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Systemische Therapie bei Alkoholabhängigkeit

Hausarbeit 2017 31 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

Tabellen – und Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Beschreibung der systemischen Therapie
2.1 Grundsätze und Sichtweisen der systemischen Therapie
2.2 Kybernetik: „1 + 2 Ordnung“

3 Beschreibung des Störungsbildes
3.1 Typisierung der Alkoholabhängigkeit
3.2 Entstehungsmodelle
3.2.1 Sozialkognitives Rückfallmodell von Marlatt und Gordon
3.2.2 „Eisbergphänomen“ in einer gestörten Trinkkultur
3.2.3 Das verhaltensökonomische Rückfallmodell
3.3 Epidemiologie
3.4 Prognose und Verlauf

4 Alkoholismus aus der Sichtweise der Systemik

5 Systemische Therapie bei Substanzstörungen
5.1 Vorstellung der einzelnen Ansätze
5.1.1 Strukturell-strategische Familientherapie (SSFT)
5.1.2 Lösungsorientierte Kurzzeittherapie (LKT)
5.1.3 Multidimensional Family Therapy (MDFT)
5.1.4 Multisystemic Therapy (MST)
5.2 Vorgehensweisen, Techniken und Methoden der systemischen Therapie bei Alkoholabhängigkeit
5.3 Handlungsempfehlungen für die systemische Arbeit mit alkoholabhängigen

6 Diskussion und Fazit

Literaturverzeichnis

Tabellen – und Abbildungsverzeichnis

Kapitel 3

Abbildung 3.1: Modell des Rückfallgeschehens nach Marlatt und Gordon

Abbildung 3.2: Das „Eisbergphänomen“ bei Alkoholproblemen..

Abbildung 3.3: Das verhaltensökonomische Rückfallmodell von

Vuchinich (1999) ......

Zusammenfassung

In den letzten Jahren hat sich die systemische Therapie sehr bewährt. Im wissenschaftlichen und allgemeinen Sprachgebrauch gibt es zwei Begriffe dazu, „systemische Therapie“ und „Familientherapie“, die teilweise synonym eingesetzt werden. Bei der Arbeit mit Menschen, die z. B. alkoholabhängig sind, hat sich die Erkenntnis gebildet, dass nicht nur das betroffene Individuum, sondern auch sein Lebensfeld, seine Familie und das berufliche Umfeld berücksichtigt werden müssen. In der vorliegenden Arbeit soll insbesondere die Frage der Eignung der systemischen Therapie bei Alkoholabhängigkeit beantwortet werden. Es ist festgestellt worden, dass der systemische Ansatz bei der Behandlung alkoholabhängiger Personen eine große Rolle spielt. Der Kerngedanke des systemischen Konzepts ist mit der Annahme verbunden, dass der wichtigste Schlüssel zur Veränderung und zum Verständnis alkoholbedingter Probleme nicht nur auf die Patienten bezogen ist, sondern auch auf das familiäre Umfeld.

Schlüsselwörter

Systemische Therapie; Alkoholabhängigkeit; Familie

Abstract

In recent years, the systemic therapy has proved very successful. In the scientific and common parlance, there are two terms to "systemic therapy" and "family therapy", which are partially used synonymously. When working with people who z. B. are dependent on alcohol, it is common knowledge formed that not only the individual concerned but also his life field, his family and the professional environment must be considered. In the present work, in particular the question of the suitability and effectiveness of systemic therapy should be answered in alcohol dependence. It has been found that the systemic approach in treating alcohol-dependent people play a major role. The core idea of ​​the systemic approach is connected with the assumption that the main key is not only related to the patient to change and to the understanding of alcohol-related problems, but also on the family environment.

