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Das "Wörterbuch überflüssiger Anglizismen". Ein linguistischer Vergleich der vierten und achten Auflage

Bachelorarbeit 2009 31 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einführung in das Thema
1.1 Problemstellung

2 Definitionen
2.1 Abgrenzung von anderen Begriffen

3 Einführung in die nationale Sprachkritik
3.1 Linguistisch begründete Sprachkritik

4 Der VDS – vorgestellt und kritisch betrachtet
4.1 Die Gründung und die Darstellung des VDS
4.2 Aktionen und Maßnahmen des VDS
4.3 Abgrenzung des VDS von dem Purismus
4.4 Das „Wörterbuch überflüssiger Anglizismen“

5 Gegenüberstellung der vierten und der achten Auflage
5.1 Vergleich der allgemeinen Informationen
5.2 Kritische Betrachtung der Vorworte
5.3 Vergleich an den ausgewählten Beispielen

6 Zusammenfassung der Ergebnisse

7 Fazit

Literatur

Zusammenfassung

In den letzten Jahrzehnten wird die vermehrte Übernahme der Fremdwörter (besonders aus dem Englischen) in die deutsche Sprache beobachtet. Die Fremdwortkritik ist in Deutschland aber keines Wegs neu. Fremdwörter waren schon in den früheren Jahrhunderten populäre Untersuchungsobjekte für nationale, wie auch ausländische Linguisten und Sprachneugierige. Sprachpurismus hat in Deutschland ebenfalls eine lange Tradition und hat bis heute, wie die gegenwärtige Situation in der Öffentlichkeit zeigt, sein Potential nicht erschöpft. Auf die Aktualität des Problems deutet die Besorgnis der Bürger hin, die ihre Muttersprache von dem Einfluss des Fremden bedroht sehen und sich zu puristischen Vereinigungen zusammenschließen, um die eigene Sprache vor dem gemeinten Niedergang zu bewahren. Vor diesem Hintergrund ist die vorliegende Bachelorarbeit entstanden, mit dem Ziel, den unbegründeten Befürchtungen entgegenzuwirken und zur größeren Akzeptanz von Anglizismen in der deutschen Sprache beizutragen.

1 Einführung in das Thema

Bevor ich mit der Recherche für die vorliegende Ausarbeitung begonnen habe, war ich der Meinung, dass der Einfluss von Fremdwörtern auf eine Sprache negativ zu bewerten ist und im Falle einer starken Einflussnahme unabwendbar zur Verarmung der Sprache führt. Würde mich jemand auf der Strasse mit der Frage anhalten, was ich von dem Einmarsch der Fremdwörter in die deutsche Sprache halte, hätte ich mich dagegen ausgesprochen – entsprechend meiner damaligen Ansicht, dass zu viele Fremdwörter schädigend und gefährlich für die deutsche (und jede andere) Sprache sind. Wie aber das Wort damalig bereits vermuten lässt, hat sich meine Ansicht bei der ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Thema gänzlich verändert.

