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Die kulturwissenschaftliche Nahrungsforschung - Entwicklung, Inhalte und Schwerpunkte

Seminararbeit 2005 18 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Entwicklung einer kulturwissenschaftlichen Nahrungsforschung
2.2 Die Schwerpunkte der kulturwissenschaftlichen Nahrungsforschung
2.3 Die Mahlzeit als Grundeinheit des Ernährungssystems
2.4 Die soziale und kommunikative Funktion des Essens
2.5 Aktueller Bezug
2.6 Selektion der Nahrung
2.7 Der Symbolgehalt der Nahrung

3. Schluss
3.1 Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte
3.2 Ausblick

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang
5.1 Modell des Ernährungssystem nach der EMSIG-Gruppe
5.2 Darstellungsmodell „Mahlzeit“ nach Tolksdorf

1. Einleitung

Im Mittelpunkt der volkskundlichen Forschung stehen vornehmlich komplexe Prozesse, die sich in einer Gesellschaft vollziehen und deren Entwicklung wiederspiegeln. Besonders die Alltagskultur gilt als wichtiges Untersuchungsgebiet. Ein zentraler Bereich der Alltagkultur stellt die Ernährung dar, da die Sicherung derer in der Geschichte der Menschheit immer schon als Grundbedürfnis galt.

Ernährung ist eine Form sozialen Handelns. Nie war das Stillen des Hungers einziger Grund des Essens. Schon immer förderte das Essen den Zusammenhalt in einer Gemeinschaft, galt als Sozialisationsmittel, wurde im Gegensatz dazu jedoch auch als Herrschaftsinstrument und als Zeichen der Macht eingesetzt. Essen kann trennen und verbinden, stiftet Krieg und Frieden, spiegelt Armut und Wohlstand wieder, macht Alltag und Festtag aus und war immer schon Ausdrucksträger von Lebenseinstellungen.1 Anhand der Ernährungsentwicklung kann man somit auch kulturelle Prozesse anderer gesellschaftlicher Bereiche beobachten.

„Umgekehrt finden [...] Veränderungen einer Epoche, sei es im Klima oder in der Machtpolitik, ihren mittelbaren Niederschlag in der jeweiligen Esskultur.“2

Die Nahrung kann folglich als ein „soziales Totalphänomen“3 bezeichnet werden. Jede Mahlzeit gilt als gesellschaftliche Situation; „jede Nahrung ist ein Symbol“.4

In meiner Hausarbeit möchte ich vornehmlich der Frage auf den Grund gehen, warum die Ernährung als Kulturphänomen betrachtet werden kann.

Zunächst leite ich meinen Hauptteil mit einem kurzen Überblick über die Entwicklung, die Schwerpunkte und die Forschungsweise der Kulturwissenschaft der Ernährung ein. In den folgenden Kapiteln werde ich die Grundlage der Forschung, sprich den soziokulturellen Aspekt der Ernährung, darlegen. Dabei geht es zunächst um die unterschiedlichen Motivationsfaktoren, die schließlich das Nahrungsverhalten bestimmen. Da sich Ernährungsgewohnheiten gerade in der heutigen Zeit so rasch verändern, erschien es mir wichtig, einen kurzen Überblick der aktuellen Entwicklung in meine Arbeit zu integrieren. Nach einem kurzen Überblick der kulturspezifischen Selektion der Nahrung folgt im abschließenden Kapitel des Hauptteils die Darstellung eines sehr entscheidenden Aspektes der ethnologischen Nahrungsforschung, des Symbolgehalts der Nahrung.

Im Schlussteil meiner Arbeit gehe ich noch einmal gezielt auf die eingehende Fragestellung ein, um gleichzeitig die wesentlichen Aspekte meines Themas zusammen zu fassen.

2. Hauptteil

2.1 Entwicklung einer kulturwissenschaftlichen Ernährungsforschung

Dem Kulturphänomen Ernährung wurde lange Zeit nur wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Etwa bis zum Ende des 18. Jahrhunderts betrachtete die Wissenschaft die Nahrung vornehmlich im Hinblick auf seine „makrobiotische“5 Wirkungskraft. Man beschränkte sich hauptsächlich darauf, die Kost des Menschen auf ihre lebensverlängernde Funktion hin zu untersuchen.

