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Das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse. Eine quantitative Inhaltsanalyse zur Untersuchung des Images von Silvio Berlusconi in ausgewählten deutschen Zeitungen

Magisterarbeit 2006 124 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1 Gegenstand und Gliederung der Arbeit
1.2 Forschungshypothesen

2. DAS PHÄNOMEN SILVIO BERLUSCONI
2.1 Politische Landschaft in Italien nach 1945
2.2 Die Anfänge von Silvio Berlusconi
2.3 Ein Medienmagnat als Ministerpräsident Italiens

3. POLITIKER IN DEN MEDIEN
3.1 Vermittlung von politischer Realität
3.2 Politikerdarstellungen in den Medien
3.2.1 Zum Einfluss der Medien
3.2.2 Komponenten des Politikerimages

4. ANLAGE UND METHODISCHE DURCHFÜHRUNG
4.1 Inhaltsanalyse
4.2 Zeitraum und Medien der Untersuchung
4.3 Stichprobe
4.4 Methodische Durchführung

5. ERGEBNISSE: FORMALE MERKMALE DER BERICHTERSTATTUNG ÜBER SILVIO BERLUSCONI
5.1 Umfang
5.2 Platzierung und Aufmachung
5.3 Journalistische Darstellungsformen
5.4 Quellen der Berlusconi-Berichterstattung
5.5 Ergebnisse im Überblick: Formale Merkmale

6. ERGEBNISSE: INHALTLICHE MERKMALE DER BERICHTERSTATTUNG ÜBER SILVIO BERLUSCONI
6.1 Anzahl, Urheber und Tendenz der wertenden Aussagen
6.1.1 Anzahl, Urheber und Tendenz der wertenden Aussagen - gesamter Zeitraum
6.1.2 Anzahl, Urheber und Tendenz der wertenden Aussagen - im zeitlichen Verlauf
6.2 Thematische Bezüge
6.2.1 Thematische Bezüge - gesamter Zeitraum
6.2.2 Thematische Bezüge - im zeitlichen Verlauf
6.3 Bewertete Eigenschaften Berlusconis
6.3.1 Bewertete Eigenschaften - gesamter Zeitraum
6.3.2 Bewertete Eigenschaften - im zeitlichen Verlauf
6.4 Ergebnisse im Überblick: Inhaltliche Merkmale

7. FAZIT UND DISKUSSION

8. LITERATUR

9. ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS

10. ANHANG

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Kurz vor den italienischen Parlamentswahlen im Jahr 2001 titelte das renommierte englische Nachrichtenmagazin The Economist ״Why Silvio Berlusconi is unfit to lead Italy?“ und nahm damit unverhohlen Kritik an dem aussichtsreichen Kandidaten für das Amt des italienischen Ministerpräsidenten (Vgl. The Economist 2001, s. 1, s. 14-21). Schon sieben Jahre zuvor hatten die europäischen Nachbarn Italien skeptisch beäugt, als Silvio Berlusconi, der Medienzar und reichste Mann Italiens, sich auf das politische Parkett wagte. Bilder wie die von Citizen Kane oder Ross Perot wurden damals beschworen und wachgerufen (Vgl. Stille 2006, s. 20, s. 25/ Vgl. Virilio 1994, s. 53- 54).[1] Zwischen Berlusconis Anfängen von damals und heute liegt ein abgebrochenes Regierungsintermezzo von acht Monaten und eine volle italienische Legislaturperiode, die Berlusconi als erster Ministerpräsident Italiens überhaupt bis zu Ende regiert hat. Die anfänglichen Bedenken wurden im Laufe dieser Amtszeit zu einer nachhaltigen Debatte um den italienischen Regierungschef: Berlusconi, der 2001 angekündigt hatte, Italien wie ein Unternehmen führen zu wollen, sah sich nun der Kritik ausgesetzt, durch seinen Interessenkonflikt die Grundfeste der Demokratie zu untergraben. Immer wieder war der italienische Chef der Mitte-Rechts-Koalition Ziel von Kritik und Vorwürfen an seinem heiklen Balanceakt zwischen Medienunternehmer und Politiker, der sich anscheinend seinen Medieneinfluss zu Nutze machte und Gesetze für seine Unternehmen maßschneidern ließ. Neben dem englischen Economist war es auch die deutsche Presse, die Berlusconis Politik unter die Lupe nahm, wie beispielsweise der Spiegel, der kurz vor der italienischen Ratspräsidentschaft unter der Titelstory ״Der Pate - jetzt auch in ganz Europa“ auf Berlusconis zwielichtige Unternehmer­Vergangenheit anspielte (Vgl. Schlamp 2003, s. 112 - 124). Dass Berlusconi in Deutschland einen eher schlechten Ruf genießt, zeigen auch viele andere Beispiele. Zum einen war das Verhältnis des italienischen Ministerpräsidenten zur rot-grünen Bundesregierung stets angespannt - und das nicht nur wegen der unterschiedlichen politischen Linie. Als Berlusconis Firma Fininvest sich 2002 anschickte, den pleitegegangenen Kirchkonzern zu übernehmen, sprach sich Bundeskanzler Gerhard Schröder ganz offen gegen eine Einmischung des benachbarten Amtskollegen aus. Schröder vermutete eine gefährliche Einflussnahme auf die deutsche Medienlandschaft durch den benachbarten Ministerpräsidenten (Vgl. Hammerstein, s. 110 ff). Was der Bundeskanzler gesagt hatte, müsste vielen Deutschen gefallen haben: Berlusconi war hierzulande unpopulär, wie eine repräsentative Umfrage des Institutes Allensbach im Frühjahr 2005 belegt. Auf die Frage, ob sie eine gute oder schlechte Meinung von dem italienischen Ministerpräsidenten hatten, antworteten 58 Prozent mit ״Keine gute Meinung“ - nur 9 Prozent entschieden sich für ״Gute Meinung“ (Vgl. Allensbacher Archiv 2005, Tabelle 1). Damit rangierte Berlusconi zu diesem Zeitpunkt auf der deutschen Popularitätsskala der unbeliebtesten Politiker der Welt auf Platz zwei - nur knapp hinter dem US-Präsidenten George w. Bush.

Wieso war und ist das Ansehen von Silvio Berlusconi besonders in Deutschland so belastet? Oder anders gefragt: Ist es denn überhaupt langfristig gesehen so schlecht? Sicher ist, dass das Verhältnis der Deutschen zu Berlusconi seit Sommer 2003 einen besonderen Akzent bekommen hat. Dieser Sommer Stand unter dem Zeichen des ״Deutsch-Italienischen Sommertheaters“, das seinen Anfang im Eklat zwischen dem deutschen Europaabgeordneten Martin Schulz und dem frisch gebackenen EU- Ratspräsidenten Berlusconi hatte. Die Beleidigung Schulz’ durch einen Nazi-Schergen­Vergleich löste eine Lawine diplomatischer Empörungen auf beiden Seiten aus und gipfelte zehn Tage später in der Urlaubsabsage von Bundeskanzler Schröder. Berlusconi zeigte sich in dieser bilateralen Verstimmung eher undiplomatisch und gar nicht so locker wie gewohnt. Wie man an diesem und anderen Beispielen sehen kann, ist das Verhältnis von Berlusconi zu Deutschland ein spannungsgeladenes Thema, dass sehr ausgiebig und zuweilen auch sehr emotional diskutiert wurde. Nun wurde Berlusconi nach fünf Jahren im Regierungssessel im Frühjahr 2006 nicht wiedergewählt, der reichste Mann Italiens musste sich schließlich von seinem Zweittitel des mächtigsten Mannes Italiens trennen. Die vorliegende Arbeit nimmt dies zum Anlass und bietet einen Rückblick auf seine Zeit als Ministerpräsident und zieht mit der Antwort auf folgende Frage Bilanz: Wie wurde Silvio Berlusconi im Laufe der letzten Jahre in der deutschen Presse dargestellt?

1.1 Gegenstand und Gliederung der Arbeit

Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive gibt es viele Ansätze, um eine öffentliche Person wie Silvio Berlusconi zu untersuchen. In der vorliegenden Arbeit geht es explizit um das Bild des Ministerpräsidenten Berlusconi[2] in der deutschen Presse. Etwas abstrakter ausgedrückt, handelt die Untersuchung vom Medienimage eines ausländischen Politikers. Dabei ausgeklammert bleibt die Frage nach dem Image auf Seiten der Rezipienten. Um Aussagen über die Einstellung der Deutschen gegenüber Silvio Berlusconi machen zu können, müsste man eine entsprechende Umfrage durchführen. Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich allerdings auf die Auslandsberichterstattung der Zeitungen und ist als quantitative Inhaltsanalyse angelegt. Dabei soll anhand von wertenden Aussagen untersucht werden, welche Bewertungen, Ereignisse und Attribute von Berlusconi in der deutschen Presse vorherrschen und wie sich diese im Laufe der Zeit entwickeln. Die Analyse umfasst daher die beiden Amtszeiten des italienischen Ministerpräsidenten im Jahre 1994 und schließlich von 2001 bis 2006. Untersucht wurden die vier deutschen Tageszeitungen Frankfurter Rundschau (FR), Süddeutsche Zeitung (SZ), Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und die Welt (WELT) sowie das politische Magazin der Spiegel (SPIEGEL).

Für eine Untersuchung über Silvio Berlusconi bietet es sich zunächst an, einige Worte zu seiner Vita bzw. seiner politischen Karriere zu sagen. Um das ״Phänomen Berlusconi“ besser zu verstehen, bedarf es zudem einer kleinen Einführung in die Geschichte der italienischen Politik nach 1945. Im Anschluss geht es um die Frage, wie Politikerimages entstehen, welche Funktion die Medien dabei haben und welche empirischen Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet existieren. Damit widmet sich das dritte Kapitel ausschließlich theoretischen Erörterungen. Ab Kapitel 4 findet der Leser die eigentliche Untersuchung: Zunächst wird das Forschungsdesign erklärt, daran anschließend werden die Ergebnisse der Inhaltsanalyse mit Fazit und Diskussion präsentiert.

1.2 Forschungshypoíhesen

In der folgenden Untersuchung geht es speziell um die deutsche Medien-Perspektive auf den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Wichtige Aspekte sind hierbei die allgemeine Bewertung Berlusconis, welche Ereignisse am meisten Aufmerksamkeit erzeugten und ob Berlusconi in den einzelnen Zeitungen bzw. Zeitschriften unterschiedlich dargestellt wurde. Daraus ergeben sich folgende Forschungsfragen:

1. Forschungsfrage: Wird Silvio Berlusconi in der deutschen Presse eher positiv oder eher negativ beurteilt?
2. Forschungsfrage: Welche Themen dominieren die deutsche Presse­ Berichterstattung über Berlusconi?
3. Forschungsfrage: Wie wird Silvio Berlusconi in den politisch konservativen, wie in den linksorientierten Medien dargestellt?

Am Anfang der Untersuchung Stand die Annahme, dass deutsche Journalisten ein eher schlechtes Bild des italienischen Regierungschefs zeichneten. Dies wurde auf mit Berlusconi in Verbindung stehende Themen wie Berlusconi als Angeklagter vor Gericht zurückgeführt, die tendenziell negativ konnotiert sind. Um herauszufinden, ob die deutsche Presse Berlusconi tatsächlich insgesamt negativ bewertete, wurden so genannte wertende Aussagen, gemeinhin als Urteile bekannt, nach ihrer Tendenz ausgewertet. Darüber hinaus interessieren persönliche und professionelle Eigenschaften, mit denen Berlusconi am häufigsten beschrieben wird. Das konnten positive Persönlichkeitsbeschreibungen wie Optimismus oder Intelligenz als auch negative Beschreibungen wie mangelnde Selbstbeherrschung oder Machtgier sein. Dieser zu untersuchende Aspekt wird in einer ersten Hypothese wie folgt zusammengefasst:

Hl - Silvio Berlusconi wird in der deutschen Presse eher negativ dargestellt bzw. hat ein negatives Image Bei dem Gedanken an Berlusconi fallen vermutlich den meisten Menschen bestimmte Ereignisse oder Themen ein, bei denen der italienische Ministerpräsident besonders im Mittelpunkt des Interesses Stand. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, war vermutlich eines der häufigsten Themen Berlusconis Interessenkonflikt in den vergangenen Jahren seines Amtes. Medien und Öffentlichkeit prangerten an, dass seine Interessen als Medienunternehmer mit denen des Ministerpräsidenten kollidieren. Außerdem wurde bemängelt, dass Berlusconi zum Vorteil seiner reichen Unternehmerfreunde und seines eigenen Schicksals Gesetzesreformen forciert hat (Vgl. Schlamp, 2003, s. 112-124). In der vorliegenden Arbeit soll nun empirisch evaluiert werden, ob der Interessenkonflikt quantitativ tatsächlich das dominierende Thema in Zusammenhang mit Berlusconi in der deutschen Presse ist. Daneben wird natürlich auch das Vorkommen weiterer Themen wie Berlusconi und die Justiz oder Berlusconis Verhältnis zu Deutschland untersucht. Je nach Anzahl und Häufigkeit von Themen negativer Aussagen über Berlusconi, können diese auch zur Untermauerung von Hypothese Hl gelten.

H2 - Das vorherrschende Thema, mit dem Silvio Berlusconi in der deutschen Presse Verbindung gebracht wird, ist der Interessenkonflikt

Mehrere Untersuchungen haben bestätigt, dass Zeitungen Vertreter der eigenen politischen Linie präferieren und auch besser bewerten als Zeitungen des anderen Lagers. Ihre Berichterstattung ist demnach politisch gefärbt. Dies wird seit den 1950er Jahren in Amerika und auch in der deutschen Kommunikationswissenschaft unter dem Namen News Bias erforscht. (Vgl. Staab 1990, s.27-40). In Kapitel 3.2.2 soll dies näher dargestellt werden. Konkret bedeutet dies für die vorliegende Untersuchung, dass in einer konservativen Zeitung wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung Berlusconi häufiger und besser dargestellt werden müsste wie beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung, die bekanntlich linksorientiert berichtet. Silvio Berlusconi ist eindeutig dem Mitte-Rechts-Spektrum in Italien zuzuordnen und verteidigt neoliberale Ansichten. Daraus ergibt sich die letzte Hypothese:

H3 - Silvio Berlusconi wird in den konservativen deutschen Zeitungen häufiger und positiver dargestellt als in den linksgerichteten Zeitungen

2. Das Phänomen Silvio Berlusconi

2.1 Politische Landschaft in Italien nach 1945

Italiens Staatsform ist republikanisch und besteht aus einem Zwei-Kammersystem, dem Senat und der Abgeordnetenkammer. Zu den fünf höchsten Staatsbeamten gehören der Staatspräsident, der Senatspräsident, der Parlamentspräsident, der Präsident des Verfassungsgerichtshofes und schließlich der Präsident des Ministerrates. Die politische Landschaft Italiens ist vor allem wegen ihrer ständigen Regierungswechsel und - abbrüche bekannt. Nach Grasse ist der bipolarismo imperfetto (״nicht perfekter Bipolarismus“) dafür verantwortlich, ein instabiles Zwei-Mehrheiten-Sy stems, das durch viele kleine Parteien geprägt ist (Vgl. Grasse, 2004, S.6-7). Was früher der Dauerkonflikt zwischen der vom Vatikan befürworteten Democrazia Christiana (DC) und der großen kommunistischen Partei Italiens (PCI) war, hat sich heute zu einem Dauerkonflikt zwischen dem Mitte-Rechts- und dem Mitte-Links-Bündnis entwickelt. Die rechtszentristi sehen Parteien Stehen für einen liberalen Markt, die die unternehmerische Freiheit fördern, Steile Hierarchien bevorzugen und Europa gegenüber skeptisch sind. Dagegen steht das Mitte-Links-Bündnis für ein sozialdemokratisches Model, teilweise nach katholischer oder laizistischer Prägung, das den Sozialstaat sichern und die politischen Institutionen von Politik, Verwaltung und Justiz reformieren möchte. Daneben gibt es noch eine sehr starke linksfundamentalistische Bewegung, vertreten durch Nicht-Regierungs-Organisationen wie No Global (Vgl. Hausmann 2002a, s. 29-36, s.62-83, s. 192-194/ Vgl. Krempl, 1997, s. 49-65).

Heute spricht man von der Ersten und der Zweiten Republik in Italien. Als Erste Republik gelten die Regierungen von 1945 bis 1992, als zweite Republik werden die Regierungen nach 1994 genannt (Vgl. Hausmann, 2002, s. 11/ Vgl. Krempl, 1997, s. 49/ Vgl. Grasse, 2004, S.6). Was markiert diese Zäsur? 1992 setzte ein weitreichendes Gerichtsverfahren ein, das unter dem Namen mani pulite (״saubere Hände“) ein landesweites, korruptes System aufdeckte. Als Folge daraus wurden viele Größen aus Politik, öffentlichem Dienst und Wirtschaft verurteilt und das Vertrauen der Italiener in ihre großen Parteien wie der Democrazia Christiana und dem Partito Comunista Italiano weitgehend geschwächt. Der PCI löste sich auf und firmierte sich in die Rifondazione Comunista um, die DC spaltete sich in verschiedene kleine Minoritätsparteien wie die UDC (Union der Christ- und Zentrumsdemokraten) (Vgl. Hausmann 2002a, s. 151-159/Vgl. Krempl 1997, s. 49-65).

2.2 Die Anfänge von Silvio Berlusconi

Silvio Berlusconi wurde als erstes von drei Kindern im Jahr 1936 in Mailand geboren. Seine Familie gehörte dem Bürgertum an und konnte es sich leisten, alle Kinder auf christlich geprägte Internate zu schicken, wo Silvio Berlusconi eine Strenge Ausbildung genoss (Vgl. Blondiau et al. 2002). Nach dem Abitur studierte der junge Mann an der Mailänder Universität Rechtswissenschaften, daneben besserte er sein monatliches Auskommen als Sänger auf Kreuzfahrtschiffen auf. Als fertiger Jurist machte er sich in den 1960er Jahren mit der Baufirma Edilnord selbstständig und wurde mit verschiedenen Bauprojekten wie der Satellitenstadt Milano 2, einer riesigen Wohnanlage für 14.000 Menschen vor den Toren der Großstadt, schnell berühmt und erfolgreich (Vgl. Guarino et al. 1994, s.32-34/ Vgl. Stille 2006, s. 34-40). In dieser Phase seines Aufstiegs lernte Silvio Berlusconi auch seine erste Frau Carla Elvira delFOglio kennen und heiratet sie. In den darauffolgenden Jahren kamen seine ersten beiden Kinder, Maria Elvira und Pier Silvio, auf die Welt. Heute führen diese beiden Kinder seine Unternehmen. Anfang der 1980er Jahre lässt sich Berlusconi von seiner ersten Frau scheiden und heiratete die Schauspielerin Veronica Lario. Mit ihr hat er drei Kinder, Barbara, Eleonora und Luigi (Vgl. Guarino et al. 1994, s.24-28).

Mitte der 1970er Jahre schaffte der Bauunternehmer den Sprung ins florierende Medienbusiness und kreierte für die Bewohner von Milano 2 einen eigenen Lokalsender, der 1980 zu Canale 5 umbenannt wurde. Durch seine guten Kontakte zu dem damaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi, wurde Ende der 80er Jahre das nationale Sendeverbot aufgehoben und Berlusconi konnte nun landesweit senden (Vgl. Stille 2006, s. 70-73). So kam für seine Mediengruppe Mediaset der Durchbruch: Neben Canale 5 konnte Berlusconi sein stark kommerziell geprägtes Programm nun auch auf den hinzugekauften Sendern Rete 4 und Italia Uno landesweit verbreiten. Damit war er der unangefochtene König des italienischen TV—Markts. Neben der Mediaset kamen in den folgenden Jahren noch weitere Unternehmen zur Muttergesellschaft Fininvest hinzu, wie beispielsweise Italiens größter Verlag Mondadori oder das Versicherungsunternehmen Mediolanum. Die Holding Fininvest wurde 1978 gegründet und wird von Fedele Confalonierei, einem Jugendfreund von Silvio Berlusconi, geleitet. Heute ist das Familienimperium mit einem geschätzten Wert von 15,3 Milliarden Euro der zweitgrößte Arbeitgeber in Italien (Vgl. Guarino et al. 1994, s.9ff, S.24, S.ÓOff, S.75/ Vgl. Gundle et al. 1997, s. 207/ Vgl. Hausmann 2002, s.8-32/Vgl. The Economist 2001, S.21-29).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Berlusconis Konzern Fininvest

(*Fininvest-Anteile / Quelle: Vgl. The Economist 2001, s. 23)

Vor seiner politischen Karriere war der Medienunternehmer aber vor allem durch etwas anderes bekannt geworden: 1986 kaufte er die Mehrheitsbeteiligung am italienischen ErstligiSten-Club AC Milan und wurde zu dessen schillerndem Präsidenten. Dies allerdings konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass Berlusconis Unternehmen in den 1990er Jahren in finanziellen Schwierigkeiten steckten. Zudem Stand Berlusconi in dieser Zeit unter Anklage- bis heute zwölfmal.[3] Er wurde meist der Korruption oder

Bestechung bzw. Nähe zur Mafia bezichtigt. In allen Prozessen wurde er bislang freigesprochen bzw. wurde die Anklage wegen Verjährung fallen gelassen, wie auch im Falle seiner unterstellten Mitgliedschaft in der geheimen Freimaurer-Loge Propaganda Due Ende der 1980er Jahre. Die geheime Freimaurerloge sollte die damalige linke Regierung und die kommunistische Partei unter Enrico Berlinguer unterminieren und so ein günstiges Meinungsklima für das rechte politische Lager schaffen (Vgl. Guarino et al. 1994, S.79/Vgl. Hausmann 2002a, s. 118-123/Vgl. Stille 2006, s. 74-78).

2.3 Ein Medienmagnat als Ministerpräsident Italiens

Am 26. Januar 1994 verkündete Silvio Berlusconi in einer Live-Fernsehausstrahlung auf allen seinen drei Fernsehkanälen, dass er sich der Politik widmen wolle und dass er eine Partei gegründet hatte, die gemeinsam mit den gemäßigten und konservativen Kräften gegen die linken Parteien in den Wahlkampf treten wolle. Von seinem Unternehmensnetzwerk Fininvest und seiner Werbeagentur Publitalia organisiert, schossen in nur wenigen Monaten 13.000 so genannte Forza Italia Clubs aus dem Boden, deren Mitglieder sich zum großen Teil aus Unternehmerkreisen oder selbständigen Berufen wie Rechtsanwälten oder Ärzten rekrutierten (Vgl. Wallisch 1997, S.126, S.138). Damit war eine neue Partei am Reisbrett der Marketingexperten geboren, die mit ihrem Namen Forza Italia als Schlachtruf der Fans zur Unterstützung der italienischen Nationalelf stark an die Fußballleidenschaft der Italiener appellierte. Nach nur wenigen Monaten überraschte der frischgebackene Politiker mit einem Erdrutschsieg: Am 27. März 1994 erhielt seine Partei Forza Italia 21,5 Prozent der Stimmen und bildete zusammen mit den Mitte-Rechts-Parteien Lega Nord, Alleanza Nazionale und vier kleineren Parteien das Regierungsbündnis Polo delle Libertà (״Pol der Freiheiten“). Knapp ein halbes Jahr später wurde Berlusconi, verursacht durch den Austritt der Lega Nord aus dem Bündnis, abgewählt. Nach diesem Debakel musste Berlusconis Forza Italia vorerst mit der Rolle der Opposition vorlieb nehmen. Die laufende 12. Legislaturperiode wurde zunächst von dem linken Parteienbündnis Ulivo unter Romano Prodi und schließlich unter Massimo D’Alema weitergeführt (Vgl. Hausmann 2002a, s. 165-174/Vgl. Wallisch 1997. s. 13).

