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Ästhetik und Artistik in der Dichtung von Gottfried Benn

von Sonja Franke (Autor)

Hausarbeit 2016 8 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Erläuterung von Artistik

Inwieweit kann ein ästhetischer Ausdruck objektiv und ohne Ziel auf den Punkt gebracht werden und damit beim Betrachtenden die schöpferische Lust aktivieren?

Welche Erkenntnisse können daraus für das Kommunikationsdesign gezogen werden?

Schluss

Quellenverzeichnis

Einleitung

Gottfried Benn ist Arzt, Dichter und Essayist, seine Ausgangspunkte sind Nietzsche und der Expressionismus. Benns Gedichte sind von provokanten Erschütterungen der konventionellen Vorstellung von Lyrik geprägt. In ihnen liegt eine brutale Weltanschauung der Wirklichkeit vor, etwa im Leichenschauhaus oder im Krankenhaus, sowie eine unsentimentale Aneinanderreihung von Bildern und Krankheiten mit fleischigem Zerfall ohne Sinndeutung.

Seine Lyrik verwandelt die Sprache, indem sie sie auf neue Weise in Bewegung setzt. Diese Ausdruckswelt lehnt sich an die Prinzipien der Artistik an, welche bereits von Nietzsche in Zarathustra eingesetzt wurden.

In meiner Arbeit möchte ich die Artistik und ihre lyrische Form näher ergründen und mit Hilfe einiger Aussagen Gottfried Benns genauer analysieren. Weiter gehe ich der Frage nach dem Wort und seiner Ästhetisierung nach. Inwieweit kann ein ästhetischer Ausdruck objektiv und ohne Ziel auf den Punkt gebracht werden und damit beim Betrachtenden die schöpferische Lust aktivieren? Welche Erkenntnisse können daraus für das Kommunikationsdesign gezogen werden?

Dazu plane ich , meine Arbeit in drei Kapitel aufzuteilen:

1. Erläuterung von Artistik mit Hilfe verschiedener Aussagen von Gottfried Benn
2. Reflexion eines möglichen Weges, durch die artistische Ästhetik eine schöpferische Lust beim Betrachter zu aktivieren
3. Übertragung der gewonnenen Erkenntnisse auf das Kommunikationsdesign

Erläuterung von Artistik

Der Dichter Gottfried Benn hat in der deutschen Literatur den Begriff der Artistik massgeblich geprägt. In Anlehnung an Nietzsche setzt er die Sprache insbesondere in der Lyrik auf ganz neue provokante Weise ein. Dabei ist die Form immer stärker im Fokus, soweit, dass für Benn die Form selber zum höchsten Inhalt wird.

Allerdings ist Artistik in der deutschen Literaturgeschichte ein umstrittener und verrufener Begriff. Gottfried Benn selber bemerkt:

„Der durchschnittliche Ästhet verbindet mit ihm die Vorstellung von Oberflächlichkeit, Gaudium, leichter Muse auch von Spielerei und Fehlen jeder Transzendenz. In Wirklichkeit, ist er ein ernster und zentraler Begriff.“ (Benn, Gottfried, 1956, S. 173)

Immer wieder betont Benn die Wichtigkeit der Kunst an sich und der Ästhetik als das letztendlich Bedeutungsvolle, das worauf es ankommt.

In der Artistik geht es nicht darum, dem Leser den Inhalt des Gedichtes nahezubringen.

Die Kunst steht nur für sich und dient dem Künstler als Selbstzweck. „Artistik [ist] die Wortkunst des Absoluten, die letzte Vermittlungsmöglichkeit metaphysischer Substanz.“

(Hillebrand, Bruno, 2001, S. 212).

Benn geht sogar noch weiter indem er versucht, durch die artistische Kunst sich selbst als Inhalt zu erleben. Er strebt danach, die eigenen Möglichkeiten von Welterfahrung zu ergreifen und ihnen adäquat Ausdruck zu geben. (vgl. ebd. S. 213).

Der Betrachter abstrahiert die wesentlichen Merkmale des Objekts und sieht sie damit immer so, wie er sie aus seiner inneren Anlage heraus sehen muss. (vgl. ebd. S. 215)

Im Gegensatz zu Nietzsche, der jeden Stil gut findet, der den inneren Zustand wirklich mitteilt, meint Benn: „Das Bewusstsein wächst in die Worte hinein“ (vgl. ebd. S. 214)

Dadurch bekommt das Wort an sich eine ganz andere Bedeutung. Mit den Worten, die ihm zur Verfügung stehen sprengt der Dichter das Bisherige und nimmt sich die Freiheit, seine Wirklichkeit auf eine eigene Weise auszudrücken. Auf diese Weise wird das Gedicht aus Worten konstruiert und in eine Form gebracht. Es geht Benn darum, den geheimnisvollen Kern existentieller Erfahrung in Sprache zu verdichten, jenen Kern, der sich weder benennen, noch definieren oder gar diskutieren lässt.

