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Prostitutionstourismus. Psychologische Ursachen, gesellschaftliche Auswirkungen und soziale Verantwortung der beteiligten Akteure

von Sandra Wengertsmann (Autor) Annette Graf (Autor)

Diplomarbeit 2005 219 Seiten

Touristik / Tourismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung
0.1 Problemstellung
0.2 Stand der Forschung und Untersuchungsgegenstand
0.3 Zielsetzung
0.4 Gang der Arbeit

1 Die Sexualität aus psychologischer und moralischer Sicht
1.1 Die theoretischen Ansätze
1.1.1 Der instinkttheoretische und ethologische Ansatz
1.1.2 Der psychoanalytisch-triebtheoretische Ansatz
1.1.3 Der behavioristisch-biopsychologische Ansatz
1.1.4 Der kognitive Ansatz
1.1.5 Der humanistische Ansatz
1.1.6 Der evolutionäre Ansatz
1.1.7 Abschließende Betrachtung
1.2 Die Sexualität
1.2.1 Begriffsabgrenzung
1.2.2 Die psychosexuelle Entwicklung
1.2.3 Die Triebunterdrückung
1.2.4 Die Sexualität in Verbindung mit den Geschlechterrollen
1.2.5 Die Sexualität im Zusammenhang mit Macht
1.2.6 Das Sexualverhalten
1.2.7 Abschließende Betrachtung
1.3 Die Moral
1.3.1 Definition Moral und Ethik
1.3.2 Der Unterschied zwischen Moral und Ethik
1.3.3 Die Funktion von Moral
1.3.4 Abschließende Betrachtung
1.4 Die herrschende Moral
1.4.1 Verstoß gegen die herrschende Moral
1.4.2 Kulturelle Unterschiede der Moral
1.4.3 Zusammenhang zwischen Recht und Moral
1.4.4 Recht vs. Moral
1.4.5 Unterschied zwischen Sittennormen und Rechtsnormen
1.4.6 Abschließende Betrachtung
1.5 Sexualmoral
1.5.1 Kulturelle Unterschiede der Sexualmoral
1.5.2 Triebverdrängende Sexualmoral
1.5.3 Normkonformes Sexualverhalten
1.5.4 Abnormes Sexualverhalten
1.5.5 Doppelmoral
1.5.6 Die Verhandlungsmoral als neue Sexualmoral
1.5.7 Fallstudie Kinsey
1.6 Fazit

2 Die Prostitution als Folge der Sexualität unter moralischen
Gesichtspunkten
2.1 Prostitution und Sexualität als Ware der Gesellschaft
2.1.1 Begriffsbestimmung Prostitution
2.1.2 Die Zwangsprostitution
2.1.2.1 Kinderprostitution als Form der Zwangsprostitution
2.1.2.2 Menschenhandel
2.1.2.3 Kinderhandel als Form von Menschenhandel und Zwangsprostitution
2.1.3 Die Prostitution als Spiegel der Doppelmoral
2.2 Prostitution in Deutschland
2.2.1 Rechtliche Situation
2.2.2 Zahlen und Fakten
2.2.3 Freier im Inland
2.2.4 Exkurs: Im Gespräch mit einem Bordellbesitzer
2.3 Fazit

3 Prostitution und Tourismus im Zusammenhang -
unter psychologischen und gesellschaftlichen Aspekten
3.1 Tourismus
3.1.1 Ursprünge des Tourismus
3.1.2 Motive der Touristen
3.2 Prostitutionstourismus
3.2.1 Begriffsbestimmung Prostitutionstourismus
3.2.2 Tourismus als Auslöser für Prostitution - Prostitution als Auslöser für
Tourismus
3.3 Die männlichen Prostitutionstouristen
3.3.1 Typisierungen
3.3.2 Angestrebte Beziehungsformen
3.3.2.1 Kurzer sexueller Kontakt
3.3.2.2 Längerfristiger sexueller Kontakt
3.3.2.3 Suche nach der Lebenspartnerin
3.3.2.4 Suche nach der ‚ besonderen Frau ’
3.3.2.5 Ungeplanter, spontaner sexueller Kontakt
3.3.3 Motivationen
3.3.3.1 Preis
3.3.3.2 Bequemlichkeit und Sex ohne Verantwortung
3.3.3.3 Macht
3.3.3.4 Abnormes Sexualverhalten und die Vermeidung strafrechtlicher Verfolgung
3.3.3.5 Anonymität
3.3.3.6 Emanzipation
3.3.3.7 Exotik
3.3.3.8 Emotionalität
3.3.3.9 Regeneration
3.3.4 Abschließender Vergleich zwischen Prostitutionstouristen und Freiern
im Inland
3.4 Die weiblichen Prostitutionstouristen
3.4.1 Typisierungen
3.4.2 Motivationen
3.4.2.1 Bestätigung der Weiblichkeit
3.4.2.2 Das Klischee der Fremdartigkeit
3.4.2.3 Macht
3.4.2.4 Emotionale Bindung und Romanze
3.5 Die Prostituierten
3.5.1 Strukturelle Unterschiede und Arten der Prostitution
3.5.2 Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Prostituierten
3.6 Fazit

4 Die allgemeinen Auswirkungen des Tourismus auf das Ziel-
gebiet im Zusammenhang mit dem Prostitutionstourismus
4.1 Wirtschaftliche Auswirkungen
4.1.1 Die Erhöhung des Bruttoinlandsproduktes
4.1.2 Die Verbesserung der Zahlungsbilanz
4.1.3 Die Förderung der Regionalentwicklung
4.1.4 Die Steigerung der öffentlichen Einnahmen
4.1.5 Die Verbesserung des Einkommensniveaus durch Schaffung neuer
Arbeitsplätze
4.2 Soziokulturelle Auswirkungen
4.2.1 Akkulturation und Demonstrationseffekt
4.2.2 Sozialstruktur und Tradition
4.2.2.1 Familienstruktur
4.2.2.2 Stellung der Frau
4.2.2.3 Soziale Hierarchie
4.2.2.4 Umsiedlung
4.2.3 Kultur und Tradition
4.2.4 Werte und Moral
4.2.5 Gesundheit
4.2.5.1 HIV/Aids im Allgemeinen
4.2.5.2 HIV/Aids im Zusammenhang mit Tourismus
4.2.6 Kriminalität: Drogen, Terrorismus, Verbrechen
4.2.7 Völkerverständigung
4.3 Fazit

5 Zielgebiete des Prostitutionstourismus
5.1 Thailand
5.1.1 Landesstruktur und Bevölkerung
5.1.2 Wirtschaft
5.1.3 Prostitution und Tourismus
5.1.3.1 Entstehung der Prostitution
5.1.3.2 Aktuelle Lage
5.1.3.3 Zwangsprostitution
5.1.3.4 HIV/Aids
5.1.4 Religion
5.1.5 Sexualität
5.1.6 Die Rolle der Frau in der Gesellschaft
5.1.7 Der rechtliche Aspekt der Prostitution
5.2 Kambodscha
5.2.1 Landesstruktur und Bevölkerung
5.2.2 Wirtschaft
5.2.3 Prostitution und Tourismus
5.2.3.1 Enstehung
5.2.3.2 Aktuelle Lage
5.2.3.3 Zwangsprostitution
5.2.3.4 HIV/Aids
5.2.4 Religion
5.2.5 Die Rolle der Frau in der Gesellschaft
5.2.6 Der rechtliche Aspekt der Prostitution
5.3 Kenia
5.3.1 Landesstruktur und Bevölkerung
5.3.2 Wirtschaft
5.3.3 Prostitution und Tourismus
5.3.3.1 Entstehung
5.3.3.2 Aktuelle Lage
5.3.3.3 Zwangsprostitution
5.3.3.4 HIV/Aids
5.3.4 Religion
5.3.5 Sexualität
5.3.6 Die Rolle der Frau in der Gesellschaft
5.3.7 Der rechtliche Aspekt der Prostitution
5.4 Jamaika
5.4.1 Landesstruktur und Bevölkerung
5.4.2 Wirtschaft
5.4.3 Prostitution und Tourismus
5.4.3.1 Entstehung
5.4.3.2 Aktuelle Lage
5.4.3.3 Zwangsprostitution
5.4.3.4 HIV/Aids
5.4.4 Religion
5.4.5 Die Rolle der Frau und des Mannes in der Gesellschaft
5.4.6 Der rechtliche Aspekt der Prostitution
5.5 Kuba
5.5.1 Landesstruktur
5.5.2 Wirtschaft
5.5.2.1 Wirtschaftfaktor Tourismus
5.5.2.2 Aktuelle Lage
5.5.3 Prostitution und Tourismus
5.5.3.1 Entstehung
5.5.3.2 Aktuelle Lage
5.5.3.3 Zwangsprostitution
5.5.3.4 HIV/Aids
5.5.4 Religion
5.5.5 Die Rolle der Frau in der Gesellschaft
5.5.6 Der rechtliche Aspekt der Prostitution
5.6 Fazit: Die Länder im Vergleich

6 Maßnahmen aller am Tourismus beteiligten Akteure und ihr
Umgang mit Prostitution und Prostitutionstourismus
6.1 Das Zielgebiet
6.1.1 Rechtliche Maßnahmen
6.1.1.1 Verbot oder Legalisierung von Prostitution
6.1.1.2 Registrierung der Prostituierten am Beispiel Thailand
6.1.1.3 Vorverlagerung der Sperrzeit am Beispiel Thailand
6.1.1.4 ‚ Ausgehsperren ’ für Frauen am Beispiel Thailand
6.1.1.5 Lizenzvergabe
6.1.2 Lenkung der Touristenströme
6.1.2.1 Einreisepolitik
6.1.2.2 Strukturpolitik
6.1.3 Bildungspolitik
6.1.3.1 Bildungspolitik am Beispiel Kuba
6.1.3.2 Eine speziell auf Tourismus bezogene Bildungspolitik am Beispiel Kuba
6.1.4 Informationspolitik
6.1.4.1 Information der eigenen Bevölkerung
6.1.4.2 Information der Touristen
6.1.5 Gesundheitspolitik
6.1.5.1 Allgemeine Maßnahmen im Bereich HIV/Aids
6.1.5.2 Die Präventionskampagne: ’ 100 % Condom Campain ’ am Beispiel Thailand
6.1.5.3 Patentrechtregelung für Medikamente am Beispiel Thailand
6.1.6 Finanzpolitik
6.1.6.1 Steuererhebungen
6.1.6.2 Finanzpolitik am Beispiel Kuba
6.1.7 Die Vermarktung und Darstellung des Landes
6.1.7.1 Information der Reisendenüber Geschlechtskrankheiten und Prostitution
6.1.7.2 Imagedarstellung des Landes
6.2 Das Herkunftsland
6.2.1 Gesundheitspolitik
6.2.1.1 Aids-Präventionsmaßnahmen am Beispiel der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung (BZgA)
6.2.1.2 Weitere mögliche Aids-Präventionsmaßnahmen der BZgA
6.2.2 Informationspolitik
6.2.3 Schulung des Moral- und Verantwortungsbewusstseins
6.2.4 Finanzielle Unterstützung von Organisationen und
Entwicklungsdiensten
6.3 Die Tourismusindustrie
6.3.1 Reiseveranstalter
6.3.1.1 Reiseprospekte als Verkaufsinstrument
6.3.1.2 Weitere mögliche Maßnahmen
6.3.1.3 Sozialverantwortliches Reisen am Beispiel Studiosus
6.3.2 Fluggesellschaften
6.3.2.1 Inflight-Videos zur Sensibilisierung des Fluggastes
6.3.2.2 Einsatz des Inflight-Spots „ Kindermissbrauch ist kein Kavaliers-delikt “
6.3.2.3 Die interkulturelle Verständigung am Beispiel der deutschen Luft-hansa
6.3.3 Hotels
6.3.3.1 Mögliche Maßnahmen
6.3.3.2 Verhaltenskodex in der Hotelbranche
6.3.4 Reisebüros
6.3.5 Medien
6.3.5.1 Reiseführer
6.3.5.2 Stadtpläne
6.4 Die Nichtregierungsorganisationen
6.4.1 Maßnahmen im Zielgebiet
6.4.1.1 Die Unterstützung der Prostituierten am Beispiel von Empower
6.4.1.2 Erfolgreiche Medienberichterstattung am Beispiel von P.E.A.C.E
6.4.2 Maßnahmen im Herkunftsland
6.4.2.1 Exterritorialprinzip
6.4.2.2 Aufklärungs- und Bildungsarbeit
6.4.3 Maßnahmen in Zusammenarbeit mit der Reiseindustrie
6.4.3.1 Code of Contact
6.4.3.2 Trainingsprogramm Child Wise Tourism
6.4.3.3 Aufklärungsarbeit
6.5 Fazit

7 Schlussbetrachtung und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

9 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

0 Einleitung

Als die Touristen kamen, verwandelte sich unser Inselvolk in einen grotesken Karneval - Nebenvorstellung, zwei Wochen lang.

