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Die Sequenzgrafik als Medientechnik im Kontext der systematischen Filmanalyse bei Helmut Korte

Welches Verhältnis zwischen Film und Filmanalyse impliziert die Sequenzgrafik?

Hausarbeit 2016 11 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Filmanalyse und Medientechnik: Einleitung und Fragestellung S.

2. Die Sequenzgrafik: Definition und Verortung im methodischen, disziplinären und institutionellen Kontext S.

3. Die Analyse der Methode Sequenzgrafik S.

4. Beantwortung der Fragestellung S.

5. Literaturverzeichnis S.

1. Filmanalyse und Medientechnik: Einleitung und Fragestellung

Der Film evoziert Zeit seines Bestehens unterschiedlichste wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Formen der theoretischen und analytischen Auseinandersetzungen mit ihm. Die Beschäftigung mit dem Film in technischer, historischer und kulturell-diskursiver Form flankiert Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften und durchdringt, als konstitutives Herzstück, die genuinen Filmwissenschaften. So vielfältig sich die disziplinären Interessen um das Medium ranken, so vielfältig sind die theoretischen und methodischen Zugriffe auf den Film.[1]

Dass sich die genannten Disziplinen meist im institutionell tradierten Modus der Schriftlichkeit artikulieren kann, gerade bei der Beschäftigung mit nicht textuellen Formen des Medialen (so zum Beispiel der Film), Erfahrungen der Inkommensurabilität hervorbringen. Der spezifisch-mediale Ausdruck des Films, der sich aus der ihm inhärenten komplexen technischen Verschränkung von Bild und Ton ergibt, ist, so der Filmwissenschaftler Raymond Bellour, im Medium des Textes nur tendenziös und niemals vollständig abbildbar.[2] Das „radikale[…] Unvermögen […], der Textualität des Filmes gerecht zu werden.“[3] bringe die Filmanalyse, so Bellour, in eine erkenntnistheoretisch prekäre Situation: „Sie hört nie auf nachzuahmen, zu evozieren, zu beschreiben; sie kann nur aus einer Art grundsätzlicher Verzweiflung heraus immer wieder versuchen, in wilde Konkurrenz mit dem Gegenstand zu treten, den zu verstehen sie sich bemüht. Indem sie ihn wieder und wieder zu fassen sucht, wird sie schließlich zum Ort einer fortwährenden Enteignung.“[4]

Nutzt man Bellours Argumentation als filmtheoretische Prämisse, ergeben sich daraus einige produktive Perspektiven und Fragen bezüglich des Verhältnisses von Film und Filmanalyse.[5] Zunächst lässt sich Bellours These als Sensibilisierung hinsichtlich der Verwendung von methodischer Medientechnik verstehen. Der textuelle Zugriff auf den Film impliziert epistemische Konsequenzen; er hat eine eigene mediale Spezifität, die mit der des Filmes nicht kohärent ist. Infolgedessen produziert der Text, als am Film hervorgebrachtes Material, eine eigene Form der Erkenntnis über den Film. Der Film wird so in der Filmanalyse auf eine spezifische Form zum wissenschaftlichen Gegenstand formiert. Zwar können Filme, besonders in Zeiten ubiquitär verfügbarer digitaler Ausdrucksmöglichkeiten, auch im Essayfilm oder filmvermittelnden Film (und somit im selben Medium) analysiert werden, dennoch ereignet sich die wissenschaftliche Filmanalyse und der sich um sie formierende Diskurs meist weiterhin in schriftlicher Form. Hier ist zu beobachten, dass die, im deutschsprachigen Raum kanonisierten Handreichungen zur Filmanalyse[6] zusätzlich zur geschriebenen Analyse visuelle Elemente in ihre Untersuchung miteinbeziehen.[7] Werner Faulstich und Helmut Korte stellen beispielsweise tabellarische Sequenzprotokolle und graphische Darstellungen von Schnittfrequenzen als Methoden der Filmanalyse vor. Korte nutzt bei seiner Analyse des Films „Die Vögel“ (Alfred Hitchcock, 1963) ausgiebig die Methode der Sequenzgrafik. Zwar kommen all die genannten methodischen Medientechniken nicht ohne kontextualisierende Beschriftungen aus, dennoch können sie als eigenständiger visueller Ausdruck verstanden werden. Im Folgenden soll der Einsatz der Sequenzgrafik in Kortes Analyse eingehender betrachtet werden.

Vor dem Hintergrund von Bellours Prämisse des „unauffindbaren Textes“ soll, nicht mit defizitärem, sondern positiven Impetus gefragt werden: Welche Form des Wissens entsteht hier? Wie funktioniert die Sequenzgrafik und auf welche Art bezieht sie sich auf den Text? Zusammengefasst werden diese Fragen in der leitenden Forschungsfrage: Welches Verhältnis zwischen Film und Filmanalyse impliziert die Sequenzgrafik? Zur genauen Definition der Methode werden einleitend der institutionelle, disziplinäre und theoretische Kontext, in dem die Sequenzgrafik verwendet wird, skizziert.

