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Friedhofsbedienstete in der Verwaltung und vor Ort. Ein Vergleich von Berufsrollen

Magisterarbeit 2004 86 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesellschaftlicher Kontext: Die soziale Institution Friedhof im Wandel

3. Theoretischer Teil
3.1 Der Rollenbegriff
3.1.1 Ralf Dahrendorfs Aufsatz „Homo Sociologicus“
3.1.2 Ergänzungen des Rollenbegriffs
3.2 Beruf und Berufsrolle
3.2.1 Der Beruf
3.2.2 Die Berufsrolle
3.3 Vorder- und Hinterbühne

4. Analyse der vorliegenden Interviews
4.1 Informationen zu den untersuchten Friedhöfen und ihren Bediensteten
4.1.1 Friedhof A
4.1.2 Friedhof B
4.1.3 Friedhof C
4.1.4 Friedhof D
4.2. Strukturaspekt
4.2.1 Aufgabenverteilung bei Friedhof A
4.2.2 Aufgabenverteilung bei Friedhof B
4.2.3 Aufgabenverteilung bei Friedhof C
4.2.4 Aufgabenverteilung bei Friedhof D
4.2.5 Aufgabenstrukturierung auf dem Friedhof
4.3 Funktionsaspekt
4.3.1 Die Berufsrolle der Friedhofsbediensteten in der Verwaltung
4.3.2 Die Berufsrolle der Friedhofsbediensteten vor Ort
4.3.3 Vergleich der untersuchten Berufsrollen

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Friedhöfe dienen der Bestattung der Verstorbenen und der Trauer-bewältigung der Lebenden.

Darüber hinaus werden sie als Orte der Ruhe, Erholung und Begegnung genutzt, was vor allem in der Großstadt einen wichtigen Freizeitaspekt darstellt. Durch die Bewahrung der Zeugnisse vergangener Kunst- und Handwerksformen bilden sie außerdem Kulturstätten, die Vergangenes dokumentieren. Aber auch die Natur kommt hier zu ihrem Recht. Insofern decken Friedhöfe ein breites Spektrum ab, das als Bestandteil des urbanen Lebens unbedingt zu erhalten und zu entwickeln ist.“ (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin 2003, S.1[1] ).

An diesem Zitat erkennt man, dass der Friedhof viele Funktionen erfüllt. Weil Friedhöfe eine kulturelle Einrichtung sind, auf der auch soziale Interaktion stattfindet, soll der Friedhof in dieser Arbeit als «soziale Institution» bezeichnet werden.

Der Friedhof ist, wie oben genannt, ein Ort der Begegnung. Wenn man ihn als solchen bezeichnet, hat man oft nur die Besucher vor Augen, die miteinander agieren.

In dieser Arbeit soll es jedoch um die Personen gehen, die den Friedhof verwalten, bzw. um diese, die vor Ort auf diesem Gelände arbeiten. Für diese Personen ist die soziale Institution Friedhof ein Arbeitsfeld.

Betrachtet man die Literatur zu thanatopraktischen Berufsfeldern, so fällt auf, dass diese Berufsgruppen bisher nicht oft betrachtet wurden.

Als Grundlage für die Analyse und den Vergleich der Berufsrollen von Friedhofsbediensteten in der Verwaltung und Friedhofsbediensteten vor Ort liegen mir qualitative Interviews vor, die Gerhard Schmied in Zusammenarbeit mit Michael Gluch, Simone Juvan und Kristina Köhler im Zeitraum 1999/2000 geführt hat.

Es liegen 5 Interviews mit Friedhofsbediensteten in der Verwaltung und 8 Interviews mit Friedhofsbediensteten vor Ort vor.

Die Interviews wurden im Rahmen der von der Deutschen Forschungs-gesellschaft geförderten Studie: „Der Friedhof. Soziale Funktionen eines Ortes der Trauerarbeit“ geführt. Vier Friedhöfe wurden in dieser Studie untersucht.

In seinem Buch „Friedhofsgespräche. Untersuchungen zum «Wohnort der Toten»[2] “, indem er unter anderem auf die, im Rahmen der oben genannten Studie ebenfalls durchgeführten Interviews mit Friedhofsbesuchern Bezug nimmt, sagt Schmied über die Menge der untersuchten Friedhöfe und die Vorgehensweise bei der Studie:

„Wir haben vier Friedhöfe näher angeschaut, auf diesen vier Friedhöfen haben wir uns oft aufgehalten. Wir haben Friedhofsbedienstete und Friedhofsbesucher befragt, wir haben eine Reihe von Gräbern beschrieben und Anlage wie wichtige Details der Friedhöfe analysiert. Vier Friedhöfe sind angesichts der ungeheuren Menge von Friedhöfen nicht viel. Aber wir haben sie herausgegriffen und sie sozusagen unter das Mikroskop gelegt, sie genauestens betrachtet und viele Details erfasst, die sonst unbeachtet bleiben.“ (Schmied 2002, S. 15).

In dieser Arbeit soll folgendermaßen vorgegangen werden, um die Berufsrollen von Friedhofsbediensteten in der Verwaltung und denen vor Ort zu erfassen und zu vergleichen:

Zunächst soll auf den gesellschaftlichen Kontext eingegangen werden. Die soziale Institution Friedhof und ihr Wandel in der modernen Gesellschaft wird hierzu in Punkt 2 betrachtet.

Anschließend wird im Punkt 3 die theoretische Grundlage für die Analyse der vorliegenden Interviews gelegt. Der Rollenbegriff wird zunächst anhand von Ralf Dahrendorfs Werk „Homo Sociologicus“ erläutert. Nach Ergänzungen von Dahrendorfs Rollenbegriff sollen die Begriffe des Berufs und damit der Berufsrolle betrachtet werden. Den Theorieteil schließt eine Vorstellung der Begriffe Vorder- und Hinterbühne nach Erving Goffman, ab. Bei der im 4. Punkt folgenden Analyse der vorliegenden Interviews werden zunächst Informationen zu den untersuchten Friedhöfen und ihren Bediensteten gegeben. Danach erfolgt die Analyse des Strukturaspekts, bei der die Aufgabenverteilungen auf den einzelnen Friedhöfen betrachtet werden. Bei der Analyse des Funktionsaspekts werden die Berufsrolle der Friedhofsbediensteten in der Verwaltung und die der Friedhofsbediensteten vor Ort zunächst einzeln betrachtet, anschließend wird ein Vergleich der Berufsrollen vorgenommen. Der 5. Punkt enthält die Schlussbetrachtung.

Die Arbeit hat das Ziel, die Berufsrollen von Friedhofsbediensteten in der Verwaltung und Friedhofsbediensteten vor Ort darzustellen und sie zu vergleichen.

Da es sich um eine soziologische Arbeit handelt, kann eine Einordnung der Ergebnisse der Analyse in den gesellschaftlichen Kontext nicht fehlen.