Als die Touristen kamen, legten unsere Männer ihre Fischernetze beiseite, um Kellner zu werden, unsere Frauen wurden Huren.

Als die Touristen geflogen kamen, flog das, was wir an Kultur eigen nannten, zum Fenster hinaus - für unsere Sitten und Gebräuche handelten wir uns Sonnenbrillen und Pop ein, aus heiligen Theorien machten wir billige Peep-Shows.

Als die Touristen kamen, wurde unser Essen knapp, die Preise gingen hoch, aber unsere Löhne blieben unten.

Als die Touristen kamen, durften wir nicht mehr hinunter ans Meer gehen, der Hoteldirektor sagte „ Eingeborene verschmutzen den Strand “ .

Als die Touristen kamen, wurden Hunger und Elend konserviert und als vorüberziehender Festzug klickender Kameras zur Schau gestellt - welch schicker Schandfleck!

Als die Touristen kamen, forderte man uns auf, „ Botschafter zu Fu ß“ zu sein, immer lächelnd und höflich stets dem verwirrten Gast den Weg zu weisen …

Zum Teufel, könnten wir ihnen nur sagen, wohin wir sie uns wirklich wünschen! 1 - C. Rajendra-

0.1 Problemstellung

Jedes Jahr reisen laut der katholischen Organisation Missio 400.000 deutsche Männer ins Ausland, um sich dort sexuelle Dienstleistungen zu kaufen.2 Was motiviert diese Männer, aber auch zunehmend Frauen, in ferne Länder zu reisen, mit dem Ziel bei Prostituierten sexuelle Befriedigung zu finden, da doch auch überall in Deutschland Bordelle zu finden sind? Ist es das Klischee der exotischen Frau und die ungezwungene Urlaubsatmosphäre, die den tristen Alltag und die ‚emanzipierten Frauen’ in Deutschland vergessen lassen?

„Forschungen über Prostitutionstouristen haben aus vielen Gründen gesellschaftliche Relevanz. Zum einen ist der Prostitutionstourismus ein Geschäft, bei dem die ‚Wa- ren’ Frau und kaufbarer Sex auf der einen Seite stehen und [...] Männer als Käufer auf der anderen. Prostitutionstouristisches Verhalten ist sexistisch und rassistisch, da es auf einseitigen und unumkehrbaren Ausbeutungsverhältnissen zwischen Frauen und Männern und zwischen Industrie- und sog. Entwicklungsländern beruht.“3 Wenn Menschen zu einer ‚Ware’ werden, dann hat das einen bitteren Nachgeschmack. Das Phänomen des sexuell motivierten Touristen ist nicht neu, jedoch sind das quantitative Ausmaß und die hochorganisierte Form teilweise in den Zielgebieten in erschreckender Weise angewachsen.4

Noch vor einigen Jahren wurden mit den ‚Bumsbombern nach Thailand’ Schlagzeilen gemacht und die Prostitutionstouristen wurden vom Zielgebiet und der Tourismusin- dustrie als lukrative Einnahmequelle gesehen und gefördert. Heutzutage ist diesbe- züglich ein Schritt in die richtige Richtung erkennbar. Vor allem die Tourismusindust- rie ist sich ihrer moralischen Verantwortung bewusster geworden, aber auch die Ziel- gebiete fördern den Tourismus nicht mehr um jeden Preis. Vor allem im Bereich der sexuellen Ausbeutung von Kindern durch Touristen können sich die Beteiligten nicht mehr ihrer Verantwortung entziehen.

0.2 Stand der Forschung und Untersuchungsgegenstand

Anfang der 80er Jahre befassten sich sowohl kirchliche als auch Frauen- und ‚Dritte- Welt’-Gruppen erstmals mit der Problematik des Sextourismus. Sie setzten neue Ak- zente in der Berichterstattung, welche zuvor lediglich durch die Medien geprägt wa- ren. Von ihnen wurden hauptsächlich Bereiche der sexuellen und wirtschaftlichen ‚Ausbeutung’ der ‚Dritten-Welt’ durch Prostitutionstouristen aus den Industrienationen dokumentiert. Erstmals wurde in den Jahren 1984 und 1988 Prostitutionstourismus das Thema parlamentarischer Anfragen im Deutschen Bundestag. Im Jahr 1990 ver- öffentlichte agisra e. V.5 eine vom Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit geförderte Studie über „Frauenhandel und Prostitutionstourismus“, die eine Bestandsaufnahme zum Thema sowie eine Rechtsexpertise beinhaltete .

Latza war im Jahr 1987 die erste Autorin, die sich durch Beobachtungen und Inter- views vor Ort mit der Typisierung und Charakteristik von Sextouristen beschäftigte. Latza verdeutlicht allerdings nicht, auf welchen theoretischen oder empirischen Hin- tergründen ihre Aussagen beruhen, ihrer Arbeit fehlt der wissenschaftliche Bezug. Der Prostitutionstourismus wird in Arbeits- und Forschungsarbeiten vorwiegend in Bezug auf Südostasien, u. a. von Ryan und Hall, O ’ Grady, Maurer und Lipka, doku- mentiert. In den letzten Jahren entstanden u. a. durch Rothe empirische Untersu- chungen, die sich, auf der Basis von qualitativen Methoden, mit den Erwartungen und Hoffnungen sowie mit tatsächlichen Erfahrungen von Prostitutionstouristen be- fassen.

Vor allem die Ausbreitung von HIV/Aids im Zusammenhang mit dem Prostitutionstou- rismus führte dazu, dass sich auf nationaler und internationaler Ebene vermehrt Wis- senschaftler - auch aus den Bereichen der Sozialwissenschaft und der Medizin - mit der Problematik und den Folgeproblemen des Sextourismus auseinandersetzen, so u. a. Kleiber und Wilke, die Ergebnisse ihrer umfangreichen Befragung deutscher Urlauber und Sextouristen veröffentlichten. Auf internationaler Ebene untersuchten vor allem S á nchez Taylor und O ’ Connell Davidson die Motivationen der männlichen und weiblichen Sextouristen.

Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass nur wenige empirische Untersuchungen im Bereich des Prostitutionstourismus vorliegen und viele Betrachtungsweisen feministisch geprägt sind. Insbesondere der Forschungsstand über die Motivationen der weiblichen Sextouristen ist bislang noch unzureichend.

In dieser Arbeit werden psychologische Hintergründe der Sexualität sowie das Sexu- alverhalten und die Moral betrachtet und als Erklärungsbasis auf die Prostitution im allgemeinen angewandt. Des Weiteren werden die psychologischen und gesell- schaftlichen Ursachen und Auswirkungen des Prostitutionstourismus und die damit verbundene soziale Verantwortung aller am Tourismus Beteiligten aufgeführt. An- hand der verwendeten nationalen und internationalen Literatur über den Prostituti- onstouristen generell wird hauptsächlich auf den deutschen Prostitutionstouristen geschlossen. Zudem werden vor allem die deutsche Reiseindustrie und Deutschland als Herkunftsland herangezogen. Von einer Übertragbarkeit auf andere Industrienati- onen kann ausgegangen werden. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im Prostituti- onstourismus erwachsener, heterosexueller Personen. Die Formen der Zwangspros- titution, wie Kinderprostitution, Kinder- und Menschenhandel, werden lediglich zum besseren Verständnis und für die Vollständigkeit des Themas bearbeitet. Kinderpros- titutionstourismus steht in engem Zusammenhang mit dem bearbeiteten Thema, und diese Form des Tourismus wird in der vorliegenden Arbeit zum besseren Verständnis von Sextourismus erläutert.

Die Ausgrenzung folgender Personengruppen und Ausprägungen des Prostitutionstourismus ist nötig, um der Arbeit thematisch Grenzen zu setzen:

- In der vorliegenden Arbeit wird nicht explizit auf den Tourismus homosexuell orientierter Personen eingegangen. Diese Zielgruppe spielt zwar im Prostituti- onstourismus eine wichtige Rolle, würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
- Sexuelle Kontakte zwischen Reisenden untereinander werden ebenfalls nicht bearbeitet, da in diesem Fall das in der Arbeit stark zum Ausdruck kommende Ausbeutungsverhältnis zwischen der ‚Ersten’- und ‚Dritten-Welt’, nicht gege- ben ist.
- Auf den Prostitutionstourismus in Nahzielen, wie bspw. Tschechien, Holland und Polen, wird nicht eingegangen. Zwar existiert bzw. entwickelt sich hier zunehmend ein Markt für die kommerziellen sexuellen Dienstleistungen von Reisenden, jedoch beschäftigt sich diese Arbeit lediglich mit dem Ferntourismus in ‚Dritte-Welt’- bzw. Schwellenländer.
- Auf die Hintergründe, wie bspw. die Motivationen der Prostituierten, wird nicht umfangreich eingegangen, sondern lediglich die strukturellen Unterschiede und die verschiedenen Arten der Prostitution in den Ländern angeführt. Eine Abgrenzung ab wann eine Person als Prostituierte bezeichnet werden kann erweist sich als äußerst problematisch und kann nicht klar definiert werden.

0.3 Zielsetzung

Ziel dieser Arbeit ist die Darstellung des Zusammenhangs zwischen Sexualität, Moral und Prostitution. Hieraus ergibt sich dann die Frage, ob Prostitution als moralisch verwerflich angesehen werden kann und inwieweit Prostitution als ‚notwendige Triebabfuhr’ von der Gesellschaft akzeptiert werden sollte.

Zudem soll geklärt werden, inwieweit Prostitution und Tourismus in Verbindung ge- bracht werden können und ob Sextourismus allgemein als unmoralisch zu bezeich- nen ist. Zusätzlich ist ein Ziel dieser Arbeit die Klärung der Frage, ob Prostitutions- tourismus als Spiegel der herrschenden Moral einer Gesellschaft bezeichnet werden kann oder lediglich eine unumgängliche Folgeerscheinung des Massentourismus ist. Die Auswirkungen des Tourismus im allgemeinen und die des Prostitutionstourismus im speziellen sowie die diesbezügliche Zuordnung der Verantwortung bzw. die Frage von wem Verantwortung übernommen werden muss oder kann, werden ebenfalls herausgearbeitet. Außerdem werden bisher existierende allgemeine Maßnahmen zur Bekämpfung bzw. Lenkung des Prostitutionstourismus aufgeführt sowie zusätzliche Vorschläge für einen Umgang mit Prostitutionstourismus entwickelt.

0.4 Gang der Arbeit

Im Detail sieht der Aufbau der vorliegenden Arbeit wie folgt aus:

Im ersten Teil der Arbeit werden Motivationen sowie die psychologischen Hinter- gründe und theoretische Ansätze der Sexualität aufgezeigt, zudem wird auf die Se- xualität und das Sexualverhalten eingegangen. Die Moral und die daraus resultieren- de herrschende Moral, Sexualmoral und Doppelmoral bilden ein zentrales Thema in der vorliegenden Arbeit und werden in der zweiten Hälfte des ersten Teils erläutert.

Anschließend wird im zweiten Teil der Arbeit die Prostitution auf eine Folgeerscheinung des Sexualverhaltens reduziert und als eine gesellschaftliche Erscheinung der Sexualität betrachtet. In diesem Kapitel werden wichtige, für die Arbeit notwendige Begriffe zum Thema Prostitution geklärt und folglich die Prostitution in Deutschland näher erläutert. Durch ein Interview mit einem Bordellbetreiber wird das Thema praxisnah beleuchtet und abgerundet.

Im dritten Teil wird der Zusammenhang zwischen Prostitution und Tourismus allge- mein geklärt. Anfänglich werden die Begrifflichkeiten Tourismus und Prostitutionstou- rismus erläutert und anschließend der männliche Prostitutionstourist typisiert, sowie die Beziehungsformen und die Motivationen der Männer aufgeführt. Weiterhin wer- den die Motivationen der Freier im In- und Ausland miteinander verglichen, und es wird auf die weiblichen Prostitutionstouristen eingegangen. Sie werden ebenfalls ty- pisiert und ihre Motivationen aufgezeigt. Abschließend werden die strukturellen Un- terschiede der Prostitution und die Unterschiede zwischen den männlichen und weib- lichen Prostituierten behandelt.

Auf die wirtschaftlichen und soziokulturellen Auswirkungen des Tourismus wird im vierten Teil eingegangen und der Zusammenhang mit dem Prostitutionstourismus geklärt.

Im fünften Teil der Arbeit findet eine Betrachtung ausgewählter Zielgebiete des Prostitutionstourismus unter den Aspekten der Wirtschaft, Religion, Sexualität und des Rechts im jeweiligen Land statt. Anschließend werden die wichtigsten Unterschiede in einem Ländervergleich aufgeführt und miteinander verglichen

Im sechsten Teil werden bestehende Maßnahmen bzgl. des Umgangs und der Lenkung des Prostitutionstourismus durch das Zielgebiet, das Herkunftsland, die touristischen Akteure und durch Nichtregierungsorganisationen aufgezeigt und weitere, noch zu entwickelnde Maßnahmen vorgeschlagen. Mögliche Maßnahmen des Zielgebietes werden anhand verschiedener Länderbeispiele beschrieben.

