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Soziale Arbeit und Demenz. Ein Wegweiser für die Beratung pflegender Angehöriger

Fachbuch 2018 56 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziale Arbeit und Demenz im Handlungsfeld Beratung pflegender Angehöriger
2.1 Das Krankheitssyndrom „Demenz“ am Beispiel der Alzheimer-Krankheit
2.1.1 Das Krankheitsbild Demenz
2.1.2 Primäre Demenzen
2.1.3 Die Alzheimer-Krankheit
2.2 Rechtliche Grundsätze zur Versorgung demenziell erkrankter Menschen
2.2.1 Abgrenzung der Begriffe Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit und Zuordnung des Krankheitssyndroms Demenz
2.2.2 Aktuelle Regelungen für die Versorgung demenziell erkrankter Menschen
2.3 Beratung als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit
2.3.1 Die Beratung pflegender Angehöriger
2.3.2 Das Konzept des Care- und Case-Managements

3 Fazit

4 Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Lehrbücher
4.2 Kommentare
4.3 Sonstige Quellen

1 Einleitung

Warum bedarf das Thema „Demenz“ in unserer Gesellschaft einer hohen Aufmerksamkeit? Zur Erläuterung seien aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in Betracht gezogen, die Einfluss auf die Situation der Betroffenen und derer Angehörigen ausüben.

Demographische Entwicklungen

Die deutsche Bevölkerungsstruktur verändert sich: während die Geburtenrate abnimmt, steigt die Lebenserwartung, was eine Verringerung der Gesamt­bevölkerung und zugleich eine Überalterung unserer Gesellschaft bewirkt. Mit der höheren Lebenserwartung geht auch die Zunahme der Pflegebedürftigkeit einher. So hat der demographische Wandel eine Schaffung komplexer Pflege- und Betreuungsleistungen zur Folge. Um menschenwürdige Pflege und Betreuung zu gewährleisten, wurden in den Sozialgesetzbüchern viele Rechte und Gesetze bezüglich alter, kranker und von Behinderung betroffener Menschen veröffentlicht. Die Komplexität verschiedener Möglichkeiten und Rechte macht das Angebots- Leistungs- und Hilfsspektrum für viele Betroffene und Angehörige undurchsichtig und unverständlich. Professionelle Beratung wird notwendig. Ein breites Handlungsfeld für die Soziale Arbeit tut sich auf.

Pluralisierung der Lebensformen und Individualisierungsthese

Die Stabilität von Ehe und Familie nimmt kontinuierlich ab und Familien­konstellationen verändern und pluralisieren sich. „Die Familie“ gibt es nicht mehr, sondern nur „Familien“. Dies wird aktuell in vielen Veröffentlichungen thematisiert. Den Wandel begründen verschiedene Autoren mit der ökonomischen Wohlstands­steigerung, dem sozialstaatlichen Absicherungssystem und dem gestiegenen Bildungsniveau. Diese aktuelle Entwicklung der Pluralisierung der Lebensformen wird durch verschiedene Thesen bezeichnet. Während einige Autoren die aktuellen Vorgänge als Chance auf mehr individuelle Freiheit sehen und von einem Individualisierungsprozess sprechen, bedauern andere diesen Traditionsverlust und bezeichnen das Geschehen als „De-Institutionalisierungsprozess der Familie“.[1] „Die Zunahme der Scheidungen und die höheren Quoten von Alleinlebenden und Unverheirateten sowie der Rückgang der durchschnittlichen Kinderzahl und die steigende Kinderlosigkeit können zu Engpässen im Unterstützungspotential der zukünftigen Älteren führen […]. Zugleich könnte die Bereitschaft und Fähigkeit zur Übernahme von Pflege- und Betreuungsleistungen durch die Trends der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebensformen […], durch eine vom Ausbau sozialstaatlicher Leistungen begünstigte Abnahme familialer Bindungen und Verpflichtungen […], durch eine steigende Erwerbsbeteiligung der Frauen, ein späteres Ausscheiden aus dem Erwerbsleben oder die vielfach geforderte höhere Mobilität und Flexibilität der Erwerbstätigen […] abnehmen.“[2] Die Entwicklung der Pluralisierung der Lebensformen verringert möglicherweise die Bereitschaft zur familialen Pflege und Betreuung. Gleichzeitig verändert sich die deutsche Bevölkerungsstruktur: während die Geburtenrate abnimmt, steigt die Lebens­erwartung, was eine Verringerung der Gesamtbevölkerung und zugleich eine Überalterung unserer Gesellschaft bewirkt. Mit der höheren Lebenserwartung geht auch die Zunahme der Pflegebedürftigkeit einher. So hat der demographische Wandel eine Schaffung komplexer Pflege- und Betreuungsleistungen zur Folge. Die zu koordinieren ist ein Handlungsfeld für die Soziale Arbeit.

Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession

Soziale Arbeit wird als eine Menschenrechtsprofession verstanden. So werden in der „Definition of Social Work“ des Internationalen Berufsverbandes der Sozialen Arbeit (IFSW = International Federation of Social Workers) die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit als Grundlagen der Sozialen Arbeit beschrieben. „Soziale Arbeit als Beruf fördert den sozialen Wandel und die Lösung in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift Soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten.“[3] Der systemtheoretische Ansatz der Sozialen Arbeit begründet die Menschenwürde als Notwendigkeit zum Schutz vor der Verletzung objektiv vorliegender menschlicher Bedürfnisse. Werte werden als Eigenschaften, die den Menschen alltags- und entwicklungsfähig machen, bezeichnet. Die Umsetzung dieser Werte unterstützt die Soziale Arbeit „durch ihre Mitarbeit an der Bewältigung, Minimierung und Verhinderung sozialer Probleme auf individueller und sozialstruktureller Ebene“, was sie als Menschenrechts­profession auszeichnet.[4] Die Menschenrechte stehen jedem bedingungslos zu, aber Voraussetzung zu deren Realisierung ist die Einhaltung moralischer Pflichten durch die Menschen.[5] Doch besonders für die Adressaten der Sozialen Arbeit sind die gesetzlichen Ansprüche oft nicht verwirklicht.[6] So ist zum Beispiel auch „der für Menschen mit Behinderung in SGB IX § 1 formulierte Anspruch, dass alle Menschen ein Recht auf volle Selbstbestimmung und Teilhabe ohne Benachteiligung an der Gesellschaft haben, […] längst nicht umgesetzt.“[7] „Ilse Arlt zufolge wird der Entwicklungsstand einer Gesellschaft nicht nur durch seine Höchstleistungen, sondern auch durch seine >> Grenznot << bestimmt: also die tiefste geduldete Entbehrung. Diese tiefste geduldete Entbehrung lokal, national und international an die Öffentlichkeit zu tragen und im Lichte der Menschen, insbesondere Sozialrechte zu beurteilen sowie durch die erneuerte Verknüpfung von Sozialer Arbeit und Sozialpolitik einzubringen, das wäre wohl einer der wichtigsten disziplinären und professionellen Aufträge der Sozialen Arbeit.“[8] Spatscheck ruft dazu auf, denen Teilhabe zu ermöglichen, die bisher davon ausgeschlossen wurden und so den Menschenrechten mehr Geltung zu verschaffen. Hierbei sollte sich die Soziale Arbeit hohe Ideale als Orientierungspunkte setzen. Menschenrechte werden als Realutopien betrachtet, deren Umsetzung stets neu verdeutlicht und erkämpft werden muss. Als konkrete Aufgaben der Sozialen Arbeit nennt Spatschek die „advokatorische Tätigkeit in der Rechtsberatung“ zur Umsetzung fundamentaler bürgerlicher und politischer Rechte sowie Rechte zur Teilhabe an der Gesellschaftsgestaltung; die „Mitwirkung am Aufbau und Erhalt des Sozialstaates durch sozialpolitisches und organisatorisches Engagement, Forschung und beispielhaftes Handeln in Institutionen“ zur Verwirklichung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte; die Gemeinwesenentwicklung zur Bekräftigung der Rechte auf Entwicklung, gerechten Zugang zu wirtschaftlichen Erträgen, Leben in einer sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft, Selbstbestimmung; die Menschenrechtsbildung; das Vorleben sowie öffentliche Diskurse.[9]

Was haben alle diese Entwicklungen mit der Krankheit Demenz zu tun? Viel, denn mit dem Anstieg der Lebenserwartung und der Zunahme der Pflegebedürftigkeit geht auch die Zunahme der Demenzerkrankungen einher – vielleicht sollte man sogar sagen: mit der Zunahme der Demenzerkrankungen geht auch die Zunahme der Pflegebedürftigkeit einher?

