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Die Schiiten des Ğabal ʿĀmil und ihre Loslösung vom Osmanischen Reich

Masterarbeit 2018 75 Seiten

Asienkunde, Asienwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführende Bemerkungen1

2 Ǧabal Āmil.
2.1 Geographische Lage und Herkunft
2.2 Schiitisch-Osmanische Beziehungen in Ǧabal ʿĀmil aus arabischer Sicht
2.2.1 Feudalherrschaften in Ǧabal ʿĀmil
2.2.2 Gesellschaft

3 Nahḍa in Ǧabal ʿĀmil
3.1 Historisch-kulturelle Bewegung in Ǧabal ʿĀmil
3.2 Äußere Triebkräfte der Nahḍa in Ǧabal ʿĀmil
3.3 Innere Triebkräfte der Nahda in Ǧabal ʿĀmil
3.4 Das Amili-Triumvirat
3.5 Manifestation der Nahḍa
3.5.1 Schulen
3.5.2 Pressen

4 Politische Situation Ende des Osmanischen Reiches
4.1 Aufstieg der Jungtürken und ihre Türkisierungspolitik gegenüber Ǧabal ʿĀmil
4.3 Arabische Konferenz und Ambitionen von Ǧabal ʿĀmil
4.4 Das Ende der schiitisch-osmanischen Beziehungen in Ǧabal ʿĀmil

5 Arabische Unabhängigkeit und die Rolle von Ǧabal ʿĀmil
5.1 Konsequenzen des Prozesses von Aley
5.3 Arabischer Aufstand
5.4 Unabhängigkeit und die Auswirkungen auf Ǧabal ʿĀmil

6 Fazit

Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Einführende Bemerkungen

Durch seine religiösen-ethnischen Minderheiten wie den Schiiten, Drusen, Maroniten und anderen kleineren christlichen Konfessionen nimmt der Libanon eine Sonderstellung im Nahen Osten ein. Die Bekaa-Ebene im Osten sowie der südliche Teil des Landes stellen das Hauptsiedlungsgebiet der Schiiten dar. Ǧabal ʿĀmil ist die historische Bezeichnung des südlichen Libanons bis zur Gründung des modernen Libanons im Jahre 1920. Die osmanische Eroberung von Bilād aš-Šām 1516 sollte erhebliche Auswirkungen auf die Schiiten in Ǧabal ʿĀmil haben. Der Osmanisch-Safawidische Konflikt verstärkte die Differenzen zwischen Ǧabal ʿĀmil und den Osmanen, da besonders amilitische Gelehrte Teil der safawidischen Aristokratie wurden. Im Gegensatz zu den meisten anderen libanesischen Gemeinschaften wurden die Schiiten von keiner auswärtigen Macht protegiert. Dem Unterliegen ständiger Verfolgung und dem damit verbundenen Rückzug in schwer zugängliche Bergregionen und unfruchtbare Gebiete verschärfte die Isolation von ihren Glaubensbrüdern im Irak und Iran sowohl ihre politische als auch wirtschaftliche Lage. Das Paradigma des „Minderheitenschutzes“ wurde im 19. Jahrhundert dazu genutzt, um im zerfallenden Osmanischen Reich die Interessen anderer Staaten durchsetzen zu können.

Diese Gemeinschaften nutzten die Phasen der Schwäche der Zentralreiche, um sich Autonomierechte, eine Ausdehnung in die in der Regel von der Zentralmacht beherrschte Küstenregion oder die Unabhängigkeit zu erkämpfen. Zu anderen Zeiten mußten sie sich hingegen oft vor Unterdrückung und grausamer Verfolgung in die abgelegenen Bergregionen zurückziehen. Wegen der günstigen Lage am Mittelmeer spielt die Region darüber hinaus seit Jahrtausenden eine bedeutende Rolle als Drehscheibe für Handel und Kultur zwischen Orient und Okzident.1

Missionsschulen hatten nicht nur auf Christen, sondern auch auf die Schiiten in Ǧabal ʿĀmil einen besonderen Einfluss. Die kulturelle Renaissance (Nahḍa) stärkte die Entwicklung der Amilis und schuf das Bewusstsein einer arabischen Nation. Die osmanische Zentralregierung ging vehement gegen nationalistische arabische Bewegungen in arabischen Provinzen vor. Der arabische Aufstand gegen die Osmanen wurde ebenfalls von Ǧabal ʿĀmil getragen, sollte die Region entscheidend beeinflussen und verändern.

Diese Masterarbeit stellt den Versuch dar die politische, soziale und wirtschaftliche Situation der Schiiten in Ǧabal ʿĀmil innerhalb der knapp vierhundertjährigen Periode der Osmanischen Herrschaft zu beleuchten und den Fokus auf das Ende der schiitischosmanischen Beziehungen zu legen. Hierbei soll untersucht werden, wie die Nahḍa in Ǧabal ʿĀmil umgesetzt und dadurch die kulturelle Renaissance in Ǧabal ʿĀmil gefördert wurde. Des Weiteren wird ermittelt, wie sich der arabische Nationalismus in Ǧabal ʿĀmil etablierte, welche Rolle schiitische Persönlichkeiten aus Ǧabal ʿĀmil dabei spielten und welchen Einfluss sie auf den arabischen Aufstand hatten. Daran anknüpfend lautet die konkrete Fragestellung dieser Masterarbeit:

Welchen Einfluss hatte die Nahḍa auf Ǧabal ʿĀmil und weshalb schloss sich die Region der arabischen Revolte gegen die Osmanen an?

2 ǦabalʿĀmil

Gemäß ihren Angaben bezeichnet sich die schiitische Bevölkerungsgruppe von Ǧabal ʿĀmil als eine derjenigen, die am frühesten der Zwölfer-Schia beigetreten sind. Abū Ḏarr al-Ġifārī war ein Gefährte des Propheten Mohameds und gilt als einer der wichtigsten Anhänger von ʿAlī ibn Abī Ṭālib. Sein Konflikt mit den Kalifen ʿUṯmān ibn ʿAffān und Muʿāwiya ibn Abī Sufyān brachte ihn in die Region des Ǧabal ʿĀmil und führte zur Islamisierung der Region.