2. Die Sequenzgrafik: Definition und Verortung im methodischen, disziplinären und institutionellen Kontext

Helmut Korte ist Professor für Medienwissenschaft an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und forscht zu Filmgeschichte, Filmgeschichte, Medienästhetik und Film- und Fernsehanalyse. Der Band „Systematische Filmanalyse in der Praxis“ ist im Rahmen seiner universitären Arbeit an der HBK in Zusammenarbeit mit Studierenden entstanden. Korte versucht, vor dem interdisziplinären Hintergrund der Hochschule (Filmwissenschaft, freie Kunst, Kunstpädagogik usw.)[8] mit dem Modell der „Systematischen Filmanalyse“ qualitative und quantitative Verfahren der Filmanalyse miteinander zu verschränken. Dabei werden subjektive, affektiv-sinnlich geprägte Rezeptionseindrücke durch eine systematische Generierung überprüfbarer, quantifizierter Daten, in ein umfassendes Informationsportfolio über Handlung und Gestaltung des Filmes überführt. Als Methoden können hierbei, wie von ihm beispielhaft angeführt die Differenzierung des Filmes in verschiedene Analysedimensionen[9], das Filmprotokoll[10], sowie verschiedene Grafiken und Protokolle zu Sequenz, Einstellung und Schnittfrequenz dienen.[11] Die so generierten Informationen sollen „Anhaltspunkte und Basisdaten“[12] sein und „als nachprüfbarer Interpretationsrahmen für die qualitative Analyse“[13] fungieren.

Korte begreift den Film als „künstlerisch eigenständiges, komplexes Aussagesystem“,[14] des eigener theoretischer Perspektiven und analytischer Methoden bedarf. Er grenzt sich mit dieser Positionierung gegen einen „hermeneutischen Zugriff“ auf den Film ab; ebenso lehnt er die Instrumentalisierung des Films als bloße „Abbildefunktion“ eines literarischen Originals als medientheoretische Verkürzung ab.

Die Sequenzgrafik ist konstitutiver methodischer Bestandteil seines Beitrags zum Filme „Die Vögel“ (Alfred Hitchcock, 1963), den er hier in Hinblick auf die inhaltlichen und formalen Mittel der Spannungserzeugung analysiert.

[...]


[1] Vgl. Schweinitz, Jörg; Tröhler Margrit (2011): „Filmwissenschaft – eine Disziplin in Kontinuität und fortgesetztem Wandel“ in: Heller, Heinz-B. (Hrsg.) Positionen und Perspektiven der Filmwissenschaft. Augenblick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, Heft 52. Marburg: Schüren Verlag. S. 16 ff.

[2] Bellour, Raymond (1999): „Der unauffindbare Text“ in: montage/av, jg.8, Nr. 1 (1999), S. 15 f.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd. S. 16.

[5] Anmerkung: Raymond Bellours Perspektive wird in dieser Arbeit hervorgehoben, da er besonders prägnant, mit Rückbezug auf die in medientechnischen Diskursen relevanten Arbeiten von Roland Barthes und Christan Metz, die Verhältnisse zwischen Bild, Ton, Text und Film analysiert. Andere Positionen zum Verhältnis von Film und Medientechnik beziehungsweise über die Reflexion von filmanalytischer Methodik beispielsweise aus der Philosophie werden mit Hinblick auf den Umfang der Arbeit nicht thematisiert.

[6] Anmerkung: Als Beispiele sollen hier Werner Faulstich: „Grundkurs Filmanalyse“ und Helmut Korte: „Systematische Filmanalyse in der Praxis“ genannt werden. (Vollständige Nachweise finden sich im Literaturverzeichnis)

[7] Anmerkung: Nicht nur die genannten Autoren wenden visuelle Analysemethoden an. Auch in anderen filmwissenschaftlichen Kontexten gibt es vielfältige Arten des grafisch-visuellen Filmzugangs. Als Beispiel soll hier vor allem das Vorgehen Raymond Bellours (in: „The Analysis of Film“ – der vollständige Nachweis findet sich im Literaturverzeichnis) hervorgehoben werden.

[8] Korte, Helmut (1997): „Möglichkeiten und Bedingungen der systematischen Filmanalyse“ in: ders. Systematische Filmanalyse in der Praxis Bourgeoisie’ (L. Bunuel, 1972), ‚Duell’ (S. Spielberg, 1972), 2. Auflage 1987, unveränderter Nachdruck 1997. Braunschweig: HBK Materialien 1 / 86. S. 13f.

[9] Ebd. S. 20.

[10] Ebd. S. 22 f.

[11] Ebd. S. 29 ff.

[12] Ebd. S. 17.

[13] Ebd.

[14] Ebd. S. 12.

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668829855
ISBN (Buch)
9783668829862
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v447241
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Kulturwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Filmwissenschaften film studies Sequenzanalyse Bellour Raymond Bellour Filmanalyse Medienwissenschafen Medientechnik Epistemologie Textualität Hitchcock Die Vögel

Autor

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Titel: Die Sequenzgrafik als Medientechnik im Kontext der systematischen Filmanalyse bei Helmut Korte