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Das Leben und Schaffen des Jürgen Fuchs im Hinblick auf die Auseinandersetzungen mit der Staatssicherheit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kurzbiographie

3. Fuchs auf dem Weg in die Gefangenschaf

4. In Haft

5. Folgen der Gefangenschaft und der Ausbürgerung

6.Schluss

7.Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Jürgen Fuchs, dem am 19. Dezember 1950 in Ostdeutschland geborenen Schriftsteller, Bürgerrechtler und Vertreter der Opposition in der DDR, der auch nach seiner Zwangsausbürgerung von der Stasi im Westen weiter beobachtet und mit Zersetzungsmaßnahmen bekämpft wurde.2

281 Tage war Fuchs in der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Hohenschönhausen gefangen gehalten worden. Vom 19. November 1976 bis zum 26. August 1977 sah er sich den Verhörspezialisten und dem damit verbundenen Psychoterror ausgeliefert. Der Gefangene sollte sich selbst belasten, seine Freunde verraten, sollte sich von den zu Staatsfeinden degradierten Wolf Biermann und Robert Havemann distanzieren. Trotz größten Bemühungen schafften sie es nicht, Jürgen Fuchs zu brechen und auch nur einem ihrer Ziele im Ansatz näher zu kommen. So wurde er am Ende vor die Wahl gestellt: Entweder er rettet sich, seine Familie die draußen auf ihn wartete sowie seine inhaftierten Freunde - oder er bleibt möglicherweise noch zehn weitere Jahre in Gefangenschaft.

Zum Einstieg soll seine Biographie im Hinblick auf den Konflikt mit der Staatssicherheit und dem allgemeinen System der DDR aufgezeigt werden. Der Schwerpunkt liegt im Anschluss auf der Untersuchung der Vorgehensweise des Staates und der Staatssicher- heit. Wie gingen diese gegen oppositionelle Schriftsteller vor und welche Mittel wählte konkret Fuchs, um sich zur Wehr zu setzen? Dies möchte ich anhand einiger Werke und niedergeschriebenen Einblicken aus dem Gefängnis veranschaulichen. Anschließend soll die Frage geklärt werden, welche Auswirkungen die Zensur, die Inhaftierung und die an- schließende Ausbürgerung auf das literarische Schaffen für Herrn Fuchs hatte. War die Staatssicherheit mit ihrem Vorgehen gegen Oppositionelle erfolgreich?

Es wurde bis dato kaum Forschungsarbeit zu Jürgen Fuchs betrieben. Dies soll allerdings keinen negativen Einfluss auf die vorliegende Arbeit haben, da ich mich umso voreingenommener der von ihm verfassten Primärliteratur zuwenden kann.

2. Kurzbiographie

Die Kurzbiographie bietet einen wichtigen Schlüssel, der einem Zugang zu den besonderen Umständen, unter denen Fuchs arbeitete und litt, verschafft.

Zum Zeitpunkt der Verhaftung war Jürgen Fuchs 25 Jahre alt. Geboren am 19. Dezember 1950 im sächsischen Reichenbach beschäftigte sich das Kind einfacher Arbeiter bereits früh mit Literatur und Philosophie. Nach dem Abitur erlebte Fuchs den schikanösen Wehrdienst in der DDR-Armee. Da ihn die Schulleitung als politisch unzuverlässig be- zeichnet hatte bedurfte es einer Eingabe, ehe er 1971 ein Studium der Sozialpsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beginnen konnte. Zu dieser Zeit schrieb er be- reits regelmäßig Lyrik und Kurzprosa. Mit 20 Jahren nahm er am zweiten zentralen Po- etenseminar in Schwerin teil, zwei Jahre später erschienen einige Gedichte in einer An- thologie junger Lyriker. Großes Gefallen fand er am Vortragen seiner gesellschaftskriti- schen Texte bei Lesungen und Veranstaltungen. Wie viele seiner Altersgenossen stand der junge Autor dem Widerspruch zwischen sozialistischer Utopie und kleinbürgerlicher Realität mit Argwohn gegenüber. In der Hoffnung, die Verhältnisse zu ändern, traf er 1973 den Entschluss, der SED beizutreten. Gleichzeitig suchte er den Kontakt zu den bekannten Dissidenten Biermann und Havemann, mit denen er sich wenig später befreun- dete. Die Verhärtung der DDR-Kulturpolitik ab Mitte der 1970er Jahre hatte für Fuchs einschneidende Folgen. Nach einer Veranstaltung im Februar 1975, an der auch die Lie- dermacher Bettina Wegner und Gerulf Pannach mitwirkten, wurde ihm vorgeworfen, mit seinen Texten die sozialistische Ordnung in der DDR zu verleumden. Da er sich nicht bereiterklärte, Einsicht zu zeigen oder Selbstkritik zu üben, schloss man ihn aus der SED und dem Jugendverband FDJ aus. Wegen „Schädigung des Ansehens der Universität“3 wurde er kurz vorm Abschluss seines Studiums - es war nur noch eine Hauptprüfung zu absolvieren - vom Studium an allen Hochschulen der DDR ausgeschlossen.

