Lesen des wöchentlichen Ortsblattes und dem Eintritt in eine Kirchengemeinde heraus (vgl. Finnegan/Viswanath 1988: 463).

Da die Forschungslandschaft in dieser zentralen Frage keine klaren Aussagen zu dem Ein­fluss auf die Religiosität der Nutzer trifft, soll an dieser Stelle keine Hypothese formuliert, sondern die grundsätzliche Beziehung zwischen Internetnutzung und Religiosität als zentrale Forschungsfrage dargestellt werden.

Im Zentrum der Forschung steht hauptsächlich die Frage, wie die Wahrnehmung von Reli­giosität durch das Internet beeinflusst wird. Ein Beispiel ist Lövheim (2004), welche 15 Pro­banden bei der Nutzung einer Forenseite mit religiösen Inhalten beobachtete und qualitativ auswerte (vgl. Lundby 2006: 279). Boyle (2012) beobachtete die meist einseitigen Interaktio­nen des Twitter-Accounts von Mormonen (vgl. Boyle 2012: 189). Durch den Trend weg von der Analyse reiner Nutzungsdaten gehen Erkenntnisse dieser Studien auf die intrinsische Motivation der Nutzer und Organisationen, in eine solche Kommunikationen zu treten, ein.

2.2 Religiöse Medientheorie

Folgend wird hergeleitet, welchen Einfluss Medien auf die Ausübung der Folgen der Religi­osität haben. Diese Fragestellung gründet ihre Relevanz in dem Charakter der Religionen, religiöse Rituale nicht nur als Merkmal zu praktizieren, sondern daraus resultierend auch eine Richtlinie für andere Lebensbereiche abzuleiten.

Neil Postman nimmt in seinen Arbeiten (1993, 1998) an, dass Medien unabhängig von an­deren Bereichen agieren und öffentliche sowie persönliche Meinungen festzulegen. Diese Monopolstellung der Technologie wird als sogenannte „technopoly“ bezeichnet. Hieraus re­sultiert eine „totalitarian technocracy“ (Postman 1993: 48), welche maßgeblich seine dadurch entstehende Definition von Religion bestimmt. Somit ist eine Zusammenfügung von Medien und Religion mit ihrer jeweils vor der Kombination definierten ursprünglichen Logik un­denkbar. Dies wird vor allem mit dem spirituellen und übernatürlichen Charakter der Reli­gion begründet. Am Beispiel des Fernsehens ist laut Postman erkennbar, dass Heiligkeit durch die Religion und Materialismus in Form von Medien nicht kompatibel sind. Außerdem wird davon ausgegangen, dass es Aufgabe des Fernsehens ist, die Begierden des Menschen zu stillen. Dagegen geht die Religion den tatsächlichen inneren Bedürfnissen des Menschen nach (vgl. Hosseini 2008: 61f.).

In der Literatur wird Postmans Annahme kritisiert. So sieht S. H. Hosseini eine mediale Einbindung religiöser Inhalte als möglich an. Sein Hauptkritikpunkt besteht in der Festle­gung des Verständnisses der Religion auf einem Kontinuum zwischen einerseits der institu­tionellen und systematischen Organisation und andererseits der persönlichen Erfahrung. Hosseini sieht vielmehr die Unterscheidung zwischen fundamentalen religiösen Lehren und den Zielen der Religion als zentral an. Diese exklusive religiöse Lehren sind nicht mit Medien als „Transportmittel“ vereinbar. Hingegen sind die Ziele der Religion durch Medien umsetz­bar. Beispiele dafür sind spirituelle Ruhe, die Bewahrung und Förderung von ethischen Wer­ten und die Sinngebung (vgl. Hosseini 2008: 65f.).

Allgemein formuliert leitet sich daraus die Annahme ab, dass mehr Massenmedien zu mehr umgesetzten religiösen Zielen führen (positive Beziehung). Hieraus resultiert Hypothese 1:

H1: Eine höhere Nutzungsintensität des Internets führt nicht zu einem höheren Grad an Religiosität, sondern sorgt dafür, dass die Ausübung der Folgen von Religiosität verstärkt wird.

Empirisch belegt wurde diese Hypothese bereits von Baesler und Chen (2013), die bei der Untersuchung von Gebeten die in facebook oder per Email mitgeteilt wurden, eine Erhö­hung der Nächstenliebe als Folge von Religion nachgewiesen haben (vgl. Baesler/Chen 2013: 1). Zwar wurden nur Gebete und nicht der allgemeine massenmediale Einfluss betrachtet, jedoch könnte dies trotzdem auf eine positive Beziehung hindeuten.

