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Zur religiösen Dimension der Sucht unter besonderer Berücksichtigung der Anonymen Alkoholiker

Hausarbeit 2004 25 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Die Persönlichkeit des Süchtigen
1.1 Der Begriff der Krankheit

2. Der Mangel in der Philosophie J. P. Sartres
2.1 Analogien zum Charakterbild des Süchtigen

3. Die Überwindung der Sucht oder die religiöse Perspektive
3.1 Der Weg der Anonymen Alkoholiker
3.2 „Die Krankheit zum Tode“

4. Schluss

5. Literatur

0. Einleitung

Die undurchsichtige Etymologie des Wortes Sucht wurde im nhd. zum einen mit krankhaftem Verlangen zum anderen mit `suchen´ verknüpft.[1] Worauf sich diese Suche konkret bezieht ist zunächst nicht einfach zu benennen, da grundsätzlich alles nicht Vorhandene gesucht werden kann. Im Hinblick auf die Zeit ist die Suche eine in die Vergangenheit oder in die Zukunft gerichtete Bewegung. Etwas Verlorenes oder etwas Antizipiertes können ihr Gegenstand sein. Ferner verweist der momentane Zustand des Suchenden auf eine Disharmonie, denn nur aus dieser speist sich der Impuls zur Suche.

C. G. Jung schrieb einmal in einem Brief an Mr. Wilson, einem der Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker (AA), über einen seiner alkoholkranken Patienten: „Seine Sucht nach Alkohol entspricht auf einer niedrigen Stufe dem geistigen Durst des Menschen nach Ganzheit, in mittelalterlicher Sprache: nach der Vereinigung mit Gott.“[2]

Es scheint sich demnach bei der materiellen Thematik der Sucht symbolisch um etwas Seelisches zu handeln, das mit dem Suchtmittel zu erreichen versucht wird, aber, das ständig sich fortsetzende Verlangen in der Sucht zeigt es an, keine Befriedigung erfährt. Jungs theologische Anregung ist zum konstitutiven Element z. B. der Anonymen Alkoholiker geworden, bildet aber eine Voraussetzung, die alle Erkenntnis auf die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis hin übersteigt und somit inkommensurabel einem Wissenschaftsideal, welches auf der prinzipiellen Forderung nach Überprüfbarkeit von Aussagen und Methoden durch jeden gründet, gegenübersteht.

Die bisherige Alkoholismusforschung konnte sodann keine signifikante Persönlichkeitsstruktur entdecken, die zur Alkoholkrankheit disponiert.[3] Demnach unterscheidet sich der Alkoholkranke von den übrigen Gesellschaftsmitgliedern lediglich in seinem Verhältnis zum Alkohol. Entgegen diesem Ergebnis soll meine Hypothese lauten, dass es sich gerade so nicht verhält, sondern sehr wohl eine so genannte prämorbide Persönlichkeit existiert und zwar zu jeglichen Formen von Suchtstrukturen, aus der die Alkoholkrankheit natürlich nur einen Ausschnitt bildet. Prämorbid möchte ich hier vorweg übersetzen als eine Form von Verzweiflung, die auf einer Fehlverarbeitung von Daseinsangst beruht. Diese Vermutung werde ich im Verlauf der Arbeit zu untermauern versuchen und insbesondere von den Selbstzeugnissen der AA her entwickeln.

Aus den vielfältigen Bereichen der Sucht wird hier der seelische Bereich mit seinen existentiellen, psychologischen und religiösen Implikationen herausgegriffen, während der somatische und soziale Bereich weitestgehend ausgeblendet wird. Vermutlich umfasst nämlich ersterer die beiden letzteren; d. h. selbst wenn der genesende Süchtige alle Aspekte behandelt, sich aber nicht mit seiner geistigen Existenz auseinandersetzt, wird er die Sucht nicht bezwingen können.

