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Germanicus in Germanien. Der Abbruch der Feldzüge in den Jahren 14 - 16 v. Chr.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Die Feldzüge des Germanicus
1.1 Die Vorgeschichte
1.2 Der Ablauf
1.3 Die Nachgeschichte

2 Der Autoritätskonflikt zwischen Tiberius und Germanicus

3 Die Germanienpolitik des Tiberius

4 Die Berichterstattung des Tacitus

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Zum Winter des Jahres 16 erreichte Nero Claudius Germanicus1, der designierte Nachfolger seines Adoptivvaters und Princeps Tiberius Iulius Augustus, mit seinem Heer ein Winterlager am Rhein. Nach mehrjährigen Feldzügen in Germanien mit siegreichen Schlachten gegen Armenius, ehemaliger römischer Bürger und Ritter, cheruskischer Fürst und Sieger in der Varusschlacht, kehrte er nun in römisches Gebiet zurück, um sich mit den Legionen auf den nächsten Sommer vorzubereiten und die aufmüpfigen Germanen endgültig gefügig zu machen. Doch im Lager angekommen erhält er Briefe seines Vaters und Kaisers mit der Aufforderung, die Feldzüge umgehend zu beenden und nach Rom aufzubrechen. So zumindest berichtet es der römische Geschichtsschreiber Tacitus in seinen Annalen.

In Anbetracht der militärischen Erfolge, die der Germanicus feierte, scheint die Einberufung in die Hauptstadt zunächst irreführend. Entgegen der populärwissenschaftlichen Meinung über die Unbezwingbarkeit der Germanen, war es durchaus möglich, die Stämme östlich des Rheines zu unterwerfen, wie es schon zwei Jahrzehnte zuvor bewiesen wurde. Mit involviert war auch Tiberius, weshalb ihm die Aussicht auf ein positives Ergebnis in den Kopf gekommen sein muss, da seine Erfahrungen in dem Gebiet nie mit einer Niederlage verbunden waren. Warum also befiehlt er seinem adoptierten Sohn den Abbruch des Kommandos?

Der deutsche Althistoriker Dieter Timpe hat bereits 1968 in einer übersichtlichen Auseinandersetzung die Ereignisse aufgearbeitet und deren Bedeutung konstatiert. In einer ausführlichen Analyse beschrieb er einige Jahrzehnte später die römisch germanischen Beziehung in einer Monographie, welche zur selben Zeit wie die seines Landmannskollegen Klaus-Peter Johne. Dieser schrieb über dasselbe Thema, jedoch haben die Ergebnisse der Bücher leichte Abweichungen.

Um einer Beantwortung der Frage näher zu kommen, warum Tiberius seinen Nachfolger einbezog, befasst sich der erste Abschnitt dieser Ausarbeitung zunächst mit der Rekonstruktion des Geschehenen. So soll eine Vorstellung von dem Ablauf des Krieges dargelegt werden, welches der Beurteilung von Handlungen dienlich sei. Im nächsten Schritt beschäftigt sich die Arbeit mit der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, sowie mit den Erfahrungen des Tiberius in Germanien, um weitere mögliche Beweggründe des Kaisers aufweisen soll. Da sich die Rekonstruktion der Germanien-Kriege zu großen Teilen auf die Annalen stützt, wird abschließend noch der Wahrheitsgehalt des taciteischen Werkes überprüft.

1 Die Feldzüge des Germanicus

Zu der tiefgreifenden Vorgeschichte der Feldzüge von Germanicus gehört zweifelsohne auch das Schicksal seines Vaters Claudius Drusus2, dem er letztlich seinen Namen verdankte. Nachdem einige germanische Stämme unter Führung der Sugambrer 16 v. Chr. in linksrheinisches Gebiet eindrangen, zog der gallische Statthalter Markus Lollius gegen sie aus und erlitt eine Niederlage. Augustus übergab Drusus den Befehl über die nun an die Rheingrenze stationierten sechs Legionen und einige Auxiliartruppen aus Gallien. Vier Jahre nach der Niederlage des Lollius zog der neue rheinische Kommandeur erstmals mit den Streitkräften über den Fluss und konnte über mehrere Jahre hinweg die germanischen Stammesgebiete verheeren und bis zur Elbe vordringen. Dort verstarb er 9 v. Chr. auf dem Rückweg zum Legionslager in Mainz an einer Verletzung nach einem Reitunfall. Sein Bruder Tiberius erreichte ihn noch angeblich vor seinem Tod3 und brachte die Feldzüge ohne ausgreifende militärische Anstrengungen zum Abschluss. Zur Ehrung der Leistungen von Drusus wurde ihm der Beiname Germanicus verliehen, den er seinem Sohn vererbte.