Später gewann die naturwissenschaftliche Erforschung des Stoffwechselprozesses im menschlichen Körper schwerpunktmäßig an Bedeutung. Dabei wurden „die mit der Nahrung einhergehenden psychischen Verhaltensweisen“6 jedoch vorsätzlich außer Acht gelassen.

Durch das globale Problem der Unterernährung in den Entwicklungsländern und der Überernährung in den Industriestaaten schien die Frage nach den psychosozialen Ernährungsmotivationen immer dringlicher. Die Fehlernährung war nicht allein auf die Unwissenheit über die physiologisch optimale Ernährungsweise zurückzuführen, sondern hauptsächlich auf historisch tief verwurzelte Ernährungsgewohnheiten, die bis dato noch größtenteils unerforscht waren.

So stellte man zunehmend fest, dass sich die Bevölkerung nicht maßgeblich von den aktuellen Forschungserkenntnissen der Ernährungswissenschaft beeinflussen ließ, sondern vielmehr an ihren verinnerlichten Normen und Werten festhielt.

Hier setzt die Kulturwissenschaft an, die sich anders als die Ernährungs- oder Naturwissenschaft mit der psychosozialen Situation der Essenden beschäftigt.

Jedoch sahen damalige Volkskundler die Ernährung zunächst nicht als würdiges Forschungsthema, sondern eher als häusliches Frauenthema an, dass nicht offensichtlich den „`geistigen` Kulturgütern“7 zugeordnet wurde. Des weiteren galt die Kost als ein extrem kurzlebiges Kulturgut, das sich aufgrund seiner schnellen Verderblichkeit nicht als Ausstellungsobjekt eignete.8

Bis heute kann man zumindest in Deutschland nicht von einem schnellen Entwicklungsprozess der Forschung sprechen, sind sich Wiegelmann, Teuteberg, Tolksdorf, Neumann und Gerndt einig. Die ethnologische Nahrungsforschung ist zum Teil noch lückenhaft und hat sich neben den anderen Wissenschaften, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, noch nicht hinreichend etabliert. Ein Manko liege nach Wierlacher darin, dass andere Wissenschaften den Aspekt des Essens als Kulturphänomen in ihren Studien ganz außer Acht ließen. Wünschenswert wäre eine „zusammenführende gegenwartsorientierte Kulturforschung des Essens“9, die am Ende zu einer umfassenden verbesserten Erkenntnis führen würde. Die erwähnten Autoren sprechen alle ein ähnliches Problemfeld an.

Gunther Hirschfelder spricht außerdem das Problem der Diskrepanz zwischen den Nahrungsgewohnheiten unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen an. In der Geschichte der Menschheit gab es innerhalb einer Kultur kaum eine vollkommen einheitliche Esskultur. Die Armen aßen anders als die Reichen, sowie die Männer anders als die Frauen und auch die Tischgewohnheiten von Jung und Alt sind nicht immer gleich zu setzen. Daher ist es nicht immer einfach, klare Entwicklungsgänge nachzuvollziehen.

2.2 Die Schwerpunkte der kulturwissenschaftliche Nahrungsforschung

Grundvoraussetzung für die ethnologische Nahrungsforschung ist es, die Nahrung als Kulturgut oder als ein „eigenes kulturelles System“10 zu betrachten. Die Nahrung ist demnach vornehmlich in Korrelation mit der Gesellschaft relevant, denn die Menschen sind es, die ihren Kulturgütern bestimmte Symbole zuordnen und ihnen einen eigenen kulturellen Wert zuschreiben. Ein symbolneutrales Nahrungsmittel ist in erster Linie nicht in die wissenschaftliche Betrachtung zu ziehen. Es geht in der ethnologischen Nahrungsforschung nicht nur um die bloße Beschreibung von Lebensmitteln, die in einer Kultur konsumiert werden, sondern hauptsächlich um die Verbindung zwischen den Merkmalen (Art und Zubereitung) der jeweiligen Nahrung und den kulturellen Normen und Werten.