Die Pluralisierung der Lebensformen bzw. die Deindustrialisierung der Familie kann genau das Gegenteil von dem bewirken, was ein demenziell erkrankter Mensch am nötigsten braucht: Aufmerksamkeit, Gesellschaft, Verständnis und Zuneigung. Die Schaffung vielseitiger Angebote und die Finanzierung verschiedener Leistungen nützt Betroffenen – den Weg durch diesen Angebots-Dschungel aufzuzeigen, ist eine wichtige Funktion der Sozialen Arbeit.

2 Soziale Arbeit und Demenz im Handlungsfeld Beratung pflegender Angehöriger

2.1 Das Krankheitssyndrom „Demenz“ am Beispiel der Alzheimer-Krankheit

2.1.1 Das Krankheitsbild Demenz

2.1.1.1 Allgemeine Beschreibung

Der Begriff Demenz bezeichnet ein Syndrom, das als Folge einer Gehirnkrankheit auftritt und welchem unterschiedliche ursächliche Erkrankungen zugrunde liegen können.[10] Bezeichnend ist die Übersetzung der lateinischen Worte ‚de‘ = ‚weg/ohne‘ und ‚mens‘= ‚Geist/Verstand‘. „Bei der Demenz kommt es zu einer deutlichen Abnahme der intellektuellen Leistungsfähigkeit und gewöhnlich zu Beeinträchtigungen in den persönlichen Aktivitäten des täglichen Lebens […]. Wie sich die Beeinträchtigung äußert, hängt stark von den sozialen und kulturellen Gegebenheiten ab, in denen die betroffene Person lebt.“[11] Geistige und damit einhergehend auch körperliche Fähigkeiten gehen verloren und die Wahrnehmung, das Verhalten und das Erleben eines Menschen verändern sich. Diese Veränderungen sind chronisch und nehmen mit fortschreitendem Krankheitsverlauf zu.

2.1.1.2 Diagnose

Nach der von der WHO herausgegebenen und fortgeschriebenen Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (International Classification of Diseases) ICD-10, Abschnitt V (F), wird eine Demenz dann diagnostiziert, wenn für einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten die Symptome Gedächtnisschwund, Verringerung des Denk- und Urteilvermögens sowie eine beeinträchtigte Informationsverarbeitung und eine damit einhergehende Einschränkung der Alltagskompetenz nachgewiesen werden.[12]

Auch das von der American Psychiatric Assosciation 1994 herausgegebene Klassifikationssystem DSM-IV-TR (Diagnostische Kriterien des Diagnostischen und Statischen Manuals Psychischer Störungen) stellt diagnostische Kriterien zur Verbesserung der Zuverlässigkeit diagnostischer Urteile bereit. Wallesch und Förstl weisen auf die Problematik hin, dass die in dem DSM-IV-TR festgelegten Kriterien für die Diagnose Demenz hauptsächlich auf das Bild der Alzheimer-Krankheit zugeschnitten sind, aber einige Demenzformen in frühen Phasen wie die frontotemporale Demenz und die Demenz mit Lewy-Körperchen, deren alltagsrelevante Behinderungen nicht vordergründig durch Gedächtnisstörungen charakterisiert sind, nicht berücksichtigen.[13]

Zur Diagnose durch den Hausarzt sind folgende Informationen notwendig:

- Beschwerdeschilderung und Anamnese des Patienten
- Fremdanamnese
- Neurologische und orientierend-internistische Untersuchung
- Zumindest orientierende Untersuchung kognitiver Funktionen[14]

Bei der Diagnosestellung sind Differenzialdiagnosen, also andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen, zu beachten und zu unterscheiden. Wichtige Differenzialdiagnosen bei Demenz sind z.B. Depressionen, Flüssigkeits- und Nährstoffmangel, Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten und Funktionsstörungen der Schilddrüse. Symptome sollten auf ihre Ursachen untersucht werden, bevor eine Demenz diagnostiziert wird.[15] Definition Demenz

2.1.1.3 Definition Demenz

Definition durch Klassifikationssysteme

DSM-IV-TR definiert wie ICD-10 „Demenz zunächst allgemein als psychopathologisches Syndrom aus einer erworbenen Störung hinsichtlich Denken, Orientierung/Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen“, mit dem auch „Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens und der Motivation“ einhergehen, insofern „die kognitiven Beeinträchtigungen […] nicht nur im Rahmen eines Delirs auftreten, […] eine Verschlechterung gegenüber einem vormals höheren Leistungsniveau darstellen und so stark ausgeprägt […] [sind], dass sie sich in einer reduzierten Alltagskompetenz niederschlagen.“[16]