Für Benn erzeugt dieser schöpferische Akt beinahe einen „halluzinogenen Rauschzustand“ und er nennt dies die schöpferische Lust. (vgl. ebd. S. 251)

Er spricht in seinen Reden und Vorträgen vom Gesetz, der formfordernden Gewalt des Nichts. Es ist der Endpunkt des Fragens und Forschens. Das Gedicht ohne Glauben, ohne Hoffnung an niemanden gerichtet, das Gedicht aus Worten, das sie faszinierend konstruieren. Durch den Verlust von Glaube und Gott entsteht ein metaphysisches Defizit und diese Leere ist die Substanz und die Verdichtung, welche akrobatisch in Form gebracht und so auf kunstvolle Weise zum eigentlichen Inhalt konstruiert wird.

Dies zeigen einige Zitate Benns sehr deutlich:

„Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.“ (Hillebrand, Bruno, 2011, S. 222)

Denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt. (vgl. ebd. S. 226)

„Kunst ist Form“, so sagt er, „nur die Vollendung der Form lässt aufscheinen, was in materieller Gebundenheit zu pragmatischer Sprachlosigkeit verurteilt ist.“ (ebd. 2001, S. 207)

Das Kunstgebilde ist immer Ende und Erfüllung aller perspektivischen Intentionen. (vgl. ebd. S. 215)

Dabei gilt für die Dichtkunst im Speziellen:

Farben und Klänge sind in der Natur vorhanden aber die Worte nicht. (vgl. Benn, Gottfried, 1956, S. 302)

Es geht in der Artistik also darum mit den Worten so lange zu jonglieren, beinahe akrobatische Experimente zu erproben, bis sie in einer ästhetisch perfekten Form ausbalanciert sind.

„Liegt nicht in der Genauigkeit der Wortgefüge, der Seltenheit der Bestandteile, der Glätte der Oberfläche, der Übereinstimmung des Ganzen, liegt darin nicht eine innere Tugend, eine Art göttlicher Kraft, etwas Ewiges wie ein Prinzip?“ (Hillebrand Bruno, 2001, S.207)

Bei Benn heisst dies immer auch ein Balancieren zwischen Kontrolle und der völligen Loslösung von jeglichem Bezug. Erst in der Formvollendung kann dem Eigentlichen, Wesentlichen adäquat Ausdruck verliehen werden.

Worte schlagen mehr an als die Nachricht und der Inhalt, sie sind einerseits Geist, aber haben andererseits das Wesenhafte und Zweideutige der Dinge der Natur.

(Vgl. Anacker, Regine, 2004, S. 66)

Inwieweit kann ein ästhetischer Ausdruck objektiv und ohne Ziel auf den Punkt gebracht werden und damit beim Betrachtenden die schöpferische Lust aktivieren?

Um herauszufiltern , wie schöpferische Lust entstehen kann, möchte ich die Herstellung eines Gedichtes gemäß der Ästhetik Gottfried Benns genauer analysieren.

Beim Dichter herrscht erst einmal ein dumpfer schöpferischer Keim, eine psychische Materie vor. Es stehen ihm Worte zur Verfügung, mit denen er umgehen, die er bewegen kann.

Er kennt seine Worte und weiß sie einzusetzen. Der Dichter besitzt einen Ariadnefaden, so Benn. Dieser führt ihn aus der bipolaren Spannung. Das Gedicht ist schon fertig, ehe es begonnen hat, der Dichter weiß nur seinen Text noch nicht. Das Gedicht kann gar nicht anders lauten, als es eben lautet, wenn es fertig ist. Der Dichtende weiß genau, wann es fertig ist. Doch dies kann sehr lange dauern und er wird solange an den Worten und seinen Konstruktionen herumfühlen , bis es für ihn stimmig ist. (vgl. Benn, Gottfried, 1956, S. 341)

Der Dichter führt durch den ganzen Prozess hindurch eine Art von Selbstgespräch und Selbstreflexion. Er beginnt seine Gedanken zu kontrollieren und zu formen , bis es ihn zur Ruhe bringt. Die so entstandene Form ist der höchste Inhalt. Denn sie ist Essenz eines monströsen Gefühls- und Gedankengebildes. Von der völligen Verhirnung durch die Leere und das Nichts bis hin zur Abstraktion. Das heisst, der Dichter bringt durch sein akrobatisches Denken und artistisches Formen von Worten und Wortgebilden, die zeitweise ohne jeglichen Bezug sind, diese in eine abstrakte Form, welche in ihrer ästhetischen Vollendung der eigentliche Inhalt, das Ziel ist.

