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Sprachkritik von der Antike bis zur frühen Neuzeit

Hausarbeit 2008 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Versuch einer Definition von Sprachkritik

3. Platons «Kratylos»
3.1 Allgemeines zu dem Dialog
3.2 Beweisführungen in dem Dialog
3.3 Ergebnisse des Dialogs

4. Universalienstreit

5. Der entscheidende Anstoß zu dem Sprachenwechsel

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Versucht man die Sprachkritik von den anderen Fachgebieten abzugrenzen und den Bereich zu überblicken, den dieser Begriff abdeckt, so wird schnell deutlich, dass dieses Vorhaben nicht einfach zu realisieren ist und viele Schwierigkeiten mit sich bringt.

Von der Vergangenheit bis zur Gegenwart wurden die unterschiedlichsten Ansätze ausprobiert und die vielfältigsten Methoden angewandt. Sie wurden erprobt, abgelehnt und wieder aufgenommen. Geändert haben sich mit der Zeit lediglich die Möglichkeiten.

Kritisiert wurde die Sprache als Ganzes, ihre Teile (z.B. Grammatik oder Rechtschreibung), ihr Sprachgebrauch und Funktion (z.B. in der Politik) und natürlich auch der Sprecher und sein sprachliches Können.

Sprachkritik wurde als Mittel der Erkenntnis und der Wahrheitsfindung angesehen. Sie wurde als Wortkritik betrieben. Wobei die Vergangenheitsform, wegen der Gegenwartsbezogenheit dieser Sachverhalte, nicht ganz zutreffend scheint.

Dies sind das Interessante und das Besondere an der Sprachkritik und ihren Ansatzpunkten, nämlich, dass obwohl sie ihre Anfänge in der Antike haben, sie ihre Relevanz bis heute nicht verloren haben. Mehr noch, die Aktualität der sprachkritischen Problemstellungen bietet immer noch ein breites Feld für die Untersuchungen und Diskussionen.

Ferner ist Sprachkritik zugleich auch Gesellschaftskritik, wie es bei Wolfgang Beutin heißt. „Die zahlreichen historischen Beispiele der Sprachkritik bezeugen: Sprachkritik war allzu oft ein Vehikel der Kritik an ideologischen oder sonstigen gesellschaftlichen Zuständen, und Ideologie- und Gesellschaftskritiker bedienten sich nicht selten sprachkritischer Argumentation“ (Beutin 1976:37).

Die Urteile, die im Laufe der Zeit über die Sprache und die Kritik an ihr gefällt wurden, sind sehr widersprüchlich und zerstreut.

Trotz der immer wiederkehrenden Tendenzen der Sprachkritik, kann man nicht von den geistlosen Schablonen oder den trivialen Klischees sprechen, da die Sichtweise des Problems in jeder Epoche individuell geprägt war und jedes Zeitalter eigene Ergebnisse hervorbrachte. „Schließlich steht jede Zeit in ganz eigentümlicher Weise vor ihren Fragen und findet ihre eigenen Antworten“ (Schiewe 1998:7).

Wie man jetzt sehen kann, ist der Begriff „Sprachkritik“ ziemlich weit gefasst und deckt ein breites Spektrum an Denkansätzen, Vor- und Herangehensweisen ab, obwohl hier nur einige wenige, willkürlich ausgesuchte, als Beispiel angeführt worden sind.

Gerade wegen dieser Fülle an Forschungsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Sprachkritik ist es unabdingbar für so eine Ausarbeitung das Thema zu konkretisieren.

Deshalb wird der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit der Versuch sein eine Brücke von den Anfängen der Sprachkritik in der Antike, über das Mittelalter, bis hin zu der Neuzeit zu schlagen und den Übergang von der Universalsprache zu der deutschen Sprachkritik darzulegen.

An dieser Stelle wird die methodische Vorgehensweise erklärt.