Keywords
systemic therapy; alcohol dependency; family

1 Einleitung

In den letzten Jahren hat sich die systemische Therapie sehr bewährt. Im wissenschaftlichen und allgemeinen Sprachgebrauch gibt es zwei Begriffe dazu, „systemische Therapie“ und „Familientherapie“, die teilweise synonym eingesetzt werden. Beispielsweise bezeichnet man mit „Familientherapie“ unter anderem ein bestimmtes Behandlungs-Setting, die systemische Therapie gilt als ein besonderer Behandlungs-Ansatz (Petermann & Reinecker, 2005) und als eine eigenständige psychotherapeutische Richtung mit eigener Praxis und Theorie, die sich auf den Beginn der achtziger Jahre datieren lässt (Petzold, 2012). Heutzutage kann der systemische Ansatz als allgemein anerkannt und als wirksam angesehen werden (Strobel, 2010). Die Systemtheorie definiert man als ein interdisziplinäres Erkenntnismodell. In diesem Kontext werden Systeme herangezogen, um komplexe Systemebenen verschiedenartig erklären zu können. In der Systemtheorie wird versucht, die Umwelt in Systemform darzustellen (Sedlacek, 2010). In diesem Erkenntnismodell werden soziale Phänomene als Reaktionen im Rahmen eines Gesamtsystems erklärt (Halft, 2013). Das bedeutet, dass beispielsweise eine Person und ihre Psyche als „selbstorganisierende Systeme“ durch die systemische Therapie angesehen werden.

Bei der Arbeit mit Menschen, die z. B. alkoholabhängig sind, hat sich die Erkenntnis gebildet, dass nicht nur das betroffene Individuum, sondern auch sein Lebensfeld, seine Familie und das berufliche Umfeld berücksichtigt werden müssen. Die Alkoholabhängigkeit und der Alkoholmissbrauch gelten gegenwärtig als ein großes Problem für den betroffenen Menschen, aber auch als eines für die ganze Gesellschaft. Früher oder später führt ein übertriebener Alkoholkonsum zu einer Krankheit, zu einer verkürzten Lebenserwartung und zu vielfachen Schwierigkeiten im Berufs- und Familienleben sowie im Sozialbereich. Unter anderem können sich einige psychische Belastungen ergeben; beispielsweise Verlust des Selbstwertgefühls; auch Scham und/oder Verdrängung sind markante Begleiterscheinungen. Die systemische Therapie ermöglicht vielfältige Arbeitsformen, um den Menschen, die alkoholabhängig sind, eine Hilfestellung zu bieten. Der systemische Ansatz ist allerdings kein Wundermittel; so ist das Ziel der systemischen Therapie bei alkoholabhängigen Menschen darauf ausgerichtet, ihnen ein anderes Erleben des Trinkens zu vermitteln (Herwig-Lempp, 1988).

Diesbezüglich soll in der vorliegenden Arbeit insbesondere eine Frage beantwortet werden, die lautet:

- Ist die systemische Therapie für die Arbeit mit alkoholabhängigen Personen geeignet?

Außerdem sollen in dieser Arbeit Antworten auf folgende Unterfragen gegeben werden:

- Welche Ansichten hat die Systemik auf die Diagnose der Alkoholabhängigkeit?
- Wie sehen Therapieansätze mit systemischer Ausrichtung bei alkoholkranken aus?
- Welche systemischen Handlungskonzepte ergeben sich für eine erfolgreiche Behandlung?

Im ersten Kapitel der Arbeit erfolgt eine kurze Einleitung zur Problematik der Alkoholabhängigkeit und dahingehend die Möglichkeiten des systemischen Ansatzes. Des Weiteren werden die Fragestellungen dieser Arbeit erläutert. In dem zweiten Kapitel wird die systemische Therapie ausführlich behandelt.

Die Arbeit wird im dritten Abschnitt einen knappen Überblick über das Störungsbild der Alkoholabhängigkeit geben. Hierzu werden aktuelle epidemiologische Erkenntnisse und auch einige Modelle zur Äthiopathogenese beleuchtet. Diese Informationen dienen als Basiswissen und sollen den Einstieg in das vierte Kapitel der Arbeit, welches sich mit Alkoholismus aus Sichtweise der Systemik betrachtet, erleichtern. Im fünften Teil ist der Schwerpunkt auf die systemische Therapie bei Substanzstörungen ausgerichtet worden. Dazu werden in diesem Abschnitt einige systemische Verfahren vorgestellt und Handlungsempfehlungen für die therapeutische Arbeit beleuchtet. Abschließend erfolgt eine Diskussion hinsichtlich der Hauptfragestellung. Abschließend wird ein Fazit in Bezug auf die Untersuchung gegeben.

