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Ambulante Depressionsbehandlung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit verbessern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 32 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Abstract

II Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer und empirischer Hintergrund

3. Methode und Ergebnisse

4. Diskussion

Literaturverzeichnis:

I Abstract

Die Pravalenz von Depression nimmt in Deutschland immer weiter zu. Bezuglich der Behand- lung lasst sich festhalten, dass Betroffene vergleichsweise lange stationar behandelt werden. Dies fuhrt nicht nur zu einer Beeintrachtigung der Lebensqualitat der Betroffenen, sondern auch zu hohen Kosten fur das Gesundheitssystem. Die in dieser Arbeit dargestellte Studie be- schaftigt sich daher mit der stationaren Depressionsbehandlung und inwieweit diese durch die ambulante Nachbehandlung verkurzt werden kann. Die dargestellte Studie untersucht ein neues Behandlungsmodell, welches charakterisiert ist durch ein symptomorientiertes Entlass- management, eine zweiwochige nachstationare Behandlung in der klinischen Einrichtung und eine standardisierte Ubergabe an einen Therapeuten zur ambulanten Weiterbehandlung. Die Studie ergab, dass entgegen der Vermutung die stationare Depressionsbehandlung mithilfe des Behandlungsmodells substanziell nicht verkurzt werden konnte. Die Arbeit endet mit Uberlegungen zur ambulanten Depressionsbehandlung und wie diese durch zukunftige Wei- terentwicklungen optimiert werden kann. Inwieweit die Soziale Arbeit dabei mitwirken kann, wird ebenso thematisiert.

1. Einleitung

Eine effiziente und effektive Behandlung von Depression zu entwickeln, beziehungsweise sich grundsatzlich mit verschiedenen Behandlungsformen auseinander zu setzen, um dieses Krankheitsbild besser verstehen und behandeln zu konnen, wird in den kommenden Jahren an Bedeutung zunehmen. Diese Aussage wird aufgrund der zunehmenden Pravalenz von De­pression in der deutschen Bevolkerung vermehrt getroffen (Busch u. a., 2013, S. 735; Plass u. a., 2014, S. 629). Dabei wird die Depression bei Frauen deutlich haufiger diagnostiziert, als vergleichsweise bei Manner (Hofmann, 2016, S. 10). AuRerdem nimmt Deutschland im Ver- gleich zu anderen europaischen Landern hinsichtlich der Pravalenz von diagnostizierter De­pression einen der ersten Range ein (Plass u. a., 2014, S. 634). Die gesellschaftliche Relevanz wird zudem dadurch deutlich, dass nicht nur Fachzeitschriften, wie das Deutsche Arzteblatt, die Depression als aktuelle Problematik der deutschen Bevolkerung aufgreifen, sondern auch Zeitschriften wie beispielsweise „Focus", „Spiegel", „Stern" oder „Gehirn & Geist" (Becker, 2016; Dr. Schafer, 2005, S. 62 ff; Hammer, 2015; Wendt, 2016). Ebenso ist eine hohe Relevanz aus okonomischer Betrachtungsweise vorhanden, da Depressionen zu direkten, wie auch in- direkten Kosten fuhren. Damit ist gemeint, dass neben der Behandlung auch Kosten durch eine Arbeits- oder Erwerbsunfahigkeit entstehen konnen. (SpieRI u. a., 2006, S. 36 f) Im Zuge der Behandlung darf nicht unerwahnt bleiben, dass depressive Patienten viel Zeit seitens der Arzte und Therapeuten in Anspruch nehmen (Helmchen, 2004, S. 1049). Ahnlich verhalt es sich mit der „Nichterkennung und Nichtbehandlung von unterschwelligen Depressionen" (ebd.), welche ebenso einen Teil zu den hoheren Kosten beitragen. An dieser Stelle lassen sich Behandlungsmoglichkeiten der Depression betrachten. Am haufigsten werden depressive Pa­tienten von Allgemeinarzten behandelt (Ebel & Beichert, 2002, S. 124). Jedoch diagnostizieren diese nur 50-75 Prozent der klinisch relevanten Depressionen richtig. AuRerdem erhalten 15 Prozent der Betroffenen eine medikamentose antidepressive Behandlung, wovon lediglich sieben Prozent eine angemessene Dosierung erhalten. Hinzukommt, dass Hausarzte in vielen Fallen nicht uber notwendige Kompetenzen verfugen, um eine Depression zu erkennen und diese zu diagnostizieren. Dies wird durch die haufig auftretende „smiling depression" er- schwert, bei der Betroffene ein Fassadenverhalten anwenden, um ihre Depressivitat zu uber- spielen und zu verstecken. (ebd.)

