Lade Inhalt...

Kepler und die Anfänge einer Fachsprache in der Astronomie

von Jana Mussik (Autor)

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Johannes Kepler – Leben und Werk

2. Eigenheiten und Innovationen der Schriften

3. Analyse Textbeispiel – Von einem ungewohnlichen Newen Stern wellicher im Octobris diß 1604. Jahres erstmahlen erschienen
3.1 Verwendung lateinischer Fachtermini
3.2 Verwendung deutscher Fachtermini
3.3 Verwendung deutscher Umschreibungen

Fazit

Anhang: Lateinische Begriffe im Text

Literaturverzeichnis

Einleitung

Latein ist die Sprache der Gelehrten, das Deutsche ist für das Volk. Weit über die Zeit des Mittelalters hinaus hatte diese Unterscheidung allgemeine Gültigkeit und entsprach ausnahmslos allen wissenschaftlichen Disziplinen. Insbesondere die deutsche Sprache tat sich schwer mit der Etablierung als Fachsprache und erst zum Ende des 14. Jahrhunderts wurden vermehrt wissenschaftliche Beiträge auch in deutscher Sprache verfasst oder übersetzt. Dabei stellten sich vor allem Handwerker, Mediziner und Handelsleute als Pioniere heraus, die abseits vom Elfenbeinturm der höheren Wissenschaften tagtäglich mit dem einfachen Volk zu tun hatten und eine gute Verständigung die Basis ihrer Arbeit bedeutete.

Erst die Errungenschaften des 15. Jahrhunderts brachten einen flächendeckenden Entwicklungsschritt für die deutsche Fachsprache. Mit der Erfindung der ersten Druckerpresse konnten Fachtexte schnell und großräumig verbreitet und somit auch besser etabliert werden. Doch trotz der weitaus verbesserten Logistik zur Verbreitung deutschsprachiger Texte, fanden sich vor allem in den Disziplinen Mathematik, Astronomie oder Physik nur wenige, die sich der Sprache des Volkes annehmen wollten.

Im Rahmen dieser Arbeit soll die Etablierung einer ersten astronomischen Fachsprache durch den Wissenschaftler Johannes Kepler untersucht werden. In diesem Zusammenhang möchte ich zunächst kurz auf das Leben und das Werk Keplers eingehen, bevor ich konkret auf die Besonderheiten seiner deutschen Schriften eingehen möchte. Im Anschluss daran werde ich den astronomischen Fachtext Von einem ungewohnlichen Newen Stern wellicher im Octobris diß 1604. Jahres erstmahlen erschienen hinsichtlich der zuvor beschriebenen Erkenntnisse genauer untersuchen. Dabei soll vor allem das Verhältnis zwischen der deutschen und lateinischen Sprache sowie die Verwendung einer ersten deutschen Fachsprache für den Wissenschafts-bereich Astronomie in Augenschein genommen werden.

1. Johannes Kepler – Leben und Werk

Im Dezember 1571 in Weil der Stadt bei Stuttgart geboren, fällt die Lebenszeit Keplers in die Wirrungen des 30jährigen Krieges und damit auch in den Wendepunkt zwischen Mittelalter und die Zeit der Aufklärung. Neue wissenschaftliche Denkmuster und die Grundlagen für das noch heute gültige Weltbild wurden gerade erst gelegt. Kepler war an der Neuordnung der Welt maßgeblich beteiligt und reiht sich damit unter Persönlichkeiten wie Galilei, Harvey oder Descartes. Gleichzeitig jedoch wurden die Jahre noch immer vom Mittelalter geprägt. Mystiker wie Jakob Böhme hatten weiterhin großen Einfluss, Hexenverbrennungen, Glaubenskämpfe und Alchemie beherrschten den Alltag.

Unter den Kepler-Forschern gilt dieser als äußerst vernunftbegabt, eine Persönlichkeit, die stets versuchte, veraltete Vorstellungen zu hinterfragen und wenn es sein musste, auch zu sprengen. Karl Glaser beschreibt sein Forschen als „unbeirrbar nach der Wahrheit ausgerichtet. Sein Erkenntnisweg war die Erfahrung, sein Werkzeug die Vernunft.“[1] Max Caspar beschreibt ihn zudem als leidenschaftlich wahrheitsliebend mit einer reichen Phantasie.[2] Dennoch bleibt Kepler ein Kind seiner Zeit und vereint sowohl den Geist des Mittelalters als auch die Erkenntnisorientiertheit der Neuzeit in seinem Wesen. Zum einen blieb Kepler bis zuletzt ein frommer Christ, zum anderen jedoch hielt er standhaft an der neuen astronomischen Weltsicht fest. Bis zu seinem Tod im Alter von 58 Jahren am 15.11.1630 in Regensburg beschäftigte er sich umfassend mit verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Kepler war nicht nur Astronom und Mathematiker, er leistete auch wichtige Beiträge in der Optik, der Naturphilosophie und nicht zuletzt in der Theologie.

