Lade Inhalt...

Das Portrait. Dem Wesen auf der Spur. Vorstellung eines fächerübergreifenden Projektes

Unterrichtsentwurf 2018 35 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Angaben zum Projekt

3. Sachanalyse zum Begriff des Portraits

4. Ablauf des Projektes
4.1. Die Vorbereitungsphase: Flanieren und Entscheidungsfindung
4.2. Die Konfrontationsphase: Analyse und Anbahnung von Eigenkreationen
4.2.1. Der Übergang von der Vorbereitungs- in die Konfrontationsphase
4.2.2. Die „Eindringliche Analyse“ von Portraits
4.2.3. Die „Eindringliche Analyse“ am Beispiel des filmischen Portraits
4.2.4. Didaktische Analyse zur „Eindringlichen Analyse“ des Filmportraits
4.2.5. Die Hinführung zur Bearbeitungsphase: Anbahnen von Eigenkreationen
4.3. Die Bearbeitungsphase: das Kreieren von eigenen Portraits
4.4. Die Reflexionsphase: das ästhetische Gespräch
4.5. Skizze zum Abschlusstag: Entwicklung und Aufführung der Präsentation

5. Das Projekt – ein fächerübergreifendes Exempel schulischen Lernens?
5.1. Zugrundeliegendes Kriterien-Raster
5.2. Form
5.3. Funktionen
5.4. Begründungen
5.5. Orientierungen
5.5.1 Problem
5.5.2 Produkt
5.5.3 Handlung
5.5.4 Lebenswelt
5.6. Ziele
5.7. Leonardo-Prinzip

6. Lk- und SuS-Rollen

7. Reflektierendes Fazit

8. Literaturverzeichnis

I) Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Jugendliche der neunten und zehnten Klasse stecken in einer herausfordernden adoleszenten Lebensphase, die von intensiven Identitätsfragen flankiert wird. Nicht selten tauchen Fragen auf wie: Wer bin ich? Wie wirke ich? Wie artikuliere ich anderen das, was ich bin? Wie stelle ich das dar, was ich möchte, dass andere das über mich denken? Wie drücke ich mich und meine Persönlichkeit so aus, dass mich auch die Ausdrucksweise erfüllt?

Als Zeugnis und Artikulationsform von (Selbst-)Deutungen der Persönlichkeit scheint das Portrait in diesem Zusammenhang ein besonderes Medium schulischer Lernprozesse zu sein, um mit den benannten Identitätsfragen umzugehen und diese sowohl reflektierend als auch sinnlich-aktiv zu verarbeiten.

Die vorliegende Arbeit möchte aufgrund dieser Bedeutungsträchtigkeit von Portraits einen Entwurf für ein fächerübergreifendes Projekt mit dem Titel „Das Portrait – dem Wesen auf der Spur“ vorstellen, ausgelegt für die neunte und zehnte Klasse.[1]

Das methodische Vorgehen dieser Arbeit basiert auf einer hermeneutischen Annäherung an Vorstellungen zum fächerübergreifenden (Musik-)Unterricht, zum (ästhetischen) Produkt, zum problemhaltigen Musikunterricht, zur Lebensweltorientierung im Unterricht und zum handlungsorientierten Unterricht. Die Auseinandersetzung erfolgte sowohl in eigenständiger Lektüre als auch im diskursiven Austausch im Seminar. Angenähert wurde sich Publikationen von Dethlefs-Forsbach (2005), Oberhaus (2015, S. 330–341), Dreßler (2015, S. 45–63; 2016, S. 13–27) und Kraus (2006, S. 116–129). Abgeleitet von den hier gewonnenen Erkenntnissen wurde ein Kriterien-Raster angefertigt, das charakteristische Anforderungen an fächerübergreifenden Unterricht im Sinne der erwähnten Autoren[2] überblicksartig aufführt. Auf Basis dieses Kriterien-Kataloges wurden sodann eigenständige Ideen für eine fächerübergreifende Unterrichtseinheit entwickelt und präzisiert.

