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Exzerpt zu "Mittelhochdeutsche Klassik" von Walter Haug in Stichpunkten

Prüfungsvorbereitung 2017 4 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

HAUG: Mittelhochdeutsche Klassik, Kanonisierung

Textgrundlage: Haug, Walter. "Mittelhochdeutsche Klassik."Simm, Hans-Joachim (Hg.): Literarische Klassik, Frankfurt/Main: Suhrkamp (1988): 230-247.

Dichterkataloge des 13. Jh. und damit verbundene Kanonisierungseffekte

- Mittelhochdeutsche Klassik = Epiker und Lyriker der sog. Höfischen Blütezeit um 1200
- Begriff des Kallischen analog zu Weimarer Klassik in Mittelalter übertragen
- Anachronisch
- 13.Jh: Herausbildung eines Kanon von Autoren
- Als normativ angesehen
- Ihnen kam für eine bestimmte Zeit die Position und Funktion von Klassikern in unseren Verständnis zu

- Klassizität = Rezeptionsphänomen

- Zeigt ein bestimmtes Traditionsverhalten (=überzeitlicher Charakter)

- Literarischer Kanon:

- i.d.R. nicht streng kodifizierte Form von Kanonbildung

- kann zu einer Institutionalisierung kommen (Schulbetrieb, Singschule der Meistersänger, Lektürekanon der höheren Bildungsanstalten)

- Kern von unabdingbaren Werken, offene fluktuierende Randzone (bsp.: Kanon antiker Texte im mittelalterlich-klösterlichen Unterricht)

- à schwacher Kanon

- Gegensatz zu streng geschlossenem Korpus (religiöse/juristische Texte)

- Verbindlichkeit außerhalb der Schule = Kraft der Identifikation die der ihn tragenden Gruppe

- Entstehungsprozess: (2 Phasen)

- Innovative Phase = Innovationsakt

- Primärrezeption:

- Bestimmter Kreis von Rezipienten erkennt das durch die Textgruppe propagierte neue Wert- und Sinnsystem als sein eigenes an

- Abschließen der neuen Textgruppe gegenüber älteren literarischen Traditionen

- Bsp.: Gottfrieds „Tristan“;

- Andere haben die betreffende Geschichte erzählt, er aber könne und wolle die einzig authentische Version bieten, aufgrund der schriftlichen Originalquelle, die er ausfindig gemacht habe

- Wolframs „Parzival“:

- Fingierte Quelle (unidentifizierbaren Kyot) um seine eigene Darstellung gegenüber Ch´rtiens Perceval, der Quelle, die ihm wesentlich folgt, die er aber entscheidend verändert zu rechtfertigen

- à Abgrezung des Neuen gegenüber dem Traditionellen geschieht über eine neue Weise der Gestaltung und Sinngebung

- Umformulierung des Überkommenen

- Neuinterpretation vermittelt den bisher verborgenen, eigentlichen Sinn

- Entwertung der Vorstufe, indem man sie als beschränkt-vorläufig hinstellt, baut dennoch auf ihr auf und gibt sich als ihr wahrer Erbe aus

- Legitimation den innovativen Aktes ist zweischneidig:

- Berufung auf die Tradition

- Man geht in ihrer Verwaltung über sie hinweg und auf das zurück, was ihr authentischer Sinn ist

- Neue Wahrheit: steht hinter der alten Wahrheit

- Das Neue ist das Ursprüngliche

- Neuer, sich etablierender Kanon hebt die Vorformen auf und macht sie unschädlich um sie trotzdem für sich zu nutzen (bsp.: Verhältnis zum Neuen Testament zum Alten)

- Zusammengefasst:

- Das Bewusstsein der Innovation als einen epochalen Schrittes

- Die Innovation als neue Sinngebung, und dies insbesondere als Neuinterpretation der vorgängigen Tradition

- Die Reflexion dieser Vorgänge in den Werken selbst, was sich zugleich als Bemühung um ihre Legitimation darstellt

- Kanonisierende Phase

- Sekundärrezeption: (zeitliche Distanz)

- Innovativ-produktive Phase abgeschlossen

- Textgruppe kann zusammengefasst und als Kanon etabliert werden

- Typische Kanonisierungseffekte:

- Nivellierung individueller Differenzen

- Transformation von Problematik in Normverhalten

- Reduktion des Ästhetischem auf Form und Technik

- literarische Stilisierung des Faktischen

- Extrapolation von Dichterrollen: Legitimation durch Gründerfiguren

- Geburt der Parodie aus dem Kurzschluss zwischen Literatur und Leben

- Abschließen der neuen Textgruppe gegenüber der aus sie folgenden Literatur

- Möglichkeit zu Revision, Erweiterung, Grenzverschiebungen

- Charakter des Mustergültigen, des „Klassischen“

- Wirkungsgrad der Kanonisierung ist abhängig von der normativen Kraft der Kultur, die sich in der betreffenden Dichtung darstellt und vermittelt