2 Beschreibung der systemischen Therapie

2.1 Grundsätze und Sichtweisen der systemischen Therapie

Gegenwärtig sind die Begriffe „Systemtheorie“ oder „System“ sehr populär, sie werden in verschiedenartigen Zusammenhängen mit unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht. Deshalb ist es wichtig, diese Termini ausführlich zu erklären, damit von theoretischen Grundlagen ausgegangen werden kann. Etymologisch stammt der Terminus „systemisch“ vom griechischen Wort „histamein“ ab und bedeutet „zusammen stehen“ (Vogel, 2013). Im Allgemeinen definiert man „System“ als "einen ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, deren Beziehung untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind, als ihre Beziehungen zu anderen Elementen" (Michalek, 2014). Anders formuliert: ein System gilt als ein Satz von Objekten und Elementen. Es ergibt sich zusammen mit den Beziehungen zwischen den Objekten und Merkmalen (Vogel, 2013).

Die Systemtheorie ist von Wilke (2000) als eine neuere Theorie der gegenseitigen Beziehungen zwischen der Umwelt und den Systemen in dem Sinne definiert worden, „als sie die herkömmliche analytische Isolierung von Einzelsystemen überwinden will und Systeme immer nur im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Umwelt zu erfassen sucht“ (Wilke, 2000). Daraus geht demnach hervor, dass man sowohl ein Beziehungsnetz, als auch ein Netz der zusammengehörenden Operationen als ein System bezeichnen kann (Lies, 2015). Denn unter anderem ist man aufgrund der systemischen Theorie in der Lage, soziale Wandlungsprozesse, Gleichgewichtsprozesse, gesteuerte und evolutionäre Prozesse mit Problemen bezüglich der Flexibilität, Autonomie, Wandelfähigkeit, Instabilität sowie dem Lernen, der Selbstreferenz und der Evolution zu untersuchen (Gavirey, 2007). In der systemischen Therapie verzichtet man auf objektivierende und normative Interventionen, Zielsetzungen und Diagnostiken. Laut Schwing und Fryszer (2016) gibt einige grundlegende Prinzipien, die in der systemischen Therapie gültig sind und kurz dargestellt und zusammengefasst werden sollen:

- Einbezug des Sozialumfeldes: Da sich die Störungen und Probleme meist im Sozialumfeld entwickeln, sollen die Familienangehörigen, Freunde und andere Bezugspersonen in den Therapieablauf einbezogen werden, denn im Kommunikationsprozess können die Schwierigkeiten und Probleme am besten erfasst werden.

- Alle Symptome gelten als misslungene Lösungsversuche für Probleme und Schwierigkeiten.

Die Stärken und die Ressourcen sind in der systemischen Therapie von großer Bedeutung.

- Lösungen (er-)finden, statt lange Probleme tief durchwühlen. In allen schwierigen Situationen sollen möglichst schnell Lösungsansätze gefunden werden. Das ist nützlicher, als die problematischen bzw. schwierigen Situationen endlos zu bereden. Wenn die betroffene Person sich auf die Probleme konzentriert, verliert sie nämlich das Gefühl für ihre Kreativität und ihre eigene Stärke.

- Die Nutzung der eigenen Kraft der betroffenen Personen zur Problemlösung ist also der Knackpunkt, das bedeutet, dass die systemische Beratung und die Therapie als Hilfe zur Selbsthilfe genutzt werden sollen (vgl. Schwing, & Fryszer, 2016, S. 11 - 12).

Zu den Grundsätzen der systemischen Therapie gehören weiterhin:

- Die Zirkularität ist ein charakteristisches Merkmal der systemischen Therapie. Dabei handelt es sich um die wechselseitige Bedingtheit von Teilaspekten eines Systems (vgl. Schneider, 2015). Dieses System ist durch umweltbedingte und individuelle Faktoren bestimmt, dabei gelten die Techniken des Therapeuten, die für die spezifischen Interventionsmethoden kennzeichnend sind, als Grundprinzip der Zirkularität (vgl. Schneider, 2015).

