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Pädagogische Arbeit mit Gruppen - Anfangsphasen in Gruppen

Seminararbeit 2004 24 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Anfangs

3. Ängste, Erwartungen und Befürchtungen in der Anfangsphase
3.1. Ängste und Erwartungen des Dozenten
3.2. Umgang des Dozenten mit Erwartungen und Befürchtungen der Teilnehmer

4. Gruppenphasen
4.1. Das Forming
4.2. Das Storming
4.3. Das Norming
4.4. Das Performing

5. Ziele und Charakteristiken des Formings
5.1. Die Gruppe im Forming
5.2. Der Einzelne im Forming

6. Probleme und Komplikationen im Forming

7. Ratschläge und Hilfestellungen
7.1. Spiele in Anfangssituationen

8. Schlussfazit

9. Literatur

10. Anhang

1. Einleitung

Jeder, der schon einmal mit einer Gruppe von Menschen zu tun gehabt hat, sei es als Gruppenmitglied oder auch als Gruppenleiter, der weiß, dass gerade das Entstehen und „in Gang kommen“ einer gewissen Gruppendynamik nicht immer einfach ist. Vor allem dann, wenn verschiedene Menschen unterschiedlichen Typs aufeinandertreffen und die anfängliche Kommunikation innerhalb der Gruppe nicht richtig funktioniert. Es treten dann häufig Fragen und Probleme auf, die selten bewusst von den Gruppenmitgliedern, und oft auch unbemerkt vom Gruppenleiter, im Raum schweben und so die Arbeitsatmosphäre beeinträchtigen und belasten.[1] Keiner ist bereit, diese Probleme offen anzusprechen, deshalb werden sie meist einfach verdrängt. Wird diese Problematik aber nicht erkannt und möglichst bald behoben, so wird häufig die Chance auf ein Miteinander der Gruppenmitglieder verspielt, und das Erreichen des angestrebten Gruppenziels verschenkt.

„Einige dieser Probleme finden sich [nämlich] fast in allen Gruppen. Ihre Kenntnis und die bewußte aktive Auseinandersetzung … ermöglicht – wenn schon nicht immer eine endgültige Lösung – so doch eine gewisse Erleichterung und Einsicht bei den Teilnehmern.“[2]

Woran aber liegt es genau, dass eine Gruppe nicht gleich von Anfang an effektiv miteinander arbeitet, und es im schlimmsten Fall auch passieren kann, dass sie sich, ohne das angestrebte Ziel zu erreichen, wieder auflöst?

Im Folgenden sollen hierfür zentrale Aspekte und mögliche Gründe aufgezeigt werden, um somit letztendlich auch Lösungsansätze und Vorschläge zur Verbesserung sogenannter Anfangssituationen geben zu können.

Doch zuerst wollen wir uns mit dem „Anfang“ allgemein beschäftigen.

2. Definition des Anfangs

Eine Volksweisheit, die sich hartnäckig in unseren Köpfen festgesetzt hat, besagt: „Aller Anfang ist schwer“[3]. Doch was wird bei diesem aus menschlichen Erfahrungen entsprungenen Sprichwort unter „Anfang“ verstanden? Wie können wir den Anfang zeitlich greifen und ihn zu etwas machen, das wir somit besser benennen und verstehen können, wenn er uns anscheinend solche Probleme im alltäglichen Leben bereitet?

Der Duden schlägt uns folgende Definition von „anfangen“ vor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

anfangen: Aus der ursprünglichen

Bedeutung „anfassen, anpacken,

in die Hand nehmen“ entwickelte

sich bereits im Althochdeutschen

die Bedeutung „beginnen“. Dazu

„anfänglich, anfangs“, aber auch

„Anfänger, Lernender, Lehrling“.[4]

Es geht also um einen Neubeginn, den Start einer neuen Situation oder einer neuen Aufgabe. Aber gibt uns diese Erklärung auch Antwort auf die Frage, wann der Anfang beginnt und wann er endet? Geißler meint hierzu: „Es gibt für den Anfang des Anfangs keinen ´objektiv´ festlegbaren und benennbaren Zeitpunkt. Anfänge sind keine von den daran beteiligten Subjekten und deren Einstellungen und Stimmungen abzutrennenden Sachverhalte.“[5] Jedoch bezogen auf das Arbeiten mit Gruppen in Lehr-/Lern-situationen liegt es nahe, den Beginn der Veranstaltung, also das erstmalige Treffen der Beteiligten, als Anfang zu bezeichnen. Als Ende des Anfangs wird von Geißler „ … das Ende des Endes.“[6] genannt. Da Entscheidungen und Regeln, die im Anfang getroffen und ausgehandelt werden, meist Bestand bis zum Ende der Veranstaltung haben, kann man vom „Ende des Anfangs“ als „Ende des Endes“ sprechen. Ohne Anfang gäbe es kein Ende, so Geißler weiter.[7]

Aber ist es gerechtfertigt, in bezug auf Arbeiten mit Gruppen von einem „Gruppenanfang“ zu sprechen, oder zollen wir dieser Phase mehr Rechenschaft, indem wir diesen Beginn lieber als „Anfangssituation“ bezeichnen?

