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Der Ausbruch des peloponnesischen Krieges und die Kriegsschuldfrage

Seminararbeit 2003 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Anlässe des Peloponnesischen Krieges
II.1 Vorbemerkungen
II.2 Epidamnos
II.3 Poteidaia
II.4 Das Megarische Psephisma

III. Die Phase der Diplomatie vor Ausbruch des Krieges und die Kriegsschuldfrage

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Diese Proseminararbeit beschäftigt sich mit dem Ausbruch des Peloponnesischen Krieges und untersucht anschließend, inwiefern einzelne Staaten oder gar Personen für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht werden können. Zunächst gehe ich jedoch auf die Unterscheidung in tiefere Ursachen und äußere Anlässe ein, die für die Unausweichlichkeit des Krieges ins Feld geführt worden sind, bevor ich mich der Darstellung der Ereignisse unmittelbar vor Ausbruch des Krieges zuwende.

Unsere Hauptquelle dabei ist der Geschichtsschreiber Thukydides (460-ca.400 v.Chr.), der bezüglich seiner Methodik[1] schreibt, er sei auf den höchst möglichen Gehalt an Wahrheit bedacht und wolle ein Werk von beständiger Dauer schaffen, nicht zur kurzweiligen Unterhaltung, sondern zum Nutzen für die Nachwelt:

„... kth/ma, te evj avei. ma/llon h; avgw,nisma evj to. paracrh/ma avkou,ein xu,gkeitai...“[2].

Er gibt an, eine kritische und ausgewogene Geschichtsschreibung zu betreiben, wobei er sich gegenüber anderen Chronisten und Dichtern, die eher zur Erbauung ihrer Leser geschrieben und häufig übertrieben hätten, deutlich abgrenzt. Er sei nicht den erst besten Nachrichten gefolgt, sondern habe sich, wenn er nicht selbst bei Ereignissen oder Reden zugegen gewesen sei, den Wahrheitsgehalt bestimmter Informationen noch von anderer Seite bestätigen lassen. Die Bedeutung des Thukydides als Leitquelle für den Peloponnesischen Krieg ist sehr hoch, und ihr ist auch in größten Teilen – auch chronologisch - zu folgen. Alle weiteren Quellen geben nur spärliches Zeugnis von den Ereignissen des Krieges ab und können nur ergänzend verwendet werden. Allerdings ist auch die Geschichtsschreibung des Thukydides mit der nötigen Distanz zu betrachten, da er seine Informationen nicht nur bewertet, indem er sie sondiert, sondern auch in der Art und Weise ihrer Darstellung. Ein Beispiel kann die Wiedergabe der Reden sein, über die Thukydides aussagt, er habe sie nicht wörtlich wiedergeben können, sei aber darauf bedacht gewesen, ihren Hauptinhalt aufzuzeichnen und habe jeden „ ... dasjenige sagen lassen, was nach meinem Bedünken zur Sache am dienlichsten war...“[3].

Weitere Quellen sind die Periklesbiographie des Plutarch (1.Jh. n.Chr.) sowie die Geschichtsschreibung Diodors (1.Jh. v.Chr.) in der ergänzende oder bestätigende Informationen zu Thukydides zu finden sind. Schließlich sind als Quellen für die Gründe des Kriegsausbruches die Komödien des Aristophanes (445-385 v.Chr.), insbesondere „Die Acharner“ und „Der Frieden“, zu nennen, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Dichter in seinen Werken zu parodisieren und zu übertreiben pflegt.

II. Die Anlässe des Peloponnesischen Krieges

II.1 Vorbemerkungen

Thukydides bezeichnet den Peloponnesischen Krieg als den größten, den Griechenland, sogar die Welt, je gesehen habe („ki,nhsij megi,sth“[4]). Er übertreffe sogar den Persischen Krieg, was seine Dauer, die Zahl der eroberten Städte und das Ausmaß des Blutvergießens anbelangt und besonders aufgrund der Tatsache, daß ganz Griechenland und darüberhinaus noch zahlreiche Barbarenstädte in ihn verwickelt gewesen seien.[5] Der Geschichtsschreiber liegt mit seiner Einschätzung sicher richtig, wobei es auf diesem Hintergrund verwundert, welche konkreten Gründe von den beteiligten Parteien – insbesondere von Korinth - letztlich ins Feld geführt wurden, die einen Krieg gegen Athen als unausweichlich erscheinen lassen sollten. Diese in den Beratungen des Peloponnesischen Bundes und der spartanischen Volksversammlung vorgebrachten Argumente scheinen – für sich betrachtet - allerdings nicht gerechtfertigt, einen Krieg mit diesem Ausmaß anzuzetteln. Aus diesem Grund unterscheidet Thukydides als erster Geschichtsschreiber die tiefere Ursache (h`` avlhqesta,th pro,fasij) und äußere Anlässe (ai` aivti,ai), die zu einem Krieg führen. Die tiefere Ursache sei der Machtanstieg der Athener während der vergangenen fünfzig Jahre (penth,kontaetia) nach dem Abschluß des Dreißigjährigen Friedens mit Sparta gewesen, der die Peloponnesier aus Furcht zum Krieg gezwungen habe, jedoch nicht genannt worden sei:

