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Bürgerschaftliches Engagement. Kooperation zwischen Altenheim und Schule

Bachelorarbeit 2015 70 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorstellung der Institutionen
2.1 Schule als Institution
2.2 Alten- und Pflegeheim als Institution

3. Bürgerschaftliches Engagement
3.1 Begriffsdefinitionen
3.2 Geschichtlicher Hintergrund

4. Bildung und Engagement
4.1 Empfehlungen der Enquete Kommission
4.2 „Neue“ Bildungsdebatte
4.3 Die Praxis
4.4 Bildungspolitik

5. Motive des bürgerschaftlichen Engagements
5.1 Arbeitgebersicht
5.2 Freiwilligensichtweise

6. Freiwilligenmanagement
6.1 Definition
6.2 Aufgabenbereiche
6.3 Kooperation zwischen beruflich und freiwillig Tätigen

7. Empirische Untersuchung
7.1 Methode und Art der Untersuchung
7.2 Vorstellung der Interviewleitfäden

8. Ergebnisse der Untersuchung
8.1 Darstellung und Auswertung
8.2 Interpretationen der Ergebnisse

9. Abschließende Betrachtung
9.1 Handlungsempfehlungen für die Praxis
9.2 Zusammenführung mit theoretischen Ergebnissen

10. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Bundesrepublik Deutschland ist das ehrenamtliche, freiwillige oder auch bürgerschaftliche Engagement in den sozialen Institutionen nach wie vor weit verbreitet. Die Thematik hat in den sozialen Institutionen eine lange Tradition und die Soziale Arbeit selbst hat ihre Wurzeln in der Ehrenamtlichkeit (vgl. Kapitel 3.2 dieser Arbeit). Insbesondere im Tätigkeitsfeld der Altenhilfe, spielt der Einsatz von Ehrenamtlichen eine bedeutende Rolle. Hier geht es in erster Linie um die zu betreuenden oder zu pflegenden alten Menschen. Daher ist die Verbindung und enge Beziehung von bürgerschaftlichem Engagement und der Sozialen Arbeit offensichtlich. In fast jedem Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit finden sich ehrenamtliche Helfer. Das Zusammenspiel von Ehrenamt und Sozialer Arbeit ist deshalb auch kein neues Thema.

Das traditionelle Ehrenamt steht jedoch vor einem Umbruch. Aufgrund des gesellschaftlichen Wandels, gibt es kaum noch langfristige Formen des freiwilligen Engagements. Die aktuelle Debatte um den demografischen Wandel1 macht eine intensive Betrachtungsweise dieser Thematik notwendig. Es entstehen Herausforderungen aufgrund der prognostizierten Geburtenzahlen, steigenden Lebenserwartung und hinsichtlich der Zu- und Abwanderung. Die steigende Anzahl von hochbetagten Menschen erfordert beispielsweise eine ausreichende Dienstleistungsstruktur im Pflegefall. Aufgrund bundesweiter knapper Haushaltskassen, wurden die Ressourcen des bürgerschaftlichen Engagements außerdem in den letzten Jahren von vielen Experten2 verstärkt anerkannt und als Arbeitsprinzip einer zukunftsfähigen Gesellschaft angesehen (vgl. Grunwald / Steinbacher, 2008, S. 622).

Daher wird die Bedeutung für den Erhalt der sozialen Verantwortung in unserer Gesellschaft von Politikern und Funktionsträgern immer wieder beschworen. Die Thematik hat in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit einen hohen Stellenwert erlangt. Verschiedene Ideen, Projekte und Programme werden erprobt, in denen teilweise alle Generationen miteinbezogen werden. In Form von Modellprojekten und Förderprogrammen werden unterschiedliche Engagementformen von Bund und Ländern angeregt und finanziert. Die Praxis wird dadurch immer lebendiger.

Bisher wurden freiwillige Helfer und Unterstützer von den Einrichtungen selbst akquiriert oder über Institutionen wie Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros und Selbsthilfekontaktstellen vermittelt. Freiwillige Helfer können aber auch über eine Institution eingebunden und angesprochen werden. Bei Kooperationen zwischen Altenheimen und Schulen werden Schüler in der stationären Altenhilfe ehrenamtlich tätig. Im Gegensatz zum traditionellen Ehrenamt werden die Schüler nicht langfristig als private Bürger tätig, sondern vielmehr im Rahmen von Projekten und Kooperationen eingebunden und angesprochen. Aktuell steht das bürgerschaftliche Engagement im Diskurs mit Schule, Bildung und Lernen. Daher eignet sich die Schule als Partner für Engagementprojekte zur Gewinnung von kompetentem eigenem Nachwuchs. Dieser Ansatz ist die Basis dieser Bachelor Arbeit. Die aufgeführten Punkte erklären die Absicht und die Hintergründe dieser Arbeit. Die sozialen Dienste und Institutionen müssen auf die lebendige Praxis und unterschiedlichen Engagementprojekte reagieren. Eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik wird dadurch erforderlich.

Diese Bachelor-Arbeit ist aufgegliedert in zwei Abschnitte. Im ersten theoretischen Teil sollen zunächst in Kapitel zwei die beiden Institutionen Schule und Alten- und Pflegeheim vorgestellt werden. Im dritten Kapitel soll die aktuelle Situation in der Bezeichnung des bürgerschaftlichen Engagements dargestellt werden. In Kapitel 3.1 folgt die Definition von verschiedenen Begrifflichkeiten. Anschließend findet im Kapitel 3.2 ein Blick in den historischen Kontext statt. Dabei wird insbesondere auf das Elberfelder System und auf den Wandel vom traditionellen zum neuen Ehrenamt Bezug genommen.

Im vierten Punkt liegt der Schwerpunkt auf dem Überschneidungsbereich von Bildung und Engagement. Dabei werden zunächst die Empfehlungen der Enquete Kommission aufgezeigt (4.1). Davon ausgehend werden in den Kapiteln 4.2, 4.3 und 4.4 verschiedene Entwicklungen in Theorie, Praxis und Politik im Bereich Bildung und bürgerschaftliches Engagement aufgezeigt.