2.1 Geographische Lage und Herkunft

Ǧabal ʿĀmil ist die historische Bezeichnung des südlichen Libanons bis zur Gründung des modernen Staates Libanon im Jahre 1920. Teile des nördlichen Palästinas sowie Westsyriens gehörten ebenfalls zur historischen Region Ǧabal ʿĀmils. Ǧabal ʿĀmils Grenze beginnt beim Nahr al-Awali nördlich von Sidon und erstreckt sich östlich bis zu Wadi al-Taym, der BekaaEbene und Hula, südlich bis hin zu Akkon in Palästina und reicht bis zum Meer im Westen. Die Region Ǧabal ʿĀmil umfasste in der Vergangenheit weitere Flächen und wies größere Grenzen auf. Einige Flächen, Dörfer aber auch Kleinstädte aus Ǧabal ʿĀmil wurden ausgegliedert und in anderen Regionen wie beispielsweise in Chouf eingegliedert. Dies geschah mit den Orten Jezzine, Roum und Kfar Houneh, während der Kämpfe zwischen Ǧabal ʿĀmil und den Maʿnis in der Regierungszeit von Bašīr aš-Šihābī II., nach dem Tod von Aḥmad Bāšā al-Ǧazzār im 18. Jahrhundert.2 Der Landverlust von Ǧabal ʿĀmil setzte sich auch Anfang des 21. Jahrhunderts fort. Um ihre nachbarlichen Beziehungen zu stärken, verhandelten die Mandatsmächte Frankreich und Großbritannien bereits 1920 über die Grenzverläufe. Die Verhandlungen zwischen Frankreich und Großbritannien um den Norden Palästinas und den Süden Libanons waren mit am schwierigsten, da geostrategische Interessen, wie die Wasserreserven an der Küste von Ǧabal ʿĀmil in Sidon und Tyros, die Aufmerksamkeit der Mandatsmächte nach sich zogen. 1923 wurde das Paulet-Newcombe-Abkommen beschlossen, das unter anderem die Grenzverläufe zwischen Libanon, Palästina und Syrien bestimmte.3 Es führte dazu, dass sieben Dörfer aus Ǧabal ʿĀmil, die 1920 noch als libanesisch galten und damit unter das französische Mandatsgebiet fielen, Palästina zugeordnet wurden und nicht mehr Ǧabal ʿĀmils angehörten.4 Betroffen sind die Dörfer Tarbikha, Saliha, al-Malkiyya, al-Nabi Yusha’, Qadas, Hunin und bil Abil-Qamh. Die historische Gesamtfläche von Ǧabal ʿĀmil umfasste in etwa 3200 km2, während sich die heutige Fläche auf rund 2011 km2 verminderte.5

Die Einwohner Ǧabal ʿĀmils sind Araber und stammen vom jemenitischen Stamm ʿĀmila bin Sabā bin Yašǧib bin Yaʿrab bin Qaḥṭan ab. Hierbei handelt es sich um einen Stamm, der aufgrund des Niedergangs des Staudamms von Ma’rib im Jemen in Richtung Umland von Bilād aš-Šām emigrierte.6 Als Stammesvater wird Sabā bin Yašǧib angesehen. Der Name Ǧabal ʿĀmil etablierte sich im Laufe der Zeit für die Region, obwohl auch weitere Namensbezeichnungen herangezogen wurden. So sprach der islamische Gelehrte ibn Kathir aus Damaskus von „Ǧabal al-Ḫalīl“. Eine weitere und bekanntere Benennung für Ǧabal ʿĀmil ist „Bilad Bišāra“. Nach Angaben des Autors Alī Ibrāhīm Darwīš entstand der Name während der Zeit der Ayyubiden, als Ṣalāḥ ad-Dīn Ǧabal ʿĀmil an einen seiner Führer Muḥammad bin Bišāra überreichte.7

2.2 Schiitisch-Osmanische Beziehungen inǦabal ʿĀmil aus arabischer Sicht

Syrien fiel 1516 unter osmanischer Herrschaft, nachdem Selim I. (1470-1520) den Sultan des ägyptischen Mamluken-Reichs al-Ġūrī besiegen konnte. Al-Ġūrī starb bei der Schlacht von Marǧ Dābiq nahe Aleppo, da die Osmanen von dem Verrat der militärischen ägyptischen Führer Hayrir Bey und Janbirdi al-Ghazali profitierten und die Schlacht für sich entscheiden konnten. Selim I. soll ihnen vor den Gefechten geschrieben und versprochen haben die Provinzen Ägypten und Syrien zu überreichen. Aufgrund des verstärkten OsmanischSafawidischen Konflikts kam es auf beiden Seiten zu Massakern an der Bevölkerung. Selim I. tötete hierbei rund 40000 Schiiten, die sich an den Grenzen zum Iran befanden, da sie die gleiche Konfession wie Shah Ismail I. hatten.8 Auch in Syrien kam es zu Massakern. Aleppo, das durch die Dynastien der Hamdaniden und Fatimiden Anfang des 11. Jahrhunderts mit dem schiitischen Islam beeinflusst wurde und bis zur Zeit der osmanischen Herrschaft eine schiitische Mehrheitsbevölkerung aufwies, wurde zum Schauplatz osmanischer Massaker. Ein Großteil der schiitischen Bevölkerung in Aleppo wurde getötet, weshalb viele Schiiten über Idlib nach Ǧabal ʿĀmil flüchteten.9

Das drusiche Emirat der Maʿnis herrschte im 16. und 17. Jahrhundert über den heutigen Libanon. Das Machtzentrum des Emirats befand sich in Chouf, aber auch benachbarte Regionen wie Ǧabal ʿĀmil gerieten unter das Einflussgebiet. Besonders Faḫr ad-Dīn II. versuchte seinen Einfluss auf die benachbarten Regionen auszuweiten. So dehnte sich im Laufe seiner Herrschaftszeit sein Machtbereich bis Nordsyrien, Damaskus und Palästina aus. Bereits der Großvater Faḫr ad-Dīn II. nutzte die Schwäche der Osmanen, die durch die Kriege gegen die Safawiden abgelenkt wurden, um eine eigenständige Politik durchzusetzen. Das Osmanische Reich beobachtete die Aktivitäten von Faḫr ad-Dīn II. 1613 griffen die Osmanen unter der Führung Aḥmad Ḥāfiẓ Bāšā das Gebiet um Chouf an. Faḫr ad-Dīn II. floh in die Toskana, durfte jedoch 1617 in das Emirat zurückkehren. Er träumte weiterhin von einer großen Machtstellung und baute seine Armee sowie die Region um Chouf nach der osmanischen Militärkampagne von 1613 wieder auf. Außerdem ermutigte er ausländische Geschäftsleute und Händler, besonders die Franzosen und die einflussreiche italienische Dynastie der Medici in Florenz, den wirtschaftlichen Handelsaustausch zu intensivieren.10 Die Osmanen bekämpften weiterhin mit aller Macht die Safawiden im Osten, dennoch blieb die Beobachtung der Region bestehen. 1632 sandte der türkische Sultan Murad IV. dem Gouverneur von Damaskus einen Brief und forderte ihn auf, Faḫr ad-Dīn II. zu bekämpfen. Die Osmanen stürmten das Emirat der Drusen abermals und ließen Faḫr ad-Dīn II. sowie seine Kinder festnehmen und nach Astana bringen. Im April 1635 wurden Faḫr ad-Dīn II. und seine älteren Söhne hingerichtet.

