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Depressionen. Ein Überblick zu Theorie und Therapie

Seminararbeit 2017 10 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theorie der Depression
1.1. Symptomatik und Klassifizierung depressiver Storungen
1.2. Psychodynamik aus psychoanalytischer Sicht

2. Psychoanalytische Therapie depressiver Storungen

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Depressionen zahlen weltweit zu den haufigsten und am meisten beeintrachtigenden psychi- schen Storungen (vgl. Ihle et al. 2012, S. 1) und bilden somit die drittgrofite Krankheitsgruppe nach den Angsterkrankungen und den Schlafstorungen (vgl. Huber/ Klug 2016, S. 19). Auch in Deutschland wird immer haufiger die Diagnose depressive Storung gestellt, was ihr den Ruf einer ,Volkskrankheit‘ eingebracht hat (vgl. ebd.). Allein in Deutschland geht man davon aus, „dass ca. 20% der Bevolkerung mindestens einmal im Leben von einer depressiven Episode betroffen sind“ (Ihle et al. 2012, S. 1; vgl. Huber/ Klug 2016, S. 19). Trotz dieser hohen Pra- valenz haftet der Diagnose Depression nach wie vor eine Stigmatisierung an; Depressionen und ihre Symptome werden heute teilweise immer noch belachelt (vgl. ebd.). Dazu tragt mit Sicher- heit auch der fast schon inflationare alltagssprachliche Gebrauch der Begriffe ,deprimiert‘ und ,depressiv‘ bei; diese Adjektive werden unreflektiert zur Beschreibung vielfaltiger negativer Gefuhlszustande verwendet ohne Bewusstsein daruber, was genau es bedeutet ,depressiv‘ zu sein. Die Stigmatisierung ist auch der weitgehenden Unaufgeklartheit der Bevolkerung uber Depressionen geschuldet. Die meisten Menschen wissen nicht um den Unterschied zwischen ,einfacher‘ Traurigkeit und Depression.

In dieser vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, die Depression als eine psychische Verhaltensstorung aus psychoanalytischer Sicht zu beleuchten und so, wenn auch nur ober- flachlich, Unsicherheiten und Verwirrungen um dieses Thema beseitigen. Hierfur sollen zu- nachst Begrifflichkeiten sowie Klassifizierung der vielfaltigen depressiven Storungen betrach- tet werden, sowie die damit einhergehende Symptomatik einer entsprechenden depressiven Sto- rung. Weiterhin sollen fur das bessere Hintergrundverstandnis die wirksame Psychodynamik einer Depression angerissen und skizziert werden. Hierfur werde ich vor allem auf den Haupt- vertreter und Begrunder der psychoanalytischen Theorie Sigmund Freud sowie auf modernere Ansatze jungerer Vertreter der Psychoanalyse eingehen. Im zweiten und letzten Kapitel dieser Arbeit werden schliefilich die Behandlungsmoglichkeiten sowie Schwerpunkte einer psycho- analytischen Therapie betrachtet.

1. Theorie der Depression

1.1. Symptomatik und Klassifizierung depressiver Storungen

Die Symptomatik einer depressiven Storung ist sehr vielfaltig und umfasst sowohl vegetative, affektive, kognitive, als auch somatische oder ggf. sogar psychotische Symptome. Die zentralen Kemsymptome einer Depression, die oft auch auBerlich deutlich erkennbar sind, sind die Be- eintrachtigung der Gefuhls- und Stimmungslage (depressive Verstimmung): Freudlosigkeit, deutliche Traurigkeit, Interessenverlust, Antriebsminderung und Aktivitatseinschrankung so- wie schnelle Ermudbarkeit (vgl. Ihle et al. 2012, siehe hierzu auch Diepold 1984, Will 1998). Zu den kognitiven, affektiven und vegetativen Symptomen werden eine verminderte Konzent- ration und Aufmerksamkeitsspanne, vermindertes Selbstvertrauen, Schuldgefuhle und Gefuhle der Wertlosigkeit, negative und pessimistische Zukunftsperspektiven, verlangsamte und einge- schrankte Psychomotorik und Suizidgedanken bzw. -handlungen gezahlt. Auch treten haufig begleitend somatische Symptome wie Gewichtsverlust/-zunahme in Folge von Appetitstorun- gen (i.d.R. Appetitminderung, aber auch Appetitsteigerung moglich), Libidoverlust, Morgen- tief und/oder Schlafstorungen (Insomnia oder Hypersomnia, Durchschlafstorungen, fruhes Er- wachen), sowie Kopf- und Bauchschmerzen auf (vgl. ebd.). In selteneren und schwerwiegen- deren Fallen einer depressiven Storung konnen auch psychotische Symptome wie Wahnvor- stellungen, Halluzinationen oder depressiver Stupor in Erscheinung treten (vgl. ebd.). Hinsicht- lich der Kemsymptome einer depressiven Storung lassen sich nur wenige Unterschiede im Auf- treten bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen feststellen. Ihle et al. beschreiben allerdings auch, dass sich bestimmte Symptome in Abhangigkeit des Alters verandern bzw. unterschied- lich deutlich ausgepragt sein konnen. So treten bei Kindern haufiger korperliche Beschwerden, sozialer Ruckzug und eine erhohte Reizbarkeit auf, im Pubertats- und Jugendalter nehmen hin- gegen vermehrt die kognitiven und affektiven Symptome wie vermindertes Selbstvertrauen, Suizidgedanken und Angst zu (vgl. ebd. S. 3).

Die Klassifizierung und Vereinheitlichung depressiver Storungen gestaltet sich aufgrund der Vielfaltigkeit und der verschiedenen Auspragungen schwierig. Diese Heterogenitat depres- siver Storungen erschwert auch die Diagnostik einer Depression. Dennoch lassen sich Kriterien fur die Einteilung des Schweregrads von Depressionen in dem Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Storungen der American Psychich Association (DSM-IV-TR, 2003) und in der Internationalen Klassifikation psychischer Storungen der Weltgesundheitsordnung (ICD- 10, 2010) finden. Die wesentlichen depressiven Storungsbilder sind hier die Major Depression (296.2x nach DSM-IV) bzw. die depressive Episode oder rezidivierende depressive Storung (F32 bzw. F33 nach ICD-10), die die typische Form einer Depression darstellen, die in einzel- nen oder wiederkehrenden Episoden von mindestens zweiwochiger Dauer auftreten muss (vgl. Ihle et al. 2012, S. 3). Diese Episoden werden wiederum je nach AusmaB psychosozialer Be- eintrachtigung und Anzahl der auftretenden Symptome nach Schweregrad in leichte, mittelgra- dig oder schwere, mit oder ohne psychotischen Symptomen unterteilt (ICD-10). Fur eine re- zidivierende depressive Storung (F33) muss auBer der aktuellen Episode mindestens eine wei- tere depressive Episode in der Vergangenheit vorgelegen haben, die mindestens zwei Wochen angedauert hat und von der gegenwartigen Episode durch ein mindestens zweimonatiges, weit- gehend symptomfreies Intervall abgegrenzt werden kann (vgl. ebd., S. 4). Neben der Major Depression und der depressiven Episode gibt es auBerdem noch die dysthyme Storung (300.4 nach DSM-IV) bzw. die Dysthymia (F34.1 nach ICD-10). Diese Benennung beschreibt eine leichtere, allerdings chronische Auspragung (mindestens 2 Jahre bei Erwachsenen, bei Kindern und Jugendlichen mindestens 1 Jahr) einer depressiven Storung. Fur die Diagnose einer Dys­thymia durfen im ersten Jahr keine Kriterien einer Major Depression gegeben sein. Des Weite- ren muss zwischen einer Major Depression und einer darauffolgenden Dysthymia mindestens ein zweimonatiges, storungsfreies Intervall liegen (vgl. ebd. S. 6). Diepold kritisiert, dass ins- besondere die Kriterien der ICD-10 nur die depressiven Storungsbilder im Erwachsenenalter, nicht im Kindes- oder Jugendalter kategorisieren. Im Modell der DSM-IV-TR finden sich Spe- zifikationen fur Kinder und Jugendliche; jedoch gibt es kein allgemeingultiges altersspezifi- sches Klassifikationsmodell fur depressive Storungen im Kindes- und Jugendalter (vgl. Diepold 1984, S. 56).

1.2. Psychodynamik aus psychoanalytischer Sicht

In diesem Kapitel werden nun einige der wichtigsten Ursachentheorien der Depression aus psy­choanalytischer Sicht skizziert. Diese konnen grob in zwei Gruppen unterteilt werden: in die- jenigen, die die Aggressivitat und die Wendung gegen das eigene Selbst als zentralen Mecha- nismus der Depression konstatieren (z.B. Freud, Abraham, Rado, Klein) und in diejenigen, die eher einem ich-psychologischeren Ansatz nachgehen und die Depression als eine Storung des narzisstischen Regulationssystems anerkennen (z.B. Bibring, Jacobson, Sandler und Joffe) (vgl. Huber/ Klug 2016, S. 26). Die klassische und grundlegendste Theorie der ersten Gruppe aber ist sicherlich der triebpsychologische Erklarungsansatz Sigmund Freuds. Freud beschreibt die Depression als eine “pathologische Abart der Trauerreaktion“ (Heinemann/ Hopf 2012, S. 146; Freud 1917). Der Vergleich von Trauer und Depression liegt nahe, haben doch beide als zent­ralen Grundkonflikt den Verlust eines Objektes zu beklagen (vgl. Huber/ Klug 2016, S. 28). Wahrend die Trauerreaktion aber auf einen realen Objektverlust folgt (z.B. Tod, Trennung von einer zentralen Bezugsperson) und einen sinnvollen, bewussten Vorgang zum Schutz des Selbst darstellt, ist dies bei der Depression nicht der Fall (vgl. Heinemann/ Hopf 2012, S. 146). Der depressiven Reaktion liegt ein nicht zwingend realer Objektverlust zugrunde, sondem kann auch „ein intrapsychischer, unbewusst ablaufender [sein], in dem, durch eine Krankung oder eine Enttauschung ausgelost, die innere emotionale Bindung an sein Objekt verlorengeht“ (Hu­ber/ Klug 2016, S. 28 [Anm. A.K.]). Dieser Objektverlust wird - im Gegensatz zur Trauerreak- tion - in der Depression nicht uberwunden, sondern manifestiert sich und bewirkt eine „extreme Ich - Hemmung in Form von Apathie und Antriebsarmut“ (Heinemann/ Hopf 2012, S. 146), die eine dauerhafte Herabsetzung des Selbstwertgefuhls mit sich bringt (vgl. ebd.). Der Verlust fuhrt auBerdem in der Depression zur Introjektion, also Verinnerlichung, des geliebten, aber aufgrund des vorausgegangenen Auslosers des faktischen oder symbolischen Verlustes (Kran- kung, Enttauschung, Abwesenheit, etc.), auch gehassten Objektes (vgl. Will 1998, S. 93). Das introjizierte Objekt ist also „hochgradig ambivalent“ (Heinemann/ Hopf 2012, S. 46). Diese Introjektion ist wiederum Grundlage fur aggressive Phantasien, die wiederum in Form von Selbstbestrafung (Selbstvorwurfe, Nahrungsverweigerung, Selbstverstummelung und Selbstto- tung) autoaggressiv abgewehrt werden . Diese Phantasien der Selbstbestrafung gelten allerdings nicht nur dem Selbst, sondern eben auch den gehassten „bosen“ Anteilen des introjizierten Ob­jektes (vgl. ebd.). Die autoaggressive Wendung gegen das Selbst ist also Folge dieser Objek- tambivalenz (vgl. ebd.). Will begrundet den depressiven Grundkonflikt analog in „der Unver- traglichkeit zweier Wunsche: einerseits dem Liebesobjekt nah sein zu wollen [...], andererseits eine Wut ausleben zu wollen, die bis zur Zerstorung des Objektes oder seiner selbst gehen konnte.“ (Will 1998, S. 91). Die „guten“ Anteile des Objektes allerdings wurden bei der Intro­jektion ins „Uber-Ich“ aufgenommen. Dies fuhrt zu einem uberhohten Ich-Ideal (hohe (Leis- tungs-) Anspruche) und einer rigiden Gewissensinstanz, die den depressiven Menschen uber- fordern und gleichzeitig fur die nicht erbrachte Leistung in Form von Selbstvorwurfen, -ankla- gen, Selbstverstummelung bis hin zur Selbsttotung bestrafen (vgl. ebd.; Heinemann/ Hopf 2012, S. 147). Die Anspruche an das Selbst sind zum Teil bis ins Unerreichbare uberhoht. Laut Will kommt es so „zu einer chronischen narziBtischen [sic!] Differenz zwischen dem eigenen Wunschbild und dem Bild des immer wieder scheiternden, entwerteten Selbst“ (Will 1998, S. 94). Eine Depression ist daher immer auch durch einen narzisstischen Ruckzug gekennzeichnet (vgl. Heinemann/Hopf 2012, S. 146). Der Ruckzug aus der Realitat erweist sich einerseits als Erleichterung von den Belastungen des alltaglichen Lebens, andererseits entzieht sich der de­pressive Mensch so auch jeglicher Gelegenheit narzisstischer Zufuhr und Starkung, was ihn wiederum in seiner Gewissheit bestatigt, wertlos und unfahig zu sein (vgl. Mentzos 1995, S. 54).

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Details

Seiten
10
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668793798
ISBN (Buch)
9783668793804
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v440902
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Sonderpädagogik Psychologie Depressionen

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Titel: Depressionen. Ein Überblick zu Theorie und Therapie