Fünf Jahre später fanden erneut Wahlen zum italienischen Parlament statt, die Berlusconi weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt machen sollten. Vor den Wahlen mehrten sich die Stimmen, die gegen eine Wiederwahl Berlusconis protestierten. Besonders italienische Intellektuelle wie der Nobelpreisträger Umberto Eco, der Theaterregisseur Dario Fo oder der renommierte Politikwissenschafter Giovanni Sartori riefen auf, um der Demokratie willen gegen Berlusconi zu stimmen (Vgl. Eco 2002, s. 42-48). Auch ausländische Beobachter wie das englische Magazin The Economist warnten vor einem erneuten Sieg Berlusconis, indem sie verdeutlichten, wie sehr er durch sein Mediennetzwerk, das im italienischen Fernsehmarkt die Monopolstellung inne hat, das ganze Land beeinflussen konnte (Vgl. The Economist 2001, s. 15, s. 14-21). Die italienischen Wähler sahen indes in Berlusconi eine neue Kraft für ihr Land, das unter der Reformmüdigkeit und Zer stri ttenheit innerhalb der linken Regierungen litt. Schon Wochen vor der Wahl führte Berlusconis Parteienbündnis die Umfragen an und schließlich gewann Forza Italia am 13. Mai 2001 mit einer überwältigenden Mehrheit von 29,4 Prozent der Stimmen die Wahlen. Nun bildeten fast die gleichen Parteien wie 1994 das Mitte-Rechts-Regierungsbündnis Casa delle Libertà (״Haus der Freiheiten“) mit den Parteien Lega Nord, Alleanza Nazionale, UDC und die Nuovo Partito Socialista Italiano (PSI). Viele Faktoren hatten für Berlusconis Sieg gesprochen. Forza Italia trat zunehmend mehr an die Stelle der einst großen konservativen Partei DC, mit einem Parteichef, der charismatisch wirkte und Politik einfach und verständlich machte. Nicht zuletzt war es auch der Mangel an starken Gegnern, denn die linke Opposition, der Ulivo, zeigte sich fortwährend zerstritten. Berlusconis Partei hatte hingegen in den Jahren in der Opposition an Profil gewonnen (Vgl. Hausmann 2002a, S.186/ Vgl. Ginsborg 2003, s. 10 ff). Ein bedeutender Faktor seines Wahlsieges war auch die Wahlkampagne. Im Stile der amerikanischen Wahlpartys, ließer sich bei Auftritten von wohlgesinnten Wählern feiern und versuchte mit kurzen, prägnanten Slogans die gesamte Bandbreite des italienischen Volkes für sich zu gewinnen. Besonders populäre Wahlkampfmittel waren der ״Vertrag mit den Italienern“, dessen fünf Wahlversprechen er in einer live- ausgestrahlten TV-Sendung unterschrieb, und das Public-Relations-Heft ״Eine italienische Geschichte“, eine an 13 Millionen Haushalte versendete, bunt-bebilderte Berlusconi-Biografie (Vgl. Hausmann 2002, s. 14-32/ Vgl. Stille 2006, s.31-34).

Die ersten hundert Tage unter der neuen Berlusconi-Regierung liefen recht turbulent an. Im Juli 2001 fand das Gipfel-Treffen der G-8 Staaten in Genua statt, das zur Farce geriet: Bei den Demonstrationen in der norditalienischen Hafenstadt kam ein junger Student durch den Schuss eines Carabinieri ums Leben, andere Demonstranten wurden von den Sicherheitskräften der italienischen Polizei verletzt. Die Vorwürfe gegen die Regierung wiegelte Berlusconi ab. Kurze Zeit später widmete sich die Presse fast ausschließlich den Terroranschlägen vom 11. September in den USA. Bei der globalen Debatte zur Terrorbekämpfung kam es zu einem denkwürdigen diplomatischen Fauxpas Berlusconis: In einer Rede am 27. November 2001 in Berlin behauptete der italienische Regierungschef, dass die islamische Welt der westlichen Welt unterlegen sei. Die Protestwelle setzte Berlusconi soweit unter Druck, dass er sich einige Tage später für seine Worte entschuldigte. Die Aufregung um die Ausschreitungen in Genua war damit vergessen. Schließlich nutzte die italienische Regierung ganz gezielt die Zeit nach 09/11, um mehrere Gesetze zu erlassen, die als eher unpopulär galten und unter normalen Umständen vielerorts Proteste hervorgerufen hätten. Dabei handelte es sich unter anderem um die drastische Reduzierung der Erbschafts- und Schenkungssteuer, der Steuerbefreiung von Unternehmensgewinnen, sofern sie reinvestiert werden und die Entkriminalisierung von Bilanzfälschungen (Vgl. Hausmann, 2002a, S.188f).

Auch die Forderungen nach gesetzlicher Regelung seines Interessenkonfliktes wurden von den Schrecken des 11. September überdeckt. Der Mailänder hatte zwar das operative Geschäft seines Konzerns Fininvest an seine Familienmitglieder abgetreten, noch immer aber kontrollierte er als mehrheitlicher Shareholder das größte Medienkonglomerat Italiens. Denn nach wie vor hielt die italienische Verfassung keine Regelung zur Konzentration im Fernsehmarkt fest. Als Ministerpräsident kontrollierte er nun auch indirekt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die RAI, und damit insgesamt 95 Prozent der italienischen Fernsehlandschaft (zu 40 % RAI und 45% Mediaset) (Vgl. Hausmann 2002, S.12, Vgl. Hausmann 2002a, s. 190). Dass Berlusconi auch auf die RAI Medien Einfluss nahm, obwohl er dies vehement abstritt, zeigte folgender Vorfall: Im April 2002 kritisierte er die RAI-Journalisten Enzo Biagi, Michele Santoro und den Komiker Daniele Luttazzi, das öffentlich-rechtliche Fernsehen in krimineller Art und Weise missbraucht zu haben, da sie ihn scharf kritisiert hatten. Die Sendungen der Journalisten wurden kurze Zeit später vom Verwaltungsrat der RAI, der mit regierungskonformen Personen besetzt war, aus fadenscheinigen Gründen abgesetzt bzw. auf einen anderen Sendeplatz verlegt (Vgl. Schlamp 2003, s. 113/114). Berlusconis Medienmacht beschränkte sich aber nicht nur auf Italien: Auch in anderen Ländern wie Spanien, Frankreich oder Deutschland war und ist er bis heute mit dem TV-Kanal Tele 5 aktiv. Im Frühjahr 2002 wurde Berlusconis Fininvest als mögliche Groß-Investorin für die insolvente Kirch-Media-Group gehandelt. Die deutsche Regierung beobachtete diese Vorgänge allerdings mit Besorgnis und Bundeskanzler Schröder äußerte sich dazu im Spiegel: "Bei Berlusconi glaube ich, dass es nicht unproblematisch ist, wenn ein Ministerpräsident eines mit uns befreundeten Landes über seine privaten Unternehmen ausgerechnet im deutschen Medienbereich Einfluss hätte." (Hammerstein, s. 110 ff). Schließlich übernahm US-Investor Haim Saban die Anteile vom Kirch-Konzern und Berlusconi war damit aus dem Spiel - das Thema Interessenkonflikt allerdings nicht. Besonders vor seiner Übernahme des EU-Ratspräsidentensitzes rollten die führenden europäischen Medien das Thema wieder auf. Die englische Zeitschrift The Economist prangerte mit der Titelstory ״Dear Mr. Berlusconi. Our challenge to Italy’s prime minister“ vom 30. Juli 2003 den bislang ungelösten Interessenkonflikt des italienischen Ministerpräsidenten an (Vgl. The Economist 2003, s. 11-12). Das deutsche Publikum konnte die Kritiken in der Titelgeschichte ״Silvio Berlusconi. Der Pate“ des Spiegels vom 30. Juni 2003 nachlesen (Vgl. Schlamp 2003, s. 112-124). Doch in Italien kümmerte man sich darum wenig. Auch nicht, als das EU-Parlament in einem ״Bericht über Gefahren der Verletzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung und Informationsfreiheit in der EU, vor allem in Italien.“ vom 5. April 2004 Italien explizit aufforderte, das Problem des mangelnden Medienpluralismus und den Interessenkonflikt von Ministerpräsident Berlusconi zu regeln.[4] Die US- Organisation Freedom House stufte Italiens Pressefreiheit 2004 sogar auf ״teilweise frei“ zurück.[5] Noch zu Beginn seines Amtsantrittes hatte Berlusconi verlauten lassen, er würde seinen Interessenkonflikt innerhalb der ersten 100 Tage regeln. Erst nachdem die OSZE, das Europa-Parlament und auch Staatspräsident Ciampi ihn dazu aufforderten, dieses Problem zu lösen, wurde das Interessenkonflikt-Gesetz Mitte 2004, 1153 Tage nach Amtsantritt, gebilligt. Das Ergebnis daraus war, dass Berlusconi vom operativen Geschäft zurücktreten musste und die Anteile an der Zeitung II Giornale an seinen Bruder Paolo übergab. Sein Mediennetzwerk und der damit verbundene Einfluss blieb somit unangetastet (Vgl. Fischer 2004, S.8).

Obwohl der liberale Forza Italia-Politiker immer wieder seine Verbundenheit zu Europa betonte, verlief das Verhältnis zwischen ihm und der ELI nicht gerade harmonisch. Berlusconi hatte sich mit der Alleanza Nazionale, der Lega Nord und dem Wirtschafts- und Finanzminister Giulio Tremonti eine Reihe von Europaskeptikern ins Haus der Freiheiten geholt. Darüber hinaus lehnte seine Regierung den EU-Haftbefehl ab, der es allen Bündnisstaaten ermöglichen sollte, jeden EU-Bürger in puncto Korruption und Geldwäsche zu verhaften, und man einigte sich nach langen Verhandlungen erst Ende 2001. Dass es Europabefürworter in dieser Konstellation nicht leicht hatten, zeigte sich auch am Rauswurf des Außenministers Renato Ruggiero im Januar 2002. Berlusconi selbst übernahm das Amt des Außenministers für die kommenden elf Monate (Vgl. Caciagli 2004, s. 29, Vgl. Hausmann 2002a, s. 190f). Auch auf Grund von Berlusconis ambivalenter Haltung zu Europa nahm die Kritik vor seiner italienischen EU-Ratspräsidentschaft im Sommer 2003 zu. Gleich bei der Antrittsrede am 2. Juli 2003 bot der italienische Regierungschef Anlass zu Ärgernis: Er hatte den deutschen EU-Abgeordneten Martin Schulz (SPD/SPE) mit einem ״Kapo“, einen KZ-Wärter, verglichen: ״Herr Schulz, ich kenne einen Film-Produzenten in Italien, der einen Film über Konzentrationslager der Nazis macht. Ich werde sie für die Rolle eines Kapos Vorschlägen. Sie wären dafür wie geschaffen.“ (Lohse 2003, S.3). Den folgenden Protest, u.a. auch von Bundeskanzler Gerhard Schröder, versuchte Berlusconi abzuwiegeln, indem er bedauerte, dass seine Bemerkungen nicht richtig interpretiert worden seien. Italiens Tourismus-Staatsekretär Stefano Stefani stützte jedoch Berlusconis Aussagen, indem er in einer Partei-Zeitung die Verhaltensweisen deutscher Italien-Urlauber attackierte. Diese Beleidigungen führten zu einer tagelangen Diskussion um das deutsch-italienische Verhältnis und gipfelten in der Urlaubsabsage des Bundeskanzlers, der den Sommer nun in Hannover und nicht am Golf von Neapel verbrachte. Erst nach einem Treffen Ende August in Verona erklärten Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ministerpräsident Silvio Berlusconi alle Irritationen für beendet (Vgl. Bornhöft 2003, s. 22-35/ Vgl. Lohse 2003, S.3/ Vgl. Fischer 2003, s. 5).

Auch auf nationaler Ebene wurde die Luft für Berlusconi immer dünner: Die steigende Unzufriedenheit der italienischen Wähler drückte sich in massenhaften Demonstrationen gegen die Pro-Irak-Krieg-Haltung, die nicht eingelösten Steuersenkungsmaßnahmen und die Arbeitsmarktreformen der Mitte-Rechts-Regierung aus (Vgl. Grasse 2004, s. 10). Nicht zuletzt war Berlusconi selbst das Ziel der Proteste, da er sich die Justiz vom Leib halten wollte, die ihn wegen Richterbestechung bei der Übernahme des staatlichen Lebensmittelkonzerns SME durch die Fininvest in den 1980er Jahren angeklagt hatte. Um den Prozess zu stoppen, hatte die italienische Regierung 2002 ein Eildekret erlassen, um das Verfahren vom mailändischen Gericht nach Perugia zu verlegen. Diese so genannte ״Lex Berlusconi“[6] verschonte den Regierungschef wegen Verjährung vor einer Haftstrafe. Sein damaliger Rechtsanwalt und Freund Cesare Previti wurde hingegen Ende 2004 zu fünf Jahren Haft verurteilt (Vgl. Schlamp 2003, s. 115). Berlusconis Stern war ab diesem Zeitpunkt weiter am Sinken. Ein Ministerpräsident, der sich der Justitia durch maßgeschneiderte Gesetze entzog und der seine anfänglichen Versprechungen nicht realisierte, wurde mehr und mehr unpopulär. Bei den Regional- und Europawahlen im Juni 2004 erhielt Forza Italia nur noch 21 Prozent der Stimmen. Bei den gleichzeitigen Regional wähl en verlor das Bündnis sogar ganze sechs von den bislang acht der von Mitte-Rechts geführten Regionen (Vgl. Grasse 2004, s. 8-11). Die kleineren Koalitionsparteien stellten nun Anforderungen an Berlusconi, der es zuvor gewohnt war, im Alleingang zu regieren. Im Frühjahr 2005 trat schließlich die UDC aus der Casa delle Libertà aus und Berlusconi sah sich zum Handeln gezwungen: Er trat Ende April 2005 zurück. Allerdings war dies nur ein formales Vorgehen, um in den folgenden Wochen ein neues Kabinett mit den alten Koalitionspartnern aufzustellen (Vgl. Fischer 2005, s. 6). Mitte des gleichen Jahres deckte die Justiz abermals ein weites Korruptionsnetz ranghöher Bankenbosse auf, bei dem Antonio Fazio, Chef der italienischen Notenbank, im Mittelpunkt Stand. Berlusconi stärkte ihm zunächst den Rücken und erklärte ihn für unschuldig, doch die Faktenlage sprach gegen di Fazio und er musste seinen Dienst quittieren (Vgl. Schönau 2006, S.24). Für Berlusconi war 2005 das schwierigste Jahr seiner zweiten Amtszeit.

Dabei hatte er bereits andere Sorgen: 2006 standen die Parlamentswahlen an und die Umfragewerte verhießen nichts Gutes. Also musste sich der amtierende Ministerpräsident rüsten: Die Wahlkampfkampagne, die an jene von 2001 anknüpfte, wurde zu einer Berlusconi-Supershow. Er machte große Wahlversprechen wie beispielsweise die vollkommene Abschaffung der Eigenheim-Grundsteuer und denunzierte seine politischen Gegner. Sein Herausforderer Romano Prodi, der ehemalige EU-Kommissionspräsident und Chef des Links-Bündnisses Unione (vormals Ulivo), griff ihn unterdessen auf Grund seines Interessenkonfliktes und der schlechten Bilanz seiner Regierung an. Die Umfragewerte für die beiden Kandidaten pendelten sich bis kurz vor der Wahl auf etwa gleich hohem Niveau ein, die Wahl versprach spannend zu werden (Vgl. Arens 2006, Vgl. Lorenzo 2006, S.15/ Vgl. Schmid 2006, s. 14). Am 9. und 10. April 2006 gaben schließlich 86 Prozent der wahlberechtigten Italiener ihre Stimmen ab und das Mitte-Links-Bündnis gewann die Wahlen mit einem knappen Vorsprung von ca. 25.000 Stimmen. Nach dem neuen Verhältniswahlrecht, das noch die Berlusconi-Regierung kurz zuvor erlassen hatte, standen allerdings dem siegreichen Bündnis überproportional mehr Mandate zu. Berlusconi vereitelte indes das Wahlergebnis und forderte eine erneute Auszählung der Stimmen. Als diese zum gleichen Resultat kam, kündigte Silvio Berlusconi drei Wochen nach der Wahl an, aus eigenen Stücken zurückzutreten (Vgl. Fischer 2006, S.7).

3. Politiker in den Medien

Werden Personen nach ihren Vorstellungen über einen Politiker des Auslands gefragt, beschreiben sie die Person mit Attributen, verbinden sie mit Ereignissen oder drücken ihr Werturteil über diese Person aus. Doch wie kommt es zu diesem Image? Informationen über Politiker gewinnen Menschen heute fast nur noch über Darstellungen in den Massenmedien. Die Chance, am politischen Prozess teilzunehmen und einem Politiker direkt zu begegnen, ist gering. Fast ausgeschlossen ist dies sogar, wenn es sich um einen Politiker des Auslands handelt, wie im vorliegenden Beispiel. Wenn nun die Massenmedien hauptsächlich an der Vermittlung politischer Inhalte beteiligt sind, interessiert es, wie Politikerdarstellungen in den Massenmedien zustande kommen, nach welchen Kriterien Journalisten Nachrichten über Politiker publizieren und wie sie Politiker darstellen.

3.1 Vermittlung von politisch er Realität

Massenmedien wie Presse, Rundfunk oder das Internet haben eine bedeutende Rolle für die Vermittlung von Politik. Sie sind Hauptträger der politischen Information und somit das notwendige Bindeglied zwischen Politikern und Wählern in einer Demokratie. Der Bürger selbst hat heutzutage nur kaum Gelegenheit Politik aus direkter Betrachtung zu erleben. Menschen erfahren ihre Umwelt zunehmend mehr über die Vermittlung von Massenmedien wie der Presse, dem Radio und allen voran durch das Fernsehen und das Internet (Vgl. Schulz 1997, s. 158/ Vgl. Wilke 1989, s. 16).[7] Vor dem Hintergrund, dass sich Politik in einer Demokratie durch den Willen des Volkes zu legitimeren hat, spricht man von den Massenmedien als vierte Gewalt, der drei wichtige, demokratie­konstituierende Aufgaben zukommt: (1) Die Information der Wähler über Politik zur (2) Herstellung einer Öffentlichkeit bzw. einer Meinungs- und Willensbildung und (3) die Kontrolle der Politik und öffentlichen Institutionen durch eine freie Presse.[8]

Journalisten und Medien haben den Anspruch, objektiv zu berichten. Jedoch kann die objektive Realität der Dinge nie dargestellt werden kann, da die Welt zu komplex ist und allein schon durch die unterschiedliche individuelle Wahrnehmung der ״Tatsachen“ eine Interpretation der Realität erfolgt (Vgl. Schulz 1990, s. 8f). Diesen Gedanken hatte der amerikanische Journalist Walter Lippmann bereits 1922 zum Ausgangspunkt seiner Theorie über Nachrichten und öffentliche Meinung gemacht. Lippmann beschreibt in seinem klassischen Werk] ״Public Opinion“ den Realitätsbegriff der Menschen und welche Bedeutung den Medien dabei zukommt. Demnach entwickeln Menschen vereinfachte, subjektive Abbilder der Welt. Diese ״pictures in our heads“ bzw. ״stereotypes“ wie sie Lippmann nennt werden allerdings durch die Erwartungshaltung jedes einzelnen modifiziert und durch bereits gespeicherte Erfahrungen subjektiv ergänzt. Sie dienen den Menschen als Orientierungshilfe. Gerade Journalisten und die Massenmedien richten sich Lippmann zufolge nach diesen Stereotypen, um ein komplexes Ereignis zu einer Nachricht zu reduzieren (Vgl. Lippmann 1949, s. 16, s. 20-25). Heute würde man zu Lippmanns ״Kopfbildern“ allerdings Schemata oder Images sagen (Vgl. Schulz 2000, s. 307-337/ Vgl. Schulz 1990, s. 9). Fasst man all diese Argumente zusammen, heißt dies, dass Medien nicht die Realität wiedergeben und daher auch die mediale Darstellung von Politik nicht objektiv sein kann.

Medien wirken selektiv und filtern aus dem Alltag Informationen heraus, die sie zu Nachrichten gestalten. Doch wie wird ein Ereignis zu einer Nachricht? Wieso wird beispielsweise über Politiker в öfter berichtet als über Politiker A? Mit der Auswahl von Nachrichten durch Medien haben sich die Sozialwissenschaften in mehreren Phasen und Ansätzen beschäftigt. Drei davon sind prägend für die Nachrichtenselektions­Forschung: (1) Die Gatekeeper-Forschung, (2) die Nachricht en wert-Theorien und (3) der News-Bias-Ansatz. Anfang der 60er Jahre kam zunächst das Konzept des Gatekeepers auf: Danach entscheidet der Journalist gemäßseinen persönlichen Präferenzen, welche Nachricht publiziert wird und welche nicht. In der Studie von White (1950) wurde ein Journalist, Mr. Gates, dazu aufgefordert, seine Kriterien zur Auswahl der Nachrichten festzuhalten. Es stellte sich heraus, dass Mr. Gates neben persönlichen Interessenschwerpunkten auch organisatorische Bedingungen berücksichtigte. (Vgl. White 1950, s. 383-390). Die Vertreter der Nachricht en Werttheorie, die kurze Zeit später ihre Studien veröffentlichten, nehmen an, dass Nachrichten bestimmte Merkmale bzw. Faktoren besitzen, die sie für die Publikation prädestinieren. Einar östgaard (1965) hatte sich explizit mit drei Faktorenkomplexen beschäftigt, die den Nachrichtenfluss verzerren bzw. modifizieren: (1) Vereinfachung, (2) Identifikation und (3) Sensationalismus. Identifikation mit Nachrichten wird seinen Erläuterungen zufolge vor allem durch geografische, kulturelle und zeitliche Nähe erreicht, so dass Nachrichten über entferntere Regionen von Journalisten weniger beachtet würden. Anders ist dies der Fall, wenn es sich um Nationen und Personen mit besonders hohem sozialem Rang und um personifizierte Ereignisse handelt. Diese Faktoren haben einen höheren Nachrichten wert der Ereignisse zur Folge und machen sie für die internationale Berichterstattung attraktiv. Die Faktoren des Komplexes Sensationalismus begünstigen Nachrichten, die besonders außergewöhnlich oder unvorhersehbar sind. Dies hat auch zur Folge, dass Konflikte überbetont werden (Vgl. östgaard 1950, s.45-51). Auf östgaards Konzept aufbauend, entwickelten die norwegischen Wissenschaftler Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge (1965) einen Katalog von 12 Nachrichtenfaktoren[9] anhand einer Studie am Beispiel ausländischer Berichterstattung über drei internationale Krisen der 60er Jahre - der Kuba-, Kongo- und der Zypern-Krise. Diese Faktoren, wie beispielsweise Bezug auf Elite-Personen oder Negativismus, prädestinieren Nachrichten für die Publikation. Hinzu kommt die Häufigkeit und Langfristigkeit von Nachrichten, die sie - je länger und umfangreicher sie sind - ebenfalls für die Veröffentlichung begünstigen. Die beiden Wissenschaftler schlussfolgerten daher, dass die Nachrichtenfaktoren eine Verzerrung der Realität zur Folge haben, insbesondere bei der Berichterstattung auf internationaler Ebene. (Vgl. Galtung/ Ruge 1965, s. 71 f). Diese Nachrichtenfaktoren sind bis heute mehrfach Gegenstand von Studien gewesen, neue Faktoren-Kataloge erweiterten oder modifizierten jenen von Galtung und Ruge (Vgl. Schulz 1990, s. 32 ff, Vgl. Schulz 1997, 69 f).