Wenn man heute an die Fremdwörter denkt, so kommen einem meist englische Begriffe in den Sinn. Weit braucht man auch nicht gehen, um zu sehen, dass der Einfluss des Englischen zurzeit am stärksten ist. Ein Blick in die Zeitung reicht, noch exemplarischer sind Jugendzeitschriften, aber auch die gesprochene Sprache bleibt nicht verschont. Anglizismen sind einfach überall. Die Menschen lässt diese Gegebenheit keines Wegs kalt, in der Bevölkerung existiert ein reges Sprachinteresse: so ist derzeit der Anglizismengebrauch, neben der Rechtschreibreform, eines der wichtigsten Sprachthemen in der breiten Öffentlichkeit. In der Presse und auch in den anderen Medien tauchen immer öfter Beiträge auf, die sich mit der Funktion und der Auswirkung von Anglizismen beschäftigen. Im Internet finden sich ebenfalls zahl­reiche Diskussionen und Debatten zu dem Gebrauch und der Wirkung von Anglizismen. Dies alles deutet auf die Aktualität und die Bedeutsamkeit des Themas hin. Die Relevanz und die Zeitnähe des Problems werden noch deutlicher, wenn man sich die Maßnahmen anschaut, die in anderen Ländern unternommen wurden, um das Eindringen von Anglizismen in die eigene Muttersprache zu verhindern. Beispielsweise das in Frankreich 1994 erlassene Sprachgesetz, das den Gebrauch französischer Sprache regeln soll (vgl. Trabant 2001: 1). In Polen wurde im Jahre 2000 ebenfalls ein Gesetz zum Schutz der polnischen Sprache verabschiedet, welches die Beseitigung englischer Ausdrücke aus dem gesellschaftlichen Leben anordnet (vgl. Perdeus 2004: o.S.). „Gesetze zum Schutz der Sprache existieren in Belgien, Estland, Frankreich, Irland, Litauen, Lettland, Mazedonien, Norwegen und der Slowakei. In anderen Ländern wird die Angelegenheit verfassungsrechtlich geregelt“ (ebd.). Auch in Deutschland wird ein Sprachgesetz nach dem französischen Vorbild gefordert, mit dem Zweck, das Deutsche vor Anglizismen zu schützen (vgl. Trabant 2001: 1). Mit Hilfe dieser und ähnlicher Maßnahmen wird versucht, eigene Muttersprache vor einer Überflutung durch Fremdwörter bzw. Anglizismen zu bewahren. Nun könnte man sich fragen, wie weit darf und wird der Staat gehen, um das Leben durch Vorschriften noch mehr einzuschränken? Viel sinnvoller wäre an dieser Stelle jedoch die Frage, ob diese ganzen Maßnahmen tatsächlich etwas bewirken? Ob sie wirklich notwendig sind, so dass die Sprachen ohne die Gesetze und Sanktionen nicht überleben würden und durch diese geschützt werden müssten? Angenommen man schafft es, die Anglizismen aus den Büchern, den Zeitungen, der übrigen Presse, aus dem Fern­sehen und der Werbung zu verbannen. Heisst es dann, dass es keine Anglizismen in der Sprache mehr gibt? Sind sie dann aus der Gemeinsprache vollständig verschwunden? Oder ist diese Vorstellung doch eher utopisch? Es scheint, als ob die Personen, die solche Sprachgesetze erlassen, der Ansicht wären, dass es sich mit den Wörtern genauso wie mit den Menschen verhält. Sie scheinen faktisch zu glauben, dass gleichermaßen, wie bei der Verschärfung der Reisegesetze, die Einreise ins Land erschwert wird, auch die Wörter sich an die Gesetze halten und die Grenze nicht überqueren werden. Die Anglizismen werden aber kein Visum beantragen, darauf warten die Puristen vergeblich, die ausländischen Begrifflichkeiten kommen trotz allem über die Grenze.

Sehr viele Kritiker setzen den angloamerikanischen Einfluss auf die deutsche Sprache mit ihrem Verfall gleich und prophezeien bei der unveränderten Situationsentwicklung ihren Untergang. Die öffentliche Meinung hat sich in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite stehen die Gegner der Anglizismen. So versuchen einige Einzelkämpfer von ihnen dieser Invasion entgegenzuwirken, indem sie, z.B., in der eigenen Wohngemeinschaft das Anglizismenverbot verhängen (vgl. Tanner 2005: o.S.). Andere schließen sich zusammen, werden öffentlich tätig und versuchen so die Anglizismen aus dem Deutschen zu vertreiben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Befürworter, bzw. Menschen, die keine Gefahr von den Anglizismen ausgehen sehen. Beide Parteien sind mit vielen Argumenten für die eigene Position gerüstet und mit verschiedenen Argumentationen wider die Position des Gegners bewappnet. Doch wie soll man sich noch in der Fülle der Argumente zu Recht finden?

1.1 Problemstellung

Die Hilferufe, die auf die missliche Lage der deutschen Sprache, in der sie sich angeblich befindet, aufmerksam machen sollen, werden immer lauter. Immer mehr Menschen stellen sich die Frage, ob der Einfluss von Anglizismen eine Bedrohung darstellt oder ob sie eine natürliche Entwicklung der Sprache sind und die Panik somit unangebracht ist. Im Hinblick darauf habe ich mir diese spannende Angelegenheit als Thema für meine Abschlussarbeit ausgesucht. Damit hoffe ich mehr Klarheit in den Sachverhalt zu bringen und dem einen oder anderen Leser zu helfen eine sachliche Meinung, aufgrund fundierter Untersuchungsergebnisse und Überlegungen, zu dem Problem zu bilden.

