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Das besiegte Hellas erobert Rom? Die griechisch-römische Erziehung im Blick der zeitgenössischen Kritik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 19 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Die altrömische Erziehung
1.1. Quellenlage
1.2. Von der Geburt zum vir bonus
1.3. Tugend, Sittlichkeit, Tradition

2. Exkurs: Cato der Ältere und die Erziehung seines Sohnes als Plädoyer für die ursprünglich römische Erziehung

3. Der Wandel der römischen Erziehung durch zunehmenden Einfluss des Griechischen
3.1. Was macht Rom so anfällig für die Absorption der griechischen Kultur?
3.2. Die griechisch – römische Erziehung
3.3. Das römische Schulsystem – Nachahmung des Griechischen gemischt mit römischer Eigenheit
3.3.1. Die Elementarschule – ludus litterarius
3.3.2. Der höhere Unterricht – Schule des grammaticus
3.3.3. Der Unterricht an Hochschulen
3.4. Der große Kritiker des hellenistischen Einflusses: Cato der Ältere
3.5. Der schleichende Bruch in der Einheit der griechisch –römischen Erziehung unter Kaiser Augustus

4. Das besiegte Hellas erobert Rom (?) – eine Abschlussdiskussion

5. Resümee

6. Literaturangabe
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur
6.3. Zeitschriften

Vorwort

Die Frage, ob es dem besiegten Griechenland wirklich möglich war, seinen Okkupant Rom mit seiner hellenistischen Kultur vollständig zu erobern, soll im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen. Um darauf eine genügsame Antwort zu finden möchte ich chronologisch die verschiedenen Entwicklungsstadien der Erziehung im Römischen Reich beleuchten, die ursprünglichen Methoden mit den hellenistischen vergleichen, Differenzen und Gemeinsamkeiten abwägen und interpretieren. Daher widme ich mich zunächst der ursprünglich römischen Erziehung vom 6./5. Jahrhundert vor Christus bis zum 3. Jahrhundert vor Christus.

Leider ist die Anzahl aussagekräftiger Quellen für die Erziehung in der Antike äußerst gering. Aus diesem Grund greifen die Althistoriker, z. B. Henri Irénée Marrou, Stanley F. Bonner, u. a. häufig auf die Überlieferungen des Marcus Porcius Cato

(234 – 149 vor Christus) - genannt Cato der Ältere - zurück, der als ein Repräsentant der konservativen römischen Gesellschaftsschicht seinen Sohn nach altrömischen Vorstellungen im Sinne des mos maiorum erzog und der zeitgenössischen Tendenz zur griechischen Erziehung weitestgehend trotzte. Vor allem die Schriften Catos (Libri ad filium, origines, Abhandlungen über den Ackerbau, ...) und die Lebensbeschreibungen und Biographien des Plutarch sollen dazu dienen, die allgemein gültigen Erziehungsaspekte im alten Rom in ihrer alltäglichen Umsetzung zu verdeutlichen.

Im zweiten Teil meiner Ausführungen werde ich das Hauptaugenmerk auf die rasant wachsende Einflussnahme des Hellenismus im 2. Jahrhundert vor Christus lenken. Dabei möchte auch auf die Etablierung des römischen Schulsystems im römisch – hellenistischen Zeitalter, sowie auf den großen Kritiker (Cato) dieser kulturellen Entwicklung eingehen und mit einem Ausblick auf das Wiedererstarken der lateinischen Sprache und Literatur in der Kaiserzeit enden.

Diese detailliert erarbeiteten theoretischen Grundlagen schaffen abschließend die Diskussionsbasis, die eine mögliche Antwort auf die Fragestellung: „Das besiegte Hellas erobert Rom?“ erlauben.