Aus der systematischen Analyse und Auswertung der Ernährung versucht die Volkskunde Rückschlüsse auf die Mechanismen der Gesellschaft zu ziehen. Um den Ursprung der Essgewohnheiten des Menschen zu finden und um die Mechanismen des kulturellen Lernens zu entschlüsseln, bedarf es einer historischen Perspektive.11 Durch die Vergangenheitsforschung lassen sich kulturelle Prozesse erklären. Hilfreich sind dafür Bild- und Schriftquellen, die den Wandel der Esskultur darstellen.

Dennoch ist das Ernährungsverhalten in viele weitere Motivationsfaktoren aufzugliedern, um den Grund dafür in Erfahrung zu bringen. Das Nahrungsverhalten spiegelt immer auch gesellschaftliche Bedingungen, die wirtschaftliche und die politische Situation wider.

Wichtig ist, neben der historischen und gesellschaftlichen auch die naturwissenschaftliche Perspektive nicht außer Acht zu lassen, sondern deren Befunde als Quelle zu nutzen. Denn Natur und Kultur sollten immer als komplexes einander beeinflussendes Ganzes betrachtet werden. Die Aufgabe der Kulturwissenschaft ist demnach, den Nahrungstrieb in der Korrelation zwischen natürlicher Disposition und sozialer Organisation wahrzunehmen und zu charakterisieren.12

Der Mensch wird gleichermaßen von natürlichen lebenserhaltenden Trieben, sprich von physischen Bedürfnissen sowie von seinen Erfahrungen und seinem sozialen Anpassungsbedürfnis zu einem bestimmten Nahrungsverhalten motiviert.

Hierbei stützt man sich zunächst auf die behavioristische Theorie von durch Reize ausgelösten Reaktionen. Es wird davon ausgegangen, dass „das Ernährungsverhalten ein spezieller Prozeß ist, der mit einer inneren Reizkonstellation beginnt“.13 Es entstehe ein Reizimpuls, der im Endeffekt das Nahrungsverhalten bestimmt. Jedoch kann man beim Menschen nicht annehmen, dass diesem aufkommenden Reiz unmittelbar eine befriedigende Handlung folgt, denn im Gegensatz zum Tier verfügt der Mensch über Verhaltensnormen, die ihn veranlassen, die Triebbefriedigung in gewissen Situationen zu unterdrücken. Auf diesen Sachverhalt möchte ich jedoch in einem der folgenden Kapitel detaillierter eingehen.

Für die kulturwissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Ernährung ist es außerdem wichtig, sich mit dem Symbolgehalt der Nahrung auseinanderzusetzen.

Ziel ist es, die ausgestrahlten Signale zu entschlüsseln, die den Menschen in seinen Esshandlungen beeinflussen, um dessen Nahrungsgewohnheiten zu analysieren. Heute wird dieser Symbolcharakter der Nahrung besonders von der Werbung genutzt. Die dort subtil vermittelten Signale, die der Werbemacher bewusst einsetzt, haben einen starken Einfluss auf das Konsumverhalten des Verbrauchers.

Feldforschung und Symbolsystemanalysen werden auf diesem Forschungsgebiet somit immer wichtiger.

[...]


1 Vgl. Wierlacher 1993, S.5.

2 Hirschfelder 2001, S.7.

3 Teuteberg 1986, S.14.

4 Sartre zit. nach Neumann 1993, S.385.

5 Teuteberg, 1986, S.1.

6 Ebd., S.2.

7 Wiegelmann, 1986, S.33.

8 Vgl. Wiegelmann 1986, S.33.

9 Wierlacher 1993, S.9.

10 Gerndt 1986, S.200.

11 Vgl. Hirschfelder 2001, S.13.

12 Vgl. Neumann 1993, S.398.

13 Ebd., S.3.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638419000
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44267
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Inst.d. Europ.Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Nahrungsforschung Entwicklung Inhalte Schwerpunkte Proseminar Einführung Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft

Autor

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