2.3 Generation Y und das Massenmedium Internet

״Für euch bedeuten digitale Medien Arbeit. Für uns bedeuten sie Leben.“ (Riederle 2013: 95)

Nach vielen kontroversen Diskussionen in der Populärliteratur hat der Begriff der Genera­tion Y auch in wissenschaftlichen Untersuchungen Einzug erhalten. Definiert wird diese Ko­horte oftmals anhand der Geburtsjahrgänge 1980 bis 1995, welche jedoch noch nicht ein­heitlich über alle Autoren hinweg festgelegt wurden. Ein Synonym ist der Begriff der Digital Natives (z.B. Prensky 2001), da diese in der Zeit des Umbruchs durch die Digitale Revolution aufgewachsen sind und ihnen deshalb ein intuitiver Umgang mit technologischen Geräten nachgesagt wird. Dieser Begriff wird auch im Folgenden als Abgrenzung gebraucht. Allge­mein erfolgt die in der Einleitung erwähnte Orientierung bei der Generationen-Einteilung an der des HICM (Hamburg Institute of Change Management), welches bereits diverse For­schungsbeiträge zu dem Thema Generationen-Management publiziert hat (vgl. HICM 2013: 5).

Durch die Digitale Revolution stieg die Bedeutung des Internets. Auch in der vorliegenden Arbeit soll das Internet aufgrund der hohen Wichtigkeit in der Generation Y als beispielhaf­tes Massenmedium den Untersuchungsgegenstand darstellen. Außerdem erfolgte die Ent­scheidung für das Social Web aus zwei weiteren Gründen: Zunächst deckt es eine größere Relevanz als die anderen Massenmedien ab, da quantitativ über diesen Kanal ein Vielfaches an Informationen im Vergleich zu den sehr beschränkten Ressourcen anderer Medien be­reitgestellt wird. Hjarvard (2006) spricht in diesem Zusammenhang von einem ״globalere[n] [...] und multidimensionale[n] Kommunikationsmuster“ (Hjarvard 2006: 4). Außerdem zei­gen die Nutzer einen aktiven Handlungsvorgang, der sie vergleichsweise gezielt an für sie interessante Informationen bringen kann. Schließlich bietet das World Wide Web mit seiner kommunikativen Ausrichtung die Möglichkeit, mit anderen Nutzern, durch beispielsweise soziale Netzwerke oder Diskussionsforen, in Interaktion zu treten. Dies stellt eine Möglich­keit dar, der Gemeinschaft als soziale Dimensionen der Religion, nachzugehen.

Die Relevanz der Generation Y in einer religionssoziologischen Arbeit kann mit Postmans beschriebener Beziehung zwischen dem Begriff der culture und den „tool[s] which a culture uses for the exchange of ideas and messages“ (Hosseini 2008: 61) dargestellt werden. Da dieser Begriff mit dem der Generation Y operationalisiert und das Internet als Dreh- und Angelpunkt der Arbeits- und Freizeitgestaltung sowie als Kommunikationsmittel der Gene­ration Y mit einbezogen werden soll, kann von einer starken Vernetzung der Digital Natives mit dem Massenmedium Internet gesprochen werden. Dass dieses Selbstverständnis der Mehrheit der Generation Y zugeschrieben werden kann, zeigen neben dem Eingangszitat dieses Kapitels von Philipp Riederle, einem Experten rund um die Generation Y, auch em­pirische Studien. So erkannte beispielsweise die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewater- houseCoopers (2008) bei Universitätsabsolventen, dass bereits 94% in Deutschland ein Mit­glied eines sozialen Netzwerkes waren.

Neben der starken Nutzung des Internets wurde ebenfalls der Informationsüberschuss als resultierende Folge der dauerhaften Anwendung des Internet in der Generation Y vielfach thematisiert. Diese Bewältigung vereinfacht und automatisiert den Informationssuchprozess, sodass nicht für jede einzelne Wahl selbstständig Entscheidungen getroffen werden (vgl. Parment 2009: 40). Daraus kann geschlossen werden, dass mit einer hohen Nutzungsdauer des Internets aufgrund des Informationsüberschusses, welcher oftmals aus Multitasking re­sultiert, ein weniger zielgerichteter Suchprozess der Generation Y vorliegt. Die passive und teilweise zufällige Nutzung wird durch sozialen Netzwerke nochmals verstärkt (vgl. Sagio­glou/Greitemeyer 2014: 359).

