Lade Inhalt...

Georg Adolph Demmler und die Stadtentwicklung Schwerins im 19. Jahrhundert

Expansion, Regionale Städteplanung und der Typus der Residenzstadt

Examensarbeit 2005 80 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Georg Adolph Demmler - Ein biografischer Überblick
2.1. Jugend und beruflicher Werdegang
2.2. Sein soziales und politisches Wirken

3. Die Stadtentwicklung in Deutschland im 19. Jahrhundert
3.1. Städtelandschaft vor der Industriellen Revolution
3.2. Expansion der Städte
3.3. Die Entwicklung der Residenzstädte
3.3.1. München
3.3.2. Karlsruhe
3.3.3. Schwerin

4. Landesfürstlicher Städtebau in Schwerin 1837-1851
4.1. Das Arsenal
4.2. Der Marstall
4.3. Das Schloss
4.4. Die Stadterweiterungen

5. Kommunale Planungen - Der Erweiterungs- und Verschönerungsplan der Residenzstadt Schwerin 1866

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

8. Quellen

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Stadtentwicklung Schwerins im 19. Jahrhundert. Sie fällt in das Zeitalter der Industriellen Revolution, die ein enormes Wachstum der Städte und eine Konzentration der Bevölkerung in städtischen Agglomerationen verursachte und den Beginn des modernen Städtebaues markiert.1 Diese Prozesse verliefen in Deutschland regional in unterschiedlicher Intensität sowie zeitlicher Abfolge und führten auch in Städten ohne eine stürmische Industrialisierung zu einem Bevölkerungswachstum.

Schwerin gehörte als Residenzstadt zu einem besonderen Stadttypus, in dem der staatliche beziehungsweise fürstliche Einfluss auf die Stadtentwicklung spürbar zum Tragen kam. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein stärkeres bürgerliches Engagement bei der Stadtplanung.

In der Person von Georg Adolph Demmler spiegelt sich dieser Wandel exemplarisch wider. Als Hofbaumeister und späterer Hofbaurat war er maßgeblich an der landesfürstlichen Stadtgestaltung beteiligt. Nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst wurde er in den 1860er Jahren zu einem führenden Repräsentanten der selbstbewusster werdenden Schweriner Bürgerschaft, die erste eigene planerische Aktivitäten entwickelte.

Deshalb wird die Arbeit in der Schweriner Stadtgeschichte eine zeitliche Fokussierung auf die Wirkungszeit Demmlers zwischen den 1830er und 1860er Jahren haben.

Dabei soll folgenden Fragestellungen nachgegangen werden. Welche Einflüsse haben der Staat und die Kommune auf die Entwicklung Schwerins genommen? Wie veränderten sich hierbei die Gewichtungen beider Seiten? In was für einem Verhältnis zur allgemeinen Stadtentwicklung in Deutschland standen die Veränderungen und das Wachstum in Schwerin?

Im ersten Teil der Arbeit wird die Person Georg Adolph Demmler näher vorgestellt werden.

Im Anschluss werden die Haupttendenzen der Stadtentwicklung in Deutschland im 19. Jahrhundert darlegt, um die historische Einordnung des Untersuchungsgegenstandes zu ermöglichen. Hier wird auch anhand der Beispiele München, Karlsruhe und Schwerin speziell auf den Typ der Residenzstadt eingegangen werden.

In den Kapiteln vier und fünf wird dann zunächst der landesfürstlichen Einfluss auf die Stadtentwicklung Schwerins behandelt und danach am Beispiel des Demmler'schen Erweiterungsplanes der Übergang zu kommunalen Planungen gezeigt werden.

Bei der Untersuchung der Fragestellungen stellte sich heraus, dass die Literatur zur Urbanisierung im 19. Jahrhundert und zur Entwicklung des Städtebaues sehr umfangreich und differenziert vorhanden ist.

Sowohl im Bereich der allgemeinen Stadtgeschichtsforschung2 als auch im eher technisch orientierten Bereich des Städtebaues3 und der Raumplanung4 sind zahlreiche Darstellungen und Untersuchungen zur allgemeinen Entwicklung und diversen Einzelaspekten vorhanden.

Die Literaturlage für die Geschichte Schwerins ist relativ schlecht. Es gibt nur eine größere, das gesamte 19. Jahrhundert umfassende, Darstellung von Wilhelm Jesse5. Auch die vereinzelten Untersuchungen in Zeitschriften6 oder Sammelbänden7 bereichern das Bild nur dürftig.