Im Gegensatz zu der statischen Betrachtung des „Anfangs“, bezeichnen Situationen immer ablaufende Prozesse, und nicht gegebene Tatbestände. Sie sind stets zielgerichtet. Wir sprechen beispielsweise von Situationen, wenn wir bestimmte Abschnitte unseres Lebens Revue passieren lassen, oder uns an bestimmte Ereignisse erinnern. Auch der Anfang in Gruppen kann als ein solch zeitlich strukturierter Abschnitt betrachtet werden. Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass Situationen immer etwas Allgemeines, etwas schon fast Selbstverständliches haben, wie beispielsweise das Händeschütteln zur allgemeinen Begrüßung. Aber Situationen haben auch immer etwas Spezielles, etwas nicht Vorhersehbares und Überraschendes. Das liegt vor allem daran, dass die teilnehmenden Subjekte die Situation maßgeblich beeinflussen. Subjektive Bedingungen, wie Interesse oder Gefühle der Teilnehmer, und der objektive Rahmen, wie z.B. der Raum, die Lehr-/Lerneinheitsdauer oder auch die Lernstruktur, ergeben zusammen die Ganzheit einer Situation. Aber auch die in der Situation handelnden Personen gehören dazu, vor allem in unserer Anfangssituation.[8] „So sind Anfangssituationen für jeden Beteiligten besondere Situationen, d.h., Anfangssituationen sind jeweils auch je meine, deine Anfangssituationen.“[9]

Abschließend könnte man also in bezug auf Anfangsphasen in Gruppen die vorher erwähnte Volksweisheit ummünzen, und wie folgt auslegen: „Alle

Anfangssituationen sind schwer.“

Doch warum erscheinen sie uns so schwer? Warum beeinflusst ein Erfolg oder Misserfolg der Anfangsituation so maßgeblich, wie sich das weitere Gruppen- und Arbeitsklima entwickelt und fortbesteht?

Warum hängt so viel von der Anfangssituation ab, und warum treten so viele Unbekannte auf, dass wir uns meist nervös, unruhig und angespannt vor einem Neuanfang fühlen?

3. Ängste und Erwartungen in der Anfangsphase

Um dieses Problem näher zu beleuchten, würde ich gerne an Erfahrungen anknüpfen, die annähernd jeder schon einmal in seinem Leben gemacht hat.

Betrachten wir hierfür den Beginn einer üblichen Erwachsenenbildungs-situation. Man betritt den Raum und sieht meist nur fremde Gesichter. Auch der Dozent ist einem unbekannt. Nun beginnt man die Situation zu analysieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1[10]

Jeder der Teilnehmer strukturiert so auf individuelle Weise seine Wahrnehmung der Gegebenheiten. Dabei spielen maßgeblich individuelle Vorerfahrungen und gesellschaftlich geprägte Erfahrungen eine Rolle.[11] Es wird entschieden, ob die vorliegende Situation eine Bedrohung darstellt, oder ob sie eher eine Chance darstellt. Ist sie für mich bekannt oder gänzlich neu? Das äußere Verhalten wird an die innere Entscheidung angepasst, und so wird die allgemein als gegeben angenommene Situation beeinflusst, und doch wieder verändert. Es gibt also keinen einmalig gestalteten Beginn, in dem sich jeder anfangs zurecht finden kann und sich sein eigenes Bild macht. Jeder beeinflusst vielmehr ständig das Ausgangsbild, so dass eine kontinuierliche Anpassung notwendig ist. Keiner weiß, was auf ihn zukommt. Deshalb kommt es oftmals zu bereits erwähntem Nervositätsgefühl, Unwohlsein oder anderen Phänomenen.[12]

