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Reittier, Nahrungsmittel oder Staatssymbol. Zur Bedeutung des Pferdes in der Mongolei

Hausarbeit 2016 11 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Über das letzte Jahrhundert der Pferde

2. Die Bedeutung des Pferdes für das Leben als Nomade

3. Das Pferderennen in der Feiertagskultur

4. Das Pferd als Nahrungsquelle

5. Das Pferd als Wappentier der Mongolei

6. Fazit

7. Bibliografie

1. Einleitung - Über das letzte Jahrhundert der Pferde

Die Geschichte von Pferd und Mensch ist fast so alt, wie die Menschheit selbst. Zuerst war das Pferd für den Menschen nur ein Beutetier. In den Steppen Eurasiens wurden ganze Pferdeherden von Menschen auf Abgründe zu getrieben, um dort auf ihrer Flucht in den Tod zu stürzen und den Menschen Nahrung zu bieten. Noch heute zeugen archäologische Funde von diesen Hetzjagden. Doch dann wird in der Geschichte das Beutetier Pferd zum Nutztier und es begann das, was der Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff, als das große Pferdezeitalter bezeichnet. Dieses Zeitalter ist vom sogenannten kentaurischen Pakt geprägt , der zwischen Fluchttier Pferd und Homo Sapiens abgeschlossen wurde. Ein intelligentes Säugetier bemächtige sich, laut Raulff, eines anderen Säugertiers in paradoxer Weise, da der Mensch den Fluchtinstinkt des Pferdes, den Urinstinkt den sich der Mensch zuvor bei der Jagd auf das Pferd zu Nutze gemacht hatte, zu unterbinden sucht.1 Der wichtigste Nutzen, den der Mensch aus dieser Allianz zieht, ist die Geschwindigkeit des Pferdes. „Das Pferd war die Tempomaschine par excellence; als solche ermöglichte es Herrschaft in einem territorialen Umfang, wie sie ohnedem undenkbar gewesen wäre.“2 Zweifellos waren die zwar kleinen, aber schnellen und ausdauernden mongolischen Pferde einer der wichtigsten Faktoren bei der Errichtung des größten Mongolenreiches durch Dschingis Khan. Man kann also sagen, dass das mongolische Pferd der ausschlaggebend Faktor für die Errichtung des größten Imperiums der Menschheitsgeschichte überhaupt war. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Geschichte des kentaurischen Pakts in den Steppen Eurasiens seinen Anfang nahm, denn dort ist der letzte Verwandte des Urpferdes, das Przewalski-Pferd oder auch mongolisches Wildpferd genannt, beheimatet. (Abb.2) Seit Jahrhunderten ist es durch die Jagd und die Eingriffe in seine natürliche Umgebung durch den Menschen vom aussterben bedroht.3 Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung nennt Ulrich Raulff sein 2015 erschienenes Buch, das den Exodus des Pferdes aus der Geschichte der Menschheit beschreibt. Autos, Traktoren und andere Zugmaschinen haben die Aufgaben des Pferdes in der historischen Allianz Stück für Stück übernommen. Heute, im Nachpferdezeitalter, wie Raulff es nennt, ist das Pferd nur noch Haustier und sportlicher oder therapeutischer Partner.4 Doch das betrifft nicht alle Gebiete der Erde. Die Mongolei ist ein Beispiel. Zwar werden auch hier die Pferde durch mechanische und technische Geräte teilweise abgelöst, dennoch ist es, wie schon seit Jahrtausenden, ein fester Bestandteil der mongolischen Kultur und aus ihr kaum wegzudenken.

In der Mongolei, wo die historische Allianz aller Wahrscheinlichkeit nach ihren Anfang nahm, lässt die Trennung, von der Raulff spricht, noch auf sich warten. Das besondere der Mongolei ist, dass hier immer noch Bevölkerungsteile in der traditionellen, nomadisch geprägten Lebensart leben. Die Mongolei ist eines der wenigen Länder, in denen das Pferd noch große Bedeutung im Alltag, ja für das Überleben in der Steppe überhaupt, besitzt. Das Folgende soll einen Versuch darstellen, Zeugnisse darüber zu geben, dass das Pferd nicht in allen Ländern der Welt sein letztes Jahrhundert bereits erlebt hat. Sicher hat mit der Industrialisierung auch in der Mongolei bereits ein Stück weit eine Trennung eingesetzt, aber sie ist noch lange nicht abgeschlossen.

