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Jugendliche Subkulturen (Skinheads, Punks, Gothics) zwischen Identitätssuche und abweichendem Verhalten

Examensarbeit 2005 139 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Jugend / Adoleszenz
2.2 Kultur
2.3 Subkultur
2.4 Jugendsubkultur / Jugendkultur
2.5 Szene
2.6 Jugendkultur statt Subkultur?

3. Einblicke in die Besonderheiten des Jugendalters
3.1 Psychobiologische Aspekte zum Jugendalter
3.2 Psychosoziale Aspekte zum Jugendalter
3.3 Die Wertorientierung der Jugendlichen

4. Jugend(sub)kulturen
4.1 Das Konzept der Subkultur in der Soziologie
4.2 Die Theorie der Subkultur
4.3 Normen der Subkulturen
4.4 Jugendkulturelle Stile zwischen Kommerzialisierung und Selbstinszenierung
4.5 Die erste Jugendkultur: der Wandervogel
4.6 Aktuelle und geschichtlich einzuordnende wichtige Jugendkulturen
4.6.1 Teddyboys oder Teds
4.6.2 Mods
4.6.3 Rocker
4.6.4 Hippies
4.6.5 Jesus Freaks
4.6.6 HipHopper
4.6.7 Technoiden
4.6.8 Skater

5. Die Jugendkultur der
5.1 Skinheads
5.1.1 Geschichte der Skinheads
5.1.2 Blood and Honour-, S.H.A.R.P.- und Oi!-Skinheadgruppierungen
5.1.2.1 Blood and Honour
5.1.2.2 S.H.A.R.P.
5.1.2.3 Oi!
5.1.3 Skinhead – „a way of life“, der mit Gewalt Hand in Hand geht
5.1.4 Der Stil der Skinheads
5.1.4.1 Die Frisur
5.1.4.2 Die Schuhe
5.1.4.3 Die Beinbekleidung
5.1.4.4 Oberbekleidung
5.1.4.5 Tätowierungen
5.1.5 Skinhead-Musik – Entstehung des Rechtsrock
5.2 Punks
5.2.1 Geschichte der Punkbewegung
5.2.1.1 Ursprung des Begriffs Punk
5.2.1.2 Punk und Skinhead – gibt es Gemeinsamkeiten?
5.2.2 Punk – eine Absage an den gesellschaftlichen Fortschritt
5.2.3 Straight-Edge
5.2.4 Der Kleidungsstil der Punks
5.2.4.1 Haare
5.2.4.2 Make-Up
5.2.4.3 Jacken
5.2.4.4 Hemden, T-Shirts und Pullover
5.2.4.5 Hosen und Röcke
5.2.4.6 Schuhe
5.2.4.7 Accessoires
5.3 Gothics
5.3.1 Geschichte der Gothic-Bewegung
5.3.2 Wertvorstellungen und Lebensgefühl in der schwarzen Szene
5.3.3 Gothics und Satanismus
5.3.4 Mode und Styling
5.3.4.1 Die Farbe Schwarz
5.3.4.2 Kleidung
5.3.4.3 Haare
5.3.4.4 Accessoires
5.3.4.5 Körperschmuck
5.3.5 Musik der Gothics

6. Der Identitätsbegriff
6.1 Was ist Identität?
6.2 Eriksons Phasenlehre der Identitätsentwicklung
6.3 Identität und Jugendkultur

7. Abweichendes Verhalten
7.1 Definition: abweichendes Verhalten
7.2 Gruppenprozesse und abweichendes Verhalten im Jugendalter
7.3 Skinheads, Punks und abweichendes Verhalten
7.3.1 Skinheads und abweichendes Verhalten
7.3.1.1 Rechtsradikale Jugendgewalt
7.3.1.2 Zusammenfassung der SINUS-Studie zu rechtsextremistischen Einstellungen der Deutschen
7.3.2 Punks und abweichendes Verhalten

8. Streetwork und Aktionen gegen rechte Gewalt
8.1 Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen
8.2 Aktionen gegen rechte Gewalt
8.2.1 Mut gegen rechte Gewalt
8.2.2 Aktion Courage
8.2.3 Gesicht zeigen
8.3 Streetwork mit Punks
8.4 Streetworkeinrichtungen
8.4.1 Bunte Projekte
8.4.2 Walkman
8.4.3 Klik

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis
10.1 Internetquellen
10.2 Darstellungs- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Wie läufst du bloß wieder rum?

Zieh´ dir mal anständige Sachen an!

Deine Freunde sind der falsche Umgang für dich!

Nein, du gehst jetzt nicht schon wieder feiern, mach erst deine Hausaufgaben!

Schon wieder eine andere Haarfarbe, so darfst du dich aber nicht Oma zeigen!

Herr Wachtmeister, was hat mein Sohn schon wieder angestellt?

Du bist ein Junge und Jungen schminken sich nicht, schon gar nicht weiß!

Du läufst herum wie ein Leichenbestatter!

Eltern sprechen oft sehr vorwurfsvoll mit ihren Kindern, wenn es um ihre Kleidung und ihr Freizeitverhalten geht. In ihren Augen sollen sie adrett aussehen und sich benehmen können. Doch die Wünsche der Eltern werden nur selten erfüllt. Viele Jugendliche haben ihren Freundeskreis in einer Gruppe, die Ideale und Einstellungen, das äußere Erscheinungsbild und Verhaltensweisen gemeinsam haben. Sie haben sich eine eigene Kultur geschaffen, die frei von den konventionellen Ansichten der Eltern ist. Die Gleichaltrigen sind ihnen in dieser Phase ihres Lebens wichtiger als die eigenen Eltern, wodurch es dazu kommt, dass sich die Jugendlichen immer mehr von den Eltern ab- und den Freunden zuwenden. Sie leben in ihrer Szene und meiden in dieser Situation den Kontakt zur älteren Generation. Sie wollen nicht in die konventionellen Rollenverhältnisse der Eltern hineingeschoben werden.

Jugendliche Subkulturen waren schon in den 60er und 70er Jahren sehr rebellisch und mit der allgemeinen Bevölkerung auf Konfrontationskurs. Sie rebellierten gegen die „spießige“ Welt der Erwachsenen. Heute gibt es eine große Anzahl von Jugendsubkulturen. Viele von ihnen haben sich zu einer anerkannten Freizeitwelt gewandelt und werden von der übrigen Gesellschaft nicht mehr als Bedrohung angesehen, wobei es ebenso noch einige wenige gibt, die immer noch gegen die bestehende Gesellschaft rebellieren.

Derzeit erscheinen in den Medien Polizeiberichte, die jugendliche Straftaten darstellen, die bestimmten Subkulturen zugerechnet werden. Dokumentationen von obdachlosen, drogenabhängigen, feiernden und zurückgezogenen Jugendlichen überschwemmen das Fernsehprogramm. Es werden Reportagen gesendet, die Einblicke in die verschiedenen Szenen der Jugendlichen geben, wobei oft eine negative Darstellungsweise dominiert. Das Leben der Jugendlichen, deren Verhaltensweisen, Probleme und Beziehungen zur Kriminalität, sowie der Umgang mit ihnen wird im Fernsehen laufend thematisiert. Das Jugendgericht im Nachmittagsprogramm behandelt Straftaten von Minderjährigen und stellt dessen Motive dar, die nicht selten in Beziehung zu ihren Szenen stehen. Hierbei handelt es sich auch um Satanismus, Ausländerfeindlichkeit, Drogenkonsum usw. Abendliche Dokumentationen wie Die Streetworker veranschaulichen den Umgang mit Problemen der Jugendlichen und zeigen Lösungswege auf.

Die heutige Jugend wird oft nur negativ dargestellt, da positive Berichterstattung uninteressant und langweilig erscheint. Die Gesellschaft empfindet sie daher als schlecht, kann sie nicht verstehen und hat Angst vor ihnen.

Die Aktualität dieses Themas und die Frage welche Eigenheiten, Einstellungen, Äußerlichkeiten und kriminelle Verhaltensweisen einer bestimmten jugendlichen Subkultur zugerechnet werden, haben mich dazu bewegt, eine Arbeit mit dem Titel „Jugendliche Subkulturen zwischen Identitätssuche und abweichendem Verhalten“ zu verfassen.

In meinem späteren Beruf als Lehrer an Haupt- und Realschulen werde ich mit verschiedensten Jugendlichen in Kontakt kommen. Viele von ihnen werden sich während ihrer Identitätssuche einer Szene angehörig fühlen und sich nach ihren Idealen verhalten, was im Wesentlichen meinen Umgang mit ihnen bestimmen wird. Aus diesem Grunde erscheint es mir für den Lehrerberuf wichtig, dass man Einblicke in die verschiedenen Subkulturen gewinnt und diese nicht, wie es so oft die Gesellschaft macht, vorurteilsbehaftet und klischeeorientiert betrachtet.