Im siebten Teil der Arbeit findet eine Schlussbetrachtung zum Thema der moralischen Verantwortlichkeit und eine Abwägung und Wertung der Verantwortung aller Beteiligten im Tourismus statt. Ein Ausblick auf zukünftige Entwicklungsperspektiven schließt die Betrachtung ab.

1 Die Sexualität aus psychologischer und moralischer Sicht

1.1 Die theoretischen Ansätze

Im Laufe der Zeit bildeten sich in der Psychologie verschiedene Ansätze, die den sexuellen Antrieb und das sexuelle Verhalten unterschiedlich begründen. Jeder der Ansätze beruht auf bestimmten Vorannahmen und führt zu einer jeweils anderen He- rangehensweise an die Fragestellungen und Ziele der Psychologie.6 Vorab muss hierfür der Begriff der Motivation geklärt werden. Dieser ist abgeleitet von dem lateinischen Verb movere (bewegen) und ist die allgemeine Bezeichnung für alle Prozesse, die körperliche und psychische Vorgänge auslösen, steuern oder aufrechterhalten. Er wird verwendet, um die Bevorzugung ganz bestimmter Handlun- gen, die Intensität von Reaktionen sowie die Beharrlichkeit des Handelns bei der Verfolgung von Zielen zu erklären.7 Vielfach werden derzeit diese inneren motivie- renden Bedingungen des Menschen in biologische Motivationen (Triebe) und psy- chologische Motivationen (Motive) unterteilt. Die biologischen Motivationen resultie- ren in der Regel aus fundamentalen Bedürfnissen des Organismus, wie bspw. nach Nahrung, Trinken, Schlaf, Sexualität und Wärme. Die psychologischen Motivationen ergeben sich dagegen aus Bedürfnissen wie sozialer Anerkennung, Selbstachtung, Sicherheit, Leistung oder Wissen, wobei der genaue Ursprung dieser psychologi- schen Motivationen noch immer unterschiedlich beurteilt wird.8

1.1.1 Der instinkttheoretische und ethologische Ansatz

Der aus der Biologie kommenden Instinkttheorie nach, werden Lebewesen mit be- stimmten vorprogrammierten Verhaltenstendenzen geboren, die für das Überleben ihrer Art wesentlich sind. Somit ist Motivation angeboren und hat mechanisch ablau- fende Verhaltensmuster zur Folge. Das Instinktverhalten kann folglich als Produkt aus internen und externen Motivationsquellen beschrieben werden. Die interne Quel- le besteht aus dem genetischen Erbe, welches das artspezifische Handlungsmuster bestimmt. Die Umgebungsbedingungen, die dieses Muster zu einem bestimmten Zeitpunkt und bei bestimmten Reizmerkmalen auslösen, bilden die externe Motivati- onsquelle.9 In frühen Theorien wurde die Bedeutung von Instinkten beim Menschen überbewertet. So vertrat William James (1890) die Überzeugung, dass Menschen neben den biologischen Instinkten, die sie mit den Tieren gemeinsam haben, auch über zahlreiche soziale Instinkte wie Sympathie, Bescheidenheit, Geselligkeit und Liebe verfügen.10

1.1.2 Der psychoanalytisch-triebtheoretische Ansatz

Die wichtigsten Impulse für eine Triebtheorie menschlichen Verhaltens stammen von Sigmund Freud (1915), dessen theoretische Konzeption für die menschliche Motiva- tion viele Jahrzehnte einen zentralen Ansatz für die weitere Motivationsforschung bildete. Freud beschreibt Triebe als eine aus dem Körperinneren kommende, kon- stant wirkende Kraft, ohne bewussten Zweck. Diese Kraft kommt ohne Mitwirkung des Bewusstseins und des Denkens zustande und wird dann aber bewusst erlebt. Sie bewegt oder treibt den Menschen zu den Handlungen an, durch die eine Befrie- digung und damit eine Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle erreicht wird. Psychologisch wird dieser Prozess als Triebbefriedigung erlebt. In vielfältiger Weise beeinflussen nach Freud Triebe und triebhafte Impulse, die aus dem Unter- bewussten aufsteigen, unbewusst sowohl Handlungen als auch Gedanken und Ge- fühle, auch wenn zu deren Verständnis zumeist rationale Erklärungen bereitgehalten werden.11

Freud nahm an, dass der Mensch über angeborene Triebe verfügt. Hierbei handelt es sich um Systeme, die Spannungen erzeugen und an Körperorgane gebunden sind. Ursprünglich setzte Freud zwei grundlegende Triebe voraus:12

- Zum einen den Trieb, der sich auf das Ego (Ich) oder die Selbsterhaltung wie Hunger, Durst und anderer existentielle körperliche Bedürfnisse bezog.

- Zum anderen den von Freud Eros benannten Trieb, der mit sexuellem Verlan- gen und mit der Arterhaltung zusammenhing.

Freud zeigte auf, dass derselbe Trieb, bspw. der Sexualtrieb, direkt durch Geschlechtsverkehr oder auch indirekt, bspw. durch sexuelle Witze oder Mittel der Kunst, Ausdruck finden kann.13

Des Weiteren führte Freud Persönlichkeitsunterschiede auf die Art und Weise, wie Menschen mit ihren grundlegenden Trieben umgehen, zurück.

So ist der Sitz der primären Triebe das Es. Das Es wird als primitiver und unbewusster Teil der Persönlichkeit betrachtet. Es arbeitet irrational, wird von Impulsen getrieben und drängt auf Ausdruck und unmittelbare Befriedigung, wobei es nicht in Betracht zieht, ob das, was begehrt wird, auch im Bereich des Möglichen liegt und sozial erwünscht oder moralisch akzeptabel ist. Das Es wird vom Lustprinzip, also dem ungesteuerten Streben nach Befriedigung, besonders nach sexueller, körperlicher und emotionaler Lust, bestimmt.14

Der Sitz der Werte und der in der Gesellschaft geltenden moralischen Regeln und Normen ist das Ü ber-Ich. Es entspricht in etwa dem Gewissen und enthält mit dem Ich-Ideal das Bild eines Menschen von dem, was er anstreben sollte. Da das Ü ber Ich die Gesellschaft im Individuum repräsentiert, steht es oft im Konflikt mit dem Es, dem Repräsentanten individueller Bedürfnisse.15

In diesem Konflikt zwischen Es und Ü ber-Ich wird durch das Ich vermittelt und ein Kompromiss arrangiert, der beide wenigstens zum Teil zufrieden stellt. Das Ich verkörpert den realitätsorientierten Aspekt der Persönlichkeit und stellt somit vernünftige Entscheidungen über lustbetonte Wünsche. Es steht für die Auffassung, die eine individuelle Person von der physischen und der sozialen Realität hat und für Ihre bewussten Überzeugungen über Ursachen, Folgen und Möglichkeiten.16

1.1.3 Der behavioristisch-biopsychologische Ansatz

Innerhalb der amerikanisch-behavioristisch orientierten Psychologie in den 1920er Jahren entwickelte sich als Gegensatz zu den instinkttheoretischen Ansätzen ein lernpsychologisch ausgerichtetes Motivationskonzept, das zum einen den individuell wandelbaren und zum anderen den kulturspezifisch unterschiedlichen Motivationen eher gerecht wurde. In Deutschland war der Behaviorismus in den 60er und 70er Jahren das vorherrschende Forschungsparadigma.17 Ausgangspunkt dieses Ansat- zes sind die objektiv nachweisbaren biologisch-physiologischen Bedürfnisse (needs) des Organismus, die diesen in einen erregten (aroused) Zustand versetzen, der ihn motiviert oder treibt (drives), den Bedarf zu beseitigen. Dieser Triebbegriff (drive) un- terscheidet sich wesentlich von den als angeboren angenommenen Kräften der alten Instinktlehre und Trieben im psychoanalytischen Sinne.18 Zu diesem Ansatz gehört das homöostatische19 Motivationsmodell wonach biologisch-physiologische Motivati- onen in homöostatische, wie Hunger, Durst oder das Wärmebedürfnis, und nicht ho- möostatische Motivationen, wie die sexuelle Erregung, Emotionen oder Neugier, un- terteilt werden. Nicht homöostatische Motivationen werden durch Veränderungen in der externen Umwelt des Organismus ausgelöst und in der Regel auch durch diese befriedigt. Sie finden ihr Ziel in erregenden oder entspannenden Befriedigungen und sind nicht wie die homöostatische Motivationen auf die Aufrechterhaltung eines phy- siologischen oder psychologischen Gleichgewichtszustandes ausgerichtet.20

Des Weiteren zählt zu diesem Ansatz die lernpsychologische Triebtheorie von Clark Hull, der darin sowohl die biologischen (primären) Antriebe, als auch die durch Lern- prozesse aus ersterem hervorgehenden sekundären Antriebe berücksichtigt. Hull nahm an, dass Motivation eine notwendige Vorraussetzung für Lernen sei und Ler- nen eine wesentliche Bedingung für eine erfolgreiche Anpassung aller Lebewesen an die Umwelt. Er betont die Bedeutung der Spannung bei der Motivation und der Spannungsreduktion als Verstärker. Seiner Ansicht nach sind Primärtriebe biologisch bedingt und werden ausgelöst, wenn sich der Organismus in einem Mangelzustand befindet. Sobald die den Organismus aktivierenden Triebe vermindert oder befriedigt werden, hört der Organismus auf zu handeln. Diese Primärtriebe sind nicht von Lernprozessen abhängig, stellen jedoch eine zentrale Voraussetzung jeglichen Ler- nens dar.21 Im Gegensatz hierzu entstehen sekundäre Triebe, also psychologische Motive, wie Anerkennung, Achtung, Leistung, Furcht oder Angst, nach dem Para- digma der klassischen Konditionierung.22

1.1.4 Der kognitive Ansatz

Bei diesem Ansatz der Motivationsforschung werden in erster Linie kognitiv bewusste Prozesse (Motive) als verantwortlich für das zielorientierte Handeln des Individuums betrachtet und nicht so sehr biologisch-physiologische Prozesse primärer Motivation oder direkte Aktivierungen durch spezifische Reizeigenschaften. Viele Psychologen teilen gegenwärtig die Ansicht, dass ein großer Teil menschlicher Motivation nicht durch die objektive äußere Welt, sondern durch die subjektive Interpretation dieser Welt bedingt ist.23 Oft werden Handlungen durch das bestimmt, was man für vergan- gene Erfolge und Misserfolge verantwortlich macht, durch persönliche Vorstellungen von der Erreichbarkeit einer Sache und durch die Erwartungen an das Ergebnis einer rungen, die das physiologische Gleichgewicht des Organismus stören. Ausgelöst im internen Milieu des Organismus kommen sie z. B. als Hungerempfinden zum Bewusstsein und veranlassen den Organismus das biologische Gleichgewicht wiederherzustellen.

