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Schwule und Queere Identitäten - Ein Abriss der homosexuellen Identitätsentwicklung

Seminararbeit 2005 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhalt

1. Generelles zum Thema und Zielsetzung der Arbeit

2. Das Identitätskonzept von George Herbert Mead – Die Konstitution des Selbst

3. Homosexualitätsmodelle im 18. und 19. Jahrhundert

4. Entpathologisierung und Entkriminalisierung der Homosexualität ab den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts – Die Herausbildung einer schwulen Identität

5. Queere Identitäten als mögliche neues Identitätskonzeptionen

6. Schlussbetrachtungen

1. Generelles zum Thema und Zielsetzung der Arbeit

Im angehenden 21. Jahrhundert sind wir mit einer schier unüberschaubaren Anzahl, zum Teil stark divergierender Identitätskonzepte konfrontiert. Im Sinne hybrider Kulturen verschmelzen verschiedene Ethnien miteinander und formieren eine Schnittmenge aus welcher wiederum eine Basis für die Entfaltung neuer Identitäten entsteht. Der indische Literaturwissenschaftler und Theoretiker Homi K. Bhabha, der sich intensiv mit Hybriden Kulturen befasst hat, ist hier zu aufschlussreichen Erkenntnissen gekommen. Dieser Prozess postuliert zugleich einen sich ständig generierenden Paradigmenwechsel bei der Definition von Identitäten. Identitätskonzepte, die in den 50er Jahren taugten, sind heute nicht mehr brauchbar, da sich die Gesellschaft, aber auch deren Heraus- und Anforderungen fundamental geändert haben. Die Mythen, aus welchen Konstituenten sich schlussendlich diese, unsere Identität zusammensetzt, ranken sich im Dunst wissenschaftlicher Annäherungen; eine vollends befriedigende Antwort, ist bisweilen nicht gefunden worden.

In dieser Arbeit soll es darum gehen, schwule und queere Identitäten genauer zu beleuchten. Es wird der Versuch unternommen einen Abriss über die homosexuelle Identitätsentwicklung zu wagen, und verschiedene Homosexualitätsmodelle aufzuzeigen. Dass die Vorstellungen, von Homosexualität im 18. und 19. Jahrhundert andere waren als heute, versteht sich von selbst. Dass Wissenschaftler, aus den Bereichen der Medizin, Psychologie, Jurisprudenz, aber auch Soziologie zu teils fragwürdigen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen bezüglich des Themenkomplex kamen, soll ebenso aufgezeigt werden, wie wegweisende, brauchbare Erkenntnisse.

Im 20. Jahrhundert änderten sich die Sichtweisen zu homosexuellen Identitäten wesentlich. Der Ruf nach Liberalisierung, nicht nur auf dem Papier und in Gesetzten, sondern auch in der Gesellschaft wurde immer lauter. Feministinnen dekonstruierten konventionalisierte Geschlechtermodelle, und überdachten die bis dahin geltenden Modi der jeweiligen geschlechtlichen Zuordnung. Der Begriff Gender etablierte sich. Die Vielstimmigkeit, aber auch die in ihren Kernpunkten sich widerstreitenden und diametralen Standpunkte entrollten einen komplexen Theorieteppich. Aus dem Spektrum der gewonnen Erkenntnisse und ihren jeweiligen Fortentwicklungen entstand Ende der 90er Jahre die Queer Theory, deren Vertreter nicht mehr von schwulen, sondern queeren Identitäten sprechen.

Den verschiedenen Blicken auf die homosexuelle Identitätsentwicklung, soll zunächst in Umrissen das Identitätskonzept von George Herbert Mead vorangestellt werden.

Mit dieser Arbeit kann keineswegs der Anspruch erhoben werden, bei den behandelnden Themen in die gewünschte und erforderliche Tiefe zu gehen, da das den Rahmen einer Grundstudiumshausarbeit sprengen würde. Dennoch wird der Versuch unternommen ein kohärentes Gesamtbild zu vermitteln.

