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Die Autoritäten der Catena aurea von Thomas von Aquin

von Jana Mussik (Autor)

Hausarbeit 2011 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Arbeitsweise von Thomas v. Aquin

3. Quantitativer Untersuchungsansatz

4. Die Autoritäten
4.1 Die Kirchenväter
4.1.1 Die lateinischen Kirchenväter
4.1.2 Die griechischen Kirchenväter
4.2 Eine Auswahl

5. Wirkung

ANHANG

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Gattung der Katenen gibt es bereits seit dem 6. Jh. und wurde maßgeblich von Prokopios von Gaza (ca. 465-530) beeinflusst. Seit dem hat sich die Katene zunächst im griechischen, darauffolgend auch im orientalischen und erst Jahrhunderte später im lateinischen Raum verbreitet. Die bekannteste unter ihnen ist wohl die sogenannte Catena aurea, also goldene Kette, von Thomas v. Aquin aus dem 12. Jh. Zu erwähnen dabei ist, dass dieser sein Werk gar nicht Catena nannte. Der ursprüngliche Titel Expositio continua super IV evangelistas wurde erst wesentlich später zur Catena aurea umgedeutet und blieb als diese auch im mittelalterlichen Volksverständnis haften.

Eines der Hauptkriterien einer Katene ist die Bezugnahme auf verschiedene Autoritäten oder Gewährsleute, die die vorangestellten Bibelzitate kommentieren, diskutieren und bewerten sollten. Eine Katene vereint all diese Meinungen der Kirchengelehrten und führt sie in einem Gesamtwerk zusammen. Im Rahmen dieser Hausarbeit soll nun genauer auf die einzelnen Gewährsleute der Catena aurea eingegangen werden. Als Textgrundlage dient jedoch nicht das mehrbändige Gesamtwerk, sondern der Ausschnitt zum Lukasevangelium, der bereits dem Seminar Catena aurea zugrunde lag. Dieser Text wurde vermutlich als Auftrag des Deutschen Ordens im 14. Jh. ins Ostmitteldeutsche übersetzt.

Um einen Einstieg in die Thematik zu finden, ist es zunächst wichtig, sich die Arbeitsweise des Thomas v. Aquin vor Augen zu halten, diese gibt auch Aufschluss über die Bedeutung der Autoritäten.

Anschließend soll der Text in Bezug auf die Gewährsleute quantitativ untersucht werden. Wie viele Autoritäten werden erwähnt, wie oft kommen sie zu Wort und wie verteilt sich das auf die Kapitel? Danach sollen vor allem die bekannten Kirchenväter exemplarisch vorgestellt werden, hinzu kommen die am häufigsten genannten und auch noch eine weitere Auswahl an Autoritäten, bevor abschließend die Wirkung des Gesamtwerkes betrachtet werden kann.

2. Die Arbeitsweise von Thomas v. Aquin

„Die Biographen des Th. rühmen seine unvorstellbare Konzentrationsfähigkeit, die es ihm erlaubte, seinen Sekretären mehrere Werke gleichzeitig zu diktieren.“[1]

„In seinen Schriftkommentaren wird die exegetische Arbeit des Aquinaten sichtbar. Auch hier dominiert die strenge Form der minutiösen Textgliederung, die oft eher einem systematischen Interesse dient, als das sie dem biblischen Aussagenzusammenhang auf den Grund geht.“[2]

Zwei Zitate sollen die Betrachtungen zum Werk und Schaffen des Thomas v. Aquin einleiten. Im ersten wird deutlich, wie es ihm rein quantitativ überhaupt möglich gewesen sein muss, dieses Lebenswerk im Auftrag des Papstes überhaupt zu bewältigen, während das Zweite Aufschluss über die Qualität dieser Leistung gibt.

Wie bereits erwähnt gilt die Katene des Thomas v. Aquin als die bekannteste. Dennoch war er nicht der erste im lateinischen Westen, der sich mit dieser besonderen Gattung auseinandergesetzt hat. Schon vor ihm sind ähnliche Texte, wie die von Alkuin oder Hrabanus Maurus entstanden. Doch vielleicht gerade durch seine Arbeitsweise konnte dieses Werk zu solcher Popularität kommen.

Der Ursprung der Arbeit lag beim Papst, der den Auftrag dazu erteilte. Die Berufung auf Autoritäten gilt als ein sehr traditionsreiches Vorgehen und wurde auch in anderen Textsorgen gerne angewandt.