In der vorliegenden Verschriftlichung werden zunächst allgemeine Angaben zum Projekt aufgezählt, um einen ersten Einblick in das Gesamtvorhaben zu geben (Kapitel 2). Sodann wird der Begriff des Portraits erläutert, um ein Grundverständnis für das Medium zu legen (Kapitel 3). Danach wird der Ablauf des Projektes skizziert (Kapitel 4). Im Anschluss daran wird die Kontur des Vorhabens begründend dargelegt (Kapitel 5). Das Begründungsmuster folgt der Struktur des eben angeschnittenen Kriterienkataloges für fächerübergreifende Unterrichtsvorstelllungen, mit den Punkten 1.) Form, 2.) Funktionen, 3.) Begründungen, 4.) Orientierungen, 5.) Ziele und 6.) Leonardo-Prinzip. Eine Bündelung der SuS- und Lk-Rolle folgt (Kapitel 6). Die Ausarbeitung endet in einer Reflexion (Kapitel 7).

2. Allgemeine Angaben zum Projekt

Arbeitstitel des Projektes: Das Portrait – dem Wesen auf der Spur. Ein fächerübergreifendes Projekt Zielgruppe: Klassenstufe 9 und 10, klassenübergreifend Zeitumfang: eine Projektwoche à sieben Tage Beteiligte Fachdisziplinen: Musik, Kunst, Textillehre, Darstellendes Spiel, Deutsch, Philosophie/Weltkunde Ziel des Projektes:

Auseinandersetzung mit der Inszenierung fremder Persönlichkeiten und/oder des eigenen Selbst im Spannungsfeld von Selbstfindungsprozessen

Phase I: „Eindringliche Analyse“ bereits vorhandener Portraits – Durchleuchten von Techniken der Portraitkunst, die menschliche Tiefenschichten transportieren
Phase II: Eigenes Kreieren zweier Portraits unterschiedlicher Formen (Clip, Fotografie, Rap, Instrumentalstück, Bildwebstück, Kurzgeschichte, Tanzstück); Wahlthemen: „Der Weg zum Selbst – Wer bin ich?“ oder „Das Unsichtbare sichtbar machen“ oder ein selbstartikuliertes Thema der SuS.
Phase III: Zusammenführen der selbst erstellten Portraits zu einer öffentlichen Präsentation mit dramaturgischem Konzept

3. Sachanalyse zum Begriff des Portraits

Das Portrait ist eine ästhetisch-künstlerische Inszenierung bzw. Darstellung einer Person oder einer Personengruppe. Sie kann visuell (z.B. Fotografie, Plastik, Malerei, Plakat, Karikatur), auditiv (bspw. Instrumentalstück, Song, Podcast), textlich (z.B. literarisch) oder in einer hybriden Form (bspw. Film, Theater) artikuliert werden. Jede der Formen besitzt bestimmte Techniken (z.B. Perspektivwahl, Farbgebung, Klangfarben, sprachliche Symbole, Hervorhebungen, Augmentationen), um die Besonderheiten einer Person einem Rezipienten näher zu bringen. Intention des Portraitschaffenden ist es, die dargestellte(n) Person(en) mithilfe dieser Mittel so zu explizieren, wie er sie vermitteln möchte. Dies kann sich auch auf ein Selbstbildnis beziehen. Wie das Dargestellte aber letztendlich verstanden wird, ist abhängig von den Wahrnehmungsweisen und Prägungen des Rezipienten.

Ein Portrait ist kein Abbild des Realen, sondern immer nur eine stilisierte Betrachtungs- und Artikulationsweise. Ggf. werden Merkmale einer Person komplett verfälscht. Ein Portrait ist ein Zeugnis von bspw. (Selbst-)Deutungen, Gefühlen, Wertvorstellungen, Mentalitäten, Rollenbildern, Traum- und Wunschvorstellungen sowie Beziehungen. Es ist ein ambivalenter Mix aus „wirklichen“ Eigenschaften der Person und „Ausdeutungen“ über die Person nach dem Prinzip von „Dichtung und Wahrheit“.