Der, wie oben genannt im 2. Punkt vorgestellte, gesellschaftliche Kontext soll dann in der Schlussbetrachtung mit den Ergebnissen der Analyse in Zusammenhang gebracht werden.

2. Gesellschaftlicher Kontext: Die soziale Institution Friedhof im Wandel

Bei der Betrachtung des Friedhofs als soziale Institution, lässt sich die Thematisierung des Todesverständnisses in der modernen Gesellschaft nicht umgehen.

Viele Autoren in der Soziologie vertreten bezüglich dieses Themas die These der Todesverdrängung in der modernen Gesellschaft[3].

Gerhard Schmied widerspricht der Todesverdrängungsthese, indem er anmerkt:

„Der seltene Tod hat weitere Auswirkungen vor allem auf das Verhalten der Menschen, und zwar sowohl derer, die das Sterben durchleiden, als auch derer, die als Angehörige das Sterben eines der Ihren miterleben müssen. Sterben wie Begleitung von Sterbenden wird nicht mehr eingeübt, und über den damit verbundenen Preis, der für das an sich positive Datum des seltenen Sterbens gezahlt werden muss, wird noch zu handeln sein. Was selten vorkommt und, dies vor allem, was einen selten zutiefst anrührt, ist selten Gegenstand der Reflexion und Kommunikation. Dies ist der Grund warum Sterben als einer der existentiell bedeutsamen Vorgänge so wenig thematisiert wird. Denn wenn die Menschen heute von einem Trauerfall betroffen sind oder selbst dem Tode nahe sind, beschäftigen sie sich in der Regel damit und reden darüber. Das musste selbst John Okoro feststellen, der eine Verdrängung des Todes annimmt. Ich kann mich daher der Auffassung vieler Kulturkritiker, der Tod werde «tabuisiert» oder – in der Sprache der Psychoanalyse «verdrängt», nicht anschließen.“ (Schmied 1985, S. 32[4] ).

Der Tod ist im realen Leben zwar seltener geworden, verdrängt wird er deshalb jedoch nicht. Dafür spricht unter anderem seine Überrepräsentanz in den Medien. Die paradoxe Situation des Todes in der modernen Gesellschaft beschreibt Hanne Tögel, wenn sie sagt:

„Der Tod tritt in der modernen Gesellschaft in einer seltsamen Doppelrolle auf. Einerseits als irritierender Dauergast. Eine obszöne Prozession zweidimensionaler Leichen drängt sich ungefragt ins Leben: Attentats-, Kriegs-, Flut-, Dürre- und Erdbebenopfer, Drogen- und Aidstote, zerfetzte, verbrannte, zerstückelte Körper in jeder Nachrichtensendung, in jeder Tageszeitung. Als Zugabe folgt die Parade nur auf Zeit erschossener, erdrosselter, vergifteter Spielfilm- und Serienhelden.

Aus dem wirklichen dreidimensionalen, gefühlten Leben hat sich der Tod dagegen zurückgezogen. Der Anblick eines realen Leichnams ist aus guten Gründen seltener geworden. Weil die Kindersterblichkeit gesunken und die Lebenserwartung gestiegen ist.“ (Tögel 2003, S. 183[5] ).

Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts war der Tod im Abendland ein Ereignis, welches unter Umständen eine ganze soziale Gruppe betraf:

„Noch zu Beginn des 20.Jahrhunderts, etwa bis zum Ersten Weltkrieg, veränderte im gesamten Abendland lateinischer, katholischer oder protestantischer Prägung der Tod eines einzelnen Menschen auf feierliche Weise den Raum und die Zeit einer sozialen Gruppe, die eine ganze Gemeinde umfassen konnte, zum Beispiel ein ganzes Dorf. Man schloss die Vorhänge im Zimmer des Sterbenden, zündete Kerzen an, sprengte Weihwasser aus; das Haus füllte sich mit Nachbarn, Angehörigen und Freunden, die im Flüsterton sprachen und sich ernst und gemessen benahmen. Die Totenglocke erklang in der Kirche, von wo aus sich dann die kleine Prozession mit dem Corpus Christi in Bewegung setzte…

Wenn der Tod eingetreten war, wurde eine Traueranzeige an der Haustür angeschlagen (ein Brauch, der die alte, bereits nicht mehr übliche Aufbahrung des Leichnams vor der Haustür ersetzte). Durch die halboffene Tür, den einzigen Zugang des Hauses, der nicht verhüllt und verschlossen war, traten all jene ein, die durch Freundschaft oder Anstand zu einem letzten Besuch verpflichtet waren. Der Gottesdienst in der Kirche versammelte die ganze Gemeinde, einschließlich der Nachzügler, die das Ende des Totenamtes abwarten mussten, bis sie vortreten durften, und nach dem langen Defilee der Kondolierenden geleitete ein langsamer, von den Straßenpassanten ehrerbietig gegrüßter Trauerzug den Sarg zum Friedhof. Das war aber noch nicht alles. Die Trauerzeit war mit Besuchen ausgefüllt: Besuche der Familie auf dem Friedhof, Besuche der Angehörigen und Freunde bei der Familie… Danach, ganz allmählich, nahm das Leben wieder seinen gewohnten Gang, und es blieben nur noch die Besuche auf dem Friedhof. Die soziale Gruppe war vom Tode angerührt worden und hatte kollektiv reagiert, angefangen bei den nächsten Familienangehörigen und weiter ausgreifend bis zum größeren Kreis der Freunde, Bekannten und Kunden. Nicht nur starb jedermann öffentlich wie Ludwig XIV.; der Tod eines jeden war auch ein öffentliches Ereignis, das die gesamte Gesellschaft im doppelten Sinne, wörtlich und übertragen, «bewegte»: nicht nur ein einzelner war dahingegangen, sondern die Gemeinschaft als ganze war getroffen und musste nun ihre Wunde heilen.“ (Ariès 2002, S. 715 f.[6] ).

Heute ist der Tod kein so ritualisiertes und öffentliches Ereignis mehr. Die Hinterbliebenen müssen sich mit ihrer Trauer weitgehend alleine arrangieren. Dennoch gibt es auch in der heutigen Zeit noch Rituale bezüglich des Todes, deren entlastende Funktion für die Hinterbliebenen nicht zu unterschätzen ist. In diesem Zusammenhang ist vor allem die Beisetzung zu nennen, über die Schmied sagt:

„Häufig erlebt der Hinterbliebene die Beisetzung in der Apathie der Eingangsstufe […]. Vorbereitungen für die Beisetzung können aber auch aus der Apathie herausführen, da der Trauernde – trotz der Spezialinstitution, deren Dienste gewöhnlich in Anspruch genommen werden – aktiv werden muss.