Bei der News-Bias-Forschung geht es um die Objektivität der Journalisten und der Zeitungen und Verlage, bei denen sie arbeiten. Studien wie die von Klein und Maccobby (1954) zeigen, dass Zeitungen ihrer politischen Gesinnung nach berichten und beispielsweise den von ihren Redakteuren prädestinierten Kandidaten in ein besseres Licht rücken bzw. einfach mehr über ihn veröffentlichen. Klein und Maccobby prüften dieses Phänomen anhand der US-Präsidentschaftswahl 1954. Sie konnten beweisen, dass Zeitungen, die eher konservativ ausgerichtet waren, den republikanischen Kandidaten Dwight D. Eisenhower bevorzugten und die Presse, die der demokratischen Partei geneigt war, deren Kandidaten Stevenson (Vgl. Klein/ Maccobby 1954, S.298 f).

In dieser Forschungsrichtung interessierte man sich ab den 1970er Jahren zunehmend für die kognitiven Wirkungsphänomene der Medien im Rahmen von Nachrichtenselektion. Dieser Forschungsansatz wurde in Amerika von McCombs und Shaw (1972) aufgegriffen: Sie fragten sich, worüber Menschen denken, bevor sie Themen bewerten. Ihre Studie führten sie am Beispiel der Berichterstattung der Tagespresse zur US-Präsidentschaftswahl 1968 in einer kleinen Stadt in North Carolina durch. Im Rahmen einer Inhaltsanalyse fassten sie die Themen der Zeitungen zusammen, erstellten eine Rangfolge und verglichen sie mit zum gleichen Zeitpunkt durchgeführten Umfragen in der Bevölkerung. Es zeigte sich, dass die Bevölkerung die Themenliste der Medien zum großen Teil übernahmen. McCombs und Shaw schlussfolgerten daraus, dass Medien bestimmen, welche Themen in der Öffentlichkeit diskutiert werden und welche Priorität ihnen dabei zugemessen wird. Diese Themenstrukturierung haben die beiden Wissenschaftler als Agenda-Setting-Funktion der Massenmedien bezeichnet (Vgl. McCombs/ Shaw 1972, s. 176-187). Manko dieser Studie war, dass sie einen Kausalzusammenhang herstellte, wofür sie als Querschnittsstudie keine empirischen Grundlagen bot. Allerdings wurde die Agenda- Setting-These in den folgenden Jahren mehrfach untersucht und ist bis heute immer wieder bestätigt worden (Vgl. Bonfadelli 1999, s. 223-233).

In der Kommunikationswissenschaft herrscht seit einigen Jahren die Auffassung, dass Medien die Wirklichkeit nicht einfach nur verzerrt wiedergeben, sondern Nachrichten aktiv interpretieren und damit konstruieren. Ihre Berichterstattung wird zu einer eigenständigen Realität, nach der sich die Menschen ausrichten und handeln. Medien werden in dieser Perspektive als Bestandteil sozialer Realität verstanden (Vgl. Schulz 1989, s. 141 ff / Vgl. Schulz 1990, s. 115-121). Daniel Boorstin sprach schon 1964 in seinem Buch ״The Image“ von dieser Pseudo-Welt mit ihren von geschaffenen Menschen Pseudo-Ereignissen (Vgl. Boorstin 1964, s. 31-76). Um ein Beispiel zu nennen: Medien können durch spezifische Darstellungsformen in einem Bericht Ereignisse, die räumlich und zeitlich getrennt sind, kombinieren (Vgl Schulz 1997, s. 62 f). Hinzu kommt, dass Realität schon vorab von den Kommunikatoren wie Politiker, Unternehmer oder Prominente modifiziert wird: Wer heute an die Öffentlichkeit tritt, stellt sich meist schon auf die Medienlogik ein und schafft inszenierte Ereignisse wie Pressekonferenzen, Interviews oder Kundgebungen (Vgl. Kepplinger 1998, s. 662 f). Für den politischen Bereich spricht man hierbei von politischer Inszenierung oder politischer PR. Bestimmte Themen, die den Politiker bzw. die Partei in ein positives Licht rücken, werden durch strategische Kommunikationsarbeit den Medien angetragen. Dabei richten Politiker und Parteien ihr Themenmanagement nach der spezifischen Medienlogik aus (Vgl. Dönges/ Jarren 2002a, s. 59-125). Studien, die dieser konstruktivistischen Perspektive auf den Grund gingen, konnten die These der Nachrichtenkonstruktion hinlänglich belegen. Darunter fallen auch Studien über Politikerbilder in der Presse: Kindelmann und Schulz untersuchten das Image der Bundeskanzlerkandidaten Helmut Kohl und Oskar Lafontaine vor der Bundestagswahl im Jahre 1990. Anfang des Jahres zeichneten die Medien ein überwiegend schlechtes Bild von Kohl, hingegen ein gutes von Lafontaine. Im März 1990 kippte diese Stimmung um: Nun wurde Kohl als der ״Kanzler der Einheit“ von den Medien gefeiert und Lafontaine verlor an Sympathiebekundungen seitens der Presse. Dieser Wandel spiegelte sich auch zeitversetzt im Wählerurteil wider (Vgl. Kindelmann/ Schulz 1993, s. 10-45).

3.2 Politikerdarstellungen in den Medien

Medien haben einen großen Einfluss auf die Darstellung von Politikern: Da Politiker Teil einer konstruierten Medienrealität sind (s. Kap. 3.1), sind auch ihre Images den Prozessen der Medien unterworfen. Am Anfang jedes Politikerimages jedoch steht die Person selbst. Je nachdem, wie der Politiker sich darstellt, werden Journalisten auf ihn aufmerksam. Medien treffen daraufhin eine Auswahl, bewerten und konstruieren das Bild eines Politikers. Schließlich wird dieses Medienimage des Politikers von den Rezipienten unterschiedlich wahrgenommen und zu einem kognitiven Vorstellungsbild verwoben. Daher ist zu beachten, dass Imagekonstruktion nicht nur in den Medien stattfindet, sondern einerseits durch die Rezipienten und andererseits durch die Politiker selbst. Wer sich nun mit dem Thema Politikerimage beschäftigt, sollte daher stets drei Perspektiven beachten: (1) die Perspektive der Politiker, (2) die Medienperspektive und schließlich (3) die Perspektive der Wähler bzw. Rezipienten. Das Image des Politikers kann bei jeder der drei Instanzen unterschiedlich sein bzw. wird wechselseitig beeinflusst. Die folgende Darstellung veranschaulicht vereinfachend und idealisierend die Entstehung des Politikerimages über die drei Instanzen hinweg:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Entwicklungsstufen des Images eines Politikers

(Quelle: Eigene Darstellung/ angeleimt an Schul/ 1997, s. 164)

Möchte man das Image eines Politikers untersuchen, müsste man alle drei genannten Instanzen analysieren: Die Realität bzw. die aktive Imagekonstruktion des Politikers durch direktes Beobachten bzw. standardisierte Indikatoren (z.B. Statistiken), das kognitive Politikerimage der Mediennutzer mithilfe der standardisierten Umfrage und das Medienimage von Politikern durch die Inhaltsanalyse, die nach Häufigkeiten und Gewichtung von Themen bzw. Imagekomponenten des Politikers sucht.

3.2.1 Zum Einfluss der Medien

Medien berichten nicht nur einfach über Politiker, sie bewerten, kommentieren und urteilen auch über die Person. Das Medien-Image eines Politikers hat damit immer eine konstruierte und künstliche Komponente. Die Massenmedien prägen dementsprechend das Bild von Politikern sehr stark. Besonders evident ist dieses Bild dort, wo Primärerfahrungen kaum möglich sind, beispielsweise bei Politikern des Auslands. Hier ist der Rezipient durch seine räumliche Distanz in den meisten Fällen gezwungen, sich auf die Auslandsberichterstattung als einzige Quelle zu verlassen. Folglich sprechen Galtung und Ruge den Massenmedien auf internationaler Ebene die größte imagebildende Bedeutung und Wirkung zu: ״But the regularity, ubiquity and perseverence of news media will in any case make them first-rate competitors for the number-one position as international image-former. “ (Galtung/ Ruge 1970, s. 64).

In Kapitel 3.1 wurde anhand diverser Nachrichtenselektionstheorien bereits ansatzweise erläutert, welche Politiker besonders von den Medien beobachtet werden. Auf internationaler Ebene fokussieren Journalisten demnach ihren Blickwinkel stark auf die Spitzen der Politikriege: Die Berichterstattung über sie nimmt weitaus mehr Raum in Anspruch als über weniger bedeutende Politiker des Auslandes. Weiterhin fällt ins Gewicht, welchen Rang der Staat in der politischen und wirtschaftlichen Weltordnung hat und in welcher Beziehung bzw. geografischen Nähe er zu dem Land steht, in welchem die Medien Nachrichten über ihn publizieren. Schulz zufolge Stehen Aussagen und Handlungen internationaler Elite-Politiker für die Politik ihres Landes schlechthin (Vgl. Schulz 1990, s. 83-88, s. 116).

Je nachdem, ob der Politiker in den Fernsehnachrichten, in einem Tageszeitungskommentar oder in einem Radio-Beitrag in Erscheinung tritt, ist die Darstellung und die damit verbundene Rezipienten-Wahrnehmung des Politikers sehr unterschiedlich. Das Bild von Politikern variiert schon allein auf Grund der Produktionsbedingungen. Seit dem Aufkommen des Fernsehens in den 50er Jahren, hat das Fernsehen an Bedeutung für die Politikvermittlung stets zugenommen. Heute geht man davon aus, dass es das Leitmedium der Deutschen ist und das wichtigste Medium für politische Nachrichten.[10] Trotzdem haben die politischen Printmedien nach wie vor ein großes Gewicht in der öffentlichen Meinung. Tageszeitungen können zwar auf Grund der technischen Gegebenheiten nicht so aktuell und authentisch berichten wie das Fernsehen, in der Regel informieren sie allerdings umfangreicher und konstanter über Politik (Vgl. Dönges/ Jarren 2002a, s 188-199). Vor allem bei der Vermittlung von differenziertem politischem Wissen sind Tageszeitungen maßgeblich beteiligt (Vgl. Schönbach 1998, s. 126/ Vgl. Kindelmann 1994, s. 25, s. 45). überregionale Qualitätszeitungen oder politische Magazine prägen darüber hinaus mit ihren spezifischen Nachrichtenperspektiven die gesamte Medienlandschaft und die öffentliche Meinung. Einen besonders großen Einfluss haben hierzulande die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung oder der Spiegel auf Meinungsführer wie Politiker und auf die Bevölkerung (Vgl. Reinemann 2003, s. 190-200, s. 221-233, s. 261-270). In den meinungsbetonten Beiträgen dieser Medien kommen wertende Urteile über Politik und Politiker zur Geltung, wie sie eher selten im Fernsehen zu finden sind. Forschungsergebnisse zeigen daher, dass ihre Berichterstattung politisch gefärbt ist und sich voneinander unterscheidet. Die spezifische Redaktionslinie, die neben meinungsmanifesten Formen wie Kommentaren oder Glossen auch in meinungsneutralen Nachrichten Ausdruck findet, kann mit den politischen Richtungen ״rechts“ und ״links“ beschrieben werden. Sie prägen das Politikerbild sehr spezifisch: Ein konservativer Politiker wird in rechtsorientierten Medien tendenziell besser in der Bewertung abschneiden als in den Linksorientierten. Das Gleiche gilt vice versa für einen Politiker des linken Spektrums (Vgl. Kepplinger 1985, s. 19-29/ Vgl. Kepplinger 1986, s. 253/ Vgl. Schulz 1997, 67 ปี Vgl. Staab 1990, S.27-40). Dies wurde bereits in Kapitel 3.1 anhand der Studie von Klein und Mccobby (1954) über die US- Präsidentschaftskandidaten Eisenhower und Stevenson gezeigt. Daher kann man nicht von dem Politikerbild der Medien schlechthin reden: Es gibt kein einheitliches, sondern eine ganze Facette an unterschiedlichen Politiker-Medienimages. Allumfassende Aussagen über die inhaltliche Berichterstattung über Politiker zu machen, ist angesichts der Vielfalt an einzelnen Medien und der unterschiedlichen Formaten bzw. Darstellungsformen daher schwierig (Vgl. Jarren 2002b, s. 189, Vgl. Schulz / Kindelmann 1993, s. 14). Allerdings weißman heute, dass Journalisten sich an anderen Kollegen orientieren, besonders an den eben vorgestellten Meinungsführermedien. Resultat daraus ist eine grobe Übereinstimmung der Themen. Daher ist es möglich, dass Medien im Großen und Ganzen eine ähnliche Berichterstattung verfolgen und auch ähnliche Aussagen treffen (Vgl. Kepplinger 1979a, s. 18f, S.78/ Vgl. Kepplinger 1985, s. 19/Vgl. Noelle-Neumann 1973, s.34f).

Wenn man von Politikerimage spricht, fällt meistens auch das Stichwort der Personalisierung von Politik. Seit dem Siegeszug von Tony Blair, Bill Clinton und Gerhard Schröder ist die These der zunehmenden Fokussierung auf einzelne Politiker und deren Persönlichkeit im Gegensatz zu Parteien und Sachthemen und die so genannte ״Amerikanisierung der Politik“ immer wieder Gegenstand der Diskussion. Dabei lässt sich die Personalisierung der Politik aus drei Blickwinkeln betrachten: (1) Die Parteien stellen ihre Kandidaten in den Mittelpunkt ihrer Programme, (2) die Medien berichten stärker über Politiker bzw. politikferne Eigenschaften von Politikern und (3) die Rezipienten richten sich in ihrer Wahlentscheidung eher an Personen als an Sachthemen und Parteiprogrammen aus. Diese Thesen sind allerdings umstritten. Grund für die Personalisierung der Medienberichterstattung könnte auch die Personalisierung der Wahlkampfführung oder eine Veränderung der Selektionskriterien der Journalisten sein (Vgl. Brettschneider 2002, S.14f,S.21/ Vgl. Holtz-Bacha 2001, s. 20-26/ Vgl. Wilke 2000, s.79f). In den USA gehen die Wissenschaftler schon länger von diesem Personalisierungstrend der Medienberichterstattung aus. Eine amerikanische Wahlkampf-Studie zeigt, dass in den vergangenen 50 Jahren die Kandidaten zunehmend häufiger in den Medien erwähnt wurden. Anfang der 1950er Jahre kamen sie in den untersuchten Zeitungen deutlich weniger vor als die Parteien, 1964 wendete sich das Blatt und die Kandidaten wurden häufiger fokussiert und 1980 kamen bereits zwei Kandidatennennungen auf eine Parteinennung (Vgl. Wattenberg 1996, s. 84f). In Deutschland dagegen ist diese These nicht so eindeutig belegbar (Vgl. Brettschneider 2002, S.20). Wilke und Reinemann haben zur Untersuchung von Personalisierung der Medienberichterstattung eine Langzeitstudie über Kanzlerkandidaten in vierzehn Bundestagswahlkämpfen (1949-1998) in Tageszeitungen gemacht. Sie fanden heraus, dass in diesem Zeitraum am häufigsten wertende Aussagen über die Persönlichkeit der Kandidaten getroffen wurden. Weitere Indikatoren für eine Personalisierung war der Kandidatenbezug der untersuchten Artikel über die Wahl und die Erwähnung der Kandidaten. Allerdings konnten sie ״keinen generellen Trend“ zur Personalisierung finden: Die Kandidaten bzw. deren Persönlichkeit standen schon in den ersten Bundestagswahlkämpfen im Fokus der Berichterstatter. (Vgl. Wilke 2000, s.93-98). Wie hier beschrieben findet man häufiger Wahlkampfstudien, in deren Rahmen Politikerimages untersucht wurden. Die Kandidaten für ein hohes Regierungsamt wie beispielsweise in Deutschland der Bundeskanzler oder in den USA der Präsident sind von besonderem gesellschaftlichen und politischen Interesse. Sie wurden häufiger analysiert als andere Politiker. Es sind Querschnitts- aber auch Längsschnittsstudien, wie die von Wilke und Reinemann. Sie gehen u.a. der Frage nach, wie der Politiker in den Medien dargestellt wurde und wie sich dies auf die Gesellschaft bzw. auf das Wahlergebnis auswirkt.

3.2.2 Komponenten des Politikerimages

Zunächst stellt sich die Frage, was unter dem Fremdwort Image zu verstehen ist. Die linguistische Definition des Wortes ist eindeutig: Image stammt aus dem Angelsächsischen, hat sich im deutschsprachigen Raum weitestgehend eingebürgert und lässt sich etymologisch auf das lateinische Wort Imago, zu Deutsch Bild, zurückführen (Vgl. Wilke 1989, s. 12). So wird im Folgenden das Wort Image auch mit Bild oder Vorstellungsbild gleichgesetzt. Es gibt drei grundlegende Annahmen über Images: Sie haben (1) kognitive und affektive Ebenen, (2) weisen eine soziale, personale und evaluative Dimension auf und (3) dienen Personen zur Orientierung in ihrer Umwelt. Darüber hinaus steht Image für ein gefühlsbetontes, typisiertes und vereinfachtes Vorstellungsbild, das über kognitive Denkprozesse von einem Objekt, einer Person, einem Sachverhalt entsteht. Dabei umfasst dieses kognitiv-psychologische Konstrukt die Gesamtheit an Einstellungen, Erwartungen und Erlebnissen, die mit dem Image­Objekt verbunden sind (Vgl. Bentele 1998, s. 657/Vgl. Boulding, 1956, s. 3-18/47-63).

Noch keine Einigkeit besteht allerdings darüber, aus welchen Eigenschaftsattributen das Konstrukt Politikerimage zusammengesetzt ist (Vgl. Kindelmann 1994, s. 35). Sehr oft findet man in der Literatur allerdings die Unterscheidung zwischen rollenfernen und rollennahen Eigenschaften. Rollennahe Eigenschaften sind direkt für die Ausübung eines Amtes relevant, rollenferne hingegen nicht. Schon bei den Forschern der Michigan-Schule ist diese Einteilung zu finden: Einerseits in politische und anderseits in persönliche Attribute. Für ihre klassische Wahl-Studie ״The American Voter“ wurde in den Jahren 1948 bis 1956 eine repräsentative Auswahl an Wählern in offenen Fragen zu den Präsidentschaftskandidaten befragt. Anhand des Datenmaterials fanden die Autoren verschiedene Attribute, die sie in die besagten zwei Kategorien einordneten. Zur Kategorie politische Eigenschaften fanden Campbell et al. Aussagen zu Führungsqualitäten, Auftreten und politische Sachkompetenz bzw. Erfahrung. Die zweite Kategorie setzt sich aus Attributen wie Integrität, Sympathie oder Familienqualitäten zusammen (Vgl. Campbell et al. 1960, s. 42-63). Im Rahmen einer Studie neueren Datums, ging Brettschneider explizit auf die Imagekomponenten ein: Seine Studie ״Spitzenkandidaten und Wahlerfolg“ (2002) ist eine Quintessenz aus vier Jahrzehnten Kandidatenimage-Forschung in drei Ländern (USA, GB und BRD). Auch hier handelte es sich ausschließlich um Studien, die als Umfrage angelegt waren und nach der Wahrnehmung der Kandidaten durch die Wähler fragten. Um alle relevanten Daten einordnen zu können, unterschied er folgende Image-Dimensionen: Themenkompetenz, Integrität, Leadership-Qualitäten und sonstige Merkmale. Dabei versteht der Forscher unter Leader ship-Qualitäten Komponenten wie Führungsstärke, Entscheidungsfreude, Tatkraft, Organisationstalent und Überzeugungskraft. Komponenten, welche die Ausstrahlung betreffen, ordnete er unter sonstige Merkmale ein (Vgl. Brettschneider 2002, s. 139 ff).

Auch die Studien, die sich mit Imagekomponenten im Rahmen der Medienberichterstattung über Politiker beschäftigen, kommen zu sehr unterschiedlichen Kategorisierungen. Eine der bekannteren Inhaltsanalysen im deutschsprachigen Raum über ein Politikerimage stellt die Studie von Kepplinger, Donsbach, Brosius und Staab (1986) dar. Sie untersuchten über neun Jahre hinweg das Image von Bundeskanzler Kohl anhand von Artikeln aus den Zeitungen FR, sz, FAZ, WELT, Die Zeit bzw. den Magazinen Der Spiegel und Der Stern. Die Inhaltsanalyse beschäftigte sich mit 66

Einzelattributen, die in sechs Eigenschaftsdimensionen eingeordnet wurden: Politische Fähigkeiten, Persönlichkeit, Verhältnis zu anderen, Auftreten, Grundhaltungen und Vergleich mit anderen Politikern. Die Analyse ergab, dass im untersuchten Zeitraum am häufigsten Helmut Kohls politische Fähigkeiten von den Zeitungen hervorgehoben wurden. Mit deutlichem Abstand folgten Eigenschaftsnennungen zur Persönlichkeit, am dritthäufigsten wertende Aussagen zum Verhältnis zu anderen und am wenigsten wurden Wertungen zum Vergleich zu anderen gefunden. Es bestätigte sich auch das Rechts-Links-Schema der Presse: In der FAZ und der WELT wurde Kohl eindeutig positiv, in der FR und sz sowie in den anderen Titeln wurde er eindeutig negativ dargestellt.

Kindelmann (1994) kommt zu dem Schluss, dass nur wenige Faktoren für die Beurteilung von Politikern wichtig sind. Demzufolge reduzierte er für seine Studie, eine Inhaltsanalyse unter Einbezug von externen Umfragedaten, über das Image Kohls und Lafontaines im Wahljahr 1990 die Faktoren auf gerade mal vier undifferenzierte Dimensionen, hier in Reihenfolge nach ihrer Bedeutung aufgeführt: professionelle Kompetenz, Integrität, Ausstrahlung und sonstige Merkmale. Zur Begründung der unterschiedlichen Bedeutung der Komponenten schreibt Kindelmann, dass Kompetenz bei allen gesichteten Studien als Imagekomponente vorkam und danach immer die gleiche Konnotation trug: ״Die Fähigkeit, politische Situationen und Sachfragen richtig einzuschätzen, notwendige Handlungen einzuleiten, die die Probleme zum Wohl der Gesellschaft zur Lösung zu bringen.“ (Kindelmann 1994, S.43). Weiterhin nennt Kindelmann Integrität als zweitwichtigsten Faktor, weil zur Beurteilung des Images oft moralische und damit sehr persönliche Werte wie ״glaubwürdig“ oder ״vertrauenswürdig“ herangezogen werden. Als unverzichtbare Komponente nennt der Wissenschaftler an dritter Stelle Ausstrahlung, das heißt den Stil, die Würde des Politikers, die sich auch in impliziten Merkmalsäußerungen der Zeitungen wie ״ansprechendes Wesen“ finden lässt. Alle übrigen Wertungen wurden in sonstige Merkmale eingeordnet (Vgl. Kindelmann 1994, s.43 ff).

4. Anlage und methodische Durchführung

4.1 Inhaltsanalyse

Zur Untersuchung des Berlusconi-Bildes in der deutschen Presse wurde die Methode der Inhaltsanalyse herangezogen. In der empirischen Kommunikationsforschung unterscheidet man zwischen der qualitativen und der quantitativen Inhaltsanalyse. Die qualitative Inhaltsanalyse ist als Textinterpretation zu verstehen, die nach Meinungen und Einstellungen sucht, wohingegen die quantitative Inhaltsanalyse sich mit der systematischen und intersubjektiv nachvollziehbaren Untersuchung von Textinformationen befasst, die Häufigkeiten zum Ergebnis hat. Systematisch bedeutet, dass das gesamte Material nach ein- und derselben Methode analysiert wird. Intersubjektiv nachprüfbar ist eine Untersuchung dann, wenn die Datenerhebung in gleicher Weise wiederholt werden kann, so dass die Ergebnisse gleich bleiben. Damit dies geschieht, dokumentiert man das Verfahren von Materialauswahl, der Stichprobe bis hin zur Definition der Kategorien sehr präzise (Vgl. Schulz 1994, s 55 ff).