- Es gibt verschiedene Arten der Neutralität. Neutralität gegenüber anderen Personen, gegenüber Ideen, gegenüber den Symptomen und Problemen (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2016). Dabei gilt die Neutralität als professionelle Haltung für besondere Beratungskontexte (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2016).

- Hypothesenbildung: In der systemischen Theorie soll das Hypothetisieren nützlich sein. In diesem Kontext misst sich die Nützlichkeit der Hypothesenbildung in der Ordnungsfunktion und Anregungsfunktion (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2016). Durch die Ordnungsfunktion werden viele Informationen in den Familiengesprächen in Irrelevantes und Bedeutsames sortiert; bei der Anregungsfunktion handelt es sich darum, dass die Hypothese mit Neuigkeitscharakter erst dem Therapeuten und dann der Familie angeboten werden sollen, um neue Möglichkeiten einbeziehen und untersuchen zu können (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2016).

2.2 Kybernetik: „1 + 2 Ordnung“

Die ersten systemtheoretischen Ansätze wurden in der Psychologie und Biologie entwickelt, sie sind nach dem Zweiten Weltkrieg als „Kybernetik“ bekannt geworden. Am häufigsten wird die Phase von 1950 bis 1980 als die „Kybernetik 1. Ordnung“ genannt, dabei handelt es sich ursprünglich um die Steuerungslehre der technischen Systeme (vgl. Cornelius, 2010). Die Forschungsgruppe um Gregory Bateson, Paul Watzlawick und Don D. Jackson am Mental Research Institute in Palo Alto griff diesen Grundgedanken mit ihrer systemischen Kommunikationstheorie auf. Sie übertrugen die „Kybernetik 1. Ordnung“ auf die Therapie der damaligen Zeit. Unter anderem entwickelten sie das Konzept der Familientherapie. Die Forscher hatten demnach versucht, ein nicht funktionierendes Familiensystem von außen wiederherzustellen. Nach einigen Untersuchungen und Analysen stellten sie fest, dass sich die Familiensysteme durch Fachkräfte regeln und steuern ließen (vgl. Handler, 2007). Das Konzept der Homöostase war zentral in dieser Systemtheorie verankert. Man wollte verstehen, wie das System das Gleichgewicht wahren und herstellen konnte. Alle diese Erkenntnisse galten als die Anfänge der „Kybernetik 2. Ordnung“ (Reimer, Eckert, Bach & Wilke 2013).

In der „Kybernetik 2. Ordnung“ wird man als Beobachter selbst Teil der Beobachtung, dabei handelt es sich um die Frage, wie die Erkenntnis der Menschen kybernetisch organisiert ist (vgl. Ellebracht, Lenz & Osterhold, 2015).

Die Autonomie der Lebewesen ist durch die Erkenntnis der Selbstorganisation und der Selbststeuerung der „lebenden Systeme“ bzw. Organismen anerkannt; damals sind die systemische Beratung und Therapie durch diese neue Sichtweise entscheidend geprägt worden. Jedes Individuum hat demnach seine eigene Wahrnehmung und Struktur, die durch erlebte Erfahrungen entsteht. In den Konzepten der Selbstreferenz und der Autopoiese findet die „Kybernetik 2. Ordnung“ ihre Entsprechung (vgl. Ellebracht, Lenz & Osterhold, 2015).

3 Beschreibung des Störungsbildes

3.1 Typisierung der Alkoholabhängigkeit

Seit geraumer Zeit gelten die Alkoholiker nicht als eine homogene, sondern als eine heterogene Gruppe. Der Alkoholismus hat verschiedenartigste Leiden und Zustände zur Folge. In diesem Kontext unterscheidet man fünf Formen der Alkoholabhängigkeit, es gelingt jedoch nicht immer, diese verschiedenen Typen der Alkoholabhängigkeit eindeutig abzugrenzen, es kommt folglich zu Mischtypen. Folgende fünf Alkoholformen wurden von Jellinek beschrieben (vgl. Schmitz, 2010):