ʿAbd as-Sātir bin Bišāra war Anfang des 16. Jahrhunderts der Herrscher über Ǧabal ʿĀmil, jedoch besiegte ihn 1503 Nāsir ad-Dīn bin al-Ḥunš. Als die Osmanen 1516 ankamen und die Mamluken vertrieben, gingen sie 1518 gegen bin al-Ḥunš vor. Ǧabal ʿĀmil, das Teil der Provinz Safad war, geriet erst 1603 unter die vollständige Kontrolle der Osmanen. Die amilitische Bevölkerung wurde verpflichtet denjenigen Steuern zu zahlen, die das drusische Emirat der Maʿnis repräsentierten. Nach der Einnahme der Provinz Safad durch die Osmanen versuchte das Emirat Man den Einfluss auf Ǧabal ʿĀmil zu verstärken.11 Die Amilis lehnten den verstärkten Einfluss des drusischen Emirats ab. Das Emirat beabsichtigte die Amilis weiterhin zu schwächen, daher kam es zu vielen Angriffen von Faḫr ad-Dīn II. auf Ǧabal ʿĀmil. 1638 ordnete der drusische Emir Milḥim bin Yūnis al-Maʿni einen Angriff auf Ansar an, ein Dorf bei aš-Šūmar, welches von der einflussreichen Familie Āl-Munkar beherrscht wurde. Bei diesem Angriff wurden rund 1500 Schiiten getötet.12 1660 gründeten die Osmanen mit dem Ort Sidon eine neue Provinz. Im selben Jahr stirbt der drusische Emir Milḥim woraufhin seine Kinder Korkmaz und Ahmad fliehen. Nach dem Tod des Emirs wurde ein neuer Statthalter für Sidon bestimmt, welcher nach kürzester Zeit mit den schiitischen Gelehrten aus Ǧabal ʿĀmil in Konflikt geriet. Es kam zu einem Krieg zwischen dem neuen Statthalter Sidons und den Amilis. Im Jahre 1667 gingen die Amilis als Sieger aus diesem Konflikt hervor und forcierten ihr Selbstbestimmungsrecht, welches zu ihrem Ungunsten scheiterte. Die Amilis waren nicht in der Lage ihre Selbstbestimmung zu verwalten beziehungsweise ein eigenes Emirat zu führen. Einerseits spielte die osmanische Verfolgung aufgrund des Osmanisch-Safawidschen Konfliktes eine Rolle, anderseits fehlte den Amilis ein lokaler Herrscher, welcher imstande gewesen wäre mit anderen lokalen Herrschern, wie es beispielsweise den Maʿnis gelang, mitzuhalten. Es waltete kein großer Herrscher, der eine ähnliche Autorität wie Faḫr ad-Dīn II. aufwies und dem es gelang seinen Stempel aufzudrücken und Steuern von Orten außerhalb Choufs einzutreiben.13 Die Maʿnis profitierten von ihren Beziehungen zur Toskana und zu Rom, die Amilis hingegen orientierten sich an den Safawiden, die den Feind der Osmanen darstellten. Die Europäer hatten Freiheiten, um die eigenen Interessen und die ihrer Verbündeten wie die Maʿnis zu schützen. Ǧabal ʿĀmil pflegte nur Beziehungen zu den Safawiden, welche die Osmanen unterbindeten und im Falle einer Anklage mit der Todesstrafe sanktionierten. Als Faḫr ad-Dīn beispielsweise im Jahre 1613 in die Toskana floh, verblieben den Amilis keine Verbündeten, weshalb sie den Repressalien der Osmanen unmittelbar ausgesetzt waren.

2.2.1 Feudalherrschaften inǦabal ʿĀmil

Der Abzug der Kreuzfahrer und dem damit verbundenen Ende der Kreuzzüge hinterließ in Bilād aš-Šām ein neues wirtschaftliches und soziales System. Der Feudalismus breitete sich in der Region rasant aus.14 So wurde der Bauer als Gefangener angesehen und konnte nicht ohne Zustimmung seines Feudalherren agieren. In Ǧabal ʿĀmil, welches wirtschaftlich von der Landwirtschaft abhängig war, nahm der Feudalismus zu. Die Feudalherren in Ǧabal ʿĀmil agierten relativ frei, da keine beträchtliche übergeordnete Macht bestand.

Die erste Feudalherrschaft in Ǧabal ʿĀmil wurde durch Aḥmad Bāšā al-Ǧazzār gestürzt, nachdem dieser 1776 zum Gouverneur von Sidon ernannt wurde. Er beabsichtigte seine Herrschaft über Ǧabal ʿĀmil verstärken und griff dementsprechend die Region mehrmals an, allerdings vergeblich - die Angriffe wurden immer wieder abgewehrt und zurückgeschlagen.15 Der einflussreiche Gelehrte Nāṣīf an-Naṣṣār, jener die osmanische Herrschaft seiner Heimat stark ablehnte und besonders die Expansionsbestrebungen von Aḥmad Bāšā al-Ǧazzār bekämpfte, lehnte es ab bei der Schlacht von Yaroun 1781 auf Verstärkung zu warten und wurde bei den Gefechten getötet.16 Die Armee al-Ǧazzārs plünderte Ǧabal ʿĀmil aus, brannte Felder ab und zerstörte Häuser. Des Weiteren ließ Aḥmad Bāšā al-Ǧazzār Büchereien zerstören und sämtliche konfiszierte Bücher in Akkon verbrennen. Die verbliebenen Gelehrten sowie Teile der amilitischen Bevölkerung flohen nach Indien, Irak, Iran, Afghanistan und Aleppo. 1783 versammelten sich die Notabeln und beschlossen den Kampf gegen al-Ǧazzār wiederaufzunehmen, um die verbliebenen Flächen vor der Zerstörung zu retten. Es kam zur Gründung einer Brigade, da al-Ǧazzār Ǧabal ʿĀmil zu diesem Zeitpunkt militärisch besetzte. An der Spitze dieser Brigade stand Sheikh Ḥamza bin Muḥammad an-Naṣṣār von der Familie Alī aṣ-Ṣaġīr.17 Die Brigade griff den Verwalter von al-Ǧazzār in Tibnin an, enthauptete ihn und begann damit den Krieg gegen al-Ǧazzār. Sheikh Ḥamza wurde bei den Kämpfen getötet, während es seinen Gefolgsleuten gelang zu fliehen. Nachdem al-Ǧazzār 1804 starb, breitete sich der Krieg auf die Provinzen Akkon und Safad weiter aus. Der Nachfolger al-Ǧazzārs Sulaimān Bāšā kam 1804 an die Macht und leitete die zweite Feudalherrschaft ein, die bis 1832 bestehen sollte. Er strebte an den Krieg zu beenden und bat Emir Bašīr aš-Šihābī II. eine Vermittlerrolle einzunehmen. Es kam zu einem Treffen zwischen aš-Šihābī II. und den Führern der Militärbrigade aus Ǧabal ʿĀmil. Hierbei einigte man sich und ein Vertrag im Bayt ad-Dīn wurde unterzeichnet. Verschiedene Vertragspunkte wurden beschlossen, wie beispielsweise die Generalamnestie für die Militärbrigade und ihrer gesamten Guerillabewegung.18