Doch wie umfangreich sich der Aufwand für die Catena aurea gestalten sollte, wird sich an späterer Stelle noch zeigen. Thomas v. Aquin arbeitete sehr akribisch und genau unter Bezugnahme aller zugänglichen Kirchengelehrten. Dabei ging er nicht nur auf die lateinischen Gewährsmänner, sondern auch auf die griechischen ein. Einige Texte dieser eher unbekannten griechischen Kirchenleute mussten erst eigens für das Großwerk ins Lateinische übersetzt werden. Viele der in der Katene erwähnten Autoritäten waren der westlichen Welt bis dahin gänzlich unbekannt. Dazu zählten z.B. Vertreter wie Theophylactus (11./12. Jh.), die auch ihren festen Platz im Werk erhielten und so einer ganz neuen Welt zugänglich gemacht wurden.

Auch in anderen Punkten kann die Arbeit des Thomas v. Aquin nur als akribisch betrachtet werden. So nahm er auch Zitate derjenigen auf, die er nicht mehr zurückverfolgen konnte, aber dennoch als bedeutend empfunden hat. Diese Zitate sind mit den Bezeichnungen „Glossa“, „die Glose“, „der krigsche Meistir“ oder „Graecus“ gekennzeichnet. Doch in der Regel hat er alle Quellen so weit zurückverfolgt, bis der den genauen Ursprung ermitteln konnte.

3. Quantitativer Untersuchungsansatz

Um die Bedeutung der Autoritäten für eine Katene betrachtet zu können, muss erst einmal verdeutlicht werden, in welchem Ausmaß sie überhaupt im Werk vorkommen und welchen Anteil sie an der Wirkung der Catena aurea haben. An dieser Stelle ist noch zu erwähnen, dass sich die folgenden Zahlen und Fakten ausschließlich auf den im Seminar behandelten Ausschnitt beziehen und nur bedingt auf das Gesamtwerk anzuwenden sind.

Im Gesamtwerk der Catena aurea werden nicht weniger als 79 Autoritäten erwähnt, davon sind 57 im griechischen Raum verortet und nur lediglich 22 lassen sich dem lateinischen zuordnen.

Im Textausschnitt des Seminars finden sich immerhin 22 Autoritäten und verteilen sich sowohl auf den griechischen, als auch den lateinischen Raum. Der zu behandelnde Ausschnitt bezieht sich auf die ersten sechs Kapitel des Lukasevangeliums und umfasst insgesamt 55 Bibelzitate. Diese werden von ca. 986 Kommentaren der Autoritäten näher betrachtet. Damit sind nur ca. 5% des Textes biblischen Ursprungs, während der Rest, also 95%, den Kommentaren zuzuschreiben ist. Anders ausgedrückt: Zwischen Zitat und Kommentar besteht ein Verhältnis von etwa 1 zu 19. Natürlich kann anhand der Nennungen der Autoritäten nicht gleich ermittelt werden, wie viel Anteil sie am Text haben. Doch auch eine Gegenprobe, in der die einzelnen Zeilen der Bibelzitate, wie auch die der Kommentare gezählt wurden, ergibt ein sehr ähnliches Ergebnis. Die 507 Zeilen, die der Bibel entstammen, entsprechen lediglich ca. 7% des Gesamttextes, während die übrigen 6767 Zeilen aus den Bibelkommentaren bestehen. Dies erklärt natürlich den gewaltigen Umfang des Werkes und gibt Aufschluss über die Genauigkeit bei der Erarbeitung dieser Katene.

Auffällig ist, dass sich fast alle Autoritäten bereits im ersten Kapitel, also zwischen den Seiten 1-35, einfinden. Einzige Ausnahmen bilden Maximius und Epyphanius, die erst ab dem 2. Kapitel genannt werden und Ciprianus und Maximianus, die sogar erst ab dem 3. Kapitel zu Wort kommen. Insgesamt zeigt sich eine leicht abnehmende Tendenz der Autoritäten vom 1. bis zum 6. Kapitel. Im 1. Kapitel kommentieren 18 Autoritäten, im 2., 3. und 4. immerhin noch 15, im 5. Kapitel nur noch 12 und im letzten Kapitel wieder 13.[3]