Alpha-Alkoholismus oder Konflikttrinken: Dabei handelt es sich unter anderem um „Erleichterungstrinker“, die durch psychische Abhängigkeit ohne Kontrollverlust gekennzeichnet sind (vgl. Propping, 2013). In bestimmten Situationen greifen die betroffenen Personen zu alkoholischen Getränken, weil sie an seelischen Störungen leiden und ihre Probleme durch andere Möglichkeiten nicht lösen können (vgl. Lindenmeyer, 2005). Es wird demnach versucht, die Spannungszustände und Ängste mithilfe des Alkohols zu betäuben und sich dadurch eine Erleichterung zu verschaffen. Bezüglich der Menge, des Orts, des Ausmaßes und der Auswirkungen des Trinkens zeigen die betroffenen Personen ein anormales Verhalten (vgl. Propping, 2013)..

Beta-Alkoholismus: Die Beta-Alkoholiker bezeichnet man auch als „Verführungs- oder Gelegenheitstrinker“. Bei ihnen sind die Trinkanlässe in den meisten Fällen sozial motiviert. In diesem Zusammenhang ergibt sich für die betroffenen Personen keine physische oder psychische Alkoholabhängigkeit (vgl. Bendisch, 2012), jedoch kann diese Form des Alkoholtrinkens zum Kontrollverlust führen (vgl. Lindenmeyer, 2005).

Gamma-Alkoholismus: Dabei geht es um süchtige Trinker, bei denen ein Kontrollverlust und eine physische und psychische Abhängigkeit zu erkennen ist (vgl. Propping, 2013). In der Bundesrepublik Deutschland ist diese Suchtform am häufigsten vertreten; zwei Drittel aller betroffenen Personen werden als Suchttrinker bezeichnet. Außerdem spricht man deshalb von einem "Kontrollverlust", da die betroffenen Personen nicht aufhören können, Alkohol zu trinken. In den psychischen, sozialen und physischen Bereichen kann der Gamma-Alkoholismus zu unterschiedlichen Gesundheitsschäden führen (vgl. Bendisch, 2012).

Delta-Alkoholismus: Dabei handelt es sich um die sogenannten "Spiegel-Trinker" oder „Gewohnheitstrinker“; diese Form gilt unter anderem als Folge der vorherrschenden ökonomischen und soziokulturellen Bedingungen. Die physische Alkoholabhängigkeit ist für den Delta-Alkoholismus charakteristisch, sie bildet sich im Laufe der Entwicklung immer deutlicher heraus (vgl. Propping, 2013).

Epsilon-Alkoholismus: Dieser Typus wird auch als „Quartalssäufer“ oder „episodischer Trinker“ bezeichnet, er ist durch exzessiven, hemmungslosen, periodischen Alkoholgenuss mit Kontrollverlust gekennzeichnet (vgl. Propping, 2013). Die betroffenen Menschen sind meist an einer gereizten Stimmung, inneren Unruhe und häufig auch an einer depressiven Verstimmung zu erkennen; oftmals sind soziale, körperliche und seelische Folgen damit verbunden (vgl. Seel, 2003).

3.2 Entstehungsmodelle

Es gibt kein eindeutiges oder einheitliches Entstehungsmodell für die Alkoholabhängigkeit, dennoch sollen einige typische Anzeichen im weiteren Arbeitsverlauf dargestellt werden, die als Entstehungsmodelle gelten könnten:

3.2.1 Sozialkognitives Rückfallmodell von Marlatt und Gordon

Das Rückfallmodell berücksichtigt die kognitiven Prozesse und integriert die Aspekte des assoziativen Lernens (vgl. Mann, 2006). Auf diese Art wird in diesem Modell davon ausgegangen, dass sich ein Rückfall lange Zeit vorher in zahlreichen verhaltensbezogenen und kognitiven Veränderungen zeigt (vgl. Hoch, Zimmermann & Henker, 2010). Beispielsweise ist dieses Modell auf den Zusammenhang zwischen drei zentralen Bestimmungsstücken spezialisiert (vgl. Mann, 2006). In diesem Kontext handelt es sich um:

Die Entstehung von Risikosituationen: Sowohl „scheinbar irrelevante Entscheidungen“ als auch „unausgewogene Lebenssituationen“ begünstigen das Auftreten der Rückfallrisikosituation.