Als 1798 Napoleon während der ägyptischen Expedition das Land eroberte, gelang es den Osmanen unter dem Kommando Muḥammad Alīs und der Hilfe von britischen Truppen 1801 Ägypten zurückerobern. Muḥammad Alī stieg dabei zum „neuen starken Mann“ in Ägypten auf, da die Osmanen in ihrem Krieg gegen die Russen erhebliche Verluste einbüßen mussten und keine direkte Herrschaft über Ägypten mehr auslösen konnten. 1832 eroberte Ägypten Syrien und damit auch die Region Ǧabal ʿĀmil. Ibrāhīm Bāšā, Sohn vom Initiator der ägyptischen Nahḍa, Muḥammad ʿAlī, stürzt durch seinen Angriff auf Syrien die zweite Feudalherrschaft und gliedert nach seiner erfolgreichen Militärkampagne Ǧabal ʿĀmil in die Regierung von Emir Bašīr aš-Šihābi II. ein. Da Ǧabal ʿĀmil die Eingliederung ablehnte, erhöhte sich der Druck auf Ägypten und führte zu einer Revolution in Ǧabal ʿĀmil. Ḥusain Bek aš-Šabīb führte die Revolution an, die auch aufgrund von Steuern, Waffeneinsammlungen, Zwangsrekrutierungen in verschiedenen Provinzen wie Palästina und Ǧabal ʿĀmil ausgelöst wurde.19 In Ǧabal ʿĀmil führte Ḥusain Bek aš-Šabīb aus Āl-Saʿb mit seinem Bruder Muḥammad ʿAlī Bek von 1836 bis 1839 die Revolution an.20 Sie griffen Regierungseinrichtungen an und erhöhten damit den Druck. Ḥāmed Bek, der als bekanntester Führer der Familie ʿAlī aṣ-Ṣaġhīr nach Nāṣīf an-Naṣṣār angesehen wird, führte mehrere Kämpfe gegen die Ägypter an. Nachdem die Ägypter ihre Stellungen nicht weiter halten konnten, übernahmen die Osmanen wieder die Herrschaft und setzten Ḥāmed Bek als neuen Herrscher über Ǧabal ʿĀmil ein. Erst neun Jahre nach der zweiten Feudalherrschaft begann im Jahre 1841 unter der Führung von Sheikh Ḥāmed Bek die dritte Feudalherrschaft in Ǧabal ʿĀmil. Als Ḥāmed Bek 1852 starb, kam es zu verschiedenen innerpolitischen Konflikten um die Nachfolge. Die Osmanen beendeten 1865 mit ihrer direkten Herrschaft über Ǧabal ʿĀmil die dritte Feudalherrschaft und sorgten für ein Ende des Feudalismus in Ǧabal ʿĀmil.21

2.2.2 Gesellschaft

Die Landwirtschaft stellte die Grundsäule des wirtschaftlichen Lebens in Ǧabal ʿĀmil dar; überwiegend gerieten die Bauer unter die Herrschaft von Feudalherren, die sie komplett ausbeuteten und ihnen nur einen Bruchteil des erwirtschafteten Geldes zum Überleben ließen.

Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte der Tabakanbau in Ǧabal ʿĀmil seine Blütezeit, als man den Tabak von Tyros nach Damiette in Ägypten exportierte und dies das wichtigste Exportgut Ǧabal ʿĀmils bis zum Jahre 1883 darstellte. 1883 gewährte das Osmanische Reich, das ab 1865 seine direkte Herrschaft über Ǧabal ʿĀmil ausübte, einem französischen Unternehmen das Monopol für alle dem Reich untergeordneten Provinzen, mit Ausnahme von Ǧabal Lubnān (Libanongebirge). Von nun an benötigte jeder Bauer für den Tabakanbau eine Genehmigung des französischen Unternehmens. Diese Genehmigung war nur schwer zu erhalten und mit diversen bürokratischen Hürden verbunden, mit denen die Bauern, welche hauptsächlich Analphabeten waren, nicht umgehen konnten. Zudem verhängte Ägypten im Zuge dieser Entwicklung hohe Importzölle auf den Tabak von Ǧabal ʿĀmil. All diese Aspekte führten dazu, dass vielen Bauern keine andere Wahl mehr blieb als ihr Land zu verkaufen oder Darlehen mit hohen Zinsen aufzunehmen.22

Das Leben der Bauern Ǧabal ʿĀmils unterschied sich nicht signifikant von denen des syrischen Hinterlandes. Bauern verbrachten ihr Leben damit ihre Darlehen und Schulden durch ihre Arbeit zu tilgen. In der Tat waren die Steuerbürden für die amilitischen Bauern höher als in anderen Nachbarregionen. Des Weiteren musste Ǧabal ʿĀmil als eine Getreide produzierende Region nach 1882 überproportional höhere Steuern, rund 50%, für ihre Erzeugnisse zahlen, beispielsweise im Vergleich zu dem Libanongebirge, wo für die Seideproduktion nur 25% erhoben wurden. Die Bauern von Ǧabal ʿĀmil wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste und größte Gruppe umfasste landlose Bauern, die sich in den untersten Schichten der Gesellschaft wiederfanden. Sie waren Analphabeten und die mit am meisten ausgebeutete Gruppe in Ǧabal ʿĀmil. Die zweite Gruppe entsprach Bauern mit kleinem Landbesitz, die nur aufgrund der Darlehensaufnahmen überleben konnten. Wohlhabende Bauern stellten die dritte Gruppe dar. Bauern lebten oft in Ungewissheit der Erträge, die schließlich mit Wetterverhältnissen, Preisfluktuationen und Zahlungsverzögerungen in engem Zusammenhang stand. 23 Der amilitische Historiker Muḥammad Ǧābir Āl Safā beschrieb in seinem Werk Tārīḫ Ǧabal ʿĀmil (zu Deutsch: Die Geschichte Ǧabal ʿĀmils) unterschiedliche Steuererhebungen, welche die Osmanen mit ihrer direkten Herrschaft über Ǧabal ʿĀmil durchsetzten. Hierbei wurden beispielsweise Steuern auf Boden, Land und Handel erhoben.24