Deshalb werden in der Arbeit soweit möglich Quellen verwendet.

Von besonderer Bedeutung sind hierbei die 1866 von Georg Adolph Demmler veröffentlichte Abhandlung über seinen Erweiterungsplan8 und zeitgenössische Stadtpläne9, an denen die Veränderungen im Stadtbild deutlich gemacht werden sollen.

2. Georg Adolph Demmler - Ein biografischer Überblick

2.1. Jugend und beruflicher Werdegang

Georg Adolph Demmler wurde am 22. Dezember 1804 in Berlin als unehelicher Sohn eines Güstrower Schornsteinfegermeisters und einer Bäckerswitwe geboren.10

Aufgrund dieser unehelichen Geburt wuchs er zunächst bei Pflegeeltern in seiner Geburtsstadt auf, bis ihn seine inzwischen zusammenlebenden Eltern im Juli 1813 nach Güstrow holten.11 Dort besuchte er bis 1819 das Gymnasium. Im August desselben Jahres immatrikulierte Demmler sich in der Berliner Bau- und Kunstakademie, die er im März 1823 als qualifizierter Landvermesser und mit absolviertem Abschlusskolloquium verließ.12 Zusätzlich zu diesem Studium hatte er sich am 7. April 1821 pro forma in die philosophische Fakultät der Berliner Universität eingetragen, um in die geheime Burschenschaftsverbindung „Arminia" einzutreten.13 Die burschenschaftlichen Ideale übten einen starken Eindruck auf ihn aus und blieben ihm ein Leitbild für sein gesamtes Leben.14 Bereits im März 1823 bewarb sich Demmler auf Anregung des mecklenburgischen Architekten Bartning, den er in Berlin kennen gelernt hatte, als Baukondukteur in Mecklenburg.

Nach bestandener Aufnahmeprüfung erhielt er das Patent als Baukondukteur und wurde im Juli 1823 als Gehilfe des Oberlandbaumeisters Wünsch in die Dienste des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin eingestellt.15 G.A. Demmler verschaffte sich schnell Anerkennung bei seinem Vorgesetzten und dem Erbgroßherzog Paul Friedrich. Mit diesem verbanden ihn sofort gemeinsame Interessen hinsichtlich der Architektur und Städteplanung und es entwickelte sich ein gutes persönliches Verhältnis zwischen ihnen.16 Durch dessen Unterstützung und Förderung erreichte Demmler einen relativ zügigen beruflichen Aufstieg und die Übertragung zahlreicher Bauaufträge, wie zum Beispiel des Schauspielhauses in Schwerin und Güstrow oder den Turmbau der Dobbertiner Klosterkirche.17

Mit dem Regierungsantritt Paul Friedrichs 1837, der noch im selben Jahr die Residenz von Ludwigslust nach Schwerin zurückverlegte, wurde ihm durch die Ernennung zum Hofbaumeister die Leitung aller fürstlichen Bauten in Mecklenburg-Schwerin sowie der Bade- und Villenbauten übertragen.18 Der Hauptteil seiner baulichen Tätigkeiten lag jedoch in Schwerin. Dort schuf er im Auftrag des Großherzogs zahlreiche repräsentative Bauten und lieferte die Vorschläge für den Ausbau und die Umgestaltung der Stadt Schwerin. Zusammen mit dem ihm 1845 übertragenen Schlossumbau veränderte er so, bis zu seiner Entlassung 1851, das Stadtbild Schwerins maßgeblich.

Sein architektonisches Schaffen bestand danach größtenteils in der Teilnahme an einigen Ausschreibungen und Architekturwettbewerben und der Vorlage des „Erweiterungs- und Verschönerungsplan(es) für die Residenzstadt Schwerin" im Jahre 1866.19

2.2. Sein soziales und politisches Wirken

Demmlers soziales Engagement richtete sich in erster Linie auf die Handwerker und Arbeiter der Bauwirtschaft. So forderte er, angesichts der Weiterentwicklung von Handwerk und Gewerbe, zur Verbesserung ihrer Ausbildung bereits kurz nach seiner Einstellung die Schaffung einer Baugewerksschule in Schwerin.20 Jedoch wurden seine Vorschläge nicht angenommen. Erst im Jahre 1830 wurde von der Schweriner Freimaurerloge die „Sonntagsschule für Handwerkslehrlinge" gegründet. Als Mitglied dieser Loge unterrichtete er unentgeltlich an dieser Schule Handwerkslehrlinge und -gesellen.21 Um die sozialen Widersprüche und Spannungen im Bauhandwerk zu entschärfen, führte Demmler 1824 auf den durch ihn geleiteten Baustellen ein besonderes Bau- und Lohnausführungssystem ein. Es war im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet, dass er die Bauarbeiten unter Beteiligung aller Meister auf Rechnung hat ausführen lassen und den Arbeitern, entgegen den Zunftvorschriften, Akkordarbeiten direkt zuwies.