1. Die altrömische Erziehung

1.1. Quellenlage

Wie ich schon im Vorwort angedeutet habe, gestaltet sich die Quellenlage zur altrömischen Erziehung vor dem 3./2. Jahrhundert vor Christus prekär. Viele Aspekte zur Erziehung sind in diesem Zeitraum nur von späteren Schriftstellern überliefert, die der „guten alten Zeit“ nachtrauern und aus diesem Grund kritisch betrachtet werden müssen. Und dennoch bieten sie die einzigste Möglichkeit, die Historiker und geschichtlich engagierte Pädagogen haben, um sich ein Bild von der aristokratischen Erziehung weit vor der Geburt Christi machen zu können. Kenntnisse über die Erziehung in Familien niederen Standes existieren überhaupt nicht.[1]

1.2. Von der Geburt zum vir bonus

Spricht man von der frührömischen Erziehung, so muss einem bewusst sein, dass diese alten Erziehungsmethoden vorwiegend aus der bäuerlichen Kultur des Landadels erwuchsen, für den vor allem die Landbestellung für die Ernährung und die militärische Ausbildung für die Verteidigung oder Gebietserweiterung von zentraler Bedeutung waren.[3] Die praktisch-nüchterne Einstellung zur Erziehung und Ausbildung durchzieht das gesamte Erziehungskonzept der vorhellenistischen Epoche. Intellektuelle oder gar ästhetische Fähigkeiten traten in den Hintergrund, während die körperliche Arbeit beim „täglichen Kampf des Römers mit dem Boden“[4] hoch geschätzt wurde. Das „Volk von Bauern“[5] benötigte einen verständigen, wehrbereiten und disziplinierten Nachwuchs für die Existenzsicherung.[2]

Besonders in der Zeit vom 6. – 3. Jahrhundert vor Christus übernahm die Familie allein als Heiligtum, als Quelle staatlicher Gewalt, öffentlicher Ordnung und Hüterin überlieferter Bräuche die große Aufgabe der Erziehung. An ihrer Spitze stand der pater familias, der absolut über seine Frau, Kinder, Sklaven und den Familienbesitz herrschte und dessen unbedingte Autorität zu akzeptieren war.

Im alten Rom wurde das Kind nach der Geburt von der Mutter selbst umsorgt und aufgezogen; sie gibt das Kind, nicht wie in Griechenland, in die Obhut einer Amme. Der Einfluss des Mutter prägt das Kind für sein Leben, auch wenn es im Alter von 7 Jahren in den Wirkungskreis des Vaters übertritt. Die große Achtung des Sohnes vor der Mutter war immer zu spüren.

Angeleitet durch das Beispiel des Vater, der seine erzieherische Rolle mit großer Gewissenhaftigkeit erfüllte, begann mit 7 Jahren die eigentliche Erziehung des Jungen. Bücher wurden selten benötigt, der Knabe lernte durch die Beobachtung und Nachahmung des Vaters, an dessen Seite er in alle Bereiche des Lebens eingeführt wurde – der Vater erteilte Anfangsunterricht in Rechnen und Schreiben, trieb die praktische Ausbildung in Kampf und Feldbestellung voran und man nahm gemeinsam in der Kurie an Senatsitzungen teil. Ein eigentlicher Lehrplan existierte nicht, allein der Vater legte das Lernpensum neben den beruflich notwendigen landwirtschaftlichen Arbeiten fest: Laufen, Springen, Schwertgebrauch, Reiten, Schwimmen, usw.[6] Doch nicht nur das Beispiel des Vaters sollte den Sohn in seiner Ausbildung anleiten, sondern auch Helden aus der römischen Geschichte, deren Taten den jungen Männern stets durch Überlieferungen präsent waren. Man ehrte diese Vorfahren, indem man sie ehrfürchtig nachahmte. Diese Achtung des Vorväterbrauchs (mos maiorum) war im antiken Rom undiskutiertes Ideal, „ein Gesetzbuch des vornehmen Lebens“[7], das sich über alle Bereich des menschlichen Lebens erstreckte.

Im Alter von 15 Jahren endete die väterliche Erziehung, der Junge legte die weiße, purpurgesäumte toga praetexta ab und wurde gleichzeitig in einer Bürgerliste verzeichnet.

Der junge Mann, nun Träger der toga virilis, begann seine Pflicht für den Staat und die Gesellschaft zu erfüllen, indem er entweder sofort seinen Militärdienst ableistete oder, wie in der späteren Zeit der römischen Republik üblich, sich noch ein Jahr auf seine politische Ausbildung konzentrierte. Die Einführung in die Politik wurde zumeist von einem alten Freund der Familie, der im Staatsdienst reich an Erfahrung, Alter und Ehren war, übernommen. Doch auch der Militärdienst erwies sich nicht selten als wichtig für eine spätere Karriere in der Politik, da eine Verwundung auf dem Schlachtfeld Ehre und hohes Ansehen nach sich zog.

