Lade Inhalt...

"Die Kraniche des Ibycus" von Friedrich Schiller. Eine Analyse im Rahmen des antiken Theaters und der dargestellten Moralität

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau des Theaters in der Antike und dessen konkrete Darstellung in der Ballade

3. Hintergrund und Entstehung

4. Strukturelle Analyse

5. Die Rolle der Kraniche

6. Die Rolle des Erinnyenchores

7. Schillers Schaubühnenaufsatz

8. Der Trugschluss des Begriffs „moralisch“

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich Schiller hatte sich der Aufklärung im 18. Jahrhundert verschrieben, war Befürworter einer Revolution der Gesellschaft und ein Verfechter der Selbstbestimmung des Individuums.[1] Als Teil der Weimarer Klassik, der vor allem die ästhetische Allianz zwischen Schiller und Goethe und deren gegenseitige Inspiration zu Grunde lag und zu deren wichtigsten Motiven Menschlichkeit und Toleranz zählte, prägte Friedrich Schiller das Genre der moralischen Erzählung neu.

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit der Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ von Friedrich Schiller intensiv auseinander und konzentriert sich dabei konkret auf die Darstellung des antiken Theaters im Text und klärt inwieweit die verschiedenen Elemente des dargestellten Schauspiels eine aufklärende Funktion zu Gunsten der dargestellten Moralität einnehmen. Dazu wird zu Beginn, der historisch überlieferte Aufbau des antiken Theaters und dessen konkrete Darstellung in der Ballade betrachtet. Es folgt eine kurze Ausführung der Hintergründe der Entstehungsgeschichte und weshalb Schiller für seinen Erzählstoff das Medium der Ballade gewählt haben könnte. Eine Textanalyse auf struktureller und inhaltlicher Ebene wird vorgenommen und dabei besonders auf die Wirkungselemente der Kraniche und des Chores und deren Rolle bezüglich der Aufklärung des Verbrechens eigegangen. Folgend werden Friedrich Schillers moralische und philosophische Ansichten und Überlegungen zu dem Thema herausgearbeitet, primär unter Berücksichtigung seines Aufsatzes „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“. Außerdem wird der Begriff der „Moral“ nach Schillers Empfinden und Interpretation kritisch betrachtet und schließlich die Zusammenhänge zwischen der Ballade und Schillers Idealisierungskonzepts in einem Fazit dargelegt.

Die zu dem Thema existierende und herangezogene Forschungsliteratur konzentrierte sich vor allem auf den Aspekt der Verbindung Schillers zum Theater an sich und dessen philosophische Abhandlungen im Sinne der Aufklärung. Deutlich weniger Interpretationsmaterial ist explizit zu der Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ zu finden und nichts desto trotz lässt sich Friedrich Schillers gedanklicher Ansatz eines Theaters als Hilfskonzept zur moralischen Erziehung erfolgreich auf die Ballade projizieren.

2. Aufbau des Theaters in der Antike und dessen konkrete Darstellung in der Ballade

Schon sehr früh in seiner Schaffensperiode wendete sich Schillers Interesse der Antike zu und er setzte sich intensiv mit den großen griechischen Tragödien und ihren Verfassern auseinander.[2] Schiller entfaltete eine Faszination für die Mythen der Antike, die vor allem auf der Binäropposition der „schönen, harmonischen Welt der Antike und der kalten seelenlosen Welt der Gegenwart“ beruhte.[3] Seine Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ basiert auf dem strukturellen und inhaltlichen Aufbau des antiken Theaters wie im Folgenden dargelegt wird.

Dem typischen Aufbau des griechischen Theaters lag offenbar das kreisrunde „orchestra“ zu Grunde, ein runder Tanzplatz im Freien, der in der frühen Antike als Marktplatz genutzt wurde und dann mehr und mehr Ort von Unterhaltung und Schauspiel wurde . Alle darauffolgenden griechischen Theater lagen ebenfalls unter freiem Himmel und setzten sich aus einem, dem ursprünglichen Orchestra nachempfundenen, runden Chorplatz, einem halbrunden Theatron, welches aus hölzernen oder steinernen Bänken bestand, einer hinter dem Chorplatz befindlichen Bühne und dem dazugehörigen Gebäude der Scena, welche Umkleideräume beinhaltete und als Hintergrund für die Bühne diente, zusammen. Das griechische Theater diente als Versammlungsort für das Volk und wurde nicht ausschließlich als Schauspielplatz sondern auch für jegliche andere Zeremonien genutzt.[4] Im Text der Ballade wird die Architektur folgendermaßen dargestellt:

„Denn Bank an Bank gedränget sitzen,

Es brechen fast der Bühne Stützen,

[...]

Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen,

Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau,

In weiter stets geschweiftem Bogen

Hinauf bis in des Himmels Blau.“ (V. 81-88)

Griechische Tragödien wurden vornehmlich als Teil religiöser Feste, insbesondere zu Ehren des Gottes Dionysos, oder als Gegenstand ästhetischen Wettstreits aufgeführt wobei der Sieger einen Efeukranz als Preis erhielt. In der Ballade werden konkret die panhellenischen Isthmischen Spiele vor Korinth beschrieben. „Zum Kampf der Wagen und Gesänge, / Der auf Corinthus Landesenge / Der Griechen Stämme froh vereint,“ (V. 1-3)

Die griechische Tragödie setzte sich primär aus den zwei Elementen der Chorlieder und dramatischen Dialoge, beides in lyrischen Metren dargeboten, zusammen. Die Schauspieler und der Chor trugen zu ihrer Rolle passende Masken, später auch Kostüme.[5]

Das Element des Chores war in der griechischen Tragödie von zentraler Bedeutung. Teilweise traten die Schauspieler völlig in den Hintergrund oder existierten nicht und die Handlung wurde ausschließlich vom Chor dargelegt. Er trat stets in enger Verflechtung mit der Handlung auf und fungierte als Mittlerelement zwischen Handlung und Publikum indem er, begleitet von Flötenmusik, ein Tanzlied aufführte.[6] In der Ballade Schillers fungiert der Chor ebenfalls als Mittlerelement, wie später noch ausführlich dargestellt und der Auftritt wird wie folgt eingeleitet:

„Und horchen von dem Schaugerüste

Des Chores grauser Melodie,

//

Der streng und ernst, nach alter Sitte,

Mit langsam abgemeßnem Schritte,

Hervortritt aus dem Hintergrund,

Umwandelnd des Theaters Rund.“ (V. 95-100)

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Friedrich Schiller den architektonischen Aufbau des griechischen Theaterrunds, den Hintergrund der Isthmischen Spiele und den strukturellen Ablauf der griechischen Tragödie der Antike realgeschichtlich entlehnt und dargestellt hat.

3. Hintergrund und Entstehung

Die Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ entstand im so genannten „Balladenjahr“ 1797 als Teil des antiken Gattungskanons in enger Zusammenarbeit mit Goethe und wurde erstmals im „Musen Almanach für das Jahr 1798“ veröffentlicht. Es heißt, Goethe hätte den Stoff der Ballade an Schiller abgegeben und wie im regen Briefwechsel zwischen den Beiden nachzulesen ist, hat er ihn die ganze Entstehungsperiode über mit Vorschlägen zu Ergänzungen oder Veränderungen unterstützt und sowohl Ermunterung als auch Kritik an dem Werk geäußert.[7] Schiller und Goethe richteten in dieser Zeit die Gattung bezüglich Stoff, Gehalt und Form nach den Grundsätzen der moralischen Erzählung des Aufklärungskurses der Weimarer Klassik aus, welche die sittliche und selbstbestimmte Haltung als höchste Form menschlicher Größe empfand.[8]

Die Ballade, als volksläufiges Lied erzählenden Charakters, erschien Schiller ein geeignetes Medium zu sein um seine Erzählung darzustellen, da er eine breite Masse an Publikum erreichte und der Fokus mehr auf die stattfindende Handlung gelenkt wird als auf die Formalien. Von Schiller aus gesehen wird ein zeitfernes Geschehen behandelt und der Text ist in leicht zu entziffernder Bildersprache gehalten um das Allgemeine im Konkreten fassbar zu machen.

Die Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ basiert auf einer antiken, realgeschichtlichen Stoffvorlage. Schiller greift dabei eine antike Kriminalgeschichte auf und stellt die historische Figur des griechischen Dichters Ibykos in den Mittelpunkt der Erzählung. Nach der Überlieferung stellt sich die Erzählung folgendermaßen dar. Ibykos befand sich auf dem Weg zu den Isthmischen Spielen, welche alle zwei Jahre zu Ehren des Poseidon bei Korinth stattfanden und nach den Olympischen zu den wichtigsten panhellenischen Spielen zählten.[9] In den Wäldern vor Korinth von Räubern überfallen und getötet, trägt er der die Szenerie überfliegenden Kranichschar das Rächen seines Todes auf.[10] Durch den Ausruf „Ibyci grues“, der später zum antiken Sprichwort wird entblößen sich die Täter darauf hin in einer Theatervorstellung als die gesuchten Mörder. Friedrich Schiller übernahm diesen historischen Erzählstoff als Grundlage und erweiterte ihn um das Element des Erinnyenchores, den er aus einer Übersetzung Wilhelm von Humboldts der Tragödie Die Eumeniden von Aischylos entlehnte.

4. Strukturelle Analyse

Wie die meisten Texte Schillers unterliegt die Ballade einer Dreiteilung welche auf dualer Ebene zum Tragen kommt.