Die dadurch entstehenden Lohnüberschüsse wurden in Selbstverwaltung unter ihnen aufgeteilt.22 Des Weiteren konnte Demmler 1846 einen „Unterstützungsfonds für die beim Schlossbau zu Schaden kommenden Arbeiter" durchsetzen. Die Kasse dieses Fonds wurde mit regelmäßigen und zufälligen Einnahmen gefüllt. So wurde unter anderem von den Rechnungen der Handwerker und Lieferanten ein bestimmter, der Kasse zur Verfügung stehender Betrag, abgezogen.23 Es wurden nur die Handwerker und Lieferanten zum Schlossbau zugelassen, die damit einverstanden waren. Im Gegensatz zu anderen Unterstützungskassen in Mecklenburg wurde Demmlers nicht von den Zünften verwaltet, sondern von einem Baukondukteur und einem Vorstand von gewählten Vertretern der Arbeiter.24 Für Mecklenburg war dies eine einmalige Unterstützungskasse, die eine wesentliche Verbesserung der sozialen Lage der am Schlossbau beschäftigten Personen bewirkte. Trotzdem konnten Streiks und Forderungen nach Lohnerhöhungen nicht verhindert werden.25

Als im Zuge der revolutionären Ereignisse in Deutschland vom März 1848 auch die Arbeiter in Schwerin Forderungen nach Lohnerhöhung und mehr politischem Einfluss an den Magistrat und den Großherzog stellten, empfahl Demmler Friedrich Franz II., Lohnerhöhungen zu genehmigen.26 Demmler schlug einen Sparfonds vor, in den die Arbeiter den mehrgezahlten Lohn einzuzahlen hätten und aus dem sie bei Arbeitslosigkeit finanzielle Zuwendungen erhalten sollten.

Dessen Gründung wurde am 23. Oktober 1848 bewilligt.27 Nach dem Scheitern der Revolution 1848/49 wurde 1850 dieser Sparfonds wieder aufgelöst und weitere Lohnerhöhungen abgelehnt. Die großherzogliche Regierung sah keine Veranlassung mehr, den sozialen Forderungen der Arbeiter nachzukommen. Nach der Dienstentlassung Demmlers 1851 wurde auch sein Unterstützungsfonds aus dem Jahr 1846 aufgelöst.28 So endeten die meisten seiner sozialen Verbesserungen mit seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst. Dies war zum einen den politischen Umständen geschuldet, zum anderen ein Beweis für sein persönliches Engagement und seine Bedeutung bei all diesen Maßnahmen.

Seine herausragende Stellung in Schwerin und der große gesellschaftliche Umgang den Demmler pflegte, brachte ihm in den 1820er Jahren die Bekanntschaft vieler liberaler Männer und bürgerlicher Großgrundbesitzer, wie z.B. den Gebrüdern Pogge, ein. Die Freundschaft mit dem Dichter Fritz Reuter, der zu Sprechern der liberalen Bewegung in Mecklenburg gehörte, begann ebenfalls in diesen Jahren.29 Jedoch war er trotz seiner liberalen Auffassungen bei den Aufstandsversuchen in Schwerin 1830 und 1848 auf der Seite derjenigen, die sich für Ruhe und Ordnung einsetzten, und schloss sich den Bürgerwehren an.30 Demmler trat während der Revolutionszeit 1848/49 dem Schweriner Reformverein bei. Bei den Wahlen zum verfassungsgebenden Landtag im September 1848 war er Wahlmann und trat für die Reformer ein.31