Erst nach Abschluss des gesamten Ausbildungsprogramms konnte sich der junge Mann als vir bonus bezeichnen, erst dann war es ihm möglich diesem hohen Ideal mit seinem umfassenden Tugendkatalog gerecht zu werden.

1.3. Tugend, Sittlichkeit, Tradition

Tugend, Sittlichkeit, Tradition und vollkommene Hingabe der Person an die Gemeinschaft und den Staat zählten zu wichtigsten Lebensidealen eines Römers. Aus diesem Grund stand, neben der Charakter- und Gewissensbildung, die Einordnung in ein strenges System von sittlichen Werten im Mittelpunkt der Kindeserziehung. Die häusliche Erziehung unterstützt diese sittliche Schulung des Jungen, der durch das Vorbild des Vaters die Tugenden erlernte, die einen vir bonus auszeichnen: gravitas (Maß und Gewicht des eigenen Verhaltens), pietas (Treue gegenüber Vaterland, Familie und den Göttern), justitia (rechtsdenkender Mann, Festigkeit des Willens), fortitudo (Männlichkeit), constantia (Beständigkeit) und prudentia (praktisches Urteilsvermögen).[8]

E. B. Castle nennt verschiedene typische römische Charakterzüge, die diese selbstdisziplinierte Lebensweise förderten. Er beschreibt den römischen Bürger als einen „zähen und im Kampf ausdauernden“ Menschen, der aufgrund seiner praktischen Denkweise äußerst anpassungsfähig war. Die gravitas, der schwerfällige und tiefe Ernst verliehen seinem „persönlichem Verhalten [in der Öffentlichkeit] und seiner konservativen Einstellung eine besondere Würde“.[9]

2. Exkurs: Cato der Ältere und die Erziehung seines Sohnes als Plädoyer für die ursprünglich römische Erziehung

Es ist den detaillierten Aufzeichnungen des Plutarch zu verdanken, dass es heute noch möglich ist Einblicke in die praktische Umsetzung der frührömische Erziehung nehmen zu können. In einem Bericht über die Erziehung von Marcus Porcius Cato Licinianus, dem Sohn von Marcus Porcius Cato, legt Plutarch die Fürsorge und das tief empfundene Pflichtgefühl eines römischen Vaters dar. Jedoch sollte sich der Rezipient beim Studium

der Überlieferung stets bewusst sein, dass es sich hierbei um einen nostalgisch verklärten Rückblick handelt. „Man spürt die Ahnung Catos, dass... alles verderben werde, was er, Cato, an der alten römischen Art verehrte.“[10]

[...]


[1] Castle, E. B.: Die Erziehung in der Antike, Stuttgart 1961, S. 116.

[2] Es gehörte zum Lebens- und Bildungsideal eines Römers einmal den gesellschaftlichen Rang eines „vir bonus“ zu tragen, ein Mann des öffentlichen Lebens und tüchtiger Bürger zu sein, der Waffen führen kann und versiert mit Gesetzen umzugehen versteht.

[3] Ebd., S. 107.

[4] Reble, A.: Geschichte der Pädagogik, Stuttgart 1951, S. 45.

[5] Marrou, H. I.: Geschichte der Erziehung, München 1977, S. 426.

[6] vgl. Dolch, J.: Lehrplan des Abendlandes, Ratingen 1965, S. 16.

[7] Marrou, H. I.: Geschichte der Erziehung, München 1977, S. 429.

[8] vgl. Winkel, R. (Hrsg.): Pädagogische Epochen, Düsseldorf 1988, S. 46.

[9] Castle, E. B.: Die Erziehung in der Antike, Stuttgart 1961, S. 112, Einfügung von Isabel Frank.

[10] ebd., S. 116.

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638417846
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44130
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
Hellas Erziehung Blick Kritik Geschichte Bildung Schulen

Autor

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