Nach der Einleitung, wo auf die Relevanz der Thematik eingegangen und das Thema etwas abgegrenzt wird, folg der Versuch eine präzise Definition der Sprachkritik vorzunehmen. Das nachfolgende Kapitel schließt sich mit dem historischen Abriss, beginnend in der Antike, und der Auseinandersetzung mit dem Platons Dialog «Kratylos» an. Wobei zuerst auf die allgemeine Ausgangssituation eingegangen wird, im Folgenden dann auf den Argumentationsgang und abschließend auf die Ergebnisse für die Sprachkritik. Danach wird versucht einen Sprung ins Mittelalter zu schaffen, wo der Universalienstreit und seine Bedeutung für die Sprachkritik vorgestellt werden. Anschließend wird der Übergang von Latein zu Deutsch in der frühen Neuzeit erläutert. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Ausarbeitung zusammengefasst, dazu wird noch kurz auf die bei der Bearbeitung möglicherweise aufgetretene Schwierigkeiten und eventuell offen gebliebene Fragen eingegangen.

2. Versuch einer Definition von Sprachkritik

Eine genaue und zufrieden stellende Definition von Sprachkritik zu geben, die alles berücksichtigt, was mit diesem Begriff in Verbindung gebracht wird, ist genau so problematisch, wie die Abgrenzung der Sprachkritik von den anderen Fachbereichen.

Die Bestimmung der Sprachkritik scheint von ihren vielfältigen Zielsetzungen abhängig zu sein. Nach H. J. Heringer kann es keinen „fixen Begriff von Sprachkritik“ (Heringer 1982:4) geben. „Denn, wer die Frage stellt ‚Was ist Sprachkritik?’ und darauf eine Antwort gibt wie ‚Sprachkritik ist…’, der ist in Gefahr, statt einer brauchbaren Grundlage brauchbares Material für Sprachkritik zu liefern“ (Heringer 1982:4).

Da die eindeutige Gegenstandsbestimmung per Definition unmöglich scheint, lohnt sich der Versuch, die Sprachkritik über ihre verschiedenen Richtungen (nach H.-M. Gauger) einzugrenzen und so einen genaueren Begriff von ihr zu gewinnen.

Zum einen gibt es die philosophische Sprachkritik, wo die Erkenntnis in dem Mittelpunkt steht und welche die Verbindung von Sprache und Realität untersucht. Zu Beginn der Neuzeit war das Misstrauen gegenüber der Sprache ein leitender Gedanke der philosophischen Sprachkritik. „Wörter suggerieren die Existenz von Dingen, die es nicht gibt, oder sie stellen die Wirklichkeit anders dar als sie ist“ (Gauger 1995:43).

Zum anderen gibt es die moralische oder politische Sprachkritik. Darunter fällt «Aus dem Wörterbuch des Unmenschen» von D. Sternberger, sowie U. Pörksens «Plastikwörter». Moralische Sprachkritik „richtet sich gegen Einzelnes in Sprache und Sprachverwendung“ (Gauger 1982:46). Ein leitendes Motiv ist, die genauen Wörter für die Dinge zu finden, die sie bezeichnen.

Neben den oben genannten gibt es die literarische Sprachkritik. „Da geht es um die Dichtung selbst, um ihre Möglichkeiten“ (Gauger 1995:49). Sie beschäftigt sich mit „der Rettung des Deutschen in der Sprache und durch die Sprache“ (Gauger 1995:50).

Schließlich gibt es noch die philologische, worunter das Fremdwortproblem fällt. In erster Linie geht es um „grammatische Richtigkeit“ (Gauger 1995:52) und „sprachliche Reinheit“ (Gauger 1995:52).

Die Differenzierung dieser vier verschiedenen Formen ist sehr bedeutend, da sie unterschiedlich beurteilt und bewertet werden wollen (vgl. Gauger 1995:34ff).

Wie soll man aber jetzt inmitten dieser Verschiedenheiten zu einer klaren Definition gelangen? Gibt es dennoch eine Möglichkeit jemandem zu erklären was Sprachkritik letztlich ist? Nun, man kann einen anderen Weg wählen und bei den Anfängen der Sprachkritik ansetzen, um ihre Entstehung und Entwicklung zu verfolgen und so ein eigenes Verständnis von der Materie zu bilden.

Die älteste uns bekannte sprachkritische Abhandlung ist Platons Dialog «Kratylos oder über die Richtigkeit der Namen», die als Beginn der Sprachkritik „innerhalb der europäischen Geistesgeschichte“ (Schiewe 1998:13) angesehen wird.

