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Vilém Flusser. Ein Leben in Heimatverlust und Bodenlosigkeit

von Sonja Franke (Autor)

Hausarbeit 2018 13 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Heimatverlust

Bodenlosigkeit

Kommunikation

Fazit

Quellenverzeichnis

Literatur

Hörbuch

Internetquelle

Einführung

«Leben ist, sich selbst anzunehmen, um sich zu ändern. Tatsächlich erneuert sich jeden Augenblick die Aufgabe, was das Leben ist. Die Frage "wer bin ich?" ist jedes Mal, wenn ich sie stelle, neu, und die Entscheidung, von der Antwort erneut auszugehen, ist jedes Mal schmerzlich und radikal.»

(Flusser Vilém, 1975, S.2)

Diese Zeilen schrieb Vilém Flusser 1967 in seiner Arbeit «Auf der Suche nach Bedeutung», die 1975 in der Reihe «Selbstbildnis» in Brasilien erschienen ist.

Sie beinhalten eine der wichtigsten Erkenntnisse des Philosophen, der mit seiner auβergewöhnlichen Biografie die verschiedensten wissenschaftlichen Gebiete bis heute prägt.

Als einer der einflussreichsten Denker im 20. Jahrhundert, beobachtete er insbesondere den Einfluss von Kommunikation und Medien und hatte dabei eine sehr enge Beziehung zu den Künsten.

Unsere Existenz wird heutzutage wesentlich von Technik bestimmt. Flusser nahm dies als Herausforderung, die Künste neu zu überdenken. Er begann, die Methoden der Naturwissenschaft mit einer neuen Auffassung von Kultur zu verkoppeln. Eine der bedeutendsten Auswirkungen der gegenwärtigen kulturellen Entwicklung ist die Tatsache, dass sprachliche Kommunikation, sowohl das gesprochene als auch das geschriebene Wort, nicht länger im Stande ist, unsere Gedanken und Konzepte in Bezug auf die Welt zu übertragen. Wie bei den meisten Vordenkern wurde auch Vilém Flussers Philosophie maβgeblich durch seine Biografie geprägt.

Als gebürtiger Prager und Jude wurde er in der deutschen Kultur erzogen. Sein Philosophiestudium musste er 1939 abbrechen und vor den Nationalsozialisten flüchten. Er verlor seine gesamte Familie in Konzentrationslagern und verbrachte auf seiner Flucht nach Brasilien eineinhalb Jahre in England.

Danach wohnte er in Sao Paolo und in einem provenzalischen Dorf. Nebst den vielen örtlichen Wechseln war er in mindestens vier Sprachen beheimatet. Für ihn war es nicht nur wichtig, eine Sprache zu lieben, sondern sie zu beherrschen. Dazu gehörte, dass er beim Übersetzen immer wieder neu das Eigentliche hinter den Wörtern zu transportieren suchte.

Flusser war von Grund auf sehr wissbegierig und hinterfragte allgemeingültige Theorien und Dogmen. Durch seine Situation wurde er getrieben, einen einsamen und kritischen Weg zu gehen, und musste sehr viel Kraft aus sich selbst schöpfen.

Im Exil war er zu jung, um fest verankert zu sein, in Brasilien zu sehr Migrant, um seine Prager Studien anerkannt zu bekommen. Sein Schreiben erwuchs also aus wurzellosen Reisen durch Disziplinen und Texte, gepaart mit den bodenlosen Alltagserfahrungen in London und Sao Paulo nach der Flucht vor Hitler.

(Vgl. Guldin Rainer, Finger, Anke, Bernardo, Gustavo, 2009, S. 58)

In der folgenden Arbeit möchte ich Flussers Biografie untersuchen und dabei die Parallelen zwischen seinem Arbeiten und seiner biografischen Entwicklung aufzeigen. In seiner Arbeit «Bodenlosigkeit» beschreibt er die Absurdität und Entwurzelung, autobiographisch verknüpft. Er sah die Autobiografie als eine Möglichkeit, anderen Menschen ein Erfahrungsfeld zu bieten, um sich darin selber erkennen zu können.

Flussers Aussagen dienen als eine Art Landkarte für meine Arbeit und ich folge dabei den Aspekten Heimatlosigkeit, Bodenlosigkeit und Kommunikation.

