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Wortbildung der Substantive. Diminuierung Diminutivsuffixe "–chen" und "–lein" in der Gattung der Märchen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 16 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

2. Diminuierung
2.1. Allgemeine Merkmale
2.2. Verwendung und Unterschiede von –chen und –lein
2.3. Weitere Diminutivsuffixe
2.4. Wortbildungsbedeutung

3. Diminutivsuffix –chen und –lein in Märchen
3.1. Begriffsbezeichnungen des Märchens
3.2. Bechsteins Märchen
3.2.1. Zwergenmützchen
3.2.2. Des Hundes Not
3.3. Andersens Märchen
3.3.1. Däumelinchen
3.4. Grimms Märchen
3.4.1. Schneewittchen
3.4.2. Rumpelstilzchen
3.5. Heinrich Hofmann und Wilhelm Busch

4. Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Zu der deutschen Gegenwartssprache gehören, wie auch zu anderen Sprachen, grammatikalische und auch linguistische Eigenschaften, die wir im alltäglichen Sprachgebrauch intuitiv benutzen ohne ihnen eine direkte Aufmerksamkeit zu schenken, da wir diese Sprache entweder durch Erwerb der Muttersprache oder sie durch Erlernen anhand eines systematischen Prozesses verinnerlicht haben. In dieser Arbeit über die Wortbildung der Substantive werde ich mich auf die „Diminuierung“, insbesondere auf die Diminutivsuffixe -chen und -lein konzentrieren, die ich im ersten Teil allgemein einführen wie auch erläutern werde. Im zweiten Teil werde ich anfangs auf die Bezeichnung des Märchens eingehen und später dann versuchen diese systematischen Aspekte der Diminuierung in einen romantischen literaturgeschichtlichen Kontext zu bringen, mit Hilfe der Gattung der Märchen. In verschiedenen Geschichten und Gedichten werde ich mich teilweise mit der Analyse und Zusammensetzung verschiedener Wörter befassen, werde aber auch einen Großteil meiner Arbeit emotionalen Konnotationen, Verkleinerungen und dem quantitativen Verhältnis von -chen und -lein Suffixen widmen. Die persönliche Entscheidung, Märchen als Basis dieser Arbeit zu wählen, liegt zum einen in einem linguistischen Gebrauch in der Vielzahl der Diminutiva und deren Funktion wie auch Bedeutung innerhalb der Geschichte. So kennen alle das Märchen des „Rumpelstilzchen“ oder des „Schneewitchens“ und verwenden die Suffixe intuitiv. Die direkte Funktion wie auch der Einfluss dieser Suffixe auf diese Geschichten wird aber erst mit ihrer direkten Beschäftigung klar. Zum anderen gehören Märchen zur kindlichen Erziehung dazu. Märchen kennen wir meist nur durch Kinderaugen, die Beschäftigung mit diesen Geschichten versetzt uns wieder in eine phantastische, magische und irreale Welt, die man nun wieder durch die Augen eines Erwachsenen auf einer kritischen aber auch faszinierenden Ebene neu entdecken kann. Nicht zuletzt lassen uns Märchen romantische, wie auch pädagogische Werte erkennen, die in der heutigen rastlosen Welt vielleicht schon untergegangen sind.

2. Diminuierung

2.1. Allgemeine Merkmale

Der Begriff der Diminuierung stammt von dem lateinischen Wort „diminuere“ ab und wird in der deutschen Sprache als Verkleinerungsform eingesetzt und benötigt. Spricht man nun von der Bildung dieser Diminutiva, so stehen mehrere Suffixe zur Verfügung, wobei -chen und -lein die Wichtigsten bilden, andere aber dennoch nicht zu vergessen sind, wie z.B: -el, -le, -ke, wie auch verschiedene Fremdsuffixe. Das Gegenstück der Diminuierung bildet die Augmentation, die im Gegensatz zur Diminuierung jedoch nur mithilfe der Komposition umsetzbar ist.[1] Anzumerken und für die ganze Arbeit wichtig und nicht zu vergessen, ist dass die Diminutivbildung generell neutra ist. Ein weiterer Punkt ist nicht nur die Existenz der Diminuierung und deren Variabilität in der Literatursprache, sondern auch in Mundarten. Interessant scheint, dass diese nicht nur eine Verkleinerungsfunktion, sondern auch eine emotionale Funktion beinhaltet, auf deren Erläuterung ich mich später noch genauer beziehen werde.