2.Meads Identitätskonzept – Die Konstitution des Selbst

Die Identitätskonzeption des englischen Philosophen und Psychologen George Herbert Mead ist sozialpsychologisch geprägt und fundiert sich primär auf die Einbeziehung von Bewusstsein und individuellen Erfahrungswerten. Er sieht das Individuum immer als ein in der Gruppe agierendes Element, das zwischen den Einflüssen changiert, und kommt zunächst zu der lapidaren Schlussfolgerung, dass die Identität das Resultat der Beziehungen zwischen Ich und Umwelt sei.

„Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehung zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses.“[1]

Dass heißt: die Herausbildung der Identität ist ein Prozess, der direkt an das Bewusstsein gekoppelt ist, und somit das Unbewusste von vornherein ausschließt. Wie sich das Selbst entwickelt, exemplifiziert Mead am Beispiel des Spielens (play), und des Wettkampfes (game). Bei ersterem übernehmen Kinder unter Mithilfe ihrer Phantasie Rollen, die sie aus dem täglichen Leben kennen und imitieren Haltungen, aber auch Verhaltensweisen. Sie sind in diesen Momenten schlichtweg nicht sie selbst, sondern ein anderer, ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein. Es existiert noch kein ausgereifter Charakter. Beim game muss das Kind sich auf seine Mitspieler einlassen, Regeln befolgen, einhalten und ist mit dem Verhalten seiner Mitspieler face to face konfrontiert. Die Rollen der Beteiligten müssen zueinander in Bezug gesetzt werden. Mead schlussfolgert:

„Das Wettspiel repräsentiert im Leben des Kindes den Übergang von der spielerischen Übernahme der Rollen anderer zur organisierten Rolle, die für das Identitätsbewusstsein im vollen Wortsinn entscheidend ist.“[2]

Mead hält fest, dass der Prozess der Identitätsentwicklung immer ein Prozess ist der reziprok zu verstehen ist, und nur im direkten Austausch mit anderen Individuen stattfinden kann, also in einem interaktionistischem Gefüge. Das scheint plausibel, da nicht selten Rollenmuster übernommen, oder imitiert werden, und unsere eigene Identität einem ständigen Wandlungsprozess unterworfen ist, der nicht zuletzt durch den intensiven Einfluss der Umwelt, und in modernen Gesellschaften von den Medien forciert wird.

Als Beispiel mögen hierfür die in der Werbung permanent gefeierten Schönheitsideale herangezogen werden. Junge Frauen versuchen ihre eigene Identität, oftmals jenen „Idealidentitäten“ aus der Werbung anzupassen. Demnach sollen sie jung, vital, figurbetont auftreten. Nicht selten hadern sie dann mit ihrer eigenen Identität und lehnen sie ab. Ihr Konzept von Identität, lässt sich nicht mit den Scheinidentitäten der Werbung überein bringen.

Ebenso lehnt Meads Konzept die Annahme ab, dass unsere Identität von religiösen Einflüssen mitbestimmt wird, oder aber dass jedwede identitätsbestimmende Faktoren angeboren sein könnten. Eine weitere Unterscheidung trifft er, indem er die Identität in ein Me und I unterteilt. Im Me sind die anerzogenen, typisierten Werte, Normen und Haltungen vertreten, die jedem Individuum mit auf dem Weg gegeben werden, während das I verantwortlich ist für spontane Reaktionen, nicht vorhersehbar , da es von den individuellen Eigenheiten eines Charakters und Wesens abhängig sind. Das Me definiert nach Mead die Situation, auf die das I reagiert. Auch diese Annahme ist nachvollziehbar, da unser Selbst immer die Balance sucht zwischen den allgemeinen gesellschaftlichen Normierungen, die tagtäglich an uns herangetragen werden, und auf die wir manchmal mehr, manchmal weniger beherrscht, oder emotional reagieren.