Um den Fokus nicht zu verlieren und ein klares Ziel vor Augen zu haben, wird folgende Fragestellung formuliert: werden nur neuartige Anglizismen für überflüssig und bedrohlich gehalten und ist somit die derzeit starke Besorgnis um die deutsche Sprache übertrieben?

Es wird ein Versuch unternommen zu klären, ob sich die Denkweise über die Anglizismen und folglich auch deren Akzeptanz im Laufe der Zeit verändern. Des weiteren wird aufgezeigt, dass Anglizismen nicht nur keine Gefahr für die deutsche Sprache darstellen, sondern je nach Kontext, sogar bereichernd wirken können. Darüber hinaus wird die puristische Reaktion eines Teils der deutschen Bevölkerung auf die zunehmende Anzahl der Anglizismen in der deutschen Sprache dargestellt. Der Fokus dieser Arbeit ist die umfassende Darstellung der aktuellen sprachlichen Situation um die Anglizismen-Debatte sowie die Förderung einer höheren Akzeptanz von Anglizismen. Die Ergebnisse und die Folgerungen können als Grundlage für weitere Untersuchungen dienen.

Die Analyse werde ich anhand der zwei Bücher des Vereins Deutsche Sprache (VDS) durchführen. Bei den Büchern handelt es sich um zwei Auflagen vom „Wörterbuch überflüssiger Anglizismen“, die ich im Hinblick auf die bereits dargestellte Fragestellung miteinander vergleichen werde. Dieses Buch ist in der breiten Öffentlichkeit weitestgehend bekannt und ist ein anschauliches Exempel, um die Grundhaltung bzw. den Standpunkt der Kritiker zu den Anglizismen deutlich zu machen. Daher habe ich es als Grundwerk für meine Analyse genommen. Mit meiner Arbeit hoffe ich neben der eigentlichen Problemstellung noch weitere Fragen beantworten zu können, z.B., ob die Übersetzungsvorschläge des VDS eine sinnvolle Alternative zu den Anglizismen bieten.

Die vorliegende Arbeit umfasst sieben Kapitel. Zu Beginn wurde der Leser in die Problematik der Anglizismenkritik eingeführt sowie der Bezug zur aktuellen Situation um den Anglizismengebrauch hergestellt (Kapitel 1). Danach wurde der Gegenstand dieser Arbeit präzisiert, es wurde eine zentrale Fragestellung formuliert und einige weitere Fragen, die im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden sollen (Kapitel 1.1). Anschließend werden die Grundbegriffe definiert (Kapitel 2) und von ähnlichen Begrifflichkeiten abgegrenzt (Kapitel 2.1). Darauf folgt eine allgemeine Einführung in die Sprachkritik (Kapitel 3), dann die Erläuterung der Spezifik einer wissenschaftlichen Sprachkritik (Kapitel 3.1). Als nächstes wird der Verein Deutsche Sprache vorgestellt (Kapitel 4), wobei ich auf seine Gründung und die allgemeine Darstellung (Kapitel 4.1), seine Maßnahmen (Kapitel 4.2) und seinen Versuch sich vom Purismus abzugrenzen (Kapitel 4.3) näher eingehen werde. Die Vorstellung vom „Wörterbuch überflüssiger Anglizismen“ (Kapitel 4.4) schließt den einführenden Teil ab. Den Kern dieser Arbeit bildet die Gegenüberstellung der vierten und der achten Auflage des Wörterbuches (Kapitel 5), bestehend aus dem Vergleich der allgemeinen Informati­onen der Bücher (Kapitel 5.1), einer kritischen Betrachtung der Vorworte (Kapitel 5.2) und dem Verglich an ausgewählten Beispielen (Kapitel 5.3). Die Resultate des Vergleichs werden im nächsten Abschnitt zusammengefasst und die anfangs gestellten Fragen beantwortet (Kapitel 6). Abschließend wird eine Brücke zu dem, in der Einleitung geschilderten, Umgang mit Anglizismen geschlagen, allerdings aus einer veränderten Perspektive, unter der Berücksichtigung der gewonnenen Erkenntnisse (Kapitel 7).

