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Klinische Sozialarbeit. Übertragung der sozialen Einzelhilfe und des Case Managements auf einen Fall aus der Praxisphase

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 29 Seiten

Medizin - Sozialmedizin, Arbeits- und Berufsmedizin

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Hinfuhrung zursozialen Einzelhilfe im Krankenhaus

Patientenkontakt - Erstgesprach

Skizzierung desweiteren Hilfevorgangs

Ubertragung des Case Managements

Literaturverzeichnis

Anhang

Hinfuhrung zursozialen Einzelhilfe im Krankenhaus

Die klinische Sozialberatung hat Aufgaben des Entlassungsmanagements. Hierbei geht es primar darum, eine entsprechende Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt zu gewahrleisten. (Ansen u. a., 2004, S. 97 f) Sie wirkt auf Heilung, Linderung Oder Besserung bei Behinderungen, psychosozialen Krisen und Storungen und korperlichen Beeintrachtigungen in ihrem sozialen Zusammenhang hin und kombiniert dabei sozialarbeiterische Kompetenzen mit gesundheits- sowie krankheitsrelevantem Wissen, beispielsweise aus der Sozialmedizin, Oder Gesundheitswissenschaften, wie auch Public Health (ebd., S.18f; Homfeldt, 2012, S. 498 f).

Der individuelle Hilfebedarf, anfallende Fragen, wie auch nach Moglichkeit der gesamte Hilfeprozess soil wahrend dem stationaren Aufenthalt geklart werden. Wahrenddessen geht es um Unterstutzung bei der Krankheitsverarbeitung, beziehungsweise Krankheits- bewaltigung, aber auch um die Veranderung und Anpassung der bestehenden Strukturen. Die Zielsetzung, Planung und Intervention geschieht stets in Abstimmung mit dem Patienten beziehungsweise der Patientin und seinen/ ihren Angehorigen und Bezugspersonen. (Ansen u. a., 2004, S. 98) Des Weiteren gibt es ein umfassendes Beratungsangebot, welches sich in die folgenden Themengebiete aufgliedert: psychosoziale Intervention, soziale Intervention, wirtschaftliche Interventionen, ambulante Nachsorge, stationare Nachsorge, medizinische Rehabilitation und Teilhabe am Arbeitsleben (Deutsche Vereinigung fur Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V., 2015, S. 3; Dombo u. a., 2009, S. 297).

Die soziale Einzelhilfe im Krankenhaus, speziell auf der Urologie-Station, findet nahezu ausschlieftlich im Krankenhaus statt, also wahrend des stationaren Aufenthaltes der Patientjnnen. Aus diesem Grund hat die Sozialberatung nur einen begrenzten Zeitraum fur die Beratung zur Verfugung. (Ansen u. a., 2004, S. 97) Fur die Fachabteilung Urologie ist eine Vollzeitkraft der Sozialberatung fur 180 Planbetten zustandig (ebd., S. 26). Dem stationaren Aufenthalt gehen mehrere Phasen voraus, beispielsweise das Aufsuchen des Hausarztes Oder eines Urologen, sowie ambulante Untersuchungen im Krankenhaus mit anschlieftender Planung einer notwendigen Operation (Fornara u. a., 2009, S. 521 f).

Mit dem stationaren Aufenthalt, beziehungsweise mit dem Beginn des Behandlungsprozesses im Krankenhaus, erhalten Betroffene die Bezeichnung „Patient_in“. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie augenscheinlich gesund Oder krank in Kontakt mit dem Gesundheitssystem treten, die Bezeichnung im Krankenhauskontext ist stets Patient beziehungsweise Patientin. (Anders & Breitbart, 2014, S. 129)