Handlung. Das Motivationskonzept wird somit um die ganze Dimension vorgestellter Ziele, Erwartungen, Ideen, Ideale, Wertvorstellungen und Wunscherfüllungen erwei- tert, durch deren Erreichen das Handeln zielorientiert motiviert wird.24 Somit wird deutlich, dass Motive und Anreize aufeinander bezogen sind und situative oder vorgestellte Anreize das Motivziel kennzeichnen. Die individuell unterschiedli- che Gewichtung der Ziele bezeichnet die Stärke der Motive und ergibt ihre Wirksam- keit auf den Organismus. Bei mehreren Handlungsalternativen wird die Alternative verfolgt, bei der der Erwartungswert am höchsten ist. Hierbei können zusätzlich die individuell unterschiedlichen Auswirkungen auf andere Menschen, also soziale Moti- ve wie bspw. Altruismus25 oder Egoismus, einbezogen werden.26 Ein Missverhältnis zwischen Erwartung und Wirklichkeit kann ein Individuum dazu veranlassen, sein Verhalten zu ändern. Ist es bspw. der Meinung, sein Verhalten entspräche nicht den Normen oder Werten einer Gruppe, kann es motiviert sein, sein Verhalten zu ändern, um sich besser zu integrieren.27 Die Zuordnung der Motivation als eine interne oder externe Quelle hängt von der subjektiven Interpretation der Wirklichkeit ab, da denkende Lebewesen Motivationen bzw. das Ergebnis individuel- len Verhaltens entweder sich selbst oder aber der Umwelt zuschreiben. Diese Zu- schreibung beeinflusst das weitere individuelle Verhalten.28

1.1.5 Der humanistische Ansatz

In diesem Ansatz wird angenommen, dass der Mensch weder durch starke biologisch determinierte Trieb- oder Instinktkräfte getrieben, noch durch allgegenwärtige Umweltdeterminanten manipuliert wird. Der Mensch wird als aktives Wesen gesehen, von Natur aus gut und fähig, den eigenen Weg zu wählen, um eine optimale Selbstverwirklichung zu erreichen.29

Abraham Maslow stellte die Theorie auf, dass sich die grundlegenden Motive des menschlichen Handelns in einer Bedürfnishierarchie anordnen lassen. Der wesentli- che Gedanke dabei ist, dass die Bedürfnisse auf einer bestimmten Hierarchiestufe - angeordnet in aufsteigender Reihenfolge vom ‚primitivsten’ bis zum ‚anspruchsvolls- ten’ - die Motivation eines Menschen so lange beherrschen, wie sie unbefriedigt blei- ben. Erst wenn sie erfüllt werden, wenden sich Aufmerksamkeit und Handeln der nächsten Stufe zu.30 Grundlegend unterscheidet Maslow dabei zwischen Mangelmo- tivationen, die den Menschen dazu veranlassen, sein physisches oder psychisches Gleichgewicht wiederherzustellen und Wachstumsmotivationen, die ihn veranlassen, über sein bisheriges Tun und Handeln hinauszuwachsen.31

So müssen zuerst die grundlegenden biologischen (Mangel-)Bedürfnisse, wie bspw. die Grundbedürfnisse nach Nahrung und Sexualität in der niedrigsten Stufe, befrie- digt sein, ehe die Sicherheitsbedürfnisse aktiv werden können. Ist hier eine Befriedi- gung hergestellt, entstehen mit den Zugehörigkeits- und Liebesbedürfnissen der Wunsch nach Zugehörigkeit, der Verbindung mit anderen und der Wunsch Liebe zu empfangen sowie zu geben.32 In der nächsten Stufe folgen Bedürfnisse die mit dem Selbstwert und der Anerkennung durch andere zusammenhängen. Sind diese Be- dürfnisse gestillt treten kognitive Bedürfnisse, also Bedürfnisse nach Wissen, Verste- hen und etwas Neuem auf, gefolgt von den ästhetischen Bedürfnissen nach Ordnung und Schönheit.33 Als vorerst letzte Stufe misst Maslow der Selbstverwirklichung als Bedürfnis sich selbst zu erfüllen und seine Talente und Fähigkeiten voll zu entwickeln besondere Bedeutung zu.34 Später fügte Maslow der Hierarchie noch das Bedürfnis nach Transzendenz, also das Bedürfnis nach spiritueller Identität jenseits des per- sönlichen Selbst, als höchsten Punkt menschlichen Strebens und höchste Stufe der moralischen Entwicklung hinzu.35

1.1.6 Der evolutionäre Ansatz

Dieser Ansatz unterscheidet sich grundlegend von den anderen Ansätzen, da er ver- sucht, die moderne Psychologie mit Charles Darwins Grundgedanken der Evolution als Ergebnis natürlicher Selektion zu verbinden.36 Grundlegend für diesen Ansatz ist der Gedanke, dass sich die psychische Ausstattung des Menschen über Millionen von Jahren im Dienste der Anpassung an die äußeren Lebensbedingungen analog zu den körperlichen Merkmalen entwickelt hat. Das Gehirn als Träger der psychi- schen Anpassung unterliegt demselben allgemeinen Prinzip der natürlichen Selekti- on wie andere Organe, wobei seine innere Struktur und Funktion entsprechend den Erfordernissen der physischen und sozialen Umwelt geformt wird. Nur die Gehirne, die angemessenes Verhalten hervorbringen, überstehen die Selektion und vermeh- ren sich. Des Weiteren spielen die Umweltbedingungen, unter denen sich das menschliche Gehirn entwickelte, in diesem Ansatz eine wichtige Rolle. Durch den umfangreichen theoretischen Hintergrund der Evolutionsbiologie werden die wesentlichen Anpassungsprobleme des Menschen während der Zeit als Jäger und Sammler, wie bspw. die Vermeidung der Bedrohung durch Raubtiere, das Sammeln und Austauschen von Nahrung, analysiert. Sind diese Anpassungsleistungen erkannt, werden Schlüsse über die psychischen Strukturen und Prozesse gezogen, die sich zur Lösung dieser Probleme entwickelt haben könnten.37

1.1.7 Abschließende Betrachtung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es keine allumfassende Theorie gibt, die das menschliche Verhalten und somit auch die Sexualität erklären könnte. Vor allem jedoch haben Sigmund Freud und seine Schüler den psychoanalytischen An- satz und somit die Sexualforschung vom Beginn des 19. Jahrhundert bis in die heuti- ge Zeit geprägt. Auch wird die heutige deutsche Fachliteratur noch sehr weitgehend von der Psychoanalyse beeinflusst, welche aber in der internationalen Sexualwis- senschaft kaum noch eine Rolle spielt.38 Selbst eine Reihe einflussreicher Psycho- analytiker haben die Konzentration auf die Triebtheorie aufgegeben und stellen statt- dessen soziale Einflüsse auf die Entwicklung des Menschen und seine Fähigkeit sich der Umwelt anzupassen in den Vordergrund.39 Das bedeutet natürlich nicht, dass psychoanalytische Methoden veraltet sind oder dass der wissenschaftliche Beitrag Sigmund Freuds unwichtig geworden ist, sondern, dass man ihm bei der Beschrei- bung der menschlichen Sexualität nicht mehr unbedingt die Schlüsselstellung ein- räumen muss. Vor allem durch die Arbeiten von Alfred C. Kinsey, William Masters und Virginia Johnson wurden in der Forschung neu Wege bestritten.40 Es kam somit zum Einzug des Behaviorismus in die Sexualwissenschaften und zu einer Rationali- sierung der Sexualität.41 Allgemein ist in der neueren Literatur ein Schwenk von der Trieb- zur Gefühlspsychologie zu beobachten. So hat unter anderem die humanisti- sche Psychologie die außerordentliche Wichtigkeit der Sphäre der Gefühle, die auch Werte, Normen und Ideale beinhaltet, wiederentdeckt.42 Nachfolgend soll nun die Sexualität auf die verschiedenen Ansätze hin beleuchtet werden, wobei der Schwer- punkt auf der Psychoanalyse liegt.

1.2 Die Sexualität

Das Sexualverhalten ist biologisch gesehen nur zur Fortpflanzung nötig und deshalb für das Überleben des Einzelnen, im Gegensatz zur Nahrungsaufnahme, entbehrlich. Trotzdem zählt die Sexualität, wie bereits beschrieben, zu den fundamentalen Bedürfnissen des Organismus.

1.2.1 Begriffsabgrenzung

Da Sexualität im menschlichen Dasein in vielschichtiger Weise erscheint, ist eine Definition schwierig. Die Sexualwissenschaft unterscheidet heute grundsätzlich zwi- schen den Begriffen Sex43 (Biologisches Geschlecht) und Sexualität (Geschlecht- lichkeit), wobei sich Sexualität auf eine Kerndimension des Menschseins bezieht, die das biologische Geschlecht (Sex), Geschlechtsrolle (Gender44 Role) und Ge- schlechtsidentität (Gender Identity 45 ), die sexuelle Orientierung, Erotik, emotionale Bindung/Liebe und Fortpflanzung einschließt. Die Sexualität wird erfahren, drückt sich in Gedanken, Phantasien, Wünschen, Überzeugungen, Rollen sowie Beziehun- gen aus und entsteht im Zusammenspiel biologischer, psychologischer, sozioöko- nomischer, kultureller, ethischer und religiöser bzw. spiritueller Faktoren.46

Nach Bräutigam ist Sexualität aus biologischer Sicht eine spezialisierte Form der Fortpflanzung. In der subjektiven Erfahrung ist sie eine ganz spezifische Lebensqua- lität, die eng mit der körperlichen Reifung verbunden ist und sich vorwiegend auf die Geschlechtsorgane zentriert, ohne aber auf sie beschränkt zu sein. Im sozialen und zwischenmenschlichen Bereich wird Sexualität zu einer Motivation, durch welche die menschlichen Beziehungen mit getragen werden, da sie sich auf den Kontakt, die Geborgenheit und Nähe mit anderen Menschen richtet.47 Für Phoenix bezeichnet der Begriff Sexualität im engeren Sinne den Inbegriff sexueller Handlungen, die mit genitaler Stimulation und Kopulation verbunden werden.48

Die Quelle der Energie der sexuellen Impulse werden von Freud mit dem Begriff Libido bezeichnet. Diese betrachtet er als psychische Energie, die den Menschen zu allen Formen angenehmer sinnlicher Erfahrungen treibt. Somit fällt für Freud unter den Begriff des menschlichen sexuellen Begehrens nicht allein das Verlangen nach sexueller Vereinigung, sondern auch alle anderen Versuche, angenehme Erlebnisse oder körperlichen Kontakt mit anderen aufzusuchen.49

1.2.2 Die psychosexuelle Entwicklung

Dieser breit definierte Sexualtrieb wird nach Freud bereits im Säuglingsalter wirksam und durchläuft verschiedene Phasen, deren Verlauf die Grundlage für das spätere individuelle Verhalten bildet. Freud stellt ein fünfstufiges Modell der psychosexuellen Entwicklung auf, in dem er je nach erogener Zone, also der Quelle der sexuellen Lust unterscheidet.50 Störungen des Sexuallebens sieht Freud als Ausdruck einer Hem- mung in dieser psychosexuellen Entwicklung. So führt zu viel Triebbefriedigung oder eine zu starke Frustration in frühen Stufen zur Unfähigkeit sich normal zur nächsten Stufe weiterzuentwickeln.51 Perversion ist somit eine sozial-psychologische Art der Degeneration, da der kranke Erwachsene in seinen Abartigkeiten auf frühkindlichen Stufen regrediert.52

Die Orale Phase53 als erste Stufe der Libidobefriedigung reicht von der Geburt bis etwa zum Ende des ersten Lebensjahres, gefolgt von der analen Phase54. Eine Fixie- rung in der Oralen Phase kann bspw. Rauchen, übermäßiges Essen oder auch Pas- sivität und Leichtgläubigkeit im Erwachsenenalter hervorrufen. Vom vierten bis etwa zum Ende des sechsten Lebensjahres schließt sich die ödipale (phallische, früh geni- tale) Phase55 an. In der ödipalen Phase werden die Grundstrukturen für die späteren sexuellen Verhaltensweisen gebildet. Freud ist der Meinung, dass ein Kind, welches die ersten sechs Lebensjahre ohne tiefgreifende Störungen durchlaufen hat, in sei- nen späteren Lebensjahren vor psychischen Erkrankungen geschützt ist. Auf die problematische ödipale Phase folgt dann die Latenz-56 sowie mit Beginn der Pubertät die genitale Phase57 als letzte Stufe der psychosexuellen Entwicklung.58 Die psychischen Strukturen differenzieren sich im Verlauf der kindlichen Entwicklung aus der ursprünglich undifferenzierten Es-Ich Matrix heraus. Bei normaler Entwick- lung wird das Ich immer fähiger, die nach Befriedigung drängenden Motive aufzu- schieben, abzuwehren oder sie entsprechend den vorhandenen Möglichkeiten in der Realität zu befriedigen.59

1.2.3 Die Triebunterdrückung

Wie bereits beschrieben, hat das Ich die schwierige Aufgabe, einen Kompromiss zwischen den maßlosen Es-Impulsen und den strengen, strafenden Motiven des Ü - ber-Ichs zu bilden, indem es die Befriedigungsmöglichkeiten, die Reaktionen der Umwelt sowie die Reaktionen des Ü ber-Ichs abschätzt. Nimmt ein unerlaubtes oder in der Realität auf Dauer gesehen nicht mehr zu befriedigendes Motiv an Stärke zu, wird es vom Ich durch verschiedene Abwehrmechanismen gebändigt und ins Unbe- wusste zurückgedrängt. Somit blockiert bzw. leitet das Ich bedrohliche und Angst auslösende Impulse um, damit die Angst bewältigt wird.60 Hierbei ist nochmals darauf hinzuweisen, dass von Freud vor allem die Sexualität, neben aggressiven Wünschen und einer Reihe biologischer Motive, als die zentrale Antriebskraft des individuellen Verhaltens gesehen wird.