2.2. Verwendung und Unterschiede von –chen und –lein

Wie bereits erwähnt sind die Suffixe -chen und -lein die wichtigsten und am häufigsten verwendeten Diminutisuffixe. Jedoch werde ich auch kurz weitere Suffixe wie auch Fremdsuffixe mit in Betracht ziehen und kurz erläutern. Das Suffix -chen stammt vom mittelhochdeutschen -chîn ab und entstand durch die Erweiterung des Suffixes -în mit -ch.

Das Suffix -lein hingegen stammt vom mittelhochdeutschen -lîn ab und entstand durch die Erweiterung von -în mit -l und einer darauf folgenden Diphthongierung.[2]

In der Verwendung dieser beiden Suffixe treten Unterschiede in mehreren Hinsichten auf. Erstens ergeben sich phonologische Unterschiede. An Substantive auf - l oder -le tritt -chen auf: Keule –> Keulchen, Seele –> Seelchen. Im Gegensatz zur Endung auf -ch existiert bei dem Zusammentreffen mit -sch kein Problem : Flasche – Fläschchen, Tasche – Täschchen. Auf Endungen wie - ch, -g oder -ng tritt das Suffix -lein auf: Bach –> Bächlein, Tuch –> Tüchlein, Zweig –> Zweiglein. Des Weiteren scheinen Substantive auf - el beide Suffixe zuzulassen, wobei es bei der Verwendung mit -lein zu einer Tilgung des unbetonten Zwischenvokals -e kommt: Mantel – Mäntelchen oder Mantel – Mäntlein, Spiegel – Speigelchen oder Spiegel – Spieglein. Des Weiteren kommt es zu einer Auslauttilgung bei Substantiven auf -e oder -en: Kiste – Kistchen oder Zapfen – Zäpfchen. Kommt es beim Suffix -lein öfters zu einem Umlaut des Stammvokals der Basis, so scheint bei -chen in bestimmten Fällen; zum Beispiel bei Rufname oder Personenbezeichnungen; der Stammvokal bestehen zu bleiben: Karlchen, Kurtchen, Trudchen, Mutterchen, Onkelchen etc . Jedoch kommt es bei Fremdwörtern auch zu einem Umlaut mit -chen: Histörchen, Romänchen, Bastärdchen[3] Das Suffix -chen kann außerdem auch in der Erweiterung als -el-chen und -er -chen auftauchen. Die Erweiterung durch -el-chen kommt hauptsächlich in der nord - und mitteldeutschen Umgangsprache vor, wo -el zur Basis gehört: Buch – Büchel – Büchelchen. Die Erweiterungen von -er-chen hingegen, werden durch den Basislaut -er wie auch durch deverbale Derivate auf -er und in der Pluralbildung verwendet:

Acker –> Äckerchen, Hammer –> Hämmerchen (-er = Basislaut)

Dinger –> Dingerchen, Kinder –> Kinderchen ( Pluralformen )

Rülpser –> Rülpserchen ( deverbale derivate auf -er )[4]

Zweitens existieren geographische Differenzen, die in unterschiedlichen Varianten und Mundarten zum Ausdruck kommen. So erscheint -chen im Niederdeutschen wie auch im Niederländischen als -ken Variante. Den Erweiterungen mit -lein hingegen kommen mehrere Varianten zu; im österreichisch–bairischen als -el oder -erl Variation: Raderl; im Schwäbischen als - le Variante: Vögele; und im Schweizerischen als - li: Blättli [5].

Drittens gibt es Unterschiede in der Verwendung bezüglich verschiedener Textsorten. So lassen größere Textkorpora ein -chen und -lein Verhältnis von 4:1 erkennen. In Bezug auf verschiedene Textgattungen, lässt sich erläutern, dass man in der Gattung der Märchen, auf die ich später noch genauer eingehen werden, und Balladen mehrere -chen und - lein Bildungen findet, die jedoch zu Erzählungen über Romanen hin immer mehr abnehmen.

