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Chiapas, Mexiko: Die Guerilla 'Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional' (EZLN)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 43 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Bauernarmee Emiliano Zapatas
2.1. Mexiko um 1900
2.2. Die Jugend Emiliano Zapatas in Morelos
2.3. Beginn der Revolution
2.4. Plan von Ayala
2.5. Die Revolution flammt wieder auf
2.6. Der Traum vom Süden
2.7. E. Zapatas Armee
2.8. Zapatas Tod

4. Die Theorie der Guerilla nach Regis Debray

5. Das Basisdemokratische Konzept der Indigenas

6. Die Geschichte der EZLN
6.1. Erste Schritte
6.2. Die Veränderung der Strategie der Guerilla
6.3. Die Wirtschaftskrise Ende der Achtziger Jahre
6.4. Die Situation der Landbevölkerung
6.5. Die Guerilla verändert ihre Führung
6.6. Die Regierung ändert den Artikel 27 der Verfassung
6.7. Die Soldaten der EZLN
6.8. Der anhaltende Dialog
6.9. Leben in zapatistischem Gebiet
6.10. Der PRI verliert die Wahlen

7. Nachweis der Wurzeln in der Geschichte der EZLN
7.1. Nachweis der Theoriekonzeption der Guerilla von Regis Depray
7.2. Bezug zur zapatistischen Bauernarmee der mexikanischen Revolution
7.3. Nachweis des basisdemokratischen Entscheidungsprozesses der Indianer Chiapas

8. Schlussbetrachtung

9. Quellen- und Literaturverzeichnis
9.1. Quellenverzeichnis
9.2. Literaturverzeichnis
9.2.1.Unselbstständig erschienene Literatur
9.2.1.1. Aufsätze
9.2.1.2. Internetseiten
9.2.2. Selbstständig erschienene Literatur

1. Einleitung

Am 1. Januar 1994, als Mexiko in den Kreis der 1. Welt[1] eintreten wollte, besetzten mit Skimützen vermummte Männer und Frauen des Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional (EZLN) 5 bedeutende Ortschaften im Bundesstaat Chiapas. Unter ihnen war die Touristenstadt San Cristobal de las Casas. Nachdem die Aufständischen dort die Polizei- und Gerichtsakten aus den Büros auf die Straße geworfen hatten, verbrannten sie diese. Des Weiteren requirierten sie Waffen aus den Armeequartieren und versorgten sich mit Medikamenten.[2] Die mexikanische Regierung unter dem Präsidenten Carlos Salinas de Gortari reagierte mit einer militärischen Offensive.[3] In den Medien verklärte sie den Aufstand zu einer Invasion ausländischer Agitatoren. Zu ihrem Anführer wurde Subcomandante Marcos stilisiert.

In ihrer Kriegserklärung, welche die EZLN um Mitternacht des 31.12.1993 an die mexikanischen Truppen gerichtet hatte, beriefen sich die Aufständischen auf den Artikel 39 der mexikanischen Verfassung, in dem es heißt: „Das Volk hat jederzeit das unveräußerliche Recht, die Form seiner Regierung zu verändern oder zu modifizieren.“[4] In Anwendung dieses Artikels sagten die Aufständischen ya basta! - es reicht - und forderten die Absetzung der Regierung. Die Aufständischen, überwiegend Indigenas[5] und Bauern, erklärten jene EZLN zu ihrem Bewaffneten Arm. Ziel ihres Kampfes ist jedoch nicht selbst die Macht zu übernehmen, sondern, dass „den befreiten Völkern die Möglichkeit verschaff[t] [wird], ihre Verwaltungsautoritäten frei und demokratisch zu wählen.“[6] Mit dieser Forderung nach mehr Demokratie gewannen die Aufständischen große Teile der Bevölkerung Mexikos. In den nächsten Tagen gingen 150000 Menschen in Mexikostadt auf die Straße, um gegen die Militäroffensive zu protestieren. Sie zwangen schließlich die Regierung, den Kampf gegen die Aufständischen einzustellen. Ende Februar kam es zu Friedensverhandlungen.[7] In den 11 Tagen des Gefechts starben dennoch mehr als 100 Aufständische.