Die Verdrängung ist der erste von Freud entdeckte Abwehrmechanismus. Eine Vor- stellung oder deren emotionaler Teil wird in das Unbewusste abgedrängt und dort durch Gegenbesetzungen am erneuten Eindringen ins Bewusstsein gehindert. Durch die Verdrängung wird, wie auch bei den anderen Abwehrmechanismen, der Trieb- wunsch nicht vernichtet, sondern lediglich blockiert und besteht im Es weiter. Er spielt weiterhin eine Rolle für das Funktionieren der Persönlichkeit und kann außer-

Sohn entsteht die ödipale Situation, in welcher er seine libidinösen Wünsche auf die Mutter konzentriert und dabei den Vater als Rivalen erlebt und bekämpft.

dem durch eine Schwächung der Gegenbesetzung wie bspw. durch Träume oder Drogeneinfluss, häufig in verzerrter Form wieder ins Bewusstsein gelangen.61 So erklären z. B. verdrängte sexuelle Strebungen, aus welchen Gründen sich jemand einer Sauberkeitskampagne mit dem Ziel die Pornographie auszurotten, anschließt, bei der er dann notwendigerweise das anstößge Material sorgfältig prüft.62 Des Weiteren hat die Idee der Verdrängung auch eine starke anthropologische Tragweite. Freud selbst war sich bewusst, dass er damit nicht nur ein für das Indivi- duum gewichtiges Phänomen beschrieb, sondern dass auch die Menschheit als Ganzes ihren Geisteshaushalt mit ständigen Verdrängungen bestreitet. Etwas Ängst- liches in den Menschen wehrt sich gegen die Ausweitung und Änderung ihres Be- wusstseinsfeldes und kämpft somit gegen neue Wahrheiten, die überlieferten Denk- weisen widersprechen. Vor allem dann, wenn das bereits bestehende Denken Si- cherheit und Angepasstheit zu gewährleisten scheint.63

Sucht sich ein Motiv, welches an seiner Befriedigung gehindert wird ein Ersatzobjekt, mit dem es daraufhin zufrieden ist, spricht man von Verschiebung. Bei der Ersatzbefriedigung ist es dann unwichtig, gegen wen sich die Liebe oder Aggression richtet, es zählt nur, dass geliebt oder bestraft wird.64

Bei der Projektion wird ein verdrängtes Motiv in der Umwelt bekämpft, da die Verdrängung nicht vollständig gelungen ist und die Gefahr besteht, dass die unerwünschte Regung ins Bewusstsein gelangt. Das Ich rettet sich, indem es dieses Motiv bzw. die eigene Schwäche und Unzulänglichkeit einer Person in der Umgebung zuschreibt und es dann an ihr negiert bzw. bekämpft. Eine Hysterikerin bspw., deren sexuelle Wünsche gegenüber Männern weitgehend verdrängt wurden, projiziert nun diese Wünsche auf die Männer generell, die ja doch nur ‚immer das eine wollen’ und geht ihnen deshalb aus dem Weg. Auch hier wird, wie bei den anderen Abwehrmechanismen, die Realität mehr oder weniger stark verzerrt.65

Die Identifikation oder Introjektion besteht in der Übernahme von Motiven und Verhaltensweisen geschätzter Personen in der Umwelt. Sie bilden das Ü ber-Ich und beeinflussen stark das Verhalten.66

Bei der Rationalisierung handelt es sich um eine innere Ausrede, durch welche ein positives Selbstbild aufrechterhalten wird. Das Ich versucht sich gegen die Vorwürfe des Ü ber-Ichs bei bestimmten Befriedigungen zu schützen. Wenn ein Vater bspw.

seine aggressiven Impulse durch Schläge an seinen Kindern abreagiert, kann er dies damit rationalisieren, dass er die Kinder auf die Härte des späteren Lebens vorberei- ten will.67

Das Ich versucht sich auch bei der Reaktionsbildung gegen die strengen Ü ber-Ich- Gebote zu wehren. Tritt ein verbotener Impuls zum Vorschein, wird sofort der entgegengesetzte und gebilligte Antrieb mit einer meist übertriebenen Intensität aktiviert. Aus verbotenem Hass zu einem Menschen wird übertriebene Liebe.68 Da es selten vorkommt, dass die einzelnen Abwehrmechanismen isoliert voneinander wirken, kommt es zu komplexen Verschränkungen. Des Weiteren kann das Individuum, anstelle sich für die Schuld an der verworrenen und Angst auslösenden Situation verantwortlich zu machen, diese bei anderen Gruppen entdecken. Indem nun die aggressiven Impulse auf diese Gruppe oder Minorität verschoben werden, können die eigenen Schuldgefühle abgebaut und die potentielle Konfliktsituation bewältigt und somit für das Ich angstfrei gestaltet werden.69

Ein übermäßiger Gebrauch der Abwehrmechanismen macht die Neurose aus, da Neurotiker einen Großteil ihrer psychischen Energie darauf verwenden, nicht annehmbare Triebe umzulenken, zu verkleiden und neu zu kanalisieren, um dadurch ihre Angst zu reduzieren. Somit hat der Neurotiker kaum mehr Energie für ein produktives Leben oder befriedigende Beziehungen.70 Durch das weithin erfolglose, willensschwache und ängstliche Leben, kämpft er umso stärker in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen um Überlegenheit und Macht.71

1.2.4 Die Sexualität in Verbindung mit den Geschlechterrollen

Die offensichtlichen biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen wer- den in allen Gesellschaften dazu benutzt, ihnen unterschiedliche soziale Rollen zu- zuweisen, durch die ihre Einstellungen und ihr Verhalten geformt werden. Der weibliche Körper ist anatomisch und physiologisch anders gebildet und für ande- re biologische Aufgaben ausgestattet. So liegt bspw. die Muskelkraft einer Frau im Durchschnitt mindestens 20 bis 25 % unter der des Mannes.72 Zu diesen natürlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern wird noch eine zusätzliche kulturell und sozial bestimmte Unterscheidung der Geschlechter hinzugefügt und somit die einfa- chen körperlichen Faktoren immer mit komplexen psychischen Eigenschaften in Zu- sammenhang gebracht. So reicht es nicht, dass ein Mann männlichen Geschlechts ist, er muss auch maskulin erscheinen und eine Frau kann nicht nur weiblichen Geschlechts sein, sie muss sich auch feminin verhalten.73

Durch interkulturelle Vergleiche wird die Auffassung gestützt, dass die wesentlichen geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen gelernt sind. In den meisten Kulturen e- xistiert jedoch ein männlich orientiertes, patriarchalisches System74, das dem Mann die meisten Rechte, mehr Freiheitsraum, größere Aktivität und Aggressivität, aber auch mehr körperlich harte Arbeiten zuweist.75 Auch in unserer Gesellschaft erfreut sich das männliche Geschlecht einer sozial dominanten Rolle. Es kommt zu Rollen- klischees, wonach die Frau das Bild und die Forderungen des Mannes übernimmt und der Mann zur Meßlatte wird. Beinhaltet die männliche Rolle unter anderem Do- minanz, Überlegenheitsgefühl, Angstfreiheit, sozialer Erfolg und geringe Emotionali- tät, gehören zum weiblichen Rollenbild Unterwerfungsbereitschaft, Ängstlichkeit, ge- ringerer sozialer Erfolg und hohe Emotionalität.76 Von Frauen werden mehr soziale und altruistische Betätigungen erwartet als vom Mann, dem eher die Jagd und das Verteidigen der Gruppe obliegen. So sind weltweit fast alle Hebammen-Tätigkeiten weibliche und fast alle Kämpfe in kriegerischen Auseinandersetzungen männliche Beschäftigungen.77

Durch die Erziehung lernen einerseits Jungen von Kindheit an, eine maskuline Rolle anzunehmen, die es ihnen ermöglicht, diese Position zu erreichen und auszufüllen und andererseits lernen Mädchen, eine untergeordnete feminine Rolle zu überneh- men. Von Jungs wird eher das Kontrollieren der Gefühle und von Mädchen eher Zärtlichkeit und Zuneigung erwartet. Unter dem Einfluss solcher Einstellungen, Bei- spiele und Erwartungen Erwachsener begreifen sich Kinder nach und nach auch selbst als sexuelle Wesen und lernen, wie die beiden Geschlechter miteinander in Beziehung stehen.78

Diese Unterschiede des männlichen und weiblichen ‚Charakters’ werden dann als angeboren bezeichnet und dazu benutzt, die bestehenden Machtverhältnisse zu si- chern. Hierbei gilt nur derjenige als normal und kann erfolgreich sein, der diese Ver- hältnisse akzeptiert. Die männliche soziale Rolle begünstigt maskuline Männer und die weibliche soziale Rolle begünstigt feminine Frauen. Dies hat zur Folge, dass der aggressive Mann die erfolgreicheren Geschäfte betreibt und die hübsche und liebenswürdige Frau den reicheren Ehepartner findet. Maskuline und feminine Eigenschaften sind demnach Merkmale von Geschlechtsrollen, welche als Reaktion auf soziale Diskriminierung entwickelt werden. Wenn sie einmal entwickelt sind, rechtfertigen und fixieren sie diese Diskriminierung.79

Allerdings gehen menschliche Wünsche und Fähigkeiten sehr häufig über die engen Grenzen der traditionellen Geschlechtsrollen hinaus und es bedarf ständiger, ge- meinsamer Anstrengungen aller gesellschaftlichen Gruppen, diese Grenzen auf- rechtzuerhalten. Da Männer im Glauben erzogen werden, Frauen seien sozial und sexuell passiv, kann es sie unter Umständen erheblich verwirren auf eine Frau zu treffen, die aktiv ist und bspw. beim Geschlechtsverkehr die Initiative ergreift. Folglich kann der Mann versucht sein, die Weiblichkeit dieser Frau anzuzweifeln. Wenn nun diese Zweifel aufgrund offensichtlicher Beweise nicht aufrechtzuerhalten sind, be- ginnt er möglicherweise an seiner Männlichkeit zu zweifeln, und es kommt nach Hä- berle zu sexuellen Störungen. Auf der anderen Seite kann ein sanfter und zurückhal- tender Mann ausgelacht und als ‚pervers’ oder ‚schwul’ hingestellt werden, und von ‚richtigen Frauen’ nicht als ‚richtiger Mann’ betrachtet und somit als Sexualpartner abgelehnt werden. Die Meinung, dass es in jeder sexuellen Beziehung einen aktiven Partner, (den Mann) und einen passiven (die Frau) geben muss, zerstört nicht nur viele heterosexuelle Beziehungen, sondern beeinflusst auch das Verhalten Homose- xueller, da selbst dort die Auffassung herrscht, dass es bei einem homosexuellen Paar einen aktiven, maskulinen und einen passiven, femininen Partner gibt.80

In Wirklichkeit muss jedoch weder die sexuelle noch die soziale Rolle in dieser Weise festgelegt sein, da bspw. auch in einigen menschlichen Gesellschaftsformen die Rollenverteilung von Mann und Frau gerade umgekehrt ist. So untersuchte die Kulturanthropologin Mead verschiedene Südseekulturen und kam dabei zu dem Ergebnis, dass viele, wenn nicht gar alle weiblichen Wesenszüge, mit der eigentlichen Geschlechtszugehörigkeit nur schwach verknüpft sind.81

An sich stellen unterschiedliche Geschlechtsrollen kein Problem dar, sondern können sehr bereichernd sein, solange ‚unterschiedlich’ oder ‚anders’ beim Menschen nicht gleichbedeutend mit über- oder untergeordnet ist.82 Allerdings wird trotz Emanzipati- on und ‚sexuellem Empowerment’83 heutzutage noch immer das sexuelle Verhalten von Männern und Frauen unterschiedlich von der Gesellschaft bewertet (vgl. Kapitel 1.5.5 Doppelmoral) und noch häufig dominieren männliche Macht und Gewalt.

1.2.5 Die Sexualität im Zusammenhang mit Macht

Adler ist der Ansicht, dass der Mensch - Männer wie Frauen - Wertsteigerung an- strebt, um nicht in Machtlosigkeit zu verfallen und bezeichnet dies als ‚Männlichen Protest’. Der hierbei angesetzte Wert ist allerdings stark von den jeweils herrschen- den kulturellen Maßstäben und der eigenen Willkür abhängig. Eine Hauptantriebs- kraft der menschlichen Psyche ist für Adler das universelle Minderwertigkeitsgefühl. Kinder - Jungen wie Mädchen - die unter verstärkten Minderwertigkeitskomplexen leiden, werden immer danach trachten, später ‚oben zu sein’, also zu herrschen. Der Wille zur Macht äußert sich somit im Verlangen‚ ‚ein ganzer Mann’ zu werden, wobei Männlichkeit mit ‚überlegen sein’ identifiziert wird. Die seit Urzeiten patriarchalischen Verhältnisse, die im Mann das ‚positive’ und in der Frau das ‚negative Prinzip’ sehen, also die bereits beschriebene und bis heute noch geltende Herrschaft des Mannes über die Frau spielen, dabei eine wesentliche Rolle.84

Besonders deutlich wird dieser ‚Männliche Protest’ in der Prostitution, in der einer- seits ein weibliches Wesen von einem Mann auf Zeit gekauft wird, andererseits je- doch auch zum Teil Macht seitens der Prostituierten ausübt wird Aber auch in allen sexuellen Perversionen kommt nach Adler der Wunsch nach Macht zum Aus- druck. Der Voyeur raubt der ahnungslosen Frau die Sphäre der Schamhaftigkeit und der Exhibitionist zeigt aggressiv, dass er ein Mann ist und erschreckt damit die Frau. In der Sado-Maso-Szene85 wird Liebe in nackte Gewalt umgewandelt. Besonders in den Bereichen der erkrankten Sexualität kommt das Kampfverhältnis der Geschlech- ter, welches das Patriarchat seit Jahrtausenden produziert, stark zum Ausdruck.86