Die Inhaltsanalyse erfasst Merkmale von Texten, deren Inhalt manifest oder latent sein kann und die in empirische Daten bzw. Zähleinheiten übertragen werden. Hierbei kann der Forscher entweder von Forschungsfragen und Hypothesen ausgehen, um schließlich mit den gewonnenen Ergebnissen seine ursprüngliche Vermutung zu verwerfen oder zu bestätigen. Oder er geht deskriptiv vor und beschreibt Zusammenhänge bzw. leitet daraus erst seine Hypothesen ab. In dieser Untersuchung wurde die erstgenannte, die deduktive Vorgehensweise verwendet, um aus den Forschungsfragen einzelne, intersubjektiv überprüfbare Behauptungen abzuleiten. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Kategoriensystem der Inhaltsanalyse geschenkt, denn die Kategorien erfassen die einzelnen Merkmale, sie setzen die Hypothesen auf Konstruktebene in ein Messinstrument auf Objektebene um. Das Kategoriensystem wurde im vorliegenden Fall theorie- und empiriegeleitet erstellt, dass heißt einerseits durch nominale Ableitung der Hypothesen, andererseits durch einen ersten allgemeinen Überblick des zu untersuchenden Materials. Wichtig war dabei, die Kategorien trennscharf zu definieren, so dass deren Bedeutungsinhalte sich nicht überschneiden konnten und Merkmale nur in jeweils eine Kategorie passten (Vgl. Früh 2001, s. 84 f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3. Untersuchungsanlage und Kategoriensystem im Überblick

Den Kategorienkatalog wurde in einem Codebuch vervollständigt, das auch weitere Anweisungen und Erklärungen für den Codierprozess enthält. In der Regel ist so gesichert, dass der Codierer die Artikel systematisch codiert. Das Kategoriensystem hilft nun so genannte Analyseeinheiten im Textmaterial abzugreifen, so wie hier zum Beispiel Themen und Eigenschaften oder auch formale Einheiten wie das Ressort oder der Umfang des Artikels. In der folgenden Untersuchung werden formale und inhaltliche Merkmale anhand eines Zifferncodes operrationalisiert, um die Eingabe der Daten in das statistische Datenanalyseprogramm SPSS zu ermöglichen. Kern der vorliegenden Inhaltsanalyse sind wertende Aussagen über Silvio Berlusconi. Sie wurden explizit wie auch implizit in meinungsmanifesten- sowie neutralen Beitragsformen erfasst. Dazu sind folgende vier Bestandteile relevant: Der Urheber, das Thema der wertenden Aussage, die zugewiesene Eigenschaft der Person und die Bewertung, also ob die Tendenz der Aussage positiv oder negativ ist. Diese drei Bestandteile wurden pro wertende Aussage jeweils einmal erfasst.

4.2 Zeitraum und Medien der Untersuchung

Der Untersuchungszeitraum umfasst die zwei Regierungsperioden des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi vom 27.03.1994 bis zum 22.12.1994 (Berlusconi I) und vom 13.05.2001 bis zum 09.04.06 (Berlusconi II). Um den Zeitraum vor und nach den Wahlen bzw. seinem Rücktritt in die Analyse mit einzubeziehen, wurden jeweils zehn Tage hinzu addiert. Im Folgenden wird von der ersten Amtszeit (1994) und von der zweiten Amtszeit (2001-2006) gesprochen, obwohl Berlusconi 2005 zurückgetreten ist und damit faktisch drei Amtszeiten vollzogen hat. Der gesamte Untersuchungszeitraum umfasst insgesamt 5 Jahre und circa 9 Monate.

1. Untersuchungszeitraum: 17.03.1994-01.01.1995

2. Untersuchungszeitraum: 03.05.2001 - 19.04.2006

Für die Untersuchung wurden vier überregionalen Tageszeitungen ausgewählt: die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt und das wöchentlich erscheinende Magazin Der Spiegel. Die vier genannten Tageszeitungen geben das publizistische Spektrum der deutschen Tagespresse wieder, was in den Redaktionslinien zum Ausdruck kommt: Die FR wird als ״ausgeprägt links“, die sz als ״gemäßigt links“, die FAZ als ״gemäßigt rechts“ und die WELT als ״ausgeprägt rechts“ eingestuft (Vgl. Kepplinger 1985, s. 19-29). Sie haben damit einen repräsentativen Charakter für die deutsche Medienlandschaft und stellen im Zuge der Analyse ein ausgewogenes Gesamt-Bild dar. Darüber hinaus gelten sie als Qualitätszeitungen mit einer hohen politischen Aussagekraft. Die FAZ und die sz haben insbesondere einen großen Einfluss auf andere Medien wie auch auf politische Prozesse, sie gelten als Meinungsführermedien. (Vgl. Kepplinger 1986, s. 250/ Vgl. Reinemann 2003, s. 190-196, s. 221-233, s. 261 f, s. 263-70/ Vgl. Schönbach 1990, S.125). Auch im Hinblick auf die Tatsache, dass die Medienberichterstattung über eine politische Persönlichkeit des Auslands untersucht werden soll, ist die Auswahl von überregionalen Tageszeitungen, die einen umfangreichen Auslandsnachrichtenteil bieten, obligatorisch. Sonntagsausgaben dieser Zeitungen wurden im Rahmen der Untersuchung nicht erfasst, da sie als eigenständige Zeitung gelten.

Frankfurter Rundschau

Die Frankfurter Rundschau erschien nach Kriegsende am 1. August 1945 als zweite deutsche Zeitung in der US-kontrollierten Zone. Das Blatt definiert sich selbst als überregionale, linksliberale und unabhängige Qualitätszeitung. Die FR zeichnet sich im Vergleich zu den anderen Tageszeitungen durch eine intensivere Lokal­Berichterstattung aus. In den letzten Jahren hat die FR selbst für Schlagzeilen gesorgt: Durch massive Finanzeinbußen musste die Zeitung mehr als 100 Redakteuren den Arbeitsplatz kündigen. Neben den klassischen Ressorts findet der Leser die FRplus- Bücher, die sich auf sechs Seiten stets einem Thema widmen. Sie erscheint von Montag bis Samstag und veröffentlicht keine Sonntagsausgabe. Die verkaufte Auflage liegt bei durchschnittlich 170.000 Exemplaren (Vgl. IVW II/ 2005).

Süddeutsche Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung ist 1949 als erste Zeitung in Bayern durch eine US-Lizenz nach dem zweiten Weltkrieg gegründet worden. Heute ist sie die stärkste überregionale Abonnementzeitung Deutschlands mit 1,16 Millionen Lesern (Vgl. Mediaanalyse 2005) und einer verkauften Auflage von 446.040 Exemplaren (Vgl. IVW IV/2005). Die sz berichtet in den klassischen Ressorts Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Medien, Sport und Wissenschaft. Daneben ist sie mit ihren Regional- und Stadtredaktionen auch auf die bayrischen Landkreise und die Hauptstadt München ausgerichtet. Laut Selbstauskunft steht sie für einen meinungsfreudigen und unabhängigen Journalismus. Regelmäßig erscheinen Sonderveröffentlichungen, wie die SZ-Bibliothek, oder Beilagen wie das SZ- Magazin (Vgl. Süddeutscher Verlag 2006)

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wird seit dem 1. November 1949 veröffentlicht und trat das Erbe der ״Frankfurter Zeitung“ an. Sie erscheint in zwei Auflagen, einer deutschlandweiten und einer regionalen Rhein-Main-Ausgabe. Für die FAZ ist prägend, dass sie keinen einzelnen Chefredakteur hat, sondern im Kollegialitätsprinzip von fünf Herausgebern geleitet wird. Tagtäglich lesen sie etwa 915.000 Menschen in Deutschland (Vgl. AWA 2005) mit einer durchschnittlich verkauften Auflage von 380.000 Exemplaren (Vgl. IVW II/ 2006). Sie ist die meistgelesenste deutsche Tageszeitung im Ausland. Ihren Schwerpunkt legt die FAZ neben klassischen Ressorts auf Wirtschaftsnachrichten. Weiterhin gibt es spezielle Ressorts wie Sport, Technik und Motor an bestimmten Wochentagen. Die FAZ vertritt einen stark meinungsbildenden Journalismus und bezeichnet sich als ״führende Tages- und Wirtschaftszeitung Deutschlands“. Seit 2001 erscheint auch Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Die Welt

Die Welt wird im Axel-Springer-Verlag veröffentlicht und befindet sich seit 2003 nicht mehr in Hamburg, sondern in der deutschen Hauptstadt Berlin. Sie erscheint mit einer verkauften Auflage von 250.000 Exemplaren (Vgl. IVW/ IV 2005) und findet darüber hinaus noch in weiteren 130 Ländern ihre Leser. Unter der Dachmarke ״Welt“ wird ebenso die Welt am Sonntag und seit 2004 das kleinere Format Welt kompakt herausgegeben. Sie erscheint in vier Büchern mit den Ressorts Politik, Wirtschaft, Finanzen, Sport und Feuilleton und wird durch vier Regionalausgaben - Hamburg, Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen - ergänzt.

Weiterhin wurde die Zeitschrift der SPIEGEL ausgewählt. Das Magazin beschreibt sich selbst als ״Deutschlands bedeutendstes und Europas auflagenstarkstes Nachrichtenmagazin“ und gilt als linksorientiertes Blatt. Es wird besonders häufig von anderen Medien gelesen und hat damit einen entscheidenden Einfluss auf die veröffentlichte wie auch öffentliche Meinung in Deutschland (Vgl. Reinemann 2003, s. 196-200, s. 221-233, s. 261-270). Das Magazin hebt sich sowohl durch seine wöchentliche Erscheinungsweise als auch durch die Ausrichtung an komplexen, langfristigen Themen von den Tageszeitungen ab.

Der Spiegel

Der Spiegel mit Sitz in Hamburg gilt als Deutschlands bedeutendstes Nachrichten­Magazin. Er erscheint in 172 Ländern und hat eine verkaufte Auflage von 1.042 Mio. Exemplaren pro Erscheinungsdatum (Vgl. IVW/ 4 2005). Die Zeitschrift erscheint einmal wöchentlich am Montag und berichtet in sehr ausführlichen Beiträgen über Politik und Wirtschaft, Kultur und Elnterhaltung, Medien und Sport sowie Wissenschaft und Technik. Besonders geprägt wurde das Blatt von seinem ersten Herausgeber Rudolf Augstein, der 2002 verstarb. Zunächst mit der Zeitschrift Die Woche, dann mit dem Spiegel verfolgte er stets einen investigativen und aufklärenden Journalismus. Mit der Sendereihe SPIEGEL-TV wird die Printausgabe als Fernsehmagazin ergänzt. Der Spiegel unterhält 21 ausländische Korrespondentenbüros, davon ist das Italienische in Rom mit einem Redakteur besetzt (Vgl. Spiegel 2006).

4.3 Stichprobe

Auf Grund des großen Zeitraumes, in dem sich alle untersuchungsrelevanten Ereignisse abspielen, wurde eine Zufallsstichprobe gezogen. Damit basiert die Studie auf einer Teilerhebung, in die rund acht Prozent der relevanten Zeitungsausgaben gelangten. Es wurden zwei Stichprobeverfahren miteinander kombiniert: Eine systematische und eine Ereigniscluster-Stichprobe. Die systematische Stichprobe wurde auf alle Medien angewandt. Systematisch meint in diesem Fall, dass die Auswahl der Zeitungen intersubjektiv nachprüfbar ist, sich gleichmäßig auf den gesamten Elntersuchungsraum verteilt und die Summe pro Medium in etwa gleich hoch ist. Der wöchentlich erscheinende SPIEGEL wurde beginnend mit der ersten Ausgabe eines Elntersuchungsjahres alle 14 Tage erfasst. Bei den Zeitungen musste ein anderes Auswahlverfahren angewandt werden, da diese täglich erscheinen. So wurde rotierend mit einem Abstand von 20 Tagen je eine Ausgabe einer Zeitung erfasst, damit sich der

Wochentag der folgenden Ausgabe um einen Tag nach hinten verschob, um eventuellen festen Rubriken oder Schwerpunkten an einem der Wochentage auszuweichen. Da die Sonntagsausgaben der Zeitungen nicht untersucht wurden, musste jeweils alternativ auf die Montagsausgabe danach ausgewichen werden. Um eine zeitliche Überschneidung und große Lücken zu vermeiden, wurde eine systematische Verteilung der Zeitung zueinander gewählt. So wurde der Beginn des Rotationsverfahrens bei jeder einzelnen Tageszeitung in einem Abstand von fünf Tagen verschoben. Es wurde weiterhin darauf geachtet, dass die zwei Zeitungen mit rechtsorientiertem Profil (A) mit denen des linksorientierten Profils (B) variierten, so dass schließlich im Abstand von den besagten fünf Tagen die Reihenfolge AB AB zur Auswahl herangezogen wurde. Diese systematische Rotation wurde ab jedem 01.01. eines Jahres neu begonnen.

Neben der systematischen Rotationsstichprobe wurde eine Ereigniscluster­Stichprobe angewandt. Zunächst soll hier dargestellt werden, was unter einem Ereigniscluster zu verstehen ist. Die Berichterstattung über einen ausländischen Ministerpräsidenten zu untersuchen ist mitunter problematisch, da sie nicht kontinuierlich sondern sehr ereigniszentriert verläuft. Aus diesem Grund lohnt es sich, einen Blick auf Ereignisse zu richten, bei denen Berlusconi im Mittelpunkt des Interesses Stand. Auf Grund von Beobachtung der Berichterstattung über Berlusconi und einer ersten Durchsicht des zu untersuchenden Materials, haben sich 13 besonders medienrelevante Ereignisse im Zusammenhang mit Silvio Berlusconi herauskristallisiert, die bereits in Kapitel 1 und 2 angesprochen wurden:

1. Italienische Parlamentswahlen 1994: Berlusconi I (März 1994)

2. Regierungsrücktritt 1994 (Dez. 1994)

3. Italienische Parlamentswahlen 2001: Berlusconi II (Mai 2001)

4. G8-Gipfel Genua (Juli 2001)

5. Beleidigung des Islams (Sept. 2001)

6. Kirch Media Group (März 2002)

7. Journalistenschelte (April 2002)

8. Irak-Krieg (März 2002)

9. Eklat im EU-Parlament (Juli 2003)

10. SME-Prozess (Juli 2003)

11. Election Day (Juni 2004)

12. Rücktritt 2005 (April 2005)

13. Italienische Parlamentswahlen 2006 (April 2006)

Um die Berichterstattung dieser dreizehn Berlusconi-relevanten Medienereignisse zu erfassen, wurde parallel zur systematischen Stichprobe eine Cluster-Stichprobe gezogen, die sich ausschließlich auf diese ausgesuchten Ereignisse konzentriert und die systematische Stichprobe ergänzt. Sie kann bei der späteren Analyse getrennt betrachtet werden oder auch zu den Werten der systematischen Stichprobe hinzugezogen bzw. mit diesen verglichen werden. Mit Cluster (״Klumpen“) sind exakte Zeitfenster im Untersuchungszeitraum gemeint, in denen die diese Ereignisse stattfanden. Der einzelne Cluster dehnt sich von dem Tag des Ereignisses bis zum 10. Tag danach aus. Lediglich zu den drei Wahlterminen (1994, 2001 und 2006) wurden zusätzlich zehn vorangegangenen Tage miteinbezogen, da auch die Berichterstattung im Vorfeld interessierte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4. Auswahlverfahren der Zufallsstichprobe im Überblick

Für die vier Tageszeitungen galt jeweils, dass in diesen Zeitfenstern zwei zusätzliche Ausgaben untersucht wurden. Davon mussten eine Ausgabe immer am ersten Tag nach dem Ereignisvorfall und eine weitere Cluster-Ausgabe in die Stichprobe gelangen. Die zweite Cluster-Ausgabe wurde in einem systematischen Rotationsverfahren mit einem Abstand von zwei Tagen ausgesucht, die sich über alle Cluster erstreckt. Fällt eine Ausgabe der systematischen Stichprobe in den Cluster-Zeitraum, so wird diese auch erhoben. Damit konnten pro Zeitung und Cluster-Auswahl bis zu drei Ausgaben in diese ereigniszentrierte Stichprobe gelangen. Ebenso wie bei der systematischen Rotationsstichprobe bleiben auch hier die Sonntagausgaben ausgespart. Der SPIEGEL wird im Cluster-Zeitraum voll erhoben, so dass bis zu zwei Ausgaben pro Cluster möglich sind.

4.4 Meth odisch e Durchfüh rung

Die ausgesuchten Printmedien wurden teils klassisch, teils elektronisch gesichtet. Klassisch meint, dass die Ausgaben als gedruckte Printausgabe und auch auf Mikrofilm aus dem Archiv der Senckenbergi sehen Bibliothek der Universität in Frankfurt am Main untersucht wurden. Auf diese Weise wurden der SPIEGEL und der Jahrgang 2006 der WELT ausgewertet. Der restliche Teil der Zeitungen wurde jedoch als elektronische Ressource gesichtet, die die gedruckten Ausgaben digital darstellen. Dafür wurden die Zeitungsarchive der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main unter http://www.ub.uni-frankfurt.de/banken.html in Anspruch genommen. Die Auswahl der Artikel erfolgte in zwei Weisen auf Grund der unterschiedlichen Ressourcen. Für die Printausgaben schaute man in der Regel nach dem Titel des Beitrags und der Unter- bzw. Zwischenüberschrift, in denen Silvio Berlusconi mit seinem Namen genannt wird oder durch Ämter (bspw. der italienische Ministerpräsident, Regierungschef aus Italien, Parteichef der Forza Italia) bzw. Rollenumschreibungen (bspw. Medienunternehmer, Medienmagnat, reichster Mann Italiens) eindeutig gemeint ist. War aus den Überschriften die Thematik des Artikels nicht ersichtlich, wurde der Artikel angelesen. Die elektronische Ressource erleichterte die Suche nach den Artikeln: In der Suchmaske wurde zunächst die zu untersuchende Ausgabe mit Datum und Ressortauswahl eingegrenzt. Dann erfolgte die Suche nach dem Wort ״Berlusconi“ im gesamten Text aller Beiträge. Je nach Titel, Artikelthema und Vorkommen des Namens, konstituierte dieser Beitrag eine Analyseeinheit.

Vier Wochen nach der Erfassung des Datenmaterials wurde ein Intracoder-Test durchgeführt. Dieser Test sollte die Reliabilität, also die Verlässlichkeit des Instruments zeigen. Dazu wurden von jeder Zeitung noch einmal 7 Artikel zufällig, aber proportional verstreut auf die Untersuchungsjahre codiert. Nach der erneuten Datenerhebung wurde nun die Übereinstimmung nach folgender Formel überprüft (Vgl. Früh 1998, s. 167):

(2 * Anzahl der übereinstimmenden Codierungen pro Variable) Codierer-Reliabilität =

Anzahl der Codierungen

Diese Formel ergab jeweils den Reliabilitätskoeffizienten und wurde auf insgesamt 12 Variablen angewendet.[11] Für die Variablen ״Medium“ und ״Datum“ wurden perfekte Zusammenhänge gefunden, für die übrigen Variablen annähernd perfekt. Das arithmetische Mittel der zwölf Reliabilitätskoeffizienten ergab einen durchschnittlichen Wert von .88. Auch wenn der Zusammenhang nicht ganz perfekt ist - beispielsweise wurde bei der Variablen ״Thema“ ein Zusammenhang von nur .78 gefunden - wurde doch die Gültigkeit des Messinstrumentes angenommen.

5. ERGEBNISSE: Formale Merkmale der Berichterstattung über Silvio Berlusconi

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Untersuchung zu formalen Merkmalen ausgewertet. Darunter fallen Aspekte wie Umfang, Platzierung, Aufmachung, journalistische Darstellungsformen sowie Quellen des gesamten Artikels. Die untersuchten Medien werden einzeln aber auch zusammen ausgewertet. Grundlage dafür ist die Annahme, dass sie Teil eines Mediensystems sind, sich untereinander beeinflussen und daher ähnliche Tendenzen oder ähnliche Thematisierungen in der Berichterstattung zeigen (Vgl. Kepplinger 1985, s. 19f, Vgl. Reinemann 2003, s. 190­200, s. 221-233, s. 261-270). Auf die Darstellung der einzelnen Medien in der zeitlichen Entwicklung wird allerdings verzichtet, da die jährlichen Fallzahlen pro Zeitung teilweise sehr gering sind, zu großen Verzerrungen führen und damit kaum ein Abbild der Berichterstattung über Berlusconi zeigen können. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass die Daten auf einer Stichprobe basieren, die durch die kleine Fallzahl in Hinblick auf den gesamten Untersuchungszeitraum nur annähernd repräsentativ sein kann. Außerdem wurden die Untersuchungsjahre 1994 und 2006 nicht als volle Jahre erhoben, sondern lediglich acht bzw. sechs Monate. Da es sich um eine geschichtete Stichprobe handelt, wird u.u. auf die Verhältnisse in den beiden einzelnen Unter-Stichprobe verwiesen, das heißt auf die bereinigte Stichprobe (ohne Ereignis­Fälle) oder auf die Cluster-Stichprobe. Die Datentabellen der Grafiken sowie der im Text präsentierten Ergebnisse finden sich, so fern sie nicht im Folgenden präsentiert werden, im Anhang unter Kapitel 10. Der Einfachheit halber werden die Ergebnisse im Präsens präsentiert, auch wenn es sich um vergangene Geschehnisse und Zustände handelt. Für die folgende Auswertung der einzelnen Variablen in bivariaten Statistiken wird ein Signifikanzniveau von p< 0.10 zu Grunde gelegt.

5.1 Umfang

Der Umfang der Berichterstattung ist der erste Aspekt, der im Rahmen der Auswertung der formalen Merkmale der Untersuchung interessiert. Je nachdem, wie häufig Silvio Berlusconi in den untersuchten Zeitungen[12] erwähnt wird, kann dieses Ergebnis ein

Indikator für die Bedeutung der Person für die Presse im Allgemeinen oder für das einzelne Medium sein. Nun kann man den Umfang der Berichterstattung anhand verschiedener Daten ablesen: Nach der Anzahl der Ausgaben, der Anzahl der Artikel, in der Berlusconi erwähnt wird und auch nach dem Zeilen-Umfang der Beiträge. Die Anschläge pro Zeile liegen bei allen Medien in etwa bei 40 (+/-1). Damit lassen sich die einzelnen Beiträge anhand der Zeilenlänge untereinander vergleichen.