Die EZLN stellt sich, durch ihren Verzicht auf die Machteroberung und die enge Verbindung mit ihrer Basis, als eine Guerilla neuen Typus` dar. In dieser Arbeit möchte ich versuchen, ihre Wurzeln, die ich in der Bauernbewegung Emiliano Zapatas, der Focustheorie von Regis Debray sowie in dem basisdemokratischen Konzept der Indigenas Chiapas sehe, zu spezifizieren und anschließend in ihrer Geschichte nachzuweisen.

Bei der Erläuterung ihrer drei Wurzeln werde ich mit der zapatistischen Bauernbewegung beginnen, die nur im Kontext der mexikanischen Revolution von 1910 verstanden werden kann. Anschließend setze ich mich mit dem französischen Theoretiker Regis Debray auseinander. Dieser hat in den sechziger Jahren in enger Zusammenarbeit mit dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro eine politische Theorie der Guerilla am Beispiel Kubas entwickelt. Viele der Guerillabewegungen Lateinamerikas orientierten sich an seinem Werk. So, meiner Meinung nach, auch die EZLN. Nachdem ich ferner kurz das basisdemokratische Konzept der Entscheidungsfindung der Indianer Chiapas erläutert habe, werde ich die Geschichte der EZLN darlegen. Schließlich versuche ich zu zeigen, dass in der Geschichte der EZLN der Bezug zu ihren Wurzeln immer wieder hergestellt werden kann.

Bei der verwendeten Literatur handelt es sich vorwiegend um gesammelte Aufsätze über die Ereignisse vom 1.1.1994 sowie die damit erstmals an die Öffentlichkeit getretene EZLN. Weiterhin verwende ich in die deutsche Sprache übersetzte Kommuniques der Zapatisten selbst, sowie im Internet veröffentlichte Zeitungsartikel. Ferner nutze ich das guerillatheoretische Werk Regis Debrays - Revolution in der Revolution? - um seine Focustheorie der Guerilla zu erläutern. Die zapatistische Bauernbewegung möchte ich an Hand von Markus Kampkötters Biographie Emiliano Zapatas verdeutlichen. Dort erscheint mir die Geschichte des Bauernaufstandes klar erläutert. Zumal Markus Kampkötter sein Buch von den Ereignissen 1994 beeinflusst, verfasst hat. Er legt bei der Biographie des Bauernführers Wert darauf, Parallelen zu den „Neozapatisten“, wie er die EZLN nennt, herzustellen.

2. Die Bauernarmee Emiliano Zapatas

2.1. Mexiko um 1900

1864 besetzten Franzosen Mexiko. Unter der Führung von General Don Porfirio Diaz kämpften die mexikanischen Streitkräfte gegen die europäischen Besatzer. 1867 waren die Franzosen geschlagen und Mexiko wieder Republik. Jedoch sollte diese Form des Staates nicht lange bestehen, da Don Porfirio Diaz sich bereits 9 Jahre später mit Hilfe des Militärs an die Macht putschte. Eine positive Folge seiner Diktatur war, dass das Land zur Ruhe kam, da er alle Unruheherde befriedete, welche meist aus der Forderung der Bauern nach Land entstanden. Jedoch führte Porfirio Diaz dies mit der eigens geschaffenen Bundespolizei, den Rurales und entsprechender Gewalt durch, was die Situation der Bauern nur noch verschlechterte.[8] Nahezu alle Bauern, die in den Dorfgemeindschaften, den Pueblos, lebten, hatten ihr Land viele Jahre in so genannten Ejidos verwaltet. Das heißt, 20 - 100 landlose Familien ersuchten den Staat um die Zuteilung von Ackerland.[9] Der Boden, den sie bekamen, war Staatsland, das ihnen zur kollektiven, unbefristeten Nutzung übergeben wurde. „Das Land blieb [währenddessen] Eigentum des Staates und war somit unverkäuflich.“[10] Die Dörfer verteilten den Boden in Parzellen an die Familien. Dadurch besaßen sie einen hohen Grad an Autonomie gegenüber dem Staat. Sie verwalteten sich faktisch selbst. Da bereits 1857 ein Gesetz erlassen wurde, welches den öffentlichen Gemeinbesitz verbot und somit die Lebensgrundlage der Pueblos bedrohte, kam es seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Mexiko immer wieder zu Aufständen der Bauern und der indigenen Einwohner.