Die gesicherte Diagnose, wie beispielsweise Prostatakarzinom (bosartige Tumorerkrankung der Prostata), erhalten Betroffene meistens im Krankenhaus, da fur die Diagnose ein pathologischer Befund erstellt werden muss, welcher parallel zu den laufenden Untersuchungen im Krankenhaus stattfindet. Die Histopathologie, beziehungsweise das Ergebnis dieser Gewebeuntersuchung, ist fur den weiteren Hilfeprozess von zentraler Bedeutung. (Schlomm u. a., 2009, S. 502) Ein Beispiel hierfur ist eine Tumorerkrankung: ist der vorgefundene Tumor bosartig, so ist die Deutsche Rentenversicherung (fur deutsche Staatsburger) Kostentragerderanschlieftenden Rehabilitation (Deutsche Rentenversicherung Bund, 2015, S. 4). Im Gegensatz dazu liegt bei einem gutartigen Tumor keine Indikation fur eine Rehabilitation vor (Bundesarbeitsgemeinschaftfur Rehabilitation, 2013, S. 72). An diesem Beispiel lasst sich veranschaulichen, wie medizinische Diagnosen den Prozess der sozialen Einzelhilfe der klinischen Sozialberatung mit beeinflussen. Die Anamnese erfolgt also in erster Linie durch die Arzte, woraus sich die jeweilige Diagnose ergibt, welche den Patient_innen durch einen Arzt mitgeteilt wird (Kausch u. a., 2009, S. 43 f). Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch nicht, dass die Sozialberatung beide Phasen des Hilfeprozesses „uberspringen“ kann, wie im Folgenden noch deutlich wird.

Eine Anforderung der Sozialberatung durch medizinisches Fachpersonal erfolgt in der Regel aufgrund einer bestimmten Diagnose, welche fur die Fallbildung der Sozialberatung ausschlaggebend sein kann. (Ansen u. a., 2004, S. 13) Die Zustandigkeit ist hierbei genau definiert, ist sie das in bestimmten Situationen nicht, so kann die Sozialberatung mit Bitte urn Prufung der Zustandigkeit angefordert werden. Inwieweit dabei ein Fall entsteht, liegt in der Einschatzung der Sozialberatung. (Anleitung; Abteilungsleitung) Nachdem die Sozialberatung fur einen Fall, also fur das Tatigwerden fur eine Patientin Oder einen Patienten, angefordert wurde, beginnt das Sammeln von Informationen uber Aktenlage in Papier- Oder elektronischer Form, sowie mithilfe des Stationspersonals, den Angehorigen und selbstverstandlich auch durch die Patientin Oder den Patienten selbst (Heiner, 2012, S. 623). Wie im Verlauf noch aufgezeigt wird, bildet die Pflegeanamnese hierbei die Informationsbasis. Es geht darum, Informationen, Ergebnisse und Befunde der Informationsquellen, wie beispielsweise der beteiligten Fachabteilungen, auszuwerten, urn so ein ganzheitliches Bild uber den Betroffenen zu erlangen (Homfeldt, 2012, S. 489). Das Ineinandergreifen der einzelnen Fachabteilungen ist fur die Informationsgewinnung und die daraus resultierende Einschatzung, beziehungsweise Empfehlung derSozialberatung unerlasslich (Ansen u. a., 2004, S. 87).

1st die onkologische Erkrankung medizinisch gesichert? 1st die Tumorerkrankung gut- Oder bosartig? Wie selbststandig wird der Patient von der therapeutischen Fachabteilung beschrieben? Wie hoch ist der pflegerische Bedarf? Was empfehlen die Pflegekrafte und die Arzte hinsichtlich der weiteren Vorgehensweise? Gibt es noch andere Erkrankungen, sogenannte Nebendiagnosen, die fur das weitere Vorgehen und die Planung relevant sind? Liegt bereits, besonders bei alteren Menschen, eine Pflegestufe vor? Diese und noch weitere Fragen werden, soweit wie moglich, vor dem ersten Patientenkontakt beantwortet, wodurch eine gute Informationsbasis aufgebaut wird, was die Beratung erleichtert und sie zugleich strukturiert und zielorientiert gestaltet (Heiner, 2010, S. 8).

Eine Tumorerkrankung jeglicher Art beeintrachtigt den gewohnten Alltag der Betroffenen im groften Ausmaft, was sich an aufkommenden lebensentscheidenden und existentiellen Fragen zeigt (Schenk & Senf, 2009, S. 213). Aus diesem Grund bedarf es nicht nur Hilfen zu einer geeigneten und qualitativen Nachsorge (Dombo u. a., 2009, S. 297), sondern auch Unterstutzung bei der Krankheitsbewaltigung (ebd., S. 288), wofur eine ausfuhrliche Sozialanamnese von Noten ist (Fornara u. a., 2009, S. 521 f).