„Die Kraniche des Ibycus“ orientiert sich einerseits an der dreigeteilten, pyramidialen Struktur des Dramas, wenn die Ballade auch nicht ganz im klassischen Sinne danach einzuteilen ist, so beginnt sie doch mit einer Exposition (Strophe 1 bis 3), steigert sich über die Klimax mit einem erregenden Moment, dem Mord (Strophe 4 bis 12) hin zum Höhepunkt und Peripetie, die Theaterszenerie der Selbstoffenbarung (Strophe 13 bis 20) und fällt dann über die Retardierung hinab zur Vorstellung der Täter vor ein Tribunal (Strophe 21-23) . Die pyramidiale Struktur ist dabei eng mit der zweiten Dreiteilung von lyrischen, epischen und dramatischen Elementen verknüpft.

Das lyrische Element äußert sich in der Form der Ballade, welche in 23 Strophen á 8 Verse, bestehend aus zwei Paar- und zwei Kreuzreimen mit Metrum des vierhebigen Jambus, unterteilt ist. Fließender Rhythmus und die beiden einfachen Reimschemata verstärken dabei den Charakter des flüssigen und schlüssigen Erzählgedichtes. Die Ballade ist liedförmig, sangbar und in regelmäßige Strophen unterteilt die einen Vorgang erzählen, was auf das Epische verweist. Das Dramatische wird in diesem Fall durch Figurenrede, die pyramidiale Dramenteilung und einer dementsprechend dem Drama ähnelnden Konfliktstruktur konstruiert. Zudem benutzt Schiller einen allwissenden Erzähler und verschiedene sprachliche Mittel wie Alliteration (z.B. „Ganz Griechenland“ V.60), Anapher („Zu rächen [...] / Zu sühnen [...]“ V. 63-64), allerlei Metaphern und Assonanzen um eine rhetorische Prägnanz und bildhafte Sprache zu erreichen. Durch die häufige Benutzung des Versanfangs mit dem Verknüpfungswort „Und“ hält er den Erzählfluss aufrecht und verbindet den Text damit strukturell, ebenso durch die semantischen Wortfelder mit denen er arbeitet wie zum Beispiel das des Musikalischen („Gesanges“ V. 5, „Lieder“ V.6, „Leier zarte Saiten“ V. 31, „grauser Melodie“ V. 96, „Hymnus Weise“ V. 114) und einem Wortfeld was der Leser mit Wasser- oder Wellenspielen assoziieren könnte, in Kombination mit einem Alliterationswechselspiel der Konsonanten „w“ und „m“ („Menschenwelle“ V. 79, „Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen, / Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau,“ V. 85 f.)

Strukturell betrachtet schuf Schiller mit der Ballade also ein bildstarkes Erzählgedicht, welches durch ein unkompliziertes Reimschemata einem breiten Publikum zugänglich war und zudem nicht literarisch polarisierte durch die Fusion von epischen, dramatischen und lyrischen Elementen.

5. Die Rolle der Kraniche

Die Ballade ist als ein analytisches Drama konstruiert, es geht um die Aufklärung eines Verbrechens, bei der zwei inhaltliche Elemente eine entscheidende Rolle einnehmen. Einerseits die Kraniche und andererseits der Chor der Erinnyen.

Die Exposition der Ballade beginnt mit einer Beschreibung im epischen Präteritum. Ibycus, der Dichter ist auf dem Weg zu den Isthmischen Spielen vor Korinth, er grüßt eine Schar Kraniche die ihm schon auf See begegnet sind und nun über ihn hinweg ziehen.

[...]


[1] Schmiedt, Helmut: Friedrich Schiller. Literatur Kompakt. Bd. 4. Marburg 2013 S. 43

[2] Engelhardt, Andreas: Einführung in das Werk Friedrich Schillers. Darmstadt 2010 S. 32

[3] Oschmann, Dirk: Friedrich Schiller. Köln Weimar Wien 2009 S.54

[4] Art.: „Theater“. In: Reclams Lexikon der Antike. Hrsg. von: M.C. Howatson. Stuttgart 2006 S.636-638

[5] Art.: „Tragödie“ In: Reclams Lexikon der Antike. Hrsg. von: M.C. Howatson. S. 652-654

[6] Ebd. Art.: „Chor“ S. 137 f.

[7] Pestalozzi, Karl: Interpretation. Gedichte von Friedrich Schiller. Stuttgart 1996. S. 223

[8] Wagenknecht Christian: Ballade. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin 1997 S.194

[9] Suppanz, Frank: Friedrich Schiller. 10 Gedichte. Stuttgart 2008 S. 132

[10] Art.: „Theater“. In: Reclams Lexikon der Antike. Hrsg. von: M.C. Howatson. S. 637 f.

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668796645
ISBN (Buch)
9783668796652
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v441062
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1
Schlagworte
Friedrich Schiller Die Kraniche des Ibycus antikes Theater

Autor

Zurück

Titel: "Die Kraniche des Ibycus" von Friedrich Schiller. Eine Analyse im Rahmen des antiken Theaters und der dargestellten Moralität