Im Anschluss liegt der Schwerpunkt auf der Ausübung des bürgerschaftlichen Engagements. Zum einen erfolgt eine Betrachtungsweise aus Sicht der Arbeitgeber (5.1) und zum anderen die Sichtweise der Ehrenamtlichen (5.2). Der Theorieteil endet mit Ausführungen der Arbeitsmethode des Freiwilligenmanagements. Hier spielen Definition, die Aufgabenbereiche sowie die Kooperation zwischen beruflich und freiwillig Tätigen eine Rolle.

Der zweite Teil dieser Arbeit befasst sich mit der Auseinandersetzung des Engagements von Schülern in einem Alten- und Pflegeheim. Mithilfe von teilstandardisierten Interviews wurden drei Lehrer, drei Schüler und zwei Heimleiter zur Funktion und zur Optimierung des Engagements von Schülern befragt. Die Auswertung ist induktiv und erfolgt nach dem Verfahren der Qualitativen Inhaltsanalyse von Philipp Mayring. In der abschließenden Betrachtung (neunter Punkt) werden mögliche Handlungsansätze beziehungsweise Empfehlungen für ein erfolgreiches Engagement von Schülern in einem Alten- und Pflegeheim ausgearbeitet und es findet ein Rückblick zum Theorieteil statt. Im Fokus der Arbeit steht die Bedeutung und Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit hinsichtlich Kooperationen zwischen Altenheimen und Schulen. Doch zunächst werden die Institutionen Schule sowie Alten- und Pflegeheim vorgestellt.

2. Vorstellung der Institutionen

2.1 Schule als Institution

Im Folgenden wird eine aktuelle Theorie thematisiert, die sich mit der Schule als Institution befasst.

In der Schule wird das Lernen arrangiert. Das bedeutet, dass das Lernen dort nicht zufällig als Teil des Alltagslebens stattfindet, sondern spezielle Umwelten dafür arrangiert werden. Dazu gehören unter anderem Schulgebäude, Lehrkräfte und Schulbücher sowie Zensuren und Zeugnisse. Die Grundlage für das schulische Lernen ist die Schriftsprache. Das Wissen, das schriftlich niedergelegt ist, kann zum Gegenstand eines Lernprozesses werden, der aus dem alltäglichen Lebenszusammenhang ausgegliedert ist. Lehrer erteilen geplant, systematisch und kontinuierlich (täglich) Unterricht. Organisiert ist der Unterricht in verschiedene Unterrichtsfächer. Im Unterricht werden einer Gruppe von Schülern (Schulklasse) gesellschaftlich relevante Fertigkeiten und Wissen vermittelt. Diese Form des Lernens ist in Deutschland eingebunden in eine soziale Institution. Der Schulbesuch ist in Deutschland verpflichtend und erfasst daher prinzipiell alle Heranwachsenden. Inzwischen gehen in Deutschland fast 13 Millionen Kinder und Jugendliche täglich zur Schule. Damit ist das deutsche Schulsystem zur größten sozialen Institution geworden (vgl. Tillmann, 2001, S. 1540 f.).

Die wesentlichen Aufgaben der Schule ist die Sozialisation und Selektion von Kindern und Jugendlichen. Bei der Sozialisation geht es darum, Kindern und Jugendlichen Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten zu vermitteln, die ihnen ermöglichen gesellschaftlich wichtige Aufgaben zu übernehmen. Es geht darum, grundlegende Normen und Werte zu vermitteln und zu ihrer Akzeptanz beizutragen. In diesem Sinne ist die Sozialisation ein zielgerichteter Prozess. Das Ziel der Sozialisation ist die Qualifizierung für das Berufs- und Beschäftigungssystem und die damit implizierte Integration. Durch die Akzeptanz von Hierarchien erfolgt in der Schule beispielsweise eine Vorbereitung auf das gesellschaftliche Machtgefälle. Die Selektion ist die zweite wichtige Aufgabe der Schule. Die individuellen Leistungen der Schüler sind ein allgemein anerkanntes Maßstab für die Verteilung von gesellschaftlichen Positionen. Dieses Verteilungsprinzip macht sich besonders in Form von Prüfungen und in der Vergabe sogenannter „Berechtigungen“ bemerkbar. Bildungstitel sind z. B. die Voraussetzung für den Besuch einer weiterführenden Schule (vgl. Blömeke/ Herzig, 2009, S. 18).

Die Schule ist die Aufgabe des Staates. In der Bundesrepublik wird das in Art. 7 des

Grundgesetzes festgelegt: „Das gesamte Schulwesen steht unter Aufsicht des Staates“. Das Prinzip der Staatlichkeit bedeutet, dass der Staat die Schulen einrichtet, finanziert und trägt. Der Staat regelt wie die Schule organisiert ist und was in ihr ablaufen soll. Mit dem Prinzip der Staatlichkeit ist in der Bundesrepublik Deutschland nicht der Gesamtstaat (der Bund) gemeint, sondern vielmehr die Bundesländer. Die staatlichen Aufgaben der Schule werden ausschließlich von den Bundesländern wahrgenommen. Ihre Kompetenzen in diesem Feld sind Teil ihrer „Kulturhoheit“ die in den Artikeln 72 bis 75 des Grundgesetzes abgesichert ist. Eines der wichtigsten Merkmale des deutschen Schulwesens ist damit die föderative Struktur. Das bedeutet, dass jedes Bundesland seine Schulangelegenheiten eigenständig regelt. Deshalb gibt es in der Bundesrepublik 16 Schulminister, 16 Schulgesetze und auch 16 verschiedene Formen des Schulsystems. Demnach gibt es viele Unterschiedlichkeiten zwischen den 16 Bundesländern (vgl. Tillmann, 2001, S. 1543).