Eine „klassische“ Analyse eines Portraits umfasst eine zweifache Annäherung an dessen Darstellungskern und Darstellungsmittel. Zuerst kann sich gefragt werden, was über die dargestellte Person gesehen, gehört bzw. erfasst werden kann. Hierbei geht es vor allem auch um erste Wahrnehmungen der geschaffenen Stimmungen. Danach wird im Detail untersucht, wie die Person dargestellt wird, was das Dargestellte bedeutet und warum die Person so dargestellt wird. Dabei ist nicht unwichtig, das Spannungsfeld zwischen Portraitschaffendem, Auftraggeber, Portraitiertem und Rezipienten zu berücksichtigen.

(vgl. Erdmann 2002, S. 6–11; Kapust 2012, S. 68–71; Kirchner 2012, S. 4–21; Nimczik 2003, S. 4–11; Sauer 2003, S. 47–63)

4. Ablauf des Projektes

Die für das Vorhaben angedachte Phaseneinteilung kann zurückgeführt werden auf den idealtypischen, zirkulären Problemlöseprozess mit Vorbereitungs- bzw. Konfrontationsphase, mit zentraler Bearbeitungsphase und mit Reflexionsphase nach Dreßler, Eibach und Zenk (2016, S. 138–141). Die konzeptionelle Anlage der Projekteinheit ist zudem angelehnt an „Die Kunst der Stunde – Aktionsräume für Musik“ (Winkler 2002). Das vorliegende Kapitel möchte die einzelnen Phasen des Projektvorhabens skizzieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[3] [4]

Tab. 1 Überblick über den Verlauf des Projektes

4.1. Die Vorbereitungsphase: Flanieren und Entscheidungsfindung

Im späteren Aufführungsraum des Projektes (z.B. Aula der Schule) begrüßen die beteiligten Lk alle Lernenden der Einheit. Sie stellen das Grundkonzept des Projektes vor: So führen sie in den Titel („Das Portrait – dem Wesen auf der Spur“) und in die Aktionsformen des Projektes ein (Erkunden, Kreieren & Präsentieren von Portraits). Ebenfalls machen sie darauf aufmerksam, dass die SuS im Anschluss an die Einführung in sieben Aktionsräumen stöbern dürfen. Je Raum wird eine bestimmte Form des Portraits mittels verschiedener Beispiele vorgestellt, die bestenfalls im Sinne von „Widerfährnissen“ die SuS fesseln, sprich sich bspw. auf ihre Lebenslagen und Lebenswelten beziehen. Hierbei können z.B. Portraits vorgestellt werden, die in der Medienlandschaft des Lebensumfeldes populär sind, Gleichaltrige darstellen, beliebte Vorbilder inszenieren oder Personen versinnbildlichen, die besonders schweren Schicksalsschlägen ausgesetzt wurden (Verluste, Krebserkrankung, o.Ä.). Die SuS werden aufgerufen, alle Räume zu erkunden und sich am Ende des Ergründens für einen Aktionsraum zu entscheiden. Je Raum stehen jeweils die Lk zur Beantwortung von Fragen zur Verfügung, die das enthaltene Setting gestaltet haben und den späteren Arbeitsprozess hierin begleiten werden.

Es wird darauf hingewiesen, dass die SuS drei Tage in ihrem ausgewählten Aktionsraum verbringen werden und danach einen zweiten Raum aussuchen, in dem sie auch drei Tage arbeiten. Ebenso wird angesprochen, dass am siebten Tag die Ergebnisse der Aktionsräume mit allen Beteiligten im Aufführungsraum zusammengeführt werden, indem tagsüber eine dramatisch gestaltete Abendpräsentation entwickelt und geübt wird, die ihren Endpunkt in der abendlichen Aufführung findet.

Folgende Aktionsräume sind bspw. denkbar[5]:

- „Das filmische Portrait“ (mögliche „Widerfährnisse“ z.B. der Coming-Of-Age-Film „Nowhere Boy“ über den 15jährigen John Lennon, das Drama „Ways to live forever – Die Seele stirbt nie“ über einen leukämiekranken Jungen, die Documentary „Amy“ über die britische Sängerin Amy Winehouse)
- „Hommage à… – Das Portrait im instrumentalen Musikstück“ (mögliches „Widerfährnis“ bspw. das „Portrait of Mahalia Jackson“ von Duke Ellington)
- „Ein Portrait gerappt“ oder „Ein Songportrait“ (mögliches „Widerfährnis“ z.B. „Lady Diana – Candle in the Wind“ von Elton John)
- „Fotografische Portraits“ (mögliche „Widerfährnisse“ bspw. Karikaturen, „Expectation-Reality“-Vergleiche auf Instagram)
- „Ein Tanzstück porträtiert…“
- „Ein gewebtes Portrait“
- „Portraits in Kurzgeschichten“

