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Der Nationale Aktionsplan. Kann er die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessern?

Fachbuch 2019 77 Seiten

Gesundheitswissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Danksagung

1 Einleitung
1.1 Hinführung zur Thematik
1.2 Zielformulierung und Forschungsfrage
1.3 Methodisches Vorgehen

2 Definition der Schlüsselbegriffe
2.1 Gesundheit Definition
2.2 Gesundheitskompetenz Definition
2.3 Gesundheitsförderung
2.4 Prävention

3 Aktueller Stand in Deutschland
3.1 Aktueller Stand der Gesundheitskompetenz in Deutschland
3.2 Aktueller Stand der Gesundheitsförderung in Deutschland
3.3 Patientenorientierung
3.4 Epidemiologie
3.5 Gesundheitsmarketing
3.6 Gesundheitskampagnen

4 Leitfaden zur Förderung der Gesundheitskompetenz
4.1 Der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz
4.2 Bedeutung der Gesundheitskompetenz im Ausland
4.3 Electronic Health und Informationsorientierung

5 Schlussbetrachtung
5.1 Zusammenfassung
5.2 Kritische Reflexion des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz
5.3 Beantwortung der Forschungsfrage
5.4 Erfolgsfaktoren und Handlungsempfehlung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

Das Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit ist die Beantwortung der Forschungsfrage, ob der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz eine Chance zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung darstellt. Hierzu werden zunächst die Begriffe Gesundheitskompetenz, Gesundheitsförderung und Setting erläutert. Anschließend wird der aktuelle Stand der Gesundheitskompetenz innerhalb der deutschen Bevölkerung, anhand des Health Literacy Survey Germany und Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz dargestellt. Dieser wird im Anschluss kritisch reflektiert und die Forschungsfrage beantwortet. Abschließend werden Handlungsempfehlungen gegeben.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Stufenmodell der Gesundheitskompetenz nach Nutbeam 7

Abbildung 2: Salutogenese-Modell 9

Abbildung 3: Lebensraum im Setting 12

Abbildung 4: Public-Health-Action-Cycle 14

Abbildung 5: Beispiel etablierter Setting-Ansätze in Deutschland 15

Abbildung 6: Anteil der Gesundheitskompetenzniveaus in Deutschland 18

Abbildung 7: Behandlungszeit im weltweiten Vergleich 26

Abbildung 8: Dienstleistungsmarketing-Mix 31

Abbildung 9: Zielebenen von Gesundheitskampagnen 34

Abbildung 10: Liste der Akteure der Allianz für Gesundheitskompetenz 37

Abbildung 11: Handlungsfelder des Aktionsplans 38

Abbildung 12: HLS-EU-Q47 69

Abbildung 13: Empfehlungen und Handlungsfelder des Aktionsplans 70

Danksagung

Die Studienzeit am Europa Campus behalte ich als sehr erfüllend und lehrreich in Erinnerung.

Auch möchte ich mich für die umfangreichen Informationen meiner Betreuer, Prof. Dr. Volker J. Kreyher und Dr. med. Darius Khoschlessan, bedanken. Ihre Betreuung war sehr hilfreich und ich konnte durch sie die Inhalte der Arbeit weiter vertiefen und konkretisieren.

1 Einleitung

1.1 Hinführung zur Thematik

Damit Bürger, Patienten und Versicherte das Gesundheitssystem angemessen nutzen können, müssen diese in der Lage sein die Informationen des Gesundheitssystems zu verstehen, zu befolgen und diese zu bewerten. Auch müssen sie die Fähigkeit besitzen, ihren Gesundheitszustand richtig einzuschätzen und ihr gesundheitliches Verhalten zu reflektieren. Sie müssen fähig sein, ihre Symptome richtig zu beschreiben, einen Beipackzettel zu verstehen und ärztliche Anweisungen innerhalb einer Therapie zu befolgen. Aber nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch im Alltag der Personen, im Berufsleben und zu Hause müssen Entscheidungen zur Gesundheit getroffen werden können. Diese Zusammenfassung der Anforderungen und Fähigkeiten wird Gesundheitskompetenz genannt. Allgemein beschreibt sie die Fähigkeit mit gesundheitsrelevanten Informationen angemessen umzugehen (vgl. Kickbusch et al. 2013, 5).

Gesundheitskompetenz ist die Übersetzung des englischen Begriffs Health Literacy. Sie umfasst die Bereiche der Gesundheitsbildung und der Gesundheitsmündigkeit. Health Literacy wird als die Gesamtheit der kognitiven und sozialen Fähigkeiten von Personen definiert, ihr Leben gesundheitsförderlich zu gestalten (vgl. WHO 1998, 10). Die Gesundheitskompetenz ist ein Teil der Gesundheitsförderung und wird dabei als Schlüsselkompetenz angesehen, um sich gesundheitsförderlich zu verhalten (vgl. Schaeffer et al. 2016a, 6).