Neben dem Hausarzt kann auch ein Psychiater fur Betroffene eine Bezugsperson der ambu- lanten Behandlung darstellen. Dafur gibt es auch ambulante Formen der Psychotherapie.

(Wolfersdorf, 2011, S. 72) Reicht eine ambulante Behandlungsform nicht aus und werden Uberlegungen oder Ratschlage hinsichtlich einer stationaren Behandlung den Betroffenen na- her gebracht, so treten in diesem Zug seitens der Betroffenen Person haufig Angste auf. Sich in ein Hausfur Verruckte, die Klapse oder die Irrenanstalt, wie sie noch teilweise genannt wird, zur Behandlung zu begeben, stellt fur viele Betroffene eine groRe Hemmschwelle dar. Oftmals existieren noch Vorstellungen uber eine psychiatrische Klinik, welche von Zwangsjacken, Ent- mundigung und Weggeschlossen-Sein, gepragt sind. Diese Angste und falsche Vorstellungen zu uberwinden, stellen ein Hindernis fur den Beginn der stationaren Depressionsbehandlung dar, wenngleich dieser Schritt unerlasslich fur die Entscheidungsfindung hin zu einem Klini- kaufenthalt ist. (Muller-Rorich u. a., 2013, S. 117) Fur das stationare Behandlungssetting lasst sich die Psychiatrie, eine psychiatrische Abteilung oder eine Depressionsstation nennen (Wolfersdorf, 2011, S. 72).

Die stationare Depressionsbehandlung am Beispiel einer Depressionsstation besteht klassi- scherweise aus MaRnahmen der Psychotherapie, der korperbezogenen Therapie und dem so- zialtherapeutischen Ansatz. Die Psychotherapie setzt den Fokus auf Gesprachs-, Familien- und Verhaltenstherapie im Einzel- oder Gruppengesprach. Inhalte der korperbezogenen Therapie sind beispielsweise die Vergabe von Medikamenten, Bewegungs- oder Lichttherapie, sowie Schlafentzug. Dem sozialtherapeutischen Ansatz lassen sich die Angehorigenarbeit, die Nach- sorge, verschiedene Beratungsangebote und die Ergotherapie zuordnen. Die Basis dieser The­rapie bildet eine stationare Atmosphare, welche gezeichnet ist von Empathie, Aktivierung und Tagesstruktur. Neben dem Genannten hat das soziale Netzwerk, bestehend aus beispiels­weise Laienhelfer, Selbsthilfegruppen, Gemeinde, Pfarrer, Hausarzte und mehr, einen hohen Stellenwert. (Wolfersdorf, 2011, S. 134 f) Nach Seligman ist die Depression in der heutigen Zeit ein aktuelles Problem. Die Problematik wird durch die Uberflussgesellschaft begunstigt und gefordert, da viele Menschen nur selten Belohnung als Folge von harter Arbeit erleben. Die Erfahrung, die Welt durch eigene Aktivitaten verandern zu konnen, fehlt ebenso oftmals. (Seligman, 2016, S. 93 f)

Diese Arbeit wird sich im Folgenden mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit die stationare Depressionsbehandlung durch den Ausbau der ambulanten Depressionsbehandlung und -ver- sorgung verkurzt werden kann. Das zweite Kapitel widmet sich der Darstellung des theoreti- schen und empirischen Hintergrundes der Fragestellung, woraus eine Hypothese mit Bezug zur Fragestellung formuliert wird. Im Fokus des dritten Kapitels stehen Methoden und Ergeb- nisse einer experimentellen Studie, welche zur Uberprufung der Hypothese herangezogen werden. Die Arbeit wird mit einer Diskussion zur Bewertung der Hypothese, in Bezug auf die beiden vorangegangenen Kapitel, abschlieRen.