1.1 Die Vorgeschichte

Zu den prägendsten Niederlagen des römischen Reiches während der Regierungszeit des Augustus zählt zweifellos die Varusschlacht im Jahre 9. Bei dem stark verbreitet angenommenen, allerdings keineswegs umstrittenen Austragungsort in Kalkriese4, verlor der römische Statthalter Varus Quinctilius gegen Armenius alle seiner befehligten Streitkräfte und nötigte Augustus, wenn man Sueton Glauben schenken möchte, zu dem berühmten Ausruf „Quintilius Varus, gib (mir) meine Legionen zurück!“5. Der Princeps erhöhte die Anzahl der Legionen am Rhein auf neun Stück und übergab das Kommando seinem über Umwege designierten Nachfolger Tiberius6, welcher trotz der großen Niederlage des Varus militärisch vorsichtig gegenüber den rechtsrheinischen Germanen reagierte.7 Doch nach dem Tod des Augustus war seine Anwesenheit in Rom von höherer Bedeutung und Germanicus, den er auf Drängen von Augustus einige Jahre zuvor adoptiert hatte, bekam den Oberbefehl der Truppen am Rhein.

Zu Beginn seiner Amtszeit als Oberbefehlshaber sah sich Germanicus einer Revolte der Rheintruppen gegenüber, die materielle Forderungen stellte. Sie begann parallel mit einer Militärrevolte an der pannonischen Grenze, zu welcher Tiberius seinen leiblichen Sohn Drusus den Jüngeren sandte. Die Ursachen sind sowohl in den Quellen unterschiedlich beschrieben, als auch in der Forschung umstritten. Tacitus sieht hundert Jahre nach den Ereignissen den Willen der rheinischen Soldaten, ihren Kommandanten als Princeps zu sehen. Neuzeitliche Historiker vermuten über die Jahre hinweg ebenfalls einen Zusammenhang mit dem Tod Augustus und seiner Nachfolgeregelung8, schwerpunktmäßig allerdings eher auf dem kurz vor seinem Tod erlassenen Dekret zur Dienstzeitverlängerung der Soldaten. Der Aufstand in Pannonien konnte besänftigt werden, angeblich durch die Erscheinung einer Mondfinsternis begünstigt, was Germanicus unter Druck gesetzt haben muss, die Truppen am Rhein in Kontrolle zu bekommen. Es ist unklar, wie er letztendlich den Aufstand abwehrte. Es ist jedoch unbestreitbar, dass Germanicus kurz darauf eine Brücke errichtete und mit den Truppen über den Rhein setzte.

Über die Ziele des Feldzuges ist wenig bekannt, sodass viele Spekulationen bleiben. Antike Autoren begründen die Militäroperation als direktes Mittel zur Unterdrückung der Unruhen oder den Wunsch auf Rachegelüste nach der verlorenen Varusschlacht.9 Letzteres würde noch zu möglichen militärischen Planungen unter der Regierungszeit von Augustus passen, welcher sicherlich Vergeltung für eine römische Niederlage dieser Art beabsichtigte, auf die Tiberius nach Übernahme des Truppenbefehls jedoch zurückhaltend reagierte.10 Ob sich Germanicus indes an ursprünglichen augusteische Überlegungen anlehnte, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zu unterwerfen, bleibt Theorie, da die Intentionen der Germanienpolitik des Augustus ohnehin schwer überschaubar sind. Die Drusus-Feldzüge schienen sich eher ziellos weiter nach Osten auszudehnen und die res gestae gibt nur vage an, dass der Princeps möglicherweise eine „Befriedung Germaniens“11 versucht haben könnte zu erreichen.