Der organisatorische Aufbau hat seinen Ursprung in der Trennung zwischen „akademischer“ und „volkstümlicher“ Bildung. Für alle Kinder gibt es die gemeinsame Grundschule (Klasse 1-4). Das Sekundarschulwesen ist hierarchisch in die Schulformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium gegliedert. Am Ende der gemeinsamen Grundschule müssen die Eltern entscheiden, in welche Schulform sie ihr Kind schicken wollen. Die verschiedenen Schulformen stehen relativ unverbunden nebeneinander und führen zu unterschiedlich wertigen Abschlüssen. Darüber hinaus gibt es in einigen Bundesländern auch integrierte Gesamtschulen. Insbesondere in den 60er und 70er Jahren gab es schulreformerische Bemühungen, das dreigliedrige Schulsystem zugunsten einer gemeinsamen Schule für alle abzulösen. Wegen großen politischen Widerständen sind diese Reformbemühungen größtenteils steckengeblieben. Ein Schulsystem, dass Kinder im 10. Lebensjahr auf verschiedene Schulformen aufteilt, gibt es nur in deutschsprachigen Ländern (vgl. Tillmann, 2001, S. 1544).

Die Trennung zwischen „volkstümlicher“ und „akademischer“ Bildung ist auch der Ursprung der Trennung zwischen „allgemeiner“ und „beruflicher“ Bildung. In der gymnasialen Oberstufe findet eine Studienvorbereitung und keine „Berufsausbildung“ statt. Wer die Schule nach der 9. oder 10. Klasse verlässt, tritt in den Bereich der beruflichen Bildung ein. Dahinter steht die bildungstheoretische Vorstellung, dass es einerseits eine zweckfreie und damit eine besonders wertvolle „Bildung“ für wenige und andererseits eine zweckgebundene, weniger wertvolle „Ausbildung“ für viele gibt. Diese bildungstheoretische Vorstellung wurde vielfach kritisiert. Gegner kritisieren unter anderem die Verfestigung von sozialen Ungleichheiten. Der geschichtlich-gesellschaftliche Hintergrund ist „…letztlich die Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit und die damit verbundenen Unterschiede und Interessensgegensätze hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage, sozialer Klassen und Schichten“ (Klafki, 1985, S. 28; zitiert in Tillmann, 2001, S. 1544).

Trotz dieser Kritik ist das deutsche Schulsystem nach der 10. Klasse weiterhin strikt nach dieser Trennung organisiert. Im Folgenden wird eine aktuelle Theorie thematisiert, die sich mit dem Alten- und Pflegeheim als Institution befasst.

2.2 Alten- und Pflegeheim als Institution

Alten- und Pflegeheime sind Einrichtungen, in denen die Bewohner stationär untergebracht sind. Menschen, die auf Grund geistiger, seelischer oder körperlicher Einschränkungen nicht mehr in ihrem eigenen Haushalt leben können, haben dort ihren Wohnsitz und werden hauswirtschaftlich und pflegerisch versorgt. Es gibt unterschiedliche Arten von Heimen. Die am häufigsten vorkommende Version dieser Heime ist die des Altenpflegeheims. Hier wohnen sowohl körperlich nicht, beziehungsweise wenig eingeschränkte Bewohner, genauso wie pflegebedürftige und bettlägerige Bewohner. Derzeit leben rund 5% alter Menschen (650000) in Heimen. Getragen werden Alten- und Pflegeheime von freien und damit kommerziellen Unternehmen, von den freigemeinnützigen, wohlfahrtsverbandlichen Organisationen und von kommunalen und damit staatlichen Trägern. Entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip (Nachrang der öffentlichen Träger) im deutschen Sozialwesen werden Altenheime nur von der Kommune getragen, soweit keine freien Träger auf den Plan treten (vgl. Witterstätter, 2008, S. 152ff).

Altenpflegeheime werden als ein soziales System betrachtet. Das kommt daher, weil in einem Heim für alte Menschen Personen mit verschiedenen festgelegten und sich ergänzenden Rollen zusammentreffen und miteinander arbeiten. Heimleiter, Pflegepersonal, Hauswirtschaftskräfte, Verwaltungspersonal und Heimbewohner arbeiten zielorientiert zusammen. Die begriffliche Bezeichnung „soziales System“ ist durch diese „spezifische Zielausrichtung, rationale Gestaltung der Zielverwirklichung“ (Maynitz 1963 zitiert in Witterstätter, 2008, S. 159), sowie einen festen Mitarbeiterkreis und Rollenunterscheidung gewährleistet. Das Ziel eines Heimes ist die Versorgung sowie die Befriedigung der psychischen Bedürfnisse seiner Bewohner. Mit dem Blick auf eine möglichst große Autonomie der Bewohner soll möglichst kunden-, beziehungsweise bewohnerorientiert gearbeitet werden (vgl. Witterstätter, 2008, S. 198 f).

Vor einigen Jahren galten Heime häufig als totale Institutionen. Das ist zurückzuführen auf die Gefahr, dass das Ziel weg von der Bewohnerorientierung, hin zu einer rationellen und möglichst effizienten verrutschen kann. Bei einer totalen Institution geht der Blick weg vom Individuum und hin zur gesamten Institution. Die Individualität der Bewohner wird nicht mehr beachtet. Für alle Mitglieder in totalen Institutionen besteht ein gleichartiger Tagesablauf. Dieser Tagesablauf muss sich reibungslos vollziehen und ist exakt geplant. Die Möglichkeiten und Tätigkeiten des Einzelnen werden dadurch stark eingeschränkt und orientieren sich an der Institution. Die Bewohner sind entsprechend von der Umwelt abgeschlossen und von Wohngebieten ausgelagert. Außerdem stehen das Pflegepersonal und die Heimleitung nicht mehr unterstützend und beratend zur Seite, sondern vielmehr als Autoritäten im Mittelpunkt. Durch solch eine Umgebung und Behandlung entsteht die „Gefahr von Passivität, Hilfslosigkeit und Desorientierung der Bewohner“ (Witterstätter, 2008, S. 169) eines Altenpflegeheims.