Ohne Abschluss, ohne Beruf und ohne Geld zog Jürgen Fuchs mit seiner Frau Lilo und ihrer frisch geborenen Tochter Lili im Sommer 1975 zu Robert Havemann. Die junge Familie wohnte dort in einem kleinen Holzhaus auf dessen Grundstück in Grünheide bei Berlin. Fuchs geriet somit ins Zentrum des Widerstands gegen die SED-Diktatur. Zu die- ser Zeit diskutierte der damals 24-Jährige fast täglich mit dem prominenten Dissidenten, der als ehemaliger Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus und hochrangiger SED- Funktionär über langjährige politische Erfahrung verfügte. Auch der mit Auftrittsverbo- ten belegte Biermann war regelmäßig zu Gast. Um eben jenen loszuwerden, erlaubte ihm die SED-Führung im November 1976 eine Konzertreise nach Westdeutschland; am 16. November bürgerte sie ihn aus. In der DDR folgte daraufhin ein unerwartet breiter Pro- test.

Zahlreiche prominente Schriftsteller unterschrieben eine Erklärung, in der die sie Verant- wortlichen baten, die Ausbürgerung rückgängig zu machen. Fuchs‘ Freunde in Jena or- ganisierten eine Protestversammlung, an der 50 Leute teilnahmen. SED und MfS bemüh- ten sich, die Unruhen unter Kontrolle zu bekommen. Die prominenten Unterzeichner wurden gedrängt, ihre Unterschrift zurückzuziehen. Die weniger bekannten wurden vo- rübergehend festgenommen und später zum Teil verurteilt oder nach Westdeutschland abgeschoben. Um Havemann zu isolieren, sperrten Sicherheitskräfte sein Grundstück ab. Als Fuchs am 19. November zum Ost-Berliner Spiegel -Büro fahren wollte, wurde er von drei zivilen MfS-Mitarbeitern gegen 10:00 Uhr aus dem Auto heraus verhaftet. Die Mu- siker Gerulf Pannach und Christian Kunert, welche mit im Wagen saßen, nahm man we- nig später fest.

3. Fuchs auf dem Weg in die Gefangenschaf

‚ Schweigen / Leere / diese Gesichter und ihr L ä cheln / sie br ü llen nicht / sie schlagen nicht / warum br ü llst du nicht / warum schl ä gst du nicht / was ist sinnvoll, was sinnlos / und worin liegt der Sinn / und wo die Absicht / und wohin und warum.

Woher kommt der Schock? Es ist etwas eingetreten, womit zu rechnen war, Aber womit habe ich denn gerechnet? Ich habe von ‚ der M ö glichkeit einer Verhaftung ‘ gesprochen. Aber das waren Worte. Ich habe doch gar nicht gewusst, was es hei ß t, verhaftet zu werden. Ich habe Worte verwendet, deren Bedeutung, deren Erlebnisinhalt ich nicht kannte. Ich habe nicht gewusst, wovon ich sprach. ‘ 4

Mit diesen Zeilen beginnt Jürgen Fuchs sein Buch Vernehmungsprotokolle, in welchem er detailgetreu die Erlebnisse in Gefangenschaft verarbeitet und wiedergibt. Er hat die gegen sich gerichteten Worte, Schikanen und verschiedenen Verhörstrategien auswendig gelernt, um sie nach seiner Entlassung für die Außenwelt zu wahren. Dies half ihm, die nicht enden wollenden Befragungen und Demütigungen zu überstehen und die gegen ihn gerichteten Schmähversuche nicht persönlich zu nehmen, sondern distanziert zu analy- sieren.