Das Begräbnis beinhaltet einen öffentlichen Ausdruck der Tot-Erklärung, der besonders Hinterbliebenen, die den Tod nicht wahrhaben wollen, die Endgültigkeit dieses Faktums vor Augen führt. Das allerdings ist selbstverständlich auch eine Belastung, die besonders die Gesundheit beeinträchtigen kann; W. Dewi Rees berichtet sogar von Todesfällen am offenen Grab. In der Teilnahme werden die Bande zu Verwandten, Bekannten und Nachbarn sichtbar und Verpflichtungen in diesem Rahmen bewusstgemacht.

In der Sitz- und Prozessionsordnung wird der Grad der Nähe zum Verstorbenen deutlich. […]

Die Ausgestaltung der Beisetzung kann Schuldgefühle gegenüber den Toten abtragen helfen. Das muss trotz oft nicht eindeutig seriöser Praktiken von Bestattungsinstituten festgestellt werden.

Implizit ist diesen Aufführungen, das soll offengelegt sein, ein Plädoyer gegen die allzu schlichte oder gar formlose Beisetzung. Ebenso scheinen mir durch die derzeit fast als Mode zu bezeichnende «Beisetzung in aller Stille», an der nur noch die engsten Verwandten und Freunde des Verstorbenen teilnehmen, Chancen der Bewältigung des Verlusts vergeben zu werden. Zwar ist diese Art der Beisetzung durchaus eine logische Fortführung der Zentrierung auf die engere Familie. Aber es ist auch eine Kapitulation vor gesellschaftlichen Zuständen, durch die der einzelne auf seinen engsten Kreis und oft auf sich allein verwiesen wird.“ (Schmied 1985, S. 170).

In Deutschland wird das Ritual der Beisetzung in der Regel auf dem Friedhof durchgeführt[7], an dem die Spuren der Zeit nicht vorübergehen. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung ist der Friedhof zu einem der zentralen Funktionsbereiche der in Bezug auf den Tod stattfindenden sozialen Handlungen geworden.

„In den Prozessen zunehmender Arbeitsteilung und des Funktionsverlusts der Institution Familie haben Friedhof und Bestattungsgewerbe den Charakter eigener Funktionsbereiche gewonnen. Der Gegensatz zur ehemals diffus wirkenden und geltenden Sitte ist nicht zu übersehen. Die sozialen Aktivitäten, die sich auf den Tod beziehen und bei einem Todesfall sich notwendig aktualisieren, sind diesen Funktionskreisen mit einiger Ausschließlichkeit übertragen worden. Zugleich aber sind diese Funktionskreise gegen die übrige Gesellschaft durch Vorbehalte und Ausnahmenormen relativ abgeschlossen. In ihnen haben sich heute die meisten mit einem Todesfall verknüpften Handlungen zusammengezogen.“ (Fuchs 1973, S. 167[8] ).

Norbert Fischer spricht aufgrund des Übergangs der thanatopraktischen Handlungen vom familiären Bereich in den öffentlichen Bereich auch von einer «Enteignung des Todes»:

„Für den einzelnen haben die skizzierten Entwicklungen zu dem geführt, was man als Enteignung des Todes bezeichnen kann. Die Verfügungsgewalt über den Tod wurde an jene technokratisch oder kommerziell orientierten Instanzen abgegeben, deren Spezialisten den Tod als Ganzes nicht wahrzunehmen pflegen. Aus einem einst als rätselhaft betrachteten und vielgedeuteten Geschehen ist im Verlauf der Moderne ein praktisches und delegierbares, unzeremoniell geregeltes Problem geworden.“ (Fischer 1997, S. 20 f.[9] ).

Die oben von Schmied genannte Entwicklung im Bereich der Beisetzungen gliedern sich in eine Reihe von Veränderungen ein, die die soziale Institution Friedhof in der modernen Gesellschaft einem permanenten Wandel unterziehen.

Der Friedhof ist ein eigener Bereich, der vom Rest der Gesellschaft oft lokal separiert ist, die Toten jedoch in sie integriert:

„Der Friedhof ist der Wohnort der Toten und vom Bereich der Lebenden geschieden. Wie eine Stadt eigener Art ist der sakrale Bereich durch Mauern, Hecken und Zäune vom profanen Bereich äußerlich getrennt. In einem besonderen Verfahren der Zuschreibung wird das Friedhofsgelände ausdrücklich vom profanen Boden abgehoben und seinem sakralen Zweck geweiht oder gewidmet. Die Rückgängigmachung dieser Zuschreibung heißt konsequent «Entwidmung» oder «Säkularisation».

Separiert ist der Friedhof weiter durch spezielle Vorschriften, die hier nur gelten: bestimmte Verhaltensweisen des alltäglichen Lebensstils sind hier nicht gestattet, andere dagegen geboten. Die ausführliche Kasuistik der Friedhofsordnungen, die Detailliertheit etwa auch der Vorschriften und Regelungen bei der Erstellung eines Grabmals und anderer Handlungen, die alle vorgeblich die «Andacht» der Friedhofsbesucher schützen wollen, bezeugen in ihrer Zwanghaftigkeit den Tabucharakter des Friedhofs. Dass der Friedhof noch heute Abwehrfunktionen hat, mag eine neuere Definition seiner Funktionen verdeutlichen: «Friedhöfe sind öffentliche Einrichtungen. Sie dienen der Bestattung menschlicher Leichen und damit der Abwehr von Gefahren, welche der öffentlichen Ordnung andernfalls in gesundheitlicher, sittlicher und religiöser Beziehung drohen würden …»

Die Existenz dieses Sakralbereiches inmitten der profanen Gesellschaft, separiert und dennoch integriert, stellt die fortdauernde, wenngleich eingeschränkte und umfriedete Anwesenheit der Toten in der Gesellschaft der Lebenden dar.“ (Fuchs 1973, S. 146 f. ).

Der sakrale Charakter des Friedhofs ist jedoch zurückgegangen:

„An dieser Beschreibung des Friedhofs als heilig-schreckendem Bezirk müssen aber doch einige Korrekturen vorgenommen werden. Die durch die Urbanisierung und Entfaltung der Verkehrsmittel und Verkehrswege bedingte städtische Raumplanung relativiert die Autonomie des Friedhofs in mancher Weise. Dringenden Erfordernissen der Verkehrsplanung und Stadtplanung wird der Friedhof gewiss weichen müssen. Ja, es hat den Anschein, als ginge das Gelände des Friedhofs in die Planungen der Gartenarchitekten und Städtebauer von vornherein als «grüne Lunge» der Großstadt ein: «Mit den zunehmenden Aufgaben der Grünpolitik ist die Bedeutung des Großstadtfriedhofes als Grünfläche erheblich gewachsen. Wertvolles Gelände kann in unserer Zeit nur in seltenen Fällen für Parkanlagen freigegeben werden; so müssen unsere Friedhöfe einen Ersatz bieten und zu gern besuchten Stätten der Erholung und Betrachtung werden… »Mit solchen Argumenten hat in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts in Deutschland die Bewegung zum Friedhof als Garten und Park gewonnen, die sich weitgehend durchgesetzt und die Gestalt der heutigen Friedhöfe bestimmt hat. Insbesondere alte Leute suchen häufig Friedhöfe auf, aber nicht [nur] zum Zwecke der Kommunikation mit den Toten, sondern als Refugium vor dem Lärm der Straßen und Kinderspielplätze. Darin, in der administrativ gesetzten Nähe von Friedhof und Parkanlage, hat der Friedhof seinen Charakter als Sakralbereich verloren.“ (Fuchs 1973, S. 148 f.).