2. Theoretischer und empirischer Hintergrund

Nach Butschek ist die Depression eine der ehrenwertesten Krankheiten. Betroffene werden von ihrem Umfeld nicht gleich fur verruckt erklart, da die meisten Menschen einen Bezug zu Depressionen haben. Ein Grund hierfur konnte sein, dass sie in abgeschwachter Form die Symptome selbst erfahren haben. (Butschek, 2006, S. 175) Ein weiterer Grund fur eine gewisse Verbundenheit zur Depression seitens der Bevolkerung stellt womoglich die steigende Pra- valenz von Depressionen in Europa, wie auch in Deutschland dar. Demnach zahlen Depressio­nen zu den haufigsten Ursachen der Krankheitslast in Deutschland. (Plass u. a., 2014, S. 634) Hinzukommt, dass eine Depression den haufigsten Grund fur eine stationare Behandlung ver- korpert und damit Grunde wie eine Herzinsuffizienz, eine Entbindung oder eine orthopadische Operation hinter sich lasst (Barmer GEK, 2010, S. 16).

Im Zuge der Pravalenzbeschreibung von Depression in Deutschland, durfen soziodemografi- sche Faktoren nicht auRen vor gelassen werden. Die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) zeigt auf, dass Frauen deutlich haufiger betroffen sind, als vergleichs- weise Manner im selben Alter. AuRerdem ist die Pravalenz unabhangig vom Geschlecht im Alter zwischen 18 und 29 Jahren am hochsten. Bei Frauen, wie auch bei Mannern, nimmt mit zunehmendem Alter die Pravalenz ab. Dem Geschlechterunterschied liegen verschiedene Ur­sachen zugrunde, wie beispielsweise neurobiologische, hormonelle oder psychosoziale Unter- schiede. Hervorzuheben sind Unterschiede der Depressionspravalenz in Zusammenhang mit dem soziookonomischen Status (SES) der Betroffenen. Demnach weisen Frauen und Mannern mit einem niedrigen SES haufiger eine Depression auf, als vergleichsweise Menschen mit ei- nem hohen SES. Dieser Unterschied lasst sich zudem nicht nur bei Depressionen beobachten, sondern bei einer Vielzahl psychischer Erkrankungen. Als letzten Pravalenzunterschied lasst sich der Wohnort anfuhren. Demzufolge ist die Pravalenz von Depressionen in GroRstadten am hochsten, wenngleich landliche Wohngegenden ebenso eine ahnlich hohe Pravalenz auf- zeigen. (Busch u. a., 2013, S. 737 f) Urn die Depression besser zu verstehen, hinsichtlich der Entstehung und Behandlung, lassen sich verschiedene Modelle heranziehen. Zu Beginn lasst sich der amerikanische Psychologe Seligman anfuhren. Er vertritt die Ansicht, dass sich Menschen mit einer depressiven Erkran- kung in einem Zustand der erlernten Hilfslosigkeit befinden, indem sie sich selbst fur unfahig halten, in irgendeiner Form Kontrolle uber die Ereignisse und Situationen in ihrem Leben zu haben, beziehungsweise zu erlangen (Seligman, 2016, S. 81). Es wurde zudem auch nachge- wiesen, dass sich Depressive weniger zutrauen, als vergleichsweise Nicht-Depressive und auch geringere oder keine Erwartung