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System-Upgrade. Konzept für ein vernünftigeres und demokratischeres System

Diskussionsbeitrag / Streitschrift 2018 58 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

0 Das Reichstagsgebäude

1 Die Berechtigung zur Herrschaft
1.1 Brennans Einteilung und Teilirrationalität
1.2 Wahlrechtsausschluss
1.3 Vernünftige Demokratie und vollständige Demokratie
1.4 Vernünftige Entscheidungsfindung

2 Die Tücken der menschlichen Natur
2.1 Asch 1951
2.2 Soziale Programmierung / Matrix
2.3 Festinger 1957
2.4 Milgram 1961
2.5 Nimbus
2.6 Lagerdenken
2.7 Rationale Ignoranz
2.8 Manipulation im Supermarkt – Politik und Kinderschokolade
2.9 Gut sein wollen

3 Gehemmte Ratio – Beruf des Politikers
3.1 Kompetenzfrage des Abgeordneten
3.2 Universalexperten – Zu hohe Erwartungen
3.3 Parteizwänge und Karriere
3.4 Lobbyismus

4 Kostenaufwand des derzeitigen Systems
4.1 Kosten eines Abgeordneten
4.2 Erststimme, Zweitstimme, Überhang- und Ausgleichsmandate
4.3 Parteienfinanzierung
4.4 Irrationale Entscheidungen – Beispiel: Brüssel und Straßburg

5 Aleatorisch-repräsentative Demokratie

6 4-Glieder-System – Einführung

7 Die ZPA – das dritte Glied

8 Partizipationsmöglichkeiten des Bürgers

9 Die SK – das vierte Glied

10 4-Glieder-System – Zusammenfassung
10.1 Variante 1: Gewählte rational ignorante Vertretung
10.2 Variante 2: Direkte rational ignorante Vertretung
10.3 Variante 3: Rationale Projektion
10.4 Machtverteilung
10.5 Weg eines Gesetzes

11 Ausblick

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Vorwort

Vorweg – bei diesem Buch handelt es sich um eine Analyse der Probleme des aktuellen Systems in Verbindung mit der Behandlung von Lösungsvorschlägen und der anschließenden Konstruktion eines eigenen, sehr umfangreichen Vorschlags. Hierbei soll es nicht darum gehen, das aktuelle System – eines der besten weltweit – schlechtzureden. Stattdessen ist es mir ein Anliegen, die dennoch vorhandenen Probleme, welche es aufweist, herauszuarbeiten und Gegenvorschläge zu präsentieren, um eine Möglichkeit, das aktuelle System aufzuwerten beziehungsweise „upzugraden“ in den Raum zu stellen. Da ich mich in dieser Publikation also auf Probleme und nicht auf Nicht-Probleme fokussiere, werden sich hier bezüglich des derzeitigen Systems in erster Linie negative Facetten auffinden lassen. Der Entwicklungsprozess der in dieser Publikation präsentierten Systemidee eines vernünftigeren und demokratischen Systems dauert bereits seit Dezember 2017 an. Der Anfangsentwurf wurde über die folgenden Monate hinweg wieder und wieder überarbeitet – alte Ideen wurden in hohem Maße verworfen, neue Aspekte miteinbezogen. Das Endergebnis lässt sich nun in Form dieses Buches auffinden. Weiterhin möchte ich anführen, dass ich keinerlei Anspruch dahingehend erhebe, dass das von mir konstruierte System das bestmögliche sei, sondern sehe es als einen Beitrag in dieser Debatte an, welcher es aus meiner Sicht klar würdig ist, in derselben aufgegriffen und diskutiert zu werden. Hiermit möchte ich Sie bitten, die in diesem Vorwort aufgeführten Informationen beim Lesen zu berücksichtigen und wünsche Ihnen des Weiteren viel Spaß bei der Lektüre dieses Buches!

