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Exegese von Mt 6,1-4. Vom Almosengeben

Seminararbeit 2018 16 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Satzgrenzen

3. Kontext

3.1 Historischer Kontext

3.2 Biblischer Kontext

4. Abgrenzung des Textes

4.1 Das Thema

4.2 Sprachstruktur

5. Struktur und Form

6. Redaktion und Quellen

7. Herkunft des Textes

8. Vers-für-Vers Analyse

9. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium behandelt viele ethische, ekklesiale und praktische Fragen, die auch in der heutigen Zeit Geltung haben. Diese Arbeit ist ein Versuch, die Passage 1 Mt 6,1-4 noch genauer und näher zu betrachten und in einzelnen Versen zu verstehen. In diesen Versen geht es um die Kritik Jesu über die jüdische Frömmigkeit des Almosengebens.

Das Almosengeben, zusammen mit Gebet und Fasten, wurde im Judentum als eine Tat der Gerechtigkeit anerkannt (Tob 12,8-9). Jesus kritisiert keineswegs das Almosengeben selbst, sondern nur die versteckte Intention. Positiv bedeutet es, die Frömmigkeit soll ohne Nebenziele geübt werden. Was Gott gefällt, ist nicht die Frömmigkeit selbst, sondern das gerechte Motiv. Hier tritt das Gottesbild Jesu ans Licht: „Gott ist der gütige und Gutes verlangende Vater, der alles im Verborgenen Geschehende sieht und einst belohnen wird.“[1]

Diese Arbeit ist ein Versuch, den Text Mt 6,1-4 näher und genauer zu betrachten, indem er sowohl als ein zusammenhängender Text als auch in einzelnen Versen verstanden wird. Zuerst wird der Text nach der Einheitsübersetzung zusammen mit der griechischen Text analysiert. Im darauf folgenden Abschnitt werden die Überlegungen über den Kontext des Textes, sowohl im historischen als auch im biblischen Sinn, dargestellt. Der anschließende Arbeitsabschnitt zeigt, inwiefern man diesen als einen Text für sich verstehen und von den angrenzenden Abschnitten abgrenzen kann. Nun folgt eine Analyse der Struktur des Textes, was dann durch die Redaktion, Quellen und Argumente für und gegen die Herkunft des Textes ergänzt wird. Danach werden einzelnen Versen interpretiert und kommentiert, und auf diese Weise wichtige theologische Themen entdeckt.

2. Satzgrenzen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Kontext

Um den Sinn des Almosengebens klar zu verstehen, ist es hilfreich, die Überlegungen auf den Kontext zu richten. Einerseits dient der historische Kontext dazu, dass man sich auf die Originalität des Textes verlassen kann, und dazu, die Praxis der ersten Jahrhunderte zur Kenntnis zu nehmen. Andererseits beruht der Kontext des genannten Textes im biblischen Sinn auf den benachbarten Abschnitten des Evangeliums.

3.1 Historischer Kontext

Wenn man aus der historischen Perspektive sieht, ist klar, dass ein Konfliktfeld zwischen der matthäischen Gemeinde und den Pharisäern bestand.[2] Im Matthäusevangelium gibt es gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer starke Vorwürfe. Die Streitpunkte wollte der Verfasser wahrscheinlich in der ersten großen Rede seines Evangeliums darstellen und damit die Auseinandersetzung mit ihnen gleich an den Beginn der Schrift stellen.

Das Almosengeben war eine sehr hoch bewertete Tugend in rabbinischen Literatur wie auch im ganzen Judentum des ersten Jahrhunderts.[3] Die Antwort auf die Frage, warum Matthäus einen ganzen Abschnitt, der in anderen Evangelien nicht zu finden ist,[4] unter dem Thema Gerechtigkeit seiner Schrift zugefügt hat, liegt darin, dass der Verfasser eine Schrift ohne dieses Thema, das als „die oberste ethische Forderung des Judentums“[5] gilt, nicht hätte denken können. Wahrscheinlich hat es in damaliger Zeit keine Kollekte für die Armen in der Synagoge gegeben, und deshalb wurde viel Wert auf die Frömmigkeit des einzelnen Almosengebens gelegt.[6]

3.2 Biblischer Kontext

Martin Ebner sieht das Matthäusevangelium als ein Kompendium von fünf Büchern, bei denen es sich um die großen fünf Reden handelt: Sie sind die Bergpredigt (Mt 5-7), Aussendungsrede (Mt 10), Gleichnisrede (Mt 13), Gemeinderede (Mt 18) und Gerichtsrede (Mt 23-25).[7] Nach dieser Einteilung beginnt das Buch der Reden mit der Bergpredigt, die aus drei Kapiteln besteht. Der Abschnitt, mit dem sich diese Arbeit beschäftigt, liegt ganz zentral in der ersten großen Rede Jesu. Nachdem der Evangelist das Verhältnis der Jünger zu Gesetz und Tora erklärt hat (5,17-43), beginnt er mit dem Thema Gerechtigkeit (6,1-18) gefolgt durch die Lebensausrichtung der Jünger (6,19-34).