haben, Alltagssituationen kontrollieren zu konnen (ebd., S. 212). Erganzend zu dem Konzept der erlernten Hilflosigkeit von Seligman, wurde von Abramson et al. ein Bewertungsprozess, der sogenannte Attributionsprozess, hinzugefugt. Dieser be- stimmt das AusmaR der Depression mit, beispielsweise wird der niedrige Selbstwert von De- pressiven als Folge des Attributionsprozesses angesehen. Die Annahme besteht darin, dass hilflose Menschen ihre Erfolge mit Gluck oder Zufall erklaren, zugleich aber ihre Misserfolge als personliches Ungeschick und unzureichende Fahigkeiten bezeichnen. Bei Misserfolgen wird die Ursache aus einem Selbst heraus, also internal begrundet, wahrend fur Erfolge au- Rere Umstande wie etwa Gluck zur Begrundung herangezogen werden. (ebd., S. 213) Die Form der erlernten Hilflosigkeit hangt nach Abramson et al. von dem jeweiligen Attributionsmuster des Depressiven ab. Es gibt neben dem internalen/ externalen Attributionsmuster noch zwei weitere Formen: global/ spezifisch und stabil/ variabel. Der globale Attributionsstil zeichnet sich durch ein sehr allgemeines Verstandnis der unkontrollierbaren Bedingungen aus, wodurch die Ursachen auf sehr viele Lebenssituationen zutreffen, was zur Folge hat, dass ein einzelner Reiz genugt, urn Hilflosigkeit auszulosen. Demnach ist ein generalisiertes Denkmus- terTeil dieses Attributionsstils. Vergleichsweise dazu bleibt bei einem spezifischen Attributi­onsmuster die Hilflosigkeit auf einzelne spezielle Reize beschrankt. Die Attributionsdimension stabil-variabel lasst sich zeitlich verordnen. Demzufolge werden stabile Ursachen als konstant und anhaltend, beziehungsweise als langlebig und wiederkehrend bezeichnet und erlebt. Da- raus kann wiederum eine chronische Hilflosigkeit hervorgehen. Der variable Attributionsstil zeichnet sich durch gegensatzliches Erleben der unkontrollierbaren Bedingungen aus, wie etwa kurzlebig und vorubergehend. (ebd., S. 215) Urn abschlieRend den Bedeutungsgrad der Attributionsmuster noch einmal zu betonen, lasst sich eine Langsschnittstudie von Nolen- Hoeksema et al. heranziehen. Dabei wurden 168 minderjahrige Kinder untersucht. Erhoben wurden die schulischen Leistungen, depressive Symptome, Lebensereignisse und der Attribu­tionsstil. Es stellte sich heraus, dass die depressive Symptomatik, wie auch der Attributionsstil jahrelang relativ konstant und stabil war. Die Auswertungen der Studie konnten nachweisen, dass Kinder mit einem ungunstigen Attributionsstil verstarkt Leistungsprobleme und depres­sive Symptome aufzeigen (ebd., S. 245 f). Die Fruherkennung, beziehungsweise Primar- und Sekundarpravention bekommen somit einen beachtenswerten Stellenwert. Denn durch die Prevention konnen fundierte aktive Lernprozesse angestoRen werden, wodurch die Selbst- steuerungsfahigkeit und die eigenen Handlungskompetenzen gestarkt werden (Gottersdorfer, 2011, S. 67).