Es fand also eine Profanation des Friedhofes statt. Dieser Vorgang hängt mit dem gesellschaftlichen Prozess der Säkularisierung zusammen, der sich in Bezug auf Verwaltung und Anlage für die Institution Friedhof seit Mitte des 18. Jahrhunderts bemerkbar machte.

„Die Verlegung der Friedhöfe aus den Städten zwischen 1750 und 1850 bedeutete zum einem das Ende der alten «kultischen Einheit von Begräbnisort und Kirche» […] Zum anderen ging damit verstärkt die Einrichtung und Verwaltung von Friedhöfen von kirchlichen auf weltliche Träger über – eine Entwicklung, die bereits seit der Reformation begonnen hatte. […]

Mit der Säkularisierung verstärkte sich die seit der Reformation eingetretene Bürokratisierung des Bestattungswesens. An Stelle der alten kanonischen Vorschriften und der christlichen Tradition wurde die Bestattung und Unterhaltung der Friedhöfe als eine politische und hygienische Angelegenheit der weltlichen Gemeinde. Mit der Kommunalisierung des Friedhofswesens wandelte sich auch das zwischen Friedhofsverwaltung und - benutzer bestehende bisherige bürgerlich-rechtliche Verhältnis in ein öffentlich-rechtliches. Mit der damit voraus- und einhergehenden Entmythologisierung des Todes erfolgte schließlich seit den Gründerjahren auch dessen Kommerzialisierung: Außer für Dienstleistungen wurden auch für die Nutzungsrechte am Grab Entgelte erhoben- eine Entwicklung, die bis heute anhält und zu einem eigenen Erwerbszweig geführt hat. Bei der Beerdigung standen und stehen häufig weniger kultische als vielmehr gesundheitliche oder kommerzielle Gesichtspunkte im Vordergrund. […] Nach dem Grundgesetz obliegt die Gesetzgebung über das Bestattungswesen mit wenigen Ausnahmen den Ländern, die in jeweiligen Landes –Bestattungsgesetzen die Anlage und den Unterhalt von Friedhöfen den politischen Gemeinden oder anderen juristischen Personen des öffentlichen Rechts, d.h. den Kirchen, unter staatlicher Aufsicht übertragen haben. Dabei gibt es einen Bestattungszwang auf öffentlichen Friedhöfen, von dem nur in begründeten Ausnahmefällen abgesehen werden kann.

Die jeweiligen Träger von Friedhöfen regeln in eigenen Friedhofssatzungen die einzelnen Modalitäten wie Aufteilung des Friedhofs oder Vergabe der Gräber, bei der jedoch pekuniäre Gesichtspunkte eine wichtige Rolle spielen.“ (Feiber 2003, S. 1/3/5[10] ).

Die jeweiligen Friedhofssatzungen der Träger enthalten vor allem folgende Punkte:

„Geltungsbereich (in der Regel: Friedhof der Kommune), Friedhofszweck (Bestattung, Pflege, Charakterisierung der Personen, die bestattet werden können), Schließung und Entwidmung, Öffnungszeiten, Verhalten auf dem Friedhof (etwa Verbot, Tiere mitzubringen), gewerbliche Betätigung, vor allem von Steinmetzen und Gärtnern, Bestimmungen zur Bestattung (Anmeldung, Sarg, Benutzung der Leichenhalle, Details der Trauerfeier, Grabtiefe), zur Ruhezeit, zu Umbettungen, Art der Grabstätten, Gestaltung des Grabs, insbesondere des Grabmals, Pflege, aber auch Gebühren sowie Geldbußen bei Verstößen gegen die Friedhofssatzung.“ (Schmied 2002, S. 135)

Auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse hatten Einfluss auf Anlage und Gestaltung der Friedhöfe:

„Nach der Wende zum 19. Jahrhundert wurde diese Debatte über die Friedhofsgestaltung auf breiter Grundlage fortgeführt. […]

Hauptsächlich in der unter Ärzten geführten Diskussion wurden hygienische und gesundheitliche Bedenken gegenüber bisherigen Bestattungsformen geäußert. Erst der Verlust des kultischen Bezuges und der ganze oder zumindest teilweise Übergang des Bestattungswesens von kirchlichen auf kommunale Träger schufen die Voraussetzungen, dass am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Friedhöfe nach zeitgemäßen hygienischen Maßstäben eingerichtet werden konnten. Noch um die Jahrhundertwende hatten die nach heutigen Maßstäben notwendigen hygienischen Grundvoraussetzungen bei der Bestattung gefehlt. In der Regel gab es weder gesetzliche Ruhefristen noch Bestimmungen über Grabgrößen oder -tiefen bzw. wurden entsprechende Vorschriften nicht eingehalten. […] Der naturwissenschaftliche Fortschritt wirkte sich auch auf Anlage und Gestaltung von Friedhöfen aus. Einerseits wurden hierbei durch den wissenschaftlichen Fortschritt in der Chemie die von den innerstädtischen Kirchhöfen ausgehenden Gefahren für Luft und Grundwasser seit Mitte des Jahrhunderts zunehmend in Frage gestellt und relativiert. Andererseits wurden die Kenntnisse von Bodenbeschaffenheit zunehmend genauer und bei der Anlage neuer Friedhöfe genutzt; die Ruhezeiten richteten sich nach dem Boden.“ ( Feiber 2003, S. 2).

Dem, durch die gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Bewegungen veränderten, Charakter des Friedhofs trägt Schmied in seiner neutralen Definition von Friedhöfen Rechnung, die er im Vorwort seines Buches «Friedhofsgespräche. Untersuchungen zum „Wohnort der Toten“» nennt:

„In diesem Buch geht es um Friedhöfe als Arrangements von Gräbern. «Friedhof» meint einen «umfriedeten Platz». Die Toten haben einen fest umgrenzten Ort. Damit ist ein relativ neutraler Begriff für den allgemeinen Begräbnisort geprägt, es schwingt nichts von der Aura des Ehrwürdigen oder auch Schauerhaften mit, die oft mit dem Friedhof verbunden wird.“ (Schmied 2002, S. 7).