Die ʿUlamāʾ (zu Deutsch: Gelehrten) hatten die höchste Alphabetisierungsrate und den größten Einfluss auf die Bildung. Sie waren als Gründer der religiösen Schulen im safawidischen Iran bekannt. Viele ʿUlamāʾ-Familien entwickelten sich zu „Dynastien“, sprich, dass die Tradition ein Gelehrter zu werden von Vater zu Sohn weitergeführt wurde. Die politische Macht lag bei den Zuʿamāʾ (zu Deutsch: Führer), die als Führer der Gemeinden auftraten. Daher kam es oft zu politischen Allianzen zwischen den Führern und Gelehrten. Die Zuʿamāʾ waren die herrschenden Familien Ǧabal ʿĀmils, deren Wurzeln in den arabischen Stämmen des Jemens liegen. Durch die Reformen im Osmanischen Reich verloren diese Familien verstärkt ihren Monopolanspruch auf die Führung in der Region. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zum Aufstieg einer neuen Gesellschaftsgruppe, die keine Verknüpfung zu den traditionellen politischen Mächten vorwiesen, da sie hauptsächlich aus der städtischen Bourgeoisie bestanden. Die Wuǧahāʾ traten in das politische Leben ein und stellten besonders für die Zuʿamāʾ eine neue Herausforderung dar. Diese neuen Familien der Wuǧahāʾ begannen ihren Status als führende Persönlichkeiten von Ǧabal ʿĀmil mit den traditionellen Kräften der Zuʿamāʾ zu teilen.25

Die Osmanen erhoben während ihrer Herrschaft über Ǧabal ʿĀmil ab 1516 keine statistischen Bevölkerungsdaten. Einige Orientalisten beziffern die Einwohnerzahl des Jahres 1884 auf rund 60000 Einwohner sowie im Jahre 1912 auf ca. 50000 Einwohner.26 Die französische Akademikerin Sabrina Mervin geht in ihrem Werk Un réformisme ch ii te, welches ins Arabische übersetzt wurde und unter dem Titel Harakat al-isläh aš-šī bekannt ist, davon aus, dass sich im Jahre 1912 die Einwohnerzahl Ǧabal ʿĀmils auf rund 150000 belief. Diese Zahl ergibt sich aus den diplomatischen Dokumenten der Franzosen.27

3 Nahḍa in Ǧabal ʿĀmil

Die intellektuelle Bewegung in Ǧabal ʿĀmil bildete sich Ende des 19. Jahrhunderts, obwohl die Wurzeln dieser Nahḍa in der Mitte des 14. Jahrhunderts liegen, da bereits in dieser Zeit erste intellektuelle Ansätze formuliert wurden. Muḥammad bin Makkī, besser bekannt als aš šahīd al-awwal 28 (zu Deutsch: „Der erste Märtyrer“), wird als Initiator dieser ersten intellektuellen Bewegung in Ǧabal ʿĀmil angesehen, als er 1370 die erste religiöse Schule in Jezzine gründete. Die Region erlebte Ende des 19. Jahrhunderts eine Renaissance und schuf eine kulturelle und geistige Bewegung, die bewusst an ältere Traditionen anknüpfte und versuchte diese weiterzuentwickeln. Das Jahr 1882 wird als Beginn der modernen Nahḍa und ihrer intellektuellen Bewegung in Ǧabal ʿĀmil betrachtet, da in Nabatiye die erste Schule gegründet wurde, die zum damaligen Zeitpunkt als modern und zeitgemäß galt.29

3.1 Historisch-kulturelle Bewegung inǦabal ʿĀmil

Mit dem Eintritt der Osmanen wurde Ǧabal ʿĀmil zumeist vom politischen und sozialen Leben ausgeschlossen. ʿAlī Ibrāhīm Darwīš beschreibt in seinem Werk Ǧabal ʿĀmil baina 1516-1697 den Wissensstand in Ǧabal ʿĀmil, zu Beginn der osmanischen Herrschaft, auf literarische Weise. So bezeichnet er Ǧabal ʿĀmil als eine unerfahrene Oase von Wissen und Kultur. Das Wissen befruchte die Oase und ermögliche daher eine große Ernte. Ǧabal ʿĀmil und Iran spielten dabei eine wichtige Rolle, denn viele schiitische Gelehrte brachten laut Darwīš das Wissen zum Gedeihen.30 Das Wissen verbreitete sich auf ländlichen Gebieten, da die Schiiten keine Unterstützung vom Staat erhielten und vom politischen Leben in den Großstädten ausgeschlossen waren. Zwei Faktoren halfen bei der Wissensaneignung, sowohl die existierenden Schulen in Ǧabal ʿĀmil als auch die Rekrutierung der Safawiden von AmiliGelehrten. Die Schulen brachten Persönlichkeiten wie beispielsweise den zweiten Märtyrer Zain ad-Dīn al-Ǧubaʿī al-ʿĀmilī 31, Bahāʾ ad-Dīn al-ʿĀmilī 32 oder al-Ḥurr al-ʿĀmilī 33 hervor.

Eine der wichtigsten Schulen außerhalb Ǧabal ʿĀmils befindet sich in der für Schiiten heiligen Stadt Nadschaf. Für die Schiiten hat diese Stadt eine hohe Bedeutung, da sich dort die Grabstätte vom ersten Imam der Zwölferschiiten ʿAlī ibn Abī Ṭalib befindet. Auch die irakische Stadt Hilla war ein wichtiges Bildungszentrum für die Schiiten. Ismāʿīl bin al-Ḥusain al-‘ūdī al-Ǧezīnī al-ʿĀmilī ging 1190 nach Irak und wird daher als erster Amili angesehen, der sich zugunsten der Weiterbildung in religiösen Angelegenheiten in den Irak begab.34