Das Vorhandensein alternativer Bewältigungsfertigkeiten: Die Verfügbarkeit und der Einsatz alternativer Bewältigungsfertigkeiten können die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls beeinflussen.

Abstinenzzuversicht: Dabei geht es um die Überzeugung, dass die Risikosituationen durch alternative Verhaltensweisen effektiv bewältigt werden können (Lindenmeyer, 2005).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modell des Rückfallgeschehens nach Marlatt und Gordon, 1985 (Hoch, et. al., 2010, S. 20).

3.2.2 „Eisbergphänomen“ in einer gestörten Trinkkultur

Das „Eisbergphänomen“ in einer gestörten Trinkkultur gehört zu den psychosozialen Erklärungsmodellen der Alkoholabhängigkeit. Danach werden die Entstehung und die Entwicklung der Alkoholkrankheit dadurch begünstigt, dass der alkoholabhängige Mensch den Beginn der Abhängigkeit nicht wahrnimmt (vgl. Lindenmeyer, 2013). Deshalb kommt es nur selten vor, dass er von sich aus eine professionelle Hilfe in Anspruch nimmt oder ein Alkoholproblem bei sich erkennt (vgl. Lindenmeyer, 2013). Die häufigsten Gründe sind in einer gestörten Trinkkultur zu sehen. Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass es keine verbindlichen bzw. klaren und festen Regeln beim Trinken von Alkohol gibt. Riskante und schädliche Formen des Alkoholumgangs finden durchaus Anerkennung in der Gesellschaft. Am meisten ist das Problem der Alkoholabhängigkeit bei bestimmten Randgruppen zu bemerken, beispielsweise bei Arbeitslosen oder Obdachlosen (vgl. Lindenmeyer, 2013). Auch solche gefährlichen Folgen wie das heimliche Trinken oder sonstige Vermeidungsstrategien sollten als problematisch einbezogen werden. In der Regel wird die frühzeitige Erkennung und eine erfolgreiche Behandlung der Alkoholabhängigkeit durch das „Eisbergphänomen“ erschwert, denn es ist den betroffenen Menschen kaum möglich, sich auf ein normales Trinkverhalten einzustellen (vgl. Lindenmeyer, 2013).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das „Eisbergphänomen“ bei Alkoholproblemen (Lindenmeyer, 2013, S. 3).

3.2.3 Das verhaltensökonomische Rückfallmodell

In dem verhaltensökonomischen Rückfallmodell von Vuchinich (1999) sind die verhaltensökonomischen Annahmen auf den Suchtmittelkonsum übertragen worden (Margraf & Schneider, 2009). In dieser Theorie geht es darum, dass die betroffenen Personen sich ein solches Verhalten angewöhnen, das für sie am leichtesten erreichbar bzw. verfügbar ist (Margraf & Schneider, 2009). Diesbezüglich sind die Umgebungseinflüsse und die vorhandenen Ressourcen relevant (beruflicher Erfolg, soziale Kontakte, Familienbeziehung und Partnerschaft), denen der betroffene Mensch ausgesetzt ist (Margraf & Schneider, 2009). Im Bereich des Alkoholmissbrauchs wird der exzessive Konsum kontextbestimmt verstanden, wobei psychologische und infernale Ursachen vernachlässigt werden (Margraf & Schneider, 2009). Anders gesagt: es bestimmen sowohl die verfügbaren Ressourcen als auch bestimmte äußere Bedingungen das Verhalten des Individuums (vgl. Margraf, et. al., 2009).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Das verhaltensökonomische Rückfallmodell von Vuchinich (1999) (Margraf, et. al., 2009, S. 727).

3.3 Epidemiologie

Die Alkoholabhängigkeit stellt in den westlichen Industrienationen bei Männern die häufigste und bei Frauen nach Angststörungen die zweithäufigste psychische Erkrankung da (Wittchen et. al., 1992). In der Bundesrepublik Deutschland ist insgesamt ein hoher Alkoholkonsum mit 9,6 Liter reinen Alkohols pro Kopf im Jahr 2014 ermittelt worden (Statista, 2017). In den Vorjahren konsumierte jeder Deutsche ähnlich wie 2014:

- 9,7 Liter in den Jahren 2012 und 2013,
- 9,6 Liter in den Jahren 2010 und 2011,
- 9,7 Liter im Jahre 2009 (Statista, 2017).