3. Platons «Kratylos»

3.1 Allgemeines zu dem Dialog

Platons Dialog «Kratylos», benannt nach dem Philosophen und Dialogpartner von Sokrates und Hermogenes, datiert aus ca. 388 v. Chr., ist die früheste erhaltene Auseinandersetzung mit der Entstehung der sprachlichen Symbole. An der Datierung sieht man, dass diese Frage die Menschen seit je beschäftigt hat. Und dennoch bleibt «Kratylos» auch in unserer Zeit aktuell. „Die meisten der zeichentheoretischen Fragen, die heute in Diskussion sind, werden in Platons Schrift bereits angesprochen“ (Keller 1995:23).

Die Ausgangssituation ist folgende: Hermogenes, Kratylos und Sokrates diskutieren über die Bedeutung eines Zeichens. Die zentrale Frage ist, ob die Bedeutung der sprachlichen Zeichen auf Konventionen beruht – diese These vertritt der Hermogenes – oder (die Meinung des Kratylos), ob die Zeichen eine von Natur aus richtige Bedeutung besitzen. „In moderner Terminologie könnte man sagen: Der Dialog hat die Frage zum Gegenstand, ob die Zeichen einer Sprache arbiträr sind (nomo) oder ob sie den Dingen, die sie benennen, zu entsprechen haben (physei) “ (Keller 1995:23).

Sokrates spielt dabei die Rolle des Diskussionsleiters. Durch geschicktes Fragen versucht er die Erkenntnis ans Licht zu bringen. Dabei lenkt Sokrates seine Gesprächspartner so, dass sie eigenen Aussagen widersprechen und er beide Thesen widerlegen kann.

In einem Punkt sind sich die Kontrahenten einig, nämlich, dass die Bezeichnungen für die Dinge von den Menschen gemacht sind. „Es geht viel mehr um die Frage, ob es sinnvoll ist, in bezug auf die Benennung eines Dings richtige Benennung von falscher Benennung zu unterscheiden“ (Keller 1995:24). Hier gehen die Meinungen auseinander; Hermogenes ist dagegen, Kratylos dafür.

Das Gespräch verläuft so, dass zuerst die Beliebigkeitsthese von Hermogenes widerlegt wird und er argumentativ unterlegen ist. Später wendet sich Sokrates dem Kratylos und seiner Natürlichkeitsthese zu, die er ebenfalls widerlegt. Dies macht Sokrates indem er aufschlussreiche Argumente anführt. Auf diese Argumente und deren (Un-)Gültigkeit wird im folgenden Kapitel näher eingegangen.

3.2 Beweisführungen in dem Dialog

Gegen die Beliebigkeitsthese des Hermogenes führt Sokrates mehrere Argumente an. Zuerst werden die Eigennamen untersucht. Es wird geprüft, ob deren Bedeutung eine Anspielung auf die bezeichnete Person ist.

Ich glaube, Poseidon hat seinen Namen vom ersten Namengeber bekommen, weil ihn die Natur des Meeres auf seinem Weg aufhielt und ihn nicht weitergehen ließ, sondern sich ihm wie eine Fessel um den Fuß legte. Den Gott nun, der diese Gewalt beherrscht, nannte er ,Poseidón’, weil er ,den Füßen eine Fessel’ (posídesmos) sei; das e aber ist hineingesetzt, weil es so besser klingt. Vielleicht könnte es aber auch nicht dies bedeuten, sondern an Stelle des s sprach man zuerst zwei l, um anzudeuten, daß der Gott viel wissend (pollá eidós) sei. Möglicherweise ist er aber auch vom Erschüttern der ,Erschütternde’ (seíōn) genannt worden, und man hat dann noch das p und das d beigefügt (Platon: Kratylos S.30).

Sokrates zerlegt den Namen in zwei Teile und prüft die Bedeutung dieser zwei Grundwörter, aus denen sich angeblich eine neue Bedeutung – der Name Poseidon – ergibt, die wiederum Hinweise auf den Träger des Namens geben soll. Diese Argumentationsweise zeigt aber einige Schwachstellen. Zum einen gibt es mehrere Möglichkeiten die Bedeutung aus den Bestandteilen abzuleiten. Die eindeutige Festlegung ist aufgrund von der Veränderung, Weglassung oder Hinzufügung der Buchstaben und Laute nicht möglich. Zum anderen können die Wörter nicht unendlich in ihre Bestandteile mit eigener Bedeutung zerlegt werden (vgl. Schiewe 1998:39ff). Darauf wird später noch mal expliziter eingegangen.

