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Das Erzählmedium Serenus Zeitblom in Thomas Manns "Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Serenus Zeibtlom
2.1. Biographischer Überblick
2.2. Funktionen im „Roman“

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Am 23. Mai 1943 beginnt Thomas Mann sein Schreiben am „Doktor Faustus“. Er selbst scheint das Werk als komplexes, dämonisches, wie auch kraftraubendes Werk zu sehen: „ […] dem Werk zur Last zu legen, das wie kein anderes an mir gezehrt und meine innersten Kräfte in Anspruch genommen hat“[1]. Doktor Faustus ist nicht nur die Geschichte eines genialen Musikers dessen Lebensgeschichte in einer teuflischen Syphilisinfektion enden muss. Das Werk beinhaltet komplexe, teuflische und oft nicht einfach verständliche Handlungen, die man in der genauen Analyse und in der Betrachtung des Ganzen ihr komplettes Schaffen und Ausmaß erkennen kann. So scheint das Werk sich über eine große Vielfalt von Interpretationsmöglichkeiten zu erfreuen, die zum einen die Geschichte in die Genialität erhebt, zum anderen aber auch Komplexität und Verwirrung schaffen kann. Freund und Erzählmedium Serenus Zeitblom scheint in diesem Werk als eine gewisse Schnittstelle zu fungieren. Sein Schreiben und sein Wissen über den dramatischen Untergang Leverkühns, wie auch den Untergang Deutschlands, ermöglicht das Verstehen als Ganzes.

In den folgenden Seiten werde ich mich auf einen kurzen biographischen Überblick Serenus Zeitbloms beziehen, dem direkt die Funktionen des Erzählers folgen. Nebenbei werde ich versuchen, wenn auch gewagt, so weit es mir möglich ist, Thomas Mann als Romanliteratur zu analysieren und zu interpretieren. Eine Frage die sich stellt, ist ob dies in dieser Hinsicht möglich ist?

2. Serenus Zeibtlom

2.1. Biographischer Überblick

Biographische Informationen und Eigenschaften über den Erzähler erhalten wir nur durch seine eigene Selbstbeschreibung im ersten und zweiten Kapitel des Romans. Dr. phil. Serenus Zeitblom wurde 1883 als Ältester von vier Geschwistern, im reformatorischen Kaisersaschern geboren, in der Stadt in der auch Adrian Leverkühn den Großteil seiner Schülerzeit verbringen durfte. Zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen ist Serenus somit 60 Jahre alt. Seinen gesellschaftlichen Stand beschreibt er selbst als „ […] die mäßige Höhe eines halbgelehrten Mittelstandes“ [2]. Bereits diese Aussage lässt auf eine Bescheidenheit der eigenen Persönlichkeit schließen, denn im Gegensatz zu seinem familiären „Mittelstand“ waren die Leverkühns „ […] ein Geschlecht von gehobenen Handwerkern und Landwirten“[3]. Durch dieses Kontrastieren der beiden Familien erhebt er das Leverkühnsche Geschlecht bereits in die Genialität. Sein Vater Wolgemut war Inhaber einer Apotheke „ […] übrigens der bedeutendste am Platze“[4]. Er selbst pflegt die Liebe zu den „ […] besten Künsten und Wissenschaften“[5], zu denen unter anderem die Musik zählt. Bezüglich der schulischen Laufbahn Zeitbloms bleibt zu sagen dass er, wie Adrian, das Gymnasium besuchte und sich um 1900 dem Studium der klassischen Sprache widmete. Die Universitäten Gießen, Jena, Leipzig und von 1904 bis 1906 auch Halle, in derselben Zeit in der auch sein geschätzter und hoch verehrter Freund Adrian dort studierte, konnte er zu seiner schulischen Ausbildung zählen. Nach der Ablegung des Staatsexamens, begibt er sich auf eine Italien- Griechenlandreise. Von dort zurückgekehrt, erhält er eine Festanstellung als Gymnasialprofessor in seiner Heimatstadt und unterrichtet Latein, Griechisch und Geschichte. Später wechselte er seinen Schuldienst nach Freising, wo er sich als Dozent an den eben benannten Wissenschaften erfreute. „Ordnungsbedürfnis und der Wunsch nach sittlicher Einfügung ins Menschenleben“ [6] leiteten ihn zu der Vermählung mit Helene Ölhafen, deren Namen für ihn „ […] eine Weihe, deren reinem Zauber man sich nicht verwehrt“[7] ist. Sie schenkt ihm drei Kinder, ein Mädchen und zwei Söhne, die beide „ihrem Führer“ dienen. Er selbst beschreibt sich als

„gesunde, human temperierte, auf das Harmonische und Vernünftige gerichtete Natur […] Das Dämonische so, so wenig ich mir herausnehme, seinen Einfluss auf das Menschenleben zu leugnen, habe ich jederzeit als entschieden wesensfremd empfunden“ [8]

1914-1915 leistet er seinen Dienst an der Front des Ersten Weltkrieges, kann jedoch anhand einer Typusinfektion wieder in die Heimat zurückkehren. Zeitblom verkörpert das einfache Bürgertum und stellt somit den Kontrast zu Leverkühn auf, der sich in genialen Sphären bewegt. Des Weiteren scheint er seiner eigenen Familie, im Gegensatz zu der vertrauten Familie Leverkühn, nur wenig Bewunderung, sondern eher eine gewisse Ignoranz und Verachtung zukommen zu lassen, wie der folgende Abschnitt demonstriert:

„Etwas Berükendes, das will ich nur zugeben, war zu keiner Zeit an keinem meiner Kinder. Mit einer Kinderschöhnheit wie dem kleinen Nepomuk Schneidewein, Adrians Neffen und seiner späten Augenweide, konnten sie es nicht aufnehmen“[9]

Um 1934 lässt Zeitblom sich in den Ruhestand versetzen und beginnt somit seinen Weg in die innere Emigration, in der er dann, wie Thomas Mann, am 23. Mai 1943 mit seinem Werk beginnt. Zeitblom verbringt einen Großteil seiner Kindheit mit Adrian Leverkühn und kennt somit seine familiären, sozialen wie auch persönlichen Umstände. Erst durch diese Eigenschaften wird die biographische Aufzeichnung des deutschen Tonsetzers möglich.