Die Schule von Jezzine wurde vom ersten Märtyrer Muḥammad bin Makkī gegründet, nachdem er aus dem Irak kam. Die Schule blieb bis 1757 bestehen, ehe die Amilis aufgrund des Krieges zwischen Ǧabal ʿĀmil und dem drusischen Emirat in Chouf aus Jezzine vertrieben wurden. Die Schule von Mais al-Dschabal wurde von Allamah al-Faqīh 1526 gegründet. Die Absolventen dieser Schule waren unter anderem Zain ad-Dīn al-Ǧubaʿī al-ʿĀmilī und Allamah Luṭfallāh al-Maisī, die zu Zeiten des zweiten safawidischen Schahs Tahmasp I. lebten.35 Die Safawiden nahmen viele Gelehrte aus Bahrain, Irak und Ǧabal ʿĀmil auf, nachdem Shah Ismail I. das Schiitentum annahm und Gelehrte für die Verbreitung der Lehre benötigte, wie beispielsweise den bekannten amilitischen Gelehrten al-Muḥaqqiq al-Karakī, der sowohl unter Ismail I. als auch Tahmasp I. eine wichtige politische Rolle einnahm. Nicht nur die Förderung und Verbreitung der imamitischen Lehre brachte die Amilis dazu Ǧabal ʿĀmil zu verlassen. Da das Osmanische Reich (1299-1923) und das Safawidische Reich (1501-1773) die stärksten Reiche im Nahen Osten darstellten und diese sich um den jeweils größeren Machteinfluss bekriegten, waren die Amilis der Ungerechtigkeit, Verfolgung und Marginalisierung seitens der Osmanen ausgesetzt. Dr. Abū Ṣaibaʿ spricht in diesem Zusammenhang in seinem Werk Ǧabal ʿĀmil fī 'l- ahd al- uṯmānī von al-hiǧra al- ʿāmiliyya36 (zu Deutsch: „Die amilitische Auswanderung“). Insbesondere die Hinrichtung des zweiten Märtyrers im Jahre 1558 sorgte für die Auswanderung.37 Da die Amilis der gleichen Religion angehörten wie die Safawiden, waren sie unerwünscht und somit die ersten Opfer osmanischer Repressalien. Viele einflussreiche Gelehrte fanden in anderen Ländern Zuflucht. In den Iran wanderten beispielsweise al-Muḥaqqiq aṯ-Ṯānī, al-Bahāʾī und al-Ḥurr al-ʿĀmilī aus.38 Als eigentlicher Begründer der Wilayat al-Faqih Theorie in der schiitischen Lehre wird al-Muḥaqqiq al-Karakī angesehen. Das Wilayat al-Faqih System (zu Deutsch: Statthalterschaft des Rechtsgelehrten) ist seit 1979 das Regierungssystem der Islamischen Republik im Iran. Dieses System sieht vor, dass ein Faqih (zu Deutsch: Islamischer Jurist, Experte) die Führung des Landes übernimmt und den letzten Imam der Zwölferschia, Mahdi, bis zu seiner Rückkehr vertritt. Die Ursprünge dieses Systems liegen im Safawidschen Reich und der amilitische Gelehrte al-Karaki spielte dabei eine essentielle Rolle. Shah Tahmasp I. (1524-1576) gewährte al-Karakī eine Position im Staat, die ihn als wichtigsten Entscheidungsträger nach dem Shah aufstiegen ließ. Al-Karakī gilt als Förderer und Initiator der „imamitischen Nahḍa“ im Iran und als entscheidende Person bei der Verfassungsimplementierung der Safawiden. Sein Buch Ǧāmi al-Maqāṣid ist die Verfassungsbestimmung, auf die sich der safawidische Staat berief39

Sheikh Muḥammad ʿ Alī Ḫātūn verschlug es nach Indien, wo er eine wichtige Position in der Zeit von Abdallah Qutb Shah einnahm. Abdullah Qutb Shah war der siebte Herrscher des Königreichs Golconda in Südindien und regierte von 1626 bis 1672. Weitere amilitische Gelehrte und Schriftsteller fanden in Pakistan und Bahrain Zuflucht. Dadurch wurden viele Schulen und Moscheen außerhalb von Ǧabal ʿĀmil gegründet. Die zweite Auswanderung der Amilis begann ab 1890.

3.2 Äußere Triebkräfte der Nahḍa in Ǧabal ʿĀmil

Während die Modernisierung in Ägypten unter Muḥammad Alī Anfang des 19. Jahrhunderts von den Herrschenden mitgetragen wurde, wurde sie im Libanon von den Missionaren durchgesetzt. Im gesamten Libanon kam es zur Gründung von Missionsorganisationen aufgrund der Erlasse der Osmanen, da sie die Bildung als Teil der Religion und Konfession ansahen. Besonders das Libanongebirge, welches überwiegend christlich geprägt ist, profitierte von den Missionaren, da hier bereits intensiver Kontakt zu Europa bestand. Bedeutende Christen wie Nāṣīf al-Yāziǧī (1800-1871), Buṭrus al-Bustānī (1819-1883), Fāris Nimr (1856-1951) oder Ǧurǧī Zaidān (1861-1914) trugen entscheidend zur kulturellen Renaissance und dem später folgenden arabischen Nationalismus bei.40

Die Schiiten dagegen wurden, da sie in abgelegenen, unwegsamen Regionen lebten und -wie der Großteil der Muslime - dem Westen feindlicher gegenüber standen, von der westlichen Bildung und Kultur nicht beeinflußt, zudem lebten sie seit der brutalen und konsequent durchgeführten Unterdrückung während der Mamelukenherrschaft und später auch unter den Osmanen in äußerster Rückständigkeit, so daß ihnen selbst der Zugang zu ihrer eigenen Geschichte und Kultur verwehrt war. 41

In der 1986 verfassten Dissertationsarbeit Die schiitische Gemeinschaft des S üdlibanon (Ǧabal ʿĀmil) innerhalb des libanesischen konfessionellen Systems von Monika Pohl-Schöberlein wird angenommen, dass Ǧabal ʿĀmil nicht von der westlichen Bildung und Kultur beeinflusst wurde. Der Gründer der schiitischen Reformzeitschrift al- Irfān (zu Deutsch: Die Erkenntnis ) Aḥmad ʿĀrif az-Zain (1884-1960) äußerte sich zu den Missionsorganisationen. Die amerikanischen, britischen, italienischen und französischen Missionsorganisationen nahmen einen großen Einfluss auf die Bildung Syriens und Ǧabal ʿĀmils und somit auch auf die Entwicklung der Nahḍa. Der bekannteste in Marja’youn lebende Missionar war Maḫūl Ẓāhir Abū Kasam (verstorben im Jahre 1890), der ein Absolvent der Missionsschulen war. 1882 wurde in Tyros eine römisch-katholische Schule eröffnet, in Yaroun gab es eine weitere. Bis auf einen Schüler gehörten alle dem christlichen Glauben an. Beim einzigen nicht christlichen Schüler handelte es sich um den Muslim ʿAbd al-Laṭīf Sad. Er war der Sohn des Imams der Stadt Yaroun, Sheikh ʿAbd al-Ḥamīd Sa’d.42