2 Definitionen

In diesem Kapitel werden zwei für diese Ausarbeitung relevanten Begriffe erläutert, um eine Verständnis- bzw. Begriffsbasis zu schaffen. Der grundlegende Begriff, der eine Erklärung erfordert, ist Anglizismus. Zunächst meint man, dass dieser Ausdruck eigentlich klar und eindeutig ist und keiner weiteren Erläuterung bedarf. Bei der ausführlicheren Auseinandersetzung zeigt sich, dass es zahlreiche Definitionen von vielen verschiedenen Autoren existieren, die aber oft nur Teilaspekte beleuchten. Daneben gibt es auch einige andere Bezeichnungen, die analog verwendet werden, aber nicht das gleiche meinen. Diese Ausdrücke verwischen die Grenze zwischen den Anglizismen und den anderen sprachlichen Phänomenen und erschweren somit das Verständnis. Die Suche nach der exakten Begriffsbestimmung erweist sich als schwierig. Deshalb gilt es neben der Definition des Begriffs Anglizismus diesen von ähnlichen Bezeichnungen abzugrenzen. Bei diesen Bezeichnungen handelt es sich um die Begriffe Amerikanismen und Britizismen, die synonym zum Begriff Anglizismus verwendet werden. In dieser Arbeit wird der Terminus Anglizismus für die Ausdrücke aus dem amerikanischen und aus dem britischen Englisch gebraucht, da eine exakte Unterscheidung nicht immer möglich ist.

Aus der Fülle vorhandener Definitionen habe ich eine von J. Pfitzner herausgegriffen, weil sie, meines Erachtens, die umfassendste ist und dem vorliegenden sprachlichen Phänomen gerecht wird. Sie beinhaltet den semiotischen, den morphologischen und den semantischen Aspekte.

Ein Anglizismus ist […] ein sprachliches Zeichen, dessen äußere Form aus englischen Morphemen bzw. einer Kombination englischer und deutscher Morpheme besteht, dessen Inhalt stets die Übernahme einer im englischen Sprachgebrauch üblichen Bedeutung voraussetzt (Pfitzner 1978: 13).

Allerdings hängt die Begriffsbestimmung auch von der Einstellung des Autors zu dem Problem ab. Ein Kritiker und Purist wird den Begriff vermutlich anderes definieren, als ein Verfechter der Anglizismen. Eine Definition von dem Verein Deutsche Sprache liegt mir nicht vor.

Den anderen wesentlichen Begriff Denglisch (synonym wird verwendet auch Engleutsch, Germisch, Germeng) definiert der Verein wie folgt: „Wir verstehen darunter einen inhaltlich unklaren, regelarmen und deshalb ausdrucksschwachen Wortmischmasch aus deutschen und englischen Wörtern“ (Schrammen o.J.: 1). Es ist also eine Zusammensetzung (Wort oder Phrase) aus englischen und deutschen Wortbestandteilen. Ein Text kann ebenfalls als Denglisch bezeichnet werden, wenn er, aus der Sicht des Sprechers, zu viele englische Ausdrücke beinhaltet.

Wichtig ist den Unterschied zwischen dem Anglizismus und dem Denglisch zu kennen. Die erste Bezeichnung enthält keine Wertung und ist nach wissenschaftlichen Kriterien bestimmbar. Denglisch ist, wie man aus der Definition des VDS deutlich erkennen kann, keine wertneutrale Bezeichnung. Der Begriff ist negativ konnotiert und kann nicht durch objektive Kriterien bestimmt werden. Die Definition liegt im subjektiven Ermessen des Einzelnen.

2.1 Abgrenzung von anderen Begriffen

Im sprachlichen Alltag gibt es oft Überschneidungen und Grenzfälle. Deswegen werden an dieser Stelle einige Begriffe definiert, die oft in einem Kontext mit Anglizismen vorkommen und zur Verwirrung führen können. Folgende Darstellung stellt nur die häufigsten und für diese Arbeit relevantesten Ausdrücke als Beispiele vor und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Einer dieser Begriffe ist Pseudo-Anglizismus (Scheinentlehnung).

