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Die Funktion von Mode, Kleidung und Aussehen in Colettes "Chéri"

Hausarbeit 2018 17 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Einordnung
2.1. Rolle der Epoche für das Verständnis des Romans
2.2. Rolle der Kleidung und Mode in Gender Studies
2.3. Relevante Ansätze der Modetheorie
2.4. Rolle des Aussehens und Alters in einer Beziehung unter Berücksichtigung des gesamtgesellschaftlichen Kontexts

3. Fazit

4. Résumé

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit geht es um die Rolle der Mode und Kleidung in Colettes Roman Ch é ri. Die Handlung der ersten Ausgabe des Romans spielt im Jahr 19201 und deckt den Zeitraum der so genannten Belle Époque ab. Dieser 30-jährige Zeitraum um die Jahrhundertwende des 19. zum 20. Jahrhunderts, ist in Frankreich als eine Zeit des kulturellen und wirtschaftlichen Aufstiegs bekannt.2 Die Belle Époque wird mit der politischen und wirtschaftlichen Stabilität, Modernisierung und Kulturentwicklung assoziiert.3

In dieser Zeit fanden viele Ereignisse statt, welche die Mode nachhaltig beeinflussten : technischen Innovationen, Modernisierung der Lebensbedingungen, neue Kunstarten und neue Medien.4 All diese Aspekte die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Kunstentwicklung zuordnen lassen, finden sich aber auch in parallel dazu fortschreitenden Entwicklungen wie die der (Frauen-)Mode wieder.

Das 20. Jahrhundert hat somit gleich zu Beginn die bedeutendsten modischen Revolutionen hervorgebracht.5 Der Wandel der Frauenselbstidentifizierung auch in ihrer äußerlichen Form ist von dem Phänomen erster Frauenbewegungen nicht trennbar.6 Diesen Zeitwandel hat Colette hautnah miterlebt.7

Sidonie-Gabrielle Claudine Colette (1873-1954) ist als eine der bedeutendsten Autorinnen, Chronistin dieser Epoche und „ die Schriftstellerin des Entre-deux-guerres“8 bekannt:

Colette […] was throughout the brilliant chronicler of successive eras: from the Belle Époque to post - Occupation France through two world wars, the unsteady or fashionable thirties, changing sexual mores and fashions.9

Colette ist vor allem auch durch ihren Lebensstil bekannt. Sie wird zur Modeikone und prägt durch ihr Auftreten das Bild der modernen Frau.10 Im Einklang mit dieser Rolle ist ihr Beitrag zur Enttabuisierung der weiblichen Sexualität und Bisexualität zu sehen und nicht zu unterschätzen.11 Sie beschreibt in ihren Werken Schicksale von Frauen aus der Perspektive einer Frau:12 „Avec Colette, le lecteur entre de plain-pied dans un mundus muliebris désacralisé, démythifié.“13 Colette ist deswegen zweifellos ein wichtiger Bestandteil der Belle Époque, daher ist es für diese Arbeit besonders interessant die Frage nach der Rolle der Kleidung und Mode anhand des Romans von genau dieser Autorin zu untersuchen.

In dieser Arbeit wird einer der berühmtesten, von Colette verfassten, Romane in Hinblick auf Kleidung und Mode betrachtet. Der Theorie-Teil wird sich mit den Besonderheiten der Epoche, Ansätzen der Rolle der Mode in Gender Studies und Ansätzen der Modetheorie als solche, auch mit der Frage des Alters und des Aussehens in einer Beziehung befassen und aufgrund dieser theoretischen Grundlagen, die Hauptcharaktere und deren Einstellung zur Mode und Kleidung betrachten. Es wird analysiert welche Bedeutung diese Grundlagen für das Verständnis des Textes und dieser Epoche hat. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Hauptfiguren des Romans Léa de Lonval und Chéri gelegt. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Analyse in einer Zusammenfassung dargestellt.