1. Die Persönlichkeit des Süchtigen

Zu Beginn möchte ich einige paar charakteristische Persönlichkeitsmerkmale des Alkoholikers aus der kleinen Studie der Autoren Neuendorff/Schiel[4] über die AA hervorheben, die den Autoren zufolge repräsentativ für viele weitere Alkoholiker sind.[5]

Eine Frau mittleren Alters berichtet dort von ihrem Werdegang bevor sie mit der Gruppe der AA in Berührung kam. Ihr Leben, so sagt sie, sei geprägt gewesen von völlig überhöhten Erwartungen an sich selbst: „Früher wollte ich immer der beste Mensch sein, immer der Größte, immer der Stärkste. Niemals bat ich andere um Hilfe.“[6] Ihre Ziele waren um ein vielfaches zu hoch gesteckt, sodass sie diese nicht erreichen konnte und infolgedessen zu Tode betrübt war. Wenn sie um Hilfe gebeten wurde, vergaß sie ihre Person vollkommen, gab sich dem anderen hin und verfiel in Depressionen, wenn der Dank für ihre Mühen ausblieb. Nach der Begegnung mit den AA kam sie endlich zu der Überzeugung ihren Zustand korrigieren zu müssen: „Der andere soll mich kennen lernen wie ich bin. ´Bloß nichts mehr vormachen, “[7] so ihre Devise.

Abgesehen von einer hybriden Selbsteinschätzung, innerhalb derer Konkurrenzverhalten, Neid und Unmäßigkeit dominieren, wird von einer zermürbenden inneren Einsamkeit berichtet, dem Gefühl des Nicht-Dazu-Gehörens, auch schon vor der Sucht. Neben Affektlabilität, in Gestalt von zornigen Temperamentsausbrüchen, der Unfähigkeit eine reife Partnerschaft zu führen, was meist als Grund des Leidens angeführt wird, stehen Eigenschaften wie Schüchternheit und Hemmungen. Die damit einhergehenden Frustrationen und Schuldgefühle ließen viele zum Alkohol Zuflucht nehmen. „In der Sucht, geliebt zu werden, trieben wir uns in Gasthäusern und auf Parties herum.“[8]

Neuendorff/Schiel sind der Auffassung, dass sich dieses Persönlichkeitsbild, den Hang zum Alkohol ausgenommen, von Nichtalkoholikern in keinem Betracht unterscheidet.[9] Ein sehr bedenkliches Räsonnement. Selbst wenn die Normalität in einem solchen Zustand erscheint, kann man nicht verschweigen, dass dieser, absolut krankhafte Strukturen zugrunde liegen, die mit Hilfe des Repertoires der psychoanalytischen Neurosenlehre leicht näher diagnostiziert werden könnten. Darauf soll hier vorerst verzichtet werden. Stellvertretend dafür wende ich mich dem Krankheitsverständnis des Süchtigen zu.

1.1 Der Begriff der Krankheit

Offenbar hat sich bei den AA der Gedanke festgesetzt die Alkoholkrankheit als übernatürliches Phänomen zu betrachten. Wohl hauptsächlich um der moralischen Verurteilung von außen zu entgehen und damit ihren sozialen Status aufrecht zu halten, unterlegen sie der Suchtgenese einen schicksalhaften Zwang.[10] Man könnte diese Art der Anschauung, die sich grundsätzlich mit dem medizinischen Modell von Ursache und Wirkung vereinbaren lässt, ein an die Gnosis anlehnendes Prinzip bestimmen, welche psychische und physische Realitäten metaphysiziert. Es wird dabei nicht versucht seine eigenen Antinomien ins Bewusstsein zu heben und in Verständnis seiner selbst zu verwandeln. Im Gegenteil wird man derartige Übertragungen ins Übernatürliche nicht anders deuten können als eine Abwehr des Verdrängten.