Darunter versteht man Lexeme oder Lexemverbindungen, die in der Empfängersprache […] mit den Sprachmitteln der Ursprungssprache […] gebildet werden, aber in der Herkunftssprache nicht bekannt sind (Plümer 2000: 148).

Es ist also ein im deutschsprachigen Raum nach dem englischen Vorbild geschaf­fener Ausdruck. Das bekannteste Beispiel dafür ist Handy.

Weitere Begriffe sind Lehnwort und in dieser Arbeit bereits verwendete Fremdwort.

Diejenigen Wörter […] einer fremden Sprache, die sich in Akzentuierung, Schreibweise oder Lautung deutschen Wörtern nicht angeglichen haben, d.h., sich nicht integriert haben, nennt man Fremdwörter. Dem gegenüber werden all jene Wörter, die ihre fremde Form dem einheimischen Sprachgebrauch angeglichen haben und so weit eingegliedert sind, daß sie auch Lautveränderungen […] mitgemacht haben oder mitmachen, als Lehnwörter bezeichnet (Zürn 2001: 30f.).

Ferner kann die Klassifizierung der Anglizismen, z.B., nach der Terminologie von W. Betz erfolgen (in äußeres Lehngut, inneres Lehngut, Lehnprägung, Lehnformung, Lehnschöpfung usw.) oder auch nach anderen Klassifizierungskriterien (vgl. Plümer 2000: 146). In dieser Ausarbeitung findet die Klassifizierung aus den Gründen der Relevanz keinen Platz.

3 Einführung in die nationale Sprachkritik

Eine genaue und zufrieden stellende Definition von Sprachkritik zu geben, die alles berücksichtigt, was mit diesem Begriff in Verbindung gebracht wird, ist sehr problematisch. Nach Heringer kann es keinen „fixen Begriff von Sprachkritik“ (Heringer 1982: 4) geben. „Denn, wer die Frage stellt ‚Was ist Sprachkritik?’ und darauf eine Antwort gibt wie ‚Sprachkritik ist…’, der ist in Gefahr, statt einer brauchbaren Grundlage brauchbares Material für Sprachkritik zu liefern“ (ebd.). Die Begriffsbestimmung scheint von den vielfältigen Zielsetzungen der Sprachkritik abhängig zu sein. Versucht man die Bereiche zu überblicken, die Sprachkritik abdeckt, so wird schnell deutlich, dass dieses Vorhaben ebenfalls nicht einfach zu realisieren ist, da der Gegenstand sehr umfassend und nur schwer einzugrenzen ist.

Ihre Anfänge hat Sprachkritik in der Antike, wo sie als ein Mittel der Erkenntnis und der Wahrheitsfindung angesehen wurde, später wurde sie mit der Gesellschaftskritik auf eine Stufe gestellt. Von den Anfängen der Sprachkritik bis zur Gegenwart hat es viele verschiedene Ansätze gegeben, im Laufe der Zeit sind unterschiedliche Formen der Sprachkritik entstanden. H. Schwinn schreibt dazu: „Die Sprachkritik existiert nicht. Es existieren nur Formen der Sprachkritik“ (Schwinn 1997: 1). Allen Formen der Sprachkritik ist jedoch eines gemeinsam – die Kritik wird mit der Sprache an der Sprache geübt (vgl. Schwinn 1997: 5).

In dieser Arbeit konzentriere ich mich auf die philologische Sprachkritik, worunter das Fremdwortproblem fällt, innerhalb der Fremdwortkritik habe ich die Anglizismen im Visier.

3.1 Linguistisch begründete Sprachkritik

Nach H. J. Heringer ist Sprachkritik „nichts für Experten, Sprachkritik ist etwas für alle“ (Heringer 1982: 31). Und sicherlich üben wir auch alle täglich Sprachkritik, wenn wir, z.B., unser eigenes sprachliches Verhalten kontrollieren, indem wir mit unserer Sprache über unsere Sprache reden. „Dies reflektierende Betrachten des eigenen Sprachgebrauchs wäre eine ‚gemeine’ Form der Sprachkritik“ (Schwinn 1997: 33). Wenn also jeder Sprachkritik betreiben kann und dies auch tut, was unterscheidet dann die linguistisch begründete von der kollektiven Sprachkritik, was ist an ihr speziell?