Für die Inhaltsanalyse ״Das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse“ wurden insgesamt 608 Ausgaben der Tageszeitungen FR, sz, FAZ, WELT und des SPIEGELS untersucht, die nach oben beschriebenem Stichprobeverfahren identifiziert wurden. Davon sind 102 Ausgaben durch die gesonderte Cluster-Stichprobe ausgewählt worden. Die Zahl der gefundenen Beiträge über Berlusconi beläuft sich auf insgesamt 405, das sind im Mittel 0,6 Beiträge pro Ausgabe. In den 102 Cluster-Ausgaben wurden 111 Beiträge mit Berlusconi-Bezug gefunden, also durchschnittlich ein Artikel pro Ausgabe. Diese Ergebnisse bestätigen die ursprüngliche Vermutung, dass in den ausgesuchten Cluster-Zeiträumen intensiver über Berlusconi berichtet worden ist als im übrigen Untersuchungszeitraum. Das Verhältnis von 1:6 von untersuchten Cluster-Ausgaben zu den restlichen untersuchten Ausgaben der Stichprobe verschiebt sich in Hinblick auf die gefundenen Fälle auf 1:4 zugunsten der Cluster-Artikel. Bezogen auf die gesamte Stichprobe sind damit 73 Prozent der gefundenen Artikel zu Berlusconi solche ohne Cluster und die übrigen 27 Prozent Cluster-Artikel.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5. Umfang des Datenmaterials nach Stichprobe

Vor allem in den Jahren 1994 und 2001 bis 2003 beschäftigen sich die Medien sehr ausführlich mit Silvio Berlusconi.[13] Die umfangreichste Berichterstattung p.a. gemessen am gesamten Zeilenumfang findet man 2001, im Jahr von Berlusconis Erdrutsch­Wahlsieg. 2003, als Italien turnusgemäßdie EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, erreicht die Anzahl der Artikel ihren Jahresspitzenwert. Ab 2004 lässt die Berichterstattung stark nach und zieht erst 2006 wieder etwas an. Damit ist der Elmfang der Berichterstattung zwischen 1994 und 2001 bis 2003 erstaunlicherweise in etwa doppelt so hoch wie der in den darauffolgenden Jahren. Dies bestätigt die Bedeutung der ersten Jahre für die Berlusconi-Berichterstattung in der deutschen Presse. In Abbildung 6 sind dazu zwei Parameter dargestellt: Die Anzahl der Artikel und der gesamte Zeilenumfang. Beide entwickeln sich in etwa proportional zueinander bis auf das Jahr 2001. Dies liegt an der unterschiedlichen Artikellänge im Durchschnitt pro Jahr: Die im Schnitt längsten Artikel werden 2001 (116 Zeilen im Durchschnitt p.a.) geschrieben. 2004 und 2005 liegt der durchschnittliche Zeilenumfang bei kurzen 73 bzw. 75 Zeilen. Im Mittel sind es 98 Zeilen pro Jahr. Damit gestaltet sich die Berichterstattung über Berlusconi relativ ausführlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6. Umfang der Berichterstattung über Berlusconi

(Basis: bereinigte Stichprobe n=294/ Stichprobe mit n=405 Artikel)

An den Angaben für die bereinigte Stichprobe zeigt sich, dass auch die Cluster-Artikel für eine höhere Fallzahl verantwortlich sind. Besonders deutlich wird dies 2001: Hier machen die drei Cluster (Nr. 3 Berlusconi II, Nr.4 G8 Genua, Nr. 5 Beleidigung des Islams) ganze 40 Prozent der Jahresgesamtsumme an Fällen aus. Im Jahr 2004 existiert hingegen kein Unterschied zwischen der gesamten Stichprobe und der ohne Cluster, da im einzigen Cluster Nr. 11 Election Day keine zusätzlichen Artikel gefunden wurden. Anhand von Abbildung 7 lässt sich ermitteln, wie hoch der Umfang der Berichterstattung der einzelnen Ereigniscluster liegt. Die meiste journalistische Aufmerksamkeit erhält Ereigniscluster Nr. 9 Eklat im EU-Parlament im Juli 2003. Für das Wortgefecht zwischen Berlusconi und dem deutschen EU-Abgeordneten Schulz wurden 17 zusätzliche Artikel gefunden, deren durchschnittliche Gesamtlänge 112 Zeilen beträgt. Ähnlich ergiebig ist noch das Ereignis Parlamentswahlen 2001. Etwas über dem Durchschnitt von neun Artikeln pro Cluster liegen nur noch die Ereignisse Parlamentswahlen 1994, Rücktritt Berlusconis 1994 und Rücktritt Berlusconi 2005. Für einige andere Cluster wie für den SME-Prozess wurden nur wenige Artikel gefunden. Dies kann auch damit Zusammenhängen, dass dieses Ereignis sich langfristig entwickelt und damit der Zehn-Tages-Ereigniscluster-Zeitraum nicht greift - vermutlich ebenso wie bei Cluster Nr. 8 Irak-Krieg, in dem gar keine Artikel gefunden wurden. Allerdings bringt der zeitlich klar determinierte Cluster Nr. 9 Election Day ebenso keine Artikel hervor. Mit einem Mittelwert von 88 Zeilen sind die Cluster-Artikel erstaunlicherweise kürzer als die Artikel der übergeordneten Stichprobe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7. Artikelanzahl und durchschnittlicher Zeilenumfang pro Cluster

(Basis: Cluster-Stichprobe n= 111)

Betrachtet man die Häufigkeiten der einzelnen Medien an, ergibt sich folgendes Bild:

Die FAZ (114 Artikel/ gesamter Zeitraum) und die sz (95 Artikel) berichten am häufigsten über Silvio Berlusconi, danach kommen in absteigender Reihenfolge die WELT (87 Artikel) und die FR (66 Artikel). Grund dafür ist womöglich, dass die FAZ eine ausgeprägte Auslandsberichterstattung pflegt und die sz traditionell besonders intensiv über Italien berichtet. Die FR hingegen zeigt sich sehr zurückhaltend in der Berichterstattung über Berlusconi. Der SPIEGEL kann mit seinen 43 gefundenen Artikeln nicht mit den anderen Tageszeitungen verglichen werden. Er veröffentlicht fast ausschließlich lange, ausführliche Berichte, die Tageszeitungen veröffentlichen auch kurze Notizen und können daher in der Summe mehr Artikel zu einem Thema publizieren. Dies bestätigen auch die Ergebnisse der durchschnittlichen Zeilenumfänge der einzelnen Medien. Hier liegt der SPIEGEL mit durchschnittlichen 217 Zeilen pro Artikel an der Spitze. Er macht 29 Prozent an der gesamten Berichterstattung über alle Jahr hinweg aus. Es folgen ihm die FAZ (142 Zeilen pro Artikel/ 29 % Anteil am medienübergreifenden Zeilenvolumen), die sz (132/20%), die WELT (113/13%) und schließlich die FR (87/11%) (s. Tab. 2 im Anhang). Von den einzelnen Medien sind es daher der SPIEGEL und die FAZ, die sich Berlusconi am intensivsten widmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8. Anteil der einzelnen Medien an der Berichterstattung nach Zeilenumfang

(Basis: Stichprobe n=405 Artikel/ Daten: Tab. 1 im Anhang)

Abbildung 8 zeigt, dass die einzelnen Zeitungen Berlusconi zu verschiedenen Zeitpunkten einmal mehr und einmal weniger in den Fokus nehmen. Die Varianz der Zeitungen ist dabei sehr großund liegt beispielsweise 2004 zwischen 3 Prozent (WELT) und 44 Prozent (FAZ) Anteil am Gesamtjahresvolumen der Zeilen. Es lässt sich kaum eine konstante oder gemeinsame Tendenz im Elmfang der Berichterstattung der einzelnen Zeitungen erkennen. Nur die sz scheint mit einer geringen Schwankung von +/- 8 Prozent ein relativ konstantes Interesse an Berlusconi zu haben. In den Wahljahren 2001 und 2006 erkennt man, dass die Tageszeitungen mit ähnlicher Intensität berichten. Am unregelmäßigsten berichten die FAZ (+/-15% max. Schwankung) und der SPIEGEL (+/-14% max. Schwankung). Vor allem in den ersten zwei Untersuchungsjahren berichtet das Magazin intensiv, ab 2002 geht die Berichterstattung im Vergleich zu den anderen Medien zurück und zeigt erst 2006 wieder ein stärkeres Interesse an dem italienischen Regierungschef. Das bedeutet vermutlich, dass der SPIEGEL seine Berichterstattung über Berlusconi stark an den italienischen Parlamentswahlen ausrichtet. ]Der zweitstärkste Berichterstatter, die FAZ, zeichnet hingegen einen komplementären Verlauf, holt erst richtig ab 2003 auf und markiert 2004 sogar den Spitzenanteil von 44 Prozent an der gesamten Jahresberichterstattung. Damit zeigt sich FAZ in ihrer Berichterstattung relativ unabhängig von dem Ereignis Wahlen in Bezug auf Berlusconi. Selbst in den Jahren, in denen die Berichterstattung über Berlusconi rückläufig ist, interessiert sie sich weiter und sogar sehr intensiv im Vergleich zu den anderen Medien für das Thema. Die WELT und die FR zeigen ebenfalls einen sehr unsteten Publikationsanteil, kommen allerdings nicht über einen Anteil von 20 Prozent an der Berlusconi-Berichterstattung p.a. hinaus.

5.2 Platzierung und Aufmachung

Die Platzierung eines Artikels wurde anhand der Seitenzahl bzw. der Ressorteinteilung erfasst. Sie gibt Auskunft darüber, welche Bedeutung dem Artikel seitens der Redaktion eingeräumt und wie stark der Beitrag von den Lesern beachtet wird. In der Regel werden Beiträge auf der Titelseite besonders intensiv wahrgenommen. Andererseits gibt die Platzierung auch Auskunft über medieninterne Aspekte: Welche Zeitungen setzen einen deutlicheren Akzent mit Aufmachern auf das Thema Berlusconi?

Als Ministerpräsident des Landes Italien berührt Berlusconi vor allem politische Belange. Daher ist es nicht verwunderlich, dass knapp Dreiviertel der gefundenen Artikel im politischen Ressort mit Schwerpunkt Auslandspolitik veröffentlicht werden (s. Abb. 9). Im Vergleich dazu werden dem italienischen Ministerpräsident in den übrigen Ressorts viel weniger Artikel gewidmet: 13 Prozent im Gesellschaftsteil, 7 Prozent im Wirtschaftsressort und 5 Prozent im Feuilleton. Betrachtet man nun die einzelnen Zeitungen hinsichtlich dieses Aspektes, entsteht folgendes Bild: Die FR, die WELT und der SPIEGEL haben ihre Artikel über Berlusconi vornehmlich im Politik­Ressort publiziert. Nur die sz und die FAZ weichen von dieser Tendenz ab: Beide Zeitungen setzen Berlusconi auch anderen publizistischen Perspektiven aus, und zwar in absteigender Reihenfolge der des Gesellschaftsteils, des Wirtschaftsressorts und des Feuilletons. Dies zeigt die besondere Exponiertheit der beiden Zeitungen zum Thema Berlusconi, die ihn auch unter anderen Perspektiven als nur der Politischen journalistisch begleiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9. Ressorteinteilung der Beiträge nach Medium

(Basis: Stichprobe n=405)

Ein Indikator für eine besonders gute bzw. schlechte Platzierung eines Artikels wurde an einer anderen Stelle in der Inhaltsanalyse gefasst: Jedem Artikel wurde einer von vier möglichen Beachtungsgraden zugewiesen. Die vierstufige Skala ist wie folgt definiert:

Beachtungsgrad 1 = Artikel, die sich auf der ersten Seite befinden und besonders umfangreich sind Beachtungsgrad 2 = Mehrspalter auf der Titelseite mit Fortsetzung auf der Innenseite oder großer Mehrspalter im Innenteil Beachtungsgrad 3 = Mehr- bzw. Einspalter im Innenteil Beachtungsgrad 4 = Kurzer Einspalter auf den Innenseiten Wie auf Abbildung 10 zu sehen ist, werden vor allem Artikel über Berlusconi als unprominenter Mehr- oder Einspalter im Innenteil, also mit Beachtungsgrad 3, veröffentlicht. Ihr Anteil liegt im Schnitt bei 40 Prozent. Langfristig gesehen haben sie einen sehr stabilen und bis auf 1994 den höchsten Anteil. Auch die Beiträge der drei übrigen Beachtungsgrade haben über die Jahre hinweg konstante Anteile an der Berichterstattung. Am zweithäufigsten mit durchschnittlich 28 Prozent werden Artikel als Mehrspalter auf der Titelseite oder als großer Mehrspalter im Innenteil veröffentlicht. Im Jahr 2006 werden sogar mehr Artikel dieser prominenteren Platzierung veröffentlicht als Beiträge mit Beachtungsgrad 3. Erwartungsgemäßsind die Artikel mit dem geringsten und dem höchsten Beachtungsgrad weniger stark vertreten: Kurze Einspalter im Innenteil, also mit Beachtungsgrad 4, kommen im Schnitt mit 20 Prozent am dritthäufigsten vor. Am schwächsten vertreten sind allerdings Artikel, die großformatig auf der ersten Seite publiziert werden. Sie werden in rund jedem achten Artikel erwähnt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10. Beachtungsgrad der Beiträge im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=405 Artikel/ Daten: s. Tab.2 i.A./ ■f: 31.5 df=18/ p< 0,05 Cramers v= 0,097)

Insgesamt kann man daher sagen, dass die Platzierung von Beiträgen über Berlusconi relativ offensichtlich und prominent ist - auch wenn beispielsweise 2004 besonders wenige Titelseite-Beiträge über Berlusconi veröffentlicht werden. Allerdings ist es das Jahr, in dem die deutsche Presse deutlich schwächer über Berlusconi Auskunft gibt (s. Abb. 6). Die Variable Zeit hat insgesamt gesehen nur einen sehr geringen Einfluss auf den Beachtungsgrad der Artikel über Berlusconi.

Abbildung 11 zeigt die Tendenzen für die einzelnen Zeitungen. Die medienübergreifenden Ergebnisse zum Beachtungsgrad lassen sich auch bei den einzelnen Medien wieder finden: Alle Zeitungen haben überwiegend Artikel mit dem zweit- bzw. dritthöchsten Beachtungsgrad über Berlusconi publiziert. Weitaus geringer fällt die Veröffentlichung von Artikeln mit vierthöchstem Beachtungsgrad aus. Artikel des höchsten Beachtungsgrades, auf Seite eins, veröffentlichen nur die FAZ und die FR häufiger. Insgesamt platziert die FAZ Artikel mit Bezug auf Berlusconi am prominentesten. Die beiden Zeitungen des linken Spektrums und die WELT drucken häufiger kürzere Notizen ohne Foto im Innenteil ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 11. Beachtungsgrad der Beiträge nach Medium

(Basis: Stichprobe n=405/ s. Tab. 3 i.A./ x2=27/df=12/p< 0,01/Cramers v= 0Л49)

Für den SPIEGEL lassen sich keine Titel seiten-B ei träge finden. Auf Grund seines Magazinformats gelangen Themen im Vergleich zu den Tageszeitungen mit einer viel geringeren Wahrscheinlichkeit auf die Titelseite. Er bringt Berlusconi nur einmal im untersuchten Zeitraum auf den Titel, und zwar im Juli 2003 aus Anlass der anstehenden italienischen EU-Ratspräsidentschaft (Vgl. Schlamp 2003, s. 112-124). Allerdings fiel diese Ausgabe nicht in die Stichprobe. Dafür publiziert der SPIEGEL seine langen Berichte über Berlusconi zu circa zwei Drittel als Mehr- oder Einspalter im Innenteil. Der Unterschied zwischen den einzelnen Zeitungen hinsichtlich der Platzierung ist, wie man auf Abbildung 11 erkennen kann, gering. Besonders viele Titelstories sind bei den Beiträgen der Cluster-Zeiträume zu finden, insgesamt haben sie einen Anteil von 54 Prozent an allen auf der ersten Seite publizierten Beiträgen. Dies wirkt sich auch geringfügig auf die gesamte Berichterstattung in den Jahren 2001, 2003 und 2006, aus (s. Tab. 2. İ.A.). Nun stellt sich die Frage, welche Cluster in diesen Jahren eine besonders prominente Platzierung seitens der Medien hervorrufen. In Kapitel 6.1/Abbildung 7 sind dazu die jeweiligen Anteile der Titelseitenveröffentlichung pro Cluster aufgeführt. Besonders viele Titelseiten lassen sich demnach bei den Clustern finden, die auch eine besonders intensive Berichterstattung hervorgerufen haben: Die drei Wahlen, die beiden Rücktritte und der EU-Eklat.

5.3 Journ alistisch e Darstellungsformen

Die Berichterstattung über Berlusconi ist in unterschiedliche journalistische Darstellungsformen eingebettet. Journalisten können in einem tatsachenbetonten Artikel, wie in einer Nachricht, einem Bericht oder einer Notiz Ereignisse zusammenfassen und objektiv für ihre Leser begreifbar machen. Andererseits Stehen ihnen aber auch subjektiv geprägte Artikelformen wie Reportage oder Feature zur Verfügung. Beim Kommentar, Leitartikel oder in Glossen können sie eine Meinung vertreten und müssen sich nicht nach objektiven Maßstäben richten. Im Folgenden soll nun dargestellt werden, welche Beitragstypen die Berichterstattung über den italienischen Politiker Berlusconi im Laufe des gegebenen Untersuchungszeitraumes dominieren und welche weniger vertreten sind.

Erwartungsgemäßwird Berlusconi am häufigsten in schlichten Nachrichten bzw. Berichten erwähnt: Ungefähr jeder dritte Beitrag der Stichprobe ist in dieser Form verfasst (s. Abb. 12). Neben den Nachrichten, findet man auch relativ häufig kurze Notizen. Allerdings gibt es auch eine Vielzahl von subjektiv geprägten Artikeln in der Berichterstattung über Berlusconi, vor allem Kommentare bzw. Kolumnen. Sie sind nach den Nachrichten das zweihäufigste gefundene Format. Nicht ganz so häufig veröffentlichen die Medien aufwendige Reportagen oder Features. Ein noch selteneres Format sind Interviews und Porträts. Sie kommen nur am Rande vor, wohl auch, weil sie zu den exklusiveren journalistischen Darstellungsformen gehören. Fasst man die subjektiv geprägten Beiträge zusammen, treten sie etwas häufiger auf als die tatsachenbetonten Formen wie Nachricht/Bericht oder Notiz, und zwar in einem Verhältnis von 51 zu 49 Prozent. Gemessen am Gesamtzeilen-Umfang überwiegen die meinungsbetonten Beiträge noch deutlicher, und zwar in einem Verhältnis von 80:20

Prozent.[14] Die meinungsbetonten Formate sind damit auch im Schnitt länger als Nachrichten und Notizen. An erster Stelle der umfangreichsten Beiträge steht das Interview mit 193 Zeilen pro Artikel, es folgen Reportage (170), Porträt (130) und Kommentar (123). Die geringste Zeilenanzahl erbringen durchschnittlich gesehen Nachrichten (77) und Notizen (28). Dieser Befund stellt allerdings eine Ausnahme dar, denn in den meisten inhaltsanalytischen Studien über Politikerimages dominieren tatsachenbetonten Beiträge (Vgl. Wilke/ Reinemann 2000, S.61).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 12. Journalistische Darstellungsformen der Beiträge nach Medium

(Basis: Stichprobe n=405)

Wie schon bei den Ergebnissen zur Platzierung, sind auch die journalistischen Darstellungsformen relativ unabhängig vom Zeitpunkt der Untersuchung: Die Anteile von Nachrichten/Berichte, Reportagen/Features und Kommentare/Kolumnen entwickeln sich über die untersuchten Jahre hinweg eher konstant (s. Abb. 13). Lediglich im Jahr 2004 wird Berlusconi am häufigsten in kurzen Notizen erwähnt, parallel dazu findet ein Rückgang der journalistisch aufwendigeren Beitragsformen statt - ein weiteres Indiz für die reduzierte Berichterstattung über Berlusconi in den Jahren 2004 und 2005. Weitaus weniger Beachtung findet Berlusconi in Form von Porträts und Interviews. Lediglich in den Jahren 1994 und 2001 treten diese Darstellungsformen etwas stärker in den Vordergrund, was mitunter auf die Wahlen zurückgeführt werden kann, zu deren Anlass besonders exklusive Beiträge geschrieben werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 13. Journalistische Darstellungsformen der Beiträge im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=405/ s. Tab. 5 i. A./ x2=43,5/ df=30/ p< 0,05/ Cramers v= 0,147)

Zuletzt soll noch auf die Verteilung der Darstellungsformen der einzelnen Medien eingegangen werden (s. Abb. 14). Die untersuchten Medien zeigen ein gering differenziertes Bild bei den einzelnen Beitragsformen. Der SPIEGEL präsentiert rund die Hälfte aller Themen um den italienischen Regierungschef im Reportage bzw. Feature-Stil, was für das Hamburger Magazin charakteristisch ist, da es einen ausführlichen und sehr meinungsfreudigen Stil pflegt Im Vergleich zu den Tageszeitungen druckt er auch mehr Porträts und Interviews ab. Meinungsneutrale Nachrichten oder Berichte über Berlusconi werden am häufigsten von der FAZ publiziert. Kurze Notizen findet man häufiger bei der sz. Alle Zeitungen kommentieren recht ausführlich - bis auf den SPIEGEL, der die Form des Kommentars nicht explizit pflegt. Dafür sind seine Reportagen und Berichte sehr meinungsbildend. Am kommentierfreudigsten sind die sz und die WELT. Insgesamt findet man tatsachenbetonte Formate eher bei den linkszentrierten Zeitungen. Die Berichterstattung der konservativen Blätter bildet ein Gleichgewicht aus den beiden konträren Darstellungstypen.

5.4 Quellen der Berlusconi-Berichterstattung

Artikel einer Zeitung können von vielen Urhebern gestaltet und geschrieben werden. In den meisten Fällen jedoch zeichnen Journalisten der eigenen Redaktion für einen Beitrag verantwortlich. Andererseits findet man auch viele Beiträge von Agenturen oder fremden Autoren wie Politiker, Kulturschaffende oder sonstige Personen des öffentlichen Lebens in den Zeitungen. Grob kann man die Urheber der Artikel in drei Gruppen einteilen: Eigenbeiträge (Journalisten), Fremdbeiträge (Fremdautoren) und Agenturbeiträge (Agenturen). In der vorliegenden Inhaltsanalyse wurden die Urheber in 20 Kategorien erfasst, welche die verschiedenen Agenturen, journalistischen Rollen wie Korrespondent oder fremde Autoren wie Intellektuelle unterscheiden. Außerdem war es möglich zu kennzeichnen, ob Berlusconi selbst sich äußert.[15]

Die Urheber der untersuchten Beiträge über Berlusconi sind in acht von zehn Fällen Journalisten (78%). Damit ist die Berichterstattung über Berlusconi vorwiegend durch Eigenbeiträge der Zeitungen gekennzeichnet, was durchaus der Regel bei Qualitätszeitungen entspricht. Die Agenturen- und Fremdbeiträge sind damit deutlich schwächer vertreten: Agenturberichte kommen allerdings noch dreimal häufiger (17%) vor als Beiträge aus der Feder von Fremdautoren (5%). Diese Verhältnisse sind über

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 14. Quellen der Beiträge nach Darstellungsform

(Basis: Stichprobe n=405)

Betrachtet man die Einzelwerte der Urhebergruppen in Abbildung 15, so ergibt sich folgendes Bild: Eigenbeiträge werden von Korrespondenten bzw. Journalisten dominiert, zum anderen Agenturartikel von der Deutschen Presse Agentur, kurz dpa. Texte von Fremdautoren stammen überwiegend aus der Feder von Intellektuellen und Politikern. Alle übrigen Urheber sind medienübergreifend nur schwach vertreten. Geht man nun der Frage nach, welche Beitragsarten die einzelnen Artikelverfasser publizieren, so ergibt sich daraus eine sehr eindeutige Antwort: Journalisten sind zu circa zwei Drittel Verfasser von meinungsbetonten Formen und greifen beispielsweise das Thema Berlusconi verstärkt in Reportagen oder Kommentaren auf. Agenturen zeichnen fast ausschließlich für Nachrichten und Notizen verantwortlich. Fremdautoren melden sich den Ergebnissen zufolge entweder als Verfasser eines Kommentars zu Wort oder stehen den Medien als Interviewpartner zur Verfügung.