0 Das Reichstagsgebäude

Das Reichstagsgebäude – hier werden Jahr für Jahr zahlreiche politische Entscheidungen getroffen – Entscheidungen, welche sich auf die Leben von 82,7 Millionen Menschen innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik sowie auch auf die Schicksale jener, welche sich außerhalb dieser Grenzen befinden, auswirken.1 Zugleich kann das Bauwerk auch als symbolischer Ausdruck der Geschichte der deutschen Demokratie herangezogen werden. Schließlich waren es die Fenster des Reichstagsgebäudes, aus welchen Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die Republik als neue Staatsform ausrief. Fortschrittlich wurde hier in Verbindung mit der Abdankung des Kaisers der Grundstein für die Weimarer Republik als erste deutsche Demokratie gelegt.2 „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen. Es lebe das neue; es lebe die deutsche Republik!“, lauteten einst die Worte des Sozialdemokraten, als er am Fenster des Reichstags stand.3

Doch die neue Staatsform hielt nicht lange an. Wenige Wochen nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 stand das Gebäude in Flammen.4 Der Untergang der ersten deutschen Demokratie wurde eingeläutet und ein totalitäres Regime entstand. Doch das Blatt wendete sich, als die Alliierten nach Berlin vordrangen. Schließlich war es der 30. April 1945, an welchem sich Hitler erschoss und sowjetische Streitkräfte das Reichstagsgebäude besetzen.5 In den kommenden Jahren wurde daraufhin die Bundesrepublik als zweite deutsche Demokratie geschaffen. Heute wirkt das Reichstagsgebäude – gerade aufgrund seiner ästhetisch äußerst ansprechenden Kuppel, deren Elemente sich sehr gut symbolisch zur Beschreibung des aktuellen Systems verwenden lassen – in hohem Maße modern. Besonders viel Aufsehen erregt eine spiegelnde, silberfarbene Spitze, welche von der Reichstagskuppel bis in den Plenarsaal ragt.6 Was auf den ersten Blick beeindruckend erscheint, wirkt beim zweiten Betrachten allerdings auch bedrohlich. Schließlich scheint diese Konstruktion gewissermaßen über dem Parlament zu schweben – als würde sie jeden Moment herabstürzen können. Diese glänzende Nadel ist es, welche als Symbol für die Gefahren gesehen werden kann, die das demokratische System bedrohen. Angesichts einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, weiter bestehender Altersarmut und vielen weiteren Erscheinungen wächst auch die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem aktuellen System. Das Resultat lässt sich sowohl in Form eines radikaleren Wahlverhaltens als auch in Form gewaltsamer Ausschreitungen feststellen. Ein System, welchem es nicht gelingt, die Probleme seiner Bürger wirksam zu lösen, verliert nach und nach den Rückhalt bei der Bevölkerung. Wie sich in der Vergangenheit gezeigt hat, ist es diese Unzufriedenheit, welche zur Folge haben kann, dass demokratische Strukturen beseitigt werden. Zurück zur Spitze – interessanterweise ist es für Besucher möglich, über eine spiralförmige Rampe auf eine Aussichtsplattform dieser silbernen Konstruktion zu gelangen. Von dort kann durch zahlreiche Fenster ein Überblick über die deutsche Hauptstadt eingeholt werden.7 Ein Überblick, welcher so facettenreich ist, wie die Informationsfülle, über welche wir heute verfügen. Betrachtet man das Alter des aktuellen Systems, so kann die Frage aufgeworfen werden, ob dieses überhaupt noch zeitgemäß ist oder einer Erneuerung bedarf. Das System der Bundesrepublik Deutschland, welches wir heute kennen, ist schließlich zu Ende der Vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden. Mit einer Selbstverständlichkeit blicken wir heute auf das wackelige Konstrukt der Weimarer Republik herab und stellen es dem fortschrittlichen System der Bundesrepublik gegenüber. Dabei wird allerdings vergessen, dass, was 1949 löblich und fortschrittlich war, mehr als ein halbes Jahrhundert später in Anbetracht der Informationen, welche den Menschen in dieser Zeit zur Verfügung stehen, sehr primitiv wirken kann. Das in den 1960er Jahren entwickelte Mehrfrequenzwahlverfahren beispielsweise stellte früher einen gewaltigen Fortschritt dar, der das Wählscheibentelefon mehr und mehr überflüssig machte.8 Heute – in Zeiten von Apple & Co – verfügt gewissermaßen jeder junge Mensch über ein mobiles Telekommunikationsgerät, welches ihm zugleich als Musikanlage, Fotoapparat, Taschenlampe und Spielekonsole dient. Angesichts der zahlreichen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten wäre es naiv zu glauben, dass das derzeitige System, dessen Strukturen vor über 65 Jahren geschaffen worden sind, die vernünftigste aller Möglichkeiten darstelle, wie ein demokratisches System aussehen könne. Inzwischen steht dem Menschen ein breites Spektrum an Informationen – und zwar in einem Umfang wie es in der Vergangenheit noch nie zuvor der Fall gewesen ist – zur Verfügung. Ein System, welches den Anspruch aufweisen möchte, zeitgemäß zu sein und dementsprechend auch die Probleme der aktuellen Zeit zu lösen gedenkt, sollte darauf ausgerichtet sein, diese Informationen zu erfassen und unter Berücksichtigung derselben ein bestmögliches System mit bestmöglichen Entscheidungen für die Bevölkerung zu erzielen. Bevor auf verschiedene wichtige errungene Erkenntnisse eingegangen werden soll, gilt es, zuerst auf das Thema Herrschaft an sich einzugehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.: kschneider2991: Reichstagskuppel [Internet] Verfügbar unter: https://pixabay.com/de/reichstag-kuppel-bundestag-2180337/.