C. G. Jung dagegen unterscheidet generell zwischen dem Trieb der Arterhaltung, welcher sich auf den Sexualtrieb bezieht und dem Trieb der Selbsterhaltung, der mit dem Machttrieb verbunden ist. Er betont die Interpretation der Grundtriebe von Freud und Adler, wonach, wie bereits beschrieben, nach Freud der Sexualtrieb bzw. die Arterhaltung im Vordergrund steht, während nach Adler der Machttrieb bzw. die Selbsterhaltung dominiert. Nach Jung müssen Arterhaltung und Selbsterhaltung als ontologisch87 zusammenhängend gesehen werden, wobei im einen Menschen erste- rer, im anderen letzterer Pol mächtiger ist. Beim Überwiegen des Sexualtriebs nimmt das Ich eine untergeordnete Stellung ein, wogegen die Liebe nur ein Mittel zur Macht wird, wenn der Machttrieb herrscht. Durch die Ableitung von zwei unterschiedlichen Einstellungstypen bildet Jung nun eine Synthese zwischen den Theorien von Freud und Adler und überträgt sie auf das allgemeine Verhalten. Steht der Machttrieb im Vordergrund, wird das Subjekt höher, das Objekt geringer gewertet. Diese Einstel- lung wird von Jung als Introversion bezeichnet. Wenn Freud den Sexualtrieb und die Beziehung zu Objekten betont und somit das Subjekt weniger beachtet, nennt Jung diese Einstellung Extraversion. Es kommt in jedem Menschen zu einer Gegensatz- spannung zwischen dem Eros (Extraversion) und der Macht (Introversion) mit je ver- schiedenen Schwerpunkten, die sich auch bei der sexuellen Anziehung auswirkt. So neigt der Introvertierte zu einem extravertierten Partner, damit seine unbewussten extravertierten Anlagen kompensiert werden und umgekehrt.88

Nach Foucault ist das Machtverhältnis, „immer schon da, wo das Begehren ist: es in einer nachträglich wirkenden Repression89 zu suchen ist daher ebenso illusionär wie die Suche nach einem Begehren außerhalb der Macht.“90

Der Erste, der die Meinung vertrat, dass das Machtverhältnis in sexuellen Handlun- gen eine wissenschaftliche Tatsache sei, und somit normal, unvermeidlich und we- sentlich für die sexuelle Lust, war Ellis im frühen 20. Jahrhundert . Er war überzeugt, dass sich der sexuelle Impuls beim Mann im Verlangen ausdrücke, die Frau zu ver- folgen und zu erobern, während die sexuelle Lust der Frau zunächst aus der Vortäu- schung von Widerstand und dann in der Auslieferung an den Mann bestehe.91

In den Analysen der Sexualforscher über die Beziehung zwischen Sexualität und Gewalt ist allerdings die Vorstellung immer noch sehr lebendig, dass Macht ein inhä- renter Bestandteil sexueller Aktivität und somit biologisch determiniert sei. Während die Sexualforscher gewöhnlich sorgfältig darauf achten, dass sexuelle Gewalt nicht entschuldigt wird, so trivialisieren sie doch durchgehend deren Auswirkungen auf Frauen oder unterstellen, dass Frauen sie provoziert oder sogar gewollt hätten. Die Vorstellung einer Provokation passt somit nahtlos zu einem Modell von Sexualität als ein biologischer Trieb, ausgelöst durch die Frau als erotischer Stimulus.92

1.2.6 Das Sexualverhalten

Die primäre Funktion des Sexualverhaltens ist aus biologischer Sicht die Weitergabe der eigenen Gene bei gleichzeitiger Erhöhung der Variabilität.93 Allerdings ist diese Funktion für den Prostitutionstourismus nahezu irrelevant und wird somit nicht näher beleuchtet.

Da sich ein Mann über viele hundert Male im Jahr fortpflanzen könnte, wenn er ge- nügend Partnerinnen zur Verfügung hätte, wogegen eine Frau maximal einmal im Jahr gebären kann und die anschließende Erziehung des Kindes einen hohen Zeit- und Energieaufwand erfordert, haben Männer und Frauen verschiedene Strategien, Emotionen und Motivationen entwickelt, die ihrem Sexualverhalten zugrunde lie- gen.94

Der Evolutionspsychologe Buss unterscheidet grundsätzlich zwischen kurz und lang- fristigen Strategien. Der Mann, der sich zuerst treu und fürsorglich gibt, um dann die Frau, nachdem er sie verführt hat, wieder zu verlassen, verfolgt eine kurzfristige Stra- tegie. Treue gegenüber der Partnerin und die Investition in das Großziehen der Nachkommen ist dagegen eine langfristige Strategie wie auch die weibliche Strate- gie, einen treuen Mann für sich zu gewinnen, der sie unter anderem beim Aufziehen ihrer Kinder unterstützt. Kontrovers ist die Frage, ob Frauen kurzfristige Paarungs- strategien entwickelt haben. Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass sich wahlloser Sex für Frauen im evolutionären Sinn nie auszahle, da sie schwanger wer- den könnten, ohne einer männlichen Investition bei der späteren Kindererziehung gewiss zu sein. Andere dagegen argumentieren, dass kurze Beziehungen mit vielen, besonders älteren, reichen Männern gegen unmittelbare Belohnungen zumindest das kurzfristige Überleben der Frau sichern.95 Auch die Existenz von Callboys oder bspw. der Beach Boys bestätigen kurzfristige weibliche Strategien.

Die Untersuchungen von Buss deuten darauf hin, dass Frauen und Männer über alle Kulturen hinweg die gleichen evolutionspsychologisch voraussagbaren Verhaltens- muster aufweisen. Allerdings ändern sich die Risiken und Belohnungen durch die äußeren Lebensbedingungen. Trotz der Minderung der Risiken für Frauen durch die Möglichkeit der Schwangerschaftsverhütung und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit, wird Sex auch heutzutage noch als ‚Geschenk’ von Frauen an Männer angesehen. Entweder im Tausch gegen unmittelbare, materielle Belohnung bei der kurzfristigen Paarung wie der Prostitution oder gegen eine langfristige Bindung und Unterstützung wie der Ehe. Obwohl zu erwarten wäre, dass menschliche Gefühle und Motivationen mit den technologischen und sozialen Entwicklungen Schritt halten, wenn soziale und sexuelle Emotionen als Reaktion auf äußere Lebensbedingungen erlernt wur- den, scheinen die Paarungsstrategien gegen alle Veränderungen beständig zu sein.96

Früchtel und Stahl unterscheiden drei Strategien bzw. Typen männlicher Sexualität, die sich durchaus in ein und demselben Mann verkörpern können und somit vielmehr als miteinander verflochtene und auseinander entstandene Schemata zu verstehen sind. Allerdings gibt es inzwischen auch in der weiblichen Sexualität Versuche der Angleichung an diese Sexualitätsformen:

Die Eroberungssexualität, in der sich das Männlichkeitsbild des Jägers und Kriegers wiederfindet, ist am wenigsten ‚politisch korrekt’ and am tiefsten in den Wunschbil- dern der von ihnen befragten Männer verankert, da Sexualität für Abenteuer, Span- nung sowie Risiko steht. Das Ziel ist nicht die Unterwerfung des anderen Körpers, sondern dessen Bewusstseins, damit der Begehrende selbst zum Begehrten wird.97 Das Hauptmotiv - die Eroberung - löst sich allerdings beim Erreichen des Ziels auf und somit steht das Bedürfnis seiner Befriedigung selbst im Weg und muss theore- tisch ewig perpetuiert werden.98

In der kompetenten (technischen) Sexualität, als Reaktion auf die behavioristischen Ansätze der Sexualwissenschaft, ist Sexualität der Vorgang, mit mehr oder weniger ausgefeilten Techniken, das Glück eines Paares herzustellen.99 Es entsteht der Zwang zum idealen Orgasmus und somit das Paradox, dass Leidenschaft und Stra- tegie parallelisiert und liebevolle Nähe mit technischer Distanz vereinbart werden müssen.100

Die Erlebnissexualität dagegen resultiert aus dem modernen Bedürfnis nach Selbst- erfahrung und Selbstverwirklichung, wonach Erlebnisse keine Begleiterscheinung mehr sind, sondern zum Handlungszweck werden. Die Sexualität wird zu einer Art außeralltäglichem Erlebnis, das im Alltag inszeniert und den Geboten der Selbstver- wirklichung unterworfen ist.101 Es entsteht die Sehnsucht nach Beziehungen, die das komplette Selbst einschließen, während sich die Zwänge traditioneller Bindungen auflösen.102

Gegenwärtig steht nicht mehr die mechanisch-energische Sichtweise der Sexualität im Vordergrund, da immer weniger Menschen die Sexualität als eine Kraft sehen, die Impulshaft jederzeit Macht über sie gewinnen kann.103 Ziel ist nun die Suche nach Reizen sexueller und nicht sexueller Art, Vergnügungen sowie das Spiel mit der Ressource Sex, mit Erregungen und nicht Befriedigung im Sinne von Ruhe oder Be- dürfnislosigkeit.104 Die Psychologin Potts kam in einer Studie zum Ergebnis, dass der ‚delight of desire’, die ’sexiness’ der Lust dabei sind, die Orgasmusfixierung, also den Orgasmus als höchstes Ziel abzulösen.105 Ebenso stellt Baumann die Triebtheo- rie auf den Kopf: „Verlangen verlangt nicht nach Befriedigung. Im Gegenteil, Verlan- gen verlangt Verlangen.“106 Somit wird der Körper zum Reizempfänger, und nicht mehr zum Sender der von Innen kommenden Triebimpulse.107

Sexualität wird nun verstanden als phantasiereiches, erfinderisches, reziprokes Han- deln und Erleben, als Ausdruck und Erfahrung von Intimität sowie als Beleg für Sen- sibilität und erotische Kompetenz. Für dieses beide Partner erfüllende Ideal, müssen jedoch Bedingungen erfüllt werden, die selbst bei glücklichen Paaren nicht so oft ge- geben sind, wie Zeit füreinander, Lust, fühlbare oder gewünschte Nähe.108 Somit wird Sexualität zwischen den Anforderungen der Arbeit und der Freizeit immer mehr zu einer Frage der Organisation. Es wird abgewogen, ob es sich lohnt Arbeit in eine Be- ziehung zu investieren, um sexuell versorgt zu sein, oder ob man sich den Sex dann doch lieber anderweitig organisiert, masturbiert oder enthaltsam lebt, während auf die nächste große Liebe gewartet wird.109 Befriedigung und Spannungsreduktion stö- ren den Erregungssucher. So wird der Orgasmus, einst Höhepunkt des Ge- schlechtsaktes, zum Zeichen aufzuhören - was eigentlich unerwünscht ist - oder zum Zeichen dass aufgehört werden soll, weil der Sex langweilig ist.110

Sexualität wird entmystifiziert und entdramatisiert, ihre Kosten und Gewinne sachlich und effektiv kalkuliert. Anstelle des mächtigen, irrationalen Triebes tritt nun die Meta- pher des ‚designten Verlangens’.111 Da es einfacher ist, die Phantasie als das reale Leben zu designen, existieren nun nach dem Soziologen Gagnon zwei Sexualwelten parallel. Zum einen die Welt des Symbolischen, also des Träumens, und die Welt des Verhaltens, die dann den realen Geschlechtsakt betrifft. In der Phantasiewelt kann gespielt werden, man kann schöne Körper ansehen und Kontakte mit diesen haben, ohne materiell oder seelisch zu investieren. Beide Welten sind unabhängig und die reale sollte auch nicht der Phantasiewelt entsprechen.112

Für den Sexualwissenschaftler Sigusch 113 ist Sexualität heutzutage eher eine allgemeine Selbstverständlichkeit, die eher negativ als Ungleichheit der Geschlechter, Gewalt, Missbrauch und tödliche Infektion mystifiziert wird und nicht mehr als Rausch oder Ekstase oder als die Metapher der Lust und des Glücks gilt. Während vor der ‚neosexuellen Revolution’114 Sexualität vor allem aus Trieb, Orgasmus und dem heterosexuellen Paar bestand, bestehen die Neosexualitäten hauptsächlich aus ‚gender difference’115, Selbstliebe und ‚Thrills’. Somit bringen unter anderem folgende miteinander vernetzte Prozesse Neosexualitäten hervor:

Die Dissoziation der sexuellen Sphäre bedeutet insbesondere die diskursive Abtren- nung und Überhöhung des geschlechtlichen Bereichs. Entscheidend ist somit nicht mehr das Triebschicksal, sondern die Geschlechterdifferenz verbunden mit einer Aufspaltung der geschlechtlichen Sphäre selbst i. S. von sex, gender role etc. So steht nicht mehr der Mann im Mittelpunkt, sondern die Frau und anstelle des Sexuel- len das Geschlechtliche. Es kommt zur Aufspaltung des Bereichs des sexuellen Er- lebens von der des Sexualkörpers, und zur diskursiven Trennung der libidinösen von der destruktiven Sphäre, wie der sexuellen Gewalt und des sexuellen Miss- brauchs.116