Heimatverlust

Der Verlust der vertrauten Welt, die Erfahrungen der Bodenlosigkeit als Migrant und Exilant, prägten Flussers Arbeit schon früh. Durch die stetige Unsicherheit im Krieg entwickelte er eine besonders ausgeprägte Art, Dinge immer wieder neu zu hinterfragen und anzuzweifeln.

Im Moment, da er sich entschieden hatte, zu fliehen, hatte er alles verloren: Er hatte sich damit von seinen Freunden, Bekannten und seiner Familie abgewendet und sie waren vor dem eigentlichen Tod füreinander gestorben

Die folgenden Zeilen sind wohl sehr treffend für die damalige Situation. Sie beschreiben Flussers Desillusionierung und seine Entwurzelung auf eine sehr sensible Weise.

«Wer im Kern meines Ich wohnte, war mein Feind. Auch meine tschechische Kultur hielt an, aber so, als ob sie durch das Zerreiβen der Nabelschnur, die mich mit ihr verband, zum Ersticken verurteilt wäre.»

(Guldin Rainer, Finger, Anke, Bernardo, Gustavo, 2009, S. 58)

Flusser war es wichtig, seine Erbschaft der verlorenen Heimat weder wegzuwerfen noch zu verleugnen. Dies ist Voraussetzung und zugleich Chance, seine Herkunft als Gesamtes anzunehmen und sie in der Verbindung, im Dialog mit anderen Menschen zu verändern.

Später beschrieb er die Situation mit Auschwitz: die Menschheit habe das unterste Level von Abstraktion und Reduktion von Realität und Lebenswirklichkeit gefunden. Und aus dieser Abstraktion sei es vielleicht möglich, eine andere, alternative Welt zu kreieren. Dies war für ihn eine Möglichkeit, die Situation der Migration zu verstehen. (Vgl. Zielinski Siegfried, Weibel Peter Weibel und Irrgang Daniel, 2015, S. 13)

Diese Verlusterlebnisse und Erkenntnisse führten dazu, dass er den Begriff der Heimat und den des Wohnens zu hinterfragen und für sich selbst neu zu definieren begann.

«Für Flusser war der Mensch von Natur aus ein Nomade, ein Sammler.» (Flusser Vilém, 1999, Kapitel 2)

Somit war Flusser der Überzeugung, der Mensch könne überall wohnen, er müsse es nur lernen. Durch dies würde er lernen, die Bewegung zwischen sich und der Welt überhaupt erst wahrzunehmen. Diese Bewegung würde es ihm ermöglichen, das Gesamte zu sehen und das Zusammenspiel zwischen Wohnung und Welt, zwischen Öffentlichem und Privatem beobachten zu können.

«Wenn wir also glauben uns selbst gefunden zu haben, verlieren wir die Welt und wenn wir die Welt finden, verlieren wir uns selbst.» (Ebd., 1999, Kapitel 2)

Vilém Flusser glaubte nicht an eine chronologische Abfolge eines Lebens, sondern sah es als eine Art Liste von Netzwerken, die durch Erlebnisformen gelaufen sind. Seiner Ansicht nach gibt es keine festen Identitäten innerhalb einer Person. Wer man einst gewesen war, ist nicht im gegenwärtigen Ich sichtbar vorhanden.

«Wir wollen immer das sein, was wir nicht sind und aus diesem Grund haben wir Sprache, Wissenschaft, Fiktion und Zivilisation erfunden. Wenn wir stolz behaupten, dass wir dieses oder jenes sind […] laufen wir immer in Gefahr uns festzulegen. Sich als jemanden zu definieren […] bedeutet den reinen Zufall zu verherrlichen und so zu tun als ob es den nicht gäbe. Der Migrant hingegen hat die Chance, seine eigene Heimat von auβen zu betrachten» (Flusser Vilém, 1999, S. 12)

Die verschiedenen miteinander vernetzten Aspekte des Weltlichen bilden für Flusser die Wohnung als ordnendes Element im Chaos. Dadurch können die ungeheuren, ungewohnten, abenteuerlichen und unbewohnbaren Teile aufgefangen werden. Wer also nicht wohnt, ist demnach nicht in der Lage die gesamten Einflüsse der Welt aufzufangen und wird in seiner eigenen Bewusstlosigkeit versinken.