Der fünfte Unterschied liegt in der Semantik und in der Sinnbedeutung. So sind Begriffe wie „ Männchen“ und „ Weibchen“ nur auf Tiere zu beziehen, „ Männlein“ und „ Weiblein“ wiederum auf Menschen.[6]

Auch wenn die Diminutivbildung vorrangig bei substantivischen Basen vorkommt, so können jedoch auch andere Wortarten, wie Adjektive oder Verben den Ausgangspunkt darstellen. In erster Linie werden Adjektive benutzt die fast nur -chen ermöglichen wie z.B: grau -> Grauchen (kleiner Esel) , schneeweiß -> Schneeweißchen [7]. Erst in zweiter Linie benutzt man auch Verben als Diminuierungsform und nimmt somit die Erweiterungsform -er-chen hinzu, wie zum Beispiel : einnicken (einschlafen) -> Nickerchen.[8] Außerdem gelten auch substantivierte Pronomen als Basis wie: Ichlein.[9]

2.3. Weitere Diminutivsuffixe

Wie bereits erwähnt spielen andere Suffixe in der Literatursprache nur eine geringe Rolle. Sie sind meist an gewisse Lexeme gebunden oder tauchen, wie im vorherigen Kapitel erläutert, geographisch bedingt auf. So erscheint -le in : Bündel, Büschel, Krümel, Ränzel, oder nur in Komposita : Heinzelmännchen oder Rösselsprung.[10]

Auch Fremdsuffixen, wie - ine (Viola – Violine), -ette (Zigarre – Zigarette), oder -it (Meteorit), kommen ebenfalls Verkleinerungsfunktionen zu.

2.4. Wortbildungsbedeutung

Der letzte Punkt dieser kurzen Einleitung in die Diminuierung, ist die Wortbildungsbedeutung. So drückt die Diminuierungsform mehr aus als nur bloße Verkleinerung, denn sie beinhalten auch eine gewisse emotionale Beziehung im Sinne der Bekanntheit oder Vertrautheit. Oftmals scheint der Ausdruck dieser Funktion so effektiv zu sein, dass die eigentliche Verkleinerung überdeckt wird. Einerseits kommt demnach eine meliorative Konnotation zu, also eine aufwertende Bedeutung, die auch eine kosende Funktion beinhaltet, wie zum Beispiel: Mütterchen, Küsschen oder Kätzchen. Andererseits jedoch auch eine pejorative Konnotation, also eine negative Bedeutung, die von Ironie über Geringschätzung bis hin zur Abneigung reicht, wie zum Beispiel: Witzchen, Filmchen, Freundchen oder wie auch in Thomas Manns „Doktor Faustus“ zum Ausdruck kommt: „Er war gewiß ein ganzer Mann, wenn auch in Männchengestalt“[11]. Hinzuzufügen ist jedoch, dass auch Derivate ohne jegliche Konnotation existieren, die vor allem in Fachsprachen (Medizin oder Naturwissenschaften) zum Ausdruck kommen: Blutkörperchen oder Teilchenstrahlung.[12]

3. Diminutivsuffix –chen und –lein in Märchen

Kommen wir nun zum Hauptteil dieser Arbeit und zwar der Verwendung der Suffixe -chen und -lein in der Gattung der Märchen. In den folgenden Seiten werde ich mich größtenteils der Analyse wie auch der Beschäftigung mit den Kunstmärchen wie auch mit den Gebrüder Grimm aber auch Hans Christian Andersen und Ludwig Bechstein bzw. deren Märchen widmen. Jedoch werden auch Volksmärchen von Wilhelm Busch und Heinrich Hoffmann in mein Repertoire fallen und somit diese einer gewissen Analyse unterzogen.

[...]


[1] Michael Lohde: Wortbildung des modernen Deutschen. Ein Lehr- und Übungsbuch, Tübingen 2006, S.120.

[2] Vgl. Wolfgang Fleischer; Irmhild Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache, 3. unveränderte Auflage, Tübingen 2007, S. 179.

[3] Vgl. Ebd., S. 179.

[4] Vgl. Ebd., S. 180.

[5] Vgl. Lohde: Wortbildung des modernen Deutschen, S.120.

[6] Vgl. Fleischer; Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache, S. 179.

[7] im niederdt. Schneewittchen

[8] Vgl. Lohde: Wortbildung des modernen Deutschen, S.122.

[9] Vgl. Fleischer; Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache, S. 181.

[10] Vgl. Ebd., S. 181.

[11] Thomas Mann: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde, 38. Auflage, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012, S. 439.

[12] Vgl. Lohde: Wortbildung des modernen Deutschen, S.122.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668817142
ISBN (Buch)
9783668817159
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444724
Institution / Hochschule
Université du Luxembourg
Note
1,0
Schlagworte
wortbildung substantive- diminuierung diminutivsuffixe gattung märchen

Autor

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