1 Die Berechtigung zur Herrschaft

Wer soll herrschen und wem soll die Herrschaft verwehrt bleiben? Mit dieser Frage beschäftigen sich verschiedenste Denker schon seit Jahrtausenden. Bei Platon beispielsweise handelte es sich um einen klaren Gegner der Demokratie, welcher er eine Philosophenherrschaft entgegensetzte. Andere hingegen traten überzeugt für eine Herrschaft des Volkes ein. Auch heute lassen sich in dieser Frage verschiedenste Auffassungen feststellen. Während der US-amerikanische Philosophie-Professor Jason Brennan eine Herrschaft der Gebildeten beziehungsweise Informierten befürwortet, schlägt der belgische Historiker David Van Reybrouck vor, die Mitsprache des Volkes zu erweitern. Angesichts dieser verschiedenen Ansichten gilt es schließlich erneut, die Frage aufzuwerfen, wer nun die Berechtigung zur Herrschaft erhalten sollte.

1.1 Brennans Einteilung und Teilirrationalität

Ein Stück näher an die Beantwortung dieser Frage bringt uns die Einteilung der Bevölkerung in drei Kategorien seitens Jason Brennans, welche er in seinem Buch „Against Democracy“ durchführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.: Wählertypen nach Brennan. Eigene Darstellung.

So führt er als erste Gruppe die Hobbits an, unter welchen solche Personen verstanden werden können, die als politisch desinteressiert einzustufen sind. Mit wenig politischer Leidenschaft setzt die Gruppe der Hobbits ihren Fokus auf das Alltagsleben statt auf politische Sachverhalte. Die zweite Gruppe, welche Brennan als Hooligans bezeichnet, zeichnen sich hingegen durch ihre Engstirnigkeit sowie starke Leidenschaft bezüglich der Politik aus. Wie fanatische Fußballfans neigen sie dazu, die eigene Seite auf ein Podest zu heben und zugleich die Gegnerseite zu diabolisieren. Als Beispiele für Zugehörige dieser Gruppe führt Brennan unter anderem den Durchschnittswähler, Aktivisten und Parteimitglieder an.9

„Vulcans think scientifically and rationally about politics.“10

- Jason Brennan

Der Vulkanier – er stellt die letzte Gruppe der Einteilung Brennans dar und zeichnet sich durch seine rationale Herangehensweise aus. Seine Meinung beruht nicht auf subjektiven Empfindungen, also dem Bauchgefühl, sondern auf Logik und Fakten.11

Angesichts der genannten Einteilung ist eines klar: Die Herrschaft sollte bei Vulkaniern liegen. Dies würde folglich eine Herrschaft der Wissenden, also eine Epistokratie, bedeuten.12