Bei den einzelnen Medien gestaltet sich die Quellenlage teilweise sehr unterschiedlich. Gemein haben sie jedoch alle, dass die Beiträge hauptsächlich von Journalisten verfasst werden: Bis auf die FR haben sie bei den einzelnen Medien einen Anteil von mehr als 79 Prozent an der jeweiligen Berichterstattung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 15. Quellen der Beiträge nach Medium

(Basis: Stichprobe n= 405)

Es zeichnet eine Redaktion aus, wenn sie viele Beiträge aus eigener Quelle zu Ereignissen im Ausland abdrucken kann. Korrespondenten, die vor Ort in Italien sich ein Bild des Geschehens machen können, geben der Zeitung ein hohes Maßan Authentizität und redaktioneller Eigenständigkeit. Dies ist in Bezug auf Berlusconi bei der FAZ und dem SPIEGEL der Fall, deren Beiträge zu rund 70 Prozent aus der Feder von Mitarbeitern in Italien stammen. Agenturbeiträge veröffentlicht vermehrt die FR, und zwar vor allem von der dpa. Fremde Autoren, vor allem aus Kultur- oder Politikkreisen, kommen vor allem bei der WELT und dem SPIEGEL zu Wort bzw. werden von deren Journalisten interviewt. Besonders oft widmet der SPIEGEL sich der Meinung redaktionsfremder Personen, denn circa jeder fünfte Artikel trägt die Handschrift von Experten, Intellektuellen oder Politikern. Diese Ergebnisse unterstreichen die Besonderheit des SPIEGELS im Rahmen der Berlusconi­Berichterstattung, da ein hoher Anteil von Fremdautoren eine publizistische Vielfalt an kontroversen Ansichten verspricht.

5.5 Ergebnisse im Überblick: Formale Merkmale

Silvio Berlusconi wird einigermaßen häufig Aufmerksamkeit seitens der deutschen Presse im Untersuchungszeitraum von knapp sechs Jahren geschenkt. In mehr als jeder zweiten der 608 untersuchten Ausgaben wurde ein Artikel zu diesem Thema gefunden. Insgesamt ergab die Stichprobe der Zeitungen FR, sz, FAZ, WELT sowie dem SPIEGEL 405 Artikel zu Berlusconi, überdurchschnittlich viele Beiträge sind in den ereigniszentrierten Zeiträumen, den Cluster, zu finden. Das bestätigt die ursprüngliche Annahme, dass es in den ausgewählten Cluster-Zeiträumen zu einer vermehrten Berichterstattung gekommen ist.

Rund zehn Prozent der Beiträge können als besonders prominent bezeichnet werden, da die Medien sie in Form eines Mehrspalters auf der erste Zeitungsseite publiziert haben und die Leser so besonders von ihnen in Kenntnis gesetzt werden. Die größte Zahl der Artikel zu Berlusconi wird jedoch im Innenteil der Blätter publiziert, und zwar als längere Ein- oder Mehrspalter. Bei den journalistischen Darstellungsformen kommen tatsachenorientierte Nachrichten am häufigsten vor, und zwar etwa in jedem dritten Beitrag. Wenig Erwähnung findet Berlusconi in Porträts und Interviews. Insgesamt betrachtet überwiegen allerdings die subjektiv geprägten Beiträge die tatsachenbetonten Beiträge. Die Zeitungen setzen sich demnach meinungsfreudig mit Berlusconi auseinander. Die Verfasser der Beiträge über Berlusconi sind zu einer klaren Mehrheit Redaktionsmitglieder der untersuchten Medien: Korrespondenten und Journalisten sind in 8 von 10 Fällen Verfasser der gefundenen Artikel. Sie berichten verstärkt in Kommentaren und Reportagen. Agenturen, vorwiegend die dpa, sind in rund jedem fünften Beitrag als Quelle angegeben und zeichnen in den meisten Fällen für meinungsfreie Beiträge verantwortlich. Dieser niedrige Anteil an Agenturbeiträgen bestätigt mitunter die Qualität der untersuchten Zeitungen, die einen Großteil ihrer Berichterstattung mit eigenen Journalisten bestreiten. Nur am Rande kommen Intellektuelle, Experten oder Politiker als fremde Autoren vor.

Die Berichterstattung über Berlusconi ist in den ersten vier Untersuchungsjahren besonders ausgeprägt: Gemessen an der Anzahl der Artikel sowie am Zeilenumfang sind die Untersuchungs-Jahre 1994 und 2001 bis 2003 am ergiebigsten. In diesem Zeitraum lassen sich acht der 13 Cluster finden. Das lässt vermuten, dass Berlusconi in diesen Jahren mit Themen und durch Ereignisse besonders aufgefallen sein muss. In den darauf folgenden Jahren ebbt die Berichterstattung stark ab: 2004 und 2005 rufen eine vergleichbar schwache Berichterstattung hervor, erkennbar auch an der geringen Beitragspublikation auf Titelseiten. Erst 2006 scheinen die Zeitungen wieder vermehrt Interesse an dem italienischen Politiker zu bekommen. Durch die Analyse der Cluster lässt sich bereits jetzt schon ansatzweise erkennen, auf welche Ereignisse in den unterschiedlichen Jahren besonders stark Bezug genommen wird: Auf die Wahlen (1994, 2001 und 2006), Berlusconis Rücktritte (1994 und 2005) und auf den Eklat im EU-Parlament (2003). Die Platzierung, die journalistischen Darstellungsformen und die Urheber verändern sich kaum über den Untersuchungszeitraum hinweg. Die Variable Zeit hat daher bei den formalen Kriterien kaum eine Auswirkung.

Von den einzelnen Medien scheint der SPIEGEL das größte Interesse an Silvio Berlusconi zu haben. Er zeichnet sich durch die umfangreichste Berichterstattung aus: Seine Beiträge sind mit durchschnittlich 217 Zeilen um ein Vielfaches länger als die Beiträge der anderen Medien des Samples. Allerdings sind die langen Beiträge für das wöchentlich erscheinende Magazin typisch: Gemessen am gesamten Zeilenumfang der untersuchten Beiträge hat es einen gleich hohen Anteil wie die FAZ. Die besondere Exponiertheit des SPIEGELS zum Thema Silvio Berlusconi bestätigt sich auch an anderer Stelle: Die ausführlichen Reportagen und Berichte werden von fremden Autoren aus Kultur, Wissenschaft oder Politik verfasst. Im Vergleich dazu lassen die anderen Medien diese Autoren kaum zu Wort kommen. Seine Beiträge sind damit durch eine Vielfalt an Perspektiven und an Quellen gekennzeichnet, die für ein differenziertes und pluralistisches Meinungsbild sorgen. Während der SPIEGEL das Hauptaugenmerk seiner Berichterstattung über Berlusconi auf die Wahljahre 1994, 2001 und 2006 legt, verhält sich dies bei den Tageszeitungen etwas anders: Die FAZ berichtet auch dann noch, wenn das Interesse an Berlusconi in den Jahren 2004 und 2005 insgesamt stark nach lässt. Die sz, traditionell Italien-orientiert, publiziert am dritthäufigsten und im Verlauf der Zeit am konstantesten Beiträge zu Berlusconi. Insgesamt berichten die Tageszeitungen zwar nicht so ausführlich wie der SPIEGEL, dafür aber häufiger, was unter anderem auf Formatbedingungen wie kürzere Artikel zurückzuführen ist. Mit insgesamt 114 Artikeln ist die FAZ das Medium, das die höchste Gesamtzahl an Beiträgen hervorbringt. Von den Tageszeitungen präsentiert sie die vielschichtigste Berichterstattung zu Silvio Berlusconi: Ihre Beiträge erscheinen zwar auch überwiegend im Auslandspolitik-Ressort, daneben aber auch im Gesellschaftsteil, in den Wirtschaftsnachrichten oder im Feuilleton. Sie zeichnet sich auch durch einen besonders hohe Anteil an Korrespondentenbeiträgen aus. Dementsprechend präsentiert die FAZ ein hohes Maßan Qualität, Authentizität und redaktioneller Eigenständigkeit in Hinblick auf Berlusconi. Die Beiträge der WELT erscheinen häufig in meinungsbetonten Formen und stammen auch aus der Feder fremder Autoren. Oft spiegeln die Ergebnisse zur formalen Struktur der Berlusconi-Berichterstattung der Tageszeitung aus Berlin oft den generellen Gesamttrend aller Medien wieder. Die Münchener sz ist mit der FAZ die Tageszeitung, die ihren Lesern eine perspektivenreiche Sichtweise auf Berlusconi bietet; Beispielsweise setzt sie Akzente mit Beiträgen im Gesellschaftsteil, Wirtschaftsressort oder gar Feuilleton. Die FR bildet das Schlusslicht in Bezug auf Häufigkeit, Umfang und Anteil an der gesamten Berlusconi-Berichterstattung. Allerdings setzt sie punktuell ihre Artikel über Berlusconi sehr häufig auf die erste Seite. Es ist eine Zeitung, die berichten ״lässt“: Ein großer Teil ihrer Artikel zu Berlusconi stammt von Nachrichtendiensten. Sie übernimmt damit auch die Sicht der Agentui]ournalisten und ist in gewissermaßen in Bezug auf Berlusconi nicht ganz ״unabhängig“. Im Zuge der Auswertung formaler Kriterien zeigen die einzelnen Zeitungen eine recht unterschiedliche Art und Weise der Veröffentlichung von Beiträgen über Silvio Berlusconi. Insgesamt lassen sich auch kaum gemeinsame Tendenzen der links- wie auch der rechtsorientierten Medien finden.

6. ERGEBNISSE: Inhaltliche Merkmale der Berichterstattung über Silvio Berlusconi

Im folgenden Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung zu den inhaltlichen Kategorien präsentiert. Hier gilt es auf die Forschungsfragen einzugehen und das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse zu zeichnen. Als Basis für die inhaltliche Auswertung dienen wertende Aussagen. Wie bereits in Kapitel 4.1 beschrieben, setzt sich eine solche wertende Aussage aus vier Teilen zusammen: Aus dem Urheber, dem Thema, den Eigenschaften von Berlusconi und der Tendenz der gesamten Aussage, die jeweils positiv oder negativ sein kann. Für die drei ersten Kategorien wurden hingegen viele verschiedene Items codiert, so dass eine sehr genaue Auswertung möglich war. Teilweise werden diese Kategorien im Folgenden zwecks aussagekräftiger Ergebnisse in gröbere Dimensionen gefasst. Damit der Leser einen systematischen Überblick über das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse erhält, erfolgt die Analyse der untersuchten Variablen unter verschiedenen Aspekten. Die Kategorien Urheber/ Tendenz, Thema und Eigenschaften Berlusconis werden in jeweils zwei Kapiteln, einerseits für den gesamten Zeitraum und andererseits im zeitlichen Verlauf, betrachtet. Die Berlusconi­Berichterstattung der einzelnen Medien wird vornehmlich im Rahmen des gesamten Zeitraums ausgewertet, da eine jährliche Auswertung pro Medium auf Grund der geringen Fallzahlen p.a. zu Verzerrungen im Ergebnis führen könnte. Auf die Daten der Cluster- bzw. der bereinigten Stichprobe wird gegebenenfalls eingegangen, besonders dort, wo es eklatante Abweichungen zwischen der gesamten Stichprobe und den beiden Sub stichprob en gibt. Andernfalls kann auf die Darstellung verzichtet werden. Die Datentabellen der Grafiken sowie der anderen im Text präsentierten Ergebnisse, die nicht abgebildet werden, befinden sich im Anhang unter Kapitel 10. Für die folgende Auswertung der einzelnen Variablen in bivariaten Statistiken wird ein Signifikanzniveau von p< 0.10 zu Grunde gelegt. Der Einfachheit halber werden die Ergebnisse in Präsens diskutiert, auch wenn es um vergangene Geschehnisse geht.

6.1 Anzahl, Urheber und Tendenz der wertenden Aussagen

Zu Anfang soll eine der wichtigsten Fragen dieser Untersuchung geklärt werden: Beurteilt die deutsche Presse Silvio Berlusconi während seiner zwei Amtszeiten als italienischer Ministerpräsident eher gut oder eher schlecht? Das Analyseinstrument bietet dafür zwei Kategorien, nämlich positiv und negativ. Daneben werden ebenfalls der Umfang und die Urheber der wertenden Aussagen dieser Stichprobe dargestellt. In der Analyse befinden sich zwei ״Urheber“-Variablen: Die Urheber bzw. Quellen der Artikel und die Urheber der wertenden Aussagen. Bei Letzteren handelt es sich um Personen oder Gruppen, die innerhalb eines Artikels zitiert werden. Es kann aber auch der Verfasser des Artikels als Urheber der wertenden Aussagen auftreten. Für die Codierung der Urheber der wertenden Aussagen standen 285 Items zur Auswahl.

6.1.1 Anzahl, Urheber und Tendenz der wertenden Aussagen - gesamter Zeitraum

In den 405 gefundenen Artikeln der Stichprobe zum Thema Silvio Berlusconi konnten 820 wertende Aussagen identifiziert werden. Damit wurden im Schnitt nur knapp zwei wertende Aussagen über Berlusconi pro Ausgabe gefunden. Dieses niedrige Ergebnis liegt auch an der Tatsache, dass in 86 Fällen gar keine inhaltlichen Merkmale außer dem zentralen Thema zugewiesen werden konnten. Die Vermutung, dass diese niedrige Anzahl an Urteilen pro Beitrag womöglich an dem hohen Anteil von meinungsneutralen Beiträgen (49%) liegt, kann nicht bestätigt werden. Hauptsächlich wird zwar in den meinungsmanifesten Beiträgen wie Kommentar oder Glosse bewertet, allerdings wird in den scheinbar ״objektiven“ Artikeln aller untersuchten Qualitätszeitungen ebenfalls über Berlusconi geurteilt (s. Tab. 7 İ.A.). Der Anteil der bereinigten bzw. der Cluster­Stichprobe an den wertenden Aussagen verhält sich mit 76 zu 24 Prozent in etwa proportional zu der Verteilung nach Umfang (73:27%). In Zahlen ausgedrückt, heißt dies, dass 624 Wertungen in der bereinigten Stichprobe und 196 in der Cluster­Stichprobe gefunden wurden, das sind jeweils rund 2 bzw. 1,8 wertende Urteile pro Artikel. Damit kam es in den Beiträgen der Ereignis-Zeiträume zwar zu einer umfangreicheren Berichterstattung, nicht aber zu einer intensiveren Beurteilung Berlusconis.

Von den untersuchten Medien ist der SPIEGEL besonders urteilsfreudig: Knapp fünf Wertungen summieren sich hier pro Artikel. Mit großem Abstand folgen die sz, die WELT, die FAZ und die FR (s. Abb. 16). Damit geben sich die konservative FAZ und die links geprägte FR am zurückhaltendsten in der Beurteilung Berlusconis. Die scheinbar hohe Urteilsfreude des SPIEGELS relativiert sich jedoch: Gemessen an der Veröffentlichung aller wertenden Aussagen hat der SPIEGEL keinen Vorsprung, er ist an der gesamten Stichprobe ebenso wie die FAZ mit 23 Prozent beteiligt. Der durchschnittlich hohe Anteil von Urteilen pro Beitrag lässt sich daher schlichtweg auf den besonders großen Umfang der einzelnen Berichte des Magazins zurückführen. Die SZ und die WELT haben einen nur etwas geringeren Anteil an allen Urteilen als SPIEGEL und FAZ. Die FR ist mit 13 Prozent Anteil an wertenden Aussagen insgesamt am schwächsten vertreten. Damit kann man sagen, dass der Anteil von links-geprägten zu rechts-geprägten Zeitungen in etwa ausgewogen ist. Einer medienübergreifenden Auswertung steht demnach nichts im Wege, sie spiegelt grob gesehen das Mittelmaßzwischen den beiden linken und den beiden konservativen Blättern wieder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 16. Anzahl der wertenden Aussagen nach Medium

(Basis: Stichprobe n=820)

Die Tendenz der deutschen Presse-Berichterstattung über Berlusconi ist vorwiegend negativ. Mit einem Anteil von 73 Prozent negativer Stimmen setzen ihm die untersuchten Zeitungen ein deutliches Minus vor sein Image. Damit ist nur rund ein Viertel aller Urteile zu Berlusconi positiver Art. Ob Berlusconi dabei in einem meinungsbetonten oder sachlichen Beitrag erwähnt wird, spielt dabei kaum eine Rolle: In den meinungsbetonten Beiträgen wird Berlusconi etwas positiver dargestellt (70% negative Aussagen) als in den meinungsneutralen Nachrichten und Notizen (76%) (s. Tab. 7 İ.A.). Dieser Befund zeigt allerdings, dass auch scheinbar ״meinungsneutrale“ Beiträge im untersuchten Mediensample eindeutig negativ gefärbt sind und somit eine politische Richtung vertreten. Auch in den einzelnen Medien findet man jeweils einen überwiegend negativen Tenor zu Berlusconi. Keine der Zeitungen berichtet im genannten Zeitraum überwiegend positiv (s. Abb. 17). Nur die Berichterstattung der FAZ ist nahezu ausgeglichen. Die übrigen Zeitungen sind hingegen deutlich negativer aufgestellt und entsprechen damit eher der genannten Durchschnittstendenz. Allen voran präsentiert sich jedoch der SPIEGEL: Das Hamburger Magazin berichtet besonders kritisch über Berlusconi angesichts eines Anteils von 83 Prozent negativer Aussagen. Auch die sz pflegt im Vergleich zu den anderen Medien im Sample eine kritischere Sicht auf den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten.

In einem ersten Schritt werden die Urheber der wertenden Aussagen nach fünf großen Gruppen gesichtet: Nach Urhebern aus Deutschland, Italien, Urheber anderer Staaten, überstaatlicher Organisationen und Journalisten. Angelehnt an den Befund der ״Quelle des Artikels“ aus Kapitel 5.4 sind auch die Urheber der wertenden Aussagen bei allen untersuchten Medien hauptsächlich Journalisten, und zwar zu einem Anteil von durchschnittlich 60 Prozent. Als zweithäufigster Urheber mit einem Anteil von 27 Prozent an wertenden Aussagen treten Personen aus Italien in Erscheinung. Mit großem Abstand und in absteigender Reihenfolge melden sich deutsche Urheber, Staaten und schließlich überstaatliche Einrichtungen zu Wort. Da die letzten drei Kategorien einen Anteil von jeweils unter 10 Prozent haben, fallen sie bei der Bewertung Berlusconis in der deutschen Presse eher am Rande auf. Alle Urhebergruppen drücken sich im Schnitt negativ dem Präsidenten des italienischen Ministerrates gegenüber aus. In besonders ausdrücklicher Weise tun dies allerdings überstaatliche Einrichtungen und Staaten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 17. Urheber der wertenden Aussagen nach Medium und nach Tendenz

(Basis: Stichprobe n=820)

Für die weitere Auswertung werden zwei differenziertere Kategorienschemata verwendet: Das eine ist in Abbildung 18 dargestellt, das andere findet man unter Tabelle 8 im Anhang. Beide bauen hierarchisch auf dem Schema der so eben beschriebenen fünf Urhebergruppen auf. Zunächst geht es um die Urheber aus Italien. Berlusconis Landsleute bewerten im Vergleich zu allen anderen Urhebergruppen ihren Regierungschef noch am positivsten, ihr Gesamturteil würde einer Schulnote 4 (״ausreichend“) entsprechen. Die genaueren Ergebnisse zeigen, dass es sich in dieser Kategorie schwerpunktmäßig um italienische Bürger, Politiker oder auch um Vertreter der Justiz handelt. Die Stimmen aus dem Volk gehören vorwiegend Intellektuellen, vorzugsweise in der sz publiziert. Die Intellektuellenszene in Italien stellt sich ausdrücklich gegen Berlusconi, so wie ansatzweise in Kapitel 2.3 skizziert. Für einen eher negativeren Tenor sorgen auch die Äußerungen der beiden großen politischen Blöcke in Italien: Politiker des Regierungsbündnisses wie auch der Opposition kommen bei den Bewertungen gleichermaßen vor, die Opposition beurteilt ihn etwas negativer als seine Gefolgsleute. Trotz allem äußern auch sie sich erstaunlicherweise negativ. Dies wird mitunter auf Politiker des Koalitionspartners Lega Nord wie Umberto Bossi zurückzuführen sein, der Berlusconi stets scharf kritisiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 18. Urheber der wertenden Aussagen nach Medium und Tendenz

(Basis: Stichprobe n=820)

Vertreter der italienischen Justiz lassen ebenfalls kein gutes Haar an ihm - womöglich die Konsequenz der zahlreichen Gerichtsprozesse, in die Berlusconi vor, während und auch noch nach seiner Amtszeit als Ministerpräsident verstrickt ist. Eine weitere Person aus Italien hat sich medienübergreifend besonders häufig zu Berlusconi geäußert: Der Ministerpräsident selbst. Silvio Berlusconi bewertet seine politische Rolle aus eigener Perspektive freilich gut. Auch deshalb schneidet die Urhebergruppe Italien besser ab als alle anderen.

Die Stimme der Deutschen fällt bei der Berichterstattung über Berlusconi eher geringfügig ins Gewicht, am häufigsten kommt sie noch in der FAZ zur Geltung. In der konservativen Zeitung ist der deutsche Tenor zu Berlusconi sehr ausgewogen dargestellt, ganz anders als in der WELT oder im SPIEGEL. Vorwiegend äußern sich die deutsche Bundesregierung und Medienvertreter (NICHT Journalist/ Beitragsautor) zu Berlusconi. Eindeutig ist die Einstellung der beiden politischen Lager zu Berlusconi: Das rechte Lager um CDU, CSU und FDP begrüßt Berlusconi. Hingegen äußert sich Gerhard Schröder weniger positiv über seinen Amtskollegen wie auch seine Parteikollegen von Rot-Grün, deren Kommentare in der WELT zu finden sind (s. Tab. 8 İ.A.). Dass es zahlenmäßig mehr Wertungen von Rot-Grün als vom konservativen Spektrum gibt und damit insgesamt eine tendenziell negative Bewertung Berlusconis seitens der deutschen Bundesregierung, liegt an der Regierungsperiode der deutschen Mitte-Links-Regierung, die sich mit der von Berlusconis Mitte-Rechts-Koalition in den Jahren 2001 bis 2006 großräumig überschneidet. Etwas negativer als die deutschen Volksvertreter über Berlusconi urteilt das deutsche Volk. Auffällig ist, dass weder bei den Italienern noch bei den Deutschen Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) zu Wort kommen, die gerade in Italien, wie beispielsweise die ״Girotondisti“ (friedliche ״Ringelreihen“-Bewegung gegen die Justizreformen der Berlusconi-Regierung), das politische Alltagsgeschehen prägen. Das zeigt mitunter, dass Randgruppen nur wenig Gehör und Zugang zu den Medien finden.