Ein „Delir“ ist nach DSM-IV-TR 293.0 über die Kriterien einer Bewusstseinsstörung mit eingeschränkter Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu richten, aufrecht zu erhalten oder zu verlagern definiert. Kognitive Funktionen verändern sich. Dieses Störungsbild entwickelt sich innerhalb kurzer Zeitspanne und fluktuiert im Tagesverlauf.

International anerkannte Definition 1984

Folgende international gültige Definition wurde 1984 von einer Arbeitsgruppe von Neurowissenschaftlern und Ärzten in den USA ausgearbeitet:

„Dementia is the decline of memory and other cognitive functions in comparison with the patient’s previous level of function as determined by a history of decline in performance and by abnormalities noted from clinical examination and neuropsychological tests. A diagnosis of dementia cannot be made when consciousness is impaired […] or when other clinical abnormalities prevent adequate evaluation of mental status. Dementia is a diagnosis based on behavior […].”[17]

„Demenz ist das Nachlassen des Gedächtnisses und anderer kognitiver Funktionen im Vergleich zu früheren Funktionsniveaus des Patienten, bestimmt durch eine Anamnese nachlassender Leistung und durch Anomalien, die anhand der klinischen Untersuchung und neuro-psychologischer Tests festgestellt werden. Die Diagnose Demenz kann nicht gestellt werden, wenn das Bewusstsein beeinträchtigt ist oder wenn andere klinische Anomalien eine adäquate Beurteilung des Geisteszustandes verhindern. Demenz ist eine auf Verhalten beruhende Diagnose […].“[18]

2.1.1.4 Demenzformen

Die Demenzen lassen sich grob in die zwei Hauptgruppen „primäre“ und „sekundäre Demenzen“ einteilen. Diesen beiden Gruppen sind verschiedene Krankheitsformen untergeordnet.[19] Die primären Demenzen werden durch direkte Hirnschädigung hervorgerufen. Die Ursachen dieser Schädigungen können neurodegenerativ (siehe 2.1.2.1) und/oder vaskulär (siehe 2.1.2.2) sein oder mit anderen Krankheiten, z.B. der Creutzfeld-Jacob-Krankheit, der Parkinson-Krankheit oder Chorea Huntington zusammenhängen (siehe 2.1.2.3).[20] Bei primären Demenzen, von welchen nach Engel 90% aller an Demenz erkrankten Menschen betroffen sind, kann der Verlauf – anders als bei sekundären Demenzen zwar verlangsamt, aber nicht unterbrochen werden.[21] Unter sekundären Demenzen versteht man Demenzen, die durch Erkrankungen außerhalb des Gehirns hervorgerufen werden.[22] Deshalb werden sie auch als „Folgedemenzen“ bezeichnet.[23] „Die meisten sekundären Demenzen werden durch die typischen Ursachen wie Medikamente, Alkohol oder Stoffwechselveränderungen verursacht, gerade aber bei jüngeren Betroffenen oder unklaren Verläufen muss auch an Sonderformen, wie parasitäre Erkrankungen oder Vergiftungen, gedacht werden.“[24] So sind beispielsweise an Epilepsie, Vergiftungen, Vitamin B12-Mangel, oder Multiple Sklerose Erkrankte von einem erhöhten Risiko betroffen, auch an Demenz zu erkranken.[25] Außerdem ist ein Risikofaktor für die Demenzkrankheit auch ein hoher Blutdruck.[26] Sekundäre Demenzen werden als reversible, also rückbildungsfähige Demenzerkrankungen bezeichnet, da die Behandlung der ursächlichen Erkrankung zur Rückbildung der Beschwerden führen kann.[27] „Als häufigste Ursache einer Demenz gilt in den westlichen Ländern die Alzheimer-Krankheit, deren Anteil auf mindestens zwei Drittel der Krankheitsfälle geschätzt wird, gefolgt von den vaskulären Demenzen […]. Oft treten Mischformen der beiden Krankheitsprozesse auf.“[28]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Primäre und Sekundäre Demenzen[29]

In Feldstudien werden meist nur die Alzheimer-Demenz, vaskuläre Demenzen und sonstige Demenzen unterschieden.[30] Folglich werden deshalb die primären Demenzen näher erläutert und die verbreitete Alzheimer-Krankheit als Beispiel fokussiert betrachtet.