Das Ziel der Gesundheitskompetenz stellt dabei das Empowerment (Selbstbefähigung) der Bevölkerung und des Individuums dar, für die Gesundheit in allen Lebensbereichen selbstständig tätig zu werden (vgl. Schaeffer et al. 2016b, 1). Das Wissen der Gesundheitskompetenz innerhalb der Deutschen Bevölkerung ist gering. Dies zeigen Ergebnisse der European Health Literacy Survey und der zusätzlich in Deutschland durchgeführten Health Literacy Survey Germany. Durch diese Studien wurden erstmalig Daten im Bezug zur deutschen Gesundheitskompetenz erhoben. Auch wurde damit eine empirische Grundlage geschaffen, um fundierte Interventionen durchführen zu können. Erhoben wurden die Daten durch den HLS-EU-Q47 Fragebogen, der im Anhang der Arbeit zu finden ist. Mit ihm wurden 2.000 Menschen ab dem 18 Lebensjahrüber über den persönlichen Stand ihrer Gesundheitskompetenz befragt. Betrachtet man die Ergebnisse der Health Literacy Survey Germany, verfügen 54,3 Prozent der Deutschen über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz (vgl. Schaeffer et al. 2016c, 40, vgl. Fragebogen 2017). Die Ergebnisse des Gesundheitsreports von Stada zeigen, dass sogar bis zu 66 Prozent der jungen Erwachsenen Bürger in Deutschland über eine inadäquate Gesundheitskompetenz verfügen (vgl Stada 2017, 10).

Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung sieht sich vor großen Schwierigkeiten, mit gesundheitsrelevanten Informationen angemessen umzugehen. Menschen die über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz verfügen, haben außerdem Orientierungsschwierigkeiten im Gesundheitssystem, kennen nicht die richtigen Ansprechpartner, werden häufiger in Krankenhäuser eingewiesen und müssen häufiger den ärztlichen Notdienst in Anspruch nehmen. Ein weiterer Punkt ist, dass Personen mit einer geringen Gesundheitskompetenz einen schlechteren Gesundheitszustand haben, als solche die über eine bessere Gesundheitskompetenz verfügen (vgl. Schaeffer et al. 2016d, 40).

Diese Punkte wirken sich belastend auf das deutsche Gesundheitssystem aus. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation, werden durchschnittlich zwischen drei und fünf Prozent der Ausgaben des Gesundheitssystems durch eine unzureichende Gesundheitskompetenz verursacht. Auf Deutschland bezogen, wären dies zwischen neun und 15 Milliarden Euro pro Jahr (vgl. Schaeffer et al. 2018, 10f.). Mit diesem Hintergrund wurde am 19. Februar 2018 der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz verabschiedet. Dieser Aktionsplan wurde anschließend von Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Praxis diskutiert und kommentiert. Insgesamt haben sechzig Entscheidungsträger über die Handlungsschwerpunkte und Empfehlungen gesprochen. Der Aktionsplan soll als Leitfaden dienen und durch die Unterstützung der Allianz für Gesundheitskompetenz in die Praxis umgesetzt werden. Die Allianz für Gesundheitskompetenz ist ein Zusammenschluss von 14 Akteuren des Gesundheitswesens, die sich in einer gemeinschaftlichen Erklärung dazu verpflichtet haben, das Gesundheitswesen nachhaltig zu verbessern und zu entwickeln (vgl. Allianz für Gesundheitskompetenz 2017). Eine Übersicht der Akteure befindet sich in Kapitel 4.1 der Arbeit.

1.2 Zielformulierung und Forschungsfrage

Die folgende Arbeit befasst sich mit der Thematik der Gesundheitskompetenz. Ziel der Arbeit ist es, anhand der Health Literacy Survey Germany, den aktuellen Stand der Gesundheitskompetenz innerhalb der deutschen Bevölkerung darzustellen. Darüber hinaus soll auf die Gesundheitsförderung eingegangen werden. Zusätzlich werden Kernaussagen zum aktuellen Stand der Gesundheitsförderung in Deutschland getroffen. Innerhalb der Arbeit soll die Forschungsfrage beantwortet werden, ob der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz eine Chance zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz in Deutschland darstellt.

Die Eingrenzung der Forschungsfrage bezieht sich auf die aktuellen Ergebnisse der oben genannten Studie und auf den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz, dessen Handlungsfelder und die dazugehörigen Empfehlungen, eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung herbeiführen sollen. Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden die Themenfelder Gesundheitskampagnen, Setting, Gesundheitsmarketing, Patientenorientierung, E-Health und Informationsorientierung hinzugezogen.

1.3 Methodisches Vorgehen

Zu Beginn der Arbeit sollen wichtige Begriffe wie Gesundheitsförderung oder Gesundheitskompetenz, genauer erläutert werden. Dazu wird im Kapitel Gesundheitskompetenz auch auf das Stufenmodell nach Don Nutbeam eingegangen. Im nächsten Kapitel wird der Begriff der Gesundheitsförderung definiert. Dabei auch auf die Sichtweise der Salutogenese und auf die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation eingegangen. Die Begriffe Setting und Prävention stellen im Rahmen der Gesundheitsförderung wichtige Tools dar, daher werden sie im Anschluss in eigenen Kapiteln genauer dargestellt. Im zweiten Teil der Arbeit wird der aktuelle Stand der Gesundheitskompetenz in Deutschland dargestellt. Dazu wird zunächst auf die HLS-Ger Studie genauer eingegangen. Es wird dargestellt, aus welchem Hintergrund diese Studie entstanden ist und welche Aussagen zu den Ergebnissen getroffen werden können. Außerdem wird auf die Gesundheitsreporte von Stada aus den Jahren 2014 bis 2017 eingegangen. Sie sollen die Ergebnisse des Health-Literacy-Germany untermalen. Im Anschluss wird der aktuelle Stand der Gesundheitsförderung in Deutschland erläutert.