Zusammenfassend führt J. Schiewe an, diese Methode „bietet offenbar Hinweise auf Bedeutungsmöglichkeiten, eine Aussage darüber aber, ob im Namen auch die Eigenschaft der Person richtig getroffen worden ist, läßt sich auf eindeutige Weise wohl nicht treffen“ (Schiewe 1998:39). R. Keller erklärt den Irrtum wie folgt: „Irreführend ist Hermogenes’ Unterstellung, Wörter verhielten sich zu ihren Referenzobjekten wie Eigennamen zu ihren Trägern; als sei der Personenname sozusagen der prototypische Fall referierender Ausdrücke“ (Keller 1995:26). Denn bei der Vergabe der Eigennamen hat der Mensch die Möglichkeit zu wählen. „In Wahrheit ist aber der Eigenname ein Sonderfall, der nicht als Analogieargument für den Normalfall herangezogen werden kann“ (Keller 1995:26).

Als nächstes stellt Sokrates vier Prämissen auf, aus denen dann der Schluss folgt, dass eine wahre Rede aus wahren Wörtern besteht. Sokrates meint also, es gebe die richtigen und die falschen Wörter, „wahre und unwahre“ (Schiewe 1998:32). Diese Argumentationsweise enthält ebenfalls zwei Fehler. „Erstens ist es nicht korrekt, von der gültigen Prämisse, eine Rede könne wahr oder unwahr sein, auf die Wahrheit oder Unwahrheit auch ihrer Teile zu schließen. Zweitens ist es nicht möglich, von der Wahrheit oder Unwahrheit einer Aussage (Rede) zu dem Aspekt der Wahrheit oder Unwahrheit von Wörtern überzugehen“ (Schiewe1998:33). Denn wahr oder falsch kann nur eine Aussage sein, nicht aber das Wort. Man muss also zwischen der Richtigkeit des Gesagten über die Umstände und dem korrekten Gebrauch eines Wortes nach der Übereinkunft differenzieren. Aussagen können wahr oder falsch sein, Wörter können nur richtig oder falsch benutzt werden. „Die Richtigkeit von Wörtern begründet somit kein Aussageverhältnis zwischen dem Wort als Bezeichnendem und dem Gegenstand als Bezeichnetem, sondern nur ein innersprachliches Verhältnis zwischen den Zeichen selbst“ (Schiewe 1998:33). Oder wie es bei R. Keller heißt: „Richtigkeit ist nicht dasselbe wie Wahrheit. Die Prädikate richtig und falsch dienen nicht dazu, Propositionen Wahrheitswerte zuzuschreiben, sondern dazu, Handlungen bezüglich ihrer Korrektheit zu beurteilen“ (Keller 1995:27).

Im Folgenden geht die Argumentation so weiter: Sokrates und Hermogenes kommen im Dialog zu der Übereinkunft, dass das Wort ein Werkzeug ist, mit dem man bezeichnet, differenziert, erklärt. Aus dieser Feststellung folgt zwangsläufig, dass es einen Werkzeugmacher, also einen Wortmacher, geben muss, der die jeweiligen Wörter festlegt, „mit dem Blick auf jenen einen wirklichen Namen“ (Platon: Kratylos S.11). Folglich muss jedes Werkzeug so konstruiert werden, dass es einen bestimmten Zweck erfüllen kann. So muss auch jedes Ding einen passenden Namen erhalten. Sogar dem Einwand des Hermogenes, nämlich, dass die gleichen Dinge in verschiedenen Sprachen unterschiedlich benannt werden, weiß Sokrates entgegenzuhalten. Er kontert, indem er sagt, dass für die Herstellung der Werkzeuge auch nicht immer dasselbe Material gebraucht wird. Im nächsten Schritt lässt Sokrates den Hermogenes bejahen, dass nur derjenige, der das Werkzeug gebraucht, auch seine Funktionalität am besten beurteilen kann.

Angewandt auf die Sprachkritik heißt das, dass wenn man die Sprache erforschen will, man sie hinterfragen und beherrschen muss, um die Untersuchungen richtig auszuführen.