Viele Veränderungen prallten auf Ǧabal ʿĀmil. Die Missionare sorgten für ein modernes Schulwesen sowie Veränderungen der Denkweisen in Bezug auf das moderne westliche Leben. Obwohl einige Reformansätze in Ǧabal ʿĀmil durchgesetzt wurden, beispielweise die Aufforderungen nach Reformen zu der Erbfrage, der Modernisierung der Gesellschaft, der Rolle der Frau etc., litt das Osmanische Reich an Schwäche und Niedergang. Über die Missionare aus Amerika, Frankreich und England fand der erste Kontakt zwischen den Amilis und der westlichen Zivilisation und Kultur statt. Die modernen Methoden der Missionare zog die Aufmerksamkeit einiger Amilis auf sich und veränderte ihre Denkweise. Als Beweis können die Gründung reformorientierter und moderner Schulen bezeichnet werden.43 Die Gründung der al-kulīya al-inǧīliyya as-sūrīya in Beirut im Jahre 1866 sollte ebenfalls Auswirkungen auf die Amilis haben. Diese Bildungsstätte ist heutzutage als die renommierte und angesehene Amerikanische Universität Beirut (AUB) bekannt. Die AUB wurde ursprünglich als private Bildungsstätte mit dem Ziel gegründet, die Missionierung und Verbreitung der westlichen Kultur voranzubringen. Das 1810 gegründete „American Board of Commissioners for Foreign Missions“ (ABCFM) ist die älteste US-amerikanische Auslandsmissionsgesellschaft für das Christentum. Von Beginn an suchten die Missionare des ABCFM den Kontakt zu Einheimischen, vor allem zu Christen und lernten im Zuge dessen auch die arabische Sprache. Dies ermöglichte ihnen die neuerworbenen Sprachkenntnisse einerseits im Bildungssektor einzusetzen und andererseits sie für die Verbreitung ihrer religiösen Vorstellungen und Ansichten zu nutzen. Der amerikanische Missionar Cornelius van Dyck (1818-1895) war einer der bekanntesten amerikanischen Missionare des ABCFM für das osmanische Syrien im 19. Jahrhundert. Er erlernte die arabische Sprache und lehrte an der AUB. Die Inhalte seines Buches an-naqš fī-‘l-ḥaǧar wurden ab 1884 in Ǧabal ʿĀmil an der Nabatiye-Schule unterrichtet. Mit seinem Werk schuf er neue Denkansätze und Sichtweisen für die amilitische Bevölkerung.44

Das Thema lässt sich nicht nur auf den Aspekt der Missionierung und Verbreitung des Christentums eingrenzen, da schließlich auch Personen aus dem Ausland eine verstärkte Rolle in der Weiterentwicklung der Region spielten. Arabische Medien in der Diaspora hatten gleichermaßen ihren Einfluss auf die Betrachtungsweise einiger Reformer in Ǧabal ʿĀmil wie Aḥmad ʿĀrif az-Zain, der eine große Begeisterung für die europäische Kultur hegte. Aḥmad Fāris aš-Šidyāq (1804-1887) veröffentlichte 1860 in Istanbul die Zeitschrift al-Ǧawā’ib (zu Deutsch: Die Reisenden), eine politische Wochenzeitung, die sich auch in Ǧabal ʿĀmil ausbreitete. Neue Ideen wie etwa der Patriotismus oder die Grundsätze der französischen Revolution mit ihrer Parole „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ fanden bei der amilitischen Bevölkerung Anklang. Der amilitische Doktor Šarīf ʿAsīrān (1891-1954) ist in Sidon geboren und machte seinen Abschluss an der AUB. In al- Irf ān erschienen mehrere Beiträge von ihm. Seine Bewunderung für Pioniere der westlichen Zivilisation wie Charles Darwin, André-Marie Ampère, Edward Newton oder Galileo Galilei finden sich in einer tabellarischen Einordnung im al- Irfān wieder.45

Die zweite Auswanderung der Amilis begann 1890 und hatte Auswirkungen auf den Fortschritt der Region. Sayyid Muḥsin al-Amīn al-ʿĀmilī (1867-1952) gilt als einer der bekanntesten Gelehrten aus Ǧabal ʿĀmil. In jungen Jahren ging er nach Nadschaf, um seine religiösen Studien in Fragen der Fiqh (zu Deutsch: Islamische Jurisprudenz) zu vertiefen. In Nadschaf erreichte er das Niveau des Ijtihads (zu Deutsch: Selbstständige Rechtsfindung). Er veröffentlichte viele Bücher, die zur Zeit der Nahḍa reformorientiert waren. 1903 eröffnete er in Damaskus die Schule al-Madrasa al-alawiyya al-islāmiyya. Zainab Fawāz (1846-1914) war eine bekannte amilitische Schriftstellerin und Dichterin. Sie wurde in Tibnin geboren und reiste bereits mit zehn Jahren nach Alexandria, da es ihr Wunsch war außerhalb ihrer Heimat über soziale Reformen zu diskutieren. Sie setzte sich für die Rolle der Frau, ihrer Befreiung ein und kritisierte allgemein die soziale Lage des Landes. Vom Jahre 1892 an veröffentlichte sie mehrere Bücher und schrieb für viele ägyptische Magazine.

Im Allgemeinen hatte sich die Beziehung zwischen Ǧabal ʿĀmil und Ägypten nach dem Ende der ägyptischen Besatzung Ǧabal ʿĀmils verbessert. Der Austausch zwischen den amilitischen Gelehrten und Ägypten intensivierte sich ab Anfang des 20. Jahrhunderts, dabei stellte das Magazin al-Manār (zu Deutsch: Der Leuchtturm) das Bindeglied dar. 1911 ging beispielsweise der einflussreiche amilitische Gelehrte ʿAbd al-Ḥusain Šaraf ad-Dīn nach Ägypten.46 Dennoch war der Bund zwischen Ǧabal ʿĀmil und dem Irak am stärksten. Die meisten amilitischen Gelehrten, die zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang 20. Jahrhunderts lebten, waren Absolventen aus Nadschaf. ʿAbd Allāh Niʿma eröffnete nach seiner Rückkehr aus Nadschaf eine Schule in Jbaa. Er hatte sich dabei zum Ziel gesetzt islamischen Religionsunterricht anders zu gestalten. Mūsa Šarāra (1851-1886) ging 1871 nach Nadschaf. Er erkrankte dort an Tuberkulose und kehrte daher nach Ǧabal ʿĀmil zurück. Wie ʿAbd Allāh Niʿma hatte auch er nach seiner Rückkehr eine religiöse Schule errichtet. Seine in