An der Funktion des Friedhofs als soziale Institution, auf der die Toten «untergebracht» werden und die Lebenden diese betrauern, sowie kommunizieren und flanieren können, hat sich in den letzten 150 Jahren wenig geändert (Schmied 1985, S. 184).

„Allerdings sind zwei neue Trends der Friedhofsgestaltung zu vermerken, die mit den Begriffen «Klassenlosigkeit» und «Sprachlosigkeit»

charakterisiert werden sollen.“ (Schmied 1985, S. 184).

Der Trend der Klassenlosigkeit auf den Friedhöfen ist auf die Kommunalisierung des Friedhofswesens zurückzuführen:

„In der Bundesrepublik Deutschland sind Kommunen und Religionsgemeinschaften die Träger von Friedhöfen. Dadurch ist eine «regionale Vielfalt» in der Friedhofsgestaltung möglich, die allerdings dadurch abgeschwächt wird, dass sich die für die Friedhöfe erlassenen Satzungen an wenigen Mustersatzungen orientieren. Durch die Satzungen wird innerhalb der Friedhöfe ein sehr einheitliches Bild hervorgebracht. Eine weitgehende Übereinstimmung herrscht in der Klassifikation der Gräber. […] Für jede der Grabformen ist in der Regel vorgeschrieben: Länge, Breite und Tiefe des Grabes, oft auch die Höhe des Grabhügels, die Art der Einfassung des Grabes, zulässige Materialien und Bearbeitungsweisen des Grabzeichens (Grabmals), dessen Maximalhöhe sowie die Liegezeit der Toten. Ein Ausweichen aus diesem Rahmen ist schwer möglich. […] Innerhalb der geltenden Vorschriften sind schon noch Differenzierungen möglich, und sie kommen auch vor. Aber insgesamt ist doch eine starke Uniformität auf den Friedhöfen zu beobachten. Differenzierung bleibt hier meistenteils, um einen Begriff von David Riesman zu gebrauchen «Oberflächendifferenzierung» («marginal differentiation»), die z.B. in Farbe und Form des Grabsteins, Art des gewählten Symbols, Art der Pflanzen zum Ausdruck kommt und sicherlich auch Resultat des Geschäftssinnes der einschlägigen Branchen ist.“ (Schmied 1985, S. 186 f.).

Der durch die Verwaltung erfolgende Einfluss auf die Grabgestaltung wird oft kritisiert. Hier wird z.B. das Argument angebracht, dass Hinterbliebenen die Möglichkeit genommen wird, die Grabstätte ihrer verstorbenen Angehörigen so zu gestalten, wie sie glauben, dass es der individuellen Art des Verstorbenen entspricht. Diesem Argument ist entgegenzusetzen, dass viele Trauernde mit der Gestaltung eines Grabes in ihrer Situation vermutlich überfordert wären und deshalb froh sind, wenn sie sich auf bestehende Vorgaben beschränken können:

„Der Verwirrung und Unsicherheit, die in solchen extremen Situationen wie einem Todesfall unweigerlich aufkommen, soll mit bewährten Mitteln entgegnet werden.“ (Schmied 2002, S. 139).

Hinzu kommt, dass eine vertraute und einheitliche Erscheinung des Friedhofs wünschenswerter ist, als die einer «Spielwiese der Kreativität»:

„Der Ort, an dem auch Trauer bewältigt werden soll, soll vertraut anmuten. Und nicht zuletzt hat sich die Gestaltung der Friedhöfe so entwickelt, dass sie dieser Aufgabe doch im Großen und Ganzen gerecht wird. Die Zahl derer unter unseren Befragten, die einen grundsätzlichen Wandel in der Friedhofsgestaltung wünschten, war denkbar gering. Und zuletzt soll ein Wort des Architekten Hans Grässel zitiert werden, der kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts den Münchner Waldfriedhof gestaltete. Grässel sagte: «Schon Ordnung ist Schönheit». (Nach: Koch) Bei einem Ausleben des Individualismus auf dem Friedhof würde die Wahrheit dieses Satzes sichtbar werden.“ (ebenda).

Der Trend der zunehmenden Sprachlosigkeit auf dem Friedhof, äußert sich darin, dass auf den Grabmälern der heutigen Zeit kaum noch Aussagen über den Toten zu finden sind. Die im 19. Jahrhundert typischen Inschriften auf Grabmälern sind stark zurückgegangen (Schmied 1985, S. 187).

„Qualitäten des Verstorbenen werden am ehesten noch in den Todesanzeigen, die in den Tageszeitungen erscheinen oder verschickt werden, genannt.“ (ebenda).

Auch diese Entwicklung hin zur «Schweigsamkeit der Gräber» (vgl. ebenda), ist auf das veränderte Todesverständnis in der Gesellschaft zurückzuführen:

„Vorstellungen der Toten und ihrer Angehörigen und Eigenarten der Toten und des Todes werden seltener der Öffentlichkeit preisgegeben; sie bleiben denen vorbehalten, die dem Verstorbenen nahe standen. Auch hier zeigt sich – wie bei bestimmten Begräbnisformen – die Flucht aus der Öffentlichkeit in die Zentrierung auf die eigene Familie. Bei dieser Interpretation ist berücksichtigt, dass, abgesehen vom Verbot der bildlichen Darstellung des Verstorbenen auf dem Grabmal, in der örtlichen Friedhofsordnung keine Bestimmungen über die inhaltliche Gestaltung des Schmucks und der Inschrift vorliegen. Die Entwicklung ist das Resultat der Entscheidung der Angehörigen, die den Grabstein bestellen, oder der Toten, die, was selten sein dürfte, zu Lebzeiten das Grabmal inhaltlich festlegten. Allerdings gibt auch die Grabsteinindustrie in ihren Prospekten Muster vor.“ (Schmied 1985, S. 188 f.).

In diesen Prozess der zunehmenden Anonymisierung gliedert sich eine Bestattungsform ein, die in Deutschland zusehends an Bedeutung gewinnt: Die der Anonymbestattung.

„Die Anonymbestattung ist das auffälligste Zeichen eines Wandels auf dem Bereich des Friedhofswesens. Daneben ist allenfalls die Zunahme von Feuerbestattungen zu nennen.“ (Schmied 2002, S. 202).

In Bezug auf die Anonymbestattung lässt sich ein starkes Nord-Süd-Gefälle erkennen:

„Selbst die Übereinkunft, dass ein gepachteter Quader Friedhofserde samt Kreuz oder Grabstein den Fixpunkt der Trauer darstellt, gilt längst nicht mehr überall.

