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Eine Fallinterpretation nach der Objektiven Hermeneutik

Essay 2018 10 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. HAUPTTEIL
2.1 OBJEKTIVE HERMENEUTIK
2.2 THEORIETEIL - MOBBING IN DER SCHULE
2.3 FALLINTERPRETATION - LESEARTEN UND FALLSTRUKTURHYPOTHESE

FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit einer objektiv-hermeneutischen Fallinterpretation, um das von Antinomien geprägte Lehrerhandeln zu reflektieren.

Zu Beginn werden die Elemente der Objektiven Hermeneutik in Bezug auf Andreas Wernets Publikation „ Die Prinzipien der objektiven-hermeneutischen Textinterpretation “ aus dem Jahr 2006 erklärt. Diese Elemente werden im Anschluss auf einen ausgewählten Fall angewendet. Die Objektive Hermeneutik ist ein Textinterpretationsverfahren, welches durch den Soziologen Ulrich Oevermann begründet wurde. Das Verfahren stellt eine sozialwissenschaftliche Methode der Analyse von Texten dar. Diese werden mittels der Forschungsmethode auf ihre intersubjektive Richtigkeit überprüft. Die Objektive Hermeneutik erhebt den Anspruch eine Wirklichkeitswissenschaft zu sein (Wernet, 2000).

In Folge darauf werde ich auf das Thema „Mobbing“ eingehen und theoretische Aspekte rausgreifen und erarbeiten.

Daraufhin folgt meine Interpretation. Hierbei werde ich für jede Sequenz eine Interpretation durchführen und diese dann mit möglichen Anschlüssen an die nächste Sequenz verknüpfen. Ich habe einzelne Abschnitte in ihren Absichten zugeordnet. Nach Wernet dient als Grundlage der methodologische Dreierschritt „Geschichten - Lesarten - Strukturhypothesen“. Nach diesem Vorgang habe ich meine Arbeit aufgebaut.

Im Fazit stelle ich meine Ergebnisse kurz dar und bearbeite die Frage, inwiefern ich in der Rolle als Lehrerin in dieser Situation agiert hätte. Im Bezug darauf, werde ich auf die grundsätzliche Problematik des Lehrerberufs eingehen, da der Lehrer verschiedenen Antinomien unterliegt, die er versuchen muss zu überwältigen.

2. Hauptteil

2.1 Objektive Hermeneutik

Die Objektive Hermeneutik dient der kritischen Reflexion des Lehrerhandelns, indem sie die soziale Realität durch Arbeit an Texten erforscht. Um genaueres Verständnis zu erzielen, werden ausgewählte Beispiele aus der pädagogischen Praxis ermittelt. Eine grundsätzliche Bedeutung für die Objektive Hermeneutik sind die Begriffe Regel und Regelgeleitetheit sozialen Handelns. Der Mensch hat in jeder Situation mehrere Handlungsoptionen, die abermals durch Regeln formuliert sind und einer Sinnesstruktur unterliegen, zwischen denen er wählen kann. In Bezug auf die vorliegende Fallstruktur entscheidet sich das Individuum für eine Handlungsmöglichkeit. In der Lebenspraxis liegen also zahlreiche Selektionen vor, welche bestimmten Strukturen folgen. Um eine, wie Wernet es nennt, „Rekonstruktion der Strukturiertheit der Selektivität einer protokollierten Lebenspraxis“1 zu erstellen und um die klassischen Entscheidungen für eine der möglichen Optionen zu deuten, zieht die Objektive Hermeneutik Schlüsse aus den Handlung von Menschen. Diese Rekonstruktion und Fallstruktur dient dazu, dass eine zuvor verborgene, tiefere Sinnebene hervortritt. Die Methode der Objektiven Hermeneutik hat eine folgende Vorgehensweise: Zunächst einmal Geschichten zu erzählen, Lesearten bilden und anschließend die Strukturhypothese zu erstellen. Diese Vorgehensweise dient dazu, fehlgeleitete Interpretationen zu vermeiden. Vorerst werden Geschichten über möglichst viele Situationen hervorgebracht, die in einem anderen Kontext ablaufen, aber dem Fall in ihrer grundsätzlichen Struktur ähneln. Diese Geschichten werden dann im zweiten Schritt herausgearbeitet, mit der Bildung von Lesearten miteinander verglichen und typisiert. Den Bezug der Leseart, welche vom Fall und ursprünglicher Situation losgelöst ist, zum wirklichen Kontext erzeugt die Strukturhypothese. Die Strukturhypothese ordnet den Fall in einen übergeordneten Zusammenhang. In Anlehnung an Andreas Wernet beruht die objektiv-hermeneutische Interpretation auf fünf Prinzipien: Kontextfreiheit, Wörtlichkeit, Sequentialität, Extensivität und Sparsamkeit. Beim Prinzip der Kontextfreit ist zunächst einmal zu überlegen, in welchem Kontext dieser Text positioniert sein kann. Für die Objektive Hermeneutik ist es von zentraler Bedeutung die Textsequenz ohne Einbezug des Kontextes zu betrachten und zu interpretieren. Im ersten Schritt soll der Text vorerst als „eigenständiges Wirklichkeitsgebilde“2 behandelt werden, um Abstand zu einem nichtwissenschaftlichen Vorverständnis des Falls zu gewinnen und eine kontextunabhängige Bedeutungsexplikation vorzunehmen. Nur auf diesem Weg kann ausgeschlossen werden, den Text aus Gewohnheiten oder Erfahrungen heraus zu deuten und ihm Information zuzuschreiben, welche eigentlich nicht erschließbar sind. Erst im zweiten Schritt kann der reale Kontext kontrastierend gegen die im ersten Schritt generierte Leseart gestellt werden. Das Prinzip der Wörtlichkeit gibt die Möglichkeit die Ebenen der latenten Sinnstrukturen beizubehalten, dadurch, dass man die Differenzen zwischen dem Sprecher beabsichtigten Bedeutung und dem wirklich Gesprochenen berücksichtigt. Demnach steht auch nur das, was tatsächlich gesagt wurde, im Vordergrund. Jeder Satzteil muss mit eingebunden werden, nichts darf hinzugefügt oder weggelassen bzw. verändert werden. Da die wörtliche Bedeutung oftmals von der subjektiven Wahrnehmung einzelner Wörter abweicht, ist es dennoch wichtig diese mit einzubeziehen. Aus diesem Grund kann es jedoch häufig zu Widersprüchlichkeiten kommen.