Hinzukommt, dass bestimmte Autoritäten wesentlich öfter Erwähnung finden, als andere. Ist es im Gesamttext der Catena aurea der Grieche Chrysostomus, der am häufigsten genannt wird, stellt sich im Lukas-Ausschnitt Ambrosius, als der mit dem größten Redeanteil heraus. Ihm werden ganze 1263 Zeilen nachgesagt, die sich auf 166 Kommentare verteilen. Beda dagegen steuerte zwar „nur“ 1161 Zeilen dazu, wird aber 185 Mal erwähnt und gliedert sich somit ebenfalls in die Riege der 5 Häufigsten. Chrysostomus immerhin nimmt mit 120 Erwähnungen und 835 Zeilen noch den dritten Platz in diesem Textausschnitt ein. An vierter und fünfter Stelle stehen Cirillius mit 90 Kommentaren und 487 Zeilen und Origenes mit 477 Zeilen, die sich auf 87 Kommentare verteilen. Diese Häufungen nehmen an manchen Stellen so ein Ausmaß an, dass sich Seitenweise keine anderen Gewährsleute finden lassen, wie z.B. im 5. Kapitel die Seiten 104-105.

4. Die Autoritäten

Im Rahmen dieser Hausarbeit können leider nicht alle Autoritäten vollständig berücksichtigt werden. Um jedoch alle in ihrer Gesamtheit einmal dargestellt zu haben, findet sich im Angang eine Liste alle Autoritäten mit den genauen Angaben, wann und wie häufig sie in der Catena genannt werden. Thomas legte Wert auf ein umfassendes Bild der Bibelauslegung und bezog daher auch Persönlichkeiten mit ein, die schon zu seinen Lebzeiten teilweise kaum bekannt waren. Doch selbstverständlich durften neben den unbekannten Autoren die wichtigsten ihrer Zeit, die großen Kirchenväter, nicht fehlen.

4.1 Die Kirchenväter

Im Allgemeinen bezeichnet der Begriff Kirchenvater bestimmte Autoren der Kirche. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Definition immer wieder verändert und bezog mal mehr, mal weniger Persönlichkeiten mit ein. Im 4. Jh. wurden damit zunächst die „Bischöfe des Konzils von Nizäa (325)“[4] bezeichnet. Dieser Titel definierte sie als „autorativen Zeugen der orthodoxen Glaubens-Tradition.“[5] Sie wurden als „Vorfahren, Vorsteher und Lehrer, als geistige und geistliche Väter“[6] betrachtet und als Verkünder des Evangeliums gelobt. Mit der Zeit wurden immer mehr geistliche Persönlichkeiten unter diesem Begriff zusammengefasst. Isidor von Sevilla im Westen, der erst im 7. Jh. verstorben ist, galt dabei als der letzte Vertreter. Immer neue Ansichten über die Definition wurden publik. Manche schlossen griechische Theologen, wie z.B. Origenes vollkommen aus, andere dagegen, wie Mabillon fassten den Begriff viel weiter, und bezogen sogar modernere Gestalten, wie Bernhard von Clairvaux aus dem 12. Jh., mit ein. Sogar Priester, Diakone und Laien wurden in den Kanon aufgenommen. Die neuzeitlichen Interpretationen fassen lediglich die Leiter und Lehrer der Kirche zusammen, die „im unmittelbaren Anschluß an das NT[...]“[7] anzusiedeln sind. Zudem müssen sie vier Kriterien erfüllen:

„1) doctrina orthodoxa: Lehrgemeinschaft mit der Kirche, nicht Irrtumslosigkeit in einzelnen theol. Lehrmeinungen;

2) sanctitas vitae: Heiligkeit im Sinne der alten Kirche als Anerkennung des vorbildl. Lebens durch die Verehrung;

3) approbatio ecclesiae: die wenigstens implizite Anerkennung v. Person u. Lehre seitens der Kirche;

4) antiquitas: aus der Periode des kirchl. Altertums.“[8]

Autoren, die nicht alle Kriterien erfüllen, werden allgemein unter den Begriffen Kirchenschriftsteller und Kirchenlehrer zusammengefasst. Die Kirchenväter waren also nicht selbst an den Ereignissen der Evangelien beteiligt, schließen aber laut Definition unmittelbar daran an und werden dadurch als nächste Zeugen gewertet. Bis heute gelten ihre Schriften als verbindlich und werden für theologische Fragestellungen herangezogen. Auch Thomas v. Aquin bezog alle Kirchenväter in seine Katene mit ein. Dabei hat sowohl die lateinische, als auch die griechische Seite jeweils vier große Kirchenväter hervorgebracht.