Der Traditionsbruch ist in ostdeutschen Großstädten am deutlichsten: In München werden nach einer Untersuchung der Jenaer Kultur-Wissenschaftlerin Barbara Happe nur fünf Prozent der Toten anonym bestattet- in Chemnitz dagegen finden 70 Prozent der Toten die letzte Ruhe dicht an dicht in «Gemeinschaftsanlagen». In Leipzig und Erfurt sind es 50 Prozent, in Hamburg immerhin 25 Prozent. Oft gibt es keinen Hinweis auf Namen und Lebensdaten; manchmal erinnern gemeinsame Gedenktafeln an die Toten.“ (Tögel 2003, S. 184).

Für die Wahl der anonymen Bestattungsform gibt es mehrere Gründe. Neben der Arbeitsersparnis für die Hinterbliebenen kann auch der Wunsch des Verstorbenen, nach seinem Tod aus der Gesellschaft «zu verschwinden» ausschlaggebend sein:

„Anonymbestattung bedeutet: Man braucht die Erinnerung von anderen nicht mehr. Der eigene Name, das, was Menschen schon bei ersten Begegnungen von anderen unterscheidbar macht, erscheint nicht mehr der Bewahrung wert, er muss nicht mehr sichtbar an dem Ort erscheinen, an dem der Verstorbene beigesetzt ist. Das ist eine Haltung, die lange Zeit undenkbar war, denn man wollte im Gedächtnis anderer bleiben.“ (Schmied 2002, S. 202).

Verschiedene Lobbys und die Kirche betrachten den Anstieg der Anonymbestattung in Deutschland mit Skepsis:

„Ob Ost oder West: Der allgemein zu verzeichnende Trend zur anonymen Beisetzung ist umso erstaunlicher, als ihm massive Lobbyinteressen entgegenstehen. Der Kampf gegen die anonyme Beisetzung scheint in jüngster Zeit geradezu zur letzten Schlacht um die abendländische Friedhofskultur auszuufern. Von deren «Niedergang» ist ebenso die Rede wie vom allgemeinen «Kulturverfall». Die Motive für solche Polemiken sind in einigen Fällen leicht durchschaubar, weil sie rein finanzieller Natur sind – Steinmetze und Friedhofsgärtner fürchten schlicht um ihre Existenz.

Aber auch viele Kirchenvertreter wenden sich mit Vehemenz gegen die anonyme Bestattung.“ (Fischer 1997, S. 154).

Es verwundert nicht, dass sich die Kirchenvertreter, wie oben genannt, gegen die Anonymbestattung aussprechen. Schließlich kann man die Kirche als Verlierer in dem von Max Weber «Entzauberung der Welt» (Weber 1995, S. 44[11] ) genannten Prozess, zudem auch die heute feststellbare «Entzauberung des Todes» gehört, bezeichnen:

„Zu den großen Verlierern der Entzauberung des Todes gehören die Kirchen. Bedeutete die Verlegung des Begräbnisplatzes vor die Stadttore schon an sich einen Verlust an Präsenz im politischen Zentrum, so war sie häufig auch noch verbunden mit der Einschränkung der kirchlichen Verfügungsgewalt. Diese Entwicklung mündete im 19. Jahrhundert in der Kommunalisierung vieler städtischer Friedhöfe, bevor die Kirchen durch die Einführung der Feuerbestattung, die von ihnen als «heidnisch-materialistisch» verdammt wurde, einen weiteren herben Rückschlag hinnehmen mussten. Die gesellschaftliche Dynamik hygienischer und technischer Rationalität war letztlich stärker als die Macht des Glaubens.“ (Fischer 1996, S. 130[12] ).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Friedhof eine soziale Institution ist, auf die sich gesellschaftliche Veränderungen auswirken, wobei die daraus entstandenen Entwicklungen im Friedhofswesen selten eindimensional verliefen:

„Der Wandel der Friedhofs- und Trauerkultur vollzog sich in steter Wechselwirkung zu sozialen, wirtschaftlichen, technischen und politischen Veränderungen. Es war ein Wandel, der traditionelle Ausdrucksformen nicht einfach negierte, sondern selektiv immer wieder auf vorgängige kulturelle Muster zurückgriff.“ (ebenda).

Die Wandlung in ihrem Arbeitsfeld zeigt sich auch für die untersuchten Berufsgruppen der Friedhofsbediensteten in der Verwaltung und der Friedhofsbediensteten vor Ort. Dies wird im 4. Punkt, der Analyse der vorliegenden Interviews, deutlich werden. Im nächsten Punkt sollen zunächst die theoretischen Grundlagen für diese Analyse vorgestellt werden.

3. Theorie

Um die Analyse der vorliegenden Interviews in Bezug auf Berufsrollen durchzuführen, muss zunächst ein theoretischer Rahmen abgesteckt werden. Hierzu werde ich zunächst ausführlich auf den Rollenbegriff eingehen, anschließend auf die Begriffe des Berufes und der Berufsrolle, um im letzten Unterpunkt die Begriffe „Vorder- und Hinterbühne“ zu erläutern, die vor allem auf der Vergleichsebene zwischen Amtsleitern und Friedhofsbediensteten eine Rolle spielen werden.

3.1 Der Rollenbegriff

Laut Ursula Coburn-Staege wird der Rollenbegriff in Deutschland meist „(…) als analytisches Mittel zur Erfassung sozialer Handlungszusammenhänge und instrumentell als Konstruktionsmittel zur Darstellung sozialer Strukturen verwendet (…)“ (Coburn-Staege 1973, S. 34[13] ). Dabei geht er laut ihr „(…) hauptsächlich auf Dahrendorfs Konstruktion zurück, die teilweise eingeschränkt und ergänzt worden ist.“ (ebenda)

Die Herausarbeitung des Rollenbegriffs, wie ihn Ralf Dahrendorf in seinem 1958 entstandenen Aufsatz „Homo Sociologicus“[14] konstruiert hat, soll deshalb im folgenden Unterpunkt erfolgen.

3.1.1 Ralf Dahrendorfs Aufsatz „Homo Sociologicus“

Ralf Dahrendorf beginnt seinen Aufsatz „Homo Sociologicus“ mit der Darstellung der Problematik des Unterschieds „(…) zwischen dem Gegenstand naiver Erfahrung und seiner wissenschaftlichen Konstruktion.“ (Dahrendorf 1970, S. 14). Dieser Unterschied wird immer beunruhigender „Je näher wir an uns selbst, an den Menschen herankommen (…)“. Laut Dahrendorf gibt es hier Unterschiede hinsichtlich der Ansprüche an die jeweils konstruierende Wissenschaft: So wird man einem Biologen, der den Menschen biologisch darstellt, nicht vorwerfen, dass er ihn seiner Individualität beraube, oder dass er den Menschen „(…) zur bloßen Illustration allgemeiner Kategorien oder Prinzipien (…)“ (Dahrendorf 1970, S. 15) erniedrige.