4.2. Die Konfrontationsphase: Analyse und Anbahnung von Eigenkreationen

4.2.1. Der Übergang von der Vorbereitungs- in die Konfrontationsphase

Nachdem die SuS durch die Aktionsräume „promeniert“ sind, diese erkundet und sich schließlich für einen Raum entschieden haben, gehen sie in die ausgewählten Zimmer. Die Türen werden nach dem Erklingen einer Glocke hinter ihnen geschlossen.

4.2.2. Die „Eindringliche Analyse“ von Portraits

In der nun folgenden Phase, der Konfrontationsphase, werden bereits geschaffene Portraits ergründet: Die Lk, als Experten ihrer gestalteten Settings, führen die SuS an ihre ausgesuchte Form des Portraits mittels „Eindringlicher Analyse“ ausgewählter Portraits bzw. Widerfährnisse heran. Hierbei wird empfohlen, Aspekte aus Kapitel 3. und die Fragen aus Kapitel 1. einzubeziehen.

4.2.3. Die „Eindringliche Analyse“ am Beispiel des filmischen Portraits

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2 Überblick über den Verlauf der Phase

Hauptlernziel

Die SuS sollen in filmischen, besonders eindringlichen Portraitausschnitten detailliert sehr gelungene filmtechnische Mittel zum Explizieren des Gesamtwesens eines Menschen herausarbeiten. Diese mögen als Inspirationsquelle fungieren für einen eigenen filmischen Portraitversuch für das Projekt und bestenfalls für eigene Findungsprozesse im Kontext von Inszenierung und Identität außerhalb des unterrichtlichen Rahmens. Erreicht werden soll das Ziel in Kleingruppenarbeit mittels des Abgleichs der Ausschnitte mit einem in Plenum selbst erarbeiteten Analyseraster. Sichtbar gemacht und besprochen werden sollen die Ergebnisse per Gruppenpräsentation im Aktionsraum-Plenum.