Unter der Militärdiktatur von Porfirio Diaz begann nun der Ausverkauf des Landes. Mit den Gesetzen von Balidos sollte die Erschließung und Kultivierung von unbebautem Land geregelt werden. Sie besagten, dass „erstens die Bodenschätze Eigentum der jeweiligen Landbesitzer [wurden], [. . .] zweitens ein drittel des neu vermessenen Bodens der jeweiligen Vermessungsgesellschaft als Eigentum zugesprochen [wurde].“[11] Des Weiteren sicherte die Regierung den meist US-amerikanischen Vermessungsgesellschaften den weiteren Zukauf von Land zu Niedrigstpreisen zu. So besaßen 1910 18 Großgrundbesitzerfamilien - die Hacendados - 50% des Landes, 1/5 gehörte dem Staat. Lediglich die restlichen 49,2% des Landes gehörten den Bauern sowie den Indigenas. Schließlich wurde der Agrarsektor kapitalisiert und Mexiko so innerhalb weniger Jahre zum drittgrößten Zuckerproduzenten der Welt und die Bauern zu einem Heer von besitzlosen Tagelöhnern.

2.2. Die Jugend Emiliano Zapatas in Morelos

Emiliano Zapata wurde am 8.8.1879 in Anenecuilco geboren. Die Gemeinde liegt im Bundesstaat Morelos, der sich in der Mitte Mexikos befindet und an der Nordseite an Mexiko D.F. (District Federale), in dem die Hauptstadt des Landes liegt, grenzt. Die Umgestaltungen nach den Gesetzen von Balidos hatten Morelos besonders stark getroffen. Miliano, wie Emiliano Zapata später gerufen werden sollte, war eines von zehn Kindern. Jedoch erreichten von diesen, ähnlich in vielen anderen bäuerlichen Familien, lediglich vier das Erwachsenenalter. Als er fünfzehn Jahre alt war, starb seine Mutter und ein Jahr später sein Vater. So musste sich der Sechzehnjährige zusammen mit seinem älteren Bruder Eufemio um den Besitz kümmern.[12] Natürlich blieb die Konfrontation mit den Hacendados auch in seinem Dorf nicht aus. Sie vergrößerten ihre Farmen auf Kosten der Ejidos, um sich das Land für die explosionsartig wachsende Zuckerproduktion zu besorgen. Aus diesem Grund sammelte Zapata erste Erfahrungen mit der Regierung, als er zwischen 1902 und 1905 immer wieder Delegationen der Dörfer in die Hauptstadt geleitete, um dort gegen den skrupellosen Landraub zu protestieren. Hilfe wurde ihnen jedes Mal zugesichert. Doch die Regierung Diaz, die durch ihre Gewalt gegenüber Protestlern bekannt war, löste keine der gegebenen Versprechungen ein. Schnell erkannten die Dorfältesten Emiliano´s Talent und so wurde er 1909 mit schon dreißig Jahren zum Vorsitzenden des Dorfrates gewählt.[13] Er war nun als Jefe für die Durchsetzung der Land- und Wasserrechte der Gemeinde gegenüber den Hacendados verantwortlich.

2.3. Beginn der Revolution

Es brach das Wahljahr 1910 an und für die Opposition stand fest, General Don Porfirio Diaz muss abgesetzt werden. Als einige große Streiks, unter anderem der von 5000 Bergarbeitern in Cananea[14], mit äußerster Brutalität niedergeschlagen worden waren, ließ sich die Revolution nicht mehr abwenden.[15] Eine friedliche Oppositionsbewegung wurde von Diaz unterdrückt und alle demokratischen Wege zum Präsidentenstuhl schienen versperrt. Der größte Unruheherd entstand im Norden, genauer im Bundesstaat Chihuahua, unter der Führung Francisco Maderos. Dieser, ein gemäßigter Hacendado, hatte im Oktober 1910 aus dem US-amerikanischen Exil Aufstände angezettelt und war durch sein Programm, den Plan von San Luis Potosui, in ganz Mexiko, so auch in Morelos, bekannt geworden. Der 3. Artikel sah die Revidierung aller Enteignungen, die auf der Grundlage der Gesetze von Balidos durchgeführt worden waren, vor. Madero erklärte Diaz Mitte des Jahres 1910 kurzerhand für abgesetzt und sich selbst zum Interimspräsidenten des Staates.

