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Die friedliche Revolution in der DDR - untersucht im Hinblick auf Hintergründe, Motivationen und die Frage des Nationalbewusstseins

Hausarbeit 2003 19 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Skizzierung der historischen Abläufe

3. Zur Frage eines Nationalbewusstseins

4. Bürgerrechtler ziehen Bilanz

5. Interdisziplinäre Erklärungsansätze
5.1. Einführung
5.2. Der Systemtheoretische Ansatz
5.3. Der strukturell-individualistische Ansatz
5.4. Der individualistisch-sozialtheoretische Ansatz
5.5. Zusammenfassung

6. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Die friedliche Revolution in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) am Ende des Jahres 1989 wurde vielfach geschildert, untersucht und wiederaufbereitet. Zurecht, muss man konstatieren, da es sich bei diesen historischen Ereignissen um bedeutsame Vorgänge handelt, die die Ära eines Staates beenden, den Weg zur Vereinigung der beiden fast ein halbes Jahrhundert getrennten deutschen Staaten bereiten und letztlich eine ganze ideologisch-politische Welt- und Herrschafts-Anschauung – den Kommunismus – mit zu Grabe tragen sollten.

Die vorliegende Hausarbeit soll im möglichen Umfang die historischen Hintergründe und Abläufe der friedlichen, die Wende einleitenden Revolution beleuchten, die Entstehung, Ausprägungen und Entwicklungen nationaler Bewusstseinstadien in dieser Ära skizzieren, die Bilanzierung verschiedener ehemals DDR-Oppositioneller und Bürgerrechtler darstellen sowie ausgewählte interdisziplinäre (vor allem soziologisch-sozialpsychologisch geprägte) Erklärungsansätze vorstellen, um als Abschluss ein knappes Fazit der historischen Vorgänge aus heutiger Sicht zu liefern.

2. Skizzierung der historischen Abläufe

Die Geschichte der friedlich und ohne Blutvergießen verlaufenen Revolution in der Deutschen Demokratischen Republik umfasst das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, kontrollierbarer Umstände und auch historischer Zufälle. [1]

Über die vielfach „im Schatten“ genutzte Möglichkeit des Empfangs der westdeutschen Medien, vor allem der Fernseh- und Radiosender, war die Bevölkerung der DDR bereits in den frühen 80er Jahren informiert über die Garantie einer bundesdeutschen Einbürgerung, denn die Politik der Bundesrepublik lockte mit gesamtdeutscher Staatsbürgerschaft. Einhergehend mit bedeutenden Veränderungen hinsichtlich der deutsch-deutschen Kontakte, sprich Milliardenkredite seitens der Bundesregierung an die DDR 1984 und ein Staatsbesuch Honeckers beim deutschen Nachbarn 1987, und der Eröffnung eines Dialogs zwischen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und der oppositionellen SPD seit der Mitte der 80er Jahre bildet dieser Faktor erste Grundlagen für die Ende des Jahrzehnts so überraschend und unverhofft ablaufenden Ereignisse. [2]

Seit 1984 bereits stiegen die Zahlen der Besuchsreisen und auch Aussiedlungen von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik stetig an. Als im Mai des Jahres 1989 die Bürger der DDR wiederum durch Berichte der Westmedien über die Durchlässigkeit der ungarisch-österreichischen Grenze erfuhren, versammelten sich im Sommer zahlreiche Ausreisewillige in Ungarn. Als nach einer ersten Öffnung der Westgrenze die Sperrung Ungarns erfolgte, besetzten zahlreiche Bürger der DDR die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau. Die Hoffnung der Besetzer erfüllte sich Anfang Oktober, die Ausreisen wurden gestattet. [3]

Die wiederum von den Westmedien in großem Stile etablierte Berichterstattung über die Fluchtwelle war mitverantwortlich für erneute Stimmungswechsel – dieses mal auch maßgeblich bei der westdeutschen Bevölkerung: Umfragewerte belegen deutlich die Bereitschaft zur Vereinigung und den erstarkten Glauben daran. Gleichzeitig wird die Bedeutung eines ausländischen Politikers und seine Schlüsselposition bei der Öffnung der noch immer schwer bewachten DDR-Grenze erkannt: Die Rede ist von Michail Gorbatschow, dem sowjetischen Generalsekretär und Staatschef, der von der westdeutschen Bevölkerung bei einem Staatsbesuch im Juni 1989 herzlich empfangen wurde. [4]