Bereits bei den ambulanten Voruntersuchungen werden die notigsten personlichen Daten, wie Name, Wohnort, Krankenversicherung, Telefonnummer, Hausarzt usw. erfasst. Zu Beginn der stationaren Aufnahme wird zudem eine Anamnese durch die Pflegekrafte durchgefuhrt, welche ein umfassenderes Bild uber die Patientin beziehungsweise den Patienten aufzeigen. Die Pflegeanamnese enthalt Fragen zu bestehenden Erkrankungen, wie beispielsweise Diabetes mellitus, aber auch Fragen aus denen deutlich wird, wie hilfsbedurftig beziehungsweise selbststandig die- Oder derjenige vor dem Krankenhausaufenthalt war. (Brucker u. a., 2005, S. 16) Hierfur wird ein Instrument genutzt, welches zur Erfassung des Bedarfes hinsichtlich eines Entlassungsmanagements beitragt: es heiftt Blaylock-Risk- Assessment-Score, kurz BRASS-Index (Engeln u. a., 2006, S. 545). Zudem werden individuelle Bedurfnisse der Patient_innen, sowie ihre Fahigkeiten, Ressourcen und Wunsche erfasst. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwahnen, dass die Anamnese meistens zu Beginn der Behandlung erfolgt, jedoch damit nicht abgeschlossen ist. Im Verlauf der Behandlung sollten kontinuierliche Assessments durchgefuhrt werden, damit die Informationssammlung sich stetig vervollstandigt. (Brucker u. a., 2005, S. 16) Ziel dieser anamnestischen Kommunikation zwischen Patientjnnen, Oder Angehorigen, und dem medizinischen Fachpersonal ist es, den Zustand, wie auch relevante Kontextfaktoren in Erfahrung zu bringen (Anders & Breitbart, 2014, S. 131) und anschlieftend eine patientenorientierte Pflege durchzufuhren (Brucker u. a., 2005, S. 16). Fur die klinische Sozialberatung, wie auch fur andere Fachabteilungen, hat die Pflegeanamnese die Funktion, eine patientenorientierte Beratung schon vor dem Erstkontakt zu ermoglichen, da die erfassten Informationen bereits mitberucksichtigt werden konnen. An dieser Stelle lasst sich veranschaulichen, welchen Beitrag die Pflegeanamnese zur interdisziplinaren Kommunikation leistet (ebd., S. 49). Weitere Quellen zur Informationserfassung sind Angehorige und Bezugspersonen, externe Soziale Dienste und gegebenenfalls auch der Hausarzt. (Deutsche Vereinigung fur Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V., 2015, S. 95)

Die Beratung durch die klinische Sozialberatung erfolgt nicht nur aufgrund einer vorliegenden medizinischen Diagnose, sie ist jedoch ausschlaggebend fur den Beratungsschwerpunkt. Der Wunsch von Patient_innen Oder Angehorigen kann auch ein Grund fur die Kontaktaufnahme seitens der Sozialberatung sein. (Ansen u. a., 2004, S. 37) Das Beratungsgesprach findet in den meisten Fallen im Patientenzimmer statt, da die Mobilitat der Patient_innen, besonders nach der Operation, noch nicht wiederhergestellt Oder erschwert ist. Inwieweit dieses Setting verandert werden kann wird im folgenden Kapitel betrachtet.

Fur die optimale Versorgung im Anschluss ist es essentiell, das Lebensfeld der Patientjnnen zu erfassen, um so die moglichen Maftnahmen diesem anzupassen. Dabei darf die Lebenswelt in der die Betroffenen leben nicht aufter Acht gelassen werden, da es sonst zu Komplikationen zwischen der Maftnahme und dem/ der Hilfeempfanger/ in kommen kann, weil beispielsweise die Krankheit und die damit einhergehende Hilfsbedurftigkeit nicht akzeptiert Oder ausgeblendet wird (Widulle, 2012, S. 230). Hier hat die klinische Sozialberatung die Aufgabe, die Patientinnen und Patienten ausreichend zu informieren und die Hilfe fur den Einzelnen anzupassen (Dombo u. a., 2009, S. 288).