Unglücklicherweise handelt es sich aber bei Brennans Kategorie des Vulkaniers um den Typus eines Menschen, welcher der tatsächlichen menschlichen Natur in hohem Maße widerspricht. Sicherlich trägt jeder Mensch Anteile aller drei Gruppen in sich, wie in der folgenden Grafik, welche drei Extrempole sowie die Übergänge dazwischen abbildet, dargestellt wird. Jedoch wird der überwiegende Großteil der Menschen im unteren Bereich des Dreiecks anzusiedeln sein. Der Idealtyp des Vulkaniers existiert nicht, weshalb eine Epistokratie Menschen, die überdurchschnittlich rational wären, jedoch auch eine Teilirrationalität, also eine teilweise Abweichung vom Ratio-Pol, aufweisen würden, an die Macht brächte, welche als einzige Gruppe dazu befugt wären, bei Wahlen ihre Stimme abzugeben. Dies würde schwerwiegende Probleme mit sich bringen, wie im Folgenden behandelt werden soll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.: Drei Pole. Eigene Darstellung.

Selbst wenn Menschen die Herrschaft ausüben würden, welche die gebildete und informierte Elite des Landes darstellten, so würden diese dennoch über einen nicht zu vernachlässigenden irrationalen Teil verfügen, welcher sich auf die Beherrschten, also die Bevölkerung, negativ auswirken würde. Zwar wären diese selektierten Wähler informierter als die derzeitigen, allerdings auch nicht repräsentativ für die Gesellschaft. Gedankenspiel: Nehmen wir einfach an, bei der nächsten Bundestagswahl dürften nur noch Bürger die eigene Stimme abgeben, welche einen Test über politisches Faktenwissen mit der Note „sehr gut“ bestünden. Unumstrittenermaßen würde sich in diesem Fall die Zahl der Wähler drastisch verringern, was zur Folge hätte, dass vor allem Hobbits, also jene, welche ein geringes Interesse aufweisen, sich das Recht zu Wählen bei der nächsten Wahl zu „verdienen“, deutliche Einbußen an Stimmen zu verzeichnen hätten. Der Anteil an Hooligans unter den Wählern hingegen würde steigen, da diesen eins nicht unterstellt werden kann – Desinteresse bezüglich der Politik. Es ist nun also geklärt worden, dass eine Selektion der Wahlberechtigten nach Faktenwissen den Punkt, welcher auf dieser Grafik den Durchschnittswähler darstellen würde, in erster Linie horizontal statt in Richtung des Ratio-Pols verschöbe. Doch wie kann der angesprochene Punkt nun vertikal verrückt werden? Schließlich müssten hier jene Wähler bevorzugt das Recht zu wählen erhalten, welche über eine rationale, wissenschaftliche Herangehensweise verfügten. Nehmen wir für dieses Gedankenspiel zunächst einmal an, dass eine solche Methodik in einer Gruppe von 100 Professoren häufiger aufzufinden sei, als bei 100 Durchschnittsbürgern. Um die Macht dieser gebildeten Elite zu steigern, böten sich zwei epistokatische Verfahren an, welche Brennan in seinem Buch beschreibt: Restricted Suffrage und Plural Voting. Während die erste Variante vorsieht, nur einer bestimmten Gruppe an Menschen – in unserem Beispiel Professoren – das Wahlrecht zu verleihen, strebt das Plural Voting-System eine unterschiedliche Gewichtung von Wählerstimmen an.13 Diese könnte beispielsweise wie folgt gestaltet werden:

Der Normalbürger erhält eine Stimme. Akademikerstimmen werden doppelt gewichtet. Doktoren erhalten drei und Professoren fünf Stimmen. Bei all dieser Selektion stellt sich die Frage: Hat dieses Konstrukt auch eine Kehrseite? Mehr Vernunft und weniger Fanatismus bei der Wahl unserer Repräsentanten scheint zunächst einmal rosig zu klingen, doch wo ist der Haken?