2.1.2 Primäre Demenzen

2.1.2.1 Neurodegenerative Demenzen

„Der Begriff Neurodegeneration bezeichnet alle Arten von Verfallserscheinungen im Nervensystem.“[31] Neurodegenerative Veränderungen kommen „am häufigsten im Rahmen von Krankheiten, die durch den langsamen, unaufhaltsamen Tod von Nervenzellen gekennzeichnet sind“, vor.[32] Neurodegenerative Demenzen sind Demenzen, die durch sich ausweitende Schadensprozesse in und an den Nervenzellen des Gehirns verursacht werden.[33] Gehirngewebe wird abgebaut und Neurotransmitterpegel verändern sich (siehe 2.1.2.4).[34] Zu dieser Gruppe zählen zum Beispiel die verbreitete Alzheimer-Demenz oder die Demenz mit Lewy-Körperchen.[35] Weitere Demenzformen, die dieser Gruppe angehören, kommen so selten vor, dass oft in der Fachliteratur statt von Neurodegenerativen Demenzen nur von der Alzheimer-Demenz allgemein gesprochen wird.

2.1.2.2 Vaskuläre Demenzen

Mit vaskulären Demenzen sind Demenzen gemeint, die durch Gefäßschädigungen, die sich im gesamten Körperkreislauf, also auch im Gehirn entwickeln, verursacht werden.[36] Letztere werden als Hirnläsionen bezeichnet. Das sind vor allem stumme Hirninfarkte oder klinisch klare Schlaganfälle.[37] Winzige Infarkte, verursacht durch Zerebralsklerose (siehe 2.1.2.4), können Entzündungen und Plaques (= Ablagerungen) in den Blutgefäßen des Gehirns zur Folge haben. Dadurch verengen sich die Blutgefäße und nachfolgende Gehirnbereiche werden nur mangelhaft mit Sauerstoff versorgt, was zum Absterben des Gehirngewebes führen kann.[38] Zu der Gruppe der vaskulären Demenzen zählt beispielsweise die Multiinfarkt-Demenz.[39]

2.1.2.3 Demenzen aufgrund anderer medizinischer Krankheitsfaktoren

Wenn das Störungsbild als direkte körperliche Folge eines medizinischen Krankheitsfaktors, außer einer Alzheimer oder Vaskulären Demenz (z.B. einer Parkinsonischen Erkrankung, einer Hungtintonschen Erkrankung, oder einer Creutzfeldt-Jakobschen Erkrankung) ist, spricht man nach DSM-IV-TR 294.1x von einer primären Demenz bei anderer Krankheit.

2.1.2.4 Vorgänge im Gehirn

Zum Verständnis Neurodegenerativer Demenzen

In einem ausgewachsenen Gehirn befinden sich zehn bis 14 Milliarden Neuronen (= Nervenzellen).[40] „Die Aufgabe von Nervenzellen ist die Weiterleitung von Reizen.“[41] Die Neuronen melden also dem Gehirn durch elektrische Impulse innere und äußere Reize. Die Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen sind Spalte und heißen Synapsen.[42] Dort schütten Neuronen Neurotransmitter (=Botenstoffe) aus, die von Rezeptoren der anderen Neuronen aufgenommen und zum Durchlaufen der nächsten Nervenzelle weitergegeben werden.[43]

Die verschiedenen Neurotransmitter (z.B. Dopamin, Serotonin, Acetylcholin, Glutamat) haben unterschiedliche Wirkungen. „Bei verschiedenen neurologischen oder psychischen Erkrankungen lassen sich Veränderungen der Neurotransmitterspiegel beobachten: Bei Parkinson liegt ein Dopamidefizit vor, bei Alzheimer ist die Acetylcholinproduktion im Gehirn reduziert, da die dafür zuständigen Nervenzellen zugrunde gehen. Bei Depressionen wird ein verminderter Spiegel des Neurotransmitters Serotonin gemessen.“[44] Es wurden also bei Folgeerscheinungen von Demenzen auch zugleich Veränderungen des Neurotransmitterspiegels beobachtet.