Als rechtliche Basis der klinischen Sozialberatung lasst sich zunachst das Landeskrankenhausgesetz Baden-Wurttemberg heranziehen, welches jedes Krankenhaus zur Bereitstellung einer Sozialberatung, beziehungsweise einem klinischen Sozialdienst, verpflichtet (§31 Abs. 2 LKHG). Folglich liegt die Sicherstellung einer Nachsorge im Anschluss an den stationaren Aufenthalt von Patientjnnen in der Verantwortung der Krankenhauser. Derselbe Versorgungsauftrag wird vergleichsweise auch im SGB V an die Krankenhauser erteilt (§39 Abs.1 S.2 SGB V). Des Weiteren haben Versicherte einer gesetzlichen Krankenversicherung einen Anspruch auf Leistungen einer medizinischen Rehabilitation, sofern diese notwendig ist, „um eine Behinderung Oder Pflegebedurftigkeit abzuwenden, zu beseitigen, zu mindern, auszugleichen, ihre Verschlimmerung zu verhuten Oder ihre Folgen zu mildern" (§11 Abs.1 S.1 SGB V). Weiter ist fur Patient_innen hinsichtlich der Versorgung, speziell fur beziehbare Leistungen, das Wunsch- und Wahlrecht von Bedeutung (§9 SBG IX).

Patientenkontakt - Erstgesprach

Das Gesprach mit Herr Muller (Name geandert) hat auf der Station Urologie im Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn am 30.08.2016 stattgefunden. Herr Muller in aufgrund einer bosartigen Tumorerkrankung der Prostata ins Krankenhaus aufgenommen worden (interne Anforderung an die Sozialberatung). Er wurde am 29.08.2016 operiert (Intranet; Patientenakte) und am folgenden Tag von mir in seinem Zimmer aufgesucht. Vor dem Patientenkontakt im Krankenhaus werden immer die Hande desinfiziert (Kommission fur Krankenhaushygiene und Infektionspravention, 2016, S. 1195). Anschlieftend wurde an der Zimmertur geklopft, bevor es betreten wurde (S. 19, Z. 1; Anleitung). Es folgte eine Begruftung mit Handschlag und eine Vorstellung, sowie eine Erklarung dereigenen Funktion (S. 19, Z. 2 f; ebd. Z. 15 f; Widulle, 2012, S. 145). Das Gesprachsangebot an Herr Muller fand statt, weil ich vom Stationsarzt digital angefordert wurde (Intranet; Widulle, 2012, S. 143). Aus diesem Grund habe ich den Zweck meiner Kontaktaufnahme erlautert (S. 19, Z. 15 f). Auf der Urologie ist es fur die meisten Patient_innen nachvollziehbar, warum sie von der Sozialberatung aufgesucht werden, so auch fur Herr Muller. Zunachst war er sich unsicher, warum ich ihn besuchte (ebd., Z. 5), aber spatestens als ich angefangen hatte, von der Rehabilitationsmaftnahme zu sprechen (ebd., Z. 15 f) konnte er das Gesprach, wie auch mich als Person und meine Funktion im Kontextguteinordnen (ebd.,Z. 18f). Jedoch istdiefehlende Aufklarung uber Datenschutz und Schweigepflicht zu kritisieren, welche jedem Gesprach voran gehen sollte (Widulle, 2012, S. 145 f). Die Schweigepflicht hatte ich versehentlich nur im Zuge der Antragsaufnahme angesprochen, nicht aber bezuglich weiteren Inhalten im Beratungsgesprach (S. 21, Z. 100).

Zu Beginn des Gesprachs ist es im Krankenhaus ublich die Patient_innen zu fragen, ob die aktuelle Situation fur ein Gesprach in Ordnung ist (S. 19, Z. 2-4), da sie gegebenenfalls vor einer Untersuchung stehen, Oder sie in dem Moment korperliche Beschwerden, wie etwa Schmerzen, haben konnten. Auf Verlangen der Patient_innen kann auch ein Termin ausgemacht werden, an dem ein erneuter und ausfuhrlicherer Kontakt stattfinden kann (Anleitung). Ein weiterer Grund hierfur kann sein, dass am vereinbarten Termin die Angehorigen mit dabei sein konnen. Wird ein Wunsch fur einen erneuten Termin Oder ein anderes Setting, wie beispielsweise ein Aufenthaltsraum Oder das Buro der Sozialberatung, geauftert, so wird versucht dies zu realisieren. Die Veranderung des Settings ist aber an die Mobilitat der Patient_innen gebunden, denn eine Verlagerung des Bettes ist normalerweise nicht vorgesehen. Gegebenenfalls kann aber auch der Bettnachbar Oder die Bettnachbarin das Zimmer verlassen, sodass ein vertrauliches Gesprach stattfinden kann. Herr Muller war zum Zeitpunkt des Gesprachs der einzige Patient in seinem Zimmer. Erst gegen Mittag, sollte ein weiterer Patient von seiner Operation zu ihm ins Zimmer verlegt werden. Somit war zum Zeitpunkt des Erstgespraches ein vertrauliches Setting vorhanden. Herr Muller war mit der Gesamtsituation einverstanden (S. 19, Z. 5; Z. 24).