In Morelos begann die Revolution mit der Besetzung von der an Anenecuilco grenzenden Hazienda. Unter der Führung von E. Zapata hatten 80 Bewaffnete im Mai 1910 diese besetzt. Große militärische Gegenwehr blieb aus, da alle Bundestruppen im Norden gegen Madero kämpften. Gegen Ende des Jahres, nach weiteren Landbesetzungen, wurde Miliano zum Präsident des gemischten Verteidigungsausschusses dreier Gemeinden - Anenecuilco, Villa de Ayala und Moyotepec - gewählt. Er galt unter den Bauern inzwischen als gerechter Vermittler und Landverteiler.

Nachdem der Plan von San Luis Potosui im Verteidigungsausschuss diskutiert worden war, hatten sie beschlossen sich mit Madero in Verbindung zu setzen und der Bewegung anzuschließen. Als man vergeblich auf eine Antwort Maderos gewartet hatte und durch die Aufrüstung der Bundestruppen Gefahr drohte, ergriffen E. Zapata und die mit ihm verbündeten Jefes[16] im Frühjahr 1911 die Chance und besetzten Villa de Ayala. Dort verlasen sie öffentlich den Plan von San Luis Potosui, was dem Anschluss an die Revolutionsbewegung im Norden gleichkam. Nach Plünderungen unter dem bisherigen Revolutionsführer in Morelos Pablo Torres Burgos sowie dessen daraus resultierendem Rücktritt, entschieden sich die übrigen Jefes für Miliano als Anführer der Aufständischen.[17] Nach und Nach gelang ihnen die Besetzung weiterer Städte. Jedoch sollte die Einheit in der Revolutionsarmee nicht von großer Dauer sein. Schnell trennten sich die machtgierigen Jefes von denen, die der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet waren. Die Einheit der Aufständischen begann zu zerfallen.

F. Madero, der inzwischen durch den Vertrag von Cuidad Juarez am 21.5.1911 den Untergang des alten Diktators Diaz besiegelt hatte und Interimspräsident geworden war, kündigte für das Ende des Jahres 1911 Präsidentschaftswahlen an. Einmal im Präsidentenamt, nahm er jedoch Abstand von der Umsetzung des 3. Artikels seines Plans von San Luis Potosui.[18] Gegen Ende des Jahres erreichten die Weisungen der neuen Regierung auch die Aufständischen in Morelos. Darin forderte F. Madero die Einstellung der Angriffe auf die Großgrundbesitzer, da er nun mit ihnen zusammen regierte. Im Staat saßen schließlich noch die alten Eliten. Die kurze Revolte hatte nur den Kopf des Systems ausgewechselt. Die Landfrage, wegen der die Bauern unter Zapata in den Krieg gezogen waren, blieb wieder einmal ungelöst. Dennoch schien das Vertrauen Milianos in Francisco Madero unerschütterlich. So versuchte er weiterhin diplomatisch den Interimspräsidenten auf die Landfrage in seinem Bundesstaat aufmerksam zu machen. Mehrmals stimmte E. Zapata zu, seine Armee zu entwaffnen. Alle ihm angebotenen Ämter, wie das des Gouverneurs von Morelos oder des Bundestruppenführers, lehnte er dagegen energisch ab.

Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit Hacendados, da die Bauern das während des Aufstandes eroberte Land nicht zurückgeben wollten. Der Ton der Regierung gegenüber den aufständischen Bauern begann sich nun zu verändern. Sie wurden bald als Banditen beschimpft und man erkannte ihnen den Rang eines Verhandlungspartners ab. Schließlich beschloss die Regierung, die die Wahlen abgesagt hatte[19], Zapata sowie seine Männer zu vernichten. Die Generäle Victoriano Huerta und Casso Lopez begannen, von der Regierung ermächtigt, einen verheerenden Vernichtungsfeldzug gegen die morelensische Landbevölkerung. Zapata und andere Führer der Bauernarmee flüchteten nach Süden in die Berge des Bundesstaates Puebla, wo sie die Truppen Huertas umgingen und bald darauf im Süden von Morelos wieder auftauchten.[20] Nun bezeichnete sich die Bevölkerung als Zapatisten und ihr militärischer Befehlshaber E. Zapata begann zur Legende zu werden. Der wieder 1500 Mann starken Truppe gelingt es 25km von der Hauptstadt entfernt gelegene Gemeinden zu besetzen, was den Zorn der Regierung nur noch verstärkte. Nachdem die Wahlen in dem politischen Chaos jenes Jahres 1911 doch stattgefunden hatten, Madero war offizieller Präsident geworden, sah auch der Zapatistenführer ein, dass eine Einigung mit der Regierung, aufgrund des massiven Widerstandes der Militärs, nicht zustande kommen würde. Der Kampf sollte also weitergehen.