Nach dieser Argumentation scheint Kratylos, mit seiner Natürlichkeitsthese der Wörter, Recht zu haben. Jedoch zeigen sich auch hier zwei Unstimmigkeiten. Wenn wir, erstens, annehmen, dass die Wörter Werkzeuge sind, müssen wir auch zugeben, dass ein Werkzeug (oder Wort), unabhängig von seiner Beschaffenheit für mehr als nur den einen, ganz bestimmten, Zweck benutzt werden kann. „Der Zweck einer Zange beispielsweise ist es, Nägel aus einem Brett zu ziehen. Ich kann aber durchaus auch eine Zange dazu benutzen, Nägel in ein Brett einzuschlagen, wenn mir für diese Handlung kein Hammer, der eigentlich dafür vorgesehen ist, zur Verfügung steht“ (Schiewe 1998:37). Zweitens wird man mit guten Gründen sagen können, dass es keinen besonderen Menschen gibt oder geben kann, der neue Wörter in einer und für eine Sprache erfindet. Die Annahme, dass alle Institutionen, die von den Menschen gemacht wurden, Produkte einer bewussten Organisation, einer durchdachten Konzeption und ausgeklügelten Strategien sind, kann nicht ohne Einschränkungen gelten. „Es wird nicht das spontane Entstehen ‚weiser’ und nützlicher soziokultureller Einrichtungen in Rechnung gestellt“ (Keller 1995:31).

Nun scheint die These des Hermogenes endgültig widerlegt zu sein. Dann wendet Sokrates sich dem Kratylos und seiner Behauptung zu, indem er versucht Hermogenes zu zeigen, worin die natürliche Richtigkeit der Wörter besteht.

Die Begründung, die Sokrates dafür benutzt, ist das etymologische Verfahren, das er auch bei den Eigennamen zu Beginn seiner Argumentation gegen Kratylos anwendet. Er untersucht die Herkunft und die Geschichte der Wörter, sowie die Entwicklung ihrer Bedeutung und Form. Dadurch meint Sokrates Erkenntnis, über die im wahren Wort enthaltene Eigenschaft des Dinges, zu gewinnen. „Etymologisieren heißt sprachliche Zeichen auf ihren ehemaligen motivierten Zustand zurückverfolgen“ (Keller 1995:33). Dies setzt voraus, dass die Wörter eine richtige, wahre Bedeutung haben müssen. Die These Kratylos wäre somit bestätigt, wenn diese Argumentationsweise nicht ebenfalls an ihre Grenze im nächsten Schritt stoßen würde. Wie soll man vorgehen, wenn man bei den Urbestandteilen eines Wortes angelangt ist und es nicht mehr weiter zerlegt werden kann? „Bei Wörtern, die nicht mehr in einzelne Bestandteile mit eigenen Bedeutungen zerlegt werden können, ist dieses etymologische Verfahren auf bloße Assoziationen angewiesen, die von der Lautgestalt des jeweiligen Wortes hergeleitet werden“ (Schiewe 1998:40). Bei den Wörtern, die nach dem etymologischen Verfahren nicht weiter zerlegbar sind, wendet Sokrates eine andere Methode an. Er schließt von der allgemein bekannten Eigenschaft eines Dings auf die Gestalt des Wortes, das es benennt. Allerdings wird die jeweilige Eigenschaft als schon bekannt vorausgesetzt. „Insofern liegt hier ein Zirkelschluß vor, eine bloße Pseudoerkenntnis“ (Schiewe 1998:40). R. Keller nennt diese Methode „eine Art onomatopoetische Bildtheorie“ (Keller 1995:33). Wörter sind also „eine Nachahmung der Dinge durch die Stimme“ (Schiewe 1998:43). Solche Onomatopoetika treffen wir tatsächlich in unserer Sprache an. Allerdings ist es keine Gewohnheit, sondern eher eine Seltenheit, außerdem unterscheiden sich solche Ausdrücke stark von Sprache zu Sprache (vgl. Schiewe 1998:44). Ausschlaggebend für ihre Bildung ist, dass die Gegenstände nicht beliebig nachgeahmt werden. „Das Wort wird erst dann zum Wort, zur Benennung und damit zu einem Bestandteil der Sprache, wenn es das Wesen des zu benennenden Dinges nachahmt“ (Schiewe 1998:43).