2. Theoretische Einordnung

In den Theorie-Teilen werden für die Analyse wichtige Themengebiete aufgezeigt. In erster Linie wird die Epoche mit ihren wichtigsten Ereignissen dargestellt, die für das Verständnis der Mode der Zeit, in der sich der Roman abspielt, wichtig und relevant sind. Danach werden die Rolle der Mode und der Kleidung in den Gender Studies und einige relevante, daran anknüpfenden Ansätze der Modetheorie und das Beziehungsmodell der Hauptcharaktere des Romans aus einer psychologischen Perspektive präsentiert. Nachdem die theoretischen Grundlagen aufgezeigt wurden, ist es an dieser Stelle wichtig, diese mit den Besonderheiten der Hauptcharaktere und deren charakteristischem Modestil zu verknüpfen. Dazu werden die Charaktere: Léa, Chéri und Edmée in den Vordergrund gestellt.

2.1. Rolle der Epoche für das Verständnis des Romans

Für das Verständnis des Romans ist es wichtig diesen in die entsprechende Epoche einzuordnen. Diese Arbeit beleuchtet die Zeitspanne von ungefähr dreißig Jahren vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, also die so genannte Belle Époque, die Zeit in der die Kultur und die Wirtschaft blühte.14 So eine Sachlage führte zu einer mächtigen kulturellen Entwicklung. Unter anderen kulturellen Entwicklungen dieser Zeit in der Literatur und Kunst hat Mode als eine „angewandte Kunst“15 eine besondere Rolle gespielt.

Zu der Zeit, Ende 19. - Anfang 20. Jahrhundert, erlebt die Mode eine wichtige Wende, welche nicht nur eine bestimmte Façon des Kleides etablierte, sondern ein komplett neues Bild der Frau erschuf.16 Eine Ikone dieser Zeit war, zum Beispiel Coco Chanel: „[…] vor ihr - keine einzige der erfolgreichen Modeschöpferinnen sich nur annähernd so spektakulär als Künstlerin oder Gesellschaftslöwin inszenierte, wie es Männer taten.“17 Das Beispiel des Lebens und der Arbeit von Coco Chanel zeigt sehr anschaulich die Stärke des Aufstiegs von Frauenbewegung und Emanzipation in dieser Zeit.18 Coco Chanel hat um die Jahrhundertwende eine modische Revolution in Gang gebracht, die das komplette Verständnis der Mode, das vor dem 20. Jahrhundert existiert hatte, unwiderruflich verändert hat.19 Zu ihren Verdiensten lässt sich u.a. die Erfindung des Kurzhaarschnitts zählen. Darüber hinaus hat sie aber auch Frauen von dem Korsett befreit und eine körperfreundliche Form des Kleides sowie Elemente der Männerkleidung in der Mode integriert.20

Auf diesem Bild der modernen Frau lässt sich leicht die Autorin des in dieser Arbeit zu analysierenden Romans erkennen. Auf dem Foto von Henri Manuel21 steht Colette in einem Männeranzug, sie trägt kurze Haare und raucht eine Zigarette.

Eines der wichtigsten Ereignisse, welches zu dem Modebruch beigesteuert hat, ist der erste Weltkrieg: „Après la déclaration de guerre, la mode croit devoir faire silence, ou du moins se recycler: les femmes s'inventent des toilettes qui jouent l'uniforme.“22 Diese militärisch anmutende Mode der Nachkriegszeit verändert die visuelle Zeichensprache der Kleidung und prägt eine neue Frauenidentität: „Sie visualisierte die Existenz der arbeitenden, dynamischen und selbständigen jungen Frau, die — sogar in der Kleidung — ihren ʼMannʼ stand.“23 Diese Zeit und diesen Umbruch hat Colette hautnah miterlebt und in ihren Werken übermittelt. Deswegen ist für das Verständnis der Mode die Einordnung in die Epoche an dieser Stelle so wichtig, um über die Rolle der Kleidung in diesem Roman sprechen zu können.