Man kann eine Verknüpfung des zweiten Kapitels mit dem ersten durch die sprachliche Verwendung des Wortes „Gerechtigkeit“ sehen. 5,20 ist eine Aufforderung zur Gerechtigkeit, die größer als die der Pharisäer und der Schriftgelehrten sein soll, und 6,1 ist eine Warnung davor, dass die Gerechtigkeit der Jünger nicht wie die der solchen Heuchler sein soll. Die „größere Gerechtigkeit“ soll nicht um beifälligen menschlichen Urteils willen, sondern aus der unbedingten Liebe zu den Menschen und Gott erfolgen.[8]

Eine andere Verbindung mit dem fünften Kapitel ist durch den Lohngedanke thematisiert. In 5,46 kritisiert Jesu diejenigen, die nur die lieben, die sie auch lieben. Solche Liebe wird nicht belohnt. In 6,1 kommt wieder der Gedanke des Lohnes zum Vorschein, wo von der himmlischen Belohnung für die verborgenen Taten der Gerechtigkeit die Rede ist. Die Forderung Jesu, die Vollkommenheit in 5,48, wird erreicht, indem die Taten der Gerechtigkeit nur auf Gottes Lohn zielen.[9]

4. Abgrenzung des Textes

Der Text über das Almosengeben besteht aus vier Versen, was mit den thematischen und sprachlichen Unterschieden zu den benachbarten Texten geklärt werden kann.

4.1 Das Thema

Obwohl auch im vorherigen Abschnitt das Thema Gerechtigkeit zur Sprache kommt, geht es hier mehr um die Propheten, Tora und Gesetz. Im 6. Kapitel beginnt die Lehre über die Frömmigkeitsübungen, was niemals im 5. oder im 7. Kapitel Thema ist. Und in 6,1-4 geht es Forderung der Wohltätigkeit oder des Almosengebens, während mit V. 5 über Beten, gefolgt von Fasten gesprochen wird.

4.2 Sprachstruktur

Merkwürdig ist auch der Sprachwechsel in Mt 6. In 5,33-48 geht es um Antithesen, wo die „ihr habt gehört“-Form sich wiederholt findet. Diese Redeweise endet dort, und dann fängt eine neue Sprachstruktur an, wobei Konditionalsätze, nämlich die „wenn“-Sätze, zur Anwendung kommen.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Mt 6,1-4 von dem vorherigen Abschnitt durch die Sprachstruktur und von dem folgenden durch das Thema des Almosengebens abgegrenzt ist.

5. Struktur und Form

Wird die ganze Passage Mt 6,1-18 als einzelner Abschnitt betrachtet, dann lässt sich V1 als ein Einleitungssatz oder Überschrift zur ganzen Passage ansehen.[10] Es geht um die drei Frömmigkeitsübungen der Juden, die einzelne Abschnitte mit gleicher Struktur bilden.[11] Dementsprechend ergibt sich die folgende Struktur:[12]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Einteilung passt auch zu den folgenden Abschnitten des Gebets und des Fastens. Jede Frömmigkeitsübung wird in zwei Teilen erläutert: Im ersten Teil werden die Heuchler als Beispiel angenommen, und dann folgt der zweite Teil mit der positiven Anweisung über die Frömmigkeitsübungen. Jeder Abschnitt fängt mit einem ὅταν-Satz, der das Thema des Abschnitts benennt. Dann wird das Tun der Heuchler durch einen negativen Imperativsatz formuliert, gefolgt durch einen ὅπως-Satzteil, der die falsche Absicht der Heuchler darstellt. Der Abschnitt endet mit dem berühmten matthäischen ἀμὴν-Wort.

Die Anweisung über die richtige Praxis der Frömmigkeit fängt auch mit dem „Wenn-Satz“ an. Dann folgt ein „Damit-Satz“ mit dem richtigen Motiv hinter dem Tun. Der Abschnitt wird durch einen Lohngedanken abgeschlossen.