Skizzierung des Verlaufes der Phase

Die Lk heißt die SuS im Aktionsraum „Das filmische Portrait“ herzlich willkommen. Sie spielt nun auf großer Leinwand mit qualitativ hochwertiger Bild- und Klangqualität Ausschnitte aus dem Drama „Ways to live forever – Die Seele stirbt nie“[6] vor. Nahegelegt wird, Szenen mit besonderer Wirkkraft zu zeigen, welche die SuS aller Voraussicht nach in den Bann ziehen. Hierbei sind solche gemeint, a) bei denen Sam über sich und sein Leben etwas Bedeutsames preisgibt (Identitäts- und Sinnfragen, Krisenstimmungen, Wünsche und Träume), b) die starke Betroffenheit in Verbindung mit Sams Schicksal und Lebensweise auslösen und c) bei denen besondere filmische Techniken zur Darstellung des Protagonisten Sam eingesetzt werden. Für das Gesamtverständnis kann die Lk nach Bedarf in behutsamer und spannender Weise Lebensmomente Sams o.Ä. skizzieren, die sie aus Zeitgründen nicht zeigen kann. Persönliche Gedanken und Gefühle müssen hierbei nicht unbedingt im Verborgenen bleiben, darf doch davon ausgegangen werden, dass ein authentisch-lebendiger Vortrag die SuS in besonderer Weise mitnimmt. Nach dem Dargebotenen dürfen die SuS ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen: Was hat die Jugendlichen besonders in Verbindung mit Sam bewegt? Welche Bewältigungsstrategien Sams haben besonderen Eindruck hinterlassen? Erinnern sich die SuS an andere filmische Portraits, die sie in den letzten Wochen gesehen haben und die in ihnen tiefe Betroffenheit ausgelöst haben? Da möglicherweise sehr persönliche Verbindungen zu eigenen Lebenssituationen gezogen werden, muss sich niemand offenbaren, kann es aber. Wenn es das Gesagte der SuS zulässt, kann das Geäußerte an einer Tafel gruppiert werden. Als Nächstes werden die SuS danach befragt, wie das, was sie besonders in Bezug auf Sam (oder auf andere Portraitierte) bewegt hat, filmtechnisch (Farbe, Musik, Perspektive, Erzählweise, Schnitttechnik, Perspektive, etc.) umgesetzt wurde und/oder wie und warum sich Sam in diesem Zusammenhang selbst inszenierte. Wünschen die SuS in diesem Kontext ein wiederholtes Zeigen der betreffenden Passagen, ist diesem Anliegen unbedingt nachzugehen. Sind die Ausführungen der SuS erschöpft, wird zusammen überlegt, welche filmtechnischen Mittel zum Explizieren der Persönlichkeit, der Schicksalsschläge und der Lebenswelt eines Menschen, wie Sam es ist, es gibt. Einbezogen werden können jene, die zur Anwendung kommen, wenn über Sam „gesprochen“ wird und wenn Sam selbst über sich „spricht“. Ebenfalls kann sich darüber ausgetauscht werden, welche filmischen Selbstdarstellungsweisen Sam „helfen“, mit seinen Problemen und Schicksalsschlägen umzugehen, sowie warum und wie sie ihn aufmuntern. Weiterführend kann darüber nachgedacht werden, ob die SuS sich vorstellen können, dass Sams Selbstzeugnisse (oder die anderer Personen) sie selbst und andere Menschen in persönlichen Lebenslagen aufbauen könnten. Besprochen werden kann, welche Lebenssituationen dies sein könnten und warum die Filmaufnahmen so stärkend sind. Zudem werden die SuS befragt, ob ihnen weitere filmische Mittel einfallen, die sie in den gezeigten Szenen bisher nicht wahrnehmen konnten. Die gesammelten filmtechnischen Mittel zur Verlebendigung des Inneren und Äußeren von Menschen werden nunmehr geordnet, um ein tragfähiges Analyseraster zu erstellen. Die Lk macht den Vorschlag, das Analysieren von filmtechnischen Mitteln zum Explizieren des Gesamtwesens eines Menschen „Eindringliche Analyse“ zu nennen, da es bei dieser Analyse ja um das Durchleuchten von Mitteln geht, die einen Menschen in all seinen Tiefenschichten transportieren. Der Vorschlag kann diskutiert und ein neuer Begriff gefunden werden. Im Anschluss an die Bezeichnung der Analyseform und der Erstellung des Analyserasters dürfen sich die SuS in Gruppenarbeit zwei bis drei Filmausschnitte an vorbereiteten Arbeitstischen mit Laptop, Kopfhörern und Filmmaterial aussuchen, um diese dann nach dem selbst erstellten Kriterien-Raster zu analysieren. Sollten die SuS andere filmische Portraits „vor Augen“ haben bzw. präferieren, kann versucht werden, YouTube o.Ä. nach den betreffenden Ausschnitten zu durchforsten und ebenso wie die Filmausschnitte zu Sam zu analysieren. Die Ergebnisse werden im Plenum präsentiert. Immer ist behutsam darauf zu verweisen und damit umzugehen, dass eine solche Analyse nicht den „Zauber“ des filmisch Transportierten zerstören sollte. Wenn die Lerngruppe es wünscht, kann sich darüber ausgetauscht werden, wie genau dieser Umgang mit dem Spannungsfeld „Analyse“ und „Zauber“ modelliert werden könnte.

4.2.4. Didaktische Analyse zur „Eindringlichen Analyse“ des Filmportraits

Lehrplanbezug (Schleswig-Holstein)