Die DDR als politisches und gesellschaftliches System hat in dieser Zeit mit markanten Problemen zu kämpfen. Der wirtschaftliche Niedergang war unübersehbar, die Anfänge einer innenpolitischen Liberalisierung brachten keine Entspannung, sondern ließen vielmehr die oppositionellen Kräfte erstarken, worauf sich das Verhältnis zwischen Staat und Bevölkerung wieder verhärtete. Die Distanz der DDR-Führung zu Gorbatschows reformatorischer Politik um Perestrojka und Glasnost isolierte den Staat zusehends von den anderen osteuropäischen Nationen, die Vorgänge um die Botschaftsbesetzungen hatten die DDR faktisch international blamiert. [5] Aus dem Mut der Ausreisewilligen entwickelte sich bald auch eine weitere Losung in der Mentalität vieler Bürger: Dem „Wir wollen raus!“ folgte ein „Wir bleiben hier!“, ausgehend von dem Teil der DDR-Bevölkerung, der nicht Willens war, das Land zu verlassen, aber in Protest und Opposition zum herrschenden System treten wollte. Aus diesen oppositionellen Kräften entwickelten sich schnell oppositionelle Bürgerbewegungen, die schon bald (und eigentlich bereits seit September 1989) zum Kern und Träger des politischen Revolutionierungsprozesses im Staat avancieren sollten.

Es bildeten sich neue Organisationen wie das „Neue Forum“, die „Demokratie jetzt“ und der „Demokratische Aufbau“. Die neukonstituierte sozialdemokratische Partei gelangte zu größerer Bedeutung, die Bewegungen verband eine vereinigte Parole: „Uns verbindet der Wille, Staat und Gesellschaft demokratisch umzugestalten“. Eine oppositionelle Protestbewegung hatte sich nun etabliert, es folgte zeitgleich der entscheidende machtpolitische Faktor, dessen Massenanhang maßgeblich zum Sturz des herrschenden Regimes beitragen sollte: die von Leipzig ausgehenden und später auch vor allem auf Dresden und Berlin übergreifenden öffentlichen und friedlichen Straßendemonstrationen ebneten mit friedfertigen Mitteln der Opposition eine machtvolle Basis, deren Kraft und Dynamik der SED-Staat nichts effektives entgegenzusetzen hatte. Noch größeren Zulauf erhielt die Protestbewegung nach dem Entscheid der Regierung zum gänzlichen Gewaltverzicht am 9. Oktober des Jahres. [6]

Ausgehend von diesem politischen Faktor etablierten sich im ganzen Land öffentliche Foren, zahlreiche Diskussionen und Petitionen ergänzten das Repertoire des Protests.

„Wir sind das Volk!“ lautet der Ruf der protestierenden Bevölkerung, die hier erstmals zu ihrer eigenen nationalen Identität abseits des herrschenden Systems findet (vgl. Kap. 3).

Ihren Höhepunkt erreichten die permanenten Demonstrationsbewegungen in Berlin am 4. November 1989, als 500.000 Protestierende auf die Straße gingen. [7]

Die vehemente Forderung nach politischer Erneuerung des Staates trieb die herrschende SED zur Ablösung Erich Honeckers und zum Rücktritt der Regierung (Ende Oktober bis Anfang November), doch angesichts des Ausbleibens weiterer Reformen blieb das Volk unzufrieden. Weitere Bewegung ins Spiel brachte dann die Streichung des SED-Führungsanspruchs aus der DDR-Verfassung durch die zuvor neu gewählte Volkskammer am 1. Dezember und die selbsterzwungene Neukonstituierung der SED als Partei nach demokratisch-parlamentarischem Muster zwei Tage darauf. Der Weg zur Umwandlung des Staates in eine Nationaldemokratie schien nun geebnet, die Bevölkerung der DDR honorierte die von den reformwilligen Führungseliten getroffenen Entscheidungen mit einer durchgehenden, symbolträchtigen Menschenkette.