Wie sich in diesem Kapitel noch zeigen wird, konnte ich eine gute Gesprachsatmosphare herstellen, sodass Herr Muller mit mir uber seine Anliegen, Hoffnungen und seine Angste offen reden konnte. Das Gesprach fand in einem vertraulichen Setting statt und konnte bis zum Schluss ohne Storung gefuhrt werden. Herr Muller lag wahrend dem Gesprach in seinem Bett und ich setzte mich mit einem Stuhl schrag neben ihn. Urn mich anzuschauen, musste er seinen Kopf ein wenig nach rechts neigen, hatte aber sonst viel Sichtfreiheit, sodass er nicht gezwungen war mich ununterbrochen anzuschauen. Zudem fand das Gesprach auf Augenhohe statt. Nach Weinberger ist eine solche Sitzposition gunstig, weil Klient_innen, beziehungsweise Patient_innen, dadurch kein frontales Gegenubersitzen aufgezwungen werde, wodurch Unsicherheit ausgelost werden konnte (2013, S. 137).

Kurz nach der Begruftung habe ich mich nach seiner Operation und seinem aktuellen Befinden erkundigt (S. 19, Z. 6 f). Fur Patient_innen ist dies oftmals das Wichtigste, so auch fur Herr Muller. Er hatte Angst vor seiner Operation und war nach einem erfolgreichen Abschluss seiner kurativen Behandlung spurbar erleichtert (ebd., Z. 8-10). Gab es wahrend der Operation Komplikationen Oder hat eine Patientin Oder ein Patient zu Beginn des Gesprachs Schmerzen, so wird das Gesprach in der Regel abgebrochen und nicht fortgefuhrt (Anleitung). Es ist also unerlasslich, sich nach dem Befinden der Patientjnnen zu erkundigen, da dies einen maftgeblichen Einfluss auf das Gesprach hat. Zudem steigert das Eingehen auf Patient_innen die Vertrauensbildung (Widulle, 2012, S. 145). Nach seiner Operation war Herr Muller etwas geschwacht, aber dennoch fit genug, um ein Gesprach fuhren zu konnen, also begann ich die Thematik des Gesprachs zu skizzieren (S. 19, Z. 15 f; 20-23). Dies erscheint mir als sinnvoll, da es dadurch fur ihn, wie sicherlich auch fur andere Patient_innen leichter ist, das Gesprach im Gesamtkomplex der Nachsorgeorganisation einzuordnen. Fur Widulle ist dies ebenso Basis eines jeden Erstgesprachs (2012, S. 146). Aufterdem ist es meiner Meinung nach wichtig den Hintergrund fur Erfragtes den Patient_innen zu erklaren, sodass sie meine Fragen nachvollziehen konnen (S. 19, Z. 34; S. 20, Z. 35-37). Dies sorgt fur Transparenz gegenuber den Patient_innen, wodurch sie sich beim „Frage-Antwort-Spiel“ (S. 21, Z. 90), wie auch bei alien anderen Fragen die zur Informationsgewinnung beitragen, hoffentlich besser fuhlen (Widulle, 2012, S. 146).

Im weiteren Verlauf beginnt die Explorationsphase (ebd., S. 147), da die Vorstellung, sowie die Klarung des Rahmens erfolgt ist. Weil die Informationsgewinnung beim Erstgesprach im Vordergrund steht (ebd.), stellte ich Herr Muller verschiedene Fragen, die fur den weiteren Hilfeprozess, besonders fur die Rehabilitation, von Bedeutung waren (S. 19, Z. 16 f; ebd. Z. 25; ebd. Z. 28 f; ebd. Z. 31; S. 20, Z. 44 f; ebd. Z. 56; S. 21, 75; ebd. Z. 90). Ebenso die Antragsaufnahme erfolgte in diesem Erstgesprach (S. 21, Z. 93-102). Nach der Antragsaufnahme ist das Sammeln von relevanten Informationen abgeschlossen und somit die Phase der Anamnese beendet (Galuske, 2013, S. 88 f).