Jürgen Fuchs sah seine Aufgabe als Schriftsteller ‚in der Aufdeckung der Wirklichkeit und der Kritik ihrer schlechten Seiten.‘5 Gedichte wie die anschließenden zeigen die Einstellung des jungen Herrn Fuchs und sind Grund, dass die Staatssicherheit bereits früh auf ihn aufmerksam wird und ihn schließlich in Gefangenschaft nimmt.

Das Fach Schönschreiben

Aber gewiss doch

Nach Schablone und In Sch ö nschrift

Tanzt kein Buchstabe Aus der Reihe

Liegt kein Wort Schief

Halten alle Den Rand Ein

Und erhalten ein Lob

Nur die Wahrheit F ä llt immer auf

Als sehr schwer Erziehbar. 6

Scheinwerfer

Die mich anfallen Bis sie vor ü ber sind

Und mich blass sehen Und geblendet

Verstehe ich gut In ihrer Wut

Denn ich leuchte Zwar matt

Aber sie durchleuchten mich nicht

Und ich nehme ihnen die Sicht Ein wenig:

Nicht unsichtbar Nicht zu ü bersehen

Mit mir m ü ssen sie rechnen. 7

Fuchs ist ein Freidenker, einer der sich nicht scheut die Dinge beim Namen zu nennen. Er kann sich die realen Folgen seiner freien Äußerungen noch nicht vorstellen. Erst als er mit drei Beamten im Wagen auf dem Weg ins Gefängnis sitzt wird ihm klar, wie viel Gewicht und welche Auswirkungen, die von ihm selbst gewählten Worte zu dieser Zeit haben.

4. In Haft

Als Fuchs in der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Hohenschönhausen ankommt, gelangt er direkt in ein Verhörzimmer. Hier wird nach seinen Personalien gefragt und er bekommt etwas zu essen angeboten. Er reflektiert diese Situation so:

‚ Er ist bestens informiert. Wenn er dich nach den Personalien fragt und vorgibt, nicht zu wissen, wer du bist, dann ist das Taktik und hat nur eine Funktion: Dir klarzumachen, dass du ein Nichts bist, einer, der hier nicht z ä hlt, und der sich immer wieder zu erkl ä ren hat: was, wer, warum, wozu, weshalb. Dass er dir Essen vorsetzte, geschah nicht nur aus Menschenfreundlichkeit, er wollte auch sehen, wie du dich f ü hlst. Viele Menschen k ö nnen im Zustand hochgradiger Erregung keinen Bissen zu sich nehmen. Du hast gegessen, jetzt sucht er nach neuen M ö glichkeiten, dich in den gew ü nschten Zustand zu versetzen. ‘ 8

Fuchs reflektiert das Spiel der Stasibeamten von Anfang an und ist nicht zu einem Kom- promiss oder zur Zusammenarbeit bereit. Sie werden in der Folgezeit allerdings nichts unversucht lassen, Herrn Fuchs‘ Schweigen zu brechen. Er soll reden, soll sich selbst und seine Freunde verraten, soll öffentliche Äußerungen zu Biermann oder Havemann treffen und seine Einstellung gegenüber dem System überdenken. Fuchs schreibt weiter:

‚ Der Vernehmer versucht mehrfach, das Verh ö r fortzusetzen: freundlich, schmeichelnd, witzig, sachlich, geh ä ssig, stichelnd, uninteressiert, hektisch. Er verl ä sst den Raum, kehrt zur ü ck, ö ffnet den Safe, bepackt den Schreibtisch mit Aktenbergen. Es ist ein eigent ü mli- ches Gef ü hl, einen sprechenden Menschen zu ignorieren, auf Sprache nicht zu reagieren, sich einem angestrebten Dialog zu entziehen. Dein eigenes Verhalten verunsichert dich. Du willst sprechen, erwidern, aber die Zentrale sagt: stopp, sinnlos, schweig. Ablenken. ‘ 9

Man sieht hierin sehr deutlich, dass auch die Vernehmer mit allen Wassern gewaschen sind. Aber Herr Fuchs hat nach anfänglichen Erklärungsversuchen gemerkt, dass ihn das Antworten und Argumentieren nicht aus seiner Lage befreien wird und sich dazu entschlossen, ihnen die Zusammenarbeit zu versagen.