Da das Gehirn keine eigenen Nährstoff- und Sauerstoffreserven hat, ist die Blutversorgung durch die Schlagadern von enormer Wichtigkeit. Wird diese unterbrochen, leidet das Gehirn Sauerstoffmangel, was die Funktionstüchtigkeit des Gehirns in großem Ausmaß gefährdet: „Bereits nach ca. 10 Sek Unterbrechung der Versorgung trübt sich das Bewusstsein ein, nach 2-3 Minuten treten permanente Schäden auf und Nervenzellen sterben ab.“[45]

Verschiedene körperliche Mechanismen schützen dieses lebenswichtige und empfindliche Organ, so z.B. die „Blut-Hirn-Schranke“, die als Barriere zwischen Blutgefäßen und Gehirn wirkt. Bei vielen neurologischen Krankheiten, unter anderem der Alzheimer-Demenz ist die Funktion dieser Barriere beeinträchtigt, da sie durch einen zu hohen Cholesterinspiegel im Blut beschädigt wurde.[46]

Zum Verständnis vaskulärer Demenzen

Arterien = Blutbahnen, Adern

Sklerose = Verhärtung von Geweben und Organen

„Bezüglich der Veränderungen von Neurotransmitterspiegeln und assoziierten Parametern im Vergleich zur Alzheimer-Erkrankung liegen nur wenige Befunde vor.“[47]

Vaskuläre Demenzen werden durch Durchblutungsstörungen verursacht, „deren Ursache wiederum eine krankhafte Veränderung der Arterien (Arteriosklerose) ist. Bei einer Arteriosklerose im Gehirn spricht man von einer Zerebralsklerose […].“[48]

Risikofaktoren für Zerebralsklerose sind z.B. Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel.[49]

2.1.3 Die Alzheimer-Krankheit

2.1.3.1 Allgemeines zur Alzheimer-Krankheit

Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form der Demenzerkrankungen.[50] Vermutlich deshalb widmeten sich bisher „die weitaus meisten neuro­psychologischen Demenzstudien der Alzheimer-Demenz.“[51] Sie ist nach dem deutschen Neurologen und Psychiater Alois Alzheimer benannt, der diese bei einer Patientin beobachtete und die Ursachen untersuchte.[52] Man unterscheidet bei der Alzheimer-Krankheit bei der Altersgrenze von 65 Jahren zwischen früh-einsetzenden und spät-einsetzenden Varianten, die frühere Unterscheidung seniler und präseniler Formen werden als heute nicht mehr tragbar bezeichnet, da die krankhaften Vorgänge im Gehirngewebe sich nicht unterscheiden.[53] Auffällig ist, dass die Krankheit bei jüngeren Menschen rascher verläuft als bei älteren.[54]

2.1.3.2 Ursache

„Verursacht werden die Beschwerden durch eine Atrophie (Untergang von Gewebe) der Großhirnrinde. Bei schweren Verläufen kann das Gehirn um bis zu 20% seines ursprünglichen Volumens schrumpfen. Die Hirnkammern (Ventrikel) sind dann stark erweitert. Es kommt zu einem langsam fortschreitenden Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten wie auch zu Störungen bei den Stoffwechselvorgängen der Nervenzellen. Teile der Zellhaut lagern sich aneinander an und bilden Ablagerungen, so genannte Amyloid Plaques. Außerdem bilden sich Faserknäule aus Eiweiß (Fibrillen), die ebenfalls den Nervenstoffwechsel beeinträchtigen. In der Folge dieser krankhaften Prozesse werden die Neurotransmitter, vor allem das Acetylcholin, nur reduziert gebildet und fehlen im Stoffwechsel. Gleichzeitig gehen bei Alzheimer bestimmte Rezeptoren im Gehirn zugrunde, so dass die für diesen Rezeptor bestimmten Neurotransmitter nicht mehr „andocken“ können. Die entsprechenden Impulse werden nicht weitergeleitet, es kommt zu Störungen bei der Reizweiterleitung. Betroffen sind vor allem diejenigen Bereiche im Gehirn, die für Denkvermögen, Sprache und Orientierungsfähigkeit zuständig sind.“[55]

2.1.3.3 Symptome der Alzheimer-Krankheit

Abnahme des Gedächtnisses und des Denkvermögens Betroffen ist anfänglich das Kurzzeitgedächtnis, die Störung geht später aber auf das Langzeitgedächtnis über. Das Denkvermögen, die Urteils- und Reflexions­fähigkeit sowie der Ideenfluss nehmen ab.[56] „Die Informationsverarbeitung ist beeinträchtigt. Für den Kranken wird es immer schwieriger, sich mehr als einem Geschehen gleichzeitig aufmerksam zuzuwenden.“[57]