An erster Stelle steht die Aufgabe bzw. das Ziel der linguistisch begründeten Sprachkritik. „Sie muss […] dazu befähigen, erstens Sprecher-Motive zu erkennen und zweitens in Abhängigkeit von diesen Motiven und der jeweiligen Situation eine Einschätzung über die angemessene Wortwahl vornehmen zu können“ (Niehr 2009: 9). Oder, um es mit den Worten von H. Schwinn auszudrücken:

Nicht intuitive Vorstellungen über Sprachrichtigkeit oder ästhetische Ideale sind die mit der Kritik verbundenen Ansprüche der linguistisch begründeten Sprachkritik; ihre Ansprüche sind edel und gut: Sie will zum reflektierten Sprachgebrauch des Individuums anleiten (Schwinn 1997: 34).

Die Wissenschaft beansprucht bestimmte Methoden, die linguistisch begründete Sprachkritik auch. So sollte sie deskriptiv und nicht normierend oder belehrend vorgehen (vgl. Schwinn 1997: 35). „Die Wissenschaft, die Sprache erforscht […], will keine vorschreibende sein, sie formuliert die existierenden Regeln unserer Sprache“ (Schwinn 1997: 35). Linguistisch begründete Sprachkritik muss auf der Sprachwissenschaft aufbauen, deshalb darf sie nicht wertend sein.

Eine solche Kritik nämlich läuft beinahe zwangsläufig auf Richtig-falsch-Bewertungen hinaus, die der erwünschten kritischen Reflexion von Sprache zuwiderlaufen. Solche Richtig-falsch-Bewertungen, wie sie typischerweise von einer laienlinguistischen Sprachkritik vorgentagen werden, sind darüber hinaus wenig hilfreich, weil sie den Rezipienten häufig ratlos zurück lassen (Niehr 2002: 1).

Jegliche Kritik sollte darüber hinaus objektiv bleiben und durch wissenschaftliche Kriterien gelenkt werden (vgl. Schwinn 1997: 31). Sprachkritik ist auch dann lingu­istisch begründet, wenn Sprachwissenschaftler mit Hilfe ihrer Kenntnisse und Kompetenzen den Sprachgebrauch (den eigenen oder den der anderen) kritisch betrachten.

Um durch Aufklärung die Freiheit des Einzelnen zu fördern, müssen wir (als ‚linguistisch begründete Sprachkritiker’) über die ‚gemeine’ Sprachkritik hinausgehen, wir müssen […] die verschiedensten linguistischen Theorien anwenden, um unsere Kritik an der Sprache wissenschaftlich belegen zu können (Schwinn 1997: 33).

Darüber hinaus müssen die Linguisten ihre Betrachtungen auf die sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse stützen.

Sprachkritik soll sich auf sprachwissenschaftliche Erkenntnisse berufen können. Sprachwissenschaftliche Theorien über Syntax, Semantik und Pragmatik sollen […] herangezogen werden. […] Dieser Rückgriff auf sprachwissenschaftliche Theorie, ihre linguistische Fundierung, grenzt die linguistisch begründete von anderen Formen der Sprachkritik ab (Schwinn 1997: 31f.).

Weiterhin ist wichtig, was für ein Verständnis dem abstrakten Begriff Sprache zugrunde gelegt wird: „jede Sprachkritik fußt auf bestimmten Grundüberzeugungen über die Natur der Sprache“ (Heringer 1982: 14). Wird sie als ein offenes, beweg­liches System gesehen, das sich in einer ständigen Veränderung befindet oder aber, als ein starres abgesondertes Konstrukt, welches es von den äußeren Einflüssen zu beschützen gilt.

Die Unterscheidung zwischen dem überindividuellen Sprachsystem (langue) und dem individuellen Sprachgebrauch (parole) ist für die linguistisch begründete Sprachkritik ebenfalls von großer Bedeutung. Um das mit den Worten von J. Schiewe auszudrücken:

Die Fragen also, die […] im Hintergrund mitgedacht werden müssen, lauten: Welcher Wortbegriff liegt den sprachkritischen Äußerungen zugrunde? Werden Wörter als Einheiten des Sprachsystems kritisiert oder aber steht ihr Gebrauch in bestimmten Kontexten und in bestimmten Sprechergruppen im Vordergrund? (Schiewe 2001: 282).