Dem gegenübergestellt ist die Heimat (deutsch), die verkettete, abgeschlossene, identifizierte und festgefahrene Form des Wohnenden. Der Mensch findet den Unterschied zwischen sich und dem anderen nicht mehr und identifiziert sich mit seinem eigenen Konstrukt. Er ist sich aber dessen nicht bewusst und wird von seinen Gewohnheiten verschlungen.

Und daher ist das Herausgerissen werden oder auch das Herausreissen aus jeder Heimat schmerzlich. Denn die Verbindung, die an die Dinge und die anderen Menschen gebunden werden, werden getrennt. Die geheimen Codes der Heimaten sind aus unbewussten Gewohnheiten entstanden und was die Gewohnheiten auszeichnet, ist, dass man sich ihrer nicht bewusst ist. Daher stellt sich für Migrierende folgende Aufgabe: Es gilt, die Codes der Heimat bewusst zu lernen und dann wieder zu vergessen.

(Vgl. Flusser Vilém, Kapitel 2)

Wer also aus seiner Heimat getrieben wird oder sich selbst aus der Heimat begibt, der wird zu Beginn von allem Gewohnten abgetrennt und leidet. Flusser nahm den Schmerz zwar ernst, sah aber vielmehr die Chance, die sich durch den Heimatverlust eröffnete. Denn der Mensch beginnt die zerstörten Strukturen und Gewohnheiten zu hinterfragen, neu zu kombinieren und zu einem eigenverantwortlichen neuen Gebilde zusammenzufügen. Er wird merken, dass dies ihm mehr Freiheit gibt, als es entzogen hat. Es ist möglich zu sich selber zu finden, in einer freien und selbstbestimmten Form, die wieder und wieder aufs Neue hinterfragt werden kann.

Das Netzwerk eines Menschen entsteht laut Flusser nicht durch das Hineingeborenwerden, sondern durch die Erarbeitung der Nähe und Ideen zu anderen Menschen.

(Vgl. Guldin Rainer, Finger, Anke, Bernardo, Gustavo, 2009, S. 65)

Bodenlosigkeit

Flusser strebte, bedingt durch seine intensive Lebensweise, immer die Wirklichkeit an, welche nur durch Lösung der Verstrickungen und Verkettungen überhaupt erkennbar werden konnte. Voraussetzung dafür war, dass er sich des Bodenlosen bewusst wurde.

Er verlor im Lauf seiner Biographie jeden Boden, der je existierte. Dies bewirkt einen Prozess von Abstraktion und Verlieren und zum anderen begründete es die Freiheit, eine neue andere Welt zu erschaffen. Es ist eine Art Freiheit von all diesen Verkettungen, Verstrickungen und Grenzen, die es ermöglicht, sich eine neue Identität zu kreieren. Die Kunst und sein Umgang mit Text und die Sprache bedeuten für ihn, zu Hause zu sein ohne Grenzen. Der Begriff der Identität ist für Flusser ideologisch und wünscht, sich selbst aufzugeben. Denn wenn wir etwas identifizieren, dann stellen wir es automatisch in die Differenz zu etwas anderem.

Flusser erkannte aber auch, dass die Bodenlosigkeit eine Erfahrung der Einsamkeit ist, und, wenn öffentlich besprochen, zu leerem Gerede zerflieβt. Sie ist grundsätzlich antikulturell und kann daher nicht zu Kulturformen erstarren. Die Erfahrung der Bodenlosigkeit lässt sich nicht in Literatur, Philosophie und Kunst niederschlagen, ohne sie zu verfälschen. Man kann nur versuchen, sie in diesen Formen zu umschreiben, sie einzukreisen und so einzufangen. Oder aber man kann versuchen, sie direkt zu bezeugen, indem man autobiografisch seine eigene Lage schildert, in der Hoffnung, dass andere sich in der Schilderung erkennen. Das eigene Leben wird sozusagen zu einem Laboratorium für andere, um die Lage der Bodenlosigkeit von auβen erkennen zu können. Diese ist aber auch ein ambivalenter Zustand, der ständig zwischen Zwang und Befreiung schwankt. (Flusser Vilém, 1999, Kapitel 2)

Flusser beschreibt dies im Folgenden sehr treffend:

«Jeder kennt die Bodenlosigkeit aus eigener Erfahrung. Wenn er vorgibt, sie nicht zu kennen, dann nur, weil es ihm gelungen ist, sie immer wieder zu verdrängen: ein Erfolg, der in vieler Hinsicht zweifelhaft ist. Aber es gibt Menschen, für die Bodenlosigkeit die Stimmung ist, in der sie sich sozusagen objektiv befinden. Menschen, die jeden Boden unter den Füβen verloren haben, entweder weil sie durch äuβere Faktoren aus dem Schoβ der sie bergenden Wirklichkeit verstoβen wurden oder weil sie bewusst diese als Trug erkannte Wirklichkeit verlieβen. Solche Menschen können als Laboratorien für andere dienen.