Hiervon existiert nicht nur einer, sondern gleich zwei. Zunächst einmal würde die genannte Selektion nach Bildungsstand dazu führen, dass Menschen, welche diese Qualifikationen nicht aufweisen, das demokratische Grundrecht zur Wahl ihrer Vertreter entzogen beziehungsweise eingeschränkt werden würde. Menschen, welche die Verlierer dieser Selektion darstellten, würden sich – zurecht – ungerecht behandelt fühlen. Die Kriterien dieser Selektion weisen eine Fehlerquote auf: Zum einen wird hiermit auch eher irrationalen Professoren das Wahlrecht vermacht, auf der anderen Seite eher rationalen Nicht-Akademikern dasselbe verwehrt. Die logische Folge stellt eine Rebellion gegen das Wahlsystem und eine letztendliche Beseitigung desselben dar. Dies ist der erste Haken. Zum anderen wären die gewählten Volksvertreter auch nicht von den Bürgern, welche sie repräsentieren sollen, zur Herrschaft legitimiert worden. Ein Parlament, bestehend aus einer elitären, nicht legitimierten Gruppe, mag funktionieren, allerdings nur solange, bis eine Entscheidung getroffen wird, welche bei der Bevölkerung auf Unzufriedenheit stößt beziehungsweise für das Volk wichtige Entscheidungen nicht getroffen werden. Das System wäre nicht konsistent, zumal es auch sehr fraglich ist, ob die regierende Elite tatsächlich Entscheidungen treffen würde, welche für die Bevölkerung am besten wären. Sehr wahrscheinlich wäre dies nämlich nicht der Fall – eine Politik zu Gunsten der eigenen Gruppe würde dem Wohl der beherrschten Bevölkerung vorgezogen werden.

Inzwischen können wir die Frage aufwerfen: Ist das Konzept der Epistokratie nun völlig wertlos? Selektion nach Faktenwissen scheint nicht effektiv zu sein, Selektion nach Bildungsstand – auf das Wohl des Volkes bezogen – weder vernünftig noch konsistent. Kann das Konzept angesichts dieser Problempunkte nun in die Tonne geworfen werden? Ich sage nein. Denn epistokratische Elemente können sehr sinnvoll sein und werden auch in unserem jetzigen System – vernünftigerweise – angewendet.

1.2 Wahlrechtsausschluss

Über 13 Millionen Deutsche sind nicht wahlberechtigt – wussten Sie das? Jeder sechste Deutsche ist also vom Recht zu wählen aufgrund der Tatsache, dass er das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, ausgeschlossen.14 15 Dies erscheint uns zwar als selbstverständlich, ist aber genaugenommen zutiefst undemokratisch. Schließlich erhebt sich hier die privilegierte Gruppe der Volljährigen über die Minderjährigen und herrscht über diese, ohne denselben die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu regieren. Selbstverständlich wäre es sehr irrational, das Mindestwahlalter abzuschaffen. Allerdings muss jeder Befürworter eines solchen sich auch ins Gedächtnis rufen, dass hiermit die Demokratie eingeschränkt wird. Nicht das Volk regiert, sondern nur jener Teil des Volkes, welcher sich in einem ausgewählten Altersbereich befindet. Interessanterweise handelt es sich gerade bei diesem Ausschluss vom Wahlrecht um ein epistokratisches Element unserer Demokratie, welches die demokratische Mitbestimmung zugunsten der Vernunft einschränkt. Es zeigt sich hier also, dass epistokratische Anteile nicht grundsätzlich abzulehnen sind, sondern, je nachdem, welche Elemente konkret man wählt, zu mehr Vernunft im System betragen können.

1.3 Vernünftige Demokratie und vollständige Demokratie

„Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen.“

- Benjamin Franklin

Moment. Setzt sich diese Publikation nicht das Ziel, einen Vorschlag für das aktuelle System zu erarbeiten, sodass es vernünftiger und d e m o k r a t i s c h e r werden kann? Weshalb wird hier nun die Demokratie so stark ins Kreuzfeuer genommen? Ganz einfach – eine vollständige Demokratie kann nicht vernünftig und eine vernünftige Demokratie nicht vollständig sein. Eine Demokratie ist nur dann vollständig, wenn jeder herrschen darf, egal wie inkompetent er ist. Des Weiteren ist sie nur dann vernünftig, wenn vernünftige Entscheidungen getroffen werden. Zweifelsfrei kann sich nahezu niemand eine Demokratie der Ausprägung wünschen, wie sie von Franklin beschrieben wird. Die vernünftige Komponente fehlt. Bleiben wir beim Wölfe-Beispiel und betrachten zwei Szenarien:

1. Vollständige Demokratie

Sämtliche Entscheidungen, welche durch einen Mehrheitsbeschluss zustande gekommen sind, dürfen ausgeführt werden. Das Schaf darf verspeist werden.