Darauf folgend wird die Patientenorientierung erläutert. Es wird zusätzlich dargestellt, wie sich diese verändert hat und welche Faktoren sie beeinflussen. Auch epidemiologische Veränderungen werden dargestellt. Mittlerweile sind chronische Erkrankungen in allen gesellschaftlichen Schichten weit verbreitet und verursachen hohe Kosten. Auch auf die Funktionen von Gesundheitskampagnen und Gesundheitsmarketing, wird innerhalb der Arbeit eingegangen. Es wird zudem gezeigt, welche Faktoren dabei zu beachten sind.

Der nächste der Arbeit beschäftigt sich mit dem Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Es wird erklärt aus welchem Hintergrund er entstanden ist und welche Handlungsfelder und Empfehlungen innerhalb des Aktionsplans vorgeschlagen werden. Zudem wird die Bedeutung der Gesundheitskompetenz im Ausland erläutert. Dazu werden Beispiele aus der USA und den Niederlanden näher erläutert. Abschließend wird auf die Electronic Health und die sich verändernde Informationsorientierung eingegangen. Sie stellt eine Chance bei der Verbreitung von gesundheitsbezogenen Informationen dar, jedoch gilt es bestimmte Faktoren zu beachten.

Der letzte Teil der Arbeit fasst den Inhalt aus Teil vier zusammen und reflektiert diesen kritisch. Beendet wird die Arbeit mit der Beantwortung der Forschungsfrage und der Darstellung von möglichen Handlungsempfehlungen, bezüglich des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz. Es sollen dabei mögliche Schwachstellen aufgegriffen werden und Chancen gezeigt werden, wie die Gesundheitskompetenz gefördert werden kann.

2 Definition der Schlüsselbegriffe

2.1 Gesundheit Definition

Die am weitesten verbreitete Definition von Gesundheit wurde Weltgesundheitsorganisation (WHO) geschaffen und beschreibt Gesundheit als einen Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur allein durch das Fehlen von Krankheit und Gebrechen. „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“ (WHO 1946, 1).

Diese Definition von Gesundheit ist sehr weitreichend, da sie sowohl die physische, die psychische, als auch die soziale Dimension umfasst. Das Ziel des völligen Wohlbefindens ist gültig für alle Menschen (vgl. Bandelow 2005, S. 184). Der Sozialwissenschaftlicher Klaus Hurrelmann beschreibt Gesundheit als einen Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der vorhanden ist, wenn die Person sich in den physischen, psychischen und sozialen Aspekten ihrer Entwicklung im Einklang befindet (vgl. Willig 2013a). Die Gesundheit ist ein nicht selbstverständliches Gleichgewicht von Risiko- und Schutzfaktoren. Gelingt das Gleichgewicht, kann dem Leben Sinn und Freude abgewonnen werden. Es ist eine bedeutet produktive Entfaltung der individuellen Fähigkeiten und Potenziale (vgl. Willig 2013b).

2.2 Gesundheitskompetenz Definition

Gesundheitskompetenz ist die Übersetzung des englischen Begriffs Health Literacy und wird als die Fähigkeit gesehen, mit gesundheitsrelevanten Informationen angemessen umzugehen (vgl. Schaeffer et al. 2017a, 6). Health Literacy wird als die Gesamtheit der kognitiven und sozialen Fähigkeiten definiert, die Personen dazu aktiviert, ihre persönliche Lebensführung gesundheitsförderlich zu gestalten. „Health literacy represents the cognitive and social skills which determine the motivation and abillity of individuals to gain access to, undertand ans use Information in ways which promote and maintain good health.“ (WHO 1998, 10).

Gesundheitskompetenz ist ein Teil der Gesundheitsförderung und wird als Schlüsselkompetenz angesehen, um sich gesundheitsförderlich zu verhalten (vgl. Schaeffer et al. 2016, 6). Sie ist verbunden mit der Bildung und umfasst das Wissen und die Kompetenzen, die Personen in Bezug auf relevante Gesundheitsinformationen haben sollen. Sie dienen dazu, im Alltag angemessene gesundheitliche Entscheidungen treffen zu können (vgl. Kickbusch et al. 2013, 6). Der Begriff der Gesundheitskompetenz wurde 1974 erstmals in der Literatur verwendet. Der Hintergrund war die hohe Analphabeten-Rate in den USA. Über zwanzig Prozent der Erwachsenen amerikanischen Bevölkerung erreichte lediglich das niedrigste Literalitäts-Niveau und hatte massive Schwierigkeiten im Umgang mit schriftlichen Informationen. Dies führte zu der Frage, ob diese Bevölkerungsgruppe den Ansprüchen des Gesundheitssystems gewachsen war. Beispielsweise einen Terminzettel des Arztes richtig zu lesen oder die Packungsbeilage von Medikamenten korrekt zu verstehen. Gesundheitskompetenz wird zunehmend als wichtige Voraussetzung betrachtet, die eigene Gesundheit zu erhalten und sich im bei einer Erkrankung zielgerichtet durch das Gesundheitssystem bewegen zu können. Zudem hilft sie Patienten, aktiv an der Behandlung und der Wiederherstellung der Gesundheit mitzuwirken (vgl. Schaeffer 2017c, 6).