Zugeordnet werden kann die dargestellte Projektphase dem aktuell gültigen Lehrplan für die Sekundarstufe I der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen z.B. für das Fach „Gestalten“[7] im Bundesland Schleswig-Holstein (vgl. Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein 2009). Die Phase berücksichtigt das Kernproblem 1 „Grundwerte“ (vgl. Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein 2009, S. 16) und das Kernproblem 5 „Partizipation“ (vgl. Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein 2009, S. 17). Hinsichtlich des Kernproblems 1 wird mittels der „Eindringlichen Portraitanalyse“ ermöglicht, sich im Spannungsfeld des Selbst und eines anderen Menschen bedeutsame Identitätsfragen zu stellen. Den Anforderungen des Lehrplans, „[…] [eine] bewusste Begegnung mit der eigenen und mit fremden Lebenswelten [anzubahnen und dadurch] das Leben, Empfinden und Denken [zu] bereicher[n]“ (Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein 2009, S. 16), wird damit Rechnung getragen. Bezüglich des Kernproblems 5 wird mittels der Filmbesprechung angestrebt, dass „[…] durch Auseinandersetzung mit […] gestalterischen Produktionen […] [SuS] Möglichkeiten [erfahren], […] bei der Veränderung [von eigenen und fremden] Lebensverhältnissen mitzuwirken“ (Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein 2009, S. 17). In diesem Sinne wird das filmische Portrait Sams, sowohl in seiner medialen Kontur als auch in seiner biografischen Qualität, als Vorbildbeispiel im Rahmen des Projektvorhabens verstanden.

In Bezug auf die Produktionsbereiche des Lehrplans (vgl. Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein 2009, S. 19–23) widmet sich die Projektphase dem medial orientierten Gestalten (vgl. Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein 2009, S. 22f.). Gefordert wird hier, dass die SuS im Zusammenhang mit der Analyse von Audiovisuellem „[…] Funktionen und Wirkungen durchschauen und in eigenen Gestaltungen nutzbar machen [sollen]“ (vgl. Ministerium für Bildung und Frauen des Landes Schleswig-Holstein 2009, S. 21). Durch das Analysieren der filmtechnischen Mittel, die eine Persönlichkeit wie Sam eindringlich explizieren zu vermögen, um für eigene filmische Portraits inspiriert zu werden, wird diesen Maßgaben nachgegangen.

Tangiertes epochaltypisches Schlüsselproblem und Zukunftsbedeutung

Die vorgestellte Projektphase wendet sich dem siebenten, von Klafki benannten Schlüsselproblem zu. „[B]ei […] [diesem rückt] die Subjektivität des einzelnen und das Phänomen der Ich-Du-Beziehungen ins Zentrum der Betrachtung […] – jeweils in der Spannung zwischen individuellem Glücksanspruch, zwischenmenschlicher Verantwortung und der Anerkennung des bzw. der jeweils Anderen“ (Klafki 1993, S. 24). Die SuS beschäftigen sich mit dem filmischen Portrait des Protagonisten Sam, indem sie sich mit ihren Gedanken und Gefühlen zu diesem Jungen im Zusammenhang mit den audiovisuellen (Selbst-)Zeugnissen auseinandersetzen. Sie reflektieren, was das (durch das Portrait vermittelte) „Du“ im „Ich“ auslöst, wie bspw. Veränderungen im eigenen Denken und in möglichen Vorhaben im nahen Zukünftigen. Die Heranwachsenden versuchen durch die „Eindringliche Analyse“ filmisch-künstlerische Artikulationsweisen und -techniken sowie durch die Annäherung an Sam Wege kennenzulernen, die ihnen eventuell gar selber Stärkung und Hoffnungen spenden sowie Selbstdarstellungs- und -findungsmöglichkeiten bieten. Ebenso ist denkbar, dass die Artikulationsformen, die sie selber erfüllen und die sie außerschulisch weiterverfolgen möchten (z.B. Kurzfilme kreieren, Schauspielern), möglicherweise gar andere Menschen bspw. in schwierigen Lebenssituationen trösten, motivieren oder beglücken. Auch wird durch das filmische Portrait Sams eine Begegnung mit einem Menschen ermöglicht, der einem ggf. fremd erscheint, weil er eine schwerwiegende Krebserkrankung hat. Formen der Anerkennung, Achtung und des gemeinsamen Lebens mit Menschen, vor denen bei der „Allgemeinheit“ Berührungsängste herrschen, können daher durchdacht werden, ohne in ständige Mitleidsbekundungen o.Ä. abzudriften, welche Menschen wie Sam exkludieren würden.