Diese Folgen müssen sich aber nicht einstellen. Durch neuere Entwicklungen wird versucht, die Struktur in Altenpflegeheimen dahingehend zu verändern, dass sie im Sinne einer sozialen Institution immer bewohnerorientierter werden. Auch wenn den Heimen immer noch ein schlechtes Bild anhaftet, hat sich viel verändert. Das ganzheitliche und Gemeinwesen orientierte Pflegeleitbild setzt sich immer mehr durch. Das Heim wird als Wohnort mit Lebensqualität und möglichst vielen Außenbeziehungen angesehen. Im Altenpflegeheim XY wird beispielsweise versucht auf die individuellen Wünsche der Bewohner einzugehen und dabei gleichzeitig die Selbständigkeit zu fördern und ihnen zu einem möglichst eigenständigen Leben zu verhelfen. Das oberste Ziel ist, dass die Bewohner ein neues Zuhause finden und sich wohl fühlen. Die Privatsphäre der Bewohner hat dabei einen großen Stellenwert und die Arbeit ist geprägt von einem „wertschätzenden und offenen Umgang mit Bewohnern, Angehörigen und Mitarbeitern“ (Quelle: Homepage des Pflegeheims, aus datenschutzrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt). Außerdem wird eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung angeboten, in welcher sich jeder Bewohner die für ihn passenden Aktivitäten auswählen kann. Das zeigt, dass sich in der Entwicklung der Altenpflegeheime viel getan hat.

Laut Backes/ Clemens spielen in einem Altenpflegeheim das eigene Zimmer, somit also die wohnlichen Verhältnisse eine wichtige Rolle. Wegen der vielen Aufenthaltsbereiche und der Struktur der Heime liegt die Privatsphäre eher niedrig. Durch ein passendes Zimmer kann gewissermaßen eine Privatsphäre hergestellt werden. Die Ausgestaltung eines geeigneten Rückzugsbereiches, am besten mit persönlichen Möbelstücken und anderen individuellen Gegenständen ist eine gute psychosoziale Voraussetzung für ein gesundes Miteinander und Wohlfühlen. Ein weiterer Punkt, der eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden eines Menschen spielt, sind soziale Beziehungen. Viele Heimbewohner sind bei einem Umzug in die Institution bereits von eingeschränkten Sozialbeziehungen betroffen. Das liegt einerseits an eigenen Rückzugstendenzen, andererseits besteht aus körperlichen Gründen oft gar nicht mehr die Möglichkeit, das eigene Zuhause zu verlassen und Kontakte zu pflegen. Ferner brechen durch den Einzug in eine Institution häufig noch weitere Sozialbeziehungen ab. Das Heim in das Menschen ziehen liegt häufig nicht in der direkten Nachbarschaft zum früheren Wohnort. Daher haben es ältere Menschen schwer, die vielleicht früheren Nachbarn zu besuchen. Der Bruch mit der Vergangenheit wird dadurch noch verstärkt (vgl. Backes/ Clemens, 1998, S. 247 f.).

Nachdem die beiden Institutionen Schule sowie Alten- und Pflegeheim vorgesellt und beschrieben wurden, folgt im nächsten Kapitel die Auseinandersetzung mit dem bürgerschaftlichen Engagement.

3. Bürgerschaftliches Engagement

Der Bekanntheitsgrad des Begriffs „Bürgerschaftliches Engagement“ nahm im letzten Jahrzehnt in Deutschland deutlich zu (vgl. Steinbacher, 2004, S. 72). Die Einrichtung der Enquete Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagement“ im Jahr 1999 durch die Bundesregierung zeigen, dass die Debatte in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewann (vgl. Steinbacher, 2004, S. 72f.). Die Enquete Kommission hat einen umfangreichen Bericht mit Analysen und Handlungsempfehlungen vorgelegt. Es wird allgemein anerkannt, dass bürgerschaftliches Engagement verstärkte Anerkennung und vor allem intensive Förderung und Unterstützung bedarf. Über Wege und Strategien der Engagement Förderung wird daher immer wieder diskutiert (vgl. Hartnuß / Klein, 2011, S. 145).

Als bürgerschaftliches Engagement wird ein breites Spektrum der unterschiedlichsten Formen der freiwilligen, nicht auf materiellen Gewinn ausgerichteten, gemeinwohlorientierten Tätigkeiten bezeichnet. Grundsätzlich gibt es bürgerschaftliches Engagement in allen Disziplinen der modernen Gesellschaft (vgl. Hartnuß, 2008, S. 81). Freiwillige engagieren sich beispielsweise in den Bereichen Sport, Schule, Kindergarten, Freizeit, Kultur, Gesundheit und Soziales, Ökologie sowie Politik. Dabei zählen traditionelle als auch neue Formen ehrenamtlicher Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden, Kirchen, Freiwilligendiensten, unterschiedliche Varianten der Selbsthilfe, Eigenarbeit sowie Formen der politischen Beteiligung und Mitbestimmung (vgl. Hartnuß / Klein, 2011, S. 144). Die Definition des bürgerschaftlichen Engagements nimmt in diesem sehr weitgefassten Sinne einen Ober- und Sammelbegriff ein.

Darüber hinaus nimmt das bürgerschaftliche Engagement vor allem Bezug auf die Zivil- und Bürgergesellschaft. Gemeint ist damit das Gemeinwesen, in dem sich Bürgerinnen und Bürger nach demokratischen Regeln sich selbst organisieren und auf das Gemeinwesen einwirken können. Zivil- und Bürgergesellschaft wird als Bereich zwischen Markt, Staat und Privatleben verstanden. Dieser Bereich ist für die breite Öffentlichkeit transparent, schließt diese mit ein und leistet einen Beitrag zur Förderung des Gemeinwohls (vgl. Hartnuß / Klein, 2011, S. 145). Mit dieser Begriffsbezeichnung wurde eine Brücke zwischen den seither voneinander unterschiedlichen Handlungsfeldern gebaut, weil die gemeinsamen Berührungspunkte und Zusammenhänge verdeutlicht werden.

Die Bezeichnung des bürgerschaftlichen Engagements ist wegen der Komplexität mehr als ein Sammelbegriff der verschiedenen Engagementformen. Er ist eng verbunden, mit gesellschaftstheoretischen und -politischen Diskussionen über die Bürgergesellschaft, Solidarität und Selbstermächtigung. Demnach bezieht sich das bürgerschaftliche Engagement „…auf die Leitfigur des Bürgers…die sich jenseits sonstiger Unterschiede…als gleichberechtigte Mitglieder eines politischen Gemeinwesens anerkennen und auf der Grundlage liberaler Grund- und Freiheitsrechte in mitbürgerschaftlicher Verantwortung ihr Gemeinwesen aktiv mitgestalten“ (Olk, 2005, S. 178). Konkret geht es um Bürgervereinigungen, Initiativen, politische Bewegungen und Parteien. Dabei ist jede Form von freiwilliger und gemeinschaftsbezogener Aktivität gemeint.