Das am häufigsten verwendete Model, zur Darstellung der Gesundheitskompetenz, ist das Stufenmodell des amerikanischen Hochschulprofessors Don Nutbeam (vgl. Soellner et al. 2009a, 107). Das Modell stellt die Gesundheitskompetenz als einen Zusammenhang von persönlichen Fähigkeiten dar, die es erlauben, sich im Gesundheitssystem erfolgreich zu bewegen. Innerhalb dieses Stufenmodells ordnet Nutbeam die Fähigkeiten drei aufeinander aufbauenden Stufen der Gesundheitskompetenz zu (vgl. Soellner et al. 2009b, 107).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Stufenmodell der Gesundheitskompetenz nach Nutbeam

(vgl. Soellner et al. 2009, eigene Darstellung)

Die unterste Stufe ist die funktionale Ebene. Auf dieser Ebene verfügt die Person über ein grundlegendes Lese- und Textverständnis, um simple gesundheitsbezogene Informationen zu verstehen. Ein Bespiel wäre hier unter anderem der Terminzettel eines Arztes. Die funktionale Gesundheitskompetenz ermöglicht den Personen eine erfolgreiche Anpassung an die vorhandenen Strukturen, welche beispielsweise durch das Gesundheitssystem vorgegeben werden (vgl. Soellner et al. 2009c, 107). Die interaktive Ebene, stellt die mittlere Ebene dar. Auf dieser Ebene verfügt die Person über kognitive und soziale Fähigkeiten, um den Informationsgehalt aus verschieden kommunikativen Botschaften herauszufiltern. Das erworbene Wissen, kann die Person anschließend in verschiedenen Lebenssituationen anwenden. Die Herausbildung dieser interaktiven Gesundheitskompetenz ist von dem Umfeld der Person abhängig. Es sollte die Person dabei motivieren und unterstützen (vgl. Soellner et al. 2009d, 107f.). Die Kritische Ebene ist die oberste Ebene des Modells. Auf der kritischen Ebene besitzt die Person zusätzliche Fähigkeiten, um Sachverhalte kritisch zu hinterfragen. Ausgehend von dieser Basis, können Individuen oder Gruppen ein erhöhtes Maß an Selbstbestimmung erlangen und dieses auf ihre persönliche Gesundheit übertragen. Es ermöglicht den Aufbau einer gesunden und selbstbestimmenden Lebensweise (vgl. Soellner et al. 2009e, 108).

2.3 Gesundheitsförderung

Gesundheitsförderung (Health Promotion) ist ein Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre individuelle Gesundheit zu geben, um sie dadurch zu aktivieren, ihre einige Gesundheit zu stärken. Das Ziel stellt das Erreichen eines umfassenden Wohlbefindens dar. Es ist daher notwendig, dass Individuen und Gruppen ihre Bedürfnisse wahrnehmen und befriedigen können, um ihre individuelle Umwelt zu meistern (vgl. Ottawa-Charta 1986, 1). „Gesundheitsförderung bezeichnet alle Eingriffshandlungen, die einem Ausbau von individuellen Fähigkeiten der Lebensbewältigung dienen.“ (Hurrelmann et al. 2014a, 14). Gesundheitsförderung ist eine Promotionsstrategie, bei denen der Mensch, durch die Verbesserung seiner Lebensbedingungen, eine Stärkung der individuellen gesundheitlichen Potenziale erleben soll. Zurückführen lässt sich diese Unterteilung auf den Sozialforscher Aron Antonovsky (vgl. Hurrelmann et al. 2014b, 13).

