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Traumapädagogik. Grundlagen und Konzepte traumasensibler Arbeit in der Jugendhilfe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 11 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Trauma und die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
2.1 Hirnforschung- neuronale Prozesse
2.2 Trigger, Flashbacks und Re-inszenierung

3. Die Traumapädagogik
3.1 Die Haltung
3.2 Traumapädagogische Lösungsansätze

4. „Die zweite Geburt“ - „Jerusalem Hills Children's Home“,

5. Schluss

6. Literatur

1. Einleitung

Wirft man einen Blick durch Fachbücher der Pädagogik oder der Sozialen Arbeit, so lässt sich eine regelrechte Vielzahl von verschiedenen Lösungsansätzen und Therapieformen erkennen, sei dies im Rahmen der Kinder und Jugendhilfe oder in der Arbeit mit Personen des dritten Alters.

Eine Fachrichtung die in den letzten Jahrzehnten, vor allem im Kontext der Kinder und Jugendhilfe, immer mehr zum Vorschein kommt ist der Bereich der Traumapädagogik. Nicht zuletzt auch aufgrund schwerer katastrophaler Ereignisse wie beispielsweise Kriegsereignisse, Terroranschläge oder schwere Verkehrsunfälle. Besonders im Rahmen der Heimerziehung scheint die Arbeit mit dem Trauma, im deutschsprachigen Raum, immer mehr Gewicht zu erlangen. Dabei steht nicht wie bei anderen pädagogischen beziehungsweise psychotherapeutischen Ansätzen, die Therapie im Sinne einer wöchentlichen Sitzung im Mittelpunkt, sondern der pädagogische Alltag steht im Fokus der Behandlung. Auch in Luxemburg scheinen immer mehr Institutionen die Notwendigkeit einer traumapädagogischen Spezialisierung beziehungsweise Formation erkannt zu haben. So existiert seit 2012 beispielsweise das Traumainstitut in Luxemburg, das die Möglichkeit einer Weiterqualifizierung für PsychotherapeutInnen, PsychiaterInnen, Ärzte aber auch PädagogInnen und SozialarbeiterInnen anbietet. Es handelt sich dabei somit um ein akkreditiertes Institut für staatlich anerkannte Weiter- und Fortbildungen. (vgl. http://www.traumainstitut.lu/de/unser-institut.html, Zugriff am 11. Dezember)

In der vorliegenden Arbeit liegt der Fokus besonders auf dem psychischen Trauma. Doch wobei handelt es sich bei einem Trauma und wie sehen traumapädagogische Ansätze in der Praxis aus? Auf den folgenden Seiten soll es in einem ersten Teil zur Theoretisierung des Traumas, der posttraumatischen Belastungsstörung und des neuronalen Prozesses kommen, sprich wobei handelt es sich und wie äußert es sich. In einem zweiten Teil hingegen werden vor allem traumapädagogische Ansätze dargestellt und folgend auf den Film „die zweite Geburt“ angewendet. Wie und wo tauchen beispielsweise traumapädagogische Konzepte im pädagogischen Alltag auf und welche Rolle spielt der Professionelle in diesem konzeptuellen Umfeld?

2. Das Trauma und die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Geht man auf den Begriff des Traumas zurück, so stammt dieses aus dem griechischen Wortschatz und bedeutet „Wunde“. Dies soll in diesem Sinne bedeuten, dass Menschen die oftmals Extremsituationen ausgesetzt wurden (Misshandlung, Gewalt etc.), selbst im Erwachsenenalter und oftmals das ganze Leben hindurch, Narben mit sich tragen die möglicherweise nie gänzlich verheilen werden. Traumata treten vor allem dann auf, wenn Ereignisse oder Situationen die normalen Anpassungsmechanismen des Menschen überfordern. Sie stellen eine Bedrohung für das eigene Leben und die eigene Sicherheit dar. Wenn folglich eigenes Handeln sowie Flucht und Widerstand unmöglich erscheinen, kommt es zu einer Überforderung des Selbstverteidigungssystems des Menschen und folglich zu traumatischen Reaktionen, die an späterer Stelle genauer erläutert werden. (vgl. Weiß 2016, S. 25)

Auch wenn die derzeitigen Diagnosesysteme nur teilweise geeignet scheinen, so soll im folgenden dennoch eine kurze Definition des ICD 10 (International Classification of Diseases - F43.1) dargestellt werden. So heißt es dort für das Trauma beziehungsweise die PTBS beispielsweise:

„Diese entsteht als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde [...]“ (http://www.icd-code.de/icd/code/F43.1.html, Zugriff am 6. Dezember)

Das soll aber nicht bedeuten, dass jeder Mensch der einem traumatischen Erlebnis ausgesetzt ist auch danach an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Dennoch existieren verschiedene Risikofaktoren, so beispielsweise: die emotionale Misshandlung, körperliche oder sexuelle Misshandlung, Vernachlässigung, Elterlicher Drogen- oder Alkoholmissbrauch, ärmliche Verhältnisse, chronische familiäre Disharmonie, psychische und/oder körperlich Erkrankungen der Eltern, Naturkatastrophen, Unfälle, Flucht, Krieg und viele mehr. Auch an dieser Stelle soll noch einmal erwähnt werden, dass es sich bei den Risikofaktoren nicht um eine Gleichsetzung mit dem Begriff des traumatischen Erlebnisses handelt. Sie stellen lediglich hohe Risikosituationen, die später zu Traumatisierungen führen können. (vgl. Weiß 2016, S. 27)

Eine zentrale Symptomatik bildet eine Beeinträchtigung des Bindungsverhaltens und wird im ICD 10 als „reaktive Bindungsstörung des Kindesalters“ (F. 94.1) festgehalten. Gemeint sind beispielsweise das Fehlen von Bindungsverhalten, undifferenziertes Bindungsverhalten, übermäßiges Klammern, Hemmungen, Aggressivität oder Rollenumkehr. (vgl. Brisch 2006, S. 229)

2.1 Hirnforschung- neuronale Prozesse

Im nachfolgenden Abschnitt soll es zu einer kurzen Erläuterung neuronaler Prozesse kommen, sprich was spielt sich im Gehirn des Menschen im Falle eines traumatischen Ereignisses beziehungsweise einer Traumatisierung ab?