Er antwortet nicht auf ihre Fragen, unterschreibt keine Protokolle und auch die Drohun- gen mit mehreren Jahren Haft, weiteren Strafen und Sanktionen ändern daran nichts.

Nach einigen Tagen des Stillstandes erklärt ein Vernehmer, dass Herrn Fuchs staatsfeind- liche Hetze vorgeworfen wird, was mit einer Haftstrafe von bis zu zehn Jahren belangt wird. Auf die Frage, wann der Prozess stattfinden wird und ob er mit seinem Anwalt sprechen könne, antwortet dieser nur mit Kopfschütteln. Sie gewähren ihm keinerlei Kon- takt zur Außenwelt und lassen ihn völlig auf sich allein gestellt. Mit seinem Anwalt darf er die erste Zeit gar nicht, dann nur unter Auflage sprechen. Es wird ihm zwar erlaubt, einen Brief an seinen Anwalt zu schreiben, dieser wird aber nicht gestattet, da inhaltlich nichts zu seiner derzeitigen Situation und eventuellen Handlungsmaßnahmen erwähnt werden darf. Herr Fuchs ist strikt untersagt mit jemandem außerhalb der Mauern über ‚die Sache‘10 zu sprechen. Er ist allein:

‚ Die L ä hmung ü berwinden: Ich versuche, mit dem Finger auf die Plastetischplatte zu schreiben. Wenn ich aufdr ü cke, kann ich einige Buchstaben erkennen. Sp ä ter notiere ich mit den Stiften aus Silberpapier (Schokolade) und schreibe mit abgebrannten Streichh ö l- zern auf Papierreste. Einzige M ö glichkeit des Aufbewahrens: auswendig lernen. Mein Ged ä chtnis funktioniert gut, aber es sind nur Notizen, hastig hingeworfene Splitter. [ … ] Es w ä re schade, denke ich mir, die eigenst ä ndige Sprache dieses Geheimdienstes, nur ertragen zu m ü ssen. Und nicht aufzubewahren, um sie im Kopf nach drau ß en zu trans- portieren. Irgendwann. Irgendwohin. ‘ 11

Eben die erwähnte Sprache des Geheimdienstes, die Fuchs als so gefühlslos und leer empfindet ist es, die er so sehr ablehnt. Seine rhetorische Gewandtheit prallt an den auf ihn einprasselnden Phrasen einfach ab. Er zieht sich aus den Dialogen zurück, entlarvt ihre Aussagen als ‚leere Losungen‘12 oder als ‚Fragen, die keine sind.‘13

Fuchs ist Ehrlichkeit sehr wichtig und diese aus Codes bestehende ‚Sklavensprache’14 lehnt er ab. Wenn die Vernehmer beispielsweise von ‚nicht fördern‘ sprechen, heißt das aus eigener Erfahrung für ihn zu ‚unterdrücken’15 Er verzichtet in seinen Protokollen auf eine Bewertung der Aussagen. Anders als in Haft, als Fuchs seine Meinung mehrfach offen verkündet und die Verhöre als ‚Zirkus‘16 und die Drohungen und Schmeicheleien als ‚Taktik‘17 enthüllt.

[...]


2 https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Fuchs_(Schriftsteller)

3 Bescheinigung zu Vorlage beim Gericht von 3. März 1977, BStU, ZA, AU 11554/78, Bd. 7, Bl.

4 Fuchs: Vernehmungsprotokolle. Seite 9.

5 Aus einem Brief an Erich Honecker vom 26.06.1975. In Fuchs: Gedächtnisprotokolle. Seite 37.

6,7 Fuchs: Gedächtnisprotokolle. Seite 58 ff.

8 Fuchs: Vernehmungsprotokolle. Seite 13. ebd.

9 Seite 20

10 ebd. Seite 24

11 ebd. Seite 28 12

12 Fuchs: Gedächtnisprotokolle. Seite 41.

13 ebd. Seite 15

14 Fuchs: Poesie und Zersetzung. Seite 73.

15 Fuchs: Gedächtnisprotokolle. Seite 64 ff.

16 Fuchs: Vernehmungsprotokolle. Seite 77.

17 ebd. Seite 10.

Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668825666
ISBN (Buch)
9783668825673
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445236
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Jürgen Fuchs Staatssicherheit Germanistik DDR DDR-Literatur Gefangenschaft Gedichte Neuere deutsche Literaturwissenschaft Literatur Hausarbeit Haft

Autor

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