Antonovsky definiert die Krankheit als einen Bestandteil des Lebens mit dem Begriff der Heterostase. Er beschreibt die Heterostase als einen Zustand des Ungleichgewichts. Dieses Ungleichgewicht wird durch Stressoren verursacht, die im gesamten Leben allgegenwärtig sind. Stressoren sind dabei nicht nur schädliche Einflüsse, sie können zudem auch heilsame Potenziale aufweisen. (vgl. Antonovsky 1997, 30). Das Kernstück des salutogenetischen Modells sind Fähigkeiten, die es dem Individuum ermöglichen, Spannungen auszugleichen um dadurch die Gesundheit einzuleiten. Er beschreibt sie als Widerstandsressourcen (vgl. Büssers 2009a 8ff.). Das Modell der Salutogenese sucht nicht nach der Heilung von Krankheiten, sondern nach der Entstehung von Gesundheit. Anto-novsky stellte sich dabei die Frage, wie Gesundheit entsteht und was Menschen trotz äußerer Belastungen gesund bleiben lässt. Das Zentrum des Modells bildet das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence) (vgl. Büssers 2009b, 12). Es ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die es ermöglichen, das Leben im Gleichgewicht zu halten. Dieses Vertrauen entwickelt sich in der Jugend und wirkt sich auf das gesamte spätere Leben aus. Das Kohärenzgefühl verdeutlicht, dass die Gesundheit im Menschen selbst zu suchen ist. Es wird in die drei Elemente Sinnhaftigkeit, Handhabbarkeit und Verstehbarkeit unterteilt (vgl. Steinbach 2007, 121). Die Verstehbarkeit erlaubt es Menschen, Informationen klar und verständlich einzuordnen. Die Handhabbarkeit ist das innere Vertrauen darauf, dass im Leben jede Situation gemeistert werden kann. Die Sinnhaftigkeit ist die Überzeugung, dass alle Ereignisse im Leben einen Sinn haben (vgl. Büssers 2009c, 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Salutogenese-Modell

(vgl.Salutogenese 2015, eigene Darstellung)

Gesundheitsförderung orientiert sich vor allem am dem Ziel, die Gesundheit zu vermehren, um Gestaltungsmöglichkeiten für eine gesundheitsorientierte Lebensführung zu öffnen. Es ist es wichtig die bestehenden Kompetenzen zu stärken und ein konstruktives gesundes Verhalten zu fördern. Die Förderung der Kompetenzen Problemlösung, Kommunikation und soziale Kompetenzen, werden dabei priorisiert (vgl. Reineke et al. 1997, 149). Das gemeinsame Ziel der Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung ist das erzielen eines individuellen und kollektiven Gesundheitsgewinns. Dies soll zum einen durch die Verringerung von Erkrankungen und zum anderen durch die Förderung von gesundheitlichen Ressourcen geschehen (vgl. Hurrelmann et al. 2014c, 13).

Die WHO vereinbarte zusammen mit ihren Regionalbüros im Jahr 1977 ein gemeinschaftliches und übergeordnetes Ziel der Gesundheit für alle . Jedem Menschen sollte in Aussicht gestellt werden, ein gesundheitliches Niveau zu erreichen (vgl. Kickbusch et al. 1986, 11). Die Ottawa-Charta definierte die Gesundheit als ein Ergebnis von Selbstbestimmung und der Chance, sich für die individuellen Bedürfnisse und Wünsche erfolgreich einzusetzen, um die eigene Lebenswelt mitgestalten zu können (vgl. Kickbusch et al. 1986, 1).

2.4 Prävention

Prävention ist im Bereich des Gesundheitswesens ein Oberbegriff für zielgerichtete Maßnahmen und Aktivitäten, um Krankheiten zu vermeiden oder das Risiko von Erkrankungen zu verringern (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2015a). Seinen Ursprung der Begriff in der Krankheitsprävention. „Krankheitsprävention bezeichnet alle Eingriffshandlungen, die dem Vermeiden des Eintretens oder des Ausbreitens einer Krankheit dienen.“ (Hurrelmann et al. 2014, 13). Der Begriff stammt aus der Sozialmedizin des 19. Jahrhunderts und entwickelte sich aus dem Hintergrund der sozialen Hygiene und Volksgesundheit. Unterteilen lässt sich der Begriff der Prävention nach dem Zweitpunkt der eingesetzten Maßnahmen, sowie in das individuelle Verhalten und die Lebensverhältnisse (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2015b).

Primäre Prävention hat zum Ziel, die grundsätzliche Entstehung von Krankheiten zu verhindern. Vor allem Volkskrankheiten wie beispielsweise Diabetes mellitus Typ 2, Herzkreislauferkrankungen, aber auch Rückenschmerzen, können in den meisten Fällen durch eine gesundheitsbewusste Lebensweise und gesundheitsförderliche Lebensbedingungen vermieden werden (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2015c) Zu primär präventiven Faktoren zählt unter anderem eine gesunde Ernährung, ausreichende sportliche Aktivitäten und eine gute Stressbewältigung. Aber auch Impfungen und geschützter Geschlechtsverkehr zählen zu primär präventiven Maßnahmen (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2015d). Die sekundäre Prävention ist die Früherkennung von Krankheiten. Die Erkrankungen soll in einem möglichst frühen Stadium erkannt werden, um eine gezielte Therapie rechtzeitig einleiten zu können. Heutzutage ist eine Abgrenzung zur primären Prävention nicht immer möglich. Ein Beispiel, um diese Aussage zu verdeutlichen, ist die Darmkrebsfrüherkennung. Es ist im Regelfall eine Maßnahme der Krankheitsvermeidung. Daher eine Form der primären Prävention, sofern bei dieser Untersuchung die Vorstufe einer Krebserkrankung entdeckt und entfernt wurde. Wird jedoch eine bereits eingetretene Krebserkrankung im Frühstadium entdeckt, handelt es sich bei dieser Maßnahme um einen sekundär präventiven Eingriff im Verständnis der Krankheitsfrüherkennung Maßnahmen der sekundären Prävention wären unter anderem Vorsorgeuntersuchungen (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2015e). Die tertiäre Prävention hat das Ziel, die Folgen von Krankheiten zu mindern und einen Rückfall oder eine Verschlimmerung von Krankheiten zu vermieden. Die tertiäre Prävention ist nahezu identisch mit der Rehabilitation (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2015f).