Sprachliche Zeichen müssen immer in Abhängigkeit zu einer konkreten Situation betrachtet werden. „Die Berücksichtigung konkreter Kommunikationssituationen und das Abzielen auf kommunikative Angemessenheit sind die entscheidenden Unterschiede zwischen linguistisch fundierter und laienlinguistisch-normativer Sprachkritik“ (Niehr 2002: 2).

4 Der VDS – vorgestellt und kritisch betrachtet

Im Zuge der puristischen Versuche deutsche Sprache rein zu halten, sind viele Sprachpflegeeinrichtungen gegründet worden. Im Folgenden stelle ich einen Verein vor, deren Wirken sich gegen die Anglizismen richtet – den Verein Deutsche Sprache (VDS). Die Informationen für die nächsten Kapitel sind hauptsächlich dem Internetauftritt des Vereins unter der Webadresse http://www.vds-ev.de/ entnommen. Es ist davon auszugehen, dass die Angaben dort aktueller und vollständiger sind als in der Literatur, die sich mit dem Verein beschäftigt. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, soll der Verein hier nur kurz vorgestellt werden. Detaillierte Informationen können auf der Webseite eingesehen werden.

4.1 Die Gründung und die Darstellung des VDS

Der Verein Deutsche Sprache e.V. wurde 1997 in Dortmund, damals unter dem Namen „Verein zur Wahrung der deutschen Sprache“, von Walter Krämer gegründet, der mit den Gleichgesinnten gegen die zunehmende Anglizismenflut kämpfen wollte.

Wir schätzen unsere deutsche Muttersprache […].Um sie als eigenständige Kultur- und Wissenschaftssprache zu erhalten und vor dem Verdrängen durch das Englische zu schützen, gründeten wir im Jahr 1997 den Verein Deutsche Sprache (VDS in Kürze. Verein Deutsche Sprache e.V.).

Es folgt eine kurze Angabe zu der Person des Gründers – dem ersten Vorsitzenden des Vorstandes des VDS: Prof. Dr. Walter Krämer (geb. am 21.11.1948) ist seit 1988 Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik im Fachbereich Statistik der Universität Dortmund, seit 2005 Dekan des Fachbereichs Statistik. Er veröffentlichte viele populärwissenschaftliche Bücher. Wegen seiner Antipathie gegen Anglizismen und Denglisch wird ihm nicht selten Purismus vorgeworfen.

Der VDS besteht heute aus circa 30.000 Mitgliedern, die „aus nahezu allen Ländern, Kulturen, Parteien, Altersgruppen und Berufen“ (ebd.) stammen und ist somit der größte seiner Art in Deutschland. Der VDS ist europaweit tätig und arbeitet mit unterschiedlichen Organisationen in vielen verschiedenen Ländern zusammen. Auf der Webseite des Vereins wird nicht ganz deutlich, dass die Mitglieder hauptsächlich linguistische Laien sind, die ihre Wahrhaftigkeit mit einem wissenschaftlichen Gre­mium festigen.

Wir sind fast 30.000 Bürger von 9 bis 99 Jahren, die ihre Muttersprache lieben und ihrer Umwandlung zum häßlichen Denglisch entgegentreten. Unsere Mitglieder kommen aus allen Bevölkerungsschichten in Deutschland und im Ausland […]. Ein wissenschaftlicher Beirat hilft uns bei kniffligen sprachlichen Fragen (VDS vorgestellt. Verein Deutsche Sprache e.V.).

Das Problem der nicht wissenschaftlichen Sprachkritik ist in dem vorherigen Kapitel beleuchtet worden.

Der Verein appelliert vor allem an die einfachen Bürger, versucht die Bevölkerung auf die angebliche Gefährdung der deutschen Sprache durch Anglizismen aufmerksam zu machen und setzt auf den Massenprotest. Seinen Zweck beschreibt §2 der Satzung des Vereins wie folgt:

[...]

Details

Seiten
31
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668795075
ISBN (Buch)
9783668795082
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441110
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Anglizismen Wörterbuch VDS Sprachkritik linguistischer Vergleich
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Titel: Das "Wörterbuch überflüssiger Anglizismen". Ein linguistischer Vergleich der vierten und achten Auflage