2.4. Plan von Ayala

Die Führung der Bauernarmee war im November 1911 in der Gegend um Villa de Ayala von den Bundestruppen eingekreist worden, Hilfe von Madero würde nicht kommen, da dieser in dem Banditen Zapata für seine Macht eine Gefahr sah. Um sich mit einem eigenen politischen Programm an die Öffentlichkeit zu wenden, verfassten der Grundschullehrer Otilio Montano und Emiliano Zapata ein Manifest, das die politische Ziele ihres Kampfes bis zum Ende im Jahr 1919 festlegen sollte, den Plan von Ayala. Das Hauptaugenmerk lag auf der Klärung der Landfrage. So sollten alle von den Hacendados „geraubten Ländereien“ bedingungslos zurückgegeben werden. Des Weiteren wurde die Abgabe 1/3 des Landes der Großgrundbesitzer gefordert, um dieses an besitzlose Bauern zu verteilen. Alle Ländereien derjenigen, die sich dem Plan widersetzen, sollen verstaatlicht werden. Ferner wurde in diesem Programm der Sturz Maderos gefordert und daraufhin die Einsetzung eines von den wichtigsten Jefes der Revolution ernannten Interimspräsidenten festgesetzt.[21] „Damit formuliert[e] die [zapatistische] Bewegung erstmals nationale Ziele [...] und letztlich den Willen die Regierungsgewalt in Mexico zu übernehmen.“[22] Abgeschlossen wurde das Programm von den Forderungen nach Freiheit, Gerechtigkeit und Gesetz, die sich später auf die Parole „Land und Freiheit“ verkürzen und als Leitsatz der Zapatisten in die Geschichte eingehen sollte.

2.5. Die Revolution flammt wieder auf

Der General Victoriano Huerta, der mittlerweile nach Mexiko D.F. versetzt worden war, putschte sich im Februar 1913 an die Macht. Francisco Madero wurde in den Wirren des Aufstandes getötet. Im Norden des Landes formierte sich wiederum eine oppositionelle Bewegung, die Constitucionalistas. Ihr Programm, der Plan von Guadalupe, forderte die Absetzung Huertas sowie die Errichtung einer rechtmäßigen Regierung. Auch Zapata rief zum Sturz des Generals auf, der nun mit 5000 Bundestruppen erneut eine Offensive gegen die Landbevölkerung der südlichen Bundesstaaten startete. Ganze Dörfer wurden wegen dem bloßen Verdacht der Unterstützung der Zapatisten ausgelöscht, was viele der Bauern in die Rebellenarmee trieb. Außerdem wurden immer wieder ganze Gemeinden in andere Bundesstaaten deportiert, da man so die Strukturen der Unterstützung für Zapatas Guerilla zu zerstören hoffte. Miliano begann im Mai, nachdem er sich zum Führer der Revolution im Süden und dem Zentrum ernannt hatte, die Strukturen der Armee zu zentralisieren, um zum einen das Auseinanderbrechen der revolutionären Koalition zu verhindern[23] und zum anderen die neu hinzugekommenen Verbände in südlicheren Bundesstaaten und nördlichen Teilen von Morelos koordinieren zu können, die sich Zapatistas nannten und sich zu dem Plan von Ayala bekannt hatten. Vorher waren die Zapatisten eine kleine Guerilla gewesen, die von den Bergen aus agierte.