In meiner Schullaufbahn und meinen praktischen Unterrichtspraktika kam ich oft in Kontakt mit Skinheads, Punks und Gothics, weswegen ich mich bei der Bearbeitung von jugendlichen Subkulturen auf die genauere Beleuchtung dieser Gruppen beschränke. Diese drei Subkulturen sind neben wenigen anderen die am häufigsten in den Medien thematisierten und wecken am meisten Aufmerksamkeit bei der Bevölkerung. Viele Menschen haben Angst vor Angehörigen solcher Gruppen, weshalb ich Einblicke in diese Szenen durch meine Arbeit ermöglichen möchte. Welche Erscheinungsbilder haben sie? Wie treten sie auf? Wodurch entsteht die negative Resonanz von der Bevölkerung? Ist die Angst vor Angehörigen solcher Gruppen berechtigt?

Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen Jugendalter und Subkultur? Welche Szenen und jugendlichen Subkulturen gibt es? Welche Eigenheiten haben Skinheads, Punks und Gothics ? Wird abweichendes Verhalten in diesen Gruppen gezeigt? Welche Rolle spielt die Identitätsfindung im jugendlichen Alter? Um diese Fragen zu beantworten, werde ich nach folgender Systematik vorgehen.

Der einleitende Teil gibt Begriffsbestimmungen an, ohne die das Verständnis der darauffolgenden Punkte unnötig erschwert wäre. Nach der Herausstellung der Besonderheiten des Jugendalters, folgt die allgemeine Darstellung der Subkultur, mit ihren Eigenheiten sowie eine beispielhafte Aufzählung jugendlicher Szenen. Anschließend wende ich mich speziell der Skinhead-, Punk- und Gothic szene zu und gebe Einblicke in deren Geschichten, Einstellungen, äußerliche Erscheinungsformen und Musik. Es folgt ein kurzer Abschnitt zum Identitätsbegriff, der eine Definition sowie eine Beschreibung der Identitätsentwicklung enthält. Außerdem werde ich die Beziehung zwischen Identität und Jugendsubkultur herausstellen. Darauffolgend gehe ich kurz auf das abweichende Verhalten ein und stelle eine Verbindung zu der Subkultur der Punks und Skinheads her. Zum Ende dieser Arbeit werde ich einige sozialpädagogische Konzepte in Form von Streetworkerprogrammen u.ä. vorstellen. Die Arbeit schließt mit einem Fazit.

2. Begriffsbestimmungen

Um sich mit dem Thema dieser Arbeit beschäftigen zu können, wird die Kenntnis über die Bedeutung einiger Begriffe benötigt. Auf den folgenden Bestimmungen basiert das Thema dieser Arbeit. Daher bietet es sich zum Einstieg in die Thematik an, sich mit den folgenden Begriffsbestimmungen auseinander zusetzen.

2.1 Jugend / Adoleszenz

Den Begriff der Kindheit versteht man als den Zeitraum bis zur Pubertät. Die folgende Entwicklungsphase bis zum Erwachsensein gilt als Zeit der Jugend oder der Adoleszenz. Der Begriff Jugend wird auch für eine bestimmte soziale Gruppe oder Alterskohorte, sowie einen bestimmten Zeitraum des eigenen Lebenslaufes verwendet. Adoleszenz hingegen wird im strengeren Sinne benutzt. Dieser Begriff beschreibt den speziellen Zeitraum für eine bestimmte Altersgruppe und wird umgangssprachlich unter dem Terminus Jugendliche zusammengefasst.[1]

In diesem Zeitraum finden physiologisch-biologische Veränderungen statt, wie das Erlangen der Geschlechtsreife (Menstruation bei den Mädchen / Ejakulation bei den Jungen) oder der puberale Wachstumsschub. Die Jugend beginnt mit der Übernahme sozialer relevanter Erwachsenenrollen, d.h. sie schließt mit der sozialen Reife ab. Je länger die Entwicklung der Lebens- und sozialen Strukturformen andauert, umso länger wird die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein und umso bedeutender werden die Probleme der Jugend als Übergangsphase von familiären zu öffentlich-kooperativen Sozialstrukturen. Die Vergabe der sozialen Rollen und die Statusverteilung erfolgen in den verschiedenen sozialen Bereichen nach unterschiedlichen Leistungskriterien und erst in zweiter Linie nach Lebensalter, so dass das Ende der Jugend nicht eindeutig bestimmbar ist.[2] Es ist durch die Verlängerung der Ausbildungszeiten und durch eine veränderte Einstellung zur „Abschließbarkeit“ von Lernprozessen und der Identitätsbildung heute sogar noch schwieriger zu bestimmen.

Die Entwicklung bis weit ins dritte Lebensjahrzehnt wird mit dem Begriff Post-Adoleszenz umschrieben.[3]

Jeder Mensch lebt in Beziehungen zu anderen, hat soziale Kontakte, und weiß sich in seiner Umgebung mehr oder weniger angemessen zu verhalten. Jeder wird in eine Gesellschaft hineingeboren und bekommt dort die gängigen Wert- und Normvorstellungen vorgelebt. Diese Verhaltensregeln, Gebräuche usw. sind Bestandteil einer Kultur. Wie kann man den Begriff Kultur jedoch angemessen beschreiben?

2.2 Kultur

Der Begriff Kultur kommt ursprünglich von dem lateinischen corele (deutsch = pflegen), was zunächst auf den Bodenbau bezogen war. Später entwickelte sich der Begriff cultura, dessen Bedeutung sich auf materielle sowie geistige Produkte und Fähigkeiten erweiterte.

„Heute versteht man unter K. die raum-zeitliche eingrenzbare Gesamtheit gemeinsamer materieller und ideeller Hervorbringungen, internalisierter Werte und Sinndeutungen sowie institutionalisierter Lebensformen von Menschen.“[4]

Kultur ist ein Begriff, der vielfältig gebraucht wird, sich hauptsächlich auf die Ethnologie bezieht, jedoch auch von anderen Sozialwissenschaften genutzt wird. Fuchs-Heinritz u.a.[5] sagen, dass alle Menschengruppen nach nicht von der Natur vorgegebenen Regeln leben und diese Regeln in irgendeiner Weise an ihre Nachkommen weitergeben. Dieser Sachverhalt beschreibt die Eigenschaften der Kultur. Das Verhalten, die Religion, die materielle Ausstattung, die sozial erworbenen Verhaltensweisen, die soziale Struktur, die literarischen/wissenschaftlichen/künstlerischen Leistungen, die Symbole, die Wertvorstellungen und Ideen werden den künftigen Generationen übermittelt.

Schäfers[6] gibt an, dass sich der Begriff auf Teile einer Kultur (Regionalkulturen), beschränkte Geltungsbereiche (Subkulturen), auf die Gesellschaft als Ganzes beziehen oder auch mehrere nahestehende Gesellschaften („abendländische Kulturen“) umfassen kann.

Schoeck[7] spricht davon, dass der Mensch an mehreren Kulturen gleichzeitig teilhaben und in ihnen funktionieren kann. Ebenso kann ein Mensch in eine Gesellschaft verflochten werden, ohne aber mit deren Kultur etwas zu tun zu haben. Wenn z. B. die Schwester einer Person von einem Lateinamerikaner geheiratet wird, ist die Person nach der Definition der eigenen wie auch der anderen Gesellschaft, in bestimmte Verwandtschaftsverhältnisse eingetreten. Die andere Kultur bleibt jedoch zunächst bedeutungslos.

Die einzelnen Kulturen unterscheiden sich durch bestimmte Auffassungen usw. von anderen. Diese bestehenden Werte und Normen können in einer anderen Kultur absurd oder unlogisch erscheinen.

„Gesellschaft ist ein Aggregat von sozialen Beziehung, K. der Inhalt dieser Beziehungen.“[8] Die Gesellschaft meint hier die menschlichen Komponente. Kultur ist die Komponente der angesammelten Vorräte, geistiger wie materieller Art.

Eine bestehende Kultur kann eine Haupt- oder Standardkultur haben und dazu noch zahlreiche Teil- oder Subkulturen beinhalten.

2.3 Subkultur

Der Begriff Subkultur bedeutet soviel wie „Unter-Kultur“. Dies ist ein System von Werten und Normen, Symbolen und Verhaltensweisen, die von der Gesamtgruppe mit deren bestimmten Eigenschaften allgemein anerkannt und geteilt werden, sofern dieses System innerhalb des Systems der Gesamtkultur ein relatives Eigenleben führt. Die Subkultur verleiht den Einzelnen ein höheres Maß an Identifikationsmöglichkeiten, da sie spezielle Lebensprobleme und Daseinsbedingungen besser berücksichtigt. Dies stärkt die Solidarität zur Eigengruppe und verstärkt die Gefahr von Konflikten zu anderen Gruppen.[9]

„Somit ist Subkultur ein Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Präferenzen, Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmaß von den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtkultur unterscheidet.“[10]

Fuchs-Heinritz u.a.[11] ergänzen, dass mehrere Bereiche mit Hilfe des Begriffs der Subkultur untersucht werden. Hierzu gehören z. B. deviante Gruppen wie z. B. Kriminelle, die Lebensstile und Wertvorstellungen von Schichten, Klassen und ethnischen Gruppen, die Gesellungsformen und expressiven Eigenheiten von Jugendkulturen wie auch die Lebensstile und gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen von Protestbewegungen und entsprechenden Szenen.

Die Begriffe Kultur und Subkultur werden nur allgemeinbedeutend dargestellt. In dieser Arbeit geht es jedoch um die jugendlichen Subkulturen oder Jugendkulturen. Wie kann man eben diese Gemeinschaft genauer beschreiben?

2.4 Jugendsubkultur / Jugendkultur

Der Begriff Jugendkultur meint nach Fuchs-Heinritz u. a.[12] die allgemeinen Gesellungsformen von Jugendlichen sowie die darin wirkenden Normen und Wertvorstellungen, durch die sich die Jugendlichen von Erwachsenen unterscheiden. Der Begriff wird manchmal unscharf gebraucht. Diese Kulturart ist eine eigenständige, von der Jugend bestimmte und für die Jugend angemessene Lebensweise. Andere Soziologen verstehen darunter ein Geflecht der altershomogenen Gruppen, Bekanntschaftsnetze und Cliquen. Coleman gibt an, dass diese Jugendkulturen eine autonome Wertewelt haben, welche sich von dem allgemeingängigen Weltbild differenziert. Andere wiederum verstehen darunter vor allem jene Gruppen, die sich ausdrücklich und in ihrer Lebensweise gegen die bestehende Gesellschaft richten. Ein integrativer Ansatz besagt, dass der Begriff der Jugendkultur als Bereich der von den Jugendlichen getragenen Vorstellungen, Lebensentwürfe, Stilelemente, Gesellungsformen usw. gilt.

Thiele[13] versteht unter Jugendkulturen relativ geschlossene kulturelle Systeme, Teilsysteme der jugendlichen Population, die innerhalb des Gesamtsystems unserer nationalen Kultur eine Welt für sich darstellen. Sie entwickeln strukturelle und funktionale Eigenheiten, die ihre Mitglieder in einem gewissen Grad von der übrigen Gesellschaft unterscheiden.

Der Begriff Jugendkultur meint im Hinblick auf den allgemeinen Kulturbegriff, dass hier spezifische Inhalte und Formen der materiellen, vor allem aber der geistigen Kultur ausgebildet werden: als Ausdruck von Eigenständigkeit, einem eigenen Lebensgefühl und eigenen Werthaltungen.[14]

Bei der Bestimmung des Begriffs treten Probleme auf. Es existiert nicht nur eine Jugendkultur, sondern viele einzelne Jugendkulturen. Sie drückt aus, welchen Stil der Kleidung, Körpersprache und Konzepte der Individualität Jugendliche haben.

Mit dem Begriff der Jugendkultur oder der jugendlichen Subkultur wird oft der Begriff Szene verbunden oder gleichgesetzt. Wann spricht man von einer Szene?

2.5 Szene

Der Begriff Szene gibt eine moderne Gesellungsform an, die durch ein gemeinsames Interesse an einer Freizeitbeschäftigung oder einen gemeinsamen Lebensstil konstituiert ist. Diese Gesellungsform beruht weder auf persönlicher Bekanntschaft aller Beteiligten noch auf stabilen Organisationsformen, also anders als eine Protestbewegung oder ein Hobbyverein.[15]

Jugendliche sind auf der Suche nach typischen Verbündeten. Sie möchten ihre Interessen und Neigungen mit anderen Gleichaltrigen teilen. Diese benötigten Gesinnungsfreunde finden sie meist nicht in ihrer direkten Umgebung oder in Sportvereinen. Sie finden sie eher in sog. single-issue-Gruppierungen wie den Skatern oder den Technoiden, eben in Szenen.[16]

Der Begriff der Szene ist sehr weit verbreitet. Eine Szene ist eine freiwillige Gemeinschaft, dessen Mitglieder oftmals das gleiche Alter haben. In der Regel sind es überregionale Phänomene mit lokalen Anbindungen.[17]

Jugendszenen haben im Alltag der Jugendlichen eine große Bedeutung. Großegger[18] gibt an, dass Szenen die alles überstrahlende Leitkultur der Jugend sei. Sie schaffe nicht nur eine attraktive Freizeitumgebung, sondern sorge auch für ein unverwechselbares Lebensgefühl. Sie umgeben Themen, die für Jugendliche attraktiv sind, wie z. B. die Musik. Folgende Szenen sind hier beispielhaft zu nennen: Die HipHop-, die Techno-, die Metal-, die Snowboarder-, die Skateboarder-, die Beachvolleyball- und die Computer-Szene.

In der gängigen Literatur überschneiden sich laufend die Begriffe „Jugendkultur“ und „Subkultur“. Werden diese Begriffe synonym verwendet? Gibt es derzeit eine klare Abgrenzung der Begriffe?

2.6 Jugendkultur statt Subkultur?

Der in den 60er und 70er Jahren dominante Begriff Subkultur wird heute nicht mehr so oft verwendet. In vielen Fällen wurde er durch den Plural Jugendkulturen ersetzt.

Offene, nicht von Erwachsenen pädagogisch betreute und kontrollierte jugendkulturelle Gruppen entstehen in vielen Fällen. Dies ist der Fall, da die Jugendlichen nur noch selten in altersheterogenen Gruppen (Eltern, Großeltern und Geschwister in einem Haushalt) aufwachsen. Die Jugendlichen sind unsicher, da sie nur noch über mangelnde Rollendefinitionen verfügen, nach denen sie ihr Verhalten bestimmen können. Sie haben keine Orientierungspunkte der Vergangenheit, nach der sie ihr Leben richten können, da sie in einer Gesellschaft leben, die sich mehr an der Zukunft als an der Vergangenheit orientiert. Die Orientierung in altershomogenen Gruppen ersetzt Sozialisationsdefizite von Familie, Schule und Ausbildung.[19]

Die Jugendlichen bleiben z. B. wirtschaftlich sowie in Lernen und Ausbildung in die Gesamtgesellschaft eingegliedert. In ihrer Freizeit haben sie jedoch eigene Symbole (Kleidung, Musik, Gruppen-Code usw.). Sie schließen Freundschaften in Peer-Groups und unternehmen dort ihre Aktivitäten.

Der Begriff Subkultur suggeriert, dass es sich hierbei um kulturelle Sphären handle, die unter der akzeptierten Grenze der elitären Kultur liegen. Dies ist nicht immer der Fall, weswegen dieser Ausdruck vermieden werden sollte. Ebenso legt der Begriff nahe, dass es sich hierbei um „Teilsegmente“ der Gesellschaft handelt, die genau auszudifferenzieren sind. Das trifft nicht immer zu, da die Jugendlichen in vielen Bereichen in der Gesamtkultur funktionieren – nur in ihrer Freizeit leben sie ihre eigene Kultur. Zudem geht die Subkultur-Theorie davon aus, dass die einzelnen Subkulturen präzise zu lokalisieren seien (in einer bestimmten Schicht oder politischen Grundhaltung). Dies ist ebenso oft nicht der Fall: Beispielsweise können Punks weder links, noch rechts oder grün, teils kommerziell, teils unabhängig sein. Unter dem gleichen Erscheinungsbild sind ganz unterschiedliche Formen der Selbstständigkeit und Abhängigkeit zu finden.[20]

„Und dennoch ist der Begriff [Jugendkultur] noch am ehesten geeignet, Jugendliche in ihrer freizeitbezogenen Gruppenzugehörigkeit zu charakterisieren. Denn es handelt sich um eine ´Kultur´ von Jugendlichen, verstanden als Art und Weise, wie die sozialen Beziehungen einer Gruppe strukturiert und geformt sind.“[21]

Heute spricht man auf Grund dieser Jugendkultur-Subkultur-Diskussion meist von der Jugendkultur. Es wird versucht diese beiden Begriffe zu differenzieren. Sicher ist jedoch, dass Jugendkulturen (wie es meist heißt) oder die Subkultur als eine besondere Form von abweichendem Verhalten angesehen werden. Sie sind eine Widerstandsbewegung oder Absetzbewegung. Sie gelten als der Katalysator der gesamtgesellschaftlichen Probleme und als gesellschaftsverändernde Potenz.[22]

Egal, wie die Diskussion über die „richtige“ Bezeichnung ausgehen wird, „vor allem für die Angehörigen der ´unfreiwilligen´ Subkulturen (Obdachlose, Gefängnisinsassen usw.) dürfte sich wenig verändern.“[23]

Farin und Baacke[24] sind der Ansicht, dass der Begriff Subkultur für die vielen „freiwilligen“Subkulturen (z. B. Skinheads) weiterhin Sinn macht. Wie auch Bell und andere den Begriff der Jugendkultur synonym mit dem der Subkultur verwenden, werde ich mich in meiner Arbeit nicht strikt an einen der beiden Begriffe halten. Beide Begriffe haben eine erkennbare Bedeutung, so dass man mit ihnen arbeiten und das Gemeinte verstehen kann.

Der Begriff Jugendkultur beinhaltet das Wort „Jugend“. Sie ist eine Kultur von der Jugend für die Jugend. Wie kommt es, dass die meisten Jugendlichen Bestandteil einer Jugend- oder Subkultur sind? Gibt es Besonderheiten, die das Jugendalter aufweist?

3. Einblicke in die Besonderheiten des Jugendalters

In diesem Teil meiner Arbeit gehe ich kurz auf das Jugendalter ein. Die Besonderheiten des Jugendalters sind wichtig, um zu verstehen, wie Jugendliche in ihren Gemeinschaften denken und welche Werte sie haben. Die Adoleszenz wird als der Zeitraum angesehen, der zwischen der Kindheit und dem Erwachsenendasein liegt. In dieser Entwicklungsphase muss der Jugendliche Probleme überwinden. Sei es die neuerlangte Geschlechtsreife, das Auskommen mit den Eltern oder aber die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Der Zeitraum beinhaltet eine Menge Hürden, die der Jugendliche zu nehmen hat.

3.1 Psychobiologische Aspekte zum Jugendalter

Die Zeit des Übergangs von einem Kind zu einem Erwachsenen ist für den Jugendlichen sehr bedeutend. Es herrscht eine gewisse Übergangsangst, die mit der jugendlichen Selbstachtung zusammenhängt. Entspricht der potentielle Status dem angestrebten Status, ist die Selbstachtung hoch, wenn nicht, ist sie niedrig. Durch den Übergang ist die Selbstachtung bedroht, da man in völlig neue Rollenverhältnisse, wie z. B. die Rolle eines Mannes eintritt, ohne zu wissen, wie man sich in ihnen zurecht finden wird. Die Jugendlichen können sich überrannt fühlen, da der Beginn der Entwicklung oft abrupt anfängt. Ebenso ist bei manchen Jugendlichen die Entwicklungsphase schneller abgeschlossen als bei anderen. Spätentwickler, genauso wie Frühentwickler haben daher enorme Probleme. Sie müssen damit zurecht kommen, dass sie anders sind als Gleichaltrige.[25]

Das Jugendalter schließt nicht nur physische Veränderungen, wie das Wachsen der Hoden, Brüste und Schambehaarung sowie den Stimmbruch ein, sondern auch alle Veränderungen des Verhaltens, der Emotionen, des sozialen Bereichs und der Persönlichkeit, die während dieser Entwicklungsperiode eintreten. Bei den Jungen finden Vergleiche zwischen ihren Genitalien, bei Mädchen zwischen ihren Brüsten statt, woraus sich psychische Probleme bei einigen Jugendlichen ergeben können.

„Ganz gleich, ob der erste Samenerguss und die erste Regelblutung früher oder später einsetzen – sie sind für Jungen und Mädchen häufig ein dramatisches Ereignis, das ihnen vor allem dann Probleme bereitet, wenn sie darauf nicht angemessen vorbereitet worden sind.“[26]

Das Skelett der Heranwachsenden verändert sich. Es werden die Proportionen der Erwachsenen angenommen. Der etwas zu große Kopf wird den anderen Körperteilen angepasst und der Jugendliche erhält das Erscheinungsbild eines Erwachsenen. Mit dem Wachstumsschub erfolgt eine Zunahme des Körpergewichts und der Kraft, wodurch der gesamte Bewegungsapparat verbessert wird. Außerdem ändern sich in der Pubertät die Interessen der Jugendlichen. Das Bild vom eigenen Körper gelangt genauso wie das sexuelle Bewusstsein in den Fokus. Die Jugendlichen werden an ihre biologische Geschlechtsrolle herangeführt und verändern ihren emotionalen Ausdruck.[27]

Im Jugendalter reift die Persönlichkeit. Der Teenager löst sich von der Abhängigkeit der Eltern und wendet sich den Gleichaltrigen zu, da diese für die Persönlichkeitsentwicklung bedeutender als die eigenen Eltern geworden sind. Die Veränderungen des Körpers, wie auch neue Gefühlerlebnisse und Erfahrungen können das Selbstwertgefühl der Jugendlichen in Frage stellen. Hier sind die Eltern meist nicht mehr die richtigen Ansprechpartner.

„Eine zunehmende Bedeutung gewinnen in dieser Situation aber die Gleichaltrigen, vor allem solche, die sich mit gleichen Problemen auseinander zu setzen haben und allein schon deshalb am besten wissen, wie einem zumute ist, wenn Krisensituationen die eigene Sicherheit erschüttern.“[28]

Ebenso findet die moralische und religiöse, wie auch die intellektuelle Entwicklung verstärkt in der Zeit des Jugendalters, also neben körperlichen auch soziale Veränderungen, statt.

3.2 Psychosoziale Aspekte zum Jugendalter

Wenn Kinder in das Jugendalter eintreten, streben sie nach Unabhängigkeit und Gleichstellung mit den Erwachsenen. Die Jugendlichen werden von der Gesellschaft jedoch noch nicht als erwachsen angesehen. Sie befinden sich noch in der Entwicklung und haben noch nicht die typischen Merkmale, die einen Erwachsenen auszeichnen, wie z. B. eine abgeschlossene Schulausbildung, einen erlernten Beruf usw. Deswegen gilt: je komplexer die Kultur der Gesellschaft ist, in der sich die Jugendlichen befinden, desto länger dauert die psychische Entwicklung an, bis die Jugendlichen den Status eines Erwachsenen erreicht haben. Ebenso ist die Länge des Jugendalters von der jeweiligen Schichtzugehörigkeit abhängig. Die obere Schicht der Reichen legt großen Wert auf Familientraditionen, während die mittlere Schicht großen Wert auf die Schulbildung legt. Die Jugendlichen der armen Schicht heiraten z. B. meist sehr früh und bekommen schnell Kinder, wohingegen die mittlere Schicht gewöhnlich länger mit der Heirat wartet. Die psychische Entwicklung und Orientierung ist zudem abhängig von den Wertvorstellungen der Familie und des sozialen Umfeldes.[29]

Wie schon mehrfach angedeutet erfolgt im Jugendalter die Hinwendung zu Gleichaltrigen. Die Gleichaltrigengruppe hilft bei der Loslösung vom Elternhaus, bietet Entscheidungshilfen, bietet sich zum Vergleich an, was die Vorraussetzung zur Bildung des eigenen Selbstbildes und der Identität ist und trainiert die sozialen Fertigkeiten, mit denen die Jugendlichen ihre sozialen Kontakte pflegen können.[30]

Der Heranwachsende ist an einer Gemeinschaft interessiert und versucht Gruppenerfahrungen zu sammeln. Zudem ist er in dieser Zeit sehr viel empfindlicher für das Entgegenkommen oder das Ablehnen durch bestimmte Personen. Der Freundschaftsbegriff wurde verändert. Wenn es zu Kindeszeiten Freundschaften im Sinne von Spielpartnern gab, ist der Begriff der Freundschaft im Jugendalter sehr viel spezieller. Es bilden sich Freundschaften, die oft für Jahre oder sogar ein Leben lang halten. Nun verbindet man hiermit dieselben Interessen, Vorlieben oder Aktivitäten. In der Gruppe von Gleichaltrigen gewinnt der Jugendliche Selbstachtung, ihm wird ein bestimmter Status verliehen. Das „Wir“ –Gefühl der Gruppe verleiht ihm ein Gefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit. Die Angehörigen der Gruppe sind Bezugspersonen und helfen bei der Orientierung im frühen Jugendalter. Sie sind eine Barriere gegen die Autorität aus dem Elternhaus und verhelfen zur Autonomie.[31]

Die Jugend grenzt sich von den Erwachsenen ab, sammelt eigene Erfahrungen unter Gleichaltrigen und hat andere Werte als die Erwachsenenwelt. Welche Werte haben die Jugendlichen? Möchten sie nicht angepasst in der Gesellschaft funktionieren?

3.3 Die Wertorientierung der Jugendlichen

„Wünsche nach Selbstbestimmung und Genuss am Leben gerieten in Konkurrenz zum Respekt vor Autoritäten, zu Anpassung und Leistung.“[32] Jede neue Generation hat den Wunsch nach Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung.

Insgesamt sind für die Jugendlichen die Leitwerte des Lebens dieselben wie für die Erwachsenen. Die Jugend befindet jedoch andere Werte für wichtiger, als die Leistung und Angepasstheit der Erwachsenen. Den meisten Jugendlichen bedeuten Freundschaften und Partnerschaften sehr viel. Das Familienleben, wie auch viele Kontakte, Eigenverantwortung, Kreativität, Sicherheit, Gesetz und Ordnung wie auch Unabhängigkeit sind jugendliche Werte, die weit über Konformität, Politikengagement, Gottesglauben oder Macht und Einfluss stehen. Der soziale Aspekt nimmt eine bedeutende Rolle in dem Leben der Jugendlichen ein.

Im Gegensatz zu den Erwachsenen bewerten die Jugendlichen den Aspekt der Freundschaft höher als den der Familie. Der Kontakt zu anderen Jugendlichen wird höher bewertet als der Kontakt zur Bevölkerung im Ganzen. Die Jugend strebt danach ihre Bedürfnisse und Kreativität auszuleben. Der Lebensgenuss ist für sie wichtiger als für die restliche Bevölkerung. Die Jugendlichen legen im Gegensatz zu den älteren Generationen sehr viel Wert auf Toleranz. Das Gesundheitsbewusstsein ist den älteren Generationen hingegen wichtiger. Die Jugendlichen wollen ihr Leben genießen, ob es ihrer Gesundheit schadet, ist ihnen meist egal. „Der einzige Weg, das Leben zu ertragen, ist es zu genießen.“[33] Den älteren Generationen ist der Glaube und die Religion wichtiger als den Jugendlichen. Die Werte der jugendlichen Jungen und Mädchen sind gleich, es gibt hier keine spezifische Verteilung.

Die Jugendlichen durchlaufen in der Zeit des Jugendalters eine Zeit der Entdeckung, Orientierung, Gruppierung und Abgrenzung. Sie sind gerne unter sich, was ihnen dabei hilft, einen sozialen Status zu erreichen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und eine Identität zu erlangen. Sie grenzen sich auch in Bezug auf ihre Wertvorstellungen teils von den älteren Generationen ab. Sie bilden eine eigene Subkultur der Gesellschaft. Wie kann man eine Subkultur charakterisieren? Herrschen Normen in ihr? Welche Subkulturen gibt es überhaupt? Diese Fragen werde ich im folgenden Teil meiner Arbeit behandeln.

4. Jugend(sub)kulturen

Sehen sich Jugendliche als Teil einer Subkultur, ist es:

„Die besondere Rolle der Freizeit als Sphäre der Konsumtion, in der die altershomogenen Gruppen Jugendlicher ihr ´psychosoziales Moratorium´ gefunden haben, eine Nische, die relativ freies und unbeobachtetes Agieren gestattet.“[34]

Jugend ist das Abbild der jeweiligen Gesellschaft. Sie versucht sich von den gängigen Konventionen der älteren Generationen zu lösen und definiert somit neue Lebensstile. Sie ist eine Erneuerungsbewegung, die von den Erwachsenen durch Argwohn und Ignoranz bestraft wird. Jung sein bedeutet, sich auf eine ungewisse und steinige Gratwanderung von Gefühlen und Emotionen einzulassen. Bei der Formung eigener Lebensentwürfe durchleben die Jugendlichen oft ein Wechselbad der Gefühle, zwischen Ohnmacht und Euphorie. Protest, Provokation und Rebellion machen das Handeln der Jugendlichen schwer berechenbar.[35]

Die Jugendlichen sind Angehörige einer Subkultur. Warum gibt es jedoch Subkulturen ? Warum sind Jugendliche meist Angehörige von ihnen?

4.1 Das Konzept der Subkultur in der Soziologie

Die Soziologie geht davon aus, dass sich Einzelpersonen wegen einer unübersichtlichen und differenzierten Welt eher an Personen mit einer vermeintlich günstigeren Zukunftsperspektive orientieren, als an Personen ihres unmittelbaren Umfelds. Diese Anderen können Individuen sein, jedoch auch Gruppen (z. B. Gruppe der Gleichaltrigen) oder Bezugsgruppen (z. B. die Fangemeinschaft eines Fußballclubs). Um sich in der Welt orientieren zu können, ist neben den anderen Bezugspersonen/-gruppen auch die individuelle Selbsteinschätzung sehr bedeutend.

Die Jugendlichen sind in das gesellschaftliche System des komplizierten Geflechts von Schichten- und Rollenzuweisungen eingebunden. Der Jugendliche ohne Freunde und soziale Kontakte, also der „soziale Außenseiter“, hat es schwerer als der sozial-kompetente Jugendliche sein „Ich“ zu entwickeln und zu behaupten. Er muss sich ohne soziale Kontakte gegen eine Stigmatisierung (z. B. aufgrund von Schichtzugehörigkeit und dem daraus resultierenden Verhalten) stellen.[36]

Die Stellung eines Außenseiters hängt eng mit der Art und Weise zusammen, wie andere ihn wahrnehmen, einstufen und beurteilen. Das „Selbst“ bildet sich in ständiger Konfrontation mit sozial anerkannten Kategorien und Rollen heraus. Somit wird jede Zurückweisung eines bestimmten gesellschaftlichen Status als eine Ablehnung des „Selbst“ empfunden.

Die Identität einer Person hängt entscheidend von der Unterstützung der Gruppe bzw. Subkultur ab. Bekommt jemand keine Unterstützung und wird dadurch in seinem „Selbst“ nicht bestätigt, kann er somit nicht zu seiner Identität finden. Ist dieses der Fall, kann man ihn als sozialen Außenseiter ansehen.

Die Gleichaltrigengruppe hat bestimmte Funktionen, die dem einzelnen Jugendlichen hilft, sich in seiner sozialen Umwelt zurecht zu finden.

Jeder ordnet seine soziale Welt kognitiv, so dass der Handelnde ihr gegenüber handlungsfähig wird und Lösungsmuster entwickelt, um mit den Anforderungen der Außenwelt umgehen zu können. Wenn man mit den Anforderungen nicht zurecht kommt, wird das Selbstwertgefühl beeinträchtigt.

Die Antwort hierauf können individuelle und kollektive Lösungsversuche sein. Individuelle Auswege sind eher defensiv. Der Jugendliche zieht sich zurück und vermeidet soziale Kontakte. Ein kollektiver Lösungsversuch kann sein, dass der Jugendliche Verhaltensmuster einer sozial anerkannten Identität annimmt.[37]

Wie betrachten Subkulturtheoretiker das Phänomen der Subkultur ? Sind alle Subkulturen gleich und verfolgen dieselben Interessen? Diese Fragen werden in dem folgenden Unterpunkt meiner Arbeit behandelt.

4.2 Die Theorie der Subkultur

Wir leben in einer Kultur, in der es zahlreiche Subkulturen gibt. Schwendter[38] unterscheidet im Gegensatz zu Baacke vorerst zwei Typen von Subkulturen, nämlich die Teilkulturen und die Gegenkulturen. Die Teilkulturen wirken innerhalb des herrschenden Systems, während die Gegenkulturen, wie der Name schon verrät, gegen dieses herrschende System wirken. Baacke[39] selbst verwendet die Begriffe Subkultur und Teilkultur synonym, beschäftigt sich jedoch auch mit der Subkulturtheorie von Schwendter. Laut ihm ist eine Teilkultur keine eigenständige Kultur, die von oder aus der Jugend hervorgeht. Sie ist eine Kultur für die Jugend. Sie ist eine Konsum- und Kompensationskultur mit hohem Integrationsgrad. In ihr werden Dinge kommerzialisiert und allgemein akzeptierbar gemacht, wodurch das Kritik- und Konfliktpotential der Jugendlichen abgebaut wird. Teile der Erwachsenenbevölkerung richten sich ebenfalls nach dieser Freizeit-, Mode- und Konsumkultur aus, so dass sie einen zusätzlichen Integrationsfaktor erhält. Hierdurch wird sie zur „dominanten Teilkultur“ unserer Gesellschaft.[40]

„Subkultur ist nicht gleich Subkultur; auch Gegenkultur ist nicht gleich Gegenkultur.“[41] Das Hauptaugenmerk von Schwendter richtet sich nicht auf diese Teilkulturen, sondern vielmehr auf die politisch orientierten oder wirksamen Gegenkulturen. Er differenziert hier den Begriff der Gegenkultur in progressive und regressive Subkulturen. Die progressiven Subkulturen versuchen mit Hilfe ihrer Normen, Institutionen usw. den gegenwärtigen Stand der Gesellschaft aufzuheben, weiterzutreiben oder einen grundsätzlich neuen Zustand zu erarbeiten. Die regressiven Subkulturen hingegen versuchen mit Hilfe ihrer Normen, Institutionen usw. einen vergangenen Stand der Gesellschaft wieder herzustellen. Hierzu gehören z. B. die Normen, die nicht mehr, oder nicht mehr in der alten Weise in der gegenwärtigen Gesellschaft wirkend sind. Die progressiven Subkulturen wollen das gesamtgesellschaftliche Wertordnungssystem umgestalten, wohingegen regressive Subkulturen im allgemeinen nur einen Austausch der derzeitigen Amtsinhaber wollen. Progressive Subkulturen entstammen meistens dem Proletariat, während die regressiven Subkulturen meist dem Kleinbürgertum entspringen, was auch in Folge der zahlenmäßigen Verringerung des Kleinbürgertums die relative Abnahme regressiver Subkulturen erklärt.[42]

Schwendter unterteilt die progressiven Subkulturen wiederum in zwei weitere Typen: in rationalistische Subkulturen und emotionelle Subkulturen.

Laut ihm legen rationalistische Subkulturen großen Wert auf:

„Analysen, Praxis zur kompakten Majorität und zu unfreiwilligen Subkulturen hin, Selbstbestimmung, konkrete Arbeit an den technologischen Möglichkeiten: insbesondere politische Subkulturen, Studenten- und Intellektuellengruppen, politisierte ethnische Minderheiten, Randgruppenarbeiter.“[43]

Emotionelle Subkulturen legen großen Wert auf:

„individuelle Freiheit, Entwicklung des individuellen Bewußtseins, allgemeine Futurologie – bis zu einer kosmologischen Futurologie: insbesondere Gammler, Hippies, Beatniks, Provos, Bohème, esoterische Gruppen, mit Vorbehalten die Rocker.“[44]

Baacke und Schwendter sehen in Subkulturen eine gesellschaftsverändernde Kraft.

Es gibt Subkulturen als Teil- und Gegenkulturen. Nach welchen Regeln leben sie? Befolgen alle Subkulturen dieselben Regeln?

4.3 Normen der Subkulturen

Theoretisch gesehen wollen die subkulturellen Gruppen die Normen der Gesamtgesellschaft umkehren. Sie streben somit eine Verminderung der Arbeit, Aufhebung der Arbeitsteilung, das Lustprinzip, Abbau von Konkurrenz und Wettbewerb, Abbau von Schichtung, Hierarchie und Positionssysteme, mangelndes erfolgs- und prestigeorientiertes Denken, Konsumaskese, Abschaffung der Geldwirtschaft wie auch die überwiegende Abschaffung des Privateigentums an.[45] Schwendter spricht hier von den Gegenkulturen zu denen nur noch wenige der heute existierenden Sub- oder Jugendkulturen gehören.

Da von verschiedenen Autoren die Begriffe Subkultur und Jugendkultur synonym verwendet werden, muss eine Abgrenzung von den Begriffen Jugendkultur und Jugendsubkultur folgen. Der Subkulturbegriff ist negativ belegt, da er ausdrückt, dass abweichendes Verhalten praktiziert wird, welches Widerstand und Veränderung in Gang setzen soll.[46] Es praktizieren jedoch von den vielen momentanen Subkulturen Jugendlicher nur wenige Widerstand durch abweichendes Verhalten. Daher ist der Begriff Jugendkulturen geeigneter als der Begriff der Subkultur. Der Einfachheit halber werde ich weiterhin keine strikte Trennung der beiden Termini machen.

Natürlich kann man nicht davon sprechen, dass durchweg alle Subkulturen jeweils alle diese Ziele haben. Subkulturen vertreten jeweils nur bestimmte Standpunkte und streben nur einige der genannten Ziele an. Andere Subkulturen jedoch unterscheiden sich von der gesamtgesellschaftlichen Kultur nur in wenigen bedeutenden Punkten, wie etwa dem Kleidungsstil. Jede Subkultur hat ihre eigenen Interessen, nach denen sie sich von anderen Subkulturen oder der Gesamtkultur abgrenzen. Das können Verhaltensunterschiede oder eine Abgrenzung zu anderen durch ihre Musik sein.

„Musik ist längst zum Bindeglied fast aller subkulturellen Strömungen in der Gegenwart avanciert und ist gleichzeitig ein wichtiger Gegenstand zur Abgrenzung sämtlicher multikultureller Stilrichtung.“[47]

Schwendter gibt weitere Normen der subkulturellen Gruppen wie Solidarität, Antikonventionalismus, abweichenden Stil, Kleidung, Haare, Sprache, sexuelle Freiheit, Liebe, Kreativität, Dezentralisierung, allseitige Entfaltung, Selbsttätigkeit, Vernunft, Reflexion, Aktion, Drogenkonsum, Kooperation, Phantasie, Minoritätenfreundlichkeit, Freiheit, Gleichheit, Frieden, Spontaneität, Spielregelverletzung, Meinungsfreiheit, Standfestigkeit oder Kameradschaft usw. an.[48]

Auch hier kann man erkennen, dass diese Normen nicht jeder subkulturellen Strömung zugesprochen werden dürfen. Die Subkultur der Rechtsextremisten wird sicherlich die Norm der Minoritätenfreundlichkeit nicht in ihre Auffassungen einbezogen haben. Sie wird hier eher eine gegenläufige Norm befolgen.

Jede jugendliche Subkultur hat interne Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Weltanschauung, der Aktivitäten, der Kleidung, der symbolischen Handlungen, der Sprache und anderer Elemente eines Lebensstils die zu einem Zugehörigkeitsgefühl führen und sich von anderen Subkulturen durch diese verschiedenen Auffassungen abgrenzen.[49] Z. B. würde ein Neonazi eine Diktatur, ein Punk wiederum eine Anarchie als Regierungssystem bevorzugen. Diese Auffassungen grenzen sich gegenseitig ab und überschneiden sich in dieser Hinsicht nicht.

Die von Schwendter genannten Normen sind somit den Subkulturen allgemein zugesprochen worden. Natürlich vertreten die verschiedenen Subkulturen verschiedene Normen, die ihre Sichtweisen repräsentieren. Keine Subkultur lebt nach allen erwähnten Normen, sondern jede sucht sich die in ihren Lebensstil passenden Normen, die ihr Weltbild vertreten. Hierzu gehören die Auffassungen, wie auch die Einstellungen und Kleidungsstile. Kann man jedoch einen Kleidungsstil nur einer bestimmten jugendlichen Subkultur zusprechen? Kann es nicht sein, dass auch andere Jugendliche sich einem bestimmten Stil anschließen, ohne ihn „wirklich“ zu leben?

4.4 Jugendkulturelle Stile zwischen Kommerzialisierung und Selbstinszenierung

Jugendliche Subkulturen grenzen sich durch ihr Outfit, Verhaltensweisen und Lebensstile von anderen Jugendkulturen und der Gesamtgesellschaft ab. Sie drücken so ihre Zugehörigkeit zu einer Bestimmten Gruppe aus.

„Jeder muss sich nicht nur individuell behaupten und durchsetzen, sondern auch noch in einer Art ´vorbildlose´ Eigenverantwortung und subjektiver Gewißheit seine – freilich hochgradige vergesellschaftete und institutionenabhängige – individuelle Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit gerade auch durch Stilbildung und Trendsetting in der Mode inszenieren.“[50]

Heute werden viele ehemals subkulturelle Stile kulturell verallgemeinert, normalisiert und entdramatisiert. Die heutigen Mainstreamkulturen saugen alles Subkulturelle über schnelle Mediatisierung und Kommerzialisierung auf und bringen sie daher zum Verschwinden. Auch Brake spricht hier von der „massenhaften Vermittlung jugendlicher Subkulturen“[51] durch die Medien. Jugendkulturen verbreiten sich derart, dass die Jugend insgesamt soziokulturell beeinflusst wird und zudem die Übergänge zur Massenkultur der Erwachsenen fließend werden. Hierdurch kommt es dazu, dass die Modeerscheinungen einer bestimmten jugendlichen Subkultur auch bei Anhängern der Gesamtkultur zu finden sind. Man kann also in Bezug auf die Mode oft nicht mehr von einer Teilkultur der Gesamtkultur sprechen. Als Subkulturen kann man diejenigen charakterisieren, die kleinere Einheiten, stärker lokalisierte und differenziertere Strukturen repräsentieren. Hierzu gehören auch Jugendsubkulturen wie z. B. die Gothicszene, deren Kleidungsstil noch nicht so weit wie die Mode der Skaterszene verbreitet ist. Die „Jugendkulturmacher“ orientieren sich an den Jugendsubkulturen, übernehmen einige Programmpunkte des Lebensstils und kommerzialisieren diese, was zu einer Verallgemeinerung der (sub-) kulturellen Lebensstile führt. Es handelt sich heute hauptsächlich um alltags- und jugendkulturelle Stilvariationen und Gruppierungen, die sich international ausbreiten und unter verschiedenen Formen von Selbstverwirklichung, Selbstbehauptung und Abhängigkeit agieren. Es ist davon auszugehen, dass diese jugendkulturelle Stilbildung nicht klassen- oder schichtabhängig ist. Heutzutage ist eine Stilmischung verschiedenster Jugendkulturen zu beobachten.[52]

Es gibt jedoch auch jugendliche Subkulturen, die trotz der Kommerzialisierung relativ eigenständig agieren, wie z. B. die Skinhead- Szene. Die Jugendlichen grenzen sich trotzdem noch in ihren Kulturen von der Gesamtkultur bedeutend ab. Man muss zwischen den „Mitläufern“ einer Jugendkultur und den wirklich nach ihr lebenden unterscheiden. Ein Punk ist nicht gleich ein Punk, nur weil er sich so kleidet.

Die Mode der jugendlichen Subkulturen mit ihren geschlossenen Stilwelten schützt vor einem rasanten Wechsel der Mode, man bleibt seinem Stil treu. Sie dient als Distinktionsmittel zu anderen Gruppen.

In jeder jugendlichen Subkultur gibt es bestimmte Szene-Codes. Hierunter versteht man alle sprachlichen, musikalischen, bildlichen wie auch mimetischen Zeichen, die das „Design“ einer Szene oder Subkultur bestimmen. Hierzu gehört ebenfalls die Kleidung oder Mode der jeweiligen Gruppe. Dies ist eine wichtige Demonstration der Szenenzugehörigkeit, denn in „ ihr geht es um sehen und gesehen werden“[53].

Diese Jugendmode trat verstärkt zu Beginn dieses Jahrhunderts mit dem Wandervogel auf, die auch als Anti-Mode tituliert wurde. Sie gilt als Protest an die Angepasstheit der Eltern und drückt Gleichaltrigenbeziehungen, Geselligkeit, Originalität, Stilisierung, Authentizität und Selbstständigkeit aus.

4.5 Die erste Jugendkultur: der Wandervogel

Heute kann man davon ausgehen, dass der Wandervogel wohl die erste Jugendkultur war. Die Gründung des Vereins erfolgte am 4. November 1901 in Steglitz bei Berlin. Diese bürgerliche und proletarische Jugendbewegung entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst unabhängig von großen Erwachsenenorganisationen. Ihr wurde bis in die frühe Nazizeit hinein Autonomie gelassen. In diesem Verein waren jene Jugendlichen, die auf der Suche nach jugendeigenen und jugendgemäßen Lebensformen in selbstgestalteten Freiräumen neben Familie und Schule waren. Die Wandervögel waren keinesfalls als Rebellion, Aufstand oder Protestbewegung gedacht.[54]

1902 wurden auch außerhalb von Steglitz Wandervogel-Gruppen gegründet, so dass sich diese Jugendkultur sehr schnell ausbreitete. Auch die Mädchen wollten dem Wandervogel beitreten. Es wurden Debatten über gemischte Gruppen geführt, dann einzelne Gruppen der Wanderschwestern ins Leben gerufen, ein Alkohol- und Nikotinverbot erteilt usw.

Der Begriff Jugendkultur bedeutet eine besondere und ihrem Leben angemessene Lebensführung der Jugend, nämlich das Besitzen eines besonderen Lebensstils. Der Wandervogel ist daher als eine Jugendkultur anzusehen, denn es war nicht nur ein Verein für Schülerwanderungen, sondern das Wandern verlieh den Jugendlichen den Ausdruck eines spezifisch jugendlichen Lebensgefühls und gab zugleich die benötigte jugendliche Selbstbestätigung. Das Wandern diente dazu, sich von ihren Familien zu lösen, sich abzusondern und gab dazu Gelegenheit sich eine eigene Geselligkeit zu bilden. Die Jugendlichen wollten unter sich sein, unabhängig von den Erwachsenen agieren und sich mit ihren eigenen Interessen beschäftigen.[55]

Die Anhänger dieser Jugendbewegung sangen beim Wandern Volkslieder, trieben Sport, amüsierten sich bei Kriegs- und Geländespielen und kochten (strikt vegetarisch) am abendlichen Lagerfeuer. Der Wandervogel war sehr individualistisch. Am Lagerfeuer ließen die Jugendlichen ihren Gefühlen freien Lauf, der kameradschaftliche Gruß „Heil“ hatte die verhassten konventionellen Grußformen ersetzt und unterstrich gleichzeitig die Gleichheit der Anhänger. Sie hatten ihre eigene Mode; es trugen nämlich alle Jungen Lederhosen, alle Mädchen ein Dirndl und ihre angebliche Aussprache für sexuelle Freiheiten brachten der Bewegung einen Ruf des Rebellischen ein. Die Bewegung der Wandervögel wollte nicht, wie die Alten, mit Schlips und Kragen herumlaufen, sie wollten sich freier bewegen. Sie grenzten sich mit Accessoires und ihrer Freizeitkleidung von anderen ab.[56]

Anhand der jeweiligen Eigenheiten der Wandervogelbewegung kann man gut erkennen, dass es sich eindeutig um eine Jugendkultur handelt. Sie verfolgt ihre Interessen, kleidet sich anders und differenziert sich somit von der „normalen“ Gesellschaft. Die Mitglieder leben ihren eigenen Lebensstil, grenzen sich von der Familie ab und wendeten sich den Gleichaltrigen zu.

Der Wandervogel ist heutzutage nicht mehr aktuell. Es haben sich bis heute viele weitere Jugendkulturen gebildet. Einige von ihnen sind wieder verschwunden und andere sind derzeit noch sehr präsent. Welche Jugendkulturen gibt es?

4.6 Aktuelle und geschichtlich einzuordnende wichtige Jugendkulturen

„Unbestreitbar ist: die entscheidenden [...] Impulse, die Jugendkulturen hierzulande erhalten haben, kommen aus den USA.“[57] Von welchen jugendkulturellen Strömungen kann man hier sprechen? In diesem Abschnitt meiner Arbeit stelle ich kurz einige wichtige Jugendkulturen bzw. Jugendsubkulturen vor.

4.6.1 Teddyboys oder Teds

Schon in den späten 40er Jahren erschien eine Jugendkultur der Arbeiterjugend – die Teddyboys oder Teds. Diese Kultur setzte sich aus Jugendlichen zusammen, die über keinerlei Ausbildung verfügten. Sie rebellierten, weil sie sich vom Schicksal benachteiligt fühlten und der bürgerliche Status für sie nur ein unerfüllter Traum blieb. Sie trugen dreiviertel Jacketts mit Samtkragen, Röhrenhosen, Schuhe mit Kreppsohle und Kordelschlipse. Sie erkauften sich also ihren Status mit modisch-adretten Anzügen. Ihre Lebensaussichten waren nicht gerade gut. Daher kamen die „Eckensteherei“ und die Provokationen an Wochenenden. Mit ihnen waren Kinokrawalle, militante Auseinandersetzungen zwischen Gangs und ziellose Zerstörungen verbunden. Sie bevorzugten den Musikstil des Rock and Roll.[58]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Teddyboys

4.6.2 Mods

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Mods

Es entstand in den 60er Jahren eine Szene, die sich durch eine Vorliebe für progressiven Jazz auszeichnete. Dieser Stil verbreitete sich anfangs vor allem unter jungen schwarzen Ghettobewohnern. Später übernahmen jüdische Jungen, dann aber auch jugendliche Arbeiter und Angestellte diesen Stil. Die Gruppe nannte sich Mods und legten Wert auf eine elegante Kleidung. Sie trugen meist die gleichen Jacketts und unauffällige eng geschnittene Hosen, dazu spitze Schuhe. Die Droge Heroin war unter ihnen sehr verbreitet. Sie meisterten trotzdem ihr Leben und jeder sollte es sehen. Sie wollten die spießige Welt des Normalbürgers absetzen. Die Mods traten ordentlich und adrett auf. Mit ihnen verband man Verweichlichung, eine hochnäsige Attitüde, snobstische Verhaltensweisen und unechte Allüren. Viele von ihnen waren in Scooter-Gangs organisiert. Supermoderne Klamotten und chromverzierte Motorroller waren Teil ihres Stylings.[59]

Bei der Untergruppe der „harten“Mods war Härte Trumpf. Sie stellten eine provozierende, coole Haltung zur Schau. Diese Jugendlichen trugen Jeans und hochgeschnürte Arbeitsschuhe aus Leder. Die weiblichen Begleiterinnen hatten meist eine Kurzhaarfrisur. Sie kreierten neue Tanzformen, wie den Einzeltanz, hörten Rythm´ and Blues, tranken Alkohol und nahmen Tabletten. Diese Gruppe hatte ein zu geringes Einkommen, um sich der anderen Gruppe mit deren teuren Scooter oder Kleidungsstücken zuordnen zu können.[60]

[...]


[1] Vgl. Lenzen, D. (Hrsg.), Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Band 1 – Theorien und Grundbegriffe, 1. Aufl., Stuttgart 1983, S. 452.

[2] Vgl. Hartfiel, G., Wörterbuch der Soziologie, 2. Aufl., Stuttgart 1976, S. 323.

[3] Vgl. Schäfers, B. (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, 1. Aufl., Opladen 1986, S. 146f.

[4] Schäfers, B. (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, 1. Aufl., Opladen 1986, S. 169.

[5] Vgl. Fuchs-Heinritz, W. u.a. (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, 3. Aufl., Opladen 1994, S. 379.

[6] Vgl. Schäfers, B. (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, 1. Aufl., Opladen 1986, S. 169f.

[7] Vgl. Schoek, H., Soziologisches Wörterbuch, 9. Aufl., Wien 1975, S. 208.

[8] Schoek, H., Soziologisches Wörterbuch, 9. Aufl., Wien 1975, S. 209.

[9] Vgl. Hartfiel, G., Wörterbuch der Soziologie, 2. Aufl., Stuttgart 1976, S. 652.

[10] Schwendter, R., Theorie der Subkultur, 4. Aufl., Hamburg 1993, S. 10.

[11] Vgl. Fuchs-Heinritz, W. u.a. (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, 3. Aufl., Opladen 1994, S. 655.

[12] Vgl. Fuchs-Heinritz, W. u.a. (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, 3. Aufl., Opladen 1994, S. 321f.

[13] Vgl. Thiele, G., Jugendkulturen und Gangs, Band 1, 1. Aufl., Berlin 1998, S. 49ff.

[14] Vgl. Thiele, G., Jugendkulturen und Gangs, Band 1, 1. Aufl., Berlin 1998, S. 49ff.

[15] Vgl. Fuchs-Heinritz, W. u.a. (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, 3. Aufl., Opladen 1994, S. 666.

[16] Vgl. Hitzler, R., Leben in Szenen – Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute, Band 3, 1. Aufl., Opladen 2001, S. 20.

[17] Vgl. Farin, K., Generation Kick.de – Jugendsubkulturen heute, 1. Aufl., München 2001, S. 19f.

[18] Großegger, B.: Jugendkultur Guide, 1. Aufl., Wien 2002, S. 8f.

[19] Vgl. Baacke, D., Jugend und Jugendkulturen – Darstellung und Deutung, 1. Aufl., Weinheim 1987, S. 86ff.

[20] Vgl. Baacke, D., Jugend und Jugendkulturen – Darstellung und Deutung, 1. Aufl. Weinheim 1987, S. 94ff.

[21] Thiele, G., Jugendkulturen und Gangs, Band 1, 1. Aufl., Berlin 1998, S. 50.

[22] Vgl. Baacke, D., Jugend und Jugendkulturen – Darstellung und Deutung, 1. Aufl. Weinheim 1987, S. 103f.

[23] Farin, K., Generation Kick.de – Jugendsubkulturen heute, 1. Aufl. München 2001, S. 19.

[24] Vgl. Baacke, D. Jugend und Subkultur, 1. Aufl., München 1972, S. 155.

[25] Vgl. Ausubel, D., Das Jugendalter, 2. Aufl., München 1970, S. 67ff.

[26] Mitzel, G., Wege in die Entwicklungspsychologie – Kindheit und Jugend, 4.Aufl., Weinheim 2002, S. 354.

[27] Vgl. Ausubel, D., Das Jugendalter, 2. Aufl., München 1970, S. 117ff.

[28] Mitzel, G., Wege in die Entwicklungspsychologie – Kindheit und Jugend, 4.Aufl., Weinheim 2002, S. 361.

[29] Vgl. Ausubel, D., Das Jugendalter, 2. Aufl., München 1970, S. 299ff.

[30] Vgl. Mitzel, G., Wege in die Entwicklungspsychologie – Kindheit und Jugend, 4.Aufl., Weinheim 2002, S. 363f.

[31] Vgl. Ausubel, D., Das Jugendalter, 2. Aufl., München 1970, S. 328ff.

[32] Gensicke, T., Individualität und Sicherheit in neuer Synthese? Wertorientierungen und gesellschaftliche Aktivität, in: Hurrelmann, K. / Albert, M., Jugend 2002 – 14. Shell Jugendstudie, 1. Aufl., Frankfurt am Main 2002, S. 139.

[33] Shell Deutschland (Hrsg.), 50 Jahre Shell Jugendstudie – von Fräuleinwundern bis zu neuen Machern, 1. Aufl., Wien 2002, S. 49.

[34] Baacke, D. Jugend und Subkultur, 1. Aufl., München 1972, S. 178.

[35] Vgl. Weidenkaff, I., Vom Reiz des Andersseins: Die Bedeutung von Subkulturen im Alltag junger Menschen, in: Gropper, E., Zimmermann, H.-M. (Hrsg.): Raus aus Gewaltkreisläufen – Präventions- und Interventionskonzepte,1. Aufl., Stuttgart 2000, S. 93f.

[36] Vgl. Brake, M., Soziologie der jugendlichen Subkulturen – Eine Einführung,1. Aufl., Frankfurt/Main 1981, S. 10.

[37] Vgl. Brake, M., Soziologie der jugendlichen Subkulturen – Eine Einführung,1. Aufl., Frankfurt/Main 1981, S. 10ff.

[38] Vgl. Schwendter, R., Theorie der Subkultur, 4. Aufl., Hamburg 1993, S. 37ff.

[39] Vgl. Baacke, D. Jugend und Subkultur, 1. Aufl., München 1972, S. 153.

[40] Vgl. Farin, K., Generation Kick.de – Jugendsubkulturen heute, 1. Aufl. München 2001, S. 59.

[41] Schwendter, R., Theorie der Subkultur, 4. Aufl., Hamburg 1993, S. 37.

[42] Vgl. Schwendter, R., Theorie der Subkultur, 4. Aufl., Hamburg 1993, S. 37, 49f.

[43] Schwendter, R., Theorie der Subkultur, 4. Aufl., Hamburg 1993, S. 37, 40.

[44] Schwendter, R., Theorie der Subkultur, 4. Aufl., Hamburg 1993, S. 37, 40.

[45] Vgl. Schwendter, R., Theorie der Subkultur, 4. Aufl., Hamburg 1993, S. 37, 144f.

[46] Vgl. Schröder, A., Leonhardt, U., Jugendkulturen und Adoleszenz – verstehende Zugänge zu Jugendlichen in ihren Szenen, 1. Aufl., Neuwied 1998, S. 17.

[47] Weidenkaff, I., Vom Reiz des Andersseins: Die Bedeutung von Subkulturen im Alltag junger Menschen, in: Gropper, E., Zimmermann, H.-M. (Hrsg.): Raus aus Gewaltkreisläufen – Präventions- und Interventionskonzepte,1. Aufl., Stuttgart 2000, S. 95.

[48] Vgl. Schwendter, R., Theorie der Subkultur, 4. Aufl., Hamburg 1993, S. 37, 148f.

[49] Vgl. Schröder, A., Leonhardt, U., Jugendkulturen und Adoleszenz – verstehende Zugänge zu Jugendlichen in ihren Szenen, 1. Aufl., Neuwied 1998, S. 17.

[50] Ferchhoff, W., Neubauer, G., Jugendkulturelle Stile und Moden zwischen Selbstinszenierung, Stilzwang und (Konsum-) Vereinnahmung, in: Mansel, J., Klocke, A. (Hrsg.), Die Jugend von heute – Selbstanspruch, Stirma und Wirklichkeit, München 1996, S. 32.

[51] Brake, M., Soziologie der jugendlichen Subkulturen – Eine Einführung,1. Aufl., Frankfurt/Main 1981, S. 188.

[52] Vgl. Ferchhoff, W., Neubauer, G., Jugendkulturelle Stile und Moden zwischen Selbstinszenierung, Stilzwang und (Konsum-) Vereinnahmung, in: Mansel, J., Klocke, A. (Hrsg.), Die Jugend von heute – Selbstanspruch, Stirma und Wirklichkeit, München 1996, S. 42ff.

[53] Großegger, B.: Jugendkultur Guide, 1. Aufl., Wien 2002, S. 13.

[54] Vgl. Herrmann, U., Jugendbewegung / Olk, T., Jugendverbände im Neokorporatismus, in: Böhnisch L. u. a. (Hrsg.), Handbuch Jugendverbände, 1. Aufl., Weinheim und München 1991, S. 32, 134.

[55] Vgl. Farin, K., Generation Kick.de – Jugendsubkulturen heute, 1. Aufl. München 2001, S. 33.

[56] Vgl. Farin, K., Generation Kick.de – Jugendsubkulturen heute, 1. Aufl. München 2001, S. 33ff.

[57] Baacke, D., Jugend und Jugendkulturen – Darstellung und Deutung, 1. Aufl., Weinheim 1987, S. 34.

[58] Vgl. Brake, M., Soziologie der jugendlichen Subkulturen – Eine Einführung,1. Aufl., Frankfurt/Main 1981, S. 83ff.

[59] Vgl. Baacke, D., Jugend und Jugendkulturen – Darstellung und Deutung, 1. Aufl., Weinheim 1987, S. 57ff.

[60] Vgl. Brake, M., Soziologie der jugendlichen Subkulturen – Eine Einführung,1. Aufl., Frankfurt/Main 1981, S. 87.

Details

Seiten
139
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638417471
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44092
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1,0
Schlagworte
Jugendliche Subkulturen Punks Gothics) Identitätssuche Verhalten

Autor

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Titel: Jugendliche Subkulturen (Skinheads, Punks, Gothics) zwischen Identitätssuche und abweichendem Verhalten