In der Zeit Keplers wurde allgemein noch nicht streng zwischen den Disziplinen Astronomie und Astrologie unterschieden. Kepler jedoch grenzte bereits sehr deutlich die beiden Bereiche voneinander ab. Ganz anders allerdings empfindet er das Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Zwei Bereiche, die sich in seiner Vorstellung nicht unbedingt ausschließen, ganz im Gegenteil. Kepler-Forscher Caspar spricht in diesem Zusammenhang von einer „merkwürdigen Polarität in Keplers Wesen“,[3] geht allerdings nicht weiter darauf ein, dass dies durchaus auch dem Zeitgeist geschuldet sein kann. Nach Keplers Verständnis stehen beide Disziplinen in einem harmonischen Verhältnis miteinander. „Für ihn existieren die mathematischen Gestalten als Urbilder im Geiste Gottes von Ewigkeit her“,[4] so Caspar in seiner Kepler-Betrachtung. Da auch die Bibel davon kündet, Gott habe den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen, so müsse eben auch der Mensch dazu fähig sein, die Natur und ihre Regeln verstehen und nachvollziehen zu können.[5] Auch einige seiner Schriften zeugen von dem Versuch, Religion und Wissenschaft miteinander zu vereinen. So erklärte er biblische Inhalte anhand wissenschaftlicher Sachverhalte. Mitunter erkannte er in der Erscheinung des Sterns von Bethlehem eine mögliche Supernova, also eine Sternenexplosion, die zu jener Zeit stattgefunden haben könnte. Diese Manuskripte wurden jedoch noch vor der Veröffentlichung von der Kirche verboten.[6]

Kepler kam in den Genuss einer umfassenden Bildung. Er spezialisierte sich während seines Studiums auf die Bereiche Theologie, Mathematik und Astronomie. Anschließend wurde er Lehrer der Mathematik an einer protestantischen Stiftschule bis er an den kaiserlichen Hof nach Prag berufen wurde und sich unter den Kaisern Rudolph II., Mathias I. und Ferdinand II. als Hofmathematiker einen Namen machte. Nachdem jedoch der letzte Kaiser verstorben war, musste er den Prager Hof verlassen und ging als Landesmathematiker nach Linz. Trotz seiner Bemühungen eine Professur an einer seiner Universitäten in Straßburg oder Tübingen zu erlangen, wurde ihm diese aufgrund seiner teilweise radikal anmutenden Denkweise verwehrt und er wurde notgedrungen zum Hofastrologen des Generals Wallensteins.

Kepler, der die Astrologie deutlich von der Astronomie abzugrenzen versuchte, wurde oft nachgesagt, er hätte für die Astrologie nicht viel übrig gehabt. Andererseits heißt es jedoch, er sei erfüllt gewesen „von dem Glauben, daß der menschlichen Seele bei der Geburt durch die augenblickliche Konstellation eine gewisse Form geprägt wird, die die Menschen nicht determiniert; ihnen aber die Richtung weist und die neben der Veranlagung, der Erziehung und Umgebung den Charakter mitbestimm[e].“[7] Er bestritt zwar seinen Lebensunterhalt, in dem er seinen Mitmenschen Horoskope erstellte, weigerte sich jedoch standhaft, ein Horoskop den Wünschen seiner Kunden anzupassen oder gar ein zweites Mal zu erstellen. Dass er die beiden Disziplinen Astronomie und Astrologie voneinander unterscheidet, wird auch darin deutlich, wie er mit den beiden Begriffen umgeht. So nutzt er für seine wissenschaftlichen Forschungen stets den lateinischen Terminus Astronomi. In keiner seiner Schriften findet sich eine deutsche Entsprechung wie zum Beispiel Sternkunde oder Himmelsforschung. Stattdessen umschreibt er den Begriff, in dem er Wendungen wie „Wissenschaft des himmlischen Gestirns“[8] verwendet. Betätigt er sich jedoch mit der Erstellung von Horoskopen, so betitelt er diese Arbeit auch gerne mit der deutschen Alternative für Astrologi und nutzt den Begriff Sternenkündigung. Sich selbst in seiner Funktion als Astrologe nennt er dementsprechend Sternseher. Zeit seines Lebens stand Kepler der Astrologie sehr zwiespältig gegenüber und trotz seiner beträchtlichen Erfolge mit Geburtskarten, Horoskopen und Kalendern blieb seine Meinung eher verhalten. Er „schreibt seinen Kalender nur, um Gelder für seine eigentlichen, wissenschaftlichen Arbeiten flüssig zu machen“,[9] das sei „doch noch anständiger als betteln“,[10] soll Kepler selbst einmal geäußert haben.