Durch die Fragen von Herr Muller wurde die Anamnese, wie auch die draus resultierende Diagnose, umfassender. So ging es ihm nicht nur um seine Rehabilitationsmaftnahme, sondern auch um Themen wie Lohnfortzahlung (S. 21, Z. 103 f), berufliche Wiedereingliederung (S. 22, Z. 114-117) und Schwerbehinderung (S. 24, Z. 208-211). Wahrend dem Gesprach prazisiert sich die Diagnose, sodass die anschlieftende Intervention zielorientiertergestaltet werden kann (Pantucek-Eisenbacher, 2012, S. 107 f). Die „Diagnostik dient der Entscheidungsfindung" (ebd., S. 117) fur die folgende Intervention beziehungsweise Behandlung (Heiner, 2010, S. 15). Bereits vor dem ersten Kontakt zu Herr Muller konnte ich eine Kurzdiagnose stellen (Pantucek-Eisenbacher, 2012, S. 145). Dies war durch Aktenlage, sowie mundliche Vorinformationen durch das Stationspersonal moglich. Zudem konnte ich verschiedene Befunde von unterschiedlichen Fachabteilungen im Intranet vor dem ersten Patientenkontakt einsehen, wodurch ich bereits die Informationen von verschiedenen Ebenen zu einer Kurzdiagnose auswerten konnte. Aufterdem war es mir moglich, Fakten uber Herr Muller zu sammeln, sodass ich diese nicht erneut mit ihm besprechen musste. Dazu zahlen Geburtsdatum, Wohnort, Krankenversicherung, Kontaktmoglichkeiten zu Angehorigen und selbstverstandlich auch jegliche medizinischen Diagnosen, die uber ihn bekannt waren. Hieraus lassen sich Hinweise fur eine mogliche Fallkonstellation herausziehen (ebd.). Ein Beispiel hierfur sind die Kontaktmoglichkeiten zu Angehorigen. Bevor mir Herr Muller von seiner Ehefrau und seinen beiden Tochtern erzahlte (S. 24, Z. 206; ebd. Z. 210; ebd. Z. 213), wusste ich, dass es sie gibt und sie nicht weitvoneinanderentferntwohnen wurden. Im Intranet war verzeichnet, dass er mit seiner Ehefrau zusammenlebe und seine beiden Tochter nur wenige Kilometer entfernt in der nachsten Stadt wohnen wurden. (Aktenlage; Intranet) Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich den Wunsch von Herr Muller, vor Beginn der Rehabilitation noch einige Tage zu Hause zu verbringen (S. 21, Z. 76 f). Dieses Beispiel zeigt auf, wie nutzlich Vorkenntnisse, sein konnen und wie sie bereits den Erstkontakt mitgestalten (Pantucek- Eisenbacher, 2012, S. 146). Durch die Ruckschau auf das gefuhrte Gesprach mit Herr Muller, ist mir deutlich geworden, wie ich die Handhabung dieser vorlaufigen Diagnose optimieren kann. Das fehlende Informieren von Herr Muller uber mein Vorwissen ist, wie ich denke, ein Kritikpunkt am gefuhrten Erstgesprach. Pantucek sieht diese Transparenz gegenuber Klient_innen als wichtigen Bestandteil im Umgang mit Kurzdiagnosen, beziehungsweise vorlaufigen Diagnosen (2012, S. 148).

Im Krankenhaus, wie auch in anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens, hat sich die Klassifikation von Diagnosen mit Hilfe des ICD-10 etabliert. Dadurch kann jeder mithilfe eines Diagnoseschlussels Oder eines Kataloges die Kodierung entziffern. Da die Bezeichnung fur eine Diagnose vereinheitlich ist, wird die Kommunizierbarkeit innerhalb der professionellen Community erleichtert. (ebd., S. 282)