Demnach geht es beim bürgerschaftlichen Engagement auch um eine Vision einer politischen Gemeinschaft und um damit Beiträge für die eigene Zukunft zu leisten. Für die Bürger werden beispielsweise politische und freiwillige Zusammenschlüsse gebildet. Dadurch erhalten sie Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten in der Gesellschaft. Durch die Übernahme von Gemeinwohlverantwortung, beziehungsweise durch deren bürgerschaftliches Engagement, wird soziales Kapital gebildet. Die Zukunftsfähigkeit und der Zusammenhalt einer Gesellschaft werden dadurch wiederum gewährleistet (vgl. Hartnuß / Klein, 2011, S. 145).

Im Folgenden werden für die weitere Betrachtungsweise und ein besseres Verständnis die verschiedenen Bezeichnungen des bürgerschaftlichen Engagements aufgeführt.

3.1 Begriffsdefinitionen

Die Bezeichnung des bürgerschaftlichen Engagements kann generell als eine Art Sammelbegriff für freiwillige, ehrenamtliche und gemeinwohlorientierte Tätigkeiten gefasst werden. Der Begriff umfasst eine große Spannbreite an gemeinnützigen Aktivitäten.

In Deutschland hat es bisher nicht funktioniert, die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder und die ihnen jeweils zugeordneten Begriffsbezeichnungen unter einem Namen zusammenzufassen (vgl. Rauschenbach, 2001, S. 345). Das liegt vor allem an der Vielfalt der Erscheinungsformen des Ehrenamtes, die eine exakte und einheitliche Definition quasi undenkbar macht. Es wirken zu viele Dimensionen in diese Thematik gleichzeitig ein, zum

Beispiel hinsichtlich der vielfältigen Tätigkeitsbereiche. Dementsprechend ist bis heute nicht deutlich geworden, welche Engagementformen hinzugezählt werden. Es besteht keine klare Regelung, welches die wesentlichen Rahmenbedingungen der Engagementformen sind, wie beispielsweise Freiwilligkeit, Bezahlung oder Qualifikation (vgl. Rauschenbach, 2005, S. 345 f.). Die Debatte darüber, welche Definition in welcher Situation genutzt wird, ist für Strategen und Theoretiker von Bedeutung, für die Praktiker und Ehrenamtlichen selbst hingegen weniger.

Die historisch geprägte Bezeichnung des Ehrenamts wurde dennoch in den letzten Jahren verstärkt durch andere Ehrenamtsbegriffe abgelöst. Bis Mitte der 80er Jahre wurde im Zusammenhang mit regelmäßigen, unentgeltlichen, uneigennützigen und gemeinwohlorientierten Tätigkeiten fast ausschließlich vom „Ehrenamt“ gesprochen. Mittlerweile wird der Begriff vor allem dann durch andere Formulierungen ersetzt, wenn kurzfristiges Engagement in selbst organisierten Initiativen und Projekten gemeint ist. In der Literatur finden sich diesbezüglich Formulierungen wie „soziales Engagement“, „Ehrenamt“, „Freiwilligenarbeit“ und „bürgerschaftliches Engagement“. Hinter diesen Begrifflichkeiten befinden sich jeweils andere Nuancierungen der fachlichen Konzepte und historischen Traditionen, aber auch unterschiedliche Leitbilder und politische Positionierungen (vgl. Steinbacher, 2004, S. 70).

Eine der wenigen klaren Definitionen hat Teresa Bock vorgelegt. Demnach sind „Ehrenamtlich/ freiwillig Tätige Bürgerinnen und Bürger, die sich, ohne durch verwandtschaftliche Beziehungen oder durch ein Amt dazu verpflichtet zu sein, unentgeltlich oder gegen eine geringfügige Entschädigung, die weit unterhalb der tariflichen Vergütung liegt, für soziale Aufgaben zur Verfügung stellen“ (Rauschenbach, 2001, S. 345, zitiert nach Bock, 1997, S. 241). Die Verfasserin wählt eine allgemeine Begriffsbestimmung, welche für alle bereits genannten Ehrenamts-Begriffe zutrifft.

In der Literatur werden drei typische Merkmale des Ehrenamts immer wieder genannt. Zum einen handelt es sich um eine Tätigkeit, für welche es kaum oder keine Vergütung gibt. Zum anderen handelt es sich um Aktivitäten, die auf die Allgemeinheit gerichtet sind und kooperativ ausgeübt werden. Darüber hinaus wird ein Mindestmaß an Organisation und Verbindlichkeit erfordert (vgl. Wollenschläger, 2002, S. 64). Als nächstes sollen die jeweiligen Begriffe und Arbeitsfelder kurz beschrieben werden.

Das soziale Ehrenamt hat seinen geschichtlichen Ausgangspunkt im „Elberfelder System“ und in den Anfängen der Sozialen Arbeit (vgl. hierzu auch Kapitel 4.2). Damit ist das traditionelle, auf Gemeinwohl ausgerichtete Engagement in den traditions- und wertgebundenen Verbänden und Vereinen gemeint. Das sind vor allem stärker formalisierte, auf längeren Zeitraum ausgelegte und in Regeln eingebundene Formen des Engagements. Für die Freiwilligen im sozialen Ehrenamt hat die Identifikation mit den Werten und Zielen der Institutionen einen hohen Stellenwert (vgl. Steinbacher, 2004, S. 71).

In Abgrenzung zum traditionellen Ehrenamt bildeten sich in den 70er Jahren weitere Formen des freiwilligen sozialen Engagements. In dieser Zeitspanne entwickelten sich Initiativen und Projekte des bürgerschaftlichen Engagements. Die Selbsthilfebewegung grenzte sich deutlich von den traditionellen Verbänden und deren Wertvorstellungen ab und distanzierte sich von den professionellen Diensten. Für die Freiwilligen dieser Form des bürgerschaftlichen Engagements ist die Motivation, das eigene Schicksal gemeinsam mit anderen Betroffenen zu verarbeiten. Also die wechselseitige Unterstützung und gegenseitige Problembearbeitung in den verschiedenen Lebenslagen wie beispielsweise sozialer Isolation, Armut oder Sucht. Im Gegensatz zum traditionellen Ehrenamt steht in dieser Form die Aktivität gegenüber Dritten im Vordergrund (vgl. Steinbacher, 2004, S. 71).