Kepler war seinerzeit einer der größten Anhänger der neuen Weltordnung nach Kopernikus. Diese schockierte die Menschheit mit der Erkenntnis, dass die Erde eben nicht der Mittelpunkt des Universums sei und beschritt somit die Abkehr vom bis dahin geltenden ptolemäischen Weltbild. Diese Theorie wurde jedoch noch bis 1616 als ketzerisch verboten. Nachdem Kopernikus starb, wurde Kepler zum eifrigsten Verfechter der neuen Weltansicht und brachte sich damit unter seinen Mitmenschen immer wieder an seine Grenzen. Der Widerstand gegen die neue Ordnung war noch zu groß um eine breite Anerkennung zu finden.

Wie bei vielen großen Wissenschaftlern und Forschern wird auch bei Kepler erst in der Nachsicht die Bedeutung seiner Leistung deutlich. So bestätigte Kepler durch praktische Experimente die grundlegenden Erkenntnisse Galileo Galileis, er befasste sich als erster mit der Kristallographie indem er die Symmetrie von Schneeflocken untersuchte. Zudem ist es seinem Einsatz und Eifer zu verdanken, dass die Optik als wissenschaftliche Disziplin Anerkennung fand und er entwickelte die Keplersche Fassregel; eine einfache Volumenberechnung von Weinfässern, die den Winzern ihre Arbeit deutlich erleichtern sollte. Seine wohl bekannteste Leistung ist natürlich die Erforschung der Planetenbewegung, welche heute allgemein als die Keplerschen Gesetze bekannt sind. Neben seinen zahlreichen wissenschaftlichen Schriften in Latein und Deutsch sind bis heute weit über 800 Horoskope, Kalender und Geburtskarten erhalten.

2. Eigenheiten und Innovationen der Schriften

Keplers Schriften sind in ihrem Gesamtumfang kaum mehr einzuschätzen und umfassen sämtliche Textformen, angefangen bei den kurzweiligen Gelegenheitsgedichten und Gratulationsschriften bis hin zu seinen mehrbändigen wissenschaftlichen Hauptwerken, welche zum Teil ganze Jahrzehnte seines Lebens in Anspruch nahmen. Allen voran ist natürlich sein Hauptwerk, die Astronomia Novum, zu nennen und natürlich die Harmonice Mundi oder die Rudolphinischen Tafeln, welche ihn bis kurz vor seinen Tod begleitet haben und ihn über die Landesgrenzen hinaus berühmt machen sollten. Neben diesen großformatigen Prachtausgaben, die vor unbefugten Nachdruck kaiserlich geschützt waren,[11] stehen unzählige Loseblattsammlungen mit Texten von nur wenigen Seiten.

Kepler verfasste seine Schriften sowohl in deutscher als auch in lateinischer Schrift. Gemessen an der Seitenzahl fällt das Verhältnis jedoch eins zu zehn zugunsten der lateinischen Sprache aus. Dennoch gilt Kepler heute als der erste große deutsche Sternenforscher, der die deutsche Sprache als Fachsprache nutzte.

Ohne seine Leistung zu schmälern, sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass es schon zu seiner Zeit eine beachtliche Ansammlung deutscher Schriften gab, die sich mit der Astronomie – oder zumindest mit dem, was allgemein unter Astronomie verstanden wurde – befassten. Ganz ähnlich wie Kepler machten auch seine Vorgänger von Kunstwörtern gebrauch, um lateinische Fachtermini zu umschreiben. Kepler selbst spricht in diesem Zusammenhang von den „nomen artis“.[12] So übertrug zum Beispiel bereits im 14. Jahrhundert Konrad von Megenberg den astronomischen Text Spaera Mundi von Johannes de Sacrobosco in die deutsche Sprache. Die meisten Texte jedoch schließen den volkstümlichen Aberglauben nicht aus und können kaum als ernstzunehmende Fachbeiträge gewertet werden. Die großen und wichtigen Astronomen jener Zeit bedienten sich ausnahmslos des Lateinischen.