Zu welcher Gattung diese Rede gehört, hängt von der Interpretation ab. Höchstwahrscheinlich gehörte der Text ursprünglich zu einem judenchristlichen Katechismus. Joachim Gnilka aber weist auf eine andere Form hin, nämlich auf die weisheitliche Belehrung. Die Präsenz der explizierten Konditionalsätze ist der Grund für ein solches Argument.[13]

6. Redaktion und Quellen

Da Mt 6,1-4 keine Parallele, weder in Mk noch in Lk, hat, sind zwei Optionen möglich: Entweder sie ist redaktionell oder Matthäus hat eine Kult-Didache weitergegeben.[14] Das Vorhandensein einiger matthäischen Vokabulare deutet darauf hin, dass die Passage redigiert ist. Der Begriff „Gerechtigkeit“ (3,15; 5,6; 5,10; 5,20; 6,33; 21,32) und die Anrede Gottes als „der Vater, der im Himmel ist“ (5,16; 5,45; 6,9; 7,11; 7,21; 10,32; 10,33; 12,50; 16,17; 18,10; 18,14; 18,19) sind typisch matthäisch.[15]

Da es keine Parallele für Mt 6,1-18 in anderen Evangelien gibt, müsste dieser ganze Abschnitt zu einer Sondertradition gehört haben. Obwohl die Sondergutstoffe normalerweise mündlich überliefert und erst durch die Evangelisten verschriftlicht worden waren, muss man damit rechnen, dass Mt 6,1-6;16-18 wahrscheinlich in schriftlicher Form überliefert wurde.[16] Georg Strecker ist der Meinung, dass das Stück aus dem Katechismus einer judenchristlichen Gemeinde stammt, weil die Verärgerung über die Heuchler auf die judenchristliche Mentalität zurückgeht.[17]

[...]


[1] Schnackenburg, Rudolf, Matthäusevangelium 1,1-16,20, Würzburg 31985 (= Die Neue Echter Bibel. Kommentar zum Neuen Testament mit der Einheitsübersetzung 1), 62.

[2] Vgl. Frankemölle, Hubert, Matthäus: Kommentar 1, Düsseldorf 1994, 241.

[3] Vgl. Eichholz, Georg, Auslegung der Bergpredigt, Neukirchen 51982, 107-108.

[4] Nur das Vater Unser steht in anderen Evangelien.

[5] Holzman, Michael, Gerechtigkeit, in: .

[6] Luz, Ulrich, Das Evangelium nach Matthäus, Düsseldorf / Neukirchen-Vluyn 52002 (= EKK 1/1), 422.

[7] Vgl. Ebner, Martin, Das Matthäusevangelium, in: Ebner, Martin / Schreiber, Stefan (Hgg.), Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart 2008 (= Kohlhammer Studienbücher Theologie 6) 125–153, 125-126.

[8] Vgl. Weder, Hans, Die "Rede der Reden": Eine Auslegung der Bergpredigt heute, Zurich 1985, 157-158.

[9] Vgl. Frankemölle, Matthäus, 242.

[10] Weder, Die "Rede der Reden", 156.

[11] Hier ist nur über die Abschnitt 6,1-6, 16-18 die Rede. Das Vater Unser (6, 7-15) hat eine eigene Struktur.

[12] Vgl. Davies, W. D. / Allison, Dale C., A critical and exegetical commentary on the Gospel according to Saint Matthew, London 22000 (= ICC 1), 572.

[13] Vgl. Gnilka, Joachim, Das Matthäusevangelium: Kommentar zu Kap. 1,1-13,58, Freiburg im Breisgau 1986 (= Herders theologischer Kommentar zum Neuen Testament 1), 201.

[14] Vgl. Davies / Allison, A critical and exegetical commentary on the Gospel according to Saint Matthew, 573-575.

[15] Vgl. Strecker, Georg, Die Bergpredigt: Ein exegetischer Kommentar, Göttingen 1984, 101.

[16] Vgl. Luz, Das Evangelium nach Matthäus, 51.

[17] Vgl. Strecker, Die Bergpredigt, 101.

Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668820630
ISBN (Buch)
9783668820647
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445402
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – LMU
Note
2,5
Schlagworte
Exegese Biblische Theologie Bergpredigt Matthäus Almosengeben

Autor

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Titel: Exegese von Mt 6,1-4. Vom Almosengeben