2. Vernünftige Demokratie

Das System wird durch eine universelle Würde aller Individuen ergänzt. Beschlüsse, welche diese Würde zu verletzen versuchen, dürfen nicht ausgeführt werden. Das Schaf verfügt über die gleichen Rechte wie die beiden Wölfe und darf nicht verspeist werden.

Übertragen auf unser real existierendes System wird schnell klar, dass ein demokratisches System, welches den Anspruch stellt, vernünftig zu sein, die vollständige Demokratie zwangsläufig einschränken muss. Dies geht beispielsweise mit Verboten verfassungswidriger Parteien einher. Während es zwar demokratisch wäre, sämtliche Parteien, unabhängig ihrer Ziele, zur Wahl zuzulassen, stellt dies auf vernünftiger Ebene ein gravierendes Problem dar.

Vernunft – hiervon ist im Vorangegangenen schon mehrfach gesprochen worden. Das Attribut, welches in Brennans Einteilung der Gruppe der Vulkanier zugeschrieben wird.

1.4 Vernünftige Entscheidungsfindung

Mit einer Sache hat Brennan eindeutig recht: Wir dürfen die Herrschaft nicht Hobbits und Hooligans überlassen. Aber was stattdessen? Während die einen Kompetenz und Bildung der Herrschenden als wichtigsten Aspekt betrachten, steht bei anderen die Herrschaft und Repräsentanz des Volkes im Mittelpunkt. Optimal wäre also ein System, welches die demokratisch legitimierten Vertreter des Volkes, welche die Herrschaft ausübten, effektiv dazu bringen würde, wie Vulkanier zu agieren, was wiederum eine neue Frage aufwirft, nämlich jene, wie nun die Entscheidungsfindung eines Vulkaniers eigentlich aussehe. An dieser Stelle möchte ich auf etwas eingehen, was ich als „vernünftige Entscheidungsfindung“ bezeichne – eine Form der Entscheidungsfindung, welche folgende Bedingungen erfüllt:

1. Bezüglich einer Thematik werden sowohl die Argumente der Seite der Befürworter als auch solche der Gegner betrachtet. Weiterhin werden die Seiten ausgewogen beleuchtet.
2. Die Argumente werden konkret statt oberflächlich betrachtet. Quellen, Statistiken und Argumentation werden genau geprüft.

Weshalb die Entscheidungsfindung des gewöhnlichen Menschen sich nun deutlich von der soeben genannten unterscheidet, wird im folgenden Kapitel anhand der Betrachtung verschiedener Aspekte der menschlichen Natur geklärt.

2 Die Tücken der menschlichen Natur

2.1 Asch 1951

Als erster Hemmfaktor bezüglich vernünftiger Entscheidungsfindung ist der menschliche Hang zur Konformität anzuführen, welcher schon im Jahr 1951 vom Psychologen Solomon Asch untersucht worden ist. Für die Durchführung des entsprechenden Experiments sind im Vorhinein sechs Studenten ausgewählt worden, welchen aufgetragen wurde, immer geschlossen richtige beziehungsweise geschlossen falsche Antworten zu geben. Als siebter Beteiligter kam ein weiterer Student als Testperson hinzu. Die Antworten sollten die Testpersonen nacheinander geben. Die Testperson hörte also die Antworten der anderen Studenten, bevor sie ihre eigene abgeben konnte. Asch versuchte mit diesem Experiment also, zu untersuchen, ob die Antworten der Gruppe die eigenen Entscheidungen beeinflussen und wenn ja, wie stark. Konkret bezog sich das Asch-Experiment auf folgende Aufgabe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.: Asch-Experiment. Eigene Darstellung.

Den Studenten wurden zwei Karten vorgelegt. Während sich auf der einen drei eindeutig unterschiedlich lange Linien befanden, ließ sich auf der anderen nur eine einzige auffinden, deren Länge jedoch mit einer der drei Linien der ersten Karte identisch war. Die Aufgabe der Studenten war es, anzugeben, welche der Linien auf der Vergleichskarte nun genauso lang sei, wie jene auf der ersten Karte. In der angeführten Grafik wäre also „A“ die richtige Antwort gewesen.