Der Prozess der Dispersion der sexuellen Partikel, Fragmente, Segmente und Le- bensweisen erfolgt vor allem durch die Kommerzialisierung und Mediatisierung. Als Beispiel hierfür können Sex in der Werbung und die warenästhetische Indienstnahme des Erotischen und der Sexindustrie, von Kontaktanzeigen, Partnervermittlungen über die Sexualität im Fernsehen bis hin zur Prostitution, zum Prostitutionstourismus und zum Kinderhandel aufgeführt werden.117

Ein weiterer Prozess ist die Diversifikation und Deregulierung der Intimbeziehungen. Als Beispiele führt Sigusch v. a. die Entwertung der Herkunftsfamilie, das Schrumpfen zur Kleinstfamilie, in der ein Individuum seine eigene Familie ist, die Selbstdefinition und Pluralisierung ehemaliger Perversionen als gesunde Neosexualitäten, neue Scham-, Ekel-, Desensibilisierungs- und Zurückweisungsstandards an.118

Freud und seinen Nachfolgern ist es gelungen, viele Sexualtabus zu zerstören und eine gewisse Offenheit und Unbefangenheit in diesem Bereich zu etablieren. Aller- dings hat sich dadurch kaum Nutzen für die seelische und sexuelle Gesundheit der Menschen gezeigt. An die Stelle der ‚gehemmten Puritaner’ des Viktorianischen Zeitalters sind die ‚ungehemmten Genussmenschen’ der Konsumgesellschaft getre- ten, die zur Sexualität ein ebenso gestörtes Verhältnis wie ihre Großeltern aufweisen. Nach Rattner und Danzer hätte die Befreiung der Sexualität mit der Erziehung der Gefühle kombiniert sein müssen, da vor allem auch das Gefühlsleben, welches dar- über entscheidet wie ein Mensch seine sexuelle Befriedigung sucht und gestaltet, unterentwickelt ist.119

Nach Freud ist die Entstehung des Gefühls abhängig vom Triebverzicht, da sich Ge- fühle nur entfalten, wenn das triebhafte Bedürfnis blockiert werden kann. Echte Ge- fühle gegenüber Menschen oder Sachen treten nur dann auf, wenn sie in ihrem Ei- genwert aufgefasst und nicht für die eigenen Zwecke missbraucht werden. Nach Ad- ler werden Gefühle zeitlich früher im Seelenleben konstituiert als sexuelle Triebhaf- tigkeit, und das Bedürfnis nach zärtlicher Interaktion bleibt auch im späteren Leben fast stärker und fundamentaler als der Wunsch nach ‚triebhaften Abreaktionen’. Adler beschreibt in seiner Charakterlehre, dass vom Menschen jene Form von Triebverhal- ten gewählt wird, die seiner allgemeinen Charakterbeschaffenheit entspricht. Somit begründet nicht der Trieb den Charakter, sondern die Charakterstruktur bestimmt die vorherrschenden Triebmodalitäten. Nicht die speziellen Sexualtraumen der Kindheit sind somit seiner Meinung nach Auslöser für die sexuellen Anomalien des Alltags und die sexuellen Perversionen, sondern die Abwegigkeiten der frühen Charakter- entwicklung.120 Auch der Phänomenologe Scheler behauptet, dass Gefühle, die sich immer auf Werte beziehen, den Kern der menschlichen Persönlichkeit ausmachen und das somit nicht die Triebe, sondern das Gefühl oder Gemüt im Zentrum der Person stehen.121

1.2.7 Abschließende Betrachtung

Abschließend kann gesagt werden, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse hinsicht- lich der Einstellungen zur Sexualität, sexueller Verhaltensweisen und auch die Nach- frage nach Prostitution sozialen und historischen Wandlungen unterliegen. Dieser Wandel wird von der herrschenden Sexualmoral einer Gesellschaft, den unterschied- lichen Geschlechterbeziehungen und vielen weiteren Faktoren geprägt.122 So haben sich die Sexualität und das Sexualverhalten im letzten Jahrhundert - von der sexuel- len Restauration in den 1950er Jahren, über die sexuelle Revolution in den 1968er Jahren bis hin zur neosexuellen Revolution der 1980er und 1990er Jahre - stark ver- ändert.123 Heutzutage zeigt sich die Sexualität meist liberalisiert, demokratisiert und entdramatisiert.124 Diese Veränderung war nur möglich, da sich auch das Moralbe- wusstsein der Gesellschaft hinsichtlich der Sexualität verändert und gelockert hat. Die Sexualmoral wird sich auch weiterhin verändern und dies muss nicht zwingend in die Richtung einer liberaleren Moral führen. Hier kann als Beispiel die USA aufge- zeigt werden, da dort vor allem die herrschende Sexualmoral konservativer ist als noch vor einigen Jahren. Des Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass ver- schiedene Generationen in einer Gesellschaft unterschiedliche Sexualmoralen und ein unterschiedliches Geschlechterrollenverständnis haben und dass folglich ebenso ein Unterschied im Sexualverhalten vorliegt. Außerdem kann grundsätzlich von ei- nem unterschiedlichen Sexualverhalten von Männern und Frauen ausgegangen wer- den, wobei hier teilweise eine Angleichung zu beobachten ist.

Individuen handeln aus unterschiedlichsten Motiven heraus. Meist angetrieben vom Streben nach Lust und der Vermeidung von Unlust müssen menschliche Handlungen unter Berücksichtigung dieser Motivationen und als Balance zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl beurteilt und betrachtet werden.125

1.3 Die Moral

„Neosexualität ist eine neue Sexualform die sich den alten Ängsten, Vorurteilen und Theorien entzieht. Personen, die noch vor der sexuellen Revolution des 20. Jahr- hunderts als abnorm, krank, pervers und moralisch verkommen angesehen worden sind, profitieren von neu gewonnen Freiräumen in unserer Gesellschaft.“126 Jahrhun- derte lang wurde Sadomasochismus und Fetischismus mit Folter und Mord bestraft und als perverse Krankheit angesehen. Heute können Hetero- und Homosexuelle zwischen den unterschiedlichsten Beziehungsformen frei wählen, ohne als abnormal bezeichnet zu werden. Dies ist nur möglich, da Sexualität heute durch das öffentliche Interesse der Medien nicht mehr mit dem Rausch, dem Höhepunkt und der Revoluti- on assoziiert wird. Sexualität wird heutzutage banal vermarktet und gilt nicht mehr als Sprengstoff in der Öffentlichkeit.127

Als sexuelle Normen werden Aspekte des Sexualverhaltens betrachtet, die Men- schen in ihren bestimmten Kulturen erwerben und leben. Dabei legen verschieden Kulturen bestimmte Verhaltensregeln fest, die in dieser Kultur für angemessen gehal- ten werden und für den Ausdruck sexueller Impulse als normkonform gelten.128 Somit ist die Moral ein wichtiger Bestandteil und unerlässlich im Zusammenleben der Menschen und schafft die Basis, bestehend aus einzelnen handelnden Personen, für eine Gesellschaft als Ganzes.129

1.3.1 Definition Moral und Ethik

Der Begriff Ethik leitet sich von dem griechischen Wort Ethos (Gewohnheit, Sitte, Brauch) ab. Ethos ist mit dem lateinischen Wort mores gleichzusetzen, welcher dem Begriff der Moral zugrunde liegt. Nach Aristoteles beinhaltet der Begriff Ethos die Gewohnheit, die Sitte und den Brauch. Wer erzogen wurde, sein Handeln an dem, was Sitte ist, auszurichten, der handelt ‚ethisch’ und erkennt die Normen des allge- mein anerkannten ‚Moralkodex’ an. Im engeren und eigentlichen Sinn handelt derje- nige ethisch, der die überlieferten Handlungsregeln und Wertmaßstäbe nicht fraglos hinnimmt, sondern es sich zur Gewohnheit macht und überlegt das erforderliche Gu- te zu tun, welches sich dann zu einer Grundhaltung der Tugend und so zu seinem Charakter verfestigt.130

Ethik wird im Duden definiert als „Lehre vom sittlichen Wollen und Handeln des Men- schen in verschiedenen Lebenssituationen“131 als „(allgemeingültige) Normen und Ma- ximen der Lebensführung, die sich aus der Verantwortung gegenüber anderen herlei- ten.“132 Der Begriff der Moral wird wie folgt definiert: „Gesamtheit von ethisch- sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten in einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden.“133

1.3.2 Der Unterschied zwischen Moral und Ethik

Allgemein sind Ethik und Moral die Bräuche und Verhaltensnormen welche die Gewohnheiten und das Zusammenleben einer Gemeinschaft bestimmen.134 Die Begriffe Moral und Ethik haben sich im allgemeinen Sprachgebrauch so ausdifferenziert, dass unter Moral die überlieferten Verhaltensnormen und unter Ethik die Theorie von Verhaltensnormen verstanden werden kann.135

Eine ethische Entscheidung eines Individuums muss für andere nicht verbindlich sein, sofern die Entscheidung nur die persönliche Lebensgestaltung eines Menschen angeht und andere dadurch nicht beeinträchtigt. Im Gegensatz dazu gibt es moralische Regeln, die von jedem Individuum einzuhalten sind. Wobei die Moral die Bedeutung einer Schutzfunktion in der ethischen Lebensgestaltung eines Einzelnen hat.136 So bezieht sich Ethik auf das Individuum und Moral gibt die Regeln für Interaktionen zwischen mindestens zwei Menschen vor.137

1.3.3 Die Funktion von Moral

In sozialen Systemen hat die Moral die Funktion, Erwartungen und Erwartungserwar- tungen des Gegenübers zu erfüllen und nicht zu enttäuschen. Moralische Regeln führen also dazu, dass eine Person erwarten darf, was sie erwartet und andere Per- sonen wiederum haben die Erwartung, dass sich andere Personen danach richten. Diese Erwartungen und Erwartungserwartungen sind demnach in den kategorischen Regeln enthalten, deren Summe wir Moral nennen. Bereits hier ist zu erkennen, dass moralische Regeln objektiv sind und nicht jedes Individuum frei ist, seine eigene Prä- ferenzskala aus moralischen Werten zu bilden. Wäre dies möglich, würde das gesell- schaftliche Handeln kollabieren. So sind also objektive moralische Regeln eine Notwendigkeit für das soziale Handeln.138

Aus soziologischer Sicht hat Moral die Funktion, eine gesellschaftliche Ordnung zu schaffen, zu festigen und zu garantieren.139

1.3.4 Abschließende Betrachtung

Menschen sind immer auf der Suche nach Werten und Normen. Die Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil im Leben aller Menschen und daher spielt die Moral in der Sexualität ebenfalls eine wichtige Rolle.140

Bei zwischenmenschlichen Interaktionen ist die Moral unerlässlich. Da im Prostitutionstourismus mehrere Menschen agieren, muss auch hier eine Moral bestehen die bei Handlungen zwischen der Prostitutierten und dem Sextouristen für beide Partner gelten und verbindlich eingehalten werden.

[...]


1 Spreitzhofer, G., Tourismus dritte Welt Brennpunkt Südostasien, 1995, S. 90

2 Vgl. Fuchs, H., Sextourismus - ein gigantisches, weltweit boomendes Geschäft, 2004, S. 3

3 Rothe, A., Männer, Prostitution, Tourismus, 1997, S. 12

4 Vgl. Lipka, S., Das käufliche Glück in Südostasien, 1989, S. 12

5 Aktionsgemeinschaft gegen internationale und rassistische Ausbeutung e. V.

6 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 16

7 Vgl. ebenda, S. 319 f.

8 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 446

9 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 322 ff.

10 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, Psychologie, 1999, S. 323

11 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 441

12 Vgl. Holder, A., Einleitung, 1992, S. 9; vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 531

13 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 531

14 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 533

15 Vgl. ebenda, S. 533

16 Vgl. ebenda, S. 533

17 Vgl. ebenda, S. 12 f.

18 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 441 f.

19 Homöostase = die Aufrechterhaltung des konstanten inneren Zustandes trotz wechselnder äußerer Umstände. Homöostatische Motivationen haben somit ihren Ursprung in physiologischen Verände-

20 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 446 f.

21 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 321

22 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 443

23 Vgl. ebenda, S. 443 ff.

24 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 443 ff.

25 Altruismus = durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Handlungsweise

26 Vgl. ebenda, S. 443 f.

27 Vgl. ebenda, S. 443 ff.

28 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 350

29 Vgl. ebenda, S. 14 f.

30 Vgl. Maslow, A. H., Motivation und Persönlichkeit, 1981, S. 63 ff.

31 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 477 f.

32 Vgl. Schönpflug, W.; Schönpflug, U., Psychologie, 1989, S. 373 f.

33 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 478

34 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 324 f.