Abschließend sollte man hinzufügen, dass die Schwächen, in den oben dargestellten Argumentationsgängen, dem Sokrates nicht entgangen sein werden. Die Tatsache, dass er die Argumente trotzdem benutzt, wird in der Literatur damit erklärt, dass Sokrates „eine gehörige Portion Ironie mit hineingemischt hat“ (Schiewe 1998.41).

3.3 Ergebnisse des Dialogs

Fassen wir also den Hergang der Argumentation von Sokrates zusammen.

Gegen die These des Hermogenes – die Bedeutung der Wörter beruhe auf Konventionen – führt Sokrates folgende Beweise an. Er untersucht die Eigennamen und zeigt, dass es keine starre Willkürlichkeit gibt. Er stellt Prämissen auf und schlussfolgert daraus, dass es wahre und falsche Wörter geben muss. Er setzt Wörter mit Werkzeugen gleich und kommt mithilfe dieser Metapher zu dem Schluss, dass die Wörter, genauso wie die Werkzeuge, von einem Meister für einen bestimmten Zweck gemacht werden.

Die These des Kratylos – den Wörtern komme eine natürliche Richtigkeit zu – widerlegt Sokrates durch die etymologische Ableitung und die Onomatopoetik.

Die Bewusstheit der Widersprüche in der eigenen Argumentation scheint bei Sokrates immer gegenwärtig.

Der Dialog hat ein friedliches Ende, auf den ersten Blick aber, trotzdem keinen befriedigenden Ertrag, da die Beteiligten zu keinem handfesten Endergebnis kommen. „Die Resultatlosigkeit könnte aber auch damit erklärt werden, daß Platon im >Kratylos< keine didaktischen Absichten verfolgt habe […]. Indessen ist es ein unbestreitbares Faktum, daß die Sprache im Dialog einer Kritik unterzogen und als Erkenntnismittel in ihre Schranken gewiesen wird“ (Derbolav 1972:231).

Dennoch gibt es einige, für die Sprachkritik wichtige, Ergebnisse, die im Folgenden festgehalten werden.

Obwohl es keinen klaren Sieg für keine von den beiden Seiten gibt, haben dennoch beide, wie Kratylos so auch Hermogenes, mit ihren Behauptungen teilweise Recht. „Wörter […] sind Mischgebilde aus natürlicher Richtigkeit und aus Verabredung, Gewohnheit, Konvention“ (Schiewe 1998:45). Ihre natürliche Richtigkeit besteht darin, die Dinge auf eine unverfälschte Weise nachzuahmen. Der Augenblick der Konvention wird ebenfalls in der Nachbildung der Gegenstände deutlich, wenn sie, unabhängig davon, ob Ähnlichkeit vorhanden ist oder nicht, nachgeahmt werden.

Eine Frage, die der philosophischen Sprachkritik, wird im laufe der Diskussion eindeutig geklärt. Nämlich, die Frage nach der Erkenntnis von Wahrheit durch die Sprache. Und zwar, ob es möglich sei, durch das Aufteilen der Wörter etwas über die Dinge, die diese Wörter benennen, zu erfahren? Die Antwort ergibt sich aus dem Gespräch - die Erkenntnis durch die Sprache ist unmöglich. „Wie kann der erste Wortbildner zu Erkenntnis gelangen, wenn doch noch keine Sprache vorliegt, andererseits aber Erkenntnis nur durch Sprache erfolgen soll“ (Schiewe 1998:46). Da der Anfang sich nicht finden lässt, bleibt nur ein einziger Schluss: „Zur Erkenntnis der Dinge gelangt man nur, indem man die Dinge selbst untersucht, nicht aber die Wörter, die diese Dinge bezeichnen“ (Schiewe 1998:46f).

Der skeptische Umgang mit der Sprache, das Hinterfragen des Wirklichkeitsbezuges der Wörter, sowie Zweifel an der Richtigkeit (und Wahrheit) der Wörter waren die ersten sprachkritischen Ansätze. Alles dies ist ein bedeutender Grundbaustein für die Entstehung und Entwicklung der Sprachkritik.

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Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668795051
ISBN (Buch)
9783668795068
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441130
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft
Note
2,7
Schlagworte
Sprachkritik Antike Neuzeit Sprachenwechsel Universalienstreit Kratylos
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Titel: Sprachkritik von der Antike bis zur frühen Neuzeit