Die Verhaltensprävention bezieht sich unmittelbar auf Personen und ihr individuelles Verhalten. Hierunter fallen alle Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz. Ziel ist es, Risikofaktoren durch falsches oder riskantes Verhalten zu reduzieren. Die Verhältnisprävention bezieht sich auf die allgemeinen Lebensumstände der gesamten Bevölkerung. Dazu zählen unter anderem die Lebens- und Arbeitsverhältnisse, wie beispielsweise das Einkommen, das Umfeld oder die Bildung. Aber auch auf andere Faktoren, die die Gesundheit der Gesellschaft beeinflussen können. Ein anderes Beispiel wäre das Rauchverbot in Gaststätten (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2015g).

2.5 Setting

Der Begriff Setting (Rahmen) ist ein Zusammenhang der Lebensräume, in denen sich Personen während ihres Alltags aufhalten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Lebensraum im Setting

(vgl. Hartung et al. 2015, eigene Darstellung)

Dieser Rahmen drückt sich durch die formale Organisation aus, die regionale Situation, die Lebenslage und die gemeinsamen Werte und Präferenzen (vgl. Hartung et al. 2015a). Setting beschreibt allgemein ein überschaubares sozial-räumliches System (vgl. BzgA 2006, 297). Die erste schriftliche Darstellung des Setting-Ansatzes fand analog mit der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung im Jahr 1986 statt. Die Beschreibung von konkreten gesundheitsfördernden Settings stellte einen wichtigen Schritt zur Einführung von gesundheitsförderlichen Maßnahmen dar (vgl. Altgeld 2004a, 27). „Gesundheitsförderung unterstützt die Entwicklung von Persönlichkeit und sozialen Fähigkeiten durch Information, gesundheitsbezogene Bildung sowie die Verbesserung sozialer Kompetenzen und lebenspraktischer Fertigkeiten.“ (Who 1986, 4).

Der Schlüsselbegriff ist Empowerment (Selbstbefähigung). Aus der Sicht der Politik sollen gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, um so die Chancengleichheit zur fördern. „Gesundheit ist kein abstraktes Ziel, sondern muss hergestellt und aufrechtgehalten werden.“ (Altgeld 2004b, 27). Im Unterschied zur klassischen Gesundheitserziehung werden innerhalb des Setting-Ansatzes nicht die Personen und ihr individuelles Verhalten hervorgehoben, sondern das soziale System selbst. Jedoch können einzelne Gesundheitsprobleme oder Risiken innerhalb dieses Systems anvisiert werden. Durch den Setting-Ansatz lassen sich individuelle und umweltbezogene Maßnahmen verbinden (vgl. Altgeld 2004c, 27). Die Kernstrategien in der Setting-Arbeit, sind der Einbezug und die Beteiligung aller relevanten Gruppen in den Setting-Kontext. Zunächst wird die Ausgangssituation mit den Beteiligten analysiert. Darauf folgend werden Maßnahmen gebildet, welche im Anschluss durchgeführt werden. Ist die Durchführung beendet, werden die Maßnahmen und der Erfolg ausgewertet und analysiert. (vgl. Altgeld 2004d, 27f.) Um die Maßnahmen der Gesundheitsförderung optimal zu planen, wurden verschiedene Methoden und Modelle entwickelt. Alle beruhen auf den Prinzipien des Public Health Action Cycles.

Die zentralen Punkte sind die Problemdefinition, die Strategie- und Zielformulierung, die Durchführung und die Auswertung. Ein schriftlich fixierter Plan soll die festgelegten Ziele und Maßnahmen aufzeigen. Zudem soll er auch einen Plan über den zeitlichen Ablauf, mit den jeweiligen Zwischenzielen, einen Finanzierungsplan, die Zuordnung der Verantwortlichkeiten, die Form der Evaluierung und die Präsentation der Ergebnisse beinhalten (vgl. Dorner. 2018a, 200f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Public-Health-Action-Cycle

(vgl. Hartung et al. 2015, eigene Darstellung)

Zunächst werden bei Erstellung des Plans mehrere Schlüsselphasen festgelegt. Ein Beispiel hierfür wäre die Feststellung des Gesundheitsbedarfes, indem die gesundheitlichen Bedürfnisse anhand von vorher festgelegten Kriterien erhoben und priorisiert werden. Anschließend werden generelle und spezifische Ziele formuliert. Generelle Ziele legen fest, was mit dem Projekt grundsätzlich erreicht werden soll. Die spezifischen Ziele beschreiben, welches Teilziel, wann erreicht werden soll. Ist dieser Schritt vollzogen, werden die Strategien und Methoden anhand der spezifischen Ziele ausgewählt, um sie optimal zu erfüllen. Danach werden wie notwendigen Ressourcen ermittelt und beschafft. Die Evaluierung der Ergebnisse ist zusätzlich wichtig, um eine zukünftige Verbesserung und Optimierung des Projektes zu ermöglichen (vgl. Dorner. 2018b, 200ff.)