Die negative Interpretation von Erlebtem durch ungunstige kognitive Schemata sind ver- gleichsweise zu Seligman ein Bestandteil der kognitiven Triade von Beck. Der amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Beck stellt mit seinem Modell der kognitiven Depression eine ahnliche Annahme auf. Teil des kognitiven Modells der Depression ist die kognitive Triade, welche aus drei Komponenten besteht. Der Patient weist ein negatives Selbstbild auf, was durch eine fehlerhafte, kranke und benachteiligte Bewertung seiner selbst charakterisiert ist (Beck u. a., 2010, S. 41). Sich selbst zu unterschatzen, zu kritisieren und weitere Personlich- keitsmangel ausfindig zu machen, sind in dieses Selbstbild miteingeschlossen. Die zweite Kom- ponente bildet die negative Beurteilung jeglicher Erfahrungen des Depressiven. Die dritte und letzte Komponente, zeichnet sich durch eine negative Zukunftserwartung aus. Diese ist ge- pragt von einer fehlerhaften Ausfuhrung von Aufgaben, wie auch von Erwartungen hinsicht- lich Benachteiligung und bestandige Muhsal. (ebd., S. 42) Vergleichsweise zu Beck, ist das Mo­dell von Seligman ebenso durch drei Komponenten gekennzeichnet. Die Jnformation uber die Kontingenz von Konsequenz und Reaktion" (Seligman, 2016, S. 44) bildet die Ausgangssitua- tion. Daraufhin folgt die Verarbeitung der Information mit einer daraus resultierenden Erwar- tung, aus der wiederum das Verhalten hervorgeht (ebd.). Die Erwartung ist die Ursache fur begleitende Storungen der Hilflosigkeit. Klassifizieren lassen sich drei unterschiedliche Storun- gen. Hat ein Mensch gelernt, dass die Konsequenz in keiner Abhangigkeit zu dem eigenen Verhalten steht, so wird die Erwartung und damit auch die Reaktionsbereitschaft gesenkt. Dies wird als motivationale Storung bezeichnet. (ebd., S. 45 f) Hierbei konnte ein verhaltens- therapeutischer Ansatz nach Hautzinger, die Steigerung positiver Erfahrungen und Erlebnisse vorsehen (Hautzinger, 2011, S. 566). Dadurch konnte die Erwartungshaltung verandert wer­den, sodass das Ausfuhren willentlicher Reaktionen und Handlungen wiederhergestellt wird (Seligman, 2016, S. 46). Das aktive Lernen der Unabhangigkeit von Konsequenz und Reaktion, was wiederum eine Blockade zum Erfassen der entgegengesetzten Kontingenz bildet, wird als kognitive Storung bezeichnet (ebd., S. 47). Weiter entsteht eine emotionale Storung durch ein traumatisches Erlebnis, sofern der betroffene Mensch nicht lernt, dieses zu kontrollieren. Durch das Lernen der Kontrolllosigkeit entsteht das Gefuhl der Furcht, welches sich uber einen langeren Zeitraum zu einer Depression entwickelt. (ebd., S. 50) lm Vergleich dazu beschreibt Hautzinger weitere Auswirkungen der Depression auf einen Menschen, indem er nicht nur emotionale, kognitive und motivationale Auswirkungen der Depression auffuhrt. Die Sympto- matik depressiver Zustande umfassen nach seinem Verstandnis auch physiologisch-vegetative Symptome, wie beispielsweise Schlafstorungen, erhohte Reizbarkeit, Appetit- und Gewichts- verlust, psychosomatische Beschwerden und noch einiges mehr. Hinzu kommen Veranderun- gen der Motorik von Betroffenen, wie auch des Erscheinungsbildes, was sich in der Korperhal- tung, dem Gesichtsausdruck, der Sprache und der allgemeinen Aktivitatsminderung nieder- schlagt. (Hautzinger, 2013, S. 13) Von Seligman wird die Symptomatik ahnlich beschrieben, jedoch schlieRt er die verringerte Aggressivitat und den zeitlichen Verlauf mit ein (Seligman, 2016, S. 78).

Wie die Aufzahlung der Symptomatik und Beschreibung der Modellkomponenten gezeigt hat, hangt die Depression eng mit der erlernten Hilflosigkeit zusammen. Daraus lasst sich das The- rapieziel ableiten, Depressive in ihrer Erwartung dahingehend positiv zu starken, dass sie die Uberzeugung entwickeln, die Konsequenzen des eigenen Handelns kontrollieren zu konnen (ebd., S. 101). Wie eng eine Verbindung zwischen der Depression und Hilflosigkeit aus biolo- gischer Betrachtungsweise besteht, zeigt eine Studie von 1984. Dabei wurden mannliche Rat­ten unkontrollierten und unvorhersehbaren Schocks ausgesetzt. Diese Schockbehandlung fuhrte zu niedrigeren Niveaus im Hippocampus. Die Daten der Auswertung deuten darauf hin, dass serotoninerge (auf Serotonin reagierend) und noradrenerge (auf Noradrenalin reagie- rend) Mechanismen als Vermittler zur erlernten Hilflosigkeit fungieren. Folglich kann eine er- lernte Hilflosigkeit, aus rein biologischer Sicht, eine Depression herbeifuhren, beziehungs- weise das Risiko an einer Depression zu erkranken erhohen, da Serotonin und Noradrenalin im Korper des Menschen nicht mehr freigesetzt werden konnen. (Hellhammer u. a., 1984, S. 483 f)