Das Prinzip der Sequentialität besagt, dass man bei der Interpretation genau dem Ablauf des protokollieren Textes folgt und sich nicht die Teile herausnimmt, die einem bedeutungsvoll erscheinen. Das Prinzip der Extensivität besagt, dass bei der Analyse geringe Textmengen sehr detailliert und ausführlich bearbeitet werden. Die Sinnstruktur einer Interaktion kann also durch das Prinzip der extensiven Interpretation eines Teiles ihres Protokolls vollständig rekonstruiert werden. Es genügt also nur einen Teil ausführlich zu interpretieren und alle seine sinnvollen Kontexte im Gedankenexperiment auszuleuchten. Hierbei spielt die Vollständigkeit bezüglich der Geschichten, Lesearten und Textelemente eine wichtige Rolle. Das letzte Prinzip der Sparsamkeit deutet darauf, dass man sich auf die Geschichten beschränken soll, die sich direkt aus dem Text beweisen lassen. Hierbei soll auf zusätzliche Spekulationen verzichtet werden.

2.2 Theorieteil - Mobbing in der Schule

Mobbing in der Schule muss nicht direkt gewiss gegenüber einer Person folgen, sondern es kann sich aus vielen Umständen entwickelt, welches später dann zu Mobbing führen kann. Es gibt unterschiedliche Arten von Mobbing die z.B. verbal durch Beleidigungen durchgeführt werden kann, durch körperliche Attacken, Streiche, Ausgrenzungen durch Isolieren und Ignorieren und Zwang zu erniedrigenden Handlungen. Es kann in der Natur, im Arbeitswelt (Mobbing durch Mitarbeiter oder Chef), im Internet (Cybermobbing), in der Schule oder in Vereinen stattfinden. Mobbing verläuft in 5 Phasen nach Leymann Esser Wolmerath. Es gibt einmal die betriebliche Ebene und die persönliche Ebene. Die betriebliche Ebene beginnt mit Konflikte in der Organisation. Daraufhin folgt Mobbing und Psychoterror und dies führt zu sogenanntem „Rechtsbruch“ (Kündigungversuche, etc.). Weiterleitend folgt dann die ärztliche und therapeutische Fehldiagnose und letztendlich kommt es zum Ausschluss aus der Arbeitswelt und Einlieferung in eine Nervenanstalt. Auf der persönlichen Ebene beginnt es mit den ersten Stresssymptomen und dem Ignorieren. Dies führt zur Angst und psychosomatische Störungen entstehen. Durch die Verstärkung der psychosomatischen Störungen entstehen sogenannte Verunsicherungen und tiefe Verzweiflung. Dies führt letztendlich zu Depressionen, Gesundheitsstörungen und im schlimmsten Fall zur Suizidversuch. Mobbing darf niemals ignoriert oder akzeptiert werden. Jeder Fall von Mobbing muss aufgelöst werden. Um Mobbing vorzubeugen, sollten sich die Betroffenen direkt an Pädagogen wenden, die sich dann um die Situation kümmern. Es sollten Anti-Mobbing-Programme durchgeführt werden und in den Schulen sollte ebenso Aufklärungsprogramme für Mobbing stattfinden, damit dies nicht in der Schule, aber im Arbeitswelt oder in der Natur stattfindet. Lehrer/innen sollten ebenso bei solchen Mobbing-Versuche schnell handeln und reagieren.