Zu diesem grundsätzlichen Verhalten der Generation Y kommen die Rahmenbedingungen in Bezug auf die Religion hinzu. So ordnet beispielsweise Stachowska (2014) dem religiösen Anteil aller Websites von rund 13% in Polen „einen eher symbolischen oder exklusiven Cha­rakter“ (Stachowska 2014: 178) zu. Deshalb wird die Annahme einer Unterrepräsentation von religiösen Inhalten in der online-Welt im Vergleich zur offline-Welt postuliert.

Aus dieser Kombination des ziellosen Nutzungsverhaltens der Generation Y und dem ge­ringen Anteil religiöser Inhalte im Internet wird angenommen, dass daraus eine Abnahme der Religiosität resultiert. Denn einerseits werden religiös Interessierte durch säkulare Inhalte

tendenziell von ihrer Überzeugung abgelenkt, was durch die stark vertretene Offenheit ge­genüber allen Weltanschauungen durch die Generation Y nochmals verstärkt wird (vgl. Sig- nium 2013: 15). Andererseits stoßen nicht religiös Interessierte vergleichsweise selten auf religiöse Informationen.

Des Weiteren können die Digital Natives zu den Geburtsjahrgängen vor 1981, den Digital Immigrants (z.B. Prensky 2001), abgegrenzt werden. Die Annahme ist, dass durch das Auf­wachsen ohne digitalen Medieneinfluss ein eher gezieltes und selektives Internetnutzungs­verhalten vorliegt, das zum Beispiel das Anwenden von Multitasking nur geringfügig vor­weist. Diese Annahme wurde im Rahmen des "Media Multi-Tasking 2009"-Report in Bezug auf Fernsehen und Internet bestätigt. Mehr als die Hälfte aller Multitasker (54%) sind in den Jahren 1974 bis 1992 geboren und allein 25% der Multitasker stammen aus dem Geburts­jahrgang 1984 bis 1992, der sie zu den Digital Natives zuordnet. Dagegen zeigen die Digital Immigrants, die mit den Geburtsjahrgängen 1954 bis 1973 kategorisiert sind, an dem medi­alen Multitasking nur einen Anteil von 35%, wohingegen diese knapp die Hälfte (45%) aller Nicht-Multitasker ausmachen.

Abbildung 1: Prozentuale Verteilung der medialen Multitasker und Nicht-Multitasker nach Altersgruppe im Erhebungsjahr2008

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten

Quelle: European Interactive Advertising Association © Statista 2015

Somit kann gefolgert werden, dass religiös interessierte Digital Immigrants im Internet se­lektiver auch nach religiösen Informationen suchen als Digital Natives. Dadurch verstärkt sich ihre Religiosität. Nicht Religiöse Personen hingegen beziehen weniger religiösen Infor­mationen aus dem Internet, weshalb ihr Grad an Religiosität konstant gering bleibt. Insge­samt verstärkt sich also durchschnittlich die Religiosität durch das Internet in diesen Kohor­ten. Also lautet die Hypothese 2:

H2: Personen der Generation Y weisen einen geringeren Zusammenhang zwischen Massenmedien und Religiosität auf als die vorherigen Generationen (Kohorteneffekt).

Dieser Hypothese liegt die zentrale Frage zugrunde: Muss man vor dem Aufkommen der neuen digitalen Massenmedien bereits Erfahrungen mit Religiosität gemacht haben (Digital Immigrants) oder erfahren alle Altersgruppen durch den Einfluss der Massenmedien eine Verstärkung oder Verminderung der Religiosität (Generationenvergleich)?

Die folgende Operationalisierung soll dazu führen, die dargestellten Hypothesen zu testen.

3. Datenbeschreibung

3.1 Datenquelle

Der folgende empirische Teil bezieht sich auf den Datensatz des European Social Survey (ESS). Seit 2002 wurden hierfür in einem Abstand von 2 Jahren regelmäßig Quer­schnittdaten in bis zu 31 europäischen Ländern erhoben, aufbereitet und veröffentlicht. Der ESS liefert Daten bezüglich der Stabilität und des Wandels in Einstellungen und Verhaltens­mustern der Bereiche Wirtschaft, Gesellschaft und Politik (vgl. Universität Bielefeld 2015). Jede Erhebung beinhaltet Daten verschiedener Modi (״face-to-face“, Telefon, Internet und schriftlich). Die Themen ״Medien“ und ״Religion“ gehören neben vielen anderen Bereichen zu den „core sections“, die regelmäßig erhoben werden.