Ein weiteres Modell zur Entstehung von Depression, ist das Verstarkerverlustmodell von Le- winsohn. Die Annahme des Modells besteht darin, dass ein Mensch depressives Verhalten auf- zeigt, sofern er fur sein Verhalten keine, oder nur in sehr geringem Umfang, positive Verstar- kung erhalt. (Butschek, 2006, S. 177) Halt diese niedrige Rate der positiven Verstarkung an, so wird die Depression aufrechterhalten. Hinzu kommt, das soziale Umfeld des Patienten, wel­ches das depressive Verhalten kurzfristig mit Sympathie, Hilfe und Anteilnahme aufrechter- halt. Durch den Verlust positiver Verstarkung ziehen sich Betroffene weiter aus ihrem sozialen Kontext zuruck, was den Zugang erschwert. Daraus lasst sich das Therapieziel formulieren, Aktivitaten, wie auch die sozialen Fertigkeiten zu fordern. Demnach ist die Verhaltensaktivie- rung ein wichtiger Bestandteil der Depressionsbehandlung. (Hautzinger, 2013, S. 44 f)

Die dargestellten Modelle haben unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Sicht auf eine de­pressive Storung. Heutzutage werden diese Modelle jedoch nicht als Gegensatze betrachtet, vielmehr wird von einem multifaktoriellen Erklarungsmodell der Depression ausgegangen, weshalb die Behandlung der Depression aus mehreren verschiedenen therapeutischen Inter- ventionen zusammengestellt wird (Stolba u. a., 2011, S. 266).

Fur die Behandlung ist eine Therapeut-Patient-Beziehung notwendig. Unabhangig davon, ob sich ein Patient im stationaren, teilstationaren oder ambulanten Behandlungssetting befindet, ist diese Beziehung die Basis fur eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient. Der Therapeut muss dabei uber interpersonelle Kompetenzen verfugen, um so auf alle Patienten eingehen zu konnen. Dazu zahlt Warmherzigkeit, systemische Aufmerksam- keitslenkung, ein hohes MaR an Offenheit, auch den Patienten gegenuber und noch einige weitere Kompetenzen. Hinzu kommen ethische Grundlagen wie Fursorge, Gleichheit, Gleich- wertigkeit, Achtung der Autonomie, sowie das Nicht-Schadigen der Patienten. (Zimmer, 2011, S. 39 f) Fur das Verhalten im Patientenkontakt ist nach Zimmer das Geduldig-Sein und das Wahrnehmen der Bedurfnisse der Patienten von zentraler Bedeutung. Es gehort aber auch dazu, Patienten zu frustrieren und zu konfrontieren. (ebd., S. 41) AuRerdem konnen fur die Gestaltung der therapeutischen Beziehung die Grundannahmen von Rogers hinzugezogen werden. Als grundlegendste Einstellung des Therapeuten bezeichnet Rogers die Echtheit oder Kongruenz. Es bedeutet, dass eine Therapie am erfolgreichsten ist, wenn der Therapeut sich nicht hinter einer Fassade versteckt, sondern er selbst ist. Diese Transparenz dem Patienten gegenuber beinhaltet auch das offene Ausleben von Gefuhlen und Einstellungen. Diese Kon­gruenz des Therapeuten wird vom Patienten erwidert, da es der Therapeut gewagt hat, ihm echt und real zu begegnen. In diesem Zuge wird eine echte Beziehung zwischen den beiden Beteiligten entstehen. (Rogers, 2013, S. 30 f) Das einfuhlende Verstehen und die Empathie sind wichtig, damit der Therapeut die Gefuhle des Patienten, sowie deren subjektive Bedeu­tung, erfassen kann. Es geht folglich uber die inhaltliche Ebene hinaus. AuRerdem wird die verstandnissuchende Haltung des Therapeuten von Patienten oft wahrgenommen, was ihre Offenheit im personlichen Kontakt verstarken kann. (ebd., S. 23 f) Weiter ist es wichtig Pati­enten mit Wertschatzung und Akzeptanz entgegenzukommen. Diese Zuwendung sollte nicht verborgen, sondern offen gezeigt werden. 1st diese Zuwendung frei von Bewertungen und Be- urteilungen des Patienten, kann von bedingungsfreiem Akzeptieren gesprochen werden. Von Wertschatzung kann ebenso nur dann gesprochen werden, wenn der Therapeut ohne Ein- schrankungen oder Urteile dem Patienten begegnet. (ebd., S. 27) Werden diese Therapiebe- dingungen erfullt, so entsteht eine gegenseitige Offenheit und die Grundlage fur eine thera- peutische Beziehung ist geschaffen. Stellt der Patient fest, dass ihm zugehort wird und sich jemand ihm annimmt, so wird er sich offen zu seinen Gedanken und Gefuhlen auRern. Dadurch kann er lernen sich selbst wahrzunehmen, sich anzunehmen und sich zu akzeptieren, wodurch die Voraussetzung fur Weiterentwicklung geschaffen wird. (ebd., S. 32 f)