Orientierungsverlust

Als Folge des zunehmenden Gedächtnisverlustes nimmt auch die Orientierungs­fähigkeit ab – zuerst bezogen auf Zeit und Ort, später auch bezüglich der Situation und sogar der eigenen Person.[58] „Die Desorientierung zeigt sich z.B. darin, dass sich die Kranken in der Vergangenheit, z.B. im Elternhaus, in der Jugend, in einer früheren Lebenssituation, im Krieg o.Ä. befinden und sich auch so verhalten.“[59]

Aphasie

Neben gesteigerter Sprechbereitschaft verringert sich der Wortschatz und eine sprachliche Verarmung sowie Wortfindungsstörungen sind die Folge. „Die Störungen können einmünden in ein leeres Wiederholen zusammenhangloser Sätze oder derselben Worte bis hin zu oralen Automatismen und Zwangsschreien.“[60]

Agnosie

Trotz intakter sensorischer Funktionen erkennen Erkrankte Gegenstände nicht wieder. „Die Patienten verstehen sich z.B. nicht mehr an- bzw. auszukleiden, weil sie die einzelnen Bekleidungsstücke nicht mehr zuordnen können.“[61]

Apraxie

Betroffene können bestimmte motorische Aktivitäten trotz intakter Motorik nicht mehr ausführen. „Durch apraxische Störungen werden z.B. das Setzen, Gehen oder Stehen unmöglich. Das Bewegungsverhalten reduziert sich in den letzten Stadien der Krankheit auf wenige stereotype Automatismen. Der demenziell Erkrankte bedarf vollständig der fremden Hilfe.“[62]

2.1.3.4 Auswirkungen

Beeinträchtigung der Aktivitäten des täglichen Lebens

Alltagssituationen können nicht mehr bewältigt werden. Zunehmende Unter­stützungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens wie Waschen, Kleiden, Essen zubereiten werden benötigt.[63]

Auch gehen mit den Symptomen Verhaltensstörungen und Persönlichkeits­veränderungen einher:

Störung von Antrieb und Motivation

Antrieb und Motivation sind vermindert, das psychische Tempo ist verlangsamt. Falk beschreibt beispielhaft: „Demenziell Erkrankte sitzen teilnahmslos im Sessel, sie sind schnell überfordert. Der Aufforderung, sich zu waschen, kommen sie erst nach mehrmaligem Wiederholen nach. Antriebsstörungen zeigen sich aber auch in motorischer Unruhe und ziellosem Wandern.“[64]

Änderung der Stimmung und des Verhaltens

Die Krankheit Demenz erschwert auch die Kommunikationsfähigkeit Betroffener. Wissensdefizite und mangelndes Verständnis der sozialen Umgebung für die Veränderungen verstärken Verständigungsprobleme. Erkrankte „erleben ihre Einschränkungen zunächst schmerzlich und reagieren depressiv.“ In ihrer Unruhe und Ratlosigkeit flüchten sie sich oft in Lehrformeln und Redensarten.[65]

2.1.3.5 Verlauf der Krankheit

Der Verlauf der Alzheimerkrankheit ist bei jeder Person individuell, generell differenziert man in drei Entwicklungsstadien: es wird von dem frühen, dem mittleren und dem späten Stadium oder der leichten, der mittleren und der schweren Demenz gesprochen. Da Veränderungen im Krankheitsverlauf im Pflegealltag oft gar nicht so wahrgenommen werden, ist es wichtig, diese gezielt zu beobachten, weil sich dadurch auch der Betreuungs- und Pflegeaufwand verändert und die Möglichkeit der Abrechnung pflegerischer Leistungen beeinflusst wird.[66] „Fachkräfte, die demenzkranke Menschen und deren Angehörige begleiten, benötigen daher neben einer Fach- und Beratungskompetenzpflege-diagnostische Kenntnisse, um Belastungssituationen von Demenzkranken und ihren Angehörigen sowie Veränderungen im Krankheitsverlauf zu erkennen.“[67]