Reaktionen des menschlichen Körpers sind in erster Linie die Auswirkungen neuronaler Mechanismen. Der menschliche Körper verfügt über verschiedene Schutzmechanismen, die evolutionär entstanden sind. Befinden wir uns beispielsweise in einer Stresssituation, die mit emotionalem Schmerz oder Leid verbunden ist, so meldet sich zuerst das menschliche Bindungssystem, sprich wir suchen uns Hilfe bei anderen Personen. Ist im Falle dieser Stresssituation jedoch keine andere Person finden, so gehen wir in Flucht oder Kampf über. Beide Reaktionen werden durch den Körpereigenen Hormonstoff Adrenalin und Noradrenalin ausgelöst. Der gesamte Körper befindet sich somit in einem Zustand der höchsten Aktivität und wird vom Nervensystem des Sympathikus dirigiert. Durch einen erhöhten Herzschlag werden alle Muskeln der Extremitäten mit erhöht mit Sauerstoff versorgt. Zudem wird der Körper mit Blutzuckerreserven versorgt, was auch durch eine Errötung von Ohren, Haut oder Augen sichtbar wird. Erscheinen jedoch alle Kampf- und Fluchtmöglichkeiten erschöpft, verfällt der Körper in eine sogenannte „traumatische Zange“ und man erstarrt. Selbst wenn die Anspannung anfangs bestehen bleibt, so verändert sich die Physiologie des Menschen drastisch je länger der Mensch diesem Umstand ausgesetzt ist. Folgen sind ein Erbleichen der Haut, ein reduzierter Herzschlag unter die Normalfrequenz und ein Erschlaffen der Muskeln. Der Körper wechselt in einen parasympathischen Zustand der Empfindungslosigkeit und der Unterwerfung, um sich auf diese Weise vor Schmerzen und Leid zu schützen. (vgl. Korittko 2011, S. 1 -2)

Während das Gehirn in der Phase von Kampf und Flucht also noch fieberhaft nach Möglichkeiten sucht, aktiv zu einer Überlebenssicherung zu gelangen und die Bewegungskoordination zu optimieren, so wird dabei die Wahrnehmung und Verarbeitung von vielen Details und nebensächlichen Randinformationen unterlassen. Ein Teil des Gehirns, der Neokortex mit der präfrontalen Rinde, wird in diesen Stresssituationen schrittweise ausgeschaltet. Folge ist, dass eine bewusste Steuerung, die eine mit Sprache versehene Speicherung des gesamten Geschehens oder eine vernunftgesteuerte Handlungsplanung ist in diesem Zustand von auswegloser Hilflosigkeit, aufgrund von ohnmachtsähnlichen Zuständen nicht mehr möglich ist. In diesen Momenten übernimmt die so genannten Mandelkerne (Amygdala), die Teil des limbischen Systems sind, die Steuerung. Folglich werden in dieser Phase der Unterwerfung und Erstarrung nicht komplette Narrative, sondern meistens nur fragmentierte Erinnerungen gespeichert. Das kann beispielsweise ein Bild, ein Geräusch, ein Geruch, eine Emotion oder ein körperliches Gefühl sein. Dabei werden diese Erinnerungen so intensiv gespeichert, dass der Mensch dieselben körperlichen Reaktionen, selbst nach mehreren Jahren, dieselben Emotionen und dieselben Gedanken wahrnimmt. Diese Auslöser werden „Trigger“. Auf die an spätere Stelle noch einmal eingegangen werden soll. Durch diesen „Trigger“ kommt es zu einem erneuten Leben beziehungsweise zu einer erneuten Konfrontation des traumatischen Ereignisses. Das Trauma wird in diesen Momenten nicht der Vergangenheit zugeordnet, sondern passiert in der Wahrnehmung des Traumatisierten immer wieder erneut, wenn er daran erinnert wird oder nur daran denkt. Somit wird das vergangene Erlebnis immer wieder ins „Hier und Jetzt“ verlagert und neu erlebt.

(vgl. Korittko 2011, S. 2)

Das Gehirn stellt somit ein plastisches Organ dar, es strukturiert sich auf nutzungsbedingte Weise selbst. Es speichert Informationen, die aus der Umwelt auf das Gehirn einwirken und reagiert mit den Mustern, die das Überleben des Menschen auf effektivste Art sicherstellen. Das einflussreichste Erfahrungspotential der Umwelt besteht dabei aus anderen Menschen. (vgl. Korittko 2011, S. 3)

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Details

Seiten
11
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668817005
ISBN (Buch)
9783668817012
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444730
Institution / Hochschule
Université du Luxembourg
Note
1,7
Schlagworte
traumapädagogik grundlagen konzepte arbeit jugendhilfe

Autor

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Titel: Traumapädagogik. Grundlagen und Konzepte traumasensibler Arbeit in der Jugendhilfe