Nach den Angaben der Weltgesundheitsorganisation trinken die Deutschen unverändert viel. Im Durchschnitt trinken dabei die deutschen Männer mehr als doppelt so viel wie die deutschen Frauen. Jährlich konsumiert ein Mann in der Bundesrepublik Deutschland 16,8 Liter Alkohol, Frauen 7 Liter (Statista, 2014). Nur für 5 - 10 % der deutschen Erwachsenen spielt Alkohol eine geringe Rolle (Lindenmeyer, 2005). Nur etwa 3,3 % der Frauen und 2,1 % der Männer trinken keinen Alkohol (vgl. Lindenmeyer, 2005). Im Durchschnitt trinken etwa 16,2 % der Männer mehr als 30 g Alkohol pro Tag; etwa 8,4 % der Frauen mehr als 20 g Alkohol pro Tag (Lindenmeyer, 2005). Die Regionen in Deutschland unterscheiden sich bezüglich der Art und Menge der alkoholischen Getränke voneinander. In den neuen Bundesländern ist ein relativ hoher Alkoholkonsum festgestellt worden (Tölle, 2013). In den südlichen Bundesländern trinkt man mehr Wein und Bier, im Norden Deutschlands ist der Spirituosenkonsum höher (vgl. Lindenmeyer, 2005). Keine Häufung von Alkoholproblemen konnte in Abhängigkeit der sozialen Schicht festgestellt werden. Dagegen konnte bei Personen über 60 Jahren ein Rückgang des Alkoholkonsums beobachtet werden, verbunden mit einer Zunahme des Anteils an abstinent lebenden Personen (vgl. Lindenmeyer, 2005). In Deutschland gibt es etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer aktuellen Alkoholabhängigkeit, ein schädlicher Alkoholgebrauch ist ebenfalls bei etwa 1,8 Millionen Personen festgestellt worden. Es wird jedoch im Durchschnitt weniger als jeder zehnte betroffene Mensch therapiert (Lindenmeyer, 2005).

3.4 Prognose und Verlauf

Die Alkoholabhängigkeit führt meist zu sozialen und körperlichen Beeinträchtigungen. Deutschlandweit sterben etwa 70.000 Personen pro Jahr an den Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums, das akute Leberversagen ist mit dem größten Anteil belegt worden (vgl. Endspurt Klink, 2014). Lindenmeyer (2005) stellte fest, dass etwa 70 % der alkoholabhängigen Patienten „mindestens einmal im Jahr Kontakt zu einem Arzt haben, ohne dass dort die Alkoholabhängigkeit entdeckt bzw. angesprochen würde“ (Lindenmeyer, 2005). Der Krankheitsverlauf setzt sich aus vier Phasen zusammen:

Voralkoholische Phase: In dieser symptomatischen oder präalkoholischen Phase erfüllt das Alkoholtrinken die Funktion eines progredienten Erleichterungstrinkens, die sozial motiviert ist (Tölle, 2013). Für die alkoholabhängigen Menschen beginnt diese Phase meist unbemerkt. Man trinkt etwas alkoholisches, um in einer angespannten Situation die Stimmung zu entschärfen, eine Unsicherheit sowie Minderwertigkeitsgefühle und Ängste zu reduzieren bzw. zu verdrängen (Schöpf, 2013).

Prodromalphase oder Anfangsphase: Diese Phase ist mit ersten Gedächtnislücken verbunden. Etwa 1 bis 5 Jahre ist die betroffene Person durch ein regelmäßiges Alkoholtrinken beeinflusst. In dieser Anfangsphase sind heimliches Trinken, Schuldgefühle, Erinnerungslücken, die Vermeidung von Gesprächen über Alkoholabhängigkeit kennzeichnend (vgl. Gaßmann, Marschall & Utschakowski 2006).