Am 7. Dezember konstituierte sich mit dem „Runden Tisch“, der als tragendes Staatsorgan die politischen Parteien und verschiedene Bürgerbewegungen vereinte, ein reformfähiger Repräsentant der neuen DDR-Nation. [8]

Ein politischer Fauxpas der alten DDR-Regierung hatte aber bereits einen Monat zuvor, am 9. November, den Lauf der Geschichte in eine andere Richtung gelenkt: die Öffnung der Grenzen an eben diesem Tag sorgte dafür, dass die Mentalität in Ost und West einen entscheidenden Wandel durchlief. Die Bürger vollzogen mit ihrem individuellem Gang nach Westen bereits die Form einer etwaigen deutsch-deutschen Vereinigung, die seitdem in beiden deutschen Staaten erstmals in Politik und Bevölkerung maßgeblich zur Debatte stand. Der Zusammenbruch des SED-Herrschaftssystems war markiert, die seit langer Tabuisierung nun wieder emporgestiegene Frage der Einheit artikulierten die anhaltenden Montagsdemonstrationen mit Rufen wie „Deutschland einig Vaterland“ und vor allem „Wir sind ein Volk“. Diese neue Zielvorstellung war nun auch an die westdeutschen Bürger und ihre Regierung adressiert. [9]

[...]


[1] vgl. im Detail als eine der umfassendsten Darstellungen der historischen Vorgänge v.a. MAIER, Charles S., Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus, Frankfurt am Main 2000, sowie zur chronologischen Übersicht sämtlicher Tagesgeschehnisse: BAHRMANN, Hannes, LINKS, Christoph, Chronik der Wende. Die Ereignisse in der DDR zwischen 7. Oktober 1989 und 18. März 1990, überarbeitete Auflage der Bücher Chronik der Wende (1994) und Chronik der Wende 2 (1995), Berlin 1999

[2] DANN, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland. 1770-1990, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, München 1996, S. 365; MAIER, Charles S., Das Verschwinden der DDR, S. 36 ff. und 118 ff.

[3] DANN, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland, S. 366 f.; WINKLER, Heinrich August, 1989/90: Die unverhoffte Einheit, in: STERN, Carola, WINKLER, Heinrich August, Wendepunkte deutscher Geschichte 1848 – 1990, durchgesehene Neuausgabe, Frankfurt am Main 2001, S. 198 ff.

[4] DANN, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland, S. 367; MAIER, Charles S., Das Verschwinden der DDR, S. 207 ff.

[5] vgl. auch: SONTHEIMER, Kurt, BLEEK, Wilhelm, Grundzüge des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, aktualisierte Neuausgabe, 12. Auflage, München 2000, S. 88 f., sowie: MAIER, Charles S., Das Verschwinden der DDR, S. 118 ff.; WOYKE, Wichard, Deutsche Wiedervereinigung, in: WOYKE, Wichard (Hrsg.), Handwörterbuch Internationale Politik, 8. Auflage, Opladen 2000, S. 53

[6] DANN, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland, S. 367 ff.; MAIER, Charles S., Das Verschwinden der DDR, S. 227 ff.; WINKLER, Heinrich August, 1989/90: Die unverhoffte Einheit, S. 201 ff.

[7] DANN, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland, S. 369; SONTHEIMER, Kurt, BLEEK, Wilhelm, Grundzüge des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, S. 91 ff.

[8] DANN, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland, S. 370 f.; MAIER, Charles S., Das Verschwinden der DDR, S. 273 ff.

[9] DANN, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland, S. 371 ff.; MAIER, Charles S., Das Verschwinden der DDR, S. 243 ff.; WINKLER, Heinrich August, 1989/90: Die unverhoffte Einheit, S. 203 ff.; SONTHEIMER, Kurt, BLEEK, Wilhelm, Grundzüge des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, S. 94 ff.

Details

Seiten
19
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638417785
ISBN (Buch)
9783638750356
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44124
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
Revolution Hinblick Hintergründe Motivationen Frage Nationalbewusstseins

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