Bei der Erhebung des gesundheitlichen Bedarfs im Setting, werden auch gesundheitliche Ressourcen und Probleme erfasst. Dabei sind objektive Daten genauso relevant wie die subjektiven Bedürfnisse. Außerdem wird eine spezifische Problembeschreibung durchgeführt. Die Planung entwickelt eine konkrete Strategie, wie das Problem behoben werden soll. Die Überlegung wird schriftlich festgehalten und gemeinsam mit den Kooperationspartnern geplant (vgl. Gold et al. 2010a, 8). Die spezifischen Ziele sollen messbar, erreichbar, realistisch und terminiert sein (smart) (vgl. Dorner. 2018c, 203). Bei der Durchführung werden wie vorher festgelegten Strategien verwendet. Die Evaluation der Ergebnisse wird anhand vorher festgelegter Ergebnisse gemessen und bewertet. Die Evaluation untersucht die Wirkung einer Maßnahme und zeigt zudem, ob die Maßnahme verbessert werden muss oder unwirksam war. Auf dieser Grundlage können gesundheitliche Maßnahmen neu beschrieben und der Gesundheitsbedarf zukünftig ermittelt werden (vgl. Gold 2010b, 8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Beispiel etablierter Setting-Ansätze in Deutschland

(vgl. Hartung et al. 2015, eigene Darstellung)

Die Notwendigkeit und Akzeptanz des Setting-Ansatzes zeigt sich unter anderem durch seine Verwendung im Präventionsgesetz, das im Juli 2015 im Bundestag verabschiedet wurde. Dadurch werden die Gesundheitsförderung und die Primärprävention durch Settings gestärkt (vgl. Hartung 2015b). Im fünften Sozialgesetzbuch findet zudem auch das Setting seine Verwendung. Im § 20 SGB V Primäre Prävention und Gesundheitsförderung und im § 20a SGB V Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten wird Bezug auf den Setting-Ansatz genommen (vgl. §20 SGB V).

3 Aktueller Stand in Deutschland

3.1 Aktueller Stand der Gesundheitskompetenz in Deutschland

Gesundheitskompetenz ist in den letzten Jahren in Deutschland immer wichtiger geworden. Die bisherigen Aktivitäten zur Förderung der Nutzerkompetenz, beispielsweise durch die Bereitstellung von Informationen oder den Ausbau der Verbraucher- und Patientenberatung, erfolgten jedoch meist ohne eine fundierte empirische Kenntnis der Kompetenzvoraussetzungen. Dies führt dazu, dass die Nutzer nicht erreicht werden und dementsprechend die Bereitstellung von Informationen ihr Ziel nicht erreicht (vgl. Schaeffer et al. 2016a, 1). Lange standen der empirischen Forschung nur internationale Daten zur Verfügung. Mit der Health Literacy-Survey Europe wurde erstmals die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in acht europäischen Ländern untersucht. Auch Deutschland war anderer HLS-EU beteiligt. Jedoch wurde nur durch das Bundesland Nordrhein-Westfalen vertreten. Daher fehlten nach wie vor repräsentative Daten zur Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung (vgl. Schaeffer et al. 2016b, 1f.). Durch die Heath Literacy-Survey Germany sollte diese Lücke geschlossen werden. Sie knüpft an die HLS-EU an, ist jedoch zeitlich verzögert. Sie liefert eine empirische Grundlage für die Entwicklung von Interventionen zur Stärkung der Gesundheits- und Nutzerkompetenz (vgl. Schaeffer et al. 2016c, 2). Im Rahmen der HLS-EU wurde eine Definition erarbeitet, die die bisherigen Beschreibungen von Gesundheitskompetenz integrieren soll. Nach dieser Definition ist die Gesundheitskompetenz eine Schlüsselkompetenz für gesundes Verhalten und in allen Bereichen des Lebens relevant (vgl. Schaeffer et al. 2016d, 6).

Eine der wenigen Studien in Deutschland, zum Thema der Gesundheitskompetenz, gehört zu der Bertelsmann Stiftung, die im Jahr 2008 eine Befragung durchführte und erstmals Daten zum gesundheitlichen Wissen der deutschen Bevölkerung erhob. Ergebnis war, dass Defizite im Bereich des Gesundheitswissens der deutschen Bevölkerung vorhanden waren und falsche Informationen über gesundheitliche Themen weit verbreitet waren (vgl. Schaeffer et al. 2016e, 10). Ergebnisse der HLS-EU zeigten, dass in Deutschland, bzw. im beteiligten Bundesland Nordrhein-Westfalen, durchschnittlich 46,3 Prozent der Befragten eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auswiesen. Deutschland befindet sich mit diesem Ergebnis im europäischen Mittelfeld und auf einer Ebene mit Polen und Griechenland. Die Ergebnisse der europäischen Stunde zeigten, dass sozio-demografische Faktoren, wie ein höheres Lebensalter, ein niedriges Bildungsniveau, ein vorhandener Migrationshintergrund, ein niedriger Sozialstatus und eine niedrige funktionale Gesundheitskompetenz mit einer eingeschränkten Gesundheitskompetenz verbunden sind. Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz mit Gesundheits- und Risikoverhaltensweisen, wie Bewegungsmangel und häufigem Alkoholkonsum zusammenhängt (vgl. Schaeffer et al. 2016f, 11).