Freiwilligenarbeit oder auch freiwillige (soziale) Tätigkeit bezeichnet ein Engagement für selbstgewählte Aufgabenfelder, die den persönlichen Interessenlagen entsprechen und als sinnvoll und nützlich für sich selbst und andere erachtet werden (vgl. Bock, 2002, S. 18). Der Begriff Freiwilligenarbeit wird in den letzten Jahren verstärkt verwendet. „…Einerseits als Abgrenzung zur beruflichen (Sozialen) Arbeit, andererseits aber auch als Abgrenzung vom wertgebundenen Ehrenamt als ein modernes, wenig institutionalisierter, unabhängiger, sich selbst verwirklichender Menschen“ (Steinbacher, 2004, S. 71). Dabei handelt es sich hier häufig um thematisch orientierte, projektbezogene Tätigkeiten. Diese Bezeichnung kann als Sammelbegriff für die verschiedenen Engagementformen auf der internationalen Ebene gesehen werden. Im Jahr 2001 wurde in Deutschland das „Internationale Jahr der Freiwilligen“ und nicht das Jahr der Ehrenamtlichen ausgerufen.

Daher kann man festhalten, dass der Begriff Freiwilligenarbeit sich mehr auf ungebundene projektbezogene Tätigkeiten der Engagierten bezieht (vgl. Rauschenbach, 2001, S. 351). Im Folgenden wird der Fokus auf den geschichtlichen Hintergrund und damit auf die Wurzeln des bürgerschaftlichen Engagements gelegt.

3.2 Geschichtlicher Hintergrund

Die Erörterung der Begrifflichkeiten hat bereits gezeigt, dass es sich um ein sehr komplexes Thema handelt. Deshalb lohnt sich ein Blick zurück zu den geschichtlichen Ursprüngen des bürgerschaftlichen Engagements. Dabei wird deutlich, dass die Soziale Arbeit selbst aus dem bürgerschaftlichen Engagement resultiert.

Das „traditionelle“ bürgerschaftliche Engagement ist bekannter unter dem Begriff Ehrenamt. Die geschichtliche Entwicklung des Ehrenamts hat verschiedene Wurzeln in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese sind die Entstehung des bürgerlichen Ehrenamts, des sozialen Ehrenamts und die Entstehung der ehrenamtlichen privaten Wohltätigkeit.

Das bürgerliche Ehrenamt geht zurück auf die preußische Städteordnung des Freiherrn von Stein von 1808. In der preußischen Städteordnung wurde bestimmt, dass die Bürger ohne Entlohnung öffentliche Stadtämter übernehmen mussten. Dies wurde anfänglich den ordentlichen männlichen Bürgern übertragen, die ein hohes Ansehen genossen. In dem jeweiligen Amt übernahmen die Gewählten einen festen Aufgabenbereich über einen längeren Zeitraum. Sie hatten das Recht ihr Amt, wenn nötig, auch mit öffentlicher Gewalt auszuüben (vgl. Steinbacher, 2004, S. 63 f.). Das Ziel war, die Integration der Bürger in die Kommune und den absolutistischen Staat. Die Vergabe solcher Ehrenämter diente somit der Partizipation und Selbstverwaltung der lokalen Angelegenheiten (vgl. Olk, 2010, S. 66 f.).

Der Ursprung für das soziale Ehrenamt war das „Elbfelder System“ (1853). Das Elbfelder System war ein Modell der Armenfürsorge und wurde benannt nach der Stadt Elberfeld. Die Stadt wurde in 252 Quartiere eingeteilt, denen je ein ehrenamtlicher Pfleger zugeordnet wurde. Der ehrenamtlich tätige Bürger wohnte in seinem Quartier und sollte dort maximal vier Arme und deren Familien betreuen. Alle zwei Wochen fand eine Bezirksversammlung statt, in der sich die Pfleger und Armenvorsteher trafen, um über die Unterstützungsleistung im Einzelfall zu beraten. Aufgabe des Armenpflegers war es, die individuelle Notlage und den individuellen Bedarf festzustellen. Er sollte überprüfen, ob der Hilfebedürftige überhaupt Anspruch auf die Hilfeleistung hat und darüber hinaus dafür sorgen, dass die Notlage beseitigt wird. Deshalb war es einer der wichtigsten Aufgaben der Armenpfleger, den Bedürftigen eine Arbeit zu vermitteln (vgl. Wendt, 1995, S. 130).

Neben dem verwaltungsbezogenen Ehrenamt in der öffentlichen Armenfürsorge entwickelte sich im 19. Jahrhundert auch die ehrenamtlich private Wohltätigkeit. Die ehrenamtlich private Wohltätigkeit war an Vereine gebunden und lokal organisiert. Die breit angelegte Infrastruktur wohltätiger Vereine, Stiftungen und Einrichtungen, die für die verschiedenen Konfliktlagen und Adressaten zuständig waren, bildeten das Rückgrat einer lokalen Wohlfahrtsstruktur (vgl. Olk, 2010, S. 179). Diese Form des Ehrenamts ging mit christlichen Motiven wie dem Gebot der Nächstenliebe einher. Die Gemeinschaft wurde dabei als Bereich zwischen Individuum und Staat definiert (vgl. Steinbacher, 2004, S. 63).

Die Vereine im 19. Jahrhundert eröffneten vor allem den Frauen ein wichtiges Betätigungsfeld. Viele der Vereine wurden von Frauen gegründet. Damit wurde ihnen die Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen ermöglicht (vgl. Grunwald / Steinbacher, 2009, S. 2).