„Ein Vorwurf dieser Art wird erst laut, wenn die Wissenschaft die Grenzen ihrer konstruierten Welt um den Menschen als handelndes, denkendes, fühlendes Wesen erweitert, wenn sie zur Sozialwissenschaft wird.“ (ebenda).

Im Vordergrund steht laut Dahrendorf der Vorwurf der Konstruktion von „künstlichen Menschen“ „(…) denen wir in der Wirklichkeit unserer Alltagserfahrung kaum je begegnen dürften.“ (ebenda)

Die Konstruktion solcher künstlichen Menschen wie dem homo oeconomicus, dem psychological man, dem homo politicus oder dem homo sociologicus mag das Individuum auf eine Funktion reduzieren, ist aber laut Dahrendorf notwendig, denn

„Der ganze Mensch entzieht sich nicht nur dem Zugriff einer einzigen Disziplin, sondern muss vielleicht eine schemenhafte Gestalt im Hintergrund wissenschaftlichen Bemühens bleiben. Um der Präzision und Prüfbarkeit ihrer Aussagen willen ist jede Disziplin gezwungen, ihren weiten Gegenstand auf gewisse Elemente zurückzuführen, aus denen er sich systematisch rekonstruieren lässt.“ (Dahrendorf 1970, S. 17).

In Bezug auf die Wissenschaft Soziologie heißt das, dass sie sich in dem Anspruch eine »Wissenschaft vom Menschen« zu sein, beschränken muss, denn:

„Die Soziologie ist gewiss eine Wissenschaft vom Menschen, aber sie ist weder die einzige solche Wissenschaft, noch kann es ihre Absicht sein, das Problem des Menschen in aller Tiefe und Breite anzupacken.“ (ebenda).

Der Gegenstand der Soziologie ist einzuschränken, durch die laut Dahrendorf „(…) ärgerliche Tatsache der Gesellschaft(…)“ (ebenda).

So hat die „(…) Soziologie (…) es mit dem Menschen im Angesicht der ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft zu tun. Der Mensch, jeder Mensch begegnet dieser Tatsache, ja ist diese Tatsache, die, obschon sie sich unabhängig von bestimmten Einzelnen denken lässt, ohne bestimmte Einzelne doch eine bedeutungslose Fiktion wäre. In dem Bereich, in dem der Mensch und die Tatsache der Gesellschaft einander überschneiden, haben wir daher nach den Elementen einer Wissenschaft zu suchen, die den Menschen in Gesellschaft zum Gegenstand hat.“ (Dahrendorf 1970, S. 18).

Als solch ein Element der Analyse kann der Rollenbegriff dienen.

„Am Schnittpunkt des Einzelnen und der Gesellschaft steht homo sociologicus, der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen. Der Einzelne ist seine sozialen Rollen, aber diese Rollen sind ihrerseits die ärgerliche Tatsache der Gesellschaft. Die Soziologie bedarf bei der Lösung ihrer Probleme stets des Bezuges auf soziale Rollen, als Elemente der Analyse; ihr Gegenstand liegt in der Entdeckung der Strukturen sozialer Rollen.“ (Dahrendorf 1970, S. 20).

Wenden wir uns den Ursprüngen des Begriffs der Rolle zu, so stoßen wir zwangsläufig auf den Bereich des Theaters.

„Rolle, Person, Charakter und Maske sind Wörter, die, wennschon in verschiedenen Schichten der Sprachentwicklung, einem gemeinsamen Bedeutungsbereich zugeordnet waren oder sind: dem Theater. Wir sprechen von den Personen oder Charakteren des Dramas, deren Rolle der Schauspieler spielt; und wenn dieser auch bei uns zu Lande gemeinhin keine Maske mehr trägt, hat doch auch dieses Wort seinen Ort im gleichen Bereich. (…) Hinter allen Rollen, Personen, Charakteren und Masken bleibt der Schauspieler als Eigentliches, von diesen letztlich nicht Affiziertes. Sie sind für ihn unwesentlich. Erst wenn er sie ablegt, ist er «er selbst».“ (Dahrendorf 1970, S. 22).

Viele Autoren haben die Welt mit einer Bühne und die Menschen, die auf ihr leben, mit Schauspielern, die das Drama der Menschheit aufführen, verglichen. Diese, auch für die Soziologie sehr reizvolle Analogie[15] ist aber für Dahrendorf kein Beleg für die Sachnotwendigkeit und das Alter der Kategorie durch die Schauspielmetapher im Sinne des großen Welttheaters (ebenda).

„Denn insofern die Welt als Ganzes oder zumindest die Menschenwelt als Schauspiel riesigen Ausmaßes dargestellt wird, kommt dem Einzelnen nur eine einzige Maske, eine Person, ein Charakter und eine Rolle im Ganzen zu (…) Unser Ansatz dagegen steht unter der Absicht, gerade die Einheit des Menschen aufzulösen in Elemente aus denen menschliches Handeln sich aufbaut, mit deren Hilfe es rationalisierbar wird. Ein unmittelbarer Anknüpfungspunkt liegt daher dort, wo das Bild des Schauspiels und seine Teile gewissermaßen in eine kleinere Dimension projiziert, auf das Leben des Einzelnen übertragen wird, wo also dem Einzelnen mehrere solche Rollen oder Personen zugeschrieben werden.“ (Dahrendorf 1970, S. 23 f.).

Das Individuum ist also Träger vieler Positionen und damit Träger vieler Rollen.

„Für jede Position, die ein Mensch haben kann, sei sie eine Geschlechts- oder Alters-, Familien- oder Berufs-, National- oder Klassenposition oder von noch anderer Art, kennt »die Gesellschaft« Attribute oder Verhaltensweisen, denen der Träger solcher Positionen sich gegenübersieht und zu denen er sich stellen muss. Überwindet und bejaht er die an ihn gestellten Forderungen, dann gibt der Einzelne seine unberührte Individualität zwar auf, gewinnt aber das Wohlwollen der Gesellschaft, in der er lebt; sträubt der Einzelne sich gegen die Forderungen der Gesellschaft, dann mag er sich eine abstrakte und hilflose Unabhängigkeit bewahren, doch verfällt er dem Zorn und den schmerzhaften Sanktionen der Gesellschaft.“ (Dahrendorf 1970, S. 27)

Der homo sociologicus wird in dem Moment geboren, in welchem eine Vermittlung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft stattfindet.

Der soziale Mensch hat den „(…) Auftritt als … auf der Bühne des Lebens, den Cicero in den Begriff der «Person», Marx in dem der »Charaktermaske« und Shakespeare- und mit ihm die meisten neueren Soziologen- in den der «Rolle» zu fassen sucht (Dahrendorf 1970, S. 27).