Als im September 1850 die neue konstitutionelle Verfassung, das Staatsgrundgesetz vom Oktober 1849, durch den Freienwalder Schiedsspruch abgeschafft wurde, engagierte Demmler sich im Schweriner Bürgerausschuss für deren Erhalt.32 Diese politischen Parteinahmen brachten ihn stärker als bisher in den Widerspruch zu seiner Stellung als Hofbaumeister. Die neue reaktionäre Führung bei Hofe und der Großherzog Friedrich Franz II. duldeten dies nicht und forderten ihn auf, den Bürgerausschuss zu verlassen. Da er dem nicht nachkam, führte dies zu seiner Entlassung im Juni 1851, ohne die Bewilligung einer Pension.33 Danach wurde, nach einer sechsjährigen Auslandsreise, ab 1857 die Kommunalpolitik sein Hauptbetätigungsfeld. Er wurde nach seiner Rückkehr nach Schwerin in den Schweriner Bürgerausschuss wiedergewählt. Dort setzte er sich für gesellschaftliche Reformen ein und nahm den Kampf für die Wiedereinführung des Staatsgrundgesetzes erneut auf. Demmler übernahm viele kommunale Ämter und war stark an der Förderung des Gemeinwohls beteiligt.34 Ab 1859 auch überregional tätig, gehörte Demmler zu den Fürsprechern eines einheitlichen bürgerlichen Nationalstaates. So nahm er unter anderem an den „Volkswirtschaftlichen Kongressen" 1859 teil und gehörte im September desselben Jahres zu den Mitbegründern des Deutschen Nationalvereins.35 Später distanzierte er sich von jenem, da er nicht seinen politischen Vorstellungen entsprach.

Ab den 1860er Jahren trat er für die Gründung von selbstständigen Arbeitervereinen ein und wirkte in ihnen mit oder unterstützte sie.36

1866 wandte er sich heftig gegen die Einigung Deutschlands unter Führung Preußens und beteiligte sich auch nicht an den Wahlen zum norddeutschen Reichstag, worin sich seine Ablehnung der norddeutschen Verfassung zeigt.37 Sein Engagement für die Interessen der Arbeiter verstärkte sich und seine politische Orientierung verschob sich weiter an den linken Rand der bürgerlichen Demokraten. So entstand langsam ein Bruch zwischen ihm und seinen einstigen bürgerlich demokratischen Weggefährten wie z.B. den Rostocker Brüdern Moritz und Julius Wiggers.38 Dies brachte ihn an die Seite der Deutschen Volkspartei, die er 1868 in Stuttgart mitbegründete. Als 1869 in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet wurde, bekannte sich Demmler offen zum Programm dieser Partei, unterstützte sie finanziell und trat in Schwerin in den 1870er Jahren für deren Kandidaten ein.39 1874 kandidierte er im Wahlkreis Altenburg für die Deutsche Volkspartei bei den Wahlen zum deutschen Reichstag. Doch erst bei den Reichstagswahlen 1876/77, als er für die Sozialdemokraten kandidierte, erlangte er im Wahlkreis Leipzig-Land das Mandat als Reichstagsabgeordneter.40 Nach Erlass des Sozialistengesetzes 1878 zog sich Demmler von seiner Tätigkeit als Abgeordneter und aus dem öffentlichen politischen Leben zurück, unterstützte aber weiterhin die Sozialdemokratie. So half er verfolgten Parteimitgliedern mit Geldspenden und sorgte dafür, dass die Sozialdemokratie trotz Verfolgung und Verbots illegal weiter wirken konnte.41

3. Die Stadtentwicklung in Deutschland im 19. Jahrhundert

3.1. Städtelandschaft vor der Industriellen Revolution

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das alte Deutsche Reich unter der hegemonialen Macht Frankreichs zerbrochen und es gab zwischen den deutschen Staaten keine gemeinsamen institutionellen Verbindungen mehr.42 Nach dem Sieg über Napoleon 1815 und der endgültigen Beendigung der französischen Vormachtstellung in Europa wurde im Wiener Kongress eine europäische Ordnung geschaffen, die Mitteleuropa eine längere Friedenszeit sicherte. Gleichzeitig wurde der Deutsche Bund gegründet, der jedoch ein eher loses politisches Defensivbündnis souveräner Staaten darstellte.43 Er besaß sogar europäische Dimensionen44 und ließ Deutschland auch weiterhin politisch, geographisch und wirtschaftlich zu keiner Einheit werden.

In der deutschen Städtelandschaft bestanden deshalb viele regionale Unterschiede in den Kommunalverfassungen und dem politischen Umgang der Staaten mit den Städten.45

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es vor allem in Preußen, dem südwestdeutschen Raum sowie in Kurhessen und Sachsen zu grundlegenden Veränderungen in diesem Bereich. Es wurden Städteordnungen erlassen, die, getragen von den Ideen der Aufklärung, mehr Teilhabe des Bürgers an der Verwaltung seines Gemeinwesens zuließen.46 Eine der ersten und wichtigsten war die preußische Städteordnung von 1808. Sie wurde von dem preußischen Reformer Freiherr vom und zum Stein geschaffen und soll aufgrund ihres Modellcharakters und ihrer Ausstrahlungskraft kurz vorgestellt werden47.