Im Wilhelmischen Deutschland (1890-1914) erfolgte eine Professionalisierung auf der kommunalen Verwaltungsebene und in der Sozialpolitik. Mit dem Professionalisierungsschub begann die Verdrängung des Ehrenamtes aus der kommunalen Fürsorge (vgl. Olk, 2010, S. 68 f.). Die Verbindung zwischen Ehrenamt und der örtlichen Gemeinschaft lockerte sich, weil sich die Lebensverhältnisse ausdifferenzierten. Professionelle Autoritäten wurden immer wichtiger, um die Fürsorgeaktivitäten angemessen kontrollieren zu können.

Das bürgerschaftliche Engagement verlor seine Entfaltungs- und

Legitimationsmöglichkeiten. Auch bedingt durch die zunehmende Verberuflichung der Sozialen Arbeit entwickelten sich neue Motivationslagen und Organisationsformen der ehrenamtlichen Aktivitäten. Das Ehrenamt wurde nicht mehr über die lokale Selbstverwaltung organisiert. Durch diese Entwicklung veränderte sich allmählich der Inhalt der Begriffsbezeichnung des Ehrenamts.

„Der Bezug zum Amt ging verloren, so dass das soziale Ehrenamt zur freiwilligen sozialen Hilfstätigkeit wurde“ (Steinbacher, 2004, S. 64). Ehrenamtliche Helfer spielten jedoch bis Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts im Bereich der Wohlfahrtpflege eine wichtige Rolle.

„Die starke Expansion der Sozialen Arbeit sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht (Verfachlichung) in den 60er und Anfang der 70er Jahre setzte die Wohlfahrtsverbände einen Bürokratisierungs-, Verrechtlichungs- und Professionalisierungsprozess aus“ (Grunwald / Steinbacher, 2009, S. 615).

Die Lebensverhältnisse wurden unüberschaubarer und dadurch die Verbindung zwischen öffentlichen als auch privatem Ehrenamt lockerer. Professionelle Kompetenzen wurden zur Steuerung der Fürsorgeaktivitäten immer nötiger. Die zunehmende Professionalisierung und Verberuflichung der Sozialen Arbeit führte dazu, dass die ehrenamtlichen Tätigkeiten aus den Bereichen der öffentlichen Fürsorge verdrängt wurden. Darüber hinaus verwischten sich die Grenzen zwischen verbandlichen Strukturen und die der behördlichen Träger immer mehr (vgl. Steinbacher, 2004, S. 65). Das wohlfahrtsverbandliche Profil verliert bis heute weiter seine Konturen. Von Seiten der Wohlfahrtsverbände wird seit Beginn der 70er Jahre ein kontinuierlicher Rückgang der Zahlen ehrenamtlich Engagierter gemeldet.

Zu dieser Zeit wirkten sich auch ökonomische Einbrüche auf die ehrenamtliche Arbeit aus. Beginnend in der zweiten Hälfte der 70er Jahre entstand die Krise auf dem Arbeitsmarkt und auf der anderen Seite entwickelten sich verstärkte Diskussionen um den expandierenden Wohlfahrtsstaat. Aufgrund dieser Entwicklung entstanden die Bemühungen, Kostensenkungen in den sozialen Diensten zu erreichen. Der ehrenamtlichen Arbeit bekam dadurch wieder mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Sie wurde als gesellschaftliche Ressource wiederentdeckt (vgl. Grunwald / Steinbacher, 2009, S. 2).

Politisch setzte sich die Einsicht durch, dass ehrenamtliche und berufliche Soziale Arbeit nicht in einem Konkurrenz-, sondern in einem Ergänzungsverhältnis zueinander stehen (vgl. Steinbacher, 2004, S. 65). Die geschichtliche Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements zeigt, dass sich ein Strukturwandel des Ehrenamts vollzogen hat. Aufgrund der neuen Engagement Formen hat sich das Begriffsverständnis von Ehrenamt verändert. Die Diskussion über den Strukturwandel im Ehrenamt, lässt sich auf die veränderten Rahmenbedingungen und die sich wandelnde Gesellschaft zurückführen (vgl. Rauschenbach, 2001, S. 357).

Anzeichen für den grundlegenden Strukturwandel der Rahmenbedingungen ist der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft, die steigende Frauenerwerbsquote und die Entwicklung der Non Profit Organisationen. Darüber hinaus gibt es einen anhaltenden Anstieg an pädagogischen und sozialen Berufen. Heute ist jede achte erwerbstätige Person in einem sozialen Dienstleistungsberuf. Dieser Tätigkeitsbereich wurde früher fast ausschließlich von ehrenamtlichen Kräften erfüllt. Das bürgerschaftliche Engagement hat deshalb eine völlig andere Bedeutung als noch vor 100 Jahren (vgl. Rauschenbach, 2001, S. 358).

Der Strukturwandel zeigt sich auch in den veränderten und individualisierten Zugangsmöglichkeiten der Engagierten. Die gegenwärtige Gesellschaft ist pluralisiert und hoch individualisiert. Der gesellschaftliche Wandel wirkt sich auch auf den Bereich des freiwilligen Engagements aus. Aufgrund der Komplexität der individuellen Lebenslagen und Lebensbedingungen sind die Motivationslagen vielschichtiger geworden. Durch die Individualisierung der Lebensführung wird das Verständnis der traditionellen Lebensformen in Frage gestellt. Es ergeben sich dadurch für Einzelne und für Gruppen neue unterschiedliche Optionen. Das heißt, dass die Erwartungen, Motivationslagen und Orientierungen hinsichtlich des sozialen Engagements vielschichtiger und individualisierter geworden sind (vgl. Steinbacher, 2004, S. 68).

„Bei den heutigen Ehrenamtlichen … lässt sich eine Vielfalt von Einstellungen, Haltungen und Selbstverständnissen gegenüber ihren Tätigkeiten finden…“ (Grunwald / Steinbacher, 2009, S. 5). Ehrenamtliche, die in fest gefügten sozialen Milieus aufgewachsen sind oder z.