Im Juli 1914 näherten sich Revolutionstruppen von allen Seiten der Hauptstadt. Von Norden her kamen die Constitucionalistas, deren wichtigste Generäle Francisco Pancho Villa, Alvaro Obregon und Venustiano Carranza waren. Im Süden standen die Zapatistas vor der Hauptstadt. Nachdem der General Huerta geflohen war, traf sich eine Junta, zusammengesetzt aus Jefes aller Revolutionstruppen (Villistas, Zapatistas und Carrancistas), zu einem ersten Konvent in Mexiko D.F. Ein Zweiter sollte kurze Zeit später in Aguascalientes stattfinden. Die Zapatistas beteiligten sich nur zögerlich an den Verhandlungen, die das Land befrieden und die nationalen Fragen lösen sollten. Sie bestanden auf ihrem Programm, dem Plan von Ayala, der vor allem zur Lösung städtischer Probleme nicht geeignet war.

Schließlich wurde der Aufnahme von sechs Artikeln aus dem Plan von Ayala in das neue Programm zugestimmt. Um die Absage der Konventsteilnehmer an den Anspruch Carranzas auf das Präsidentenamt zu bekräftigen, beschloss F. Villa die Hauptstadt militärisch einzunehmen und damit V. Carranza aus der Stadt zu vertreiben. Zapata sollte sich daran beteiligen, da dessen Deligierte auf dem Weg zum Konvent einen Pakt mit Villa geschlossen hatten.[24] Ein Bündnis zwischen Villa und Zapata auf nationaler Ebene bahnte sich an. So kam es zum berühmten Einzug der beiden Revolutionsführer in der Hauptstadt Ende des Jahres 1914. Alsbald zeigte sich jedoch in aller Deutlichkeit, dass beide keinen Anspruch auf die Macht erhoben. So soll E. Zapata das Angebot P. Villas den Präsidentenstuhl einmal auszuprobieren, abgelehnt haben.

Kurze Zeit später zog sich Miliano nach Morelos zurück, um die in Kraft getretenen Teile des Plans von Ayala zu verwirklichen (der Traum vom Süden). Die Möglichkeit die nationalen Verhältnisse grundlegend umzustrukturieren ließ er, wohl aufgrund der Begrenztheit des eigenen Programms, dem Plan von Ayala, untätig verstreichen. Das Bündnis mit P. Villa zerbrach so schnell wie es sich angebahnt hatte und so sahen die Anhänger Carranzas ihre Chance. Noch ein knappes Jahr sollte der Konvent aus Jefes aller Revolutionstruppen, der in dieser Phase das oberste Regierungsorgan war, mit seinem Präsidenten Roque Gonzales Garza seine Weisungen geben können. Er löste sich schließlich im Oktober 1915 auf und Carranza nahm auf dem Präsidentenstuhl Platz. Im Mai 1917 sollte ihm die Führung des Staates ganz offiziell übergeben werden. Francisco Villa musste schwere Verluste hinnehmen und zog sich nach Norden zurück.

2.6. Der Traum vom Süden

Sofort sollte nach dem Übergang vom militärischen zum zivilen Leben um die Jahreswende 1914/15 mit der Umsetzung der in Kraft getretenen Teile des Plans von Ayala begonnen werden. Da die Einheiten, gewährleistet durch die Kampfform der Guerilla im Süden, meist dort kämpften, wo sie vorher gelebt hatten, gestaltete sich die Umstellung von Krieg auf Frieden unproblematisch. Wer in der Truppe eine hohe Position hatte, der begleitete im Dorf ebenfalls eine solche. Somit war die Verteilung der Ämter schon festgelegt. Die Einzigen auf die das nicht zutraf waren die Frauen. Konnten sie in der Guerilla aufsteigen, besaßen sie im Dorf nicht einmal das Wahlrecht.