Die vierte und fünfte Gruppe der gesamten Stichprobe, Urheber anderer Staaten bzw. überstaatlicher Einrichtungen, sind nur sehr schwach vertreten (4% bzw. 3%) und bilden daher insgesamt als Urteilsspender über Berlusconi eher die Ausnahme. Wenn sich Personen anderer Staaten äußern, so sind es zu 58 Prozent Personen aus der Reihe der wirtschaftsstarken G8-Länder wie Großbritannien, Frankreich, Russland und die USA. Aus Tabelle 8 im Anhang geht hervor, dass diese Staaten besonders von der WELT in den Fokus genommen werden. Es sind auch die Staaten, die - Deutschland miteingeschlossen - die globale Außenpolitik beherrschen und mit Italien einen engen Austausch pflegen. Die Gruppe der G8 spaltet sich so zu sagen in zwei Lager: Die Befürworter und die Kritiker Berlusconis. Pro-Berlusconi sind Russland und die USA. Großbritannien und Frankreich setzen sich dagegen kritisch mit dem italienischen Spitzenpolitiker auseinander. Diese Ergebnisse bestätigen das Berlusconi-Bild wie in Kapitel 2.3, nach dem der Italiener mit seinen Amtskollegen Vladimir Putin (RUS) und George Bush (USA) ein enges und fast schon freundschaftliches Verhältnis pflegt: Mit George Bush zeigt er einen demonstrativen Schulterschluss bezüglich des Anti-Terror­Einsatzes und der russische Ministerpräsident ist im untersuchten Zeitraum sogar mehrmals privater Gast in Berlusconis Feriendomizil auf Sardinien. Daneben haben sich auch noch Vertreter der BENELUX-Länder, Spaniens und aus dem Nahen bzw. Mittleren Osten in den linksliberalen Zeitungen zu Wort gemeldet. All diese Staaten werden mit ausschließlich negativen Äußerungen zu Berlusconi zitiert. Womöglich reagieren Staaten aus dem Nahen bzw. Mittleren Osten so auf die Äußerungen Berlusconis, die sich kurz nach dem 11. September 2001 gegen die islamische Gemeinschaft wenden (s. Kap. 2.3). Andere Staaten kommen als Urheber nicht vor, damit ist der ganze asiatische Raum sowie auch Südamerika und Afrika nicht vertreten. Das zeigt mitunter, dass diese Staaten weltpolitisch nicht so sehr ins Gewicht fallen wie die zitierten Nationen und dass sie in keiner engen politischen, wirtschaftlichen oder historischen Verbindung zu Italien oder zu Berlusconi Stehen. Vertreter von überstaatlichen Einrichtungen, die sich zu Berlusconi äußern, stammen alle aus EU- Gremien und finden überwiegend im SPIEGEL und in der FAZ Ausdruck. Mehr als die Hälfte der Urheber dieser Kategorie ist ein Repräsentant des europäischen Parlamentes und hier stammt wiederum fast jedes zweite Urteil über Berlusconi vom deutschen Europaabgeordneten Martin Schulz, der am 2.Juli 2003 von dem italienischen Premier in aller Öffentlichkeit durch einen Nazi-Vergieich beleidigt wird. Andere supranationale Organisationen wie die EU-Kommission und der EU-Ministerrat sind weitaus weniger urteilend aufgefallen. Der Tenor auf EU-Niveau zu Berlusconi ist bei neun von zehn Stimmen sehr negativ. Internationale NGOs werden ebenso wie ihre Pendants auf nationaler Ebene nicht genannt.

Die soeben beschriebenen Verhältnisse lassen sich in den meisten Fällen auch auf die einzelnen Medien übertragen, wie man auch anhand Abbildung 21 erkennen kann. Die wenigen Unterschiede sollen an dieser Stelle noch einmal erwähnt werden. Den Ergebnissen nach sind sich die FR und die sz in ihrer Urheberzitierung sehr ähnlich. Die Journalisten der beiden linksliberalen Zeitungen verfolgen offensichtlich einen ähnlich negativen Meinungstenor. Zeitungen EU-Vertreter und andere Staaten äußern sich in den beiden zu 100 Prozent negativ über Berlusconi. Die konservativen Zeitungen zeigen weniger Gemeinsamkeiten: Die FAZ zitiert häufiger Personen aus Deutschland und berichtet deutlich positiver als es die WELT tut, die in ihren Tendenzen eher den linken Blättern ähnelt. Gemeinsam ist den beiden konservativen Zeitungen, dass sie ähnlich umfangreich Urheber überstaatlicher Einrichtungen, in allen Fällen EU­Repräsentanten, bzw. anderer Staaten zitieren und dass in diesen beiden Blättern italienische Urheber Berlusconi ausgewogen gegenüber Stehen. Der SPIEGEL setzt vor allem Akzente durch die redaktionseigene Meinung. Darüber hinaus kommen bei ihm besonders viele Aussagen von Personen aus Italien zu Wort, wie Experten oder Intellektuelle. Dies bestätigt auch die Befunde aus Kapitel 5.4, wonach der SPIEGEL besonders häufig Beiträge von Fremdautoren publiziert und so das Bild einer sehr differenzierten Berichterstattung bestätigt. Bis auf die Gruppe der Italiener werden im SPIEGEL alle Urheber hinsichtlich Berlusconi besonders negativ zitiert.

6.1.2 Anzahl, Urheber und Tendenz der wertenden Aussagen - im zeitlichen Verlauf

Analog zur Entwicklung der Artikelanzahl (s. Kap.5.1/ Abb. 6) verhält sich auch der Umfang der wertenden Aussagen p.a.: Auch hier sind die ersten vier Untersuchungsjahre am umfangreichsten in der Beurteilung zu Berlusconi, und zwar 1994 (117 Wertungen), 2002 (111) und 2003 (108). Danach lässt die Intensität der Beurteilung insgesamt nach, wie man auf Abbildung 19 nachvollziehen kann: 2004 wird die geringste Fallzahl an Wertungen (49) gemessen, 2006 steigt der Umfang wieder etwas an, was an der hohen Zahl von 3,6 Bewertungen pro Beitrag für dieses Jahr liegt.[16] In den übrigen Jahren wurden pro Beitrag im Schnitt zwei Wertungen gefunden, was wiederum den analogen Verlauf von Umfang mit dem der wertenden Aussagen erklärt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 19. Anzahl der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=820 bereinigte Stichprobe n=624)

Ähnlich gestaltet sich dieser Zusammenhang von Umfang und wertenden Aussagen bei den einzelnen Medien: Auch hier verläuft der Umfang der Beurteilungen der einzelnen Zeitungen p.a. grob gesehen analog zum Beitragsumfang, wie man im Vergleich von Abbildung 20 zu Abbildung 7 nachvollziehen kann. Um es in wenigen Worten zusammenzufassen: Wie beim Beitragsumfang pro Jahr ist auch hier der SPIEGEL Spitzenreiter in den Wahljahren 1994, 2001 und 2006, in der Zwischenphase (2002­2005) geht sein Anteil an Beurteilungen stark zurück. Das bedeutet, dass der SPIEGEL seine Berichterstattung über Berlusconi vornehmlich zu den Jahren der Parlamentswahlen intensiviert. Die FAZ, mit einem durchschnittlichen Anteil von 23 Prozent an allen Urteilen gleich auf mit dem SPIEGEL, richtet ihre Berichterstattung im Gegensatz zum SPIEGEL nicht so stark auf die italienischen Wahlen aus, ihre Beurteilungen bleiben über die Jahre relativ konstant. Die sz, die gemessen am Umfang die kontinuierlichste Berichterstattung zu Berlusconi präsentiert, äußert sich erstaunlich häufig in den Jahren 2002 und 2004 zu Berlusconi. Anhand dieser Ergebnisse bestätigt sich, dass FAZ, sz und der SPIEGEL die Berichterstattung sowie die Meinungen zu Berlusconi in der deutschen Presse zu bestimmten Zeitpunkten wie auch generell anführen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 20. Anzahl der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf nach Medium

(Basis: Stichprobe n=820/ Daten: Tab. 10 i.A./ χ2=103,7/ df=24/p< 0,001/ Cramers v= 0,187)

Wie man auf Abbildung 21 erkennen kann, entwickelt sich die Bewertung Berlusconis in der deutschen Presse sehr stet, die Abweichung von den beiden Mittelwerten (positive/ negative Tendenz) beläuft sich auf maximal +/- 9 Prozentpunkte pro Jahr. In allen sechs Untersuchungsjahren wird Silvio Berlusconi negativ bewertet. Jahre wie 2002, 2003 und 2006, in denen vermehrt berichtet wird, sind auch Jahre, die eine besonders negative Berichterstattung über den italienischen Ministerpräsidenten hervorgerufen haben. Der Spitzenwert von einem Anteil von 82 Prozent negativen Urteilen wird im Jahr der italienischen EU-Präsidentschaft erreicht. Etwas besser in der Beurteilung schneidet Berlusconi in den ereignisarmen Jahren 2004 und 2005 ab, mehr als ein Drittel der Aussagen über ihn sind hier positiv. Die Entwicklung der Tendenz lässt sich daher mit einer Wellenbewegung beschreiben: Zunächst sind 1994 Zwei drittel des Medientenors negativ, bis 2003 sogar 80 Prozent, danach sammelt Berlusconi ein paar Pluspunkte, die allerdings zum Wahljahr 2006 wieder verschwinden. Das bedeutet, er wird zum Ende seiner Amtszeit als Ministerpräsident Italiens erneut kritisiert und deutlich negativer dargestellt als noch zu seinem Amtsantritt in 2001. Die Tendenzen in der Stichprobe ohne Cluster-Schwerpunkt sind über die Jahre hinweg etwa deckungsgleich mit der gesamten Stichprobe (s. Tab 9 İ.A.). Das bedeutet, dass die Bewertungstendenz durch die zusätzlichen Cluster-Beiträge nicht beeinflusst wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 21. Tendenz der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=820/ Daten: Tab. 9 i.A./ ■f: 13.5 df=6/p< 0,01/ Cramers v= 0,128)

Insgesamt kann man über den Bewertungsverlauf der einzelnen Zeitungen klare Aussagen treffen (s. Abb. 22): In den meisten Jahren bewerten alle Zeitungen Berlusconi schlecht, besonders in der Mitte seiner Regierungszeit, im Jahr 2003. Die beiden Zeitungen des linken Spektrums und der SPIEGEL verfolgen ab 2001 ähnliche Tendenzen, ihr bereits kritischer Tenor zu Beginn nimmt im Laufe der zweiten Amtszeiten noch zu. Die FAZ hebt sich von diesem allgemeinen Trend deutlich ab: Sie berichtet nur 1994, 2002 und 2003 eher negativ, die anderen Jahre überwiegend positiv bis ausgeglichen. Weiterhin kann man erkennen, dass FAZ und WELT für den medienübergreifenden Positiv-Aufschwung in den Jahren 2004 und 2005 verantwortlich sind, da sie hier Berlusconi überwiegend freundlich gesinnt sind. Die anderen Zeitungen deuten diese Tendenz nur schwach an. Auf den ersten Blick gibt es auch ein sehr widersprüchliches Ergebnis: Die WELT berichtet im Jahr 2004 sehr negativ und im darauffolgenden Jahr sehr positiv über Berlusconi. Dies wird mitunter auf die geringe Fallzahl im Jahr 2004 (n=3) zurückzuführen sein, daher soll dieser extrem negative Wert nicht weiter berücksichtigt werden. Für alle Medien mit Ausnahme der sz steht allerdings eins fest: Am Ende seiner zweiten Regierungszeit wird Berlusconi schlechter bewertet als noch zu seinem Regierungsbeginn 2001. Insgesamt zeigen diese Befunde jedoch, dass die Zeitungen das Berlusconi-Image pro Jahr eher unterschiedlich einschätzen. Nur in den Mitte-Links-Zeitungen und im SPIEGEL sind gemeinsame Tendenzen zu erkennen und die FAZ bestätigt ihre eher ausgeglichene Haltung zu Berlusconi auch p.a., da sie in keinem der untersuchten Jahre besonders negativ auf Berlusconi zu sprechen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 22. Tendenzen der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf nach Medium - nur positive Bewertung

(Basis: Stichprobe n=820/ Daten: Tab. 10.1.А./ 7;- 13.5 df=6/ p< 0,01/ Cramers v= 0,128)

Wie bereits angemerkt, sind Journalisten bzw. Korrespondenten die größte Gruppe der Urheber wertender Aussagen. Doch wie sieht das Verhältnis für die einzelnen Jahre aus? Auch hier gibt es keine großen Überraschungen: Die Journalisten bleiben ungeschlagen stets an der Spitze und werden in keinem der Untersuchungsjahre von anderen Urhebergruppen übertroffen. Abbildung 23 zeigt deren Anteil an der gesamten Berichterstattung im zeitlichen Verlauf sehr deutlich: Zunächst ist 1994 jeder zweite Urheber ein Journalist, danach steigt das Ergebnis stetig an und erreicht 2003 einen vorzeitigen Höhepunkt von einem Zwei-Drittel-Anteil am Gesamt-Jahresvolumen, fällt dann leicht ab und steigt bis 2006 auf den Spitzenanteil von 80 Prozent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 23. Urheber der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=820/ Daten: Tab. 11 i. AI ■f: 155.8 df=24/ p< 0,001/ Cramers v= 0,218)

En gros gesehen bedeutet dies, dass Journalisten im Verhältnis zu den anderen Urhebergruppen immer häufiger bis 2006 über Berlusconi urteilen. Die Italiener, im Durchschnitt die zweitstärkste Urhebergruppe, sind nur noch 1994 ähnlich stark an der Urteilsäußerung in der deutschen Presse vertreten wie die Journalisten. Die drei anderen Urhebergruppen inklusive der deutschen Urheber treten hingegen in den einzelnen Jahren nur selten als Urteilsspender zu Berlusconi auf. Nur 2001 werden Staaten wie Großbritannien, Frankreich und die BENELUX-Länder häufiger zitiert. Deutsche Urheber melden sich im Jahr 2002 und überstaatliche Einrichtung im Jahr 2003 zu Wort. In den letzten Untersuchungsjahren kommen diese Urhebergruppen allerdings zum Teil gar nicht mehr vor, was mitunter an dem geringeren außenpolitischen Engagement Berlusconis in diesen Jahren liegt (s. Kap. 6.2) - zur Wahl 2006 tauchen sie alle - bis auf die deutschen Urheber - wieder in der Berichterstattung zu Berlusconi auf. Die Deutschen verzeichnen als einzige Urheber eine Richtungsänderung in der Bewertungstendenz pro Jahr: Ihre Urteile sind zu Beginn der Jahre 1994 und 2001 noch recht positiv, danach fallen sie eher schlecht aus. Alle anderen Urheber bewerten Berlusconi kontinuierlich so wie in Kapitel 6.1.1 dargestellt (s. Tab. 11 i. A.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 24. Umfang der Artikel bzw. Umfang der wertenden Aussagen nach einzelnen Cluster

(Basis: Stichprobe n=196)

Der Umfang der wertenden Aussagen pro Cluster-Artikel bestätigt den generellen Umfang nach Artikelanzahl wie man auf Schaubild 26 erkennen kann: In den Cluster Rücktritt Berlusconi 1994, Wahlen 2001 und Eklat im EU-Parlament sind nicht nur die meisten Artikel zu finden, sondern auch die höchste Anzahl an Wertungen pro Artikel, im Schnitt 2,5. Mit Abstand das auffälligste Cluster-Ereignis ist das deutsch-italienische Sommertheater um Berlusconi, Schulz, Stefani und Schröder. Nur wenige Artikel und Urteile lassen sich hingegen zu Ereignissen wie dem G8-Gipfeltreffen in Genua, Berlusconis Journalistenschelte oder dem SME-Prozess finden. Möglicherweise auch aus den gleichen Gründen wie in Kapitel 5.1 beschrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 25. Bewertungs-Tendenzen der einzelnen Cluster

(Basis: Cluster-Stichprobe n=196)

Besonders viele kritische Wertungen bringen folgende Cluster hervor: Berlusconis Rücktritte (1994 und 2005), seine Äußerungen zum Islam (2001), die Journalistenschelte und sein Engagement bei der deutschen Kirch-Media-Gruppe (beide 2002), der EU-Eklat (2003) und die letzten Wahlen. Insgesamt zeigt dies, dass die ausgewählten Cluster-Ereignisse zum größten Teil negativ konnotiert sind. Nur Berlusconis Rolle beim G8-Gipfeltreffen in Genua wird zum Teil auch positiv bewertet. Interessant dabei ist der Befund, dass von den drei Wahl-Clustern (1994/2001/2006) der Letzte am negativsten auffällt. Ob die Cluster-Artikel bzw. die darin enthaltenen Bewertungen tatsächlich mit den entsprechenden Themen Zusammenhängen und welche Bedeutung die Cluster-Themen für die gesamte Berichterstattung haben, soll in den folgenden Kapiteln erörtert werden.

6.2 Th ematisch e Bezüge

In der Einleitung wurden bereits eine Vielzahl an Themen und Ereignissen angesprochen, die unmittelbar mit Silvio Berlusconi in Zusammenhang Stehen. Nun soll im Rahmen dieser Analyse ermittelt werden, welche Themen besonders vordergründig, welche nur wenig und welche Themen gar nicht in der deutschen Presse ihren Niederschlag gefunden haben. Zentrales Anliegen ist dabei, die Hypothese H2 ״Das vorherrschende Thema, mit dem Silvio Berlusconi in der deutschen Presse Verbindung gebracht wird, ist der Interessenkonflikt“ zu wiederlegen oder zu bestätigen. Es war möglich, 282 verschiedene Themen zu codieren. Diese wurden bei zwei Variablen angewandt: Zunächst beim ״Zentralen Thema“ des Artikels und schließlich beim ״Thema der wertenden Aussage“. Das Zentrale Thema bezieht sich auf den gesamten Artikel und gibt das vordergründigste Thema an. Basis sind hier die Artikelfälle (Stichprobe n=405). Das Thema der wertende Aussage wird pro Aussageeinheit einmal erhoben und kann damit mehrmals pro Artikel codiert worden sein. Insgesamt gleicht sich dadurch die Zahl der Themen der wertenden Aussagen mit der des Umfangs der wertenden Aussagen wie in Kapitel 6.1 besprochen. Auf eine Auswertung nach Umfang der Themen der wertenden Aussagen wird daher an dieser Stelle verzichtet. Die Cluster­Analyse im vorherigen Kapitel hat bereits eine Idee der thematischen Schwerpunkte der

Berlusconi-Berichterstattung gegeben. Ob sich dies auch in der gesamten Berichterstattung wider spi egeit, soll im Folgenden geklärt werden.

6.2.1 Th ematisch e Bezüge - gesamter Zeitraum

Das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse ist eindeutig von politischen Themen geprägt. Dies zeigt sich sowohl anhand der zentralen Artikelthemen wie auch anhand der Urteile über Silvio Berlusconi. Medienübergreifend sind die häufigsten zentralen Artikel them en in absteigender Reihenfolge Berlusconis Politik, italienische Parlamentswahlen, Internationale Beziehungen/EU-Politik und Politiker Berlusconi[17]. Ein Blick auf Abbildung 27 verrät, dass der Interessenkonflikt erst auf Platz Nr. 5 folgt und im Mittel Thema jedes 13. Artikels ist. Das Verhältnis zu den Deutschen liegt weit abgeschlagen auf Rang zehn und kommt nur in drei Prozent der Fälle vor. Am wenigsten Aufmerksamkeit in der deutschen Presse findet die Privatperson Berlusconi. Etwas anders gestalten sich die Themenschwerpunkte der Urteile: Hier wird am häufigsten über den Politiker Berlusconi, am zweithäufigsten über den

Interessenkonflikt, am dritthäufigsten über Berlusconis Politik und schließlich über IB/ EU-Politik geurteilt. Auch hier kommen Themen rund um Berlusconis Privatleben nur am Rande vor. Starke Unterschiede zwischen der Schwerpunktsetzung der beiden Variablen existieren daher in Bezug auf den Interessenkonflikt und auch auf Berlusconis Unternehmertum. Obwohl es in fünf Prozent der Artikel um den Unternehmer Berlusconi geht, findet man nur zwei Prozent Urteile zu ihm. Vice versa verhält sich das Ganze im Fall des Themas Interessenkonflikt. Dieses Thema fällt bei den Urteilen deutlich stärker auf als bei den zentralen Artikelthemen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 26. Umfang ״Zentrales Thema“ und ״Thema der wertenden Aussage“ im Vergleich

(Basis: Stichprobe “Zentrales Thema” n=405/ Stichprobe “Thema der wertenden Aussage” n=820/ Daten: Tab. 12, Tab 13 i.A.)

In der Regel geht man davon aus, dass das Hauptthema eines Artikels auch vermehrt im Artikeltext angesprochen wird. Unter Umständen herrschen allerdings auch zwei, drei starke Nebenthemen vor, wie dies Tabelle 14 im Anhang zeigt. Zwar erkennt man, dass in der vorliegenden Untersuchung das zentrale Thema eines Artikels sich mehrheitlich in den Themen der wertenden Aussagen wiederftnden lässt - im Durchschnitt in jedem zweiten Fall -, allerdings kommen daneben auch häufig andere Themen vor. Ein Thema oder Ereignis wird also offensichtlich zum Anlass genommen, um über ein anderes zu urteilen. So wird bei dem Beitragsthema Berlusconis Politik, bei Berlusconi und das italienische Volk, den Wahlen und Themen mit außenpolitischen Aspekten in den Urteilen oft auf Berlusconis generelle Rolle als Politiker Bezug genommen. Besonders evident ist das Bild der Themenüberschneidung bei Berlusconis Vermischung von privatwirtschaftlichem und öffentlichem Interesse: Dieser Aspekt wird häufiger im Zuge von Beiträgen zu Berlusconis Unternehmen, zu seinem Verhältnis zu Medien und zu Deutschland bewertet. Das Verhältnis von Berlusconi zu Deutschland ist daher auch stark durch den Interessenkonflikt geprägt.

Die Rangfolge der Artikelthemen lässt sich auch bei den einzelnen Medien nachvollziehen. Die Themenagenda der Zeitungen ähnelt sich untereinander, wie man anhand Abbildung 27 nachvollziehen kann. Dieser Befund bestätigt die Theorie des Agenda-Setting, da nur wenige Themen zu Schlagzeilen führen und eine Rangliste bilden. Dieser Befund bedeutet auch, dass sich die untersuchten Qualitätsmedien aneinander orientieren, wie dies bereits Kepplinger formuliert hat (Vgl. Kepplinger 1985, s. 19f/Vgl. McCombs/Shaw 1972, s. 176-187).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 27. Zentrales Thema nach Medium

(Basis: Stichprobe n=405)

Am umfangreichsten wird Berlusconi bei allen Zeitungen als Politiker bewertet, vor allem bei der FAZ (s. Abb. 28). Obwohl nicht so häufig als zentrales Artikelthema angesprochen, kommen bei fast allen untersuchten Medien auf Rang zwei Urteile zum Interessenkonflikt zum Ausdruck. Nur am Rande erwähnen und beurteilen die einzelnen Blätter die Themen Privatperson und Unternehmer Berlusconi. Um die Frage zu erörtern, um welche bewerteten Themen es sich im Einzelnen handelt, soll nun eine detaillierte Analyse folgen, die auch Daten aus Tabelle 15 im Anhang verwendet. Die Befunde zeigen, dass bei allen untersuchten Medien im Durchschnitt rund zwei Drittel der Bewertungen zum übergeordneten Thema Politiker Berlusconi ihn speziell in der Rolle des Ministerpräsidenten nennen, jede fünfte Aussage in dieser Gruppe behandelt das Verhältnis zwischen ihm und einem anderen italienischen Politiker und noch einige Urteile fallen auf das Thema Berlusconi in der Rolle des EU-Ratspräsidenten und Berlusconi und sein Verhältnis zum Islam. Bis auf die FR, die sich sehr negativ zu Berlusconi als Ministerpräsident äußert, befinden ihn in dieser Rolle alle anderen Medien ausgewogen bis eher negativ. Im Umgang mit anderen Politikern sind es meistens Personen aus seinem eigenen Regierungsbündnis, die genannt werden, insbesondere Umberto Bossi von der Lega Nord und sein politischer Opponent Romano Prodi. Die Beziehung zu diesen beiden Herren wird deutlich schlechter beschrieben als beispielsweise das Verhältnis zwischen Berlusconi und seinem Stellvertreter Gianfranco Fini von der Alleanza Nazionale.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 28. Thema der wertenden Aussage nach Medium

(Basis: Stichprobe n=820)

Bis auf die FR und die FAZ, die den Interessenkonflikt erst an vierter bzw. dritter Stelle aufgreifen, erwähnen die anderen Zeitungen die brisante Vermischung von Privatem und öffentlichem Mandat in rund jedem fünften Urteil an zweiter Stelle ihrer Themen. Unter das Thema Interessenkonflikt fällt auch, dass fast alle Medien Berlusconi als Medienmachtinstanz in Italien ansehen. In der Berichterstattung der linksorientierten Blätter und dem SPIEGEL wird er sogar als Gefahr für die demokratischen Statuten des Landes Italien erwähnt bzw. werden Berlusconis Ad-Personam-Gesetze diskutiert. Der Interessenkonflikt ist das am negativsten bewertete Thema. Am dritthäuflgsten wird Berlusconis Politik im Rahmen der Themen von wertenden Aussagen erwähnt, vor allem von sz und die FAZ. Die Meinungen zu Berlusconis Politik, d.h. Arbeitsmarkt-, Verfassungs-, Finanz- und Sicherheitspolitik, gehen je nach Medium auseinander: Kritisch betrachten sie die sz und der SPIEGEL, die übrigen Zeitungen positiv, insbesondere die WELT. Unter Berlusconis Sicherheitspolitik fällt allerdings auch der G8-Gipfel in Genua im Frühjahr 2001, der von fast allen untersuchten Medien angesprochen und negativ bewertet wird.