1.2 Der Ablauf

Der Verlauf des Germanicus-Feldzuges vollzog sich über drei Jahre und ist sehr ausführlich und detailreich in Tacitus Annalen beschrieben. Im ersten Angriffsjahr 14 beschränkten sich die Militäraktionen auf das Gebiet zwischen Lippe und Ruhr mit einem Überfall der Römer auf die Marser, die bei Feierlichkeiten überrascht worden sind. Auf dem Rückweg befielen Brukterer, Tubanten und Usipeter die römischen Truppen, allerdings erfolglos. Daraufhin wurde neben Drusus Caeser und C(aius) Norbanus (..) dem Germanicus ein Triumph zuerkannt12. Dies könnte für die erfolgreiche Niederschlagung der Aufstände der Legionen am rheinischen Lager oder für die Bekämpfung der Marser verliehen worden sein. Sollte allerdings Tiberius den Triumph inszeniert haben, so könnte er bereits als Fingerzeig verstanden werden, nach Anerkennung der bisherigen Leistungen weitere Militäraktionen zu unterlassen.

Nichtsdestotrotz überquerte Germanicus schon im Frühjahr des darauffolgenden Jahres wieder den Rhein. Er zog mit vier Legionen und zahlreichen Hilfstruppen zügig voran, um die Chatten zu bekämpfen, in der Hoffnung die innergermanischen Streitigkeiten zwischen Armenius und dem romfreundlichen Stiefvater Segestes anzuheizen. Nachdem er gegen wenig Wiederstand das Zentrum der Chatten erreichte und in Brand setzte, erfuhr er von einer Belagerung des romfreundlichen Segestes. Germanicus entschied sich ihm und seinen Angehörigen zu helfen, unter denen sich auch Arminius Gemahlin befand, musste dafür allerdings wieder „umkehren“13. Aus Sorge vor aufkommenden germanischen Gegenaktionen und Bündnissen wurde der Legat Caecina mit einem Heer losgeschickt, um das Land der Brukterer zu verwüsten. Dort suchten, fanden und begruben sie dann ebenfalls die gefallenen Soldaten der Varusschlacht. Germanicus verfolgte Arminius und bekämpfte ihn an einem unbekannten Ort,14 doch die Schlacht ging unentschieden aus. Während der römische Feldherr daraufhin über die Nordsee zum Rhein zurück schiffte und bei einer überraschenden Flut zwei an Land begleitende Legionen verlor, eilte Arminius mit seinen Streitkräften um Caecina einzuholen und anzugreifen, doch siegten die Römer nach einer dreitägigen Schlacht.

Für das letzte Kriegsjahr entschied sich Germanicus über die Nordsee mit Schiffen in das germanische Gebiet zu gelangen und ließ dafür eine Flotte errichten. Die Truppen befuhren mit den Schiffen das Meer bis zur Ems, wo Sie aufgrund von organisatorischen Fehltritten einige Zeit verloren. Danach marschierten sie zur Weser und trafen auf Armenius, der sich auf dem anderen Ufer des Flusses befand und die Römer bat, mit seinem Bruder zu sprechen, welcher noch im Dienst derer war. Das Gespräch endete im Streit, woraufhin es bereits zu ersten Kampfhandlungen kam. Am Tag darauf ereignete sich eine groß angesetzte Schlacht, auf der östlichen Seite der Weser, die Germanicus mit den Worten Die Elbe sei bereits näher als der Rhein15 angekündigt haben soll, sowie eine Weitere am Angrivarierwall.16 Beide Kampfhandlungen wurden zu Gunsten der Römer entschieden, jedoch konnte Armenius stets entkommen. Germanicus trat den Rückweg an, auf dem ein Teil seines Heeres, welches über See reiste, von einem Sturm dezimiert wurde. Im Verlaufe des Jahres führten die Römer noch einige Militäroperationen gegen rheinnahe germanische Stämme.

1.3 Die Nachgeschichte

Germanicus beendete seine Feldzüge zum Ende des Jahres 16 n. Chr. auf Drängen von Tiberius hin. Der Princeps forderte in mehreren Briefen den Abbruch der Militäroperation mit Lob für die Erfolge, aber unter deutlicher Hervorhebung der Verluste. In Rom würde für den Feldherrn ein Triumphzug abgehalten. Germanicus kam den Forderungen des Tiberius nicht unmittelbar nach, da er sie laut Tacitus als eine Vortäuschung von Ehrungen beurteilte.17

Wenn die Absichten eines Herrschers wie Tiberius nachvollzogen werden sollen, so ist es vorteilhaft, sich im Nachhinein mit seinem Handeln und dessen Folgen befassen zu können. Der Aufenthalt seines Adoptivsohnes in Rom war von kurzer Dauer, da er im Herbst des nächsten Jahres von Tiberius bereits in den Osten des Reiches fortgeschickt wurde. Ihm wurde die oberste Befehlsgewalt in den dortigen Provinzen zugeteilt, um Unruhen in der Region und missgünstige Beziehungen mit dem Königreich Armenien zu besänftigen. Die Beendigung der Germanien-Feldzüge hätte sich mit der Abkommandierung in ein anderes Missionsgebiet begründen lassen können. Allerdings lässt die ausgedehnte Reisezeit des Germanicus nach Osten Zweifel an einer akuten Notlage aufkommen, die die schnelle Abreise aus Rom erklären würde.