In der ersten Krankheitsphase, können die Anzeichen von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Unterhaltungen werden nach und nach schwieriger, das Gedächtnis Betroffener lässt nach. Interessen engen sich ein. Schwierigkeiten treten vor allem in Krisensituationen auf.[68]

In der zweiten Phase wird die Milderung intellektueller Fähigkeiten „immer deutlicher und zeigt sich in der eingeschränkten Fähigkeit, Alltagssituationen zu erfassen und Probleme zu lösen. Das selbstständige Erledigen alltäglicher Aufgaben […] wird schwierig.“[69]

Schließlich führt in der letzten Phase der fortschreitende Verlust des Gedächtnisses und der Fähigkeiten „zu einer völligen Verödung der Gedächtnisinhalte bis auf „inselförmige Erinnerungsspuren“. […] Zuletzt sind die Kranken völlig apathisch und hilflos. Sie nehmen sich selbst und ihre Umgebung kaum noch wahr.“[70]

In folgender Tabelle wird der Verlauf einer Alzheimer-Krankheit deutlicher dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Überblick über den Krankheitsverlauf[71]

[...]


[1] Nave-Herz (2015), S.13.

[2] Burkart, G. (2009), S.138.

[3] Spatscheck, C. (2008), S.6.

[4] Spatscheck, C. (2008), S. 6.

[5] Spatscheck, C. (2008), S. 6.

[6] Spatscheck, C. (2008), S.7.

[7] Spatscheck, C. (2008) S.7.

[8] Staub-Bernasconi, S. (2013)

[9] Spatschek, C. (2008), S.9.

[10] Falk (2009), S.46.

[11] Dilling et al. (Hrsg.) (2008), S.63-64.

[12] Dilling et al. (Hrsg.) (2008), S.64.

[13] Wallesch; Förstl (2012), S.128.

[14] Wallesch; Förstl (2012), S.128.

[15] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.26-30.

[16] Jahn; Werheid (2015), S.3.

[17] McKhann et al. (1984), S.940.

[18] Helm (2013), S.23.

[19] Engel (2006), S.15.

[20] Falk (2009), S.46-49.

[21] Engel (2006), S.15-16.

[22] Kastner; Löbach (2014), S.43.

[23] Falk (2009), S.46.

[24] Kastner; Löbach (2014), S.43-44.

[25] Falk (2009), S.49.

[26] Helm( 2013), S.23-24.

[27] Falk (2009), S.49.

[28] Bickel (2016), S.1.

[29] Eigene Darstellung (angelehnt an Falk (2009), S.48; u.a.)

[30] Jahn; Werheid (2015), S.13.

[31] Jahn; Werheid (2015), S.18.

[32] Jahn; Werheid (2015), S.18.

[33] Falk (2009), S.46.

[34] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.22.

[35] Engel (2006), S.18.

[36] Falk (2009), S.46.

[37] Hamann (2012), S.272.

[38] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.23.

[39] Falk (2009), S.48.

[40] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.1.

[41] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.1.

[42] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.13.

[43] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.13.

[44] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.15-16.

[45] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.10.

[46] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.11-12.

[47] Riederer; Hoyer (2012), S.61.

[48] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.22.

[49] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.23.

[50] Falk (2009), S.48.

[51] Jahn; Werheid (2015), S.25.

[52] Synder (2011), S.28.

[53] Schlegel; Neff (2012), S.68+203.

[54] Fischer; Schwarz (1999), S.51.

[55] Kerckhoff; Wilkens (2014), S.31-32.

[56] Falk (2009), S.42.

[57] Falk (2009), S.42.

[58] Falk (2009), S.42.

[59] Falk (2009), S.42.

[60] Falk (2009), S.43.

[61] Falk (2009), S.43.

[62] Falk (2009), S.43.

[63] Falk (2009), S.43.

[64] Falk (2009), S.43.

[65] Falk (2009), S.43-44.

[66] Falk (2009), S.63.

[67] Falk (2009), S.63.

[68] Falk (2009), S.64-65.

[69] Falk (2009), S.65.

[70] Falk (2009), S.65.

[71] Falk (2009), S.68.

Details

Seiten
56
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960954101
ISBN (Buch)
9783960954118
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v443121
Note
Schlagworte
Primäre Demenz Neurodegenerative Demenz Vaskuläre Demenz Care-Management Case-Management Pflegestufen Pflegegrade

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Titel: Soziale Arbeit und Demenz. Ein Wegweiser für die Beratung pflegender Angehöriger