Sie existieren sozusagen intensiver, falls man unter «Existenz» ein Leben in der Bodenlosigkeit verstehen will.» (Flusser Vilém, 1999, S. 11)

Für Flusser zeigte sich in der Bodenlosigkeit die Absurdität (des Lebens):

«Das Wort «absurd» bedeutet ursprünglich «bodenlos», im Sinn von «ohne Wurzel». Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele eines absurden Lebens. Wenn man versucht, sich in solche Blumen einzuleben, dann kann man ihren Drang mitfühlen, Wurzel zu schlagen und diese Wurzeln in irgendeinen Boden zu treiben.» (Ebd., 1999, Prolog)

Dass es sich bei Raum und Zeit nur um eine Wahrnehmungsform handelt, das haben wir schon von Kant theoretisch gelernt. Doch diese Erfahrung des Unwirklichen wurde erst Jahre später unmittelbar in der Bodenlosigkeit der Entwurzelung von der Theorie in die Praxis gebracht. (Vgl. ebd., 1999, S.39)

Flusser war stets bemüht, seine Gedanken durch sein Erfahrenes immer wieder neu zu denken und langsam zu neuen Konstrukten entfalten zu lassen, die er dann wieder und wieder hinterfragte und neu ordnete.

Er hinterfragte, um zu wachsen.

So begab er sich immer wieder in Positionen, die teilwiese auch unbequem waren, weil sie nicht den gewohnten Abläufen folgten. Sein Denken war frei von jeglichen Strukturen. Indem er Grenzen durchbrach gelangte er in neue Dimensionen. Durch den Zweifel fand er Freiheit, die es ihm ermöglichte zu beobachten und immer wieder neue Fragen zu stellen.

Kommunikation

Durch die Erfahrung des Bodenlosen und der Heimatlosigkeit bekam Flusser einen völlig neuartigen Blick auf die menschlichen Strukturen und die Kommunikation. Er untersuchte den vergeblichen Versuch der Menschen und Menschengruppen zueinander wirkliche Verbindungen aufzubauen und miteinander zu kommunizieren. Für ihn selber wurden dabei Sprache und Text zu einer neuen imaginären Heimat.

Dies brachte er mit folgendem Satz auf den Punkt:

«Ich bin nur wirklich, wenn ich spreche, schreibe, lese, oder wenn sie in mir flüstert, um ausgesprochen zu werden.» (Flusser Vilém, 1975, S. 11)

«Ich fühle in mir vieles, was sich artikulieren will. Da ist ein immerwährendes Säuseln der noch nicht reifen Sprache in der süßen, schweren und geheimnisvollen Frucht, "Wort" genannt.» (Ebd., 1975, S.12)

Flusser bewegte sich durch in den verschiedensten Gebieten der Medien: Dennoch blieb das schriftliche Festhalten von Erfahrungen und Erkenntnissen der Kern seiner Arbeit. Seine prägenden Erfahrungen als Exilant und Migrant zeigen sich auch hier. Seine Ungebundenheit drückt sich auch in der Vielfalt seiner verwendeten Sprachen aus:

«Besonders war auch […] s[S]eine Ideen, seine Mehrsprachigkeit und seine in unterschiedlichen Sprachen verschieden ausgedrückten Texte hatten kein intellektuelles Zuhause.» (Guldin Rainer, Finger, Anke, Bernardo, Gustavo, 2009, S. 60)

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Details

Seiten
13
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668836112
ISBN (Buch)
9783668836129
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v445231
Institution / Hochschule
ecosign/Akademie für Gestaltung
Note
1,3
Schlagworte
vilém flusser leben heimatverlust bodenlosigkeit

Autor

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    Sonja Franke (Autor)

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Titel: Vilém Flusser. Ein Leben in Heimatverlust und Bodenlosigkeit