B. in der Nachkriegsgeneration geboren wurden, engagieren sich oft aus Opferbereitschaft oder aus einem Pflichtgefühl heraus. Demgegenüber haben Personen, die in günstigen sozialen Milieus aufgewachsen sind, andere Ansprüche und Erwartungen an das soziale Engagement. Sie handeln nicht in erster Linie aus reiner Pflichtethik und Opferbereitschaft. Menschen, die dem sogenannten ‚neuen‘ Ehrenamt angehören, wollen Tätigkeiten nutzen für neue Erfahrungen und möchten sich persönlich weiterentwickeln. Dabei ist für sie wichtig, die eigenen Fähigkeiten einzubringen und neues zu lernen. Im Vordergrund steht dabei die Suche nach einer erfüllenden Betätigung, entsprechend individueller Präferenzen.

Wer sich heute engagieren will, hat in der Regel ein bestimmtes Interesse oder ein bestimmtes Thema, das aus verschiedenen Gründen wichtig ist. Die ehrenamtliche Aktivität wird dabei auch als Form der Freizeitbeschäftigung zur Verwirklichung persönlicher Interessen und Wünsche verstanden. Menschen fühlen sich dadurch individuell zu sehr unterschiedlichen Formen ehrenamtlicher Hilfe hingezogen.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist, dass es kaum noch freiwilliges Engagement für einen längerfristigen Zeitraum gibt. Langfristig angelegte Formen sind heute weniger attraktiv als kurzfristige. Es wird schwieriger klassische Vereinsämter zu besetzen, oder Kandidaten für die Listen zur Gemeinderatswahl zu finden. Dadurch entstehen vermehrt auf kurz- und mittelfristige angelegte Initiativgruppen, Projekte und Aktionen. Der Bezug zum ‚Amt‘ geht verloren, so dass das soziale Ehrenamt immer mehr zum freiwilligen sozialen Engagement wird. Aufgaben, die eine Langfristigkeit erfordern, werden auf bezahlte Kräfte übertragen oder auf mehrere Schultern verteilt. Des Weiteren haben die heutigen Freiwilligen kaum noch ein Bezug zu der Bezeichnung ‚Ehre‘. Die Motivation sich zu engagieren liegt vielmehr darin begründet, dass Menschen aufeinander angewiesen sind (vgl. Steinbacher, 2004, S. 70). Die veränderten Kontextbedingungen des bürgerschaftlichen Engagements müssen in den Fokus der Betrachtungsweise gerückt werden, damit auf die veränderten Lebenslagen, vor allem der jüngeren Personen, eingegangen werden kann (vgl. Rauschenbach, 2001, S. 359).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Interesse am Ehrenamt wiedererwacht ist. Es wird allgemein anerkannt, dass bürgerschaftliches Engagement öffentliche und politische Förderung sowie intensive Förderung und Unterstützung braucht. Die Thematik wird beispielsweise in der Enquete-Kommission der Bundesregierung und der Datenerhebung des Freiwilligensurveys aufgegriffen. Bürgerschaftliches Engagement nimmt aber weiterhin eine Randstellung in den Nischen der Institutionen ein (vgl. Hartnuß / Ansgar, 2011, S. 144). Im Folgenden Kapitel geht es um aktuelle Entwicklungen im Überschneidungsbereich von Bildung und Engagement.

4. Bildung und Engagement

Es wird allgemein anerkannt, dass für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft bürgerschaftliches Engagement von Bedeutung ist. Deshalb ist die Frage danach, wie Bereitschaft und Motivation zum freiwilligen Engagement entstehen wichtig. In den vergangenen Jahren ist viel Bewegung in den Bereich von Bildung und Engagement gekommen. Es ist mittlerweile kaum noch strittig, dass die Entwicklung einer aktiven Bürgergesellschaft viel mit Fragen von Bildung und Erziehung zu tun haben. Vor allem die Analysen und Empfehlungen der Enquete Kommission des 14. Deutschen Bundestages „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ haben viel dazu beigetragen, dass bei der Engagementförderung bildungspolitischen Aspekten verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt wird (vgl. Hartnuß, 2008, S. 80). In diesem Kapitel werden zunächst die zentralen bildungspolitischen Anknüpfungen und Empfehlungen der Enquete Kommission aufgezeigt. Davon ausgehend, werden verschiedene Entwicklungen in Theorie, Praxis und Politik im Überschneidungsbereich Bildung und bürgerschaftlichem Engagement aufgezeigt.

4.1 Empfehlungen der Enquete Kommission

Die Kommission verweist mit ihrer Beschreibung dessen, was unter bürgerschaftlichem Engagement verstanden werden soll unmittelbar auf Bildung und Erziehung. Die aktuelle Debatte um das bürgerschaftliche Engagement zeichnet sich durch den Bezug auf die Zivil- bzw. Bürgergesellschaft als Rahmenkonzept aus (vgl. Hartnuß, 2008, S. 81). Bürgergesellschaft versteht sich als Raum zwischen Markt, Staat und Familie, wo Bürgerinnen und Bürger Verantwortung übernehmen sowie Teilhabe- und Mitgestaltungsmöglichkeiten genutzt werden können (vgl. Kapitel 3 dieser Arbeit). Das so verstandene bürgerschaftliche Engagement kommt aber nicht von selbst und automatisch zustande, sondern braucht entsprechender Orientierungen und Handlungsdispositionen, die gelernt werden müssen. Es geht um Verantwortungsübernahme auch in Situationen, in denen keine Pflicht zur Verantwortungsübernahme besteht und die Kosten des Handelns die Erträge für das Individuum übersteigen. Das Ziel der modernen Bildung ist hier die Erziehung zum „mündigen, kompetenten“ Bürger.

[...]


1 Der demografische Wandel wird als komplexes Phänomen definiert, welches auf die Dimension des Geburtenverhaltens (Fertilität), Sterblichkeit (Mortalität) sowie Zu- und Abwanderung (Migration) zurückzuführen ist (vgl. Wilkoszewski, 2011, S. 165).

2 Zur einfacheren Lesbarkeit wird in dieser Ausarbeitung ausschließlich die männliche Form gewählt. 1

Details

Seiten
70
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668835030
ISBN (Buch)
9783668835047
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v442138
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart – Sozialwesen
Note
1,3
Schlagworte
Bürgerschaftliches Engagement Altenheim Pflegeheim Soziale Arbeit Schule

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Titel: Bürgerschaftliches Engagement. Kooperation zwischen Altenheim und Schule