Als einer der EU-Gründer Staat en ist Italien ein wichtiger Impulsgeber der EU- Politik. Daher steht dieses Thema bei fast allen Medien an vierter Stelle und wird in rund jedem zehnten Beitrag erwähnt. Bis auf die sz und die FAZ wird dieser Aspekt überwiegend negativ bewertet. Den Vorfall am 2. Juli 2003 im EU-Parlament, der Eklat zwischen Berlusconi und Schulz, stufen alle Medien bis auf die FAZ als sehr negativ ein. Wie auf Abbildung 29 dargestellt, zieht die Wahl 2006 im Vergleich zu den anderen beiden Parlamentswahlen die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Im Vergleich zu den beiden Vorherigen schneidet sie insgesamt am schlechtesten ab, wie auch schon anhand der Tendenzen der Cluster in Kapitel 6.1.2 gezeigt. Insgesamt wird die Rolle Berlusconis bei den Parlamentswahlen in den linksliberalen Zeitungen wie auch im SPIEGEL etwas schlechter dargestellt als in den konservativen Zeitungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 29. Thema der wertenden Aussagen/ Auszug: Kategorie ״Parlamentswahlen“ (Basis Stichprobe n=820/ s. Tab. 15 i.A.)

Berlusconi und die Justiz ist das stärkste nicht-politische Thema, das mit Berlusconi in der deutschen Presse in rund fünf Prozent der Beiträge in Verbindung gebracht wird. Besonders negativ bewerten die sz und der SPIEGEL Berlusconis juristische Angelegenheiten, die FAZ relativ ausgeglichen. Insgesamt wird es als negativ betrachtet. Das Ergebnis bestätigt damit, dass Berlusconi in der Rolle als Angeklagter von mutmaßlich korrupten Vorgehensweisen keine gute Figur macht. Was das Verhältnis von Berlusconi zu seinen Wählern angeht, so scheint dies belastet, da es in allen untersuchten Zeitungen als überwiegend negativ angesehen wird. In Hinblick auf das deutsche Volk bewerten die Medien allerdings die bilateralen Beziehungen recht unterschiedlich und insgesamt gar nicht so negativ. Ausgeglichen bis positiv beurteilen die FR und die beiden konservativen Zeitungen Berlusconis Verhältnis zu den Deutschen. Die sz und der SPIEGEL sehen das Verhältnis eher negativ. Im Einzelnen zeigen die Befunde, dass das Verhältnis zur deutschen Bundesregierung eher ausgewogen erscheint, als eher negativ wird allerdings das Verhältnis zu Bundeskanzler Gerhard Schröder und zur deutschen Bevölkerung bewertet. Dass das Verhältnis zu den Deutschen insgesamt eher ausgewogen bewertet wird, widerspricht den Befunden aus Kapitel 6.1.1, wonach sich die Deutschen negativ zu Berlusconi äußern. Ein weiteres Beispiel dafür ist Berlusconis Verhältnis zu anderen Staaten. Es wird insgesamt als eher positiv betrachtet, obwohl man in Kapitel 6.1.1 sehen konnte, dass die entsprechenden Urheber eher negativ über Berlusconi urteilen. Stimmig ist das Bild hingegen bezüglich der Beziehung zu den USA: Das Verhältnis zum US-Präsidenten George w. Bush, der auch schon als Urheber lobend zu Berlusconi aufgefallen ist, wird positiv bewertet. Als Privatperson und als Unternehmer wird am wenigsten über Berlusconi geurteilt: Insgesamt nur vier Prozent und damit jedes 25. Urteil befasst sich mit diesen beiden Themen. Für sein Privatleben interessieren sich am meisten der SPIEGEL und die FAZ, letztere als Wirtschaftszeitung verstärkt auch für seine unternehmerischen Tätigkeiten. In der Rolle als privater Familienmensch schneidet Berlusconi allerdings insgesamt schlechter ab wie als Unternehmer. Seine geschäftlichen Aktivitäten werden bei fast allen Medien durchaus positiv beurteilt.

Wieso nun in einigen Fälle Berlusconi im Verhältnis zu Gruppen oder Staaten positiv bewertet wird, die entsprechenden Urheber aber negativ über ihn urteilen oder vice versa, soll an dieser Stelle geklärt werden (s. Ab. 30). Dabei geht es um die Frage, welcher Urheber welches Thema anspricht und wie er dies beurteilt. Alle fünf Urhebergruppen geben am häufigsten Statements zu Politiker Berlusconi und dem Interessenkonflikt ab. Als Politiker schätzen ihn alle Urheber bis auf die überstaatlichen Einrichtungen als ausgeglichen bis eher negativ ein. Zum Interessenkonflikt äußern sich allerdings alle Urheber sehr negativ. Obwohl Deutsche sowie Italiener Berlusconis Politik eher für gut heißen, missbilligen Journalisten sie. In den meisten Fällen sehen Journalisten Berlusconi sehr kritisch. Ausnahmen bilden seine unternehmerischen Tätigkeiten, die positiv bewertet werden und sein Verhältnis zu Deutschland. Das einzige, was Italiener an ihrem Regierungschef kritisieren, ist sein Interessenkonflikt. Sie bewerten ihre Beziehung zu Berlusconi als ausgeglichen, was der Betrachtung durch deutsche Journalisten widerspricht, die sie als negativ bewerten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 30. Urheber/Themen feine Kategorisierung

(Basis: Stichprobe n=820)

Die Deutschen beurteilen Berlusconi zwar negativer als die Italiener, aber nicht so negativ wie die Journalisten. Sie erwähnen besonders häufig den Interessenkonflikt und stehen diesem Thema sehr kritisch gegenüber. Dies zeigt, dass die Deutschen sehr sensibel auf dieses Thema reagieren, mitunter weil es womöglich in Deutschland auf Grund der historischen Gegebenheiten ein ausgeprägtes Verständnis für eine pluralistische und unabhängige Medienlandschaft gibt. Im Verhältnis zu ihnen oder als Unternehmer und Privatperson, bewerten sie ihn allerdings positiv. Berlusconis Image wird daher unter den verschiedenen Aspekten von den deutschen Urhebern sehr unterschiedlich bewertet. Da allerdings der Interessenkonflikt das Bild des Politikers hierzulande sehr dominiert, ist es insgesamt negativ.

6.2.2 Th ematisch e Bezüge - im zeitlich en Verlauf

über fast alle sechs untersuchten Jahre hinweg dominiert die italienische Innenpolitik das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse. Nur in den Jahren von 2001 bis 2004 geht dieser Schwerpunkt etwas zurück und die Presse konzentriert sich daneben stark auf seine außenpolitische Rolle. Es sind die Jahre, die unter dem Zeichen von 09/11 Stehen und die eine besondere Anforderung an die diplomatischen Leistungen eines NATO- Mitglieds wie Italien stellen: An der Seite der USA beteiligen sich die Italiener 2001 am Afghanistan- und 2003 am Irakeinsatz bzw. an dem darauffolgenden Demokratisierungsprozess in den Krisenregionen mit Friedenstruppen. Wie auf Abbildung 31 zu erkennen, ist das Spitzenjahr für die Veröffentlichung von Beiträgen zu Berlusconis Außenpolitik 2003. Berlusconis nicht-politischem Engagement schenken die Zeitungen hingegen in allen Jahren nur am Rande Aufmerksamkeit. Lediglich im Jahr 2002 widmet sich rund jeder vierte Beitrag seinem Privatleben und seinem Unternehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 31. Vergleich Zentrales Thema mit Thema der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

(Basis:״Zentrales Thema“ (ZT) Stichprobe n=405/ Daten: Tab. 17 i.A./ 766.5־df=12/ p< 0,001/ Cramers v= 0.287/״Thema der wertenden Aussagen“ (TW) /Stichprobe n=820/ Daten: Tab. 19 i.A./ χ2=111.9 df=12/ p< 0.001/Cramers v=.261)

Anhand der gestrichelten Linien auf Abbildung 31 erkennt man auch die jeweiligen jährlichen Anteile der Themen der wertenden Aussagen. Sie geben in etwa die gleichen Verhältnisse für die einzelnen Jahre wieder und bestätigen damit das, was bereits im vorherigen Kapitel festgestellt wurde: Das Artikelthema überschneidet sich in den meisten Fällen mit den Themen der Urteile. Ausnahmen bilden die Jahre 2002 und 2004, da hier zwar stärker Privates im Rahmen der Artikelthemen angesprochen, allerdings nicht so häufig bewertet wird.

Zur weiteren Klärung der eben angesprochenen Differenzen zwischen dem zentralem Beitragsthema und bewerteten Thema bedarf es einer detaillierteren Themenauswertung. Die Daten dazu befinden sich in Abbildung 32 bzw. Abbildung 33. Als Silvio Berlusconi im März 1994 überraschend die Parlamentswahlen gewinnt, konzentriert sich die Berichterstattung der Zeitungen hauptsächlich auf seine Politik und natürlich die Wahlen. Die Stimmen zu seinem Wahlsieg sind sogar durchaus positiv.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 32. Zentrales Thema im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=405)

Daneben interessieren sich die Medien sehr für ein anderes Thema: Der Interessenkonflikt. Schon zu seinem politischen Auftakt wird dieser Aspekt in Berlusconis Vita negativ angesehen. Zwar nicht so häufig, aber eben auch negativ werden zu Beginn seiner Politikerkarriere seine Auseinandersetzungen vor Gericht bewertet. Sein Unternehmerdasein wird hingegen als positiv angesehen. Dass diese Themen überhaupt angesprochen werden, verstärkt allerdings noch den Akzent des

Interessenkonfliktes, da Themen wie sein Unternehmen, seine gerichtlichen Verfahren oder Berlusconi und die Medien Elemente dieser Vermischung von Interessen sind.

Als Berlusconi die Wahlen im Mai 2001 gewinnt, ist sein Image als Politiker auf einem ersten Tiefpunkt angelangt, jede sechste Nennung zu ihm in der Rolle des Politikers ist negativ. Auch in diesem Jahr bestimmen erneut politische Handlungen und Inhalte sowie die Wahlen die Agenda der Presse. Nach dem 11. September sind Berlusconis außenpolitische Fähigkeiten gefragt: Sein internationaler Auftritt wird als ausgeglichen bewertet. Belastet scheint allerdings sein direktes Verhältnis zu anderen Staaten, vermutlich auch wegen seinen Äußerungen zum Islam und der Blockade des EU-Haftbefehls (s. Kap. 2.3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 33. Thema der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=820)

In Italien erfährt Berlusconi parallel dazu eine mäßige Unterstützung durch sein Volk: Ein Drittel der Stimmen sind kritisch - womöglich auch eine Reaktion auf die Ausschreitungen rund um den G-8-Gipfel in der Hafenstadt Genua. Die Beurteilung des Interessenkonflikts fällt in diesem Jahr allerdings dem allgemeinen Tenor entgegen optimistisch aus. Dies ist vielleicht als ein Echo auf Berlusconis Ankündigungen zu verstehen, ihn so schnell wie möglich zu beseitigen. Entsprechend fallen auch die Stimmen zu Berlusconis Verhältnis zu den Medien relativ ausgeglichen aus. 2001 und 2002 rückt auch Deutschland ins Visier von Berlusconi. Das Verhältnis, das traditionell durch eine enge wirtschaftliche Verbindung und durch gutes Ansehen auf beiden Seiten geprägt ist, scheint auch für Berlusconi zu gelten: Zwar wird es nicht als besonders gut, zumindest aber als ausgeglichen und damit besser als das Verhältnis zu anderen Staaten in den Anfangsjahren dargestellt. Negativ wirkt sich 2002 allerdings die sehr präsente Diskussion rund um den insolventen Kirch-Media-Konzern auf das Berlusconi-Image in Deutschland aus, was man an der Bewertung des Items Unternehmer erkennen kann. Was den Interessenkonflikt betrifft, so sind die negativen Stimmen ab diesem Jahr bis zum Ende des Untersuchungszeitraumes kontinuierlich und deutlich in Überzahl. Ein möglicher Grund für diese plötzliche Talfahrt der positiven Stimmung könnte sein, dass der Interessenkonflikt, den der Ministerpräsident unentwegt abstreitet, in 2002 mehrfach manifest wird, und zwar durch die Besetzung des Verwaltungsrates der RAI mit regierungstreuen Experten, durch das Interesse der Fininvest an der Kirch-Media- Gruppe und der damit verbundenen möglichen Einflussnahme auf die deutsche Medienlandschaft oder durch Berlusconis Kritik an drei angesehen italienischen Journalisten, denen kurze Zeit später das Handwerk gelegt wird (s. Kap. 2.3). Die Angelegenheiten vor Gericht finden, anders als noch in den Jahren zuvor, keinen einzigen Befürworter mehr. Die Kritik nimmt in vielen Bereichen zu, so dass auch der generelle Bewertungstrend im Vergleich zum Vorjahr sinkt.

Das wohl interessanteste Jahr ist 2003, da die gefundenen Statements insgesamt am negativsten und die Themen deutlich anders gewichtet sind. Der Schwerpunkt liegt auf der EU-Politik und den internationalen Beziehungen Berlusconis, insbesondere auf seiner Rolle als EU-Präsident. Wie schon im Kapitel zuvor beschrieben, wird der Eklat im EU-Parlament deutlich negativ bewertet, was mit der Verschlechterung des Verhältnisses zu den Deutschen Zusammenhängen und damit auch die bilaterale Verstimmung untermauern könnte (s. Tab. 15 İ.A.). Berlusconis Fauxpas im Rahmen seiner Antrittsrede, kann daher als ausschlaggebenden Faktor Was geschieht noch in 2003? Berlusconis Verhältnis zur Justiz wird häufiger erwähnt und steht bereits seit 2002 unter permanenter Kritik. Möglicherweise ist dies die Konsequenz aus Berlusconis großer Justizreform und den Lex Berlusconi (s. Kap. 2.3), gegen die die Italiener in diesem Jahr in vielen Großstädten demonstrieren. Seine Popularität beim eigenen Volk ist in 2003 auch auf dem tiefsten Stand des gesamten Untersuchungszeitraums angelangt. Berlusconis beleidigende Äußerungen und das deutsch-italienische Sommertheater kann diesen Befunden zufolge insgesamt als ausschlaggebender Faktor für die besonders negative Gesamtwertung des Jahres 2003 angesehen werden. Nach den offensichtlich turbulenten Jahren für Berlusconis Außenpolitik, leitet 2004 eine Ruhepause ein: Die Berichterstattung über Berlusconi geht stark zurück und konzentriert sich wieder vermehrt auf innenpolitische Belange. Insgesamt fällt er nicht mehr ganz so negativ auf, teilweise sogar ausdrücklich positiv wie als Privatmann. Die Kritik an seinem Interessenkonflikt hingegen ist immer noch präsent, unterstützt durch internationale Kompendien wie das von der amerikanischen Organisation Freedom House und von Reporter ohne Grenzen, die auf die steigende Bedrohung der Pressefreiheit in Italien durch Berlusconis omnipotenter Stellung im Medienmarkt aufmerksam machen (Vgl. Freedom House 2004/ Vgl. Reporter ohne Grenzen 2004). Negativ ist auch der Tenor zu den Europa- und Regionalwahlen im Frühjahr des Jahres, bei dem Berlusconi große Einbußen für seine Partei hinnehmen muss.

Die generellen Verhältnisse aus dem Jahr 2004 bleiben auch 2005 bestehen bzw. verstärken sich noch. Die Berichterstattung bleibt vom Umfang her gering und wird durch die fast ausschließliche Erwähnung innenpolitischer Themen undifferenziert. Die Bewertungen zu Berlusconis Politik sind zwar seit 2004 ausgeglichen, die Urteile zu Berlusconi in der Rolle als Politiker fallen jedoch 2005 schlecht aus. Dies könnte auch ein Indiz dafür sein, dass Berlusconis Stellung in diesem Jahr durch die Regierungskrise und durch seinen kurzfristigen Rücktritt stark geschwächt ist. Ganz klar im Vordergrund des Jahres 2006 steht der Wahlkampf und die Parlamentswahlen im April. Auch 2006 bleibt die Berichterstattung medienübergreifend thematisch eher undifferenziert: Außenpolitisch fällt Berlusconi kaum mehr ins Gewicht und auch die Beziehungen zu Deutschland oder zu anderen Staaten werden kaum mehr erwähnt. Die deutsche Presse konzentriert sich nur noch auf die Situation im Landesinneren. Angesichts der Wahlen wird das Thema Interessenkonflikt erneut betont. Die Bewertung von Berlusconis Politik am Ende der Legislaturperiode erreicht ihren Tiefststand und kann als negative Bilanz seiner Regierung gewertet werden.

Wie man bereits sehen konnte, gibt es in den Jahren 2001 bis 2004 eine thematische Verschiebung von innenpolitischen zu außenpolitischen Aspekten in Zusammenhang mit Silvio Berlsuconi. Diese Tendenz spiegeln auch die Cluster wieder: In diesem Zeitraum befinden sich acht von 13 Cluster, fünf alleine davon mit außenpolitischen Bezügen wie der G8-Gipfel in Genna, Berlusconis Aussagen über den Islam, die Spekulation um die Kirch-Media-Grnppe, der Irak-Krieg oder den Eklat im EU-Parlament. Wie man bereits in Kapitel 6.1.2 sehen konnte, sind diese Cluster (bis auf Nr. 8 Irak-Krieg) negativ konnotiert. Dass die Cluster eine verzerrende Wirkung auf die bereits besprochenen Verhältnisse der Themen pro Jahr der gesamten Stichprobe haben, kann ausgeschlossen werden (s. Tab. 17 İ.A., Tab. 19 İ.A.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 34. Themen nach Clustern

(Basis: Stichprobe n=196)

Schaut man sich nun an, welche Themen in welchen Ereignisräumen Vorkommen, so ergeben die Ergebnisse ein stichhaltiges Bild. In jedem Cluster bis auf den SME-Prozess spiegeln die Themen das Ereignis des Clusters mehrheitlich wieder (s. Abb. 36). Beispielsweise findet man in allen drei Wahl-Cluster überwiegend Wertungen zum

Thema Parlamentswahlen und bei Cluster NR. 4 G-8 Gipfel sogar eine hundertprozentige Überschneidung mit dem entsprechenden Thema. Der mögliche Einstieg bei der deutschen Kirch-Gruppe im Frühjahr 2002 wird von der deutschen Presse unter dem Gesichtspunkt Unternehmer bewertet. Als einziger Cluster bringt der SME-Prozess kein eindeutiges Ergebnis hervor - auch weil das Ereignis kaum Nachrichten hervorgebracht hat und dadurch andere Themen diesen Ereignisraum bestimmen, wie der zuvor stattfindende Eklat im EU-Parlament. Man kann also abschließend zur thematischen Schwerpunktsetzung der spezifischen Ereignisräume sagen, dass zehn von dreizehn Cluster die vermuteten Themen wiedergeben. Wie in diesem Kapitel und in Kapitel 6.1.2 besprochen, stimmen insgesamt die Tendenzen und thematischen Schwerpunkte der Cluster mit denen der generellen Berichterstattung überein.

6.3 Bewertete Eigenschaften Berlusconis

Das letzte Kapitel der inhaltlichen Analyse widmet sich Berlusconis Eigenschaften. Darunter versteht man Charakteristika, die Berlusconi im Kontext einer wertenden Aussage innerhalb eines Artikels zugewiesen werden. Mit der Auswertung der Eigenschaften von Berlusconi soll der letzte Baustein des Berlusconi-Bildes in der deutschen Presse eingefügt werden. Insgesamt standen 54 Eigenschaftskomponenten zur Codierung zu Verfügung, die an die besprochenen Imagekomponenten der Studien in Kapitel 3.2.2 angelehnt sind. Vier Eigenschaftsdimensionen - Persönlichkeit, Auftreten, Politische Fähigkeiten und Verhältnis zu anderen - umschließen diese Komponenten und bilden die Oberkategorien. Sie summieren jeweils in etwa die gleiche Summe an Komponenten unter sich. Darunter befinden sich zwei besondere Eigenschaften: Regelkonformität und Meinungsmacht. Unter Regelkonformität (positiv) versteht man alle Aussagen über Berlusconi, die ihm Einhaltung von Vorschriften und Gesetzen zusprechen bzw. Aussagen darüber, dass er die Verfassung seines Landes respektiert und den Justizapparat nicht hindert, seine Arbeit zu tun. Weiterhin hat sich nach einer ersten Durchsicht der Artikel ergeben, dass die Eigenschaft Meinungsmacht, die kein Attribut im eigentlichen Sinne darstellt, für die Analyse von Berlusconis Image zweckdienlich ist. Unter Meinungsmacht (negativ) wird Folgendes verstanden: Alle Aussagen darüber, dass Berlusconi seine Medienmacht ausnutzt und versucht über seine Medienkanäle auf die Berichterstattung bzw. auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen. Für die Auswertung wurden weiterhin die einzelnen Eigenschaften unter acht verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen zusammengefasst, um die Ergebnisse aussagekräftiger zu gestalten:

Integrität

Glaubwürdigkeit, Geltungsbedürfnis, Zielstrebigkeit, Toleranz, Regelkonformität, Loyalität, Unabhängigkeit, Amtseignung, Verantwortungsbewusstsein

Entscheidungskraft

Führungsstil, Entscheidungskraft, Politisch-personelle Dominanz, Personalpolitische Fähigkeiten, Erfolgsorientierung

Auftreten

Rednertalent, Selbstsicherheit, Persönliche Dynamik, Ausstrahlung, Körperliche, Attraktivität, Medieneignung, Selbstbeherrschung, Sonstiges Auftreten

Geistige Fähigkeiten

Optimismus, Intelligenz, Realitätssinn, Modeme, innovative Haltung, Konservatismus, Sachlichkeit, Politische Sachkompetenz

Interaktionsfähigkeit

Reaktion auf Kritik, Verhandlungsgeschick, Kooperationsbereitschaft, Arbeitsbereitschaft, Verhältnis zu anderen, Vergleich zu Prodi, Organisationstalent

Meinungsmacht

Meinungsmacht, Populismus

Reputation

Popularität, Internationale Reputation

Sonstiges

Sonstiges Persönlichkeit, Sonstiges Verhältnis, Sonstige Politische Fähigkeiten

Dieses Schema der Persönlichkeitsmerkmale lehnt sich an die Einteilung von Kepplinger et al. (1986) an. Es baut allerdings nicht hierarchisch auf die vier oben genannten Eigenschaftsdimensionen auf. Auch für die bewerteten Eigenschaften erübrigt sich es wieder, den Elmfang darzustellen, da sie pro wertende Aussage je einmal vergeben wurden und sich so mit dem generellen Elmfang wie in Kapitel 6.1 beschrieben gleichen.

6.3.1 Bewertete Eigensch aften - gesamter Zeitraum

Berlusconi wird in der deutschen Presse hauptsächlich an seinen politischen Fähigkeiten gemessen. Diese Eigenschaftsdimension macht mit einem Anteil von rund 42 Prozent die überragende Mehrheit bei den bewerteten Eigenschaften aus. Den Urteilen zufolge, scheint Berlusconi kaum Kompetenz auf politischem Terrain zu beweisen. An zweiter Stelle mit rund 29 Prozent wird Berlusconi im Verhältnis zu anderen Menschen, Organisationen oder Staaten bewertet. Auch hier sehen die Medien seine Qualitäten kritisch. Seine Persönlichkeit wird für