Der oberste Stabschef Zapatas, Manuel Palafox, war inzwischen vom Konvent zum Landwirtschaftsminister ernannt worden. Er gründete eine nationale Kreditbank, Landwirtschaftsschulen und eine Fabrik für landwirtschaftliches Zubehör in Morelos. Des Weiteren entstand ein Büro für die Landverteilung, in dem die Bauern Land einfordern konnten. Kommissionen aus freiwilligen Agronomen sollten den ganzen Süden vermessen und einteilen. Innerhalb weniger Monate war der gesamte Holz- und Wasserbestand der südlichen Bundesstaaten kartographisiert. Die Gemeinden hatten aufgrund der Rechtstitel, die ihren Besitz in Zukunft schützen würden, die Ländereien endlich erhalten.[25] M. Palafox sicherte den Gemeinden zu die Landverteilung so zu organisieren, wie es die Tradition eines jeden Dorfes vorsah; egal ob die Aufteilung genossenschaftlich oder in kleinen Parzellen erfolgen würde. Das gesamte Land, welches nicht an die Gemeinden verteilt wurde, beschlagnahmten die Zapatisten und erklärten es zu öffentlichem Besitz. Die Zuckerfabriken und Schnapsbrennereien wurden konfisziert. Ihre Erträge dienten der Finanzierung von Militärkrankenhäusern sowie der Versorgung von Witwen und Waisen.

Neben der Klärung der Landfrage wurden auch die politischen Strukturen radikal verändert. „Es entwickelten sich, alten Traditionen folgend, Dorfgemeinschaften und basis- demokratische Regierungsformen, die sich bis hinauf zur Distrikts- und bundesstaatlichen Ebene fortsetzten.“[26] Die politischen Vertreter sollten jeden Monat neu gewählt werden. Diese neu geschaffenen Formen der Verwaltung[27] bestanden bis in die Zwanziger Jahre.

[...]


[1] am 1. Januar 1995 trat Mexiko in die Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA) ein

[2] Vgl. Simmen Andreas (Hrsg.): Mexiko. Aufstand in Chiapas, Hamburg 1994, S.7.

[3] Die Regierung schickt 15000 Soldaten, Panzer, Flugzeuge und Militärhubschrauber in Richtung der Selva Lacandona, den Bergwald Chiapas.

[4] Gerneralkommando der EZLN: Heute sagen wir: Es reicht!, in Simmen Andreas (Hrsg.): Mexiko. Aufstand in Chiapas, Hamburg 1994, S.50.

[5] Indianische Ureinwohner Mexikos.

[6] Ebd., S.51.

[7] Vgl. Subcomandante Marcos: Beweist uns, daß es anders geht, in Topitas (Hrsg.): Ya basta! Der Aufstand der Zapatistas, Hamburg 1994, S.108.

[8] Vgl. Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.16.

[9] Vgl. Goldenberg Boris: Lateinamerika und die Kubanische Revolution, Köln 1963, S.87.

[10] Topitas (Hrsg.): Ya basta! Der Aufstand der Zapatistas, Hamburg 1994, S.11.

[11] Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.16f.

[12] Vgl. Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.20f.

[13] Vgl. Rimmek Manuela: Wer zum Teufel ist dieser Zapata?, in Topitas (Hrsg.): Ya basta! Der Aufstand der Zapatistas, Hamburg 1994, S.57.

[14] Dabei gab es mehr als 400 Tote.

[15] Vgl. Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.23.

[16] Das sind Vorstehende der jeweiligen Dörfer und Gemeinden.

[17] Vgl. Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.27-32.

[18] Vgl. Rimmek Manuela: Wer zum Teufel ist dieser Zapata?, in Topitas (Hrsg.): Ya basta! Der Aufstand der Zapatistas, Hamburg 1994, S.58.

[19] Das kam in den Augen der Bevölkerung einer Konterrevolution gleich.

[20] Vgl. Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.51-53.

[21] Vgl. Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.155-159.

[22] Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.56.

[23] Einige Jefes hatten sich inzwischen durch verlockende Angebote der Regierung angeschlossen.

[24] Vgl. Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.73-79.

[25] Vgl. Kampkötter Markus: Emiliano Zapata. Vom Bauernführer zur Legende, Münster 1996, S.85-88.

[26] Rimmek Manuela: Wer zum Teufel ist dieser Zapata?, in Topitas (Hrsg.): Ya basta! Der Aufstand der Zapatistas, Hamburg 1994, S.60.

[27] Sie wurden Comunas de Morelos genannt.

Details

Seiten
43
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638422512
ISBN (Buch)
9783638707329
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44705
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,0
Schlagworte
Chiapas Mexiko Guerilla Ejercito Zapatista Liberacion Nacional

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Titel: Chiapas, Mexiko: Die Guerilla 'Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional'  (EZLN)