Die Diagnostik tragt, wie zuvor bereits erwahnt, zur Entscheidungsfindung bei. Das heiftt, es werden Indikationen und Problemdefinitionen zu Losungswegen und „Optionen fur Ziele" (Muller, 2008, S. 75) ausgewertet. Es stellen sich also verschiedene Fragen, die fur den fortlaufenden Behandlungsverlauf beantwortet werden sollten. „Welche Entscheidung ist zu treffen?“, „Warum ist jetzt diese Entscheidung zu treffen?“, „Wer will eine Entscheidung?" (Pantucek-Eisenbacher, 2012, S. 120) und noch einige weitere Fragen, deren Beantwortung die folgende Interventionsphase planbarwerden lasst, sind dabei hilfreich. Fur Herr Muller, wie auch fur mich, stand aufter Zweifel, dass die Entscheidung fur eine Rehabilitationsmaftnahme die Richtige war (S. 19, Z. 24). Weil fur Herr Muller die Wiederherstellung der Urinkontinenz von grower Bedeutung war, fiel ihm die Entscheidung uber die angebotene Maftnahme nicht besonders schwer (S. 24, Z. 188 f). Diese Entscheidung hat Herr Muller eigenstandig getroffen und wurde von mir dabei, wie auch bei den weiteren Themen im Beratungsgesprach, unterstutzt. Im weiteren Beratungsverlauf zeigte sich Herr Muller sehr interessiert an weiteren Themen neben der Rehabilitationsmaftnahme, hieltsich abergleichzeitig mit Entscheidungen uber die Inanspruchnahme der Leistungen zuruck (S. 22, Z. 140-142; S. 25, Z. 257 f). Die Entscheidung fur die Rehabilitationsmaftnahme fiel Herr Muller am leichtesten, aber der Beantragung eines Schwerbehindertenausweises konnte er nicht zusagen. Es konnte sein, dass fur ihn der Status „Schwerbehinderter“, welche Betroffene ungewollt erhalten, untragbar war. Auffallend ist jedoch die Um-Formulierung von „Nachteilausgleiche“ zu „Vorteile“, welche von Herr Muller gebraucht wurde (S. 25, Z. 236).

Nun stellt sich die Frage, wie Herr Muller uberhaupt mit seiner Erkrankung, beziehungsweise seiner Diagnose, umgehen konnte (Schlippe & Schweitzer, 2016, S. 168). Welche Angste hat er? Welche Hoffnungen setzt er in die bevorstehende Therapie? Hat er existenzielle Sorgen? Inwieweit gesteht er sich die Erkrankung ein und akzeptiert sie? An dieser Stelle lassen sich besonders die Fragen und Reaktionen von Herr Muller herausstellen. So gestand ersich gleich zu Beginn des Gespraches ein, Angst vor der Operation gehabt zu haben (S. 19, Z. 8). Gleichzeitig war er uber die positive Ruckmeldung des Arztes hinsichtlich dem Verlauf der Operation erleichtert (ebd., Z. 8 f). Herr Muller hatte seine Erkrankung, in seinem Fall eine bosartige Tumorerkrankung der Prostata, furs Erste akzeptiert und schopfte aus der positiven Ruckmeldung des Arztes Hoffnung fur den weiteren Therapieverlauf (ebd., Z. 9 f; ebd., Z. 14). Im weiteren Verlauf des Gespraches zeigte sich auch seine Motivation fur eine Rehabilitationsmaftnahme (S. 21, Z. 92). Daraus lasst sich die Schlussfolgerung ziehen, dass Herr Muller den „groften Schock" (Schenk & Senf, 2009, S. 212) durch die diagnostizierte und bereits behandelte Tumorerkrankung, grofttenteils uberwunden hatte und sich nun auf die folgenden Thematiken der Krankheitsbewaltigung fokussierte. Dies zeigte sich durch sein Interesse an den moglichen Handlungsfolgen der Diagnose. Es sei an dieser Stelle noch einmal herauszustellen, dass Herr Muller sich bereits Bilanzfragen stellte (S. 21, Z. 103 f; S. 22, Z. 114-117; S. 24, Z. 208-211), wodurch deutlich wurde, dass es ihm urn zukunftige Aspekte ging, also was er konkret in seiner Situation tun, beziehungsweise in Anspruch nehmen konnte (Schlippe & Schweitzer, 2016, S. 168).

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Details

Seiten
29
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668813878
ISBN (Buch)
9783668813885
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444442
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart – Soziale Arbeit
Note
1,2
Schlagworte
klinische sozialarbeit übertragung einzelhilfe case managements fall praxisphase

Autor

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Titel: Klinische Sozialarbeit. Übertragung der sozialen Einzelhilfe und des Case Managements auf einen Fall aus der Praxisphase