Eine therapeutische Intervention kann im stationaren, im teilstationaren oder ambulanten Setting erfolgen. Die ambulante Depressionsbehandlung wird in der Regel in psychotherapeu- tischen Ambulanzen, teilstationaren Einrichtungen, sowie in Beratungsstellen angeboten. Die niederschwelligen MaRnahmen werden im Rahmen der Grundversorgung erbracht. (Schulz u. a., 2011, S. 368) Die teilstationare Behandlungsform wird in der Regel im Anschluss an die stationare Depressionsbehandlung in Anspruch genommen. Daher wird zunachst das statio- nare Setting betrachtet. Dieses zeichnet sich durch einen klar abgegrenzten Schutzraum mit fester Tagesstruktur aus (Zeeck u. a., 2003, S. 420). Zudem ist die Versorgung umfassender und professionelles Personal greifbarer. Eine weitere Besonderheit stellt die Distanz zum so- zialen Umfeld, wie auch zum gewohnten Alltag, dar. Die teilstationare Behandlung wird nor- malerweise in einer Tagesklinik erbracht. Dort wird der Fokus auf die Selbststandigkeit und Eigenverantwortlichkeit gelegt. Daher wird versucht die Alltagsbewaltigung der Patienten zu starken. AuRerdem wird das soziale Umfeld, insbesondere die Familie, mit einbezogen. Nicht unerwahnt sollte die Komm- und Gehstruktur sein, welche charakteristisch fur das teilstatio­nare Setting ist. (ebd.) In beiden Behandlungssettings wird dasTherapieangebot modularisiert und Einzel- und Gruppentherapie wird kombiniert. Weiter werden in die psychodynamisch orientierte Behandlung verschiedene Komponenten, wie kognitiv-behaviorale, familienthera- peutisch-systemisch und edukative, miteinbezogen. (ebd., S. 423)

In der Regel treffen Betroffene die Entscheidung fur eine ambulante Therapie in Absprache mit dem Hausarzt, beziehungsweise der Hausarztin (Schneider, 2004, S. 1897). Die Studie In­sufficient depression treatment in outpatient settings zur Erfassung der allgemeinen Depres­sionsbehandlung in Deutschland, hat gezeigt, dass Hausarzte haufig nicht uber ausreichende Kompetenzen der Diagnosestellung von Depression verfugen und somit nicht die richtige Be­handlungsform wahlen konnen. Deutlich wurde, dass die Leitlinienorientierung am ICD-10 im ambulanten Versorgungssystem verbessert werden sollte, urn so eine Qualitatssteigerung der ambulanten Depressionsbehandlung erreichen zu konnen.

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Details

Seiten
32
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668812956
ISBN (Buch)
9783668812963
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v444174
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart – Soziale Arbeit
Note
1,0
Schlagworte
Ambulante Depressionsbehandlung Interdisziplinäre Zusammenarbeit Soziale Arbeit Prävalenz Pathologie von Depression Entstehungsmodelle von Depression

Autor

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Titel: Ambulante Depressionsbehandlung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit verbessern