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1 (ROSINY 1986: 43)

2 (TRABOULSI 2012: 8)

3 (MCTAGUE 1982: 109)

4 (CHALABI 2006: 94)

5 (DARWĪŠ 1993: 17)

6 (ĀL SAFĀ 1998: 25)

7 (DARWĪŠ 1993: 19)

8 (ĀL SAFĀ 1998: 75)

9 (ĀL SAFĀ 1998: 77)

10 (DARWĪŠ 1993: 86)

11 (DARWĪŠ 1993: 91)

12 (DARWĪŠ 1993: 101)

13 (DARWĪŠ 1993: 229)

14 (B ANŪT 1993: 74)

15 (ĀL SAFĀ 1998: 137)

16 (BAĠDĀDĪ 2014:7)

17 Die Familie ʿAlī aṣ-Ṣaġhīr ist eine einflussreiche Familie aus Ǧabal ʿĀmil und sind die Vorfahren der einflussreichen Asʿad Familie. (HOURANI 1986: 134)

18 (ĀL SAFĀ 1998: 141)

19 (ĀL SAFĀ 1998: 147)

20 Der Ursprung der Familie Sa’b liegt bei den Ayyubiden. Sie kamen in der Zeit von Salah ad-Din al-Ayubi nach Ǧabal ʿĀmil und gehören der kurdischen Ethnie an. Der Autor stellt jedoch in Frage, ob der Ursprung der richtige sei, da die Ayyubiden eine anti-schiitische Politik betrieben. (DARWĪŠ 1993: 76)

21 (ĀL SAFĀ 1998: 161)

22 Weitere Informationen zur Lage der Bauern in Ǧabal ʿĀ mil siehe (ŠUʿAIB 1987: 15-20)

23 (CHALABI 2006: 20)

24 Weitere Informationen zur Steuererhebungen in Ǧabal ʿĀmil siehe (ĀL SAFĀ 1998: 166)

25 (CHALABI 2006: 23)

26 (ABŪ ṢAIBAʿ 2017: 32)

27 (MIRVĀN 2003: 31)

28 Šams ad-Dīn Muḥammad bin Makkī lebte von 1333-1384 und war ein bekannter schiitischer Gelehrter aus Jezzine in Ǧabal ʿĀmil. Er setzte seine Studien zum Islam in Syrien fort und wurde dort vom damaligen Sultan Barkuk (1336-1399) aufgrund seiner Ablehnung der ersten drei islamischen Kalifen hingerichtet. (WINTER 1999: 150)

29 (ABŪ ṢAIBAʿ 2017: 49)

30 (DARWĪŠ 1993: 124)

31 Zain ad-Dīn al-Ǧubaʿī al-ʿĀmilī, bekannt als „aš-šahīd aṯ-ṯānī“ (zu Deutsch: „Der zweite Märtyrer“), wurde 1506 in Jbaa in Ǧabal ʿĀmil geboren und setzte die Linie seiner Familie fort, die allesamt einflussreiche Gelehrte waren. Es zog ihn wie Šams ad-Dīn Muḥammad bin Makkī nach Damaskus. Dort knüpfte er nicht nur an religiösen Studien an, sondern studierte auch Bereiche der Medizin und der Astronomie. Er unternahm weitere Studienreisen nach Istanbul, Ägypten und Mekka. In der islamischen Nūrīya-Schule in der Bekaa Ebene unterrichtete er alle fünf islamischen Rechtsschulen (vier sunnitische und die schiitische). Er wird von den Schiiten verehrt und als zweiter Märtyrer benannt, nachdem er gewaltsam getötet wurde. (HOURANI 1986: 136)

32 Bahāʾ ad-Dīn al-ʿĀmilī, bekannt als Sheikh al-Bahāʾī (1547-1621), war ein schiitischer Gelehrter, der im Alter von zwölf Jahren nach Persien zog und in Isfahan zu einem der bedeutendsten schiitischen Gelehrten aufstieg. Er hatte besonders große wissenschaftliche Kenntnisse und setzte sich beispielsweise mit der Anatomie auseinander und stützte dort die Ansicht über die Rotation der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne. (HOURANI 1986: 138)

33 al-Ḥurr al-ʿĀmilī (1623/24 - 1692/93) wurde in Machghara in Ǧabal ʿĀmil geboren und stammt einer Gelehrtenfamilie ab. Laut Angaben der Gelehrtenfamilie sind sie Nachfahren von al-Ḥurr bin Yazīd ar-Rīyāḥī, der vom damaligen irakischen Gouverneur nach Kufa gesandt wurde. Er sollte Ḥusain ibn ʿAlī bei Karbala bekämpfen, jedoch schloss er sich ihm am Ende an, wurde wie Ḥusain ibn ʿAlī getötet und wird daher ebenfalls von Schiiten verehrt. Die Familie von al-Ḥurr al-ʿĀmilī verschlug es wie viele amilitische Familien nach Persien, wo er zu einem der bedeutendsten Gelehrten des Safawidenreichs aufstieg. (ABISAAB 1994: 131)

34 (DARWĪŠ 1993: 125)

35 Für weitere Informationen zu historischen religiösen Schulen in Ǧabal ʿĀmil siehe (DARWĪŠ 1993: 129-132)

36 (ABŪ ṢAIBAʿ 2017: 56)

37 (DARWĪŠ 1993: 135)

38 Für weitere Informationen zur Auswanderung amilitischer Gelehrter ins Safawidische Reich siehe (ABISAAB 1993: 103-122)

39 (ABŪ ṢAIBAʿ 2017: 57)

40 (POHL-SCHÖBERLEIN 1986: 198)

41 (POHL-SCHÖBERLEIN 1986: 198)

42 (ABŪ ṢAIBAʿ 2017: 71)

43 (ABŪ ṢAIBAʿ 2017: 105)

44 (ABŪ ṢAIBAʿ 2017: 106)

45 Für die gesamte Tabelle siehe (ʿIrfān 1925: 524-525)

46 (ABŪ ṢAIBAʿ 2017: 59)

Details

Seiten
75
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668871014
ISBN (Buch)
9783668871021
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v442885
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Schlagworte
schiiten loslösung osmanischen reich

Autor

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Titel: Die Schiiten des Ğabal ʿĀmil und ihre Loslösung vom Osmanischen Reich