Kleidungsstile von Léa und Edmée unterscheiden zwei Epochen, die durch die Autorin skizziert werden. So ist es möglich, durch Mode nicht nur fiktive Geschlechterrollen zu erschaffen, sondern wie im Roman gezeigt mit Hilfe dieser Charakteristika ganze Epochen zu repräsentieren.

Der Wandel der Epochen ist eng verknüpft mit dem Wandel der beiden Figuren Lea und Edmée in Chéri's Wahrnehmung. Chéri erkennt während der Handlung des ersten Teils Ch é ri und des zweiten Teils La Fin de Ch é ri des Romans, welcher 6 Jahre später publiziert wurde, die grundlegende Entwicklung der Edmée und Léa. Diese Auffälligkeiten werden von der Autorin durch die Mode als zentrales Stilmittel verdeutlicht. So wird deutlich, dass Léa im Verlauf des Romans für die alte Epoche (Belle Époque) steht und Edmée die neue Epoche nach Beendigung des ersten Weltkriegs darstellt. Denn so gravierend wie der Wandel der Mode im Übergang der Epochen ist auch die Entwicklung der Edmée. Sie wird von einer jungen, kindlich wirkenden Frau, von einer „jeune fille, muette et docile“24 mit „un timbre […] faible, aimable“25, zu einer modernen, aufgeschlossenen und selbstständigen Frau, die berufstätig ist und Kurzhaarschnitt trägt. Dem gegenübergestellt wirkt alles was Léa ausmacht:

À quarante-neuf ans […] Léa […] finissait une carrière heureuse de courtisane bien rentée, […]. Elle cachait la date de sa naissance; […] aimait l'ordre, le beau linge, les vins mûris, la cuisine réfléchie. Sa jeunesse de blonde adulée, puis sa maturité de demi-mondaine riche n'avaient accepté ni l'éclat fâcheux, ni l'équivoque, et ses amis se souvenaient d'une journée de Drags, vers 1895, où Léa répondit au secrétaire du Gil Blas qui la traitait de "chère artiste" […]. Ses contemporaines jalousaient sa santé imperturbable, les jeunes femmes, que la mode de 1912 bombait déjà du dos et du ventre, raillaient le poitrail avantageux de Léa,— celles-ci et celles-là lui enviaient également Chéri.26

Léa's Stil, ihr Interieur, ihr Lebensstil, ihr Haus, ihr Beruf und auch ihre Kleidung sowie der Versuch die irreversible Vergangenheit aufrecht zu erhalten und sich dem Wandel der Zeit zu verschließen. Das zeigt sich im Roman auch dadurch, dass Léa in den Augen von Chéri ein Ideal einer Frau bleibt, aber im Laufe der Handlung zur Belle Epochischen Vergangenheit wird.

Edmée hingegen entwickelt sich, von einem anfangs jungen, fast wie ein Kind wirkenden und kaum zu Wort kommenden Mädchen, die Chéri beschreibt „Elle m'aime. Elle m'admire. Elle ne dit rien.“27 zu Chéri's Zukunft. Edmée soll also das neue, moderne Bild einer Frau repräsentieren, dass auch im Leben der Autorin eine große Rolle spielt.

2.2. Rolle der Kleidung und Mode in Gender Studies

Der zuvor geschilderte Wandel innerhalb der Epochen, welche sich auch durch die vorgestalten Charaktere dargestellt wird, lässt sich ebenso in der Rolle der Kleidung wiederfinden. Eine strikte Geschlechterhierarchie war gleichzusetzen mit strikten Regeln, was Frauen und Männer anziehen.28 Das war vor allem in den Epochen relevant, in denen die Geschlechterordnung sehr stark und unveränderbar war.29 Jedes der beiden Geschlechter hat eine eigene dem entsprechenden Geschlecht zugewiesene Rolle, die nicht in Frage gestellt wird.30