„... th.n me.n ga.r avlhqesta,thn pro,fasin( avfnesta,thn de. lo,gw| tou.j vAqhnai,ouj h`gou,mai mega,louj gignome,nouj kai. fo,bon pare,contaj toi/j Lakedaimo,nioij avnagka,sai evj to. polemei/n)))[6]

Es wird am Ende dieser Arbeit nachzuweisen sein, daß die wahre Ursache des Krieges sehr wohl an manchen Stellen genannt oder zumindest umschrieben wurde. Im folgenden steht allerdings die Darstellung der Anlässe des Krieges und damit die Periode unmittelbar vor dessen Ausbruch im Zentrum der Untersuchung.

II.2 Epidamnos

Die Auseinandersetzung[7] um Epidamnos ist chronologisch gesehen der erste Anlaß für den Kriegsausbruch. Auf Epidamnos, einer von Kerkyra unter Beteiligung Korinths gegründeten Siedlung kommt es um 439/438[8] zu einer Auseinandersetzung zwischen Vertretern des Volkes und Anhängern der Oligarchie, infolge derer die Oligarchen aus Epidamnos vertrieben werden. Die in der Siedlung Verbliebenen wenden sich angesichts der Bedrängung aufgrund der Oligarchen und ihrer Verbündeten an ihre Mutterstadt Kerkyra mit der Bitte, zur Beilegung des Konfliktes beizutragen. Dort werden sie allerdings abgewiesen und wenden sich somit an Korinth, deren Schutz sie sich gemäß des Ratschlages des delphischen Orakels unterstellen. Die Verbannten beschwören nun ihrerseits die Kerkyräer, ihnen zu Hilfe zu kommen. Dem kommen diese auch bereitwillig nach, indem sie mit einer Flotte von vierzig Schiffen sowie den Exilanten und den verbündeten Illyrern gegen Epidamnos fahren und es belagern, da sie Epidamnos nicht den Korinthern überlassen wollen. Daraufhin rüsten die Korinther für einen Gegenschlag und mobilisieren Verbündete, die Schiffe und Besatzung sowie Geldmittel bereitstellen. Die zur gleichen Zeit stattfindenden Verhandlungen zwischen Vertretern beider Konfliktparteien in Korinth sind bestimmt von der gegenseitigen Forderung, die Truppen aus Epidamnos abzuziehen und enden ohne Erfolg. Somit ergeht 435 eine korinthische Kriegserklärung an Kerkyra. Die darauf folgende Schlacht bei der Leukimme können jedoch Kerkyra und seine Verbündeten für sich entscheiden. Angesichts dieser Niederlage sehen sich nun die Korinther gezwungen, ihren Flottenausbau noch zu steigern, was bei den Kerkyräern Besorgnis auslöst, da auch der Sieg über Korinth nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß die beiden Flotten zumindest ebenbürtig sind, sich die Korinther aber auf Verbündete in großer Zahl verlassen können, die den Kerkyräern aufgrund ihres neutralen Status fehlen. Aus diesem Grund versuchen sie, die Athener von den Vorteilen, die sich aus einem Bündnis der Athener mit Kerkyra ergäben, zu überzeugen. Die Gesandten, die sie zu diesem Zweck nach Athen geschickt haben, bitten zunächst um athenische Hilfe gegen das übermächtige Korinth, gehen dann aber auf die besonders vorteilhafte mögliche Zusammenführung der athenischen und der kerkyräischen Flotte ein. Eine solche Flotte würde in der Zukunft die See absolut beherrschen, was hinsichtlich des sicher bevorstehenden Krieges immens wichtig und in athenischem Interesse sei. Sie stellen damit den Konflikt um Epidamnos in einen größeren Kontext und verweisen auf diesem Hintergrund abschließend auf den Friedensvertrag mit den Peloponnesiern, der durch ein Bündnis Athens mit Kerkyra nicht tangiert würde, da jede neutrale Stadt ihre Zugehörigkeit zu einem der Bündnissysteme frei wählen dürfe. Die korinthischen Gesandten, die sich gemäß Thukydides nach Athen begeben hatten, nachdem sie von den Bestrebungen der Kerkyräer erfahren haben, versuchen zunächst, die Integrität der Kerkyräer in Zweifel zu ziehen: Diese seien nur deshalb bisher keinem Bündnis beigetreten, um ihre Untaten unbehelligt begehen zu können und hätten sich darüberhinaus erst dann für Epidamnos interessiert, nachdem Korinth in den Konflikt eingegriffen habe und hätten ihre Pflanzstadt ansonsten vernachlässigt. Was den dreißigjährigen Frieden anbelange, so würde er bei einem Bündnis zwischen Athen und Kerkyra von athenischer Seite aus sehr wohl gebrochen, da Korinth die Auseinandersetzung um Epidamnos als interne Angelegenheit betrachte und es der Friedensvertrag außerdem einer Stadt untersage, einem der beiden Bündnisse beizutreten, wenn dies die Schädigung eines der anderen Vertragspartner zur Folge hätte. Genau dies wäre bei einem athenisch-kerkyräischen Bündnis der Fall, da Korinth sich gezwungen sähe, sich zur Wehr zu setzen, was eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Athen und Korinth bedeuten würde. Eine erste Volksversammlung der Athener ist sich der Gefahr einer Auseinandersetzung mit Korinth und des damit verbundenen Vertragsbruches wohl bewußt und stimmt deshalb der korinthischen Argumentation zu. Eine zweite unmittelbar danach einberufene Versammlung hingegen beschließt ein Defensivbündnis (evpimaci,a) mit Kerkyra, das vorsieht, daß sich beide Vertragspartner im Falle eines Angriffes unterstützen. Der Hintergrund dieser Meinungsänderung wird gewesen sein, daß eine Vielzahl der athenischen Bürger – unter ihnen Perikles[9] – von der Unausweichlichkeit eines Krieges überzeugt waren und Athen dafür gut vorbereitet wissen wollten. Auch wenn Athen weiterhin eine zurückhaltende Politik betrieb, also ein Krieg nicht in seinem Interesse war, sollten doch Vorkehrungen getroffen werden, zu denen es auch gehörte, die große Flotte der Kerkyräer nicht dem Gegner Korinth zu überlassen. Vielmehr wäre es in athenischem Interesse, wenn sich die beiden Konfliktparteien ein Seegefecht lieferten, das für beide verlustreich endete. Auf diese Haltung deutet hin, daß Athen nur zehn Schiffe nach Kerkyra entsendet, die den Auftrag haben, nur dann einzugreifen, wenn sie direkt angegriffen würden und sich ansonsten im Hintergrund zu halten, weswegen die Entsendung der Schiffe eher als symbolische Geste der Unterstützung gewertet werden kann. Die Korinther rücken nun ihrerseits mit einer 150 Schiffe umfassenden Flotte, zu der auch Schiffe aus Megara, Elis, Leukas, Amprakia und Anaktoria zählen, gegen Kerkyra aus; ihre Fußtruppen nehmen die Leukimme ein. Bei den Sybotainseln treffen die Flotte der Kerkyräer, die 110 Schiffe groß ist und zu der auch die zehn athenischen Schiffe zu zählen sind, und die der Korinther im Jahre 433 zur entscheidenden Schlacht aufeinander. Zwar brechen die Kerkyräer auf dem rechten Flügel durch die korinthischen Linien, erleiden aber auf der linken Seite selbst große Verluste, so daß die Athener eingreifen müssen, um eine drohende Niederlage Kerkyras zu verhindern, womit es zu einem direkten Seegefecht zwischen Athen und Korinth kommt. Weitere zwanzig Schiffe, die aus Athen nachgesandt worden sind, schlagen die korinthische Flotte in der Nacht endgültig in die Flucht, da diese davon ausgehen, mit einer übermächtigen athenischen Flotte konfrontiert zu sein. Sie lassen sich auch nicht mehr auf eine weitere Schlacht ein, sondern schicken eine Gesandtschaft zu den Athenern, die feststellt, daß Athen den Friedensvertrag gebrochen habe, indem es Korinth an der Bestrafung eines Bundesgenossen gehindert habe – tatsächlich war Kerkyra eine korinthische Kolonie aber schon bald selbständig und keinem Bündnis zugehörig. Die Athener berufen sich auf ihre evpimaci,a mit Kerkyra und erwidern, sie seien lediglich einem Bündnispartner zu Hilfe gekommen und gewähren den Korinthern entgegen der Forderungen der Kerkyräer, die alle Korinther umbringen wolten, freien Abzug.