Durch die so entstandene Sprachmagie ist es laut Benn möglich, in das Bewusstsein vorzudringen.

Dieser Prozess, die Auseinandersetzung des Dichters mit dem Wort, ermöglicht es , die Essenz so in Form zu bringen, dass sie transportiert werden und beim Betrachter anklingen kann. Insofern kann dieser schöpferische Prozess, diese verinnerlichte Konzentration beim Herstellen eines Gedichtes, dieses so abstrahieren, dass beim Betrachter dessen schöpferische Lust aktiviert werden kann.

Benn meint dazu: „Worte sind latente Existenz , die auf entsprechend Latente als Zauber wirkt und ihnen erlaubt, diesen Zauber weiterzugeben.“ (vgl. ebd. S. 180) und

„Der schöpferische Geist formt Wirklichkeit durch Vereinfachen, Hervorheben des Typischen, Zurechtmachung, Ausschließung, Hinlegen. Es handelt sich um Abstraktion der wesentlichen Merkmale des Objekts vom Standpunkt des Betrachters aus.“ (Hillebrand, Bruno, 1978, S.192)

Die eigentlichen ästhetischen Ausdrucksformen sollen bis ins Detail ergründet und reduziert werden.

Gottfried Benn versucht, seine Gedanken über sein eigenes Chaos hinaus zu einer Form zu zwingen und sie so im eigenen Bewusstsein zu ergründen. Das Wort ist die Form, welche das Bewusstsein hineinwachsen lässt und in ihm transzendiert. Aber mit ihm ist das Bewusstsein in bestimmter Richtung verbunden, es schlägt in diesen Buchstaben an, und diese Buchstaben nebeneinander gesetzt schlagen akustisch und emotionell in unser Bewusstsein an.

(vgl. ebd. S. 180)

Diese ästhetische Essenz lässt den Betrachter und die Form zu einem verschmelzen. Denn es tritt so tief ins Bewusstsein, was der Verstand selbst nicht selber zu ergründen vermag.

Welche Erkenntnisse können daraus für das Kommunikationsdesign gezogen werden?

Ist es also möglich , mit dieser Essenz beim Betrachtenden die schöpferische Lust zu aktivieren, so könnten diese Methoden auch in anderen Gebieten der Ästhetik angewandt werden. Der Dichter muss seine Gedichte sprachlich abdichten gegen Einflüsse und Störungsmöglichkeiten. Er muss seine Fronten selber bereinigen.

„Es darf nicht zufällig sein in einem Gedicht“ (Benn, Gottfried, 1956, S. 185)

Auch im Kommunikationsdesign beispielsweise gibt es ähnliche Formen der tieferen Ergründung von Sprache und deren Reduktion. Dies setzt eine ungeheure Flexibilität und ein Gespür für den treffsicheren Einsatz von Wort und Sprache voraus. Doch im Gegensatz zu den Gedichten von Benn ist es hier notwendig, eine einfachere Form des Ausdruckes zu wählen und von der Idee der Abstraktion abzusehen. Auch ist im Kommunikationsdesign, anders als bei Benn, ein klares Ziel anzustreben und die Kommunikation darf nicht unverständlich sein. Die Worte liegen aber genauso in der Hand des Designers und lassen sich bewegen und formen. Auch er muss sie kennen und mit ihnen umzugehen wissen. Denn nur im Zusammenspiel mit ihnen und ihrer gestalterischen Kulisse ist es möglich, beim Betrachtenden anzuklingen, im Wissen, dass sie bei ihm weiter umgeformt und bewegt werden. Gelingt es dem Gestalter , das treffende Wort und die damit verbundene Essenz des Ausdrucks zu finden, so wird er mit diesem bei sich und dem Betrachtenden ins Bewusstsein eindringen.

In jedem Gestaltungsprozess liegt ebenfalls ein fertiges Produkt vor, ehe es begonnen hat. Die Aufgabe des Gestalters liegt in der Ergründung des Inhaltes. Genau wie Gottfried Benn, weiss auch ein Gestalter, wann das Produkt für ihn fertig ist.

[...]

Details

Seiten
8
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668816749
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444910
Institution / Hochschule
ecosign/Akademie für Gestaltung
Note
1
Schlagworte
ästhetik artistik dichtung gottfried benn

Autor

  • Sonja Franke (Autor)

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Titel: Ästhetik und Artistik in der Dichtung von Gottfried Benn