Diese Rollen waren unter anderem auch durch Kleidung manifestiert und eine Abweichung von dieser Norm war nicht denkbar und gar im gesellschaftlichen Verständnis verboten.31 Diese Normen wurden nicht nur von der Gesellschaft diktiert, sondern waren auch durch religiöse Konventionen fundamentiert und Abweichungen davon als nicht gottgefällig anerkannt: „Eine Frau soll nicht Männersachen tragen, und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen; denn wer das tut, der ist dem Herrn, Deinem Gott, ein Gräuel.“32

Auch die Tatsache, dass Männer als das stärkere Geschlecht gelten, führt dazu, dass die Verkleidung als Frau negativ konnotiert wird.33 Die Verkleidung von Frauen als Männer wird als gefährlich bewertet und wird als Versuch gewertet, dadurch für sich männliche Privilegien zu gewinnen.34 Kleidung gehört also zu den wichtigsten Instrumenten von Geschlechterdarstellung.35

[...]


1 Vgl. Sartori, Eva Martin: French women writers: A bio-bibliographical source book. New York: Greenwood Press, 1991, S. 80.

2 Vgl. Grimm, Jürgen, & Arend, Elisabeth: Französische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler, 2014, S. 291.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Vgl. Lehnert, Gertrud: Mode: Theorie, Geschichte und Ä sthetik einer kulturellen Praxis. Bielefeld: Transcript Verlag, 2013, S. 41.

6 Vgl. Holmes, Diana: A "Belle Epoque"?: Women in French Society and Culture, 1890 - 1914. New York: Berghahn Books, 2006, S. 24.

7 Vgl. Sartori, S. 82.

8 König, Alexandra: Litt é rature f é minine? Französische Romanautorinnen der dreißiger Jahre. München: Martin Meidenbauer, 2005, S. 11.

9 Ebd.

10 Vgl. Fortassier, Rose: Les é crivains fran ç ais et la mode: De Balzac à nos jours. Paris: Presses Univ. de France, 1988, S. 179.

11 Vgl. Sartori, S.82.

12 Vgl. Grimm, S.299.

13 Holmes, S.169.

14 Vgl. Fisch, Jörg: Europa Zwischen Wachstum Und Gleichheit: 1850 - 1914. Stuttgart: Ulmer, 2002. S. 327.

15 Lehnert, Gertrud: „Mode, Weiblichkeit und Modernität“, in: Mode, Weiblichkeit und Modernität. Dortmund: Ebersbach, 1998. S. 10.

16 Lehnert, Gertrud: Frauen machen Mode: Coco Chanel, Jil Sander, Vivienne Westwood u.a.m.; Modeschöpferinnen vom 18. Jahrhundert bis heute. Dortmund: Ed. Ebersbach, 1998, S.67.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Vgl. Lehnert, 1998, S. 67.

21 Vgl. Hanefeld, Sven Magnus: Geschichte der Fashion & Beauty Photographie: Das 19. Jahrhundert. Bremen: Hanefeld Media, 2017, S. 256.

22 Fortassier, S. 175.

23 Drost, Julia: La Gar ç onne: Wandlungen einer literarischen Figur. Göttingen: Wallstein, 2003, S.232.

24 Colette: Ch é ri.1920 Paris: Le Livre de Poche, 2016, S. 23.

25 Ebd. S. 20.

26 Colette, S. 11-12.

27 Colette, S. 54.

28 Vgl. Lehnert, Gertrud: Wenn Frauen Männerkleider Tragen: Geschlecht Und Maskerade in Literatur Und Geschichte. München: Dt. Taschenbuch-Verl., 1997, S. 14.

29 Ebd.

30 Ebd.

31 Ebd.

32 5 Mose 22,5: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung: https://www.bibleserver.com/text/LUT/5.Mose22%2C13 (11.04.2018, 19:19).

33 Vgl. Lehnert, 1997, S. 20.

34 Ebd., S. 21.

35 Ebd., S. 26.

Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668829565
ISBN (Buch)
9783668829572
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v446901
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für romanische Sprachen und Kulturen
Note
1,3
Schlagworte
Colette Cheri Mode

Autor

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