[...]


[1] Vgl. zum folgenden Thuk. I, 20-22.

[2] Thuk. I, 22.4. Besonders zentrale Srellen oder solche, die schwer ins Deutsche übertragbar sind, werden in der Originalsprache zitiert, andere in Übersetzung.

[3] Thuk. I, 22.1.

[4] Thuk. I, 1.2.

[5] Vgl. Thuk. I, 23 sowie die Beurteilung bei Bengtson: Der Peloponnesische Krieg, S.151.

[6] Thuk. I, 23.6. Die stilistische Ausgestaltung dieser Erkenntnis – die Homonyme alhqhstathn und afhnhstathn stehen sich antithetisch gegenüber – drückt anschaulich ihre große Bedeutung aus. Vgl. die Erklärungen zu weiteren stilistischen Feinheiten dieser Passage de Ste. Croix: The Origins of the Peloponnesian War, S.57 und zur Differenzierung aitiai-profasij Hornblower: Commentary, S. 64-66.

[7] Für das Folgende vgl. Thuk. I, 24-55 sowie Diod. XII, 30-33.

[8] Zur Chronologie vgl. Diod. XII, 30.1.

[9] Vgl. Plut. Per. 29.

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638415699
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43873
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Alte Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Ausbruch Krieges Kriegsschuldfrage Seminar Peloponnesische Krieg Folgen

Autor

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