Gegenwartsbedeutung und Zugänglichkeit

Audiovisuelle Medien sind im Lebensalltag der SuS derzeit das Konsum- und Ausdrucksmittel des eigenen Selbst und fremder Persönlichkeiten schlechthin. So offenbaren sich viele SuS per kurzen Clips in diversesten sozialen Netzwerken sowie schauen und bewerten (nicht selten überaus exzessiv) die Selbstzeugnisse anderer. Das Schauen filmischer Portraits im Kino und in Online-Streaming-Diensten, wie Netflix, erfreut sich ebenso großer Beliebtheit. Eine Beschäftigung mit dem audiovisuellen Medium knüpft daher unmittelbar an die Lebenswirklichkeit der SuS an.

Dass die besprochene (Selbst-)Darstellungsweise von Sam (oder von den SuS selbst vorgetragene Filmportraits) im Kontext verschiedener Identitätsfragen die Jugendlichen vermutlich aufgrund ihrer adoleszenten Lebensphase ergreift, wurde bereits in Kapitel 1. dargelegt.

Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass das Schicksal Sams die Heranwachsenden besonders fesselt, da die SuS ggf. mit schweren Erkrankungen im Freundes- oder Familienkreis konfrontiert werden oder selbst bereits schwere Schicksalsschläge zu bewältigen haben. Dass in Sam ein Kind vorgestellt wird, das bereits hart zu ringen hat, schafft möglicherweise besondere Nähe.

Exemplarische Bedeutung

Die „Eindringliche Analyse“ zur Filmfigur Sam (oder zu anderen von den SuS vorgeschlagenen filmisch Portraitierten) ist nicht nur eine Einzelfallanalyse. Sie repräsentiert den reflexiven Umgang mit menschlich-künstlerisch eindringlichen Artikulations- und Portraitformen generell. D.h. hier entwickelte und durchlaufene Verfahren (z.B. das gemeinsame Erarbeiten eines sinnreichen Analyserasters und das differenzierte Untersuchen eines künstlerischen Werkes bzw. eines Portraits) können die Jugendlichen auf andere Analysesituationen anwenden, bspw. auf Erscheinungsformen in ihrer Alltagskultur, die sie besonders fesseln. Es macht daher auch nichts aus, dass die SuS im Projekt nicht in allen Aktionsräumen aktiv werden, sondern „nur“ zwei Portraitformen auswählen.

[...]


[1] Vor allem im Jugendalter sind Identitätsfindungsprozesse mit herausfordernden Diffusionen zentraler Bestandteil der Lebenswirklichkeit. Eine Durchführung des im folgenden besprochenen Projektes in anderen Altersstufen (z.B. Klasse eins bis vier oder Klasse fünf und sechs) ist demzufolge nicht zielführend. Die Heranwachsenden müssen in diesen Lebensphasen vielmehr andere Entwicklungsstufen und damit verbundene psychosoziale Lebensherausforderungen bewältigen.

[2] Die männliche Form schließt in der gesamten Arbeit stets alle anderen Geschlechter mit ein.

[3] Begriffserläuterung in Kapitel 2. und 4.2. „Eindringliche Analyse“ ist eine Wortschöpfung des Autors dieser Arbeit.

[4] Das „Bergfest“ soll neben der Wahl eines neuen Aktionsraumes eine Art feierliches Innehalten in der Mitte des Gesamtprojektes ermöglichen. Es bietet sich neben reflexiven Momenten bspw. auch ein damit verbundenes gemeinsames Frühstück an.

[5] Je nach Leidenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten der Lk können andere Räume konzeptioniert werden.

[6] Je nach Passung, Interessen, Aktualität etc. sind selbstverständlich andere Filme denkbar, z.B. auch die in Kapitel 4.1. benannten.

[7] Das Fach „Gestalten“ ist in Bezug auf die vorliegende didaktische Analyse nur ein exemplarisches Beispiel, um eine gewisse Textstringenz aufrecht zu erhalten. Auch bezüglich der Lehrpläne für die Fächer Musik, Kunst, Weltkunde und Textillehre bietet das Projekt eine Vielzahl an Brückenschlägen.

Teilen

Zurück

Titel: Das Portrait. Dem Wesen auf der Spur. Vorstellung eines fächerübergreifenden Projektes