Interessant ist hier zu wissen, dass die Testpersonen, wenn sie alleine, also ohne die sechs anderen Studenten, geprüft wurden, in fast 100% der Fälle die Zuordnung korrekt durchführen konnten. Nun aber wieder zum Experiment an sich: Während die sechs eingeweihten Studenten die ersten vier Durchgänge geschlossen richtige Antworten gaben, begannen sie ab Runde 5 damit, geschlossen eine falsche Auswahl zu tätigen. Letztendlich übernahmen 76% der Testpersonen in mindestens einem der 18 Durchgänge die falsche Zuordnung der anderen Studenten.16

Inwiefern ist dieses Ergebnis nun von Bedeutung zur Beschreibung der menschlichen Natur? In diesem Experiment wird deutlich, dass selbst Probleme, deren Lösung sich einfach durch genaues Hinsehen ermitteln lässt, nicht rein rational gelöst werden. Stattdessen stellt der Konformitätshang des Menschen einen Faktor dar, welcher einer vernünftigen Entscheidungsfindung im Weg steht. Betrachten wir nun an Stelle dieses Problems Sachverhalte, welche deutlich komplexer aufgebaut sind und sich nicht einfach durch einen konkreten Blick lösen lassen. Hier ist anzunehmen, dass die Neigung zur Konformität noch stärker ausgeprägt ist, da gerade bei komplexen, umfangreichen politischen Themen sich die korrekte Lösung nur sehr aufwendig ermitteln lässt. Dass die Position eines Menschen nicht allein durch die Beschäftigung mit einem Thema an sich, sondern unter anderem auch durch die Einwirkungen einer Gruppe zustande kommt, stellt ein schwerwiegendes Problem dar, wenn es darum geht, rational zu agieren.

[...]


1 Vgl.: THE WORLD BANK: Population, total [Internet] Verfügbar unter: https://data.worldbank.org/indicator/SP.POP.TOTL?locations=DE. NW Washington, DC. 2017.

2 Vgl.: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Novemberrevolution [Internet] Verfügbar unter: https://www.lpb-bw.de/novemberrevolution.html. Stuttgart.

3 Zit.: a. O.

4 Vgl.: Deutscher Bundestag: Geschichte des Gebäudes [Internet] Verfügbar unter: https://www.bundestag.de/besuche/architektur/reichstag/geschichte. Berlin.

5 Vgl.: Scriba, Arnulf: Die Schlacht um Berlin 1945 [Internet] Verfügbar unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/schlacht-um-berlin-1945.html. Berlin. 2015.

6 Vgl.: Deutscher Bundestag: Die Kuppel [Internet] Verfügbar unter: https://www.bundestag.de/besuche/architektur/reichstag/kuppel. Berlin.

7 Vgl.: a. O.

8 Vgl.: WikiZero: Mehrfrequenzwahlverfahren [Internet] Verfügbar unter: https://www.wikizero.com/de/Mehrfrequenzwahlverfahren.

9 Vgl.: Brennan, Jason: Against Democracy. With a new preface by the author. Princeton. 2016. S. 15.

10 Zit.: a. O. S. 5.

11 Vgl.: a. O. S. 5.

12 Vgl.: a. O. S. 14.

13 Vgl.: a. O. S. 4f.

14 Vgl.: Statista: Bevölkerung – Zahl der Einwohner nach Altersgruppen am 31. Dezember 2016 (in Millionen) [Internet] Verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1365/umfrage/bevoelkerung-deutschlands-nach-altersgruppen/. Hamburg. 2018.

15 Vgl.: Cantow, Matthias u. a.: Wahlsystem der Bundestagswahl [Internet] Verfügbar unter: http://www.wahlrecht.de/bundestag/index.htm#aktives-passives-wahlrecht. 2017.

16 Vgl.: Bundeszentrale für politische Bildung: Info 02.02 Konformitätsexperiment nach Asch (1951) [Internet] Verfügbar unter: http://www.bpb.de/lernen/grafstat/klassencheckup/46346/info-02-02-konformitaetsexperiment-nach-asch-1951. Bonn. 2010.

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