4.1.1 Die lateinischen Kirchenväter

Bei den abendländischen Kirchenvätern handelt es sich um Gregor den Großen, Ambrosius, Hieronimus und Augustinus. Alle vier sind im Laufe der Zeit zu Ikonen der Kirche geworden und werden stets mit bestimmten Attributen und Symbolen ausgestattet. Ihre Werke wurden vom Papst oder einem Konzil als allgemein verbindlich anerkannt. Auf Abbildungen, wie z.B. Altarbildern, tauchen sie stets zu viert auf. Gemeinsam sind sie auch das Symbol für die vier Temperamente oder die vier Lebensalter.

Ambrosius von Mailand, geboren 333/34 in Trier, starb 4.4.397 in Mailand. Er war seit 374 Bischof der Residenzstadt und Schlüsselgestalt der spätantiken Kirche. Wie bereits erwähnt, spielte Ambrosius auch für Thomas v. Aquin eine wichtige Rolle. In allen sechs Kapiteln ist er dutzende Male vertreten und nimmt so einen Großteil der Kommentare ein. Seine „historische Bedeutung [habe] zu keiner Zeit in Frage gestanden“[9], heißt es und somit ist es auch nicht verwunderlich, dass Thomas sich bevorzugt auf diese Autorität stützt. Ambrosius hatte mitunter auch einen großen Einfluss auf den jungen Augustinus, der zu dieser Zeit eine Professur in Mailand innehatte. Er war berühmt für seine Predigten. Seine Rhetorik und sein Auftreten sollen eine große Wirkung auf das Publikum gehabt haben. Ein Großteil seines Gesamtwerks ist direkt der Auslegung der heiligen Schrift gewidmet. Diese zahlreichen Texte wurden vor allem im Mittelalter sehr oft abgeschrieben und verbreitet. Thomas v. Aquin sollte also in speziell diesem Fall keine Probleme damit gehabt haben, an das Werk des Ambrosius heranzukommen. Zudem boten sie die idealen Vorrausetzungen für seine Katene, da sie sich auch bis in Detailfragen mit der dem Alten und Neuen Testament auseinandersetzten. Es scheint also nur logisch, dass Ambrosius so umfangreich vertreten ist.

Beschäftigten ihn zunächst die Fragen nach der Trinität, verfasste er gerade in späteren Jahren zahlreiche Texte zu Themen der Brautmetaphorik oder der Begegnung von Seele und Gott. Ambrosius war dafür bekannt, dass er die theologischen Ansichten anderer Gewährsleute stets kritisch hinterfragte und sich lieber selbst eine Meinung bildete. Bereits im 5. Jh. wurden seine Schriften zitiert und noch immer wird er als Heiliger verehrt. Im Mittelalter wurden gerade die Psalmenauslegungen und der Lukaskommentar, der sich auch in der Catena aurea wiederfindet, viel gelesen und abgeschrieben. In der bildenden Kunst wird er häufig als Bischof mit einem Bienenkorb oder einem Kind in der Wiege dargestellt. So oft er auch zitiert wird, geht Thomas nur ein einziges Mal genauer auf eine seiner Quellen dazu ein: „AMBROSIUS uf Lucam“ (1,17).

[...]


[1] Vinzent, Markus(Hg): Metzler Lexikon christlicher Denker. 700 Autorinnen und Autoren von den Anfängen des Christentums bis zur Gegenwart. Stuttgart/ Weimar 2000. Hier: Thomas von Aquin, S. 683.

[2] Metzler Lexikon christlicher Denker: Thomas von Aquin, S. 684.

[3] Einen genauen Überblick verschafft die Tabelle zur Verteilung der Autoritäten im Anhang.

[4] Kasper, Walter(Hg): Lexikon für Theologie und Kirche, 5. Bd., 3. neu bearb. Aufl., Freiburg u.a. 1996, Kirchenväter, S.70. Fortlaufend LThK genannt.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] LThK: Kirchenväter S. 71.

[8] Ebd.

[9] Metzler Lexikon christlicher Denker: Ambrosius von Mailand, S. 21.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668816886
ISBN (Buch)
9783668816893
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444961
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Geisteswissenschaftliches Institut
Note
2,5
Schlagworte
Catena aurea Thomas von Aquin Kirchenväter lateinische Kirchenväter griechische Kirchenväter literarische Autoritäten Katenen

Autor

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    Jana Mussik (Autor)

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