Die Städteordnung griff auf mittelalterliche Stadtverfassungen zurück, übernahm aber auch Teile aus den Stadtgesetzen der Französischen Revolution, die im Zuge der napoleonischen Herrschaft Eingang in den deutschen Rechtsraum erhalten hatten. Sie stützte sich auf den Hausbesitz in der Annahme, dass die Hauseigentümer am stärksten mit den Belangen des Gemeinwesens verbunden seien. Deshalb mussten mindestens zwei Drittel, der von den wahlberechtigten Bürgern zu wählenden Stadtverordneten, Hausbesitzer sein, sodass diese Personengruppe in Verbindung mit dem Zensuswahlrecht eine lokalpolitische Vorherrschaft aufbauen konnte.

Die Stadtverordnetenversammlungen stellten die Legislative dar, deren Beschlüsse der Magistrat auszuführen hatte. Fürsorgeangelegenheiten sowie das Finanz- und Schulwesen wurden städtische Aufgaben. Der Staat übernahm alle polizeilichen Befugnisse und große Teile der Rechtssprechung.

Der Staat behielt sich zudem „... das oberste Aufsichtsrecht über die Städte, ihre Verfassung und ihr Vermögen."48 vor, wie es gleich in § 1 der Städteordnung heißt. Im Jahre 1831 wurde sie neugefasst und einige Teile der städtischen Freiheiten eingeschränkt und staatliche Kompetenzen erweitert. Die Städte benötigten zum Beispiel bei An- und Verkäufen von Grundstücken, bei der Besteuerung der Einwohner oder bei Geldanleihen die Zustimmung der Regierung. Die preußische Städteordnung von 1808 beziehungsweise 1831 galt nicht in Pommern und im Rheinland. In den rheinischen Gebieten blieb die französische Kommunalverfassung bestehen.

Die Städteordnung Preußens hob viele der noch bestehenden Privilegien bestimmter Städte auf und gab dem Staat eine deutliche Vormachtstellung. Dennoch wurde das Tor zur kommunalen Selbstverwaltung aufgeschlagen und eine Partizipation der Bürger an politischen Entscheidungen ermöglicht. Es wurde ein Bürgerrecht geschaffen und der Zugang dazu einheitlich geregelt. Jeder konnte Bürger in einer Stadt werden, wenn er gewisse Voraussetzungen erfüllte.49

Wie oben erwähnt, wurden auch in anderen deutschen Ländern neue Regelungen für die Gemeindeverwaltung erlassen. Eine Unterscheidung zwischen Städten und Dörfern ist, außer in Sachsen, dabei nicht gemacht worden.50 Sie enthielten ebenfalls partizipatorische und bürokratische Elemente und begannen mit einem Ausgleich zwischen der im 18. Jahrhundert gewachsenen staatlichen Einwirkung und einer verfassten Bürgervertretung.51

Des Weiteren brachen die Städteordnungen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts das Gesellschaftsmodell des Ständestaates auf, indem in den Städten und Gemeinden eine gleichberechtigte Gemeinschaft der Bürger entstand.52 Doch es gab auch zwei andere Teile des Deutschen Bundes, in denen das System der Stadtverwaltungen sich noch nicht in die oben beschriebene Entwicklung der einheitlichen Städteordnungen entwickelte.

In Österreich stand die Kommunalverwaltung bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts vollkommen unter staatlicher Kontrolle.53 Den anderen Teil bildeten die vier freien Städte Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt, die sich ihren Status als selbstständige Stadtrepubliken erhielten, sowie der deutsche Norden mit dem Königreich Hannover, den Großherzogtümern Mecklenburgs, dem Herzogtum Holstein, Neuvorpommern und dem Großherzogtum Oldenburg. Dort blieben alte ständische Privilegien und Institutionen der Städte teilweise bestehen. Die Städte in diesen Gebieten wurden noch nicht Teil einer einheitlichen Gemeinderechtsordnung und hielten an älteren Stadtverfassungen fest.54 Diesbezüglich vollzogen sich in Hannover noch die stärksten Veränderungen.55 So viel zur städtischen Selbstverwaltung im vorindustriellen Deutschland, die in gewisser Hinsicht ein Spiegelbild der allgemeinen Verfassungsentwicklung in Deutschland ist.