3.1. Ängste und Erwartungen des Dozenten

Aber nicht nur die Teilnehmer, auch der Dozent muss sich mit einigen Ängsten bezüglich der Anfangssituation auseinandersetzen. Diese Angst kann sich dabei auf mehrere Aspekte beziehen. Zu allererst fragt der Dozent sich, was ihn erwarten wird. „Wem stehe ich heute gegenüber? Wer sitzt in meiner Gruppe?“. Aber er macht sich nicht nur Gedanken über die neue Situation oder die Teilnehmer, kritisch betrachtet er auch sich selbst. Wie wird er heute auf Fragen oder Schweigen reagieren? „Was passiert, wenn ich kein Wort herausbringe oder für die Teilnehmer nur Uninteressantes erzähle?“ Meist treten diese Zweifel oder Unsicherheiten im Unterbewusstsein unbemerkt auf, so dass sich der Dozent nicht absichtlich mit diesen Zweifeln auseinandersetzt, sondern sie ihn eher unbewusst beschäftigen. Das führt oftmals zu Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder ähnlichen Beschwerden. Aber nicht nur das. Dieses unbewusste Auseinandersetzen mit der neuen Situation beeinflusst auch die Wahl seines didaktischen Konzepts, wie auch sein Handeln und sein Verhalten den Teilnehmern gegenüber.[13]

Gerade in der Erwachsenenbildung spielen Ängste eine besondere Rolle. Der Dozent kann Vertrauen und Anerkennung nicht erzwingen. „Soziale Ablehnung durch Erwachsene, durch die Teilnehmer bzw. einzelne Teilnehmer, ist [außerdem auch] immer … eine Bedrohung des professionellen und des persönlichen Ansehens.“[14] Oft ist auch das positive soziale Ansehen eines Dozenten sehr wichtig für seine weitere Karriere im Erwachsenenbildungsbereich. Viele sind freiberuflich und von der positiven Gesinnung der Teilnehmer, oder auch des Arbeitgebers, abhängig.

Aber nicht nur diese, eher objektiven Dinge, fördern Angst und Unwohlsein, sondern auch die Anfangssituation an sich. Sie bedeutet, alte Gewohnheiten und Sicherheiten aufgeben und neue Wagnisse und Komplikationen eingehen und in Kauf nehmen.[15] Das führt dazu, dass der Dozent versucht, jedes Handeln der Teilnehmer auf ein bestimmtes schon bekanntes Schema zurückzuführen oder abzuleiten. Ob diese Schemata sinnvoll und anwendbar sind, stellt sich heraus.

Wichtig um die Angst zu überwinden ist, sie als eine Unsicherheit anzunehmen, sie nicht zu verdrängen und sie anschließend als eine neue Chance zu betrachten, aus der man nur noch mehr lernen kann. Nicht sinnvoll ist es, sich in Alkohol oder Medikamente zu flüchten. Auch bringt es einem nichts, die Angst auf die Teilnehmer abzuwälzen, oder vor ihr auszuweichen, indem man die Teilnehmer „totredet“.[16]

Erst wenn der Dozent ein gewisses Gefühl der Zugehörigkeit spürt, und seine Kompetenz nicht mehr skeptisch beäugt wird, dann kann er sich auf seine Aufgabe konzentrieren und in einer entspannteren Atmosphäre zu lehren beginnen.

Die entscheidende Frage, die sich ein Dozent stetig stellen muss, ist laut Geißler nicht „ Was muss ich für den Teilnehmer tun?[17], sondern vielmehr „ Was muss ich für mich … tun, um etwas für die Teilnehmer tun zu

können? “.[18]

[...]


[1] Vgl. www.arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/Anfangsprobleme.shtml

[2] www.arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/Anfangsprobleme.shtml S.1

[3] Geißler, 2002, S.8.

[4] Vgl. Geißler, 2002, S.8, Zitat aus Duden Bd.7: Das Herkunftswörterbuch.

[5] Geißler, 2002, S.48.

[6] Geißler, 2002, S.48.

[7] Vgl. Geißler, 2002, S.48.

[8] Vgl. Geißler, 2002, S.49.

[9] Geißler, 2002, S.49.

[10] Geißler, 2002, S.162.

[11] siehe auch 7. Der Einzelne im Forming.

[12] Vgl. Geißler, 2002, S.51.

[13] Vgl. Geißler, 2002, S.62.

[14] Geißler, 2002, S.63.

[15] Vgl. Geißler, 2002, S.63.

[16] Vgl. Geißler, 2002, S.64.

[17] Geißler, 2002, S.69.

[18] Geißler, 2002, S.69.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638416078
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43922
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Schlagworte
Pädagogische Arbeit Gruppen Anfangsphasen Gruppen Pädagogische Arbeit Gruppen

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Titel: Pädagogische Arbeit mit Gruppen - Anfangsphasen in Gruppen