35 Vgl. Schönpflug, W.; Schönpflug, U., Psychologie, 1989, S. 373 f.

36 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 15

37 Vgl. Cosmides, L.; Tooby, J., From evolution to behaviour: Evolutionary psychology as the missing link, 1987, S. 277 ff.

38 Vgl. http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/vorwort_zur_deutschen_ausgabe.html, Zugriff: 27.03.2005 (1)

39 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 12

40 Vgl. http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/vorwort_zur_deutschen_ausgabe.html, Zugriff: 27.03.2005 (2)

41 Vgl. Ammicht Quinn, R., Körper - Religion - Sexualität, 2000, S. 255

42 Vgl. Rattner, J.; Danzer, G., Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 99

43 Sex (das biologische Geschlecht) bezieht sich auf die Summe der biologischen Eigenschaften, die das Spektrum der Menschheit als weiblich oder männlich definieren.

44 Gender (das psychosoziale Geschlecht) ist die Summe kultureller Werte, Einstellungen, Rollen, Praktiken und Eigenschaften, die auf der Grundlage des Geschlechts entwickelt werden. Wie es historisch, transkulturell und in heutigen Gesellschaften existiert, reflektiert und perpetuiert besondere Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen.

45 Gender identity definiert den Grad, zu dem sich die Menschen selbst als männlich, weiblich oder als Kombination davon identifizieren. Sie ist der im Laufe der Zeit konstruierte Rahmen, der es einem Individuum ermöglicht, ein Selbstbild zu organisieren und in der Gesellschaft entsprechend seinem von ihm selbst wahrgenommenen Geschlecht und seiner Geschlechtsrolle zu agieren. Gender identity bestimmt, wie Individuen ihr Gender, d.h. ihr psychosoziales Geschlecht, erleben, und trägt bei jedem Individuum zu seiner Selbstwahrnehmung als gleichbleibend, einmalig und zugehörig bei.

46 Vgl. http://www2.hu-berlin.de/sexology/GESUND/ARCHIV/DEUTSCH/KRIT.HTM#G, Zugriff: 27.03.2005 (3)

47 Vgl. Bräutigam, W.; Clement U., Sexualmedizin im Grundriss, 1989, S. 42 ff.

48 Vgl. Runkel, G., Die Sexualität in der Gesellschaft, 2003, S. 6 (zitiert nach: Phoenix, C. H., Animal Sexual Behavior, in: Shills, D. L. (Hg.), International encyclopedia of the social sciences, 1968, S. 194)

49 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 531

50 Vgl. ebenda, S. 531 f.

51 Vgl. Eickhoff, F. W., Einleitung, 1994, S. 23

52 Vgl. von Bredow, W.; Noetzel, T., Befreite Sexualität?, 1990, S. 197

53 In der Oralen Phase erhält der Säugling seine wichtigsten Erlebnisse und Erfahrungen durch die sehr sensible, erogene Mundregion. Grundsätzlich führt das Trinken an der Mutterbrust oder an der Flasche nicht nur zu einer Befriedigung des Nahrungstriebs, sondern es wird vom Säugling als sehr lustvoll und somit sexuell erlebt.

54 Hier verlagern sich die libidinösen Interessen auf die körperlichen Ausscheidungsorgane, da das Ausscheiden der Exkremente nun als lustvoll erlebt wird. Zum dominanten Thema in der analen Phase wird die Auseinandersetzung mit der elterlichen Macht.

55 Die bisher unspezifischen sexuellen Interessen werden nun auf den andersgeschlechtlichen Eltern- teil gerichtet und das zentrale Thema besteht in der ödipalen Phase in der geschlechtsspezifischen Auseinandersetzung und Identifikation mit den Eltern. Eines der Haupthindernisse in der sexuellen Entwicklung für Jungen tritt in dieser Stufe auf, da sie den Ödipuskonflikt überwinden müssen. Beim

56 Das Kind wendet sich neutraleren Objekten der Realität zu und die Entwicklung verläuft nun ruhiger und realitätsbezogener.

57 Die genitale Phase ist gekennzeichnet durch das Aufkommen sexueller Impulse, die auf die Aufnahme des sexuellen Kontaktes zum anderen Geschlecht gerichtet sind.

58 Vgl. Wellhöfer, P. R., Grundstudium Allgemeine Psychologie, 1990, S. 172 ff.

59 Vgl. ebenda, S. 174, vgl. Nitzschke, B., Sexualität und Männlichkeit, 1988, S. 311 ff.; vgl. Freud, S., Das Ich und das Es, 1992, S. 285

60 Vgl. Wellhöfer, P. R., Grundstudium Allgemeine Psychologie, 1990, S. 174 f.

61 Vgl. Rattner, J.; Danzer, Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 49 ff.

62 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 535

63 Vgl. Rattner, J.; Danzer, G., Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 58

64 Vgl. Wellhöfer, P. R., Grundstudium Allgemeine Psychologie, 1990, S. 175

65 Vgl. ebenda, S. 175 f.; vgl. Rattner, J.; Danzer, G., Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 23

66 Vgl. Wellhöfer, P. R., Grundstudium Allgemeine Psychologie, 1990, S. 175 f.

67 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 534; vgl. Rattner, J.; Danzer, G., Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 23

68 Vgl. Wellhöfer, P. R., Grundstudium Allgemeine Psychologie, 1990, S. 176

69 Vgl. ebenda, S. 176

70 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 534

71 Vgl. Rattner, J.; Danzer, G., Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 81

72 Vgl. Brunotte, E.-R., Das Bild von der Frau - ein Vorurteil, 1984, S. 171

73 Vgl. http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/die_sozialen_rollen_von_mann_u.html, Zugriff: 27.03.2005 (4)

74 Patriarchat = Gesellschaftsform, in der der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat u. Familie innehat u. in der die männliche Linie bei Erbfolge u. sozialer Stellung ausschlaggebend ist; griech. wörtl. ‚Vater-Herrschaft’

75 Vgl. Wellhöfer, P. R., Grundstudium Allgemeine Psychologie, 1990, S. 191

76 Vgl. Wickler, W.; Seibt, U., Männlich - Weiblich, 1990, S. 253

77 Vgl. ebenda, S. 248

78 Vgl. http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/das_erlernen_der_geschlechtsro.html, Zugriff: 27.03.2005 (5)

79 Vgl. http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/die_sozialen_rollen_von_mann_u.html, Zugriff: 27.03.2005 (6)

80 Vgl. http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/die_sozialen_rollen_von_mann_u.html, Zugriff: 27.03.2005 (7)

81 Vgl. Wellhöfer, P. R., Grundstudium Allgemeine Psychologie, 1990, S. 191 f.

82 Vgl. http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_DE/html/die_sozialen_rollen_von_mann_u.html, Zugriff: 27.03.2005 (8)

83 Sexuelles Empowerment = aus feministischer Sicht, ein Prozess, der sich auf intellektueller Ebene und auf Erfahrungsebene abspielt und bei dem Frauen lernen sollten, sexuelle Interaktionen sicher und befriedigend zugleich zu gestalten.

84 Vgl. Rattner, J.; Danzer, G., Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 78 f

85 Sadomasochismus = Veranlagung, beim Ausführen u. Erdulden von Quälereien zu sexueller Erregung, Lust zu gelangen

86 Vgl. ebenda, S. 83 f

87 ontologisch = die Ontologie (Lehre vom Sein, von den Ordnungs-, Begriffs-, u. Wesensbestimmungen des Seiende) betreffend

88 Vgl. Beck, H.; Rieber, A., Anthropologie und Ethik der Sexualität, 1982, S. 72 f.

89 Repression = Unterdrückung individueller Entfaltung u. individueller Triebäußerungen durch gesellschaftlichen Strukturen u. Autoritätsverhältnisse

90 Foucault, M., Sexualität und Wahrheit, 1977, S. 101

91 Vgl. Jackson, M., Sexualwissenschaften und die Universalisierung männlicher Sexualität, 2000, S. 106 f.

92 Vgl. Jackson, M., Sexualwissenschaften und die Universalisierung männlicher Sexualität, 2000, S. 106 ff.

93 Vgl. Becker-Carus, C., Allgemeine Psychologie, 2004, S. 466

94 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 327

95 Vgl. ebenda, S. 327

96 Vgl. Zimbardo, P. G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 328 f.

97 Vgl. Früchtel, F.; Stahl, C., Das starke Geschlecht, 1996, S. 87ff.

98 Vgl. ebenda, S. 146 ff.

99 Vgl. ebenda, S. 133 ff

100 Vgl ebenda, S. 146 ff.

101 Vgl. Ammicht Quinn, R., Körper - Religion - Sexualität, 2000, S. 257

102 Vgl. Früchtel, F.; Stahl, C., Das starke Geschlecht, 1996, S. 175

103 Vgl. Schmidt, G., Das neue Der Die Das, 2004, S. 55

104 Vgl. ebenda, S. 163 f.

105 Vgl. ebenda, S. 66 f.

106 ebenda, S. 67

107 Vgl. Schmidt, G., Spätmoderne Sexualverhältnisse, 2000, S. 277

108 Vgl. Schmidt, G., Das neue Der Die Das, 2004, S. 73

109 Vgl. Walder, P., Körperkult und Sexualität in den neuen Jugendkulturen, 1998, S. 116

110 Vgl. Schmidt, G., Spätmoderne Sexualverhältnisse, 2000, S. 278

111 Vgl. Schmidt, G., Das neue Der Die Das, 2004, S. 164

112 Vgl. Gagnon, J. H., „Sexual Conduct“ revisted., 1998, S. 364 f.

113 Vgl. Sigusch, V., Kritische Sexualwissenschaft und die Große Erzählung vom Wandel, 1998, S. 4

114 Sigusch ist der Meinung, dass es in den reichen Gesellschaften des Westens in den 80er und 90er Jahren zu einer enormen Transformation der Sexualität kam und bezeichnet diese als neosexuelle Revolution. Die Sexualität wurde zerlegt und wieder neu zusammengesetzt, wodurch Dimensionen, Intimbeziehungen, Präferenzen und Sexualfragmente hervortraten die bisher verschüttet waren oder keinen Namen hatten. Die Kulturform Sexualität verlor somit an Bedeutung.

115 In den 70er Jahren wurde die Differenzierung von sex und gender aus der anglo-amerikanischen Debatte aufgegriffen. Es wird unterschieden zwischen körperlichen Geschlechtseigenschaften (sex) und sozial bzw. kulturell erworbenen (gender).

116 Vgl. Sigusch, V., Kritische Sexualwissenschaft und die Große Erzählung vom Wandel, 1998, S. 5

117 Vgl. Sigusch, V., Kritische Sexualwissenschaft und die Große Erzählung vom Wandel, 1998, S. 5 f.

118 Vgl. ebenda, S. 6 f.

119 Vgl. Rattner, J.; Danzer, G., Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 99

120 Vgl. ebenda, S. 99 ff.

121 Vgl. Rattner, J.; Danzer, G., Grundbegriffe der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, 2000, S. 99 ff.

122 Vgl. Kleiber, D.; Wilke, M., Aids, Sex und Tourismus, 1995, S. 133 ff.

123 Vgl. Schmidt, G., Das neue Der Die Das, 2004, S. 153 ff.

124 Vgl. Schmidt, G., Spätmoderne Sexualverhältnisse, 2000, S. 278

125 Vgl. Dehner, K., Lust an Moral, 1998, S. 117

126 o. V. Ratifizierter Sex - Liebe ist Verhandlungssache, 2005, S. 140

127 Vgl. o. V. ebenda, S. 140

128 Vgl. Zimbardo, G.; Gerrig, R., Psychologie, 1999, S. 330

129 Vgl. Parsons,T.; Shils,E., Toward a general Theory of Action, 1967, S. 16

130 Vgl. Pieper, A., Ethik und Moral, 1985, S. 19

131 Duden, Das Fremdwörterbuch - Band 5, 1997, S. 238

132 ebenda, S. 238

133 ebenda, S. 532

134 Vgl. Dehner, K., Lust an Moral, 1998, S. 21

135 Vgl. Biehl, P.; Johannsen, F., Einführung in die Ethik, 2003, S. 238

136 Vgl. Horster, D., Was soll ich tun?, 2004, S. 105

137 Vgl. ebenda, S. 106

138 Vgl. Horster, D., Was soll ich tun?, 2004, S. 41

139 ebenda, S. 43

140 Vgl. Auer, K.-H.; Frantsits, A., Sexualität zwischen Verdrängung und Befreiung, 1989, S. 42

Details

Seiten
219
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638419239
ISBN (Buch)
9783656625377
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44296
Institution / Hochschule
Hochschule Heilbronn, ehem. Fachhochschule Heilbronn
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Verantwortung Tourismus Ursachen Auswirkungen Prostitutionstourismus Akteure

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Titel: Prostitutionstourismus. Psychologische Ursachen, gesellschaftliche Auswirkungen und soziale Verantwortung der beteiligten Akteure