2.3 Fallinterpretation - Lesearten und Fallstrukturhypothese

Du Opfer! L(m) (zu S(m)1): Hast du was gemacht? Letzte Woche hattest du ja nichts gemacht. S(m)1: Ne, hab’ nichts. L(m): Ja 6, ne? Wieder. Super gemacht. Notiere ich mir gleich. S(m) (laut zu Sm1): Du Opfer. Du bist’n Versager. L(m): S(m)1, du solltest die überlegen was du hier machst.

Bei der vorliegenden Interaktion handelt es sich um eine Lehrer-Schüler-Interaktion. Schon die Überschrift des Falles „Du Opfer“ kündigt verschiedene Problematiken in der protokollierten Unterrichtsstunde an. Die Interaktion beginnt mit einer wörtlichen Rede eines Lehrers. Aus diesem Grunde kann die Situation auf eine Lehrersituation sämtlicher Art beschränkt werden. Aus dem ersten Sequenz (Hast du was gemacht?) ist herauszulesen, dass der Lehrer (L) dem Schüler (S1), es handelt sich um zwei männliche Personen, da dies aus der Abkürzung (m) = männlich abzulesen ist, eine Frage stellt. Da das Wort „hast“ in der zweiten Person Singular steht und der Lehrer den Schüler duzt besteht ein bestimmtes Verhältnis zwischen Adressant und Sprecher und eine eindeutige Rollenverteilung liegt vor. Auch lässt sich daraus schließen, dass die beiden Personen sich kennen oder die sprechende Person eine ranghöhere Position hat, da sie ihr Gegenüber duzt. Es herrscht eine asymmetrische Beziehung und die Aussage erfolgt aus formal übergeordneter Position. Zwischen dem Sprecher und dem Adressaten der Frage besteht also hinsichtlich des Gegenstands der Äußerung eine Austauschrelation. Es ist eine direkte Adressierung einer Person vorhanden in Form einer klaren Frage, jedoch ohne höfliche Bitte. Im zweiten Abschnitt der ersten Sequenz ist zu erkennen, dass die Lehrkraft dem Schüler letzte Woche ebenso eine Aufgabe gegeben hat und S (1) es nicht gemacht hat („nichts gemacht“). Die zwei Wörter „letzte Woche“ deuten darauf hin, dass es sich um einen längeren Zeitraum der Arbeitsverweigerung handelt, welches nochmal mit dem „ja“ verstärkt wird. Es wird deutlich, dass es eine Person gibt, die eine Tätigkeit schon länger nicht durchführt. Dadurch, dass der Lehrkraft dem Schüler eine Frage stellt bekommt der Schüler ein Zeichen dafür, die ein Rederecht erlaubt. Die Frage des Lehrers hat zwei Bedeutungsmomente. Es könnte sowohl eine Kontrolle der Anfertigung sein und den des Beitrags zum Unterricht. Die Aussage der Lehrkraft stellt eine maximal klare und als hierarchisch zu kennzeichnende Aufforderung an eine formal untergeordnete Person dar.

Die Anschlussmöglichkeiten sehen nun wie folgt aus: Der Schüler (S1) könnte auf die Frage des Lehrers eingehen und bejahen oder verneinen. Ebenso könnte ein anderer Schüler/in mit ins Gespräch auftauchen.

Im zweiten Sequenz antwortet der Schüler (S1) dem Lehrer mit dem Satz „Ne, hab’ nichts“. Sequenz 2 zeigt, dass die Rolle des Sprechers sich nun geändert hat. Die sprechende Person wird als männlicher Educand bezeichnet, welches durch den Ausdruck „m“ im Klammer deutlich wird. Außerdem ist erkennbar, dass es sich um einen theoretischen Unterricht handelt, wie in einer Berufsschule oder ähnlichem. Das Alter des Schülers kann durch die unhöfliche, egoistische Art und der abwertenden Antwort der Frage nicht herausgelesen werden.

[...]


1 Wernet, 2000, S.15

2 Wernet, 2000, S.22

Details

Seiten
10
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668823471
ISBN (Buch)
9783668823488
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445374
Note
Schlagworte
fallinterpretation objektiven hermeneutik Fallanalyse Pädagogik

Autor

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