Auch Kepler machte bei der Wahl der Schriftsprache eine Unterscheidung und richtete sich dabei stets nach seinem Zielpublikum. Schriften, die rein wissenschaftlicher Natur waren und dementsprechend nur von kleinen Fachkreisen gelesen wurden, verfasste auch Kepler in Latein. Hatte er jedoch die Absicht, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, so schrieb er in deutscher Sprache.[13]

Was bedeutet das für die deutsche Sprache? Bediente sich Kepler des Lateinischen um ernst genommen zu werden? Hatte das Lateinische eine seriösere Wirkung? Glaser sieht in Keplers Schreibverhalten in erster Linie eine gewisse Vorsicht dem Deutschen gegenüber. In den undurchsichtigen Zeiten des 30jährigen Krieges sei die deutsche Sprache im Ausland nicht sehr gefragt gewesen, so Glaser.[14] Einfacher und zugleich schlüssiger erscheint jedoch die Ursache in der Tatsache begründet, dass vor allem in Fachkreisen das Lateinische viel besser verstanden wurde als das Deutsche. Insbesondere wissenschaftliche Aspekte und Details konnten so viel klarer dargestellt werden, da es bereits einen festen Kanon an Fachtermini gab. Gerade die Astronomie bot zu Keplers Zeiten noch keine einheitliche und verpflichtende deutsche Fachsprache auf die Kepler hätte zurückgreifen können. Kepler selbst äußerte sich zu diesem Aspekt wie folgt:

[...]


[1] Glaser, Karl: Die deutsche Astronomische Fachsprache Keplers. Gießen: 1935. S. 7.

[2] Casper, Max: Johannes Keplers wissenschaftliche und philosophische Stellung. München: Verlag der Corona 1935. S. 7.

[3] Casper, Max: Johannes Kepler. Stuttgart/Berlin: W. Kohlhammer 1941. S. 20.

[4] Casper: Johannes Keplers wissenschaftliche und philosophische Stellung. S. 20.

[5] Vgl. Ebd. S. 20f.

[6] Vgl. Glaser: Die deutsche Astronomische Fachsprache Keplers. S. 9.

[7] Casper: Johannes Keplers wissenschaftliche und philosophische Stellung. S. 28.

[8] Götze, Alfred: Anfänge einer mathematischen Fachsprache in Keplers Deutsch. Berlin 1919. (Nachdruck Nendeln 1967). S. 23.

[9] Kropatschek, Gerhard: Johannes Kepler. Der König unter den Sternenforschern. Franz Neumann. Ein Altmeister mathematischer Physik. Stuttgart: Calwer Verlag 1947. S. 16.

[10] Zitiert nacht Kropkatschek: Johannes Kepler. Der König unter den Sternenforschern. S. 16.

[11] Gerlach, Walther/List, Martha: Johannes Kepler. Leben und Werk. München: R. Piper 1966. S. 135.

[12] Grigull, Ulrich/Bialas, Volker: Johannes Keplers Beitrag zur deutschen Fachsprache. Gutachten über die Arbeit der Kepler-Kommission. Berichte der Kepler-Kommission. Heft 9. München: Bayerische Akademie der Wissenschaften 1998. S. 7.

[13] Vgl. Glaser: Die deutsche Astronomische Fachsprache Keplers. S. 14.

[14] Vgl. Glaser: Die deutsche Astronomische Fachsprache Keplers. S. 15.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668817326
ISBN (Buch)
9783668817333
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444934
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Geisteswissenschaftliches Institut
Note
1,2
Schlagworte
Kepler Fachsprache Astronomie Fachsprache Das Leben das Galileo Galilei Johannes Kepler Von einem ungewohnlichen Newen Stern wellicher im Octobris diß 1604. Jahres erstmahlen erschienen Fachtermini Astronomie

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Jana Mussik (Autor)

Zurück

Titel: Kepler und die Anfänge einer Fachsprache in der Astronomie