Für den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist die Betrachtung dieses Bereiches der Stadtentwicklung in so fern von Bedeutung, als dass er die Vielschichtigkeit und Verschiedenheit kommunaler Handlungsspielräume- und kompetenzen innerhalb Deutschlands aufzeigt.

Der Verstädterungsgrad auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches war in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts gering. Wie die folgende Abbildung zeigt, lebte die große Mehrheit der Menschen in Orten unter 2000 Einwohnern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Henning, Friedrich-Wilhelm: Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte im 19. Jahrhundert. Paderborn 1996, S. 1101. (Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands Bd. 2).

In diesen Ortschaften wohnten auch 1850 noch ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung, während in Städten über 30 000 Einwohnern nur etwa 9 Prozent ansässig waren. Neben diesen rein demografischen Gesichtspunkten der Verstädterung war jedoch auch die ökonomische und soziokulturelle Entwicklungsstufe des größten Teiles der Städte nicht wesentlich anders als im 18. Jahrhundert.56

Unter anderem blieben die agrarisch-gewerbliche Prägung der Städte, die oft nur lokalen wirtschaftlichen Verknüpfungen sowie die verschiedenen historisch gewachsenen Merkmale, wie die geschlossene Bebauung innerhalb eines Festungsringes, regionale Eigenheiten in Baustil oder wirtschaftlicher Struktur erhalten.57 Die Gruppe der größeren, durch ihre Handels-, Verwaltungs­oder Kulturfunktionen gewachsenen Städte, wie zum Beispiel Hamburg, Bremen, Dresden, Nürnberg, Frankfurt am Main, München oder Berlin blieben auch in den ersten Jahrzenten des 19. Jahrhunderts die bedeutendsten Orte.58

3.2. Expansion der Städte

Die im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig steigende Bevölkerung und die Auswirkungen der sogenannten Industriellen Revolution führten vor allem zu Veränderungen in der Städtelandschaft. Es kam zu einem enormen und raschen Wachstum der Städte, einer Veränderung ihrer ökonomischen und sozialen Struktur sowie ihres städtebaulichen Aussehens.59 Der Anteil der deutschen Bevölkerung, der in Städten von mehr als 5000 Einwohnern lebte, erhöhte sich von 1871 bis 1910 von 23,7 auf 48,8 Prozent60.

[...]


1 Albers, Gerd: Stadtplanung Eine praxisorientierte Einführung. Darmstadt 1996, S. 28.

2 Jäger, Helmut (Hrsg.): Probleme des Städtewesens im industriellen Zeitalter. Köln 1978 (Städteforschung Reihe A, Band 5); Teuteberg, Hans Jürgen (Hrsg.): Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert Historische und geographische Aspekte. Köln 1984, (Städteforschung Reihe A, Band 16); Naunin, Helmut (Hrsg.): Städteordnungen des 19. Jahrhunderts Beiträge zur Kommunalgeschichte Mittel- und Westeuropas. Köln 1984, (Städteforschung Reihe A, Band 19).

3 Benevolo, Leonardo: Die Geschichte der Stadt. 6. Auflage, Frankfurt am Main 1991; Albers, Stadtplanung; Grote, Ludwig (Hrsg.): Die deutsche Stadt im 19. Jahrhundert. München 1974 (Studien zur Kunst des neunzehnten Jahrhunderts, Bd. 24).

4 Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Ausschuss "Historische Raumforschung" (Hrsg.): Raumordnung im 19. Jahrhundert 1. Teil. Hannover 1965 (Forschungs- und Sitzungsberichte der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Bd. 30).

5 Jesse, Wilhelm: Geschichte der Stadt Schwerin. Band 2: Das 19. Jahrhundert. Schwerin 1920. Neudruck Schwerin 1995.

6 Crede, Norbert; Rehberg-Crede, Christine (Hrsg.): Schweriner Geschichtsblätter Bd. 1, Schwerin 2001.

7 Weiland, Andreas: Demmlers großer „rationaler Plan“ für die Stadterweiterung von Schwerin 1860 Die Gemeinde als Terrain­Unternehmerin?. In: Fehl, Gerhard; Rodriguez-Lores, Juan (Hrsg.): Stadterweiterungen 1800 - 1875 Von den Anfängen des modernen Städtebaus in Deutschland. Hamburg 1983, S. 285-301.

8 Demmler, Georg Adolph: Der Erweiterungs- und Verschönerungsplan der Residenzstadt Schwerin in seiner Entstehung und geschichtlichen actenmäßigen Entwicklung von 1862 bis Ende August des Jahres 1866. Schwerin 1866.