Diese Befunde wurden auch durch das Robert Koch-Institut bestätigt. Menschen mit niedriger Gesundheitskompetenz hielten ihren Gesundheitszustand selten für ausreichend. Gleichzeitig war die Prävalenz chronischer Krankheiten, depressiver Symptome, starker Schmerzen und weiterer lang andauernder Gesundheitsprobleme bei dieser Gruppe erhöht. Diese Ergebnisse zeigten einen Zusammenhang zwischen eingeschränkter Gesundheitskompetenz und verhaltensbezogenen Risikofaktoren (vgl. Schaeffer et al. 2016g, 12). Auch das Wissenschaftliche Institut der AOK führte eine telefonische Befragung der gesetzlich Versicherten im Alter ab 18 Jahren durch. Fast die Hälfte der Befragten hatte eine unzureichende Gesundheitskompetenz. Für die Gesundheitskompetenz der Befragten spielen dabei das Alter, der Bildungsstatus, das Einkommen und der Erwerbsstatus eine wichtige Rolle (vgl. Schaeffer et al. 2016h, 12).

Der Hintergrund der Studie war die Annahme, dass Menschen mit einer geringen Gesundheitskompetenz Schwierigkeiten haben, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden und wichtige Informationen zu verstehen. Dies wirkt sich wiederum negativ auf die Gesundheit, das Gesundheits- und Krankenverhalten und auf die Nutzung des Gesundheitssystems aus. Ziel war es repräsentative Daten zur Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung zu erhalten (vgl. Schaeffer et al. 2017a, 7). In einer Querschnittsstudie wurden 2000 Personen im Alter von über 15 Jahren befragt. Zur Befragung wurden computerassistierte persönliche Befragungen durchgeführt, die auf dem Fragebogen des europäischen Health Literacy Survey basierten und um soziografische Determinanten ergänzt wurden (vgl. Schaeffer et al. 2017b, 8). Die Ergebnisse der HLS-Ger zeigen, dass von den 2000 Befragten nur 7,3 Prozent über eine exzellente Gesundheitskompetenz verfügen. 38,7 Prozent verfügen über eine ausreichende Gesundheitskompetenz. Insgesamt verfügen 54,3 Prozent der deutschen Bevölkerung über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Rechnet man diesen Wert hoch, sind es 40 Millionen Bürger. Von dieser Bevölkerungsgruppe haben 44,6 Prozent eine problematische Gesundheitskompetenz. 9,7 Prozent haben eine unzureichende Gesundheitskompetenz, das heißt sie haben erhebliche Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und zu nutzen (vgl. Schaeffer et al. 2016i, 40).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Anteil der Gesundheitskompetenzniveaus in Deutschland

(vgl. Äerzteblatt 2017, eigene Darstellung)

Die Kernaussagen, welche nach der Auswertung der Ergebnisse getroffen werden können waren, dass die Forschung zum Thema der Gesundheitskompetenz in Deutschland noch am Anfang steht. Die ersten deutschen Studien zur Gesundheitsförderung sind nicht repräsentativ, dies wurde durch den deutschen Health Literacy Survey geändert. Der Sozialstatus, die funktionale Literalität, der Migrationshintergrund und das Alter sind mit der Gesundheitskompetenz verknüpft. Die Erstellung eines nationalen Aktionsplans, zur Förderung der deutschen Gesundheitskompetenz ist erforderlich, um die Qualität im Gesundheitswesen zu sichern und die Verständlichkeit von Gesundheitsinformation zu fördern (vgl. Schaeffer et al. 2017c, IIIf.).

Im Anhang der Arbeit ist der HLS-EU-Q47 Fragebogen abgebildet, der zur Erhebung der Daten verwendet wurde. Die 47 Punkte wurden als direkte Fragen ausgelegt und haben zum Ziel, eine subjektive Einschätzung der Schwierigkeiten bei der Bewältigung von gesundheitsrelevanten Anforderungen zu erfassen. Als Antwortmöglichkeit wurde eine vierstufige Antwortskala verfasst, welche jeweils numerischen Werte zugeordnet wurden. Sehr einfach wurde mit dem Wert vier versehen, ziemlich einfach mit dem Wert drei, ziemlich schwierig mit dem Wert zwei und sehr schwierig mit dem Wert eins. (vgl. Fragebogen 2017).

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Details

Seiten
77
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783956877315
ISBN (Buch)
9783956877339
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v446401
Note
Schlagworte
Gesundheitsmarketing Prävention Gesundheitsförderung Patientenorientierung Epidemiologie Gesundheitskompetenz Gesundheitskampagnen Electronic-Health Gesundheitssystem Gesundheit Aktionsplan National Marketing 2019

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Titel: Der Nationale Aktionsplan. Kann er die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessern?