Lade Inhalt...

Borderline - Persönlichkeitsstörung oder Traumafolge?

Diplomarbeit 2002 123 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Begriffsbestimmung Borderline- Persönlichkeitsstörung
1.1. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im ICD 10
1.2. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im DSM IV
1.3. Kritik der Begriffsbestimmung
1.4. Zusammenfassung

2. `Borderline` als Persönlichkeitsstörung
2.1. Das Borderline-Konzept von Kernberg
2.1.1. Borderline-Persönlichkeitsorganisation
2.1.2 Entwicklungspsychologisch-genetische Grundannahmen
2.1.2.1. Borderline Bereich der kindlichen Entwicklung
2.1.2.2. Relevanz für die Borderline-Persönlichkeitsstörung
2.1.3. Strukturelle Ebene: Die Abwehrmechanismen
2.1.3.1. Hauptabwehrmechanismus Spaltung
2.1.3.1.1. Primitive Idealisierung
2.1.3.1.2. Projektive Identifizierung und die Identifizierung mit dem Angreifer
2.1.3.1.3. Verleugnung
2.1.3.1.4. Allmacht und Entwertung
2.1.4. Deskriptive Ebene: Die Symptomatik
2.1.4.1. Frei-flottierende Angst
2.1.4.2. Polyphobien
2.1.4.3. Zwangssymptome
2.1.4.4. Konversionssymptome
2.1.4.5. Depressionen
2.1.4.6. Polymorph-perverse oder anhedonistisch-multivariante Sexualität
2.1.4.7. Verlust der Impulskontrolle
2.1.4.8. Dissoziative Reaktionen
2.1.4.9. Psychotische Symptome
2.1.5. Gegenübertragung
2.2. Zusammenfassung

3. `Borderline` als Traumafolge
3.1. Überlegungen zur Entwicklung einer neuen Perspektive
3.2. Borderline-Persönlichkeitsstörung als komplexe Posttraumatische Belastungsstörung
3.2.1. Trauma
3.2.2. Psychodynamik der Borderline-Persönlichkeitsstörung als komplexe Posttraumatische Belastungsstörung
3.2.2.1. Dissoziation
3.2.2.2. Spaltung
3.2.2.2.1. Projektive Identifizierung
3.2.2.2.2. Instabile Beziehungen
3.2.2.2.3. Identitätsdiffusion
3.2.3. Gegenübertragung
3.3. Zusammenfassung

4. Synopse von dargestellten Borderline-Konzeptionen 86 Resümee

5. Ausblick: Mögliche Folgen für die sozialpädagogische Praxis
5.1. Definition der sozialpädagogischen Praxis
5.1.1. Ursprünge von Gewalt im Geschlechterverhältnis
5.1.2. Sozialpädagogische Hilfen
5.1.2.1. Empowerment
5.1.2.2. Ihriss e.V.: Ein gemeindepsychiatrisches und geschlechts- spezifisches Angebot für Frauen mit und ohne Psychiatrieerfahrung
5.1.2.2.1. Die Mitarbeiterinnen
5.1.2.2.2. Die Zielgruppe
5.1.2.2.3. Zielsetzung und Handlungskompetenzen
5.1.2.2.4. Ausgesuchte Angebote der Beratungsstelle Ihriss e.V.
5.2. Zusammenfassung 108 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Innerhalb dieser Arbeit werden unter Zuhilfenahme verschiedener Autoren und Auto- rinnen zunächst zwei Erklärungsansätze zur Borderline-Störung referiert. Gemeinsam ist beiden Ansätzen ihr psychoanalytisches Fundament. Die Psychoanalyse ist als die Wissenschaft vom Unbewussten und ihren Erkenntnissen in verschiedenen sozialen Praxisfeldern von Bedeutung (vgl. FINGER-TRESCHER 2001, S. 1455). Sie kann als Re- flexionsinstrument für die Sozialpädagogik gesehen werden, da das psychoanalytische Verständnis von Interaktionsprozessen und interpersonalen Beziehungen auch Gegens- tand der Sozialpädagogik ist (vgl. ebd.). Kapitel 1 umfasst einen Einblick über die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung, so wie sie sich im ICD 10 und im DSM IV darstellt. Im Mittelpunkt von Kapitel 2 soll das Borderline-Konzept von Kernberg stehen, dessen Theorien sich mit den Inhalten der psychiatrischen Diagnosen, wie sie sich in Kapitel 1 darstellen, weitestgehend decken. In Kapitel 3 finden sich Perspekti- ven und Theorien wieder, die einen weiteren Erklärungsansatz beschreiben, der mit dem Borderline-Konzept von Kernberg divergiert und sich in wesentlichen Punkten von diesem unterscheidet. In einem vergleichenden Überblick der beiden Konzepte sollen divergente und konvergente Aspekte der beschriebenen Ansätze gegenübergestellt wer- den. Dieser Überblick findet sich in Kapitel 4. In Kapitel 5 soll der Frage nachgegan- gen werden, inwieweit die beschriebenen Erklärungsansätze Folgen für die sozialpäda- gogische Praxis bedingen.

1 Begriffsbestimmung Borderline-Persönlichkeitsstörung

Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort

und dem beinahe richtigen Wort

entspricht dem Unterschied

zwischen einem Blitz und einem Leuchtkäfer.

MARK TWAIN

Die Fachliteratur beschreibt die Borderline-Persönlichkeitsstörung so polymorph, dass nicht deutlich wird, nach welchen Regeln dieser Begriff verwendet wird. Es finden sich Konstruktionen wie Borderline-Zustände, Borderline-Syndrom, Borderline-Persönlich- keitsstörung, Borderline-Struktur, Borderline-Persönlichkeitsorganisation. Die Einheit, die das gegenseitige Verstehen seit 100 Jahren wenigstens annähernd möglich macht, ist der bedeutungstragende Bestandteil Borderline. Bereits 1884 publizierte Hughes über das `borderland` der Krankheit. 23 Jahre später führte Bleuler den Begriff der Schizo- phrenie ein (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 6f.). Über einige Jahre gab es innerhalb der Psychiatrie immer wieder Neuerungen in bezug auf Neurosen und Psychosen. Zuneh- mend tauchten sogenannte Borderlinefälle auf. Diese Fälle nannte Schilder 1923 Grenz- fälle zwischen Psychose und Neurose. 1938 verwendete A. Stern erstmalig die Diag- nose `Borderline`, um einen Typ von Patienten zu beschreiben, die mit den klassischen psychoanalytischen Methoden nicht behandelt werden konnten (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 7). Die Besonderheit des Phänomens Borderline ist, dass es sich als Einheit nur schwer betrachten lässt. Ein feststehender Begriff würde das Krankheitsbild eingrenzen, obwohl sich dieses dazu nicht eignet. Für die vorliegende Arbeit mag die Feststellung genügen, dass sich die psychiatrische Forschung als auch die Psychoanalyse, insbeson- dere Kernberg (1998), mit der Psychopathologie Borderline-Persönlichkeitsstörung auseinander gesetzt haben. Psychoanalyse als auch Psychiatrie haben sich darauf geei- nigt, dass es sich bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung um die Eigenart einer über- dauernden Charakter- bzw. Persönlichkeitsstörung handeln könnte. Diese Eigenart beschreibt ROHDE-DACHSER:

„`Borderline` meint ein eigenständiges psychisches Krankheitsbild, das phänomenologisch im Grenzbereich von Neurose, schwere Charakterstörung und Psychose angesiedelt ist, sich differenzialdiagnostisch aber hinreichend genau von diesen nosologischen Kategorien unterscheiden lässt“ (1989, S. 39).

Da Einigkeit herrscht, hat die Borderline-Persönlichkeitsstörung Eingang in die Klassi- fikationssysteme ICD 10 und DSM IV gefunden, auf die im Weiteren eingegangen werden soll.

1.1 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im ICD 10

Das ICD 10 ist ein internationales Klassifikationssystem psychischer Störungen Die Abkürzung ICD steht für International Classifikation of Disease. Die 10 gibt an, dass es sich um die 10. Ausgabe handelt. Es wurde von der Weltgesundheitsorganisation entwi- ckelt und ist seit 1998 die offizielle Diagnoseklassifikation in der Bundesrepublik Deutschland (SAß u.a. 1996, S. XII). Das ICD 9 enthielt noch die Unterscheidung von Neurose und Psychose. Im ICD 10 findet sich diese Unterscheidung nicht mehr. Die ICD 10 Kommission entschied, psychosoziale und kulturelle Unterschiede herauszu- nehmen. Eine allgemein verbindliche Formulierung in Form eines Kriteriums sei durch die weltweite Anwendung des ICD 10 nicht möglich (vgl. DILLING u.a 1991, S. 15ff.). Deutlich sei darauf hingewiesen, dass die nach Code F60 - F62 klassifizierten Persön- lichkeitsstörungen nicht ohne Zweifel in das ICD 10 aufgenommen worden sind. So sagen DILLING u.a: „Wieviel Kriterien erfüllt sein müssen, bevor die Diagnose als gesi- chert angesehen werden kann, ist bei dem heutigen Kenntnisstand ein noch ungelöstes Problem.“ (1991, S. 30). Die ICD 10 Aufnahme der Borderline-Persönlichkeitsstörung als eine Untergruppe der emotional instabilen Persönlichkeit erfolgte nur sehr zögerlich und mit der Hoffnung die Forschung anzuregen (vgl. ebd.). Unter der Codierung F60.3 sind die diagnostischen Kriterien der emotional instabilen Persönlichkeit aufgeführt:

„Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse auszuagieren. ohne Be- rücksichtigung von Konsequenzen, und wechselnder, launenhafter Stimmung. Die Fä- higkeit, vorauszuplanen, ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers können zu oft gewalttätigen und explosiven Verhalten führen; dieses Verhalten wird leicht ausgelöst, wenn impulsive Handlungen von anderen kritisiert oder behindert werden. Zwei Er- scheinungsformen dieser Persönlichkeitsstörung können näher beschrieben werden, bei beiden finden sich Impulsivität und mangelnde Selbstkontrolle“ (DILLING u.a. 1998, S. 215).

Näher beschriebene Erscheinungsformen sind die emotional instabile Persönlichkeits- störung, impulsiver Typus F60.30 und die emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline Typus F 60.31. DILLING u.a. beschreiben den Borderline Typus wie folgt:

„Einige Kennzeichen emotionaler Instabilität sind vorhanden, zusätzlich sind oft das eigene Selbstbild, Ziele und `innere Präferenzen` (einschließlich der sexuellen) unklar und gestört. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen führen mit Suiziddrohungen oder selbstschädigenden Handlungen (diese können auch ohne deutliche Auslöser vorkommen). Dazugehöriger Begriff: Borderline Persönlichkeit(sstörung)“ (1998, S. 215).

1.2 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im DSM IV

Das DSM IV ist eine internationale Klassifikation psychischer Störungen. Die Abkür- zung DSM steht für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Die IV gibt an, dass es sich um die 4. Ausgabe handelt. Es wurde von der Amerikanischen Psychiat- rischen Vereinigung entwickelt und gilt in Amerika als offizielle diagnostische Klassi- fikation (SAß u.a.1996, S. XIX). „Insgesamt enthält das DSM IV ca. 1.000 Kriterien für die Erfassung von 395 Störungen“ (SAß u.a. 1996, S. XIII). Das System ist im Aufbau multiaxial. Es verfügt über V Achsen. Die relevanten Achsen für die Borderline-Per- sönlichkeitsstörung sind Achse II und Achse I. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist auf Achse II codiert. Die die Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig begleitenden Entwicklungsstörungen, sind auf Achse I codiert. Im Vergleich zu früheren Ausgaben z.B. DSM III, sind im DSM IV insofern Fortschritte gemacht worden als dass die kultu- relle Anwendbarkeit verbessert wurde. Es gibt sowohl einen Leitfaden zur Beurteilung kultureller Einflussfaktoren im Anhang I, sowie zu jeder Störung ein Unterkapitel (vgl. SAß u.a. 1996, S. XI ff.). Im Unterkapitel werden besondere kulturelle, Alters- und Geschlechtsmerkmale beschrieben. SAß u.a stellen fest: „Die Borderline-Persönlich- keitsstörung wird überwiegend (ungefähr 75%) bei Frauen diagnostiziert.“ (1996, S. 737). Das DSM IV als unabhängiges diagnostisches Instrument zu verstehen, ist nicht empfehlenswert. Das DSM IV enthält eine Reihe von psychopathologischen, taxonomi- schen und nosologischen Entscheidungsregeln, die es zu beherrschen gilt. Es ist für eine hohe Anzahl von Nutzern schwierig, ständig auf dem Laufenden zu bleiben und sämtli- che Neuerungen in der diagnostischen Praxis zu kennen. Aus diesem Grunde sollte das DSM IV als ein ergänzendes diagnostisches Instrument genutzt werden. Andere dia- gnostische Instrumente sind z.B. der Selbst- und Fremdbeurteilungsbogen, vor allem strukturierte Checklisten und diagnostische Interviews (vgl. SAß u.a. 1996, S. XVIII).

Unter der Codierung 301.83 (F60.31) sind die diagnostischen Kriterien der BorderlinePersönlichkeitsstörungen aufgeführt:

„Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und manifestiert sich in den verschiedenen Lebensbereichen. Mindestens 5 der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

(1) verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassen werden zu vermeiden. Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.

(2) Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.

(3) Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.

(4) Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Fress- anfälle“).

(5) Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.

(6) Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Ver- stimmungen gewöhnliche einige Stunden und nur selten Tage andauern).

(7) Chronische Gefühle von Leere.

(8) Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).

(9) Vorübergehende, durch Belastung ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome (SAß u.a. 1996, S. 739).

SAß u.a. weisen darauf hin, dass in der Kindheitsgeschichte von Menschen mit Border- line-Persönlichkeitsstörung gehäuft körperlicher und sexueller Missbrauch1, Vernachlässigung, feindselige Konflikte sowie früher Verlust oder Trennung von den Eltern vorkommt. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig begleitenden Störungen der Achse I sind u.a. die posttraumatische Belastungsstörung, Essstörung, insbesondere Bulimie als auch affektive Störungen (vgl. SAß u.a.1996, S. 737).

1.3 Kritik der Begriffsbestimmung

Beide Klassifikationssysteme gehören zu der Gruppe operationalisierter Klassifikations- systeme. Durch die Operationalisierung haben Diagnosen einen geringen Informations- wert, weil sie nur noch die aktuelle Symptomatik einer Erkrankung benennen (vgl. SAß u.a. 1996, S. XX). Das ICD 10 und das DSM IV sprechen folglich die gleiche Sprache mit unterschiedlichem Dialekt (vgl. SAß u.a. 1996, S. XXII). Das ICD 10 ist im Aus- druck fordernd. Im DSM IV sind die Ausdrücke dagegen bestimmendere Bezeichnun- gen. Demzufolge hat das DSM IV eher einen Vorschriftencharakter und das ICD 10 eher einen Richtliniencharakter (vgl. SAß u.a. 1996, S. XII). Das Klassifikationssystem ICD 10 ist im deutschen Raum für die offizielle Dokumentation verbindlich vorge- schrieben. Diese Tatsache lässt den Eindruck entstehen, dass damit eine Vorauswahl getroffen wird, welches Instrument benutzt werden darf. Das ist nicht der Fall. Das DSM IV wird als Diagnoseinstrument in Deutschland nicht völlig an Relevanz verlie- ren. Die Codierungen des ICD 10 finden sich im DSM IV jeweils hinter der beschriebe- nen Störung in Klammern wieder. Das gibt dem geschulten Nutzer die Möglichkeit, das DSM IV als Grundlage für die diagnostische Verschlüsselung nach ICD 10 zu verwen- den (vgl. SAß u.a. 1996, S. XII). Damit ist das Kompatiplitätsproblem zwischen den bestehenden Systemen begrenzt, und eine Diagnose kann mit Hilfe des DSM IV gestellt werden. Die Kriterien, die das Krankheitsbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung und andere Formen der Persönlichkeitsstörung beschreiben, sind häufig das Ergebnis von Übereinkünften der Entscheidungsgremien (vgl. SAß u.a. 1996, S. XX). Deshalb entbehren sie zwar nicht jeder empirischen Grundlage, sind aber kritisch hinterfragt worden.

So äußert KERNBERG:

„Ein Hauptproblem sowohl der kategorialen als auch der dimensionalen Klassifikati- onssystemen besteht meiner Ansicht in der Tendenz, die empirische Forschung zu sehr an den oberflächlichen Verhaltenweisen auszurichten, denen in Abhängigkeit von den zugrundeliegenden Persönlichkeitsstrukturen ganz unterschiedliche Funktionen zu- kommen“ (2000, S. 46).

Damit spricht KERNBERG den Ansatz an, der im DSM IV verfolgt wird. Dieser dient dazu, dem klinischen Psychiater die vorkommenden Persönlichkeitsstörungen anhand von Kriterienkatalogen näher zu bringen, allerdings mit dem Ergebnis, dass gehäuft ein so genanntes „Kriteriendenken“ Einzug in die diagnostische Praxis hält: Gerade weniger erfahrene Diagnostiker beschränken sich auf die Benutzung des DSM IV und unterlie- gen dem Irrtum, die Kriterien würden alles für eine Diagnose vorgeben (vgl. 2000, S. 46). Diese starke Einengung der Diagnose auf einen Teilaspekt des Krankheitsbildes wird nicht von allen mitgetragen und befürwortet. Denn ursprünglich umfasst die Diag- nose auch die Ätiologie und die Prognose. Ausdrücklich wird aus diesem Grund im DSM IV darauf hingewiesen, dass so ein Vorgehen nicht empfehlenswert ist (SAß u.a. 1996, S. XVIII). Eine andere Besonderheit ist die hohe Komorbiditätsrate, die im Zu- sammenhang mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung steht.

„Wenn die Borderline-Persönlichkeitsstörung auf der Ebene der Psychopathologie di- agnostiziert wird, z.B. anhand von DSM IV Kriterien, dann weist sie eine hohe Komor- biditätsrate auf, und zwar mit anderen Persönlichkeitsstörungen als auch mit anderen psychischen Störungen auf der Achse I des DSM“ (ECKBERT u.a. 2000, S. 274).

Einige der für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung relevanten Kriterien, lassen sich „als Hinweis auf eine traumatische Vorerfahrung verstehen“. (ROHDE-DACHSER 2001, S. 13). ROHDE-DACHSER sieht z.B. selbstschädigende Handlungen, wie sie bei vielen Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung vorkommen, häufig als Hinweis auf einen in der Vorgeschichte stattgefundenen sexuellen Missbrauch (vgl. ebd.). Das DSM IV stellt die Verbindung zu traumatisierenden Vorerfahrungen nicht her. So wer- den selbstschädigende Handlungen mit drohender Trennung in Verbindung gebracht oder mit der Erwartung, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Selbstschädigende Handlungen haben zudem die Funktion der Entlastung und / oder für das Gefühl von Schlechtsein zu büßen (vgl. SAß u.a., 1996, S. 736). Das Kriterium: „Vorübergehende, durch Belastung ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Sym- ptome“ (SAß u.a. 1996, S. 739) ist auf Grund seiner vorübergehenden Natur auch kein Indikator, um eine Verknüpfung zu traumatisierenden Vorerfahrungen herzustellen. ROHDE-DACHSER betont, dass das DSM IV auf körperlichen und sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung, feindselige Konflikte sowie früher Verlust oder frühe Trennung in der Kindheitsgeschichte von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen hin- weist. Die mögliche Komorbidität mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung wird Betracht gezogen, aber sie ist für die Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht relevant (vgl. 2001, S. 13). Das ICD 10 hingegen verzichtet ganz darauf, eben ge- nannte Zusammenhänge darzustellen. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist im ICD 10, „eher pauschal-diffus [...] [dargestellt] und kaum nutzbringend“ (DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 6). Analog dazu ist ein Blick auf das diagnostizierende Personal interessant. HILSENBECK beschreibt nach einer geschlechtsdiffrenzierenden Untersuchung von BROVEMANN (u.a. 1972) die nahe liegende Vermutung, dass das in Psychiatrien be- schäftigte Personal Einfluss auf die gestellten Diagnosen hat. Das Personal, so die Re- gel, gilt im Hinblick auf die Geschlechtsstereotypen als `normal`. Dieser `Doppelstand- art` seelischer Gesundheit wird in einer Befragung des Personals über die Vorstellung von Krankheit und Gesundheit deutlich. Diese hat ergeben, dass signifikant das Ver- halten als gesund beschrieben wurde, welches gesunde Männer und gesunde Menschen zeigen. Frauen, die als `normal` und damit als gesund gelten, sind beschrieben worden als wenig aggressiv und abenteuerlustig, weniger konkurrenz- und leistungsbetont, weniger objektiv, aber gefühlvoller, emotionaler, mehr an Beziehungen orientiert, we- niger autonom. (BROVEMANN u.a. 1972 zit. nach HILSENBECK 1998, S. 53). PAHL stellt fest: „Diese Beschreibung ähnelt stark der Charakterisierung des neurotischen Mannes [...]. Die gesellschaftlichen Stereotypen und Widersprüche werden also von der Psychi- atrie unhinterfragt übernommen“ (zit. nach HILSENBECK 1998, S. 53).

1.4 Zusammenfassung

Psychoanalyse und Psychiatrie haben sich geeinigt, und die Borderline-Persönlichkeits- störung wurde als eigenständiges Krankheitsbild definiert. Die Klassifikationssystem ICD 10 und DSM IV beschreiben die Kriterien für die Diagnostik. Das ICD 10 ist in Deutschland offizielles Klassifikationssystem. Das DSM IV dient als Grundlage, um die Diagnose nach dem ICD 10 zu verschlüsseln. Die Autoren im ICD 10 äußern Zweifel an der Sicherheit der diagnostischen Kriterien und haben demnach die Borderline-Per- sönlichkeitsstörung, innerhalb einer Untergruppe der instabilen Persönlichkeit, als Bor- derline Typus beschrieben. Die Autoren im DSM IV hingegen lassen keinen Zweifel daran erkennen, dass die Kriterien ausreichend sind. Das ICD 10 schließt die kulturellen und psychosozialen Merkmale aus, während sie im DSM IV in entsprechenden Unter- kapiteln ausgeführt werden. Insbesondere die Alters- und Geschlechtsmerkmale werden in diesem Unterkapitel berücksichtigt. Das ICD 10 begründet den Ausschluss kulturel- len und psychosozialen Merkmale damit, dass diese nicht als allgemein verbindliche Kriterien für verschiedne Kulturen gelten können und verweist in diesem Zusammen- hang auf die Notwendigkeit seiner weltweiten Anwendbarkeit. Dabei sind die Ge- schlechterverhältnisse weltweit patriarchal, was meiner Meinung nach zumindest ein verbindliches Kriterium für diese sein müsste. Auffallend ist nämlich dass, wenn die Borderline-Persönlichkeitsstörung nach den DSM IV Kriterien diagnostiziert wird, überwiegend Frauen von dieser Störung betroffen sind und eine hohe Komorbiditätsrate mit Affektstörungen anzutreffen ist. Hier liegt vermutlich ein Zusammenhang zu trau- matischen Vorerfahrungen wie sexuellen Missbrauch, auch wenn dieser von den Auto- ren des DSM IV nicht hergestellt wird.

2 `Borderline` als Persönlichkeitsstörung

„Diese Bezeichnung bedeutet in vielen psychiatrischen Einrichtungen eine wohlformulierte Beleidigung“

(HERMAN 1994, S.172).

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung führt in wissenschaftlichen Kreisen zu heftigen sich teilweise überschneidenden und polarisierenden Debatten. Eine besondere Bedeu- tung zur psychoanalytischen Borderline-Theorie hat ohne Zweifel das Borderline-Kon- zept von Kernberg. Es „orientiert sich eng an den im DSM IV definierten Merkmalen dieser Störung“ (ROHDE-DACHSER 2001, S. 11). Das lässt zumindest vermuten, dass dieses psychoanalytische Konzept und die mit ihr verbundene Diagnose Borderline- Persönlichkeitsstörung dazu dient, das Trauma, mit dem die Borderline-Entwicklung ihren Anfang nahm, zu verschleiern (vgl ROHDE-DACHSER 2001, S. 10). Diese Betrach- tungsweise, wird von einigen Experten und Theoretikern, darunter HERMAN (vgl. 1994, S. 161ff.), REDDEMANN / SACHSSE (vgl. 1999, S. 18), anerkannt. Sie fordern den Ersatz der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung u.a. durch die Klassifikation komplexe Posttraumatische Belastungsstörung. Folglich hat die Bezeichnung und deren Beschrei- bung entscheidenden Einfluss auf die Methoden der Behandlung. Zu Recht betonen REDDEMANN /SACHSSE, deren Theorien mit denen von Kernberg divergieren, dass Freud mit der Aufgabe der Verführungstheorie die traumatisierten Frauen verraten habe und dass die Psychiatrie das Problem der Traumafolgen auch negiert (vgl. 1999, S. 17). Die Psychoanalyse hat durch ihre Art des Denkens die Denkkategorie `Opfer` abge- schafft. In diesem Zusammenhang unterstreichen REDDEMANN / SACHSSE:

„Dadurch, daß Freud dem äußeren Ereignis, auch dem Trauma, nur noch den Status eines Anlasses, eines Auslösers beließ und als eigentliches pathogen die innere Verarbeitung auf dem Boden der ubiquitären Kindheitsphantasien konzeptualisiert, wurde jeder Mensch automatisch latent an allem mitschuldig, was ihm widerfuhr. Wenn etwas mit irgendeiner ubiquitären Phantasie assoziierbar war, dann hatte der Mensch das Ereignis `eigentlich zumindest unbewusst ja auch irgendwie wahrscheinlich gewollt`“ (1999, S. 17; weitere Ausführungen siehe DULZ 2000, S. 11ff.).

Insbesondere Melanie Klein, deren Theorien in Kernbergs Borderline-Konzept Ver- wendung finden, als auch Kernberg selbst folgen der Sichtweise: „Jeder Mensch ist Täter seines Erlebens und seiner Wahrnehmung (KERNBERG zit. nach REDEMANN /

SACHSE 1999, S. 17). KERNBERG gibt an, dass viele Menschen mit der Diagnose Bor- derline-Persönlichkeitsstörung in der Kindheit frühen Frustrationen, Deprivationen und chronischen Aggressionen ausgesetzt waren (vgl. 2000, S. 52). Dessen ungeachtet überwiegen dennoch in seinen Überlegungen konstitutionelle Faktoren wie Tempera- ment, Charakter und die Struktur der normalen Persönlichkeit (vgl. ebd.). Zudem relati- viert Kernberg die Relevanz von Realtraumata, indem er auf die Phantasietätigkeit des Kindes und dessen Wahrnehmungsverzerrung hinweist (vgl. REDDEMANN / SACHSSE 1999, S. 17). Dennoch ist das Borderline-Konzept von Kernberg gleichwohl von Be- deutung und soll im Folgenden unter Zuhilfenahme anderer Autoren und ihren Darstel- lungen dargelegt werden.

2.1 Das Borderline-Konzept von Kernberg

Kernberg (1975,1978; 1976, 1981, 1980, 1988; 1984, 1991, 1998) entwickelte und begründete seine Vorstellungen des Borderline Konzepts auf zwei Aspekten. Zum einen auf dem Struktur- und Triebmodell von Freud, zum anderen auf einer entwicklungspsy- chologischen Achse, auf deren Linie die Wege der Fixierung und der im späteren bei ungünstigem Entwicklungsverlauf rückläufigen Regression gegeben sind (vgl. KERNBERG zit. nach KIND 2000, S. 29). Diese Leitgedanken veranlassten KERNBERG für sein Borderline-Konzept „nicht nach einem neuen symptomorientierten Klassifikations- system, sondern nach intrapsychischen Faktoren“ (zit. nach KIND 2000, S. 32) zu su- chen, die innerhalb der Borderline-Population auftraten. Er stellte innerhalb seiner klini- schen Arbeit den Mechanismus der Spaltung als ein gemeinsames intrapsychisches Ereignis von Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung fest (vgl. ebd.). Für KERNBERG unterscheiden sich Menschen mit der Diagnose Borderline-Per- sönlichkeitsstörung von anderen Formen psychischer Störungen, „durch ihre auffallend stabile pathologische Ichstruktur“ (1998, S. 19). Er führte aus diesem Grunde den Beg- riff der Borderline-Persönlichkeitsorganisation ein.

2.1.1 Borderline-Persönlichkeitsorganisation

Innerhalb seines Borderline-Konzeptes bildete Kernberg den Begriff der Borderline- Persönlichkeitsorganisation. Was aber nun bedeutet dieser Begriff? KERNBERG sagt dazu:

„Die Ich-Pathologie dieser Patienten unterscheidet sich sowohl von derjenigen bei Neurosen und leichteren Charakterstörungen als auch andererseits von den Ichstörungen bei Psychosen; sie sind daher in einem Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose anzusiedeln“ (1998, S. 19).

Die Unterschiede zu einer psychotischen Persönlichkeitsorganisation liegen darin, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation sich auszeichnen „durch das Vorhandensein einer guten Realitätsprüfung, worin sich eine Differenzierung zwischen Selbst- und Objektrepräsentanzen widerspiegelt“ (KERNBERG 2000, S. 52). Gemeinsam ist beiden Persönlichkeitsorganisationen die Identitätsdiffusion und das Vorherrschen primitiver Abwehrmechanismen (vgl. KERNBERG 2000, S. 51f.). Die Unterschiede zur neurotischen Persönlichkeitsorganisation liegen darin, dass eine neurotische Person z.B. durch eine normale Ich-Identität fähig ist, Objektbeziehungen einzugehen, diese zu halten und über Impulskontrolle und ein ausreichendes Maß an Angsttoleranz verfügt (vgl. KERNBERG 2000, S. 52). Der Begriff Borderline-Persönlichkeitsorganisation er- fasst insgesamt eine facettenreiche Phänomenologie der schweren Persönlichkeitsstö- rungen, die sich auf unterschiedlichen Niveaus ansiedeln, wie z.B. Borderline-Persön- lichkeitsstörung, schizoide und schizotypische Persönlichkeitsstörung, paranoide Per- sönlichkeitsstörung und narzisstische Persönlichkeitsstörung (vgl. ebd.). Dementspre- chend geht KERNBERG von einem entwicklungsbedingten Kontinuum zwischen Neurose und Psychose aus, das sich nicht ausschließlich an deskriptiver Symptomatik orientiert, sondern auch an intrapsychischen Vorgängen (vgl. 2000, S. 52).

2.1.2 Entwicklungspsychologisch-genetische Grundannahmen

Kernberg (1985, 1998) orientierte sich mit seinen Vorstellungen an den Objektbeziehungstheorien von Margaret Mahler (1968, 1972, 1975) und Melanie Klein (1946). Seine entwicklungspsychologisch-genetischen Vorstellungen beruhen daher im Wesentlichen auf folgenden Grundannahmen:

- „Auf der Vorstellung eines primär undifferenzierten Stadiums, in dem Selbst - und Objektrepräsentanz miteinander fusioniert sind (der symbiotischen Phase Mahlers).

- Auf der Kleinschen Spaltungslehre von in `nur gut` und `nur böse` polarisierten Formen von Selbst und von Objekt. Da es eben der Spaltungszustand ist - das gilt es sich immer wieder klarzumachen-, der den Selbst- und Objektrepräsentanzen die Eigenschaft verleiht, große Mengen (nach Kleinscher Vorstellung vom Todestrieb hervorgebrachter) Aggressionen zu absorbieren, müssen sie so lange in diesem Zu- stand gehalten werden, bis ein anderer, reiferer Umgang mit Aggressionen möglich ist“ (KERNBERG 1985 zit. nach KIND 2000, S. 33).

Abb. 1 zeigt vier Stufen der frühkindlichen Entwicklung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand der Abb. 1 lassen sich die vier Stufen der frühkindlichen Entwicklung und die darin enthaltenen Grundannahmen von Kernberg wie folgt beschreiben. Nach KERNBERG werden die reiferen, höheren Selbst- und Objektrepräsentanzen aus einer Vielzahl einzelner Interaktionserfahrungen mit der Mutter gebildet. Diese Selbst-Ob- jekt-Einheiten weisen je nach Klima eine bestimmte Affektqualität auf. Zu unterstrei- chen ist nun, dass dem Säugling nur primäre Affekte wie lustvoll und unlustvoll zur Verfügung stehen, weitere und differenziertere Affektzustände fehlen (vgl. 1985, S. 53ff.).

Die Affekttheorie von Kernberg ist sehr komplex und würde an dieser Stelle nur irritie- ren, aus diesem Grunde ist der Einschub ausreichend, dass die Dichotomie der Affekte auf die Triebtheorie von Freud zurückzuführen ist. Freud formulierte den Lust-Trieb, bekannt als Libido, und sein später hinzugekommenes Komplementär, den Todestrieb bzw. die Aggressionen (vgl. KIND 2000, S. 33). Überdies werden die Primäraffekte innerhalb der Entwicklungsstufen zu Trieben organisiert. Die belohnenden / lustvollen werden zur Libido, die schmerzhaften / unlustvollen zu Aggressionen, als übergeordnete Triebe (vgl. KERNBERG 2000, S. 47f.).

Wenn die Wahrnehmung des Säuglings theoretisch auf zwei primäre Affektqualitäten reduziert wird, also gut bzw. lustvoll und böse bzw. unlustvoll, so ist ersichtlich, dass notwendigerweise das Objekt (z.B. die Mutter und sein Selbst) auch auf diese polare Weise erlebt werden. Der Spaltungsvorgang ist aus dieser Sicht ein physiologisches Zwischenstadium (vgl. KERNBERG 1985, S. 62). Das gewissermaßen nicht weiter redu- zierbare psychische Element wird von KERNBERG als eine primäre bzw. primitiv Selbst- Objektrepräsentanz bezeichnet (siehe Abb. 1, S. 13 (2a) symbiot.Bereich bzw. autisti- sche Phase); (vgl. 1985, S. 59). Daraus entwickeln sich vom zweiten Lebensmonat bis zu einem Zeitpunkt zwischen dem sechsten und achten Lebensmonat komplexe Imagi- nes, vornehmlich Mutter Imagines, die je nach Klima mit jeweils positiven und negati- ven primären Affekten besetzt werden. Daraus wird dann eine Selbst-Objektrepräsen- tanz, die trotz anhaltender Fusion mit polarisierten Primäraffekten besetzt sind (siehe Abb. 1, S. 13 (2b) schizotypischer Bereich); (vgl. KERNBERG 1985, S. 59ff.). Gemäß der zweiten Grundannahme sollen sich in weiteren Entwicklungsschritten die fusionierten Imagines in ihre Selbst- und Objektanteile auflösen. Der Beginn der Differenzierung liegt ca. im dritten oder vierten Monat und endet zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat (siehe Abb. 1, S. 13 (3) Borderline Bereich); (vgl. KERNBERG 1985, S. 64). Da nur zwei Affektqualitäten zur Auswahl stehen, ist es zwingend, dass maximal zwei Objekt- und zwei Selbst-Repräsentanten zu erzielen sind, die jeweils positiv und negativ bzw. gut und böse besetzt sind. Zwischen dem ca. achtzehnten und sechsundrei- zigsten Monat sollten dann die Selbst-Repräsentanzen und Objekt-Repräsentanzen stabil ausgebildet sein und die Spaltungsprozesse zunehmend nachlassen (vgl. ebd.). Bei zu hoher affektiver Belastung kann es innerhalb dieser Phase zur Teilung des Ichs kommen. KERNBERG weist explizit darauf hin, dass es die Affektqualitäten sind, um die sich die verschiedenen Erfahrungen sammeln und die auf diese Weise organisierend wirken (vgl. 1985, S. 65). Der Abschluss des dritten Stadiums beginnt im letzten Ab- schnitt des dritten Lebensjahres. In diesem Entwicklungsschritt ist die Gut- und Böse- konstellation zu überwinden. Um ein neues Element zu bilden, ist es notwendig, die `guten` und `bösen` Elemente so zu veredeln, dass am Ende ein neues Element entsteht. Dieses neue Element lässt dann auf der Selbstseite die Ich-Identität und auf der Objekt- seite die Objektkonstanz entstehen (siehe Abb. 1, S. 13 (4) Ich-Identität / Objektkon- stanz); (vgl. KERNBERG 1985, S. 68). Die Entwicklung zu einer ausgereiften Ich-Identi- tät ist abhängig von den Interaktionserfahrungen, die das Kind im Laufe seines Lebens macht. Für die Objektkonstanz gilt das gleiche. Diese ist erreicht, wenn das Kind in der Lage ist, sich im Anderen zu erleben und zu tolerieren (vgl. KERNBERG 1985, S. 66). Ich-Identität und Objektkonstanz schließlich sind die Vorraussetzungen für die Ent- wicklung einer ausgereiften dreiteiligen, psychischen Struktur aus Es, Ich und Über-Ich (vgl. KERNBERG 1985, S. 68), in welcher der Vorgang der Verdrängung den, der Spal- tung als Hauptabwehrmechanismus weitgehend abgelöst hat (vgl. KERNBERG 1985, S. 70). In Abb. 1 ist der dritte Bereich (Borderline Bereich) besonders bedeutsam für die Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation und damit für die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung.

2.1.2.1 Borderline Bereich in der kindlichen Entwicklung

Die ersten Lebensjahre des Kindes sind nach Kernberg (1998) durch schwere Frustrati- onen geprägt. Daraus resultieren prägenitale und insbesondere orale Aggression. In- wieweit diese Frustrationen traumatisierend sind führt Kernberg nicht genauer aus. Auf der einen Seite existieren die libidinös besetzten guten Selbst- und Objektbilder, auf der anderen Seite aggressiv determinierte böse Objektbilder, die aus paranoid verzerrten Elternimagines, verursacht durch frühe Frustrationen, resultieren. Die Integration der guten und bösen Objektvorstellungen misslingen bei dem Kind. Infolge der Projektion eigener oral-sadistischer aber auch anal-sadistischer aggressiver, Impulse in Verbindung mit den paranoiden Verzerrungen erlebt das Kind die Mutter als denkbar gefährlich. Das Kind hasst die Mutter und weitet diese Vorstellung auf den Vater aus. Dies ist möglich, weil das Kind aufgrund der übermäßigen Spaltungsprozesse zwischen Vater und Mutter nicht oder nur mangelhaft differenzieren kann. Sowohl die Eltern als auch spätere Sexualpartner werden als beunruhigend und aggressiv durchsetzt wahrgenom- men (vgl. KERNBERG 1998, S. 63f.). Die aggressive Tönung der Eltern und dann später bei den Sexualpartnern folgt aus den Bemühungen, von den oralen Ängsten und der oralen Wut loszukommen. Das Produkt dieser Bemühungen ist das vorzeitige Einsetzen der genitalen Triebstrebungen. Die Triebstrebungen sind durchsetzt von prägenitaler Aggression und das führt dazu, dass eine pathologische Entwicklung angestoßen wird (vgl. KERNBERG 1998, S. 65f.). Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird überwie- gend bei Frauen diagnostiziert. Ich möchte daher die von Kernberg (1998) beschriebene pathologische Entwicklung von Jungen im Folgenden vernachlässigen und stattdessen die von Mädchen beschreiben. Die beschriebene orale Störung löst eine vorzeitige Ent- wicklung positiv-ödipaler Triebstrebungen aus, um den Konflikt zu lösen. Demnach begehrt das Mädchen frühzeitig in erotischer Weise den Vater. Das Verhalten gegen- über diesem dient der Ersatzbefriedigung. Das Mädchen ist von der Mutter, die auf- grund mangelnder oraler Bedürfnisbefriedigung gehasst und als gefährlich erlebt wird, frustriert worden (vgl. KERNBERG 1998, S. 65). „Problematischer wird dieser Lösungs- versuch dann, wenn die Vaterimago mit prägenitaler, von der Mutter abgelenkter und auf den Vater projizierte Aggressionen durchsetzt wird; er ist aber auch schon deshalb problematisch, weil orale Wut, [...] den Penisneid bei Frauen enorm verstärkt“ (ebd.). Dann nämlich erlebt das Mädchen eine Mutter, die nicht nur das an sie gerichtete eroti- sche Begehren der Tochter ablehnt, sondern auch das an den Vater gerichtete (vgl. KERNBERG 1998, S. 65f.). KERNBERG fasst zusammen:

„Daß eine übermäßige Ausprägung prägenitaler und vor allem oraler Aggressionen bei [Mädchen] eine vorzeitige Entwicklung ödipaler Triebstrebungen auslösen kann, so daß eine pathologische Verschränkung prägenitaler und genitaler Triebziele unter dem dominierenden Einfluß aggressiver Bedürfnisse entsteht. Als Ergebnis einer solchen Fixierung fassen wir unter anderem eine Reihe pathologischer Kompromissbildungen auf, die für die typisch polymorph-perversen Fixierungen bei Patienten mit einer BorderlinePersönlichkeitsstruktur verantwortlich sind“ (1998, S. 66).

Insgesamt lässt sich folgern: Der Hauptfaktor für die Ätiologie bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation und der daraus resultierenden Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung ist das Vorherrschen negativer Affekte und damit auch negativer Introjekte (vgl. KERNBERG 1968 zit. nach OSOFSKY 2000, S. 743).

2.1.2.2 Relevanz für die Borderline-Persönlichkeitsstörung

ROHDE-DACHSER beschreibt, dass die Erklärungsversuche eine zentrale Bedeutung haben, wenn die Diagnose nach den Merkmalen des DSM IV gestellt wurde, an die Kernberg sein Borderline-Konzept annäherte. Zusammenfassend lässt sich stark verein- facht sagen, dass es den Betroffenen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstö- rung nicht gelingt, ihre früheren Vorstellungen wichtiger Bezugspersonen in reifere Beziehungsvorstellungen umzuwandeln. Menschen mit dieser Diagnose nehmen die anderen weiterhin als Personen wahr, die ausschließlich zu ihrer Bedürfnisbefriedigung dienen und nicht als Menschen mit eigenen Rechten, Gefühlen und Bedürfnissen. Das hat einen prägenden Einfluss auf die Bildung des Selbst, da ihrem Gegenüber und folg- lich sich selbst entweder nur gute oder nur schlechte Eigenschaften eingeräumt werden, verbunden mit der Intention die Bedürfnisse des Selbst oder des Anderen zu befriedi- gen. Nuancen oder Grautöne zwischen schwarz oder weiß gibt es in ihrer Wahrneh- mung nicht. Die Vorstellungen über sich Selbst sind zwar hinreichend von den Vor- stellungen über den anderen differenziert, aber die Spaltung dieser im inneren vorge- stellten Bilder wird aufrechterhalten. Diese ambivalenten Vorstellungen, die genährt sind von Phantasien über sich selbst und über den anderen, werden von ihnen als real erlebt und in verschiedenen Situationen neu inszeniert, da diese Vorstellungen aufgrund mangelnder Integration von den Betroffenen nicht in Beziehung gesetzt werden können. Die dadurch aufrechterhaltene Desintegration gegensätzlicher internalisierter Vorstel- lungen wird so über den altersangemessenen Zeitraum hinaus durch den primitiven Abwehrmechanismus der Spaltung beibehalten. Das Ergebnis ist häufig inneres Chaos und Identitätsdiffusion. Die Spaltung wird als Schutz bewahrt, weil Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung davon ausgehen, dass die innerlich als gut abgebildeten Personen oder deren gute Anteile durch die innerlich als schlecht abgebil- deten Personen oder deren schlechte Anteile zerstört werden. Die schlechten Vorstel- lungen über sich selbst und über den anderen erscheinen den Betroffenen als Furcht erregend, so dass diese abgewehrt werden und erneut mit Aggressionen aufgeladen werden müssen. Die sogenannte Hilfsmechanismen der Spaltung wie z.B. projektive Identifizierung, Verleugnung usw. werden dann herangezogen, um die Spaltung zu festigen (vgl. ROHDE-DACHSER 2001, S. 13f.).

Die polymorph-perversen Tendenzen äußern sich bei den Betroffenen, durch verschie- dene pathologische Kompromisslösungen (vgl. KERNBERG 1998, S. 66). Zum Beispiel trifft häufig zu, dass die heterosexuelle Liebe scheitert. Der Grund liegt darin, dass die durch die frühe pathologische Entwicklung entstandenen Aggressionen nicht ständig verleugnet werden können. Einerseits gibt es die Flucht in die Promiskuität, um die Abhängigkeit von Männern zu verleugnen. Andererseits bleibt die Wahl, auf Heterose- xualität zu verzichten. Diese Lösung hat ihren Grund zum einen in der Suche nach z.B. fehlender Wärme und Zuneigung (orale Bedürfnisse), die durch die Wahrnehmung eines idealisierten Mutterbildes unter völliger Abspaltung des als bedrohlich und ge- fährlich erlebten Mutterbildes endet. Zum anderen wird durch den Verzicht auf Männer eine Angleichung an den internalisierten Teil der Mutter angestrebt, die das erotische Begehren zum Mann (Vater) ablehnt. Beide Annahmen sind die Ursprünge weiblicher Homosexualität, die sich häufig bei Frauen mit der Diagnose Borderline-Persönlich- keitsstörung finden lässt (vgl. KERNBERG 1998, S. 65f.). Fazit meiner Meinung nach ist, dass die Sichtweise von M. Klein und Kernberg „Jeder Mensch ist Täter seines Erlebens und seiner Wahrnehmung“ (KERNBERG zit. nach REDDEMANN / SACHSSE 1999, S. 17) durch die Erörterung der entwicklungspsychologisch-genetischen Grundannahmen Kernbergs, die sich aus den Erkenntnissen von M. Mahler und M. Klein speisen, deut- lich machen, warum Kernberg (1998) in seinen Ausführungen das Realtrauma vernachlässigen konnte. Ebenso wird deutlich, dass diese Grundannahmen durch gesellschaftliche Moralvorstellung geprägt sind, die die Mutter dem Grunde nach alleinverantwortlich für die kindliche Entwicklung macht. Überdies möchte ich nach WINTERFELD noch anfügen, dass es nicht erstaunlich ist, dass Frauen in ihrer Beziehung zu anderen Personen nie frei von Ambivalenzen sind, wenn gemäß der Theorie von Kernberg (1998) davon ausgegangen werden muss, dass die Ambivalenzen zwischen Mutter und Tochter die Beziehung zueinander bedingen (vgl. WINTERFELD 1995, S. 372 ). Die entwicklungspsychologisch-genetische Entwicklung beinhaltet u.a., wie bereits eingeführt, die Bedingungen für die Entwicklung einer innerpsychischen Struktur, die Kernberg (1998) Borderline-Persönlichkeitsorganisation nennt. Diese psychische Organisation geht mit einer so genannten Ich-Schwäche einher, die sich in mangelnder Angsttoleranz, mangelnder Impulskontrolle, mangelnder Sublimierungsfähigkeit und einer Nähe zum primärprozesshaften Denken manifestiert (vgl. Kernberg 1998, S. 41ff.). Eine Folge dieser Ich-Schwäche ist auf struktureller Ebene der Hauptabwehrmechanismus Spaltung mit seinen Hilfsmechanismen primitive Idealisierung, projektive Identifizierung, Verleugnung und Allmacht mit einhergehender Entwertung (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 62). Diese strukturellen Abwehrmechanismen sollen im Folgenden erörtert werden.

2.1.3 Strukturelle Abwehrmechanismen

Abwehrmechanismen sind intrapsychische Vorgänge, die das psychische Gleichgewicht schützen. Diese werden in der Regel dann eingesetzt, wenn Menschen unter seelischer Belastung stehen oder sich in Extremsituationen befinden. Abwehrmechanismen sind kein Indikator für eine pathologische Entwicklung. Vielmehr gilt es zu untersuchen, mit welcher Intensität und Qualität Abwehrmechanismen von Menschen eingesetzt werden. So nutzen `gesunde` Menschen in Augenblicken der seelischen Belastung reifere Ab- wehrmechanismen wie z.B. Verdrängung und Sublimierung. Nur in Extremsituationen kommt es zum Gebrauch so genannter primitiver Abwehrmechanismen wie Spaltung, Verleugnung, Abwertung, usw. (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 33f.). Im Vergleich hierzu kommt es bei Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung zu einer Fixierung der Abwehrformationen auf dem Niveau der frühen Entwicklungsstu- fen. Diese frühen Abwehrformationen dienen den Betroffenen als Schutzfunktion, deren Erschütterung eine direkte Bedrohung auslöst (vgl. ROHDE-DACHSER 1989, S. 90). „Der Patient klammert sich aus diesem Grunde an seine archaischen Abwehrreaktionen, mit der Konsequenz, dass entscheidende Entwicklungsschritte, die die Voraussetzung für die Fähigkeit der Verdrängung bilden würden, unterbleiben“ (ebd.). Bei Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung bezieht sich der Begriff der Abwehr demnach nicht nur auf die klassische Sichtweise, nämlich auf „Mechanismen, die gegen die Triebe und innere Repräsentanzen arbeiten“ (ROHDE-DACHSER 1989, S. 91), son- dern die Abwehr richtet sich auch gegen die drohende Fragmentierung des Ichs, die als bedrohlich empfunden wird und mit dem Gefühl einhergeht, seine Existenz zu verlieren (vgl. ROHDE-DACHSER 1989, S. 91). Dieser drohenden Fragmentierung wird demnach mit den anschließend dargestellten Abwehrmechanismen begegnet.

2.1.3.1 Hauptabwehrmechanismus Spaltung

Spaltung ist das Auseinanderhalten entgegengesetzter Introjektion und Identifizierungen; beides sind Formen der Verinnerlichung. SCHAFER (1968) führt dazu aus:

„Jene Prozesse, durch die das Subjekt tatsächliche oder vorgestellte regulatorische In- teraktionen mit seiner Umwelt und tatsächliche oder vorgestellte Eigenschaften seiner Umwelt in innere Regulationen und Eigenschaften transformiert (zit. nach CHODOROW 1985, S. 61).

Die Integration der konträren Introjekte und Identifizierung ist nach KERNBERG „wich- tigste Quelle für die Neutralisierung von Aggressionen (und zwar insofern als hierbei libidinöse und aggressive Triebabkömmlinge miteinender legiert und im Rahmen dieser Integration neu organisiert werden)“ (1998, S. 49). Diese Neutralisierung ist bei Men- schen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht in ausreichendem Maße geschehen. Somit entfällt ein entscheidender Aspekt für die Entwicklung eines ausgereiften Ichs mit einem Selbstbild auf der einen und der Objektkonstanz auf der anderen Seite (vgl. ebd.). Die Betroffenen erleben extreme Positionen, ohne Zwischen- töne zuzulassen. Genau gesagt sind sie nicht fähig, Extreme wie z.B. Liebe und Hass zu integrieren. Das Erleben der Ambivalenzen löst in ihnen Schuldgefühle aus, so sind sie bemüht, die Extreme gar nicht erst zuzulassen. Daraus resultiert dann, dass sie ihre Umgebung in diese beiden Pole einteilen. Die Betroffenen spalten ihre nähere Umge- bung in `total gut` und `total böse` auf, so dass z.B. Behandlungsteams innerhalb des klinischen Settings genauso polar wahrgenommen werden. In der Regel sind die abwe- senden Menschen diejenigen, die als `total gut` wahrgenommen werden, während die Menschen, die sich in der Nähe der Betroffenen befinden, als kontrollierend, beherr- schend und eindringend gehasst werden (vgl. STAUSS 1993, S. 75). Ein Klinikbeispiel von DULZ / SCHNEIDER:

„Herr K. berichtete in einer Sitzung - nachdem wir bereits viele Monate miteinander gearbeitet hatten - davon, daß er in sich mehrere Schubladen habe. Jede Person, mit der er zu tun habe, werde von ihm in eine Schublade gepackt und bleibe dort, bis er ge- zwungen sei, sie aufgrund ihres Verhaltens ihm oder anderen gegenüber umzupacken. Er habe zwei Schubladen für Menschen, die er als gut empfinde. Es sei allerdings mög- lich, von diesen wenigen guten in eine der zahlreicheren bösen Schubladen hinabgesto- ßen zu werden. Den Weg von den bösen zu den guten gebe es nicht oder nur aus- nahmsweise. Mit den Menschen in den bösen Schubladen sei er im Grunde für alle Zeiten fertig. Wir Therapeuten seien in den guten Schubladen und sollten bloß aufpas- sen, nicht in die anderen zu gelangen, in die er leider beinahe alle Mitglieder des Pflegeteams habe verbannen müssen. Schubladen der Indifferenz, der grauen Mitte existieren nicht“ (1999, S. 36).

Spaltungsvorgänge erscheinen gewöhnlich in Kombination mit einem oder mehreren der nachfolgenden Mechanismen.

2.1.3.1.1 Primitive Idealisierung

KERNBERG versteht darunter „die Neigung, (bestimmte) äußere Objekte zu `total guten` zu machen, damit sie einen gegen die bösen Objekte beschützen und damit sie nicht von der eigenen oder der auf andere Objekte projizierten Aggression in Frage gestellt, ent- wertet oder gar zerstört werden können“ (1998, S. 50). Angelehnt an Kernberg zitiert

ROHDE-DACHSER:

“Die primitive Idealisierung impliziere weder die bewusste noch die unbewusste Aner- kennung von Aggression gegenüber dem idealisierten Objekt noch Schuld über diese Aggressionen und Interesse für das Objekt. Sie ist keine Reaktionsbildung, sondern eher die unmittelbare Manifestation einer primitiven, projektiven Phantasie-Struktur, in welcher es kein wirkliches Interesse für das Objekt gibt, sondern ein einfaches Nötigha- ben als Schutz gegen die umgebende Umwelt voll von gefährlichen Objekten. Kernberg spricht in diesem Zusammenhang auch von `prädepressiver Idealisierung` [und] betont die negative Auswirkung solcher überidealisierter Objekte für die spätere Entwicklung von Über-Ich und Ich-Ideal, wobei er davon ausgeht, dass Borderline-Patienten im typischen Fall auf dieser Stufe der Idealisierung stehen bleiben und von dort her ihre omnipotenten Identifikationen beziehen (KERNBERG 1967 zit. nach ROHDE-DACHSER 1989 S. 100).

So gibt es z.B. Betroffene, die zu Beginn eines therapeutischen Settings ihre Eltern als `ganz gut` darstellen oder aber das genaue Gegenteil beschreiben, indem sie berichten, dass sie ihre Eltern hassen. Schwierigkeiten mit den Eltern oder gute Seiten dieser wer- den erst im Laufe der Therapie erinnert bzw. erkannt. Die Form des primärprozesshaf- ten Denkens führt dazu, dass an das begleitende Personal völlig überhöhte Erwartungen gestellt werden. Da es z.B. den `nur guten` Menschen nicht gibt, müssen die Erwatun- gen zwangsläufig enttäuscht werden und die primitive Idealisierung kann übergangslos in die Entwertung übergehen. Die Intensität und Qualität dieser Art der Wahrnehmung indiziert den pathologischen Charakter von Menschen mit der Diagnose Borderline- Persönlichkeitsstörung. Desgleichen können sich seelisch gesunde Menschen ein ideali- siertes Gegenüber vorstellen, jedoch auf ein realistischeres Niveau und in deutlich abge- schwächter Form (vgl. DULZ / SCHNEIDER 1999, S. 36f.). Ein Klinikbeispiel von DULZ /

SCHNEIDER:

„Herr L. kam zu uns, um intensiv über seine Frau zu sprechen. Mit ihm sei alles in Ordnung, aber seine Frau: Die sei Alkoholikerin, und er tue alles für sie. Dafür erwarte er von dem Therapeuten „jeden Tag ein Privatgespräch von ein oder zwei Stunden Dauer“ - er hätte gleich gesehen, daß dieser, der einen einmalig guten Ruf habe, der ideale Gesprächspartner für ihn sei. Auf der Station, auf der er vorher gewesen sei, habe er solche Privatgespräche bekommen; auf Nachfrage - völlig umschwenkend - berich- tete er, daß er dort ein langes Aufnahmegespräch gehabt habe, ansonsten seien nur Vi- siten angeboten worden, woraufhin er erbost wegen der menschenunwürdigen Behand- lung seine alsbaldige Verlegung verlangt hätte. Der Therapeut teilte ihm mit, er führe zwar Gruppentherapien durch, hätte aber keinen eigenen Patienten auf der Station, dafür gebe es eine Psychologin und eine Stationsärztin; Privatgespräche führe er ohnehin nicht, da er nicht als Privatperson tätig sei. Wir könnten ihm jedoch regelmäßige Ge- spräche von begrenzter Dauer anbieten, sicher sei nach einer gewissen Zeit auch die Teilnahme an einer Psychotherapiegruppe möglich, jetzt schon könne er an Ergothera- pie, Musiktherapie oder der Wutgruppe teilnehmen. Der Patient reagierte mit einem heftigen Wutausbruch und entsprechender Schimpftriade: Es sei von dem Therapeuten eine Frechheit, ihn so abzuspeisen, Psychiatrie sei eben immer noch wie im dritten Reich. Wir ließen etwas Zeit verstreichen, um mit ihm erneut zu einem vereinbarten Zeitpunkt das Therapieprogramm zu besprechen. Herr L. nahm den Termin nicht wahr: Er hatte die Station kurz vorher verlassen und kehrte auch nicht mehr zurück“ (1999, S. 37).

Sowohl die im Zusammenhang mit der primitiven Idealisierung angesprochen All- machtsphantasien als auch die Entwertung sollen in Punkt 2.1.3.1.4., S. 25 beschrieben werden.

2.1.3.1.2 Projektive Identifizierung und die Identifizierung mit dem Angreifer

Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung verlagern unbewusst abgespaltene Empfindungen und Selbstbilder in ihr Gegenüber (vgl. LOHMER 2000, S.77). „Der Begriff Projektion meint dabei die Externalisierung eigener Anteile, der Begriff Identifizierung meint, daß die andere Person mit diesem Teil identifiziert wird und ihn auch selber bei sich empfindet.“ (LOHMER 2000, S. 77). SACHSSE verdeutlich die projektive Identifizierung anhand eines Witzes:

„Zwei Betrunkene sitzen sich in der Straßenbahn gegenüber. Der eine ist eingenickt. Der andere muß sich übergeben und bricht alles auf die Hose des Schlafenden. Der schläft weiter. In einer Kurve wird der Schlafende durchgerüttelt, er muß aufstoßen und wird wach. Erschrocken sieht er auf seine Hose. Beugt sich der andere zu ihm rüber:“ Na, Kumpel, ist Dir jetzt besser ?“ (1997, S.14).

Projektion bedeutet hingegen nach STAUSS:

“Daß man Gefühle und Phantasien, die man in sich selber ablehnt, nach außen verlagert und in einer anderen Person lokalisiert, so daß man dem anderen unterstellt, daß er die Gefühle, Gedanken und Phantasien hat, die man in sich selber ablehnt. Die Projektion ist ein psychischer Vorgang und hat keine direkte Interaktion zur Folge“ (1993, S. 80).

KERNBERG hat Projektion und projektive Identifizierung gegeneinander abgegrenzt:

„Zum einen die mangelhafte Selbst-Objekt-Differenzierung, sodann die Besonderheit, dass das Subjekt eine unerträgliche intrapsychische Erfahrung auf ein Objekt projiziert, die Empathie (im Sinne einer emotionalen Bewusstheit) mit dem Projizierten wahrt, dabei versucht, ständig die unerträgliche Erfahrung abzuwehren, indem es das Objekt kontrolliert, und bringt schließlich dann das Objekt in der faktischen Interaktion mit ihm unbewusst dazu, das auf es projizierte in seinem Erleben nachzuvollziehen. Die Projek- tion, eine reifere Abwehrform, besteht darin, die unerträgliche Erfahrung zunächst zu verdrängen, sie sodann auf das Objekt zu projizieren und sich schließlich vom Objekt abzugrenzen oder zu distanzieren, um die Abwehrbemühungen abzusichern“ (1997, S. 203).

Die Differenzierung zwischen sich Selbst und dem Anderen ist bei Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung vorwiegend gelungen. Die Ich-Grenzen sind überwiegend intakt. Dennoch lässt sich gemäß KERNBERG sagen, dass wenn Pro- jektionen von Aggressionen mit der unspezifische Manifestation von Ich Schwäche ein- hergehen, die Betroffenen nicht mehr zwischen sich Selbst als Subjekt und dem Ande- ren als Objekt differenzieren können (vgl. 1998, S. 51). Diese mangelnde Differenzie- rung hängt stark mit der Pathologie der früh verinnerlichten Objektbeziehungen zu- sammen (vgl. ebd.). „Die projektive Identifikation ist [demnach] ein subtiles Mani- pulationsinstrument, durch das die Menschen in der näheren Umgebung genötigt wer- den, eine Rolle bei der Inszenierung des Dramas der früheren Objektbeziehungen zu übernehmen“ (STAUSS 1993, S. 80). Das Konzept des Abwehrmechanismus Identifizie- rung mit dem Angreifer wurde von A. Freud (1936) in der Kinderpsychotherapie ent- deckt. Das angegriffene Kind greift nicht seinen Angreifer an, sondern verschiebt die dem Angreifer gegenüber empfunden Aggressionen auf eine andere Person, indem es sich dieser Person gegenüber so verhält, wie der Angreifer gegenüber dem Kind. Das tut es entweder in der durch den Angreifer real erlebten Form oder im symbolischen Sinne, also indem es vergleichbare Eigenschaften oder Handlungen zeigt (vgl. A. FREUD 1936 zit. nach KÖNIG 1996, S.37). In diesem Zusammenhang beschrieb A. Freud eine Vor- stufe der Über-Ich Entwicklung: Kinder, die z.B. wissen, dass ihre Eltern ein bestimm- tes Verhalten nicht billigen, kritisieren dieses Verhalten bei anderen. Damit identifizie- ren sie sich mit den kritisierenden Eltern. Zu einem späteren Zeitpunkt kann es dann auftreten, dass das Kind sich durch Selbstvorwürfe für eine Handlung bestraft, die es im Nachhinein nicht billigt. Die gewohnheitsmäßige Identifizierung mit dem Angreifer kann dazu führen, auf dieser Stufe der Über-Ich-Entwicklung stecken zu bleiben (vgl. KÖNIG 1996, S. 38). Bei dem von A. Freud (1936) beschriebenen Abwehrmechanismus Identifizierung mit dem Angreifer „geht es um die identifikatorische Übernahme der durch eine Autoritätsperson erlittenen Aggressionen und ihren Wendungen gegen an- dere Objekte im Sinne der sekundären Identifikation“ (HIRSCH 2000, S. 538).

„Die Identifizierung mit dem Angreifer geschieht also mit dessen Verhalten oder dessen Eigenschaften. Bei der Identifizierung kann ein Gefühl der Schwäche, der Kränkung oder des Gegkränktseins aufgehoben werden, man ist dann selbst der Kränkende, Verletzende oder Schädigende“ (KÖNIG 1996, S. 38).

2.1.3.1.3 Verleugnung

Charakteristisch für Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die Verleugnung zweier sich auschliessender und im Wechsel befindlicher Gefühlszu- stände bzw. Bewusstseinsbereiche. Hier dient die Verleugnung dazu, den Hauptab- wehrmechanismus der Spaltung zu unterstützen. Die Betroffenen wissen in Momenten, in denen sie den anderen z.B. als `nur gut` wahrnehmen, dass sie denselben in anderen Zeiten als `total böse` wahrgenommen haben. Dennoch ist es ihnen nicht möglich, diese beiden Wahrnehmungen miteinander zu verknüpfen und sie gleichzeitig zu empfinden. Das Gefühl wie im Beispiel des `total bösen` Gegenübers steht ihnen in dem Augen- blick nicht zur Verfügung und hat überhaupt keine Relevanz, die Betroffen blenden es völlig aus (vgl. KERNBERG 1998, S. 52). Weiterhin dient die Verleugnung dazu, einen Teil des inneren subjektiven Erlebens nicht wahrhaben zu wollen oder dasselbe in der Außenwelt zu ignorieren. KERNBERG stellt dies besonders heraus, wenn er sagt:

“Was der Patient in einem Moment verleugnet, ist etwas, worum er in anderen Berei- chen seines Bewusstseins durchaus weiß, d.h. es werden `Emotionen` verleugnet, die er schon einmal erlebt hat (woran er sich auch erinnern kann), und es wird die emotionale Relevanz einer bestimmten Realsituation verleugnet, die dem Patienten immer bewusst war oder jedenfalls leicht wieder bewusst gemacht werden kann“ (1998, S. 53).

Deutlich wird dies o.g. an folgenden Klinikbeispiel von DULZ / SCHNEIDER:

„Frau Q. war zunächst davon ausgegangen, daß sie eine glückliche Kindheit gehabt habe. Ihre Eltern seien immer für sie dagewesen und hätten sie immer in den Arm ge- nommen, wenn sie in seelischer Not gewesen sei. Insbesondere jede Form einer Über- griffigkeit und Gewalt in der Familie habe- so äußerte sie ungefragt- nie bestanden. Schließlich erinnerte sich die Patientin jedoch zur eigenen Verblüffung, daß der Vater Alkoholiker gewesen und ihr im Rausch „zu nahe auf den Pelz gerückt“ sei. Außerdem habe er ihre Mutter und ihre Schwester geschlagen. Frau Q. begann Situationen zu schildern, in denen sie den Vater „rasend vor Wut“ darstellte. Noch später teilte sie wie beiläufig und zur Überraschung der Therapeuten mit, ihre Eltern hätten sich scheiden lassen, als sie zehn Jahre alt gewesen sei. Zunächst hatte sie angegeben, ihre Eltern führten bis heute eine glückliche Ehe. Die objektiv nachprüfbare Scheidung wurde also solange verleugnet. Zu betonen ist, dass keinesfalls nach Ereignissen wie Missbrauch bzw. Misshandlungen gefragt wurde, sondern die Erinnerung an diese traumatisierenden Ereignisse erst zurückkehrte, als Frau Q. sich verstanden und gehalten fühlte“ (1999, S. 41).

2.1.3.1.4 Allmacht und Entwertung

Menschen mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung nutzen Allmacht und Entwertung ebenfalls im Zusammenhang mit dem Hauptmechanismus der Spaltung, indem sie primitive Introjektionen und Identifizierung zu Abwehrzwecken nutzen (vgl. KERNBERG 1998, S. 54). KERNBERG beschreibt diese Abwehrhaltung wie folgt:

“Patienten mit diesen beiden Abwehrhaltung schwanken oft zwischen zwei scheinbar gegensätzlichen Einstellungen: zeitweilig dominiert das Bedürfnis, eine ansprüchliche und anklammernde Beziehung zu einem Objekt herzustellen, während zu anderen Zeiten die Phantasien und das Verhalten dieser Patienten selbst von einem tiefen Gefühl eigener magischer Omnipotenz durchdrungen sind. Beiden Phasen liegt eine Identifizierung mit einem `total guten` Objekt zugrunde, das zum Schutz gegen böse `verfolgende` Objekte idealisiert und mit Allmacht ausgestattet wird“ (1998, S. 54).

Nach KERNBERG indiziert die aus der Idealisierung des Anderen entstehende Unterwer- fung zunächst eine totale Abhängigkeit diesem Anderen gegenüber. Dennoch ist die Unterwerfung nur scheinbar, da sie mit Allmachtsphantasien gefüllt ist, eben diesen Anderen beherrschen und besitzen zu können, um ihn zum Zwecke der Manipulation gegen eine feindliche Umwelt einzusetzen. Der Andere ist somit nur ein Teil des er- weiterten Selbst, das als eigenständige, integere Person gar nicht wahrgenommen wird. Die bei den Betroffenen häufig anzutreffenden Gefühle wie Selbstkritik, Minderwertig- keit und Unsicherheit verdecken oft verborgene Allmachtphantasien. Diese treten in Form einer hohen Anspruchshaltung auf. So glauben Menschen mit der Diagnose Bor- derline-Persönlichkeitsstörung z.B., dass sie einen rechtmäßigen Anspruch auf eine totale Bedürfnisbefriedigung im Sinne einer bevorzugte Behandlung oder auf besondere Privilegien haben. Die mit der Allmachtphantasie einhergehende Entwertung ist das Resultat einer zu hohen Anspruchshaltung. Sobald der idealisierte Andere dieser nicht gerecht werden kann, wird er fallengelassen oder abgeschoben, da er die Bedürfnisbe- friedigung oder den Schutz nicht mehr gewähren kann (vgl 1998, S. 54f.).

Allmachtphantasien und Entwertung erfüllen für den Menschen mit der Diagnose Bor- derline-Persönlichkeitsstörung zugleich mehrere Funktionen: Sie schützen ihn vor Kränkungen, vor allem der des Nicht-Geliebt-Werdens bzw. des Verlassenwerdens. Zudem bleibt den Betroffenen die Möglichkeit, die Spaltung aufrechtzuerhalten. Dies gelingt, indem die idealisierten Gefühle völlig zurückgenommen werden und durch ihr genaues Gegenteil ersetzt werden (vgl. ROHDE-DACHSER 1989, S. 107). Ein Klinikbei- spiel von DULZ / SCHNEIDER:

„Herr P. kam zu uns, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte. Er habe sie einst abgöttisch geliebt und, nachdem sie die erste Frau gewesen sei, der er nach seinem Umzug in Hamburg begegnet sei, geheiratet. Sehrschnell aber hätte es Probleme gege- ben, sie habe immer nur ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen und seine Probleme nicht sehen können. Deshalb habe Herr P. sie verlassen müssen. Sie sei `der Abschaum` und könne froh sein, wenn er ihr nicht mehr begegnete: Dann werde etwas passieren. Sie sei es nicht wert auf der Welt zu sein. Nach der Trennung von seiner Frau war der Patient in eine suizidale Krise geraten. Gewissermaßen wie Phönix aus der Asche tauchte er wieder auf, als er sich in eine Mitpatientin, Frau X. verliebte. Allen Hinwei- sen und Deutungen in bezug auf diese neue Beziehung hörte er zu, aber wirklich auf- nehmen und annehmen konnte er sie nicht. Er teilte mit, er habe sich noch nie in seinem Leben so gut und stabil gefühlt, er wolle Frau X. alsbald heiraten. Selbst den Hinweis auf seinen Status als Verheirateter ignorierte er. Herr P. und Frau X. verlobten sich auf der Station und schienen untrennbar zu sein. Herr P. bestand darauf, gemeinsam mit Frau X. entlassen zu werden. Irritationen kamen kurzzeitig auf. Als er entdeckte, daß seine `Noch Ehefrau` wohl doch sehr liebenswerte Züge hatte. Er beschloß, mit ihr und Frau X. gemeinsam Weihnachten zu feiern“(1999, S. 41).

KERNBERG vermutet Bei Vorhandensein der beschriebenen strukturellen Abwehrme- chanismen eine Borderline-Persönlichkeitsorganisation (vgl. 1998, S. 41).

[...]


1 „Sexueller Mißbrauch ist immer eine Gewalttat [...]. Sexueller Mißbrauch ist [...] zentraler Angriff auf die Identität und ein `Totalangriff auf das Mensch sein` [...]. Sexueller Mißbrauch ist immer ein Ausnut- zen von Macht und Autorität, von körperlicher oder beziehungsbedingter Überlegenheit. Abhängigkeit und Vertrauen des Mädchens [oder des Jungen] werden ausgenutzt, sie [er] wird massiv unter Druck gesetzt und zur Geheimhaltung verpflichtet. Sie [er] wird damit zu Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt. Der Begriff sexueller Mißbrauch umfasst das ganze Spektrum sexueller Gewalt- handlungen, von scheinbar harmlosen Berührungen bis zu den unterschiedlichen Formen der Penetration“ (WILDWASSER 1993, S. 61)

Details

Seiten
123
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638417341
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v44074
Institution / Hochschule
Fachhochschule Kiel – FB Soziale Arbeit und Gesundheit
Note
1,3
Schlagworte
Borderline Persönlichkeitsstörung Traumafolge

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Borderline - Persönlichkeitsstörung oder Traumafolge?