9 Kataster- und Vermessungsamt Schwerin (Hrsg.): Schwerin nebst Umgebungen aufgenommen und gezeichnet von C. F. v. Martius. Schwerin 1819, Faksimiledruck Schwerin 1995; Ahrens, L.: Plan von Schwerin. Schwerin 1849. In: Greve, Dieter: Schwerin - historische Karten und Pläne. Schwerin 1997, S. 89; Kataster- und Vermessungsamt Schwerin (Hrsg.): Karte für die Erweiterung und Verschönerung der Residenzstadt Schwerin. Entwurf G. A. Demmler, Zeichnung Barnehl. Schwerin 1863, Faksimiledruck Schwerin 2001.

10 Krempien, Margot: Schweriner Schlossbaumeister G.A. Demmler 1804-1886 eine Biographie. Schwerin 1991, S. 8.

11 Ebenda, S. 10.

12 Bock, Sabine; Conrades, Rudolf (Hrsg.): Georg Adolph Demmler Einige Notizen aus meinem Leben 1804-1886. Schwerin 2005, S. 12.

13 Krempien, Margot: Georg Adolph Demmler (1804-1886) - Hofbaurat und Sozialdemokrat. In: Heinrichs, Michael (Hrsg.): Modernisierung und Freiheit Beiträge zur Demokratiegeschichte in Mecklenburg­Vorpommern. Schwerin 1995, S. 622.

14 So äußerte er sich in seinen Erinnerungen dahingehend und gehörte 1867 zu den Rednern auf dem Wartburgfest anlässlich des 50jährigen Jubiläums des Wartburgfestes. Ebenda, S. 622-623.

15 Mertelmeyer, Bruno (Hrsg.): Georg Adolf Demmler 1804 - 1886 die Autobiographie eines grossen Baumeisters. Schwerin 1914, S. 13-14.

16 Krempien, Margot: Georg Adolph Demmler - „Ein unruhiger Geist ...“. , S. 20. In: Rat der Stadt Schwerin, Abteilung Kultur (Hrsg.): Georg Adolph Demmler 1804 - 1886 Beiträge zu seinem Leben und Wirken anläßlich seines 100. Todestages. Schwerin 1986, S. 17-27.

17 Krempien, Schlossbaumeister, S. 22.

18 Ebenda, S. 38.

19 Übersicht der Demmlerbauten in Landeshauptstadt Schwerin, KoordinierungssteNe 1000 Jahre Mecklenburg (Hrsg.): Demmler und Schwerin Publikation zur Ausstellung im Marstall 29.3. bis 21.5.95. Schwerin 1995, S. 133-135.

20 Demmler, Georg Adolph: Ueber den Nutzen und die Errichtung von Baugewerksschulen, mit besonderer Rücksicht auf Schwerin. In: Freimüthiges Abendblatt. Schwerin 16.07.1824.

21 Krempien, Hofbaurat und Sozialdemokrat, S. 625.

22 Krempien, Hofbaurat und Sozialdemokrat, S.626

23 Siehe die bei Krempien näher beschriebenen Normen die Demmler in seinem Regulativ für diese Unterstützungskasse festlegte. Krempien, Schlossbaumeister, S. 52-53.

24 Landeshauptstadt Schwerin, Publikation zur Ausstellung, S. 40.

25 So gab es in den Jahren 1846, 1847 und 1848 Revolten und Streiks auf dem Schlossbau, die teilweise nur durch die Polizei beendet wurden. Krempien, Schlossbaumeister, S. 53-54.

26 Landeshauptstadt Schwerin, Publikation zur Ausstellung, S. 41.

27 Landeshauptstadt Schwerin, Publikation zur Ausstellung, S. 42.

28 Krempien, Hofbaurat und Sozialdemokrat, S. 632.

29 Krempien, Schlossbaumeister, S. 31-32

30 Bock, Einige Notizen, S. 26-28; S. 104.

31 Krempien, Hofbaurat und Sozialdemokrat, S. 633

32 Mertelmeyer, Autobiographie, S. 94-96.

33 Demmler, Georg Adolph: Actenstücke betreffend die Dienstentlassung des Hofbauraths Demmler in Schwerin nebst einigen an diesen Fall geknüpften Bemerkungen über die Stellung der Staatsdiener im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Hamburg 1851.