Auch F. Dostojewski, der aus eigenem Erleben der Spielsucht eine Geschichte widmete, berichtet von dieser Schicksalsbestimmung. Tatsächlich ist sein ´Spieler` ein Mensch, der meint unter die Augen der von ihm geliebten Frau namens Polina nur treten zu können, im Falle der Vollbringung einer großen Tat, die ihm das Menschsein erst gestattet. Seine Hoffnung besteht darin, beim Roulette eine regelrechte Auferstehung zu erfahren. „Ein wahnwitziger Gedanke zuckte in mir auf…, “ so Dostojewskis Romanheld kurz bevor er ins Casino hastet, um sich in den nächsten, bis zur Bewusstlosigkeit gesteigerten Rausch am Spieltisch zu stürzen, …“wenn sich der Gedanke mit einem leidenschaftlichen starken Wunsch verbindet, so geschieht es wohl, daß du ihn schließlich als etwas Schicksalhaftes, Unumgängliches, als Vorherbestimmung nimmst, und dann wird es undenkbar, daß es nicht geschehen könnte. Vielleicht tritt noch etwas hinzu, eine Kombination von Ahnungen, eine außergewöhnliche Willensspannung, eine Selbstvergiftung durch die eigene Phantasie…etwas ganz Sonderbares. Es mag ja sein, daß es sich völlig erklären lässt mit der Arithmetik, dennoch bleibt es für mich bis heute etwas Sonderbares.“[11]

Für den Menschen einer solchen Weltsicht, die an die griechische Tragödie erinnert, besteht die Welt aus undurchsichtigen Mächten, denen er sich ausgeliefert fühlt und deren Willkür jederzeit von ihm Besitz ergreifen kann. Der Eindruck lässt ihn nicht los, von vornherein Produkt und Objekt seiner Umwelt zu sein, die ihn definiert und wie als Fluch auf ihm lastet. Diese Form des In-der-Welt-Seins, indem das Ich einer unpersönlichen Macht gegenübersteht, wäre von der Tiefenpsychologie als neurotischer Prozess der Spaltung der Persönlichkeit zu interpretieren.[12] Möglich ist es und erscheint zugleich sinnvoll, vom Unbewussten der menschlichen Psyche als unpersönlicher Macht sprechen, die schicksalhaft aus der Vergangenheit, nämlich speziell vom Verhalten der Eltern, geprägt wurde. Das Ich, das sich von unabwendbaren Zwängen bestimmt fühlt, steht seiner Vergangenheit, die sich in den Kräften des Es und des Über-Ichs niedergeschlagen hat, ohnmächtig ausgeliefert gegenüber.[13] Bezogen auf den Süchtigen wird dies am Beispiel des negativen Helden[14] umso deutlicher, denn entgegen der allgemeinen Annahme den Süchtigen nur als in eine jenseitige Welt Flüchtenden wahrzunehmenden, kommt es entscheidend darauf an, dieses Bild um den verzweifelt um den Platz in der Gesellschaft Ringenden zu ergänzen.[15] Er will demzufolge in der Sicherheit des Sittlich-Allgemeinen verbleiben, macht seine Individualität gerade von dort her abhängig, kämpft also nicht nur gegen es, sondern primär gegen sich selbst, gegen den Zwang des eigenen Unbewussten, der ihn dahin treibt seine Stellung, also sein aus der Vergangenheit vorgegebenes introjiziertes Verhältnis zwischen ihm und dem Allgemeinen, zu behaupten, kann ihm aber nicht wirklich standhalten. Insofern versteht man warum der Alkoholiker mit der konventionellen Forderung des kontrollierten Trinkens, brechen muss, denn das eigentliche Problem besteht für ihn in seinen unbewussten Verstrickungen, nicht aber darin moralischen Anstrengungen genüge zu leisten. An Letzteren muss er notwendig scheitern.

Die AA ziehen im ersten Schritt ihres Programms folgerichtig die Konsequenz aus diesem Dilemma: „Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“[16]