Doch so reizvoll die Analogie von Gesellschaft und Theater auch sein mag- Dahrendorf bringt einen weiteren Einwand gegen sie ein, indem er auf eine in ihr immanente Gefahr hinweist:

„Das Bild des Schauspiels kann, auf die Gesellschaft übertragen, irreführen. Während die Uneigentlichkeit des Geschehens für das Schauspiel konstitutiv ist, wäre sie im Bereich der Gesellschaft eine höchst missverständliche Annahme. Der Terminus »Rolle« darf also nicht dazu verführen, in der rollen«spielenden »Sozialpersönlichkeit gewissermaßen einen uneigentlichen Menschen zu sehen, der seine »Maske« nur fallen zu lassen braucht, um in seiner wahren Natur zu erscheinen.“ (Dahrendorf 1970, S. 28 f.).

Laut Dahrendorf ist der Begriff der Rolle im soziologischen Sinne also sehr viel komplexer aufzufassen als im Kontext des Theaters. Der Einzelne ist sehr viel stärker in die Gesellschaft eingebunden als der Schauspieler in ein Drama.

„Dass der Mensch ein gesellschaftliches Wesen sei, ist mehr als eine Metapher, seine Rollen sind mehr als ablegbare Masken, sein Sozialverhalten mehr als eine Komödie oder Tragödie, aus der auch der Schauspieler in die «eigentliche»Wirklichkeit entlassen wird.“ (Dahrendorf 1970, S. 28).

Um die Begriffe «soziale Position» und «soziale Rolle» näher zu erläutern, wählt Dahrendorf das Beispiel von Herrn Dr. Hans Schmidt:

„ Nehmen wir an, wir seien auf einer Gesellschaft, auf der uns ein bisher unbekannter Herr Dr. Hans Schmidt vorgestellt wird.“ (Dahrendorf 1970, S. 29).

Betrachtet man Herrn Dr. Hans Schmidt, so kann man sogleich erste Aussagen über ihn herleiten:

„Hans Schmidt ist (1) ein Mann, und zwar (2) ein erwachsener Mann von etwa 35 Jahren. Er trägt einen Ehering, ist daher (3) verheiratet. Anderes wissen wir aus der Situation der Vorstellung: Hans Schmidt ist (4) Staatsbürger; er ist (5) Deutscher, (6) Bewohner der Mittelstadt X, und er trägt den Doktortitel, ist also (7) Akademiker.“ (ebenda).

Sollten einem diese Informationen über Herr Schmidt nicht ausreichen, so gibt es die Möglichkeit, alles weitere „(…) von gemeinsamen Bekannten [zu] erfragen, die uns erzählen mögen, dass Herr Schmidt (8) von Beruf Studienrat ist, (9) zwei Kinder hat, also Vater ist, (10) als Protestant in der vorwiegend katholischen Bevölkerung von X einige Schwierigkeiten hat, (11) als Flüchtling nach dem Krieg in die Stadt gekommen ist, wo er sich indes (12) als 3. Vorsitzender der lokalen Organisation der Y-Partei und (13) als Schatzmeister des Fußballklubs der Stadt bald einen guten Namen zu verschaffen wusste. Herr Schmidt, so erfahren wir von seinen Bekannten ist (14) ein leidenschaftlicher und guter Skatspieler sowie (15) ein ebenso leidenschaftlicher, wennschon weniger guter Autofahrer.“ (ebenda).

Schon nach Erhalt dieser Informationen erscheint uns Herr Dr. Hans Schmidt nicht mehr als Unbekannter. Hinterfragt man diesen Eindruck, kommen Zweifel auf, denn:

„Man könnte meinen, dass alles, was wir über Herrn Schmidt in Erfahrung gebracht haben, ihn nicht eigentlich von anderen unterscheidet.“ (ebenda).

Wir kennen nicht die persönlichen Merkmale von Herrn Schmidt, sondern lediglich seine Positionen. Diese können definiert werden als „(…) Punkte oder Orte in einem Koordinatensystem sozialer Beziehungen.“ (Dahrendorf 1970, S. 30).

[...]


[1] Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin 2003: Stadtgrün. Friedhöfe und Begräbnisstätten. WWW-Dokument. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/friedhoefe_begraebnisstaetten/index.shtml (07.11.2003).

[2] Schmied, Gerhard 2002: Friedhofsgespräche. Untersuchungen zum „Wohnort der Toten“. Opladen: Leske und Budrich.

[3] Als Beispiel kann hier folgendes Werk genannt werden: Nassehi, Armin/Weber, Georg 1989: Tod, Modernität und Gesellschaft. Entwurf einer Theorie zur Todesverdrängung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

[4] Schmied, Gerhard 1985: Sterben und Trauern in der modernen Gesellschaft. Opladen: Leske und Budrich.

[5] Tögel, Hanne 2003: Trauer. In: Geo 12/2003, S. 174-204.

[6] Ariès, Philippe 2002: Geschichte des Todes. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

[7] Als Ausnahmen sind hier die so genannten «Friedwälder» zu nennen: In Wäldern werden ökologisch abbaubare Urnen im Wurzelwerk beigesetzt. An dem Baum, der schon zu Lebzeiten ausgesucht werden kann, wird eine kleine Plakette mit dem Namen des Toten angebracht (Tögel 2003, S. 180). Eine weitere Ausnahme stellt die Aschestreuwiese in Rostock dar, auf der die Asche der verstorbenen nicht in einem entsprechenden Gefäß beigesetzt, sondern verstreut wird.

[8] Fuchs, Werner 1973: Todesbilder in der modernen Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

[9] Fischer, Norbert 1997: Wie wir unter die Erde kommen. Sterben und Tod zwischen Trauer und Technik. Frankfurt a. M.: Fischer.

[10] Feiber, Anton Albert 2003: Friedhöfe im 19. und 20. Jahrhundert. WWW-Dokument, http://www.memopolis.uni-regensburg.de/lektuere/texte/tod_und_gesellschaft/feiber.html (07.11.2003).

[11] Weber, Max 1995: Wissenschaft als Beruf. Stuttgart: Reclam.

[12] Fischer, Norbert 1996: Vom Gottesacker zum Krematorium. Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland. Köln/Weimar/Wien: Böhlau.

[13] Coburn-Staege, Ursula 1973: Der Rollenbegriff. Ein Versuch der Vermittlung zwischen Gesellschaft und Individuum. Heidelberg: Quelle und Meyer.

[14] Dahrendorf, Ralf 1970: Homo Sociologicus. Köln: Westdeutscher Verlag.

[15] Die Analogie von Gesellschaft und Theater wird auch in Bezug auf Goffmanns Begriffe von Vorder- und Hinterbühne nochmals in dieser Arbeit aufgegriffen werden.

Details

Seiten
86
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638422376
Dateigröße
743 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44689
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Soziologie
Note
2,7
Schlagworte
Friedhofsbedienstete Verwaltung Vergleich Berufsrollen

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Titel: Friedhofsbedienstete in der Verwaltung und vor Ort. Ein Vergleich von Berufsrollen