2.2. Funktionen im „Roman“

Das von Thomas Mann eingeführte Erzählmedium des Serenus Zeitbloms scheint innerhalb der Geschichte nicht nur die Rolle des Freundes oder die des Biographen Adrian Leverkühns zu erfüllen, sondern es erfüllt auch weitere wichtige Funktionen, die für das „Romangeschehen“ essentiell und nicht zu vergessen sind.

Viele Funktionen des Ich-Erzählers haben einen erzähltechnischen, wie auch symbolischen Hintergrund. Erst durch die Einführung eines subjektiven Erzählers können viele persönliche Ambitionen des Autors zum Ausdruck kommen, die zeitgleich hinter dem Chronisten versteckt werden können.[10] Somit ergab sich für Thomas Mann, durch die Einführung von Serenus Zeitblom, die Möglichkeit einer Entlastung, eine Distanzierung von dem unheimlichen Stoff und parallel eine direkte Annäherung zum Werk. Manches dieser perspektivischen Verdoppelung, wie auch die Doppelidentität von Leverkühn und Zeitblom, spricht für den Reflex einer Exilerfahrung, wie sie uns in manch anderer Emigrantenliteratur begegnet, wie zum Beispiel bei Anna Seghers und Alfred Döblin. Zeitblom erlaubt somit eine gewisse Distanzierung wie auch Annäherung. Er gestattet eine gewisse Teilnahme am Schicksal Adrian Leverkühns, das symbolisch für Deutschland steht. Zugleich markiert sie eine innere Distanz der Außenseiterstellung wie auch der inneren Berührtheit.[11]

Eine weitere Funktion liegt jedoch nicht nur in der Entlastung des Autors, sondern auch in der Entlastung des Lesers. Denn durch die „ […] humanistisch fromme und schlichte, liebend verschreckte Seele[…] “[12] wird der Inhalt des düsteren Stoffes verständlich und erfassbar. Die relativ nüchterne Erzählweise macht manches dämonische, wie auch zwiespältige Geschehen verständlich und teilweise auch nachvollziehbar, wie zum Beispiel die abstrusen Arztbesuche und das Teufelsgespräch demonstrieren. Eine Frage die sich jedoch stellt, ist die nach der Einordnung Serenus Zeitbloms innerhalb der Geschichte. Er erfüllt ohne Zweifel die Rolle des homodiegetischen Erzählers, also die des dem Ich-Erzählers, dem in diesem Fall auch die Rolle des beteiligten Erzählers zukommt. Dieser nimmt, einerseits an der Geschichte Teil, andererseits steht unser Erzählmedium über dem Geschehen, da er nicht banale Fakten wiedergibt, sondern dem Leser zusätzliche Informationen mitteilt, die uns die Geschichte als Ganzes und Zusammenhängendes verstehen lässt. So kommt beispielsweise erst durch seine Niederschrift und seine Veröffentlichung von Adrians geheimen Aufzeichnungen des Teufelsgesprächs in Kapitel XXV, das Hauptmotiv des elenden Untergangs zur Aussprache. Ohne diese Informationen, wie auch ohne die nachfolgende Interpretation des Briefes von Zeitblom, würden uns die dämonische Dramaturgie wie auch das „Warum“ des Leverkünschen Untergangs verwehrt bleiben, da niemand sonst über dieses Wissen verfügt. Des Weiteren kommt es durch den Briefwechsel zu einem Bruch der Erzählstruktur des Mediums und erhält durch den direkten Eingriff des „verdammten“ Adrian Leverkühn eine authentische Eigenschaft. Zeitblom scheint über Wissen zu verfügen, das er allein besitzt. Angesichts der biographischen Dokumentation über seinen Freund, scheint die Wichtigkeit des humanistischen Gymnasialprofessors, die Sphäre der einfachen Nebenfigur zu übertreffen und sollte als zusätzliche Hauptfigur einzuordnen sein.

[...]


[1] Thomas Mann: Die Entstehung des Doktor Faustus . In :Thomas Mann: Doktor Faustus, Frankfurt am Main 2002, S. 681.

[2] Thomas Mann: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freund, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2012, 38. Auflage, S. 12.

[3] Ebd., S. 16.

[4] Ebd., S. 12.

[5] Ebd., S. 13.

[6] Ebd., S. 16.

[7] Ebd., S. 16.

[8] Ebd., S. 8.

[9] Ebd., S. 16.

[10] Vgl. Georg Bollenbeck: „Doktor Faustus“: Das Deutungsmuster des Autors und die Probleme des Erzählers. In: Röcke Werner (Hg.), Doktor Faustus 1947-1997, Berlin u.a. 2001, S. 44.

[11] Vgl. Koopmann, Helmut: Thomas Mann Handbuch, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, Juni 2005, ungekürzte Ausgabe der 3. aktualisierten Auflage, S. 485.

[12] Bollenbeck: „Doktor Faustus“: Das Deutungsmuster des Autors und die Probleme des Erzählers, S. 44.

Details

Seiten
12
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668816541
ISBN (Buch)
9783668816558
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444729
Institution / Hochschule
Université du Luxembourg
Note
2,0
Schlagworte
Thomas Mann Faustus Literatur Serenus Zeitblom Roman

Autor

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