[...]


1 Im folgendem nur noch Germanicus genannt.

2 Im folgendem nur noch Drusus genannt.

3 Vgl., Cass. Dio, 55, 2, 1. Es ist zweifelhaft, ob es Tiberius wirklich rechtzeitig schaffte. Wahrscheinlich handelt es sich um eine überdramatisierte Darstellung, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit Velleius Beschreibungen zu Augustus Tod aufweist. Vgl., Vell. 2, 123, 1.

4 Archäologische Ausgrabungen von 1987 lassen den Austragungsort in Kalkriese vermuten, jedoch lokalisiert die einzige Benennung des Austragungsortes in den Quellen die Schlacht einige Kilometer südöstlich im Teutoburger Wald. Vgl., Timpe, Dieter, Römisch-germanische Begegnung in der späten Republik und frühen Kaiserzeit. Voraussetzungen - Konfrontationen - Wirkungen, München und Leipzig 2006, S. 283, Anm. 36.

5 Suet. Aug. 23, 2.

6 Zu der verzweigten Nachfolgeregelung von Augustus siehe Kapitel 2.

7 Vgl., Johne, Klaus-Peter, Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike, Berlin 2006, S. 181-182.

8 Vgl., Christ, Karl, Drusus und Germanicus. Der Eintritt der Römer in Germanien, Paderborn 1956, S. 77-85, Vgl., Yavetz, Zvi, Tiberius. Der traurige Kaiser, München 1999, S. 37-40, Vgl., Pettinger, Andrew, The Republic in Danger. Drusus Libo and the Succession of Tiberius, Oxford 2012, S. 185.

9 Vgl., Tac. ann. 1,49,3-4, Vgl., Cass. Dio 57,6,1.

10 Über Tiberius zurückhaltendes Vorgehen siehe Kapitel 3.

11 Deininger, Jürgen, Germanien pacare. Zur neueren Diskussion über die Strategie des Augustus gegenüber den Germanen, in: Chiron 30 (2000), S.771. In der neueren Forschung gehen die Überlegungen dahingehend, dass die Verteidigungslinie des Reiches bis an die Elbe voran geschoben werden sollte. Vgl., Lehmann, Gustav Adolf, Gedanken zur römischen Germanienpolitik. Von der frühen Expansionsphase unter Augustus (Standlager von Hedemünden) bis zum Germanien-Feldzug des Maximus Thrax von 235 n. Chr. (Fundplatz am Harzhorn bei Krefeld), Hannover 2009, S. 172 - 173.

12 Tac. ann. 1,55,1.

13 Ebd. 1, 57, 3. Der Ort der Belagerung ist ungeklärt, weshalb eine Einschätzung schwierig ist, wie weit Germanicus zurückmarschieren musste. Vgl., Timpe, Dieter, Der Triumph des Germanicus. Untersuchungen zu den Feldzügen der Jahre 14-16 n. Chr. in Germanien, Bonn 1968, S. 67-70.

14 Aufgrund der zeitlichen Engpässe bis zum Winter wirkt es unwahrscheinlich, dass Germanicus es geschafft hat, Segestes zu befreien und Armenius zu verfolgen. Es scheint der gegenteilige Fall zu sein, dass Armenius Germanicus verfolgt hatte.

15 Tac. Ann. 2,14,4.

16 Die genaue Lokalisierung des Walls ist umstritten. Schätzungsweise wird die Schlacht unweit von Minden stattgefunden haben. Vgl., Johne 2006, S. 189.

17 Zu der Beurteilung von Tacitus siehe Kapitel 4.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668831117
ISBN (Buch)
9783668831124
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445682
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Geschichtswissenschaften
Note
2,7
Schlagworte
Tiberius Germanicus Germanien Feldzüge Germanien-Feldzüge Varu Varusschlacht Augustus Drusus Armenius Tacitus

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Titel: Germanicus in Germanien. Der Abbruch der Feldzüge in den Jahren 14 - 16 v. Chr.