Die kritische Phase: Diese kann einige Jahre dauern, sie wird als Stadium des zwanghaften Trinkens bezeichnet (vgl. Tölle, 2013). Der Kontrollverlust gilt als häufigstes Merkmal dieser Phase. Folgende Symptome sind dafür kennzeichnend: Versuche, das Trinkverhalten zu erklären; aggressives und großspuriges Benehmen; Verlust an Interessen; Selbstmitleid; ungünstige Veränderungen im Berufs- und Familienleben (vgl. Tölle, 2013).

Chronische Phase: Bei dieser Phase handelt es sich um das Stadium der Sensibilisierung (vgl. Tölle, 2013). In manchen Fällen begeben sich die betroffenen Personen in eine Behandlung; sie sterben häufig aufgrund körperlicher Folgeschäden. Die Symptome sind: Abbau des ethischen Verhaltens, alkoholbedingte Geistesstörungen, Verlust der Alkoholtoleranz, Zittern, Zusammenbrüche und psychomotorische Hemmungen (vgl. Tölle, 2013).

In jedem Jahr werden etwa 24 % aller alkoholabhängigen Menschen in chirurgischen oder internistischen Kliniken aufgenommen, in denen es in den meisten Fällen keine spezifischen Angebote zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit gibt. Etwa 2,5 % aller Alkoholiker werden in eine psychiatrische Klinik eingewiesen; lediglich etwa 1 % der Betroffenen halten eine Entwöhnungs- bzw. Entziehungsbehandlung durch (vgl. Lindenmeyer, 2013).

4 Alkoholismus aus der Sichtweise der Systemik

In Bezug auf die systemische Therapie wird der Alkoholismus „als ein selbstdestruktives, selbstaufopferndes Verhalten gesehen, das ab einem gewissen Punkt von allen als ein Problem erlebt wird, um das herum sich das Verhaltensmuster der Familie strukturiert“ (Uni-oldenburg, S. 95). In einem kybernetischen Modell kann der Alkoholansatz funktional erfolgen, um das Equilibrium bei einer Alkoholabhängigkeit wieder herbeizuführen. Dabei hat der Alkohol auf eine Regelstrecke und auf eine Störgröße einen großen Einfluss und kann die Erhöhung solcher Faktoren wie Geltungsbedürfnis, Fantasien und Macht bewirken, gleichzeitig verursacht der Alkohol die Verringerung von Frustrationstoleranz und Realitätsbezug, dies führt zur Selbstverstärkung, die den Regelkreis zum „Teufelskreis“ werden lässt (vgl. Singer & Teyssen, 2013). Dieser „Teufelskreis“, in dem sich der alkoholabhängige Mensch befindet, wird häufig zitiert und legt den Gedanken an die systemische Theorie der Alkoholabhängigkeit nahe. Es lassen sich verschiedene Konzepte einer systemischen Theorie, eines interaktionellen Ansatzes und eines kybernetischen Ansatzes auf die Entwicklung der Alkoholkrankheit anwenden. Der Alkoholismus wird in der systemtheoretischen Sichtweise in der Form eines Regelkreises gesehen, der durch soziologische, psychologische und biologische Faktoren verursacht werden kann (vgl. Singer & Teyssen, 2013). Aus der Sichtweise der systemischen Therapie wird die Alkoholabhängigkeit verstanden als:

- eine mögliche Verhaltensweise zur Lösung von Problemsituationen;
- eine erlernte Strategie der Problembewältigung, die in der Herkunftsfamilie und im Sozialumfeld verankert war;
- ein Problem, das nur dann verständlich bzw. verstehbar sein kann, wenn es im Sozialkontext betrachtet wird;
- eine Strategie zur Problemlösung;
- keine individuelle Eigenschaft eines Individuums, das dieses Verhalten zeigt, sondern als ein Verhalten, das in einem bestimmten Kontext auftritt (vgl. Uni-oldenburg, S. 97).

Zusätzlich unterscheidet man zwei systemische Modelle der Alkoholabhängigkeit, dabei handelt es sich um:

[...]

Details

Seiten
31
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668836198
ISBN (Buch)
9783668836204
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445361
Institution / Hochschule
MSB Medical School Berlin - Hochschule für Gesundheit und Medizin
Note
1,0
Schlagworte
systemische therapie alkoholabhängigkeit

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Titel: Systemische Therapie bei Alkoholabhängigkeit