2. Die Bedeutung des Pferdes für das Leben als Nomade

Am wichtigsten ist die Bedeutung des Pferdes in der Mongolei für die Menschen der Bevölkerung, die in der nomadischen Weise leben. Der Reichtum der Nomaden misst sich dabei nicht in Geld, sondern in der Größe ihrer Herde. Sie passen sich dabei eng an die Bedürfnisse ihrer Tiere an. Sie ziehen mehrmals im Jahr mit Familie, den Jurten und ihren Herden aus Nutztieren von Ort zu Ort, um Wasser und Weideland zu finden. Nur deshalb sind Nomaden überhaupt unterwegs. Alles was sie zum Leben brauchen, wird auf Pferden, Kamelen oder LKWs befestigt und in ein anderes festgesetztes Weidegebiet gebracht, das mindestens dreißig Kilometer entfernt liegt.5

Schon seit 2000 v. Chr. sind Pferde als Reitpferde in den mongolischen Steppen dokumentiert, aber man geht davon aus, dass Pferde schon seit fünftausend Jahren von den Mongolen als Reittiere genutzt wurden. Untersuchungen zeigen, dass das heutige mongolische Reitpferd eng mit den Urpferden und seinen Nachfahren, den Przewalskis verwandt ist. Von ihm stammen viele moderne Pferderassen aus aller Welt ab. Sein Körperbau ist eher von kleiner Statur. Es hat sehr kräftige Beine, einen kurzen Rücken, eine üppige Mähne und besonders harte Hufe. Seine Genügsamkeit und Robustheit, seine Kraft und Ausdauer passen das mongolische Pferd ideal an das Leben in der Steppe an. Es dient als Reitpferd, Packpferd, Zugtier und Milch- und Fleischlieferant. Die traditionell lebenden Nomaden sollen heute ungefähr drei Millionen Tiere halten.6 Statistiken zeigen, dass 2013 etwa 850.000 Menschen in Mongolei auf dem Land lebten und etwa dreimal so viele Pferde. (Vgl. Diagramm Abb. 1)

Die Genügsamkeit des mongolischen Pferdes macht seine Haltung besonders einfach. Es lebt das ganze Jahr über im Freien und sucht sich sein Futter selbst. Der Tourismus und der Export seines Fleisches nach China und Japan spielt sicherlich eine große Rolle bei der groß angelegten Züchtung von Pferden in der Mongolei, aber der wichtigste Faktor bleibt weiterhin der Nutzen des Pferdes im alltäglichen Leben der Nomaden. Um neues Weideland für die Tiere mit frischem Weidegrund zu haben und alte Weiden nicht zu überweiden, ziehen die mongolischen Nomaden von Zeit zu Zeit an einen anderen Standort. Als es noch keine Lastwagen gab, war auch das Pferd neben anderen Lastentieren ein wichtiger Helfer beim Umzug. Auch heute finden viele Umzüge mit Pferden oder Kamelen statt, immer öfter ist es aber auch ein LKW, der den Umzug ermöglicht. Solange die Jurte an einem festgelegten Platz einmal steht, wird um sie herum eine festgelegte Zone der Häuslichkeit errichtet. An der äußersten Grenze dieser Zone, werden die Anbinder für die Pferde errichtet, 5-6 Meter südöstlich von der Jurte. Nordwestlich bildet die Grenze dann das Viehgatter und noch weiter entfernt die Latrine.7 Die Pferde sind also noch Teil der häuslichen Welt und leben eng, Seite an Seite mit dem Menschen aneinander. In der Nähe der Jurte sind jedoch nur die jungen Tiere angebunden. Das hält ihre Mütter davon ab, die Nähe der Jurte zu verlassen. So können die Frauen, nachdem sie die Fohlen kurz trinken lassen, die Stuten melken. Oft müssen die Stuten alle zwei Stunden am Tag gemolken werden. Aus der Milch wird dann der nahrhafte Airaq oder auch Kumy ß genannt, hergestellt. Während die Frauen sich hauptsächlich in der Nähe der Jurte aufhalten, hüten die Männer meist die weiter entfernten Herden. Das Pferd hilft mit seiner Geschwindigkeit und seinem Reaktionsvermögen beim Viehtrieb und beim Einfangen verloren gegangener Tiere. Pferde, die nicht geritten oder gemolken werden, leben in einer größeren Herde auf den Weiden, die weiter von der Jurte entfernt sind. Dabei kann es vorkommen, dass die Männer über mehrere Tage Aufgaben bei den Herden erledigen und die Frauen einige Zeit auf sich allein gestellt sind. Alle Mitglieder der Familie lernen vom Kindesalter an das reiten. Doch die Pferdezucht ist eine Familientradition, die den Söhnen vorbehalten ist und von ihnen fortgeführt wird. Ihnen obliegt es mit der urga, einer langen, biegsamen Lassostange, die jungen, wilden Hengste einzufangen und an den Sattel zu gewöhnen. Namen erhalten nur wenige Pferde. Vielleicht ist es so leichter, sie eines Tages zu schlachten. Allein die Rennpferde, die von manchen Nomaden als eine Art Hobby gezüchtet werden, dürfen eines natürlichen Todes sterben und erhalten Namen. Es handelt sich bei den Rennpferden um Pferde, die zum Rennen des Naadam Festes und zu anderen Rennen starten. Sie erhalten gegenüber den gewöhnlichen Nutzpferden eine besondere Behandlung. Zum Beispiel dürfen sie nur nachts fressen, da sie sonst zu dick werden, um schnell laufen zu können. Die anderen Pferde dienen als Fortbewegungsmittel, Packpferd, der Milch- oder Fleischproduktion. Oder auch als Zugtier, zum Beispiel bei der aufwendigen Herstellung von Filz.8 Filz wird bei den Nomaden im Sommer oder Herbst hergestellt. Tierwolle wird gekämmt, auf einer Lederunterlage ausgebreitet und mit Wasser befeuchtet. Einen Tag lang wird die Wolle durch Schlagen vom Schmutz befreit. Die Aufgabe der Pferde ist es, eine große Holzrolle über die Wolle zu ziehen, um diese zu festigen.