34 Krempien, Schlossbaumeister, S. 78-79.

35 Mertelmeyer, Autobiographie, S. 124.

36 Krempien, Schlossbaumeister, S. 83.

37 Krempien, Hofbaurat und Sozialdemokrat, S. 642.

38 Ebenda, S.642.

39 Krempien, Schlossbaumeister, S. 87-88.

40 Landeshauptstadt Schwerin, Publikation zur Ausstellung, S. 61.

41 Krempien, Hofbaurat und Sozialdemokrat, S.647.

42 1806 Austritt 16 deutscher Fürsten aus dem Reich, Gründung des Rheinbundes unter französischem Protektorat und Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II.. Grundmann, Herbert (Hrsg.): Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte, 3. Band. 9., neu bearbeitete Auflage, Stuttgart 1970, S. 44-45.

43 Ebenda, S. 100.

44 Die Könige Großbritanniens, Dänemarks und der Niederlande waren für ihre deutschen Besitzungen Mitglieder des Bundes. Ebenda, S. 92­93.

45 Sheehan, James J.: Der Ausklang des Alten Reiches Deutschland seit dem Ende des Siebenjährigen Krieges bis zur gescheiterten Revolution 1763 bis 1850. Berlin 1994, S. 452-453 (Propyläen Geschichte Deutschlands Band 6).

46 Naunin, Helmut: Einführung, S. IX. In: Naunin, Helmut (Hrsg.): Städteordnungen des 19. Jahrhunderts Beiträge zur Kommunalgeschichte Mittel- und Westeuropas. Köln 1984, S. IX-XXVII (Städteforschung Reihe A, Band 19).

47 Hierbei werde ich mich hauptsächlich auf die Ausführungen Unruhs stützen von Unruh, Georg-Christoph: Entwicklung der Kommunal­verfassung in Deutschland. In: Naunin, Städteordnungen, S. 1-18.

48 Conze, Werner: Die preussische Reform unter Stein und Hardenberg: Bauernbefreiung und Städteordnung. Stuttgart 1956, S. 54 (Quellen- und Arbeitshefte für den Geschichtsunterricht).

49 §§ 14-19 der Städteordnung Ebenda, S. 55.

50 Croon, Helmut: Gemeindeordnungen in Südwestdeutschland. S, 269­270. In: Naunin, Städteordnungen, S. 233-271.

51 Ebenda, S. 233-271.

52 Naunin, Helmut: Einführung, S. IX. In: Naunin, Städteordnungen, S. IX-XXVII.

53 Ogris, Werner: Die Stadt in der österreichischen Gemeindegesetzgebung. S. 104-105. In: Naunin, Städteordnungen, S. 104-134.

54 Heffter, Heinrich: Die deutsche Selbstverwaltung Geschichte der Ideen und Institutionen. Stuttgart 1950, S. 203-205.

55 Botzenhart, Manfred: Deutsche Verfassungsgeschichte 1806-1949. Stuttgart 1993, S. 86.

56 Lütge, Friedrich: Deutsche Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Ein Überblick. 3. erweiterte und verbesserte Auflage, Berlin 1966, S. 421­423.

57 Kantzow, Wolfgang: Der Bruch in der Entwicklung der deutschen Städte ausgehend von der preußischen Reformpolitik und dem veränderten Bodeneigentumsbegriff, S. 25-26. In: Fehl, Gerhard; Rodriguez-Lores, Juan (Hrsg.): Stadterweiterungen 1800 - 1875 Von den Anfängen des modernen Städtebaus in Deutschland. Hamburg 1983, S. 25-34.

58 Blotevogel, Hans Heinrich: Kulturelle Stadtfunktionen und Urbanisierung, S. 177-178. In: Teuteberg, Hans Jürgen (Hrsg.): Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert Historische und geografische Aspekte. Köln 1984, S. 143-185 (Städteforschung Reihe A, Band 16).

59 Heineberg, Heinz; Teuteberg, Hans J.: Zusammenfassung der Schlussdiskussion, S. 601. In: Teuteberg, Urbanisierung, S. 601-604.

60 Hofmann, Wolfgang: Oberbürgermeister und Stadterweiterungen, S. 62. In: Verein für Kommunalwissenschaften Berlin (Hrsg.): Kommunale Selbstverwaltung im Zeitalter der Industrialisierung. Stuttgart 1971, S. 59-85 (Schriftenreihe des Vereins für Kommunalwissenschaften Berlin Band 33).

Details

Seiten
80
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783668860322
ISBN (Buch)
9783668860339
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v446797
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Schwerin Stadtentwicklung Demmler

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Georg Adolph Demmler und die Stadtentwicklung Schwerins im 19. Jahrhundert