- Kanonisierung und Zensur laufen über die gesellschaftliche Funktion des Literarischen

- Immanenter selbstkritischer Moment der Dichtung erzeugt zwangsläufig eine Gegenbewegung

- Gesellschaftkritik

- Dichterkatalog = literarischer Ausdruck für den Übergang vom Bewusstsein einer innovativen Stufe zu ihrer Kanonisierung

- Artikuliert anhand einer Autorenreihe das Durchgängige der veränderten Position

- Bereitet die Wende zur Sekundärrezeption vor (ihr Signal/ ihre Optik)

- Vehikel eines sich wandelnden Traditionsbewusstseins

- Kanonischer Kern:

- Dichtergruppe, die in wesentlichen Kombinationen immer wieder auftaucht, auf die sich Einzelberufungen konzentrieren

- =Repräsentanten der mittelhochdeutschen Klassik

- Heinrich von Veldeke, Hartmann, Wolfram, Gottfried, Reinmar und Walther von der Vogelweide

- à Ziel ist es weniger einen festen Kanon zu etablieren, sondern um das Prinzip der Musterreihe an sich

- Bsp: Gottfrieds „Tristan“: (erster Dichterkatalog des Mittelalters)

- Als Exkurs in epische Handlung eingebettet

- Kritisch-charakterisierende Auflistung von 6 Autoren (Epiker und Lyriker)

- Hartmann von Aue (ihn wir Lorbeerkranz zuerkannt)

- Rühmt kristallende Transparenz seiner Sprache, vollkommene Harmonie von Wort und Sinn

- Ungenannter Dichter (Wolfram von Eschenbach) gegenübergestellt

- Dunkel-rätselhaften Stil

- Ausgefallene Wendungen

- Publikum mit poetischem Gaukelspiel zu Narren hält

- Bilgger von Steinach (positiv bewertet)

- Heinrich von Veldeke

- Das erste deutsche Reis auf den Baum der Dichtkunst aufgepfropft

- Begründer der neuen Literaturtradition in Deutschland

- Lob der Lyriker

- Reinmar

- Walter von der Vogelweide

- à Gottfreids Stilideal: Sprachkunst von vollendeter Eleganz und Durchsichtigkeit des Sinns

- à Dieser neue Stil sei von Heinrich von Veldeke geschaffen und dann von Hartmann, Bligger und den Lyrikern der Blütezeit weitergepflegt worden

- Rhetorische Bescheidenheit Gottfrieds: behauptet hinter diesen Musterautoren zurückzubleiben

- Stellt sich aber selbst in diese Reihe, charakterisiert und legitimiert seine eigene Formkunst über das Lob der Vorgänger

- Mythologisierung des künstlerischen Selbstverständnisses (christliche Inspirationsvorstellung, Musenruf)

- àGottfrieds Dichterkatalog begründet über eine Stildiskussion die Literatur in sich selbst

- Einheit von Wort und Sinn

- Werk soll nicht auf Interpretation von außen angewiesen sein

- Soll seinen Sinn unmittelbar im Wort zur Erscheinung bringen

- Plädoyer für die Autonomie des Literarischen

Kanonisierungseffekte

- Nivellierung individueller Differenzen

- Harmonisierung von Widersprüchen

- Transformation von Problematik in Normverhalten

- Extrapolation des Moralischen

- Preisgabe der Problematik

- Reduktion der Romankomplexität auf die Momente exemplarischen Verhaltens

- Rezeption als Vermittlung von Normen

- Umsetzung von problemoffener literarischer Erfahrung in konkret formulierbare Lehre im Sinne einer allgemeinen, überzeitlichen Moral

- Reduktion des Ästhetischem auf Form und Technik

- Technische Virtuosität wird zum Ausweis wahren Dichtertums gegenüber dem pseudopoetischen Kunsthandwerk

- literarische Stilisierung des Faktischen

- entliterarisiert die Literatur

- Wandel in einen Musterkatalog, nach dem die Gesellschaft sich selbst in Szene setzt

- Dichtung wird zum Regiebuch höfischer Repräsentation

- Literatur geht völlig in den Regelkanon gesellschaftlichen Verhaltens ein

- Extrapolation von Dichterrollen: Legitimation durch Gründerfiguren

- Neue Literatur besitzt keine andere Legitimation als die ihrer Geschichte, die in Gründer- und Vollenderfiguren herausgestellt wird.

- Geburt der Parodie aus dem Kurzschluss zwischen Literatur und Leben

- Literatur meldet in der Parodie ihre Freiheit an

- In der Satire in voller Schärfe wahrgenommen

- à von Texttypus zu Texttypus und von Situation zu Situation im Blick auf ihre spezifischen Ausprägungen jeweils neu zu fassen und zu interpretieren

Chrétien de Troyes = Begründer des hochhöfischen Romans

Details

Seiten
4
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668828063
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v443102
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
1,3
Schlagworte
exzerpt mittelhochdeutsche klassik walter haug stichpunkten

Autor

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