3. Das Pferderennen in der mongolischen Feiertagskultur

Eines der wichtigsten Feste in der mongolischen Feiertagskultur, ist das Naadam Fest oder auch Nagadom ganannt, die drei Spiele der Männer. Im letzten Sommermonat werden die drei sportlichen Wettkämpfe Bogenschießen, Ringen und Pferderennen, morin uraldukhu, veranstaltet. Die Geschichte des Festes reicht bis ins Altertum, als Ehrung des Herrengeistes der Landschaft und der Sippenvorfahren, zurück. Spätestens unter Dschingis-Khan und seinen Nachfahren wandelte es sich zum kriegerisch-sportlichen Training, in dem die Krieger ihre Kampfkraft in den drei Disziplinen erproben konnten. Heute wird es in Erinnerung an die Revolution von 1921 vom 11. bis 13. Juli jeden Jahres als Staatsnaadam gefeiert. Die drei sportlichen Disziplinen werden von Kulturveranstaltungen, nationaler Symbolik und einem Volksfest mit Jahrmarktcharakter umrahmt. Über das Pferderennen schreibt u.a. N.A. Shukowskaja, dass es der populärste Wettkampf des Festes sei, da jeder Mongole bereits seit der Kindheit reite. Hier gebe es keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen, da es auf das gute Training der Pferde ankomme. Außerdem sind die Jockeys meist Kinder im Alter von 8-13 Jahren, da diese leichter sind und das Pferd weniger beim rennen behindern. (Abb. 4) Diese Kinder lernen seit ihrer Geburt den Umgang und das reiten mit Pferden und können sich schon mit 2-3 Jahren im Sattel halten. Der Umgang mit Pferden ist fester Bestandteil des nomadischen Lebens und wie ein gutes Rennpferd ausgebildet wird ist seit Jahrhunderten bekannt und ist ein geheimes Wissen, das vom Vater an den Sohn weiter gegeben wird. Es werden vor dem Naadam Fest Vorbereitungsrennen veranstaltet, in denen sich Pferd und Reiter erproben können. Das wichtigste bei dem vorbereitenden Training sei, laut Shukowskaja, dem Pferd beizubringen nicht zu sehr zu schwitzen und sich auf der Strecke nicht zu sehr abzuhetzen. Daher wird es häufig zu den heißesten Tageszeiten trainiert oder mit einem Schafsfell in die Berge geschickt, um überschüssiges Fett abzuarbeiten.

[...]


1 Vgl. Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung. München 2015.

2 Vgl. ebd., S. 16.

3 Vgl. über das Przewalski-Pferd siehe: Sándor Bökönyi: Das Przewalski-Pferd oder Das mongolische Wildpferd. Die Wiederbelebung einer fast ausgestorbenen Tierart. Deutsche Bearbeitung von Wolfgang Meid. Budapest/ Innsbruck 2008

4 Vgl. Raulff.

5 Vgl. N.A. Shukowskaja: Kategorien und Symbolik in der traditionellen Kultur der Mongolen. Berlin 1995

6 Vgl. Norbert Bene>

7 Vgl. Shukowskaja.

8 Vgl. zur Pferdezucht siehe: Angela Köckritz: Der Pferdeflüsterer. Wie führt ein Nomade sein Business? Besuch bei Turmurbaatar, einem der größten mongolischen Pferdezüchter. Online unter: http://www.zeit.de/2012/43/Mongolei-Pferdezucht-Turmurbaatar (abgerufen am: 26.08.2016)

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668812185
ISBN (Buch)
9783668812192
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v443756
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institur für Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Pferd Mongolei Naadam Pferderennen Das letzte Jahrhundert der Pferde Ulrich Raulff kentaurischer Pakt Nomadentum Airaq Kumyß Dschinghis Khan Wappentier

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Titel: Reittier, Nahrungsmittel oder Staatssymbol. Zur Bedeutung des Pferdes in der Mongolei