Interessant ist, dass Mead dem Unterbewusstsein keine maßgebliche Rolle zuschreibt, wenn es um die Entwicklung der Identität geht, denn ist Identität vornehmlich am Bewusstsein orientiert. Wie allerdings sind dann die Erkenntnisse Sigmund Freuds einzuordnen, der gerade, das Unterbewusstsein im Fokus seiner Untersuchungen hat? Mead hält fest, dass die jeweilige Umwelt, das generalized other immer eng an die Identitätsbildung geknüpft ist. Hier kann allerdings die nicht uninteressante Frage aufgeworfen werden, wie dieses generalized other sich jeweils verändert, und inwieweit dies auch seine Schatten auf die Identitätsbildung wirft. Denn: innerhalb diverser Gesellschafsformationen ist festzustellen, dass die Strukturen, Werte, aber Tugenden, die vormals noch wegweisend waren, und sich durch Kohärenz auszeichneten, zunehmend ausdifferenzierter und auch komplexer werden. Werteverschiebungen werden sichtbar, und da wo früher noch die Familie als Leitbild fungierte, stehen heute Individualisierungsprozesse, der Wunsch beim Marsch durch die schnelllebige Mitte mithalten zu können. Die Gesellschaft fragmentarisiert sich, und die Demarkationslinien, die einst unterschiedliche Elemente trennten, verfransen sich zusehends und heben Unterschiede –manchmal auch nur vermeintlich- auf.

Die Identitätsbildung wird infolgedessen schwieriger, da eben diese Polyphonie innerhalb einer sich ständig verändernden Gesellschaft immer wieder neue Muster der Identitäten erfordert. Im Grunde wollen gerade Pubertierende, oder junge Heranwachsende von ihren jeweiligen Idolen, oder Vorbildern ein Stückchen von deren Identität abhaben, was zu einem jeden Entwicklungsprozess gehört. Schwierig kann es allerdings werden, wenn diese Versatzstücke nicht miteinander verbunden, und in Einklang gebracht werden können, da dann die Herausbildung eines überzeugenden, in sich geschlossenen Individuums, dass seine eigene Identität bestimmt, und auch akzeptieren kann, oftmals nicht gelingt.

Mead unterschätz bei seiner Theoriebildung, dass die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe eine Rolle spielt, wenn es um Fragen der Identität geht. Gerade in Kreisen der Oberschicht sind typisierte Rollenmuster unumgänglich, um dem soignierten Verhaltenskodex gerecht zu werden. Dasselbe gilt für Zugehörige der Unterschicht, nur das es sich hier in das andere Extrem verlagert. Die Erwartungshaltungen, die auf den unterschiedlichsten Ebenen an den einzelnen herangetragen werden, sind immens und prägen die Identität maßgeblich.

Bei allen Schwächen, die jedem theoretischen Modell zu Eigen sind, haben wesentliche Teile von Meads Konzeption ihren Bestand, wenngleich sicherlich Modifikationen und Ergänzungen notwendig sind.

In den nächsten Kapiteln soll die Geschichte der schwulen Identitätsentwicklung zum Zentrum der Untersuchung werden. Zunächst werden verschiedene Homosexualitätsmodelle der vorhergehenden Jahrhunderte vorgestellt, um dann aufzuzeigen, dass sich eine endgültige allgemein akzeptierte schwule Identität –sofern es diese letzten Endes überhaupt gibt- erst ab den 70er Jahren des 20. Jahrhundert frei entfalten konnte.

3. Homosexualitätsmodelle im 18. und 19. Jahrhundert

Um die verschiedenen Homosexualitätsmodelle erklären zu können, ist es prinzipiell wichtig, die sozialen, gesellschaftspolitischen, aber auch historischen Rahmenbedingungen zu kennen, die die jeweiligen Epochen markierten. Die gesetzten Rahmenbedingungen und die vorherrschenden Leitprinzipien und moralischen Werte bestimmen die Handlungen eines jeden einzelnen, und sind auch maßgebend für die Herausbildung der Identität.

Das gleichgeschlechtliche Handlungen, oder auch an der Gleichgeschlechtlichkeit orientierte Identitätsmuster in anderen Kulturen andere Bedeutungen haben als beispielsweise in der westlich geprägten Welt zeigen Forschungsergebnisse von Ethnologen: gleichgeschlechtliche Penetration gehört in manchen Stämmen zur Kultur, und wird dort keineswegs als Abweichung von der Norm gesehen.

[...]


[1] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Mit einer Einleitung herausgegeben von Charles W. Morris. Frankfurt am Main, 1968, S. 177

[2] Ebd. S. 194

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638422673
ISBN (Buch)
9783656008415
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44723
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Schwule Queere Identitäten Abriss Identitätsentwicklung Konzepte Identität

Autor

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Titel: Schwule und Queere Identitäten - Ein Abriss der homosexuellen Identitätsentwicklung