Im Grunde genommen ist dies die Bedingung einer jeden therapeutischen Behandlung und bezeichnet den Übergang von einem so genannten funktionalen, bei dem lediglich die Umweltbedingungen als unerträglich empfunden werden, zu einem echten Leidensdruck an sich selber.[17] Doch gerade diesem Schritt, der wegen des Offenbarwerdens der Haltlosigkeit, mit einem völligen Zusammenbruch einhergeht, wird der Süchtige die allergrößten Widerstände entgegenbringen. Aus seiner Sicht bedeutet eine Abkehr vom Suchtmittel, gleichzeitig den Entzug seiner Existenzgrundlage. Zumal der Krankheitsgewinn[18] der Sucht um ein vielfaches höher ist, als beispielsweise in neurosespezifischen Symptomatiken. Neben der Selbstzerstörung ist der Effekt des Suchtmittels auch Selbstwertgefühl und die Möglichkeit der Selbstentfaltung, die ansonsten aufgrund von Minderwertigkeitgefühlen nicht stattfinden kann. Der Süchtige ist oft sogar nicht einmal imstande sich seine Krankheit überhaupt einzugestehen, und besitzt ein umfangreiches System von Abwehrmechanismen[19], mit denen er sich vor seiner eigentlichen Realität verschließt. In Wahrheit ist diese Realität wie wir bisher sahen, vorwiegend bestimmt von der Angst nicht liebenswert zu sein und von dem daraus resultierenden Glauben gewisse Bedingungen erfüllen zu müssen, um die vermeintlich nicht vorhandene Liebenswürdigkeit zu erlangen. Er hängt sich quasi an einen Fetisch, welcher ihm Halt und Würde verleiht.

S. Freud, der im Fetisch den Ersatz des Sexualobjektes sah, markierte die Grenze zum pathologischen Fall an der Stelle, wo sich die Fixierung an den Fetisch derart einstellt, dass er Eigenwert erhält und die Realität substituiert.[20] Freuds Befund spiegelt exakt die Situation des Alkoholikers wider, der jegliche Einflussgewalt hinsichtlich der Gefühlswelt aus seinem Selbst auslagert, an die Droge delegiert und diese magisch mit Sinn auflädt.[21] In psychoanalytischem Sinne speist sich eine solche Fetischliebe aus dem Ödipuskomplex. Der Süchtige perpetuiert dabei seine verinnerlichten Ängste aus Kindertagen, die ihn in infantiler Abhängigkeit gefangen halten. Er befindet sich in einem Ambivalenzgefüge, indem er auf der einen Seite versucht, die verlorene Dualunion mit der Mutter herzustellen, andererseits einem Wunsch nach Selbstbestrafung nachkommt, denn die real oder fiktiv erlebte Ablehnung aus der Vergangenheit wird restituiert.[22]

[...]


[1] Duden – Das Herkunftswörterbuch (Etymologie der dt. Sprache)

[2] C. G. Jung: Briefe 3.Bd., S. 373

[3] Vgl. L Schmidt: Alkoholkrankheit und Alkoholmissbrauch, S. 59

[4] Neuendorff/Schiel: Die Anonymen Alkoholiker – Porträt einer Selbsthilfeorganisation

[5] a.a.O. S. 14

[6] a.a.O. S. 12 f.

[7] a.a.O. S. 13

[8] a.a.O. S. 39 ff.

[9] a.a.O. S. 48 f.

[10] a.a.O. S. 32

[11] F. Dostojewski: Der Spieler, in sämtliche Erzählungen Bd. 6 , S. 486 f.

[12] Vgl. E. Drewermann: Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd. 1, S. 22

[13] a.a.O. S. 24

[14] Vgl. L. Zoja: Die Sehnsucht nach Wiedergeburt, S. 31 ff.

[15] a.a.O. S. 32

[16] Anonyme Alkoholiker: Informationsschrift für die Öffentlichkeit, S. 5

[17] Vgl. E. Drewermann: Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd. 2, S. 234 f.

[18] Vgl. L.J. Pongratz: „Über den Krankheitsgewinn des süchtigen Verhaltens. Ein tiefenpsychologischer Beitrag zum Suchtproblem“ in W. Feuerlein (Hrsg.): Theorien der Sucht, S. 98 f.

[19] L. Schmidt: a.a.O., S. 164-168; auch die Übertragung der Krankheit ins Schicksalhafte müsste wie schon angedeutet als ein solcher Abwehrmechanismus gedeutet werden.

[20] Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, S. 63-65 in Studienausgabe V

[21] Vgl. Neuendorff/Schiel: a.a.O. S. 46

[22] Vgl. E. Drewermann: Psychoanalyse und Moraltheologie, Bd. 3, S. 85-97

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638423328
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44807
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Psychologie und Erziehungswissenschaft - Bereich Pädagogische Anthropologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Sucht Anonymen Alkoholiker Verschwinden Initiation Anthropologie C.G. Jung

Autor

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