Die Jahrgänge 2002 bis 2010 mit insgesamt 239.509 Befragten aller Länder des ESS wurden aufgrund von zwei wesentlichen Merkmalen ausgewählt: Erstens erlebte das Internet in die­ser Zeit seinen Durchbruch. Zweitens wuchs in diesem Zeitraum der Einfluss der Genera­tion Y auf die Gesellschaft besonders stark, weil große Teile der Mitglieder dieser Kohorte ins Erwerbsleben eintraten.

Im Jahr 2012 erfolgte keine Erhebung bezüglich des Intemetnutzungsverhaltens, weshalb nur Daten bis zum Jahr 2010 ausgewertet werden.

Trotz dieser Einschränkung sind die Daten des ESS als ״leading European research infra­structure in the social sciences“ (City University London 2013) geeignet, verlässliche Aussa­gen über das zu erklärende Explanandum zu machen. Neben der Größe und der europawei­ten Ausrichtung erfüllen die Daten auch in der Erhebung höchste Qualitätsstandards, was die Aufnahme zum European Research Infrastructure Consortium (ERIC) im Jahr 2013 im­pliziert.[3]

3.2 Operationalisierung

Abbildung in dieer Leseprobe nicht enthalten[4]

Tabelle 1 zeigt einen Ausschnitt der für diese Arbeit relevanten Variablen des ESS. Der mas­senmediale Einfluss des Internets wurde anhand der Häufigkeiten mit ״gar kein Zugang“ (0) als Missing, den Randwerten 1 als „geringe Nutzung“ sowie 6 und 7 als „starke Nutzung“ und 2 bis 5 als „mittlere Nutzung“ aufgrund inhaltlicher Relevanz kategorisiert[5]. Der Grad der Religiosität wird anhand von Ratingskalen durch eine explizite Einstellungsfrage gemes­sen.[6] Diese erfolgen als metrische Variable[7], da ich von einem Intervallskalenniveau ausgehe.

Für die Interaktion des Internets mit der Generation Y wurde eine Dummy-Variable erstellt, welche sich aus dem Geburtsjahr ergibt. Da in dieser Arbeit ausschließlich die Generation Y bezüglich ihrer Technikaffinität beleuchtet wird, soll bei den Probanden auch der jüngste Geburtsjahrgang 1996 zu dem Begriff der Generation Y (Digital Natives) hinzugezogen wer­den.

Anzumerken ist, dass bei der Messung der Folgen von Religiosität die Demut nur exempla­risch und nicht als zu verallgemeinerndes Kriterium angesehen werden kann, da die Relevanz über die verschiedenen religiösen Strömungen hinweg nicht bestätigt ist[8].

Schließlich werden als Drittvariablen das Geschlecht und die Bildung in Form der Internati­onal Standard Classification of Education (ISCED) erhoben. Der Wert 0 kann nicht in IS­CED klassifiziert werden, weshalb er als Missing kodiert ist. Als weitere Variable wird der Berufsstatus durch den International Socio-economic Index of Occupational Status (ISEI) kontrolliert. Dieser wird über die Daten des ISCO88 transformiert. Um die Säkularisierungs­theorie (siehe Kapitel 2.1) zu überprüfen, wird ebenfalls eine Variable bezüglich der traditi­onellen Ausrichtung mit einbezogen, welche durch den Vergleich mit einer fiktiven Person ermittelt wurde. Zuletzt fließt das Erhebungsjahr von 2002 bis 2010 und die Religionszuge­hörigkeit, bei der alle anderen Antwortkategorien außer der Angabe einer Denomination als Missing kodiert wurden, in die Analysen mit ein.

Die Daten des deskriptiven und multivariaten Teils wurden mit Hilfe des post-stratification weight gewichtet. Für den multivariaten Teil wurden die Variablen des Berufsstatus, der tra­ditionellen Ausrichtung und der Demut zur besseren Vergleichbarkeit standardisiert. Außer­dem wurden die Variablen Gebetsintensität, Hilfsbereitschaft, Demut und traditionelle Aus­richtung zwecks verbesserter Darstellung invertiert.

3.3 Methoden

Grundsätzlich wird als Forschungsfrage der Einfluss der unabhängigen Variablen der Inter­netnutzung auf die abhängigen Variablen der Religiosität sowie der Demut als Folge unter­sucht. Dies soll über eine Interaktion mit der Generation Y und unter Kontrolle der Dritt- variablen Geschlecht, Bildung, Berufsstatus, Erhebungsjahr, Religionszugehörigkeit und tra­ditionelle Ausrichtung erfolgen. Als Analysemethode wird eine multiple lineare Regression angewendet.

4. Ergebnisse

4.1 Deskriptive Ergebnisse

Um die wesentlichen Gesichtspunkte zu verdeutlichen werden zunächst Auffälligkeiten in Tabellen mit den relativen und absoluten Häufigkeiten der Digital Immigrants und Digital Natives (Hypothese 2) veranschaulicht. Anschließend werden mithilfe von Balkendiagrammen die deskriptiven Ergebnisse chronologisch wie in der Theorie mit Durchschnittswerten dar­gestellt. Zu Beginn werden die Ergebnisse der zentralen Forschungsfrage dieser Arbeit aufgezeigt. Dabei wird der Einfluss der Internetnutzung auf den durchschnittlichen Grad der Religiosi­tät bei den Digital Immigrants (Abbildung 2a) und den Digital Natives (Abbildung 2b) be­schrieben. Anschließend wird eine Komponente der Säkularisierungstheorie, die traditionelle Ausrichtung, genauer untersucht (Abbildung 3). Schließlich werden die Folgen der Religio­sität visualisiert und erklärt (Abbildung 4), um Aussagen zur Hypothese 1 treffen zu können.

[...]


[1] Der Begriff des Social Web wird in dieser Arbeit als Synonym zu dem des Internets verwendet.

[2] Der Begriff der Medien wird als Synonym zu dem der Massenmedien verwendet (u.a. Fernsehen, der Rund­funk, die Zeitung und das Internet)

[3] In den Tabellen 2 und 3 wird eine Kategorisierung vorgenommen (siehe Text zur Operationalisierung), je­doch wird diese Variable anschließend als nicht kategorial behandelt, weshalb sie hier auch als eine solche auf­geführt ist.

[4] Die Jahreszahl dieser Variable bezieht sich auf das Veröffentlichungsjahr, welches jedoch nicht immer zwin­gend dem Erhebungsjahr entsprechen muss.

[5] Ein Histogramm der ursprünglichen Häufigkeiten zum Nachvollziehen der Kategorisierung ist in Abbildung 5 des Anhangs abgebildet.

[6] Zur Kontrolle wurden die deskriptiven und multivariaten Analysen zusätzlich auch mit der Verhaltenskom­ponente der Gebetsintensität (siehe dazu auch: Armfield/Holbert 2003: 137) bei gleich zu interpretierenden Ergebnissen durchgeführt.

[7] Diese Variable wurde nur für die anfängliche Tabelle des deskriptiven Teils anhand der 33%-Quantile kate­gorisiert. Die Einteilung wurde vorgenommen, da sich nach Ansicht der Daten 3 Nutzerkategorien herausge­stellt haben und bei den Darstellungen der deskriptiven Tabellen 2 und 3 eine Einteilung von Nöten war. An­schließend wird diese Variable jedoch nicht mehr als kategorisierte Variable behandelt, um Informationsver­lust zu vermeiden.

[8] Um diese Einschränkung so gering wie möglich zu halten, wurde Hilfeverhalten als weitere Folge von Religi­osität zum Vergleich mit der identischen Fragemethode untersucht. Dabei ergab sich nur ein geringer Einfluss des Internetnutzungsverhaltens. Auch sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, dass der Grad der Hilfs­bereitschaft von sehr vielen Faktoren wie z.B. der Situation, der aktuellen Stimmung, der Sympathie des anderen etc. abhängig ist. Dies scheint aus meiner Sicht bei Demut weniger zutreffend, weil diese Eigenschaft unabhän­giger von externen Einflüssen und somit konstanter scheint.

Details

Seiten
37
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668847385
ISBN (Buch)
9783668847392
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v448607
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
Religion Generation Y Soziologie Medien Internet Säkularisierungstheorie Digital Natives

Autor

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Titel: Religion in Zeiten der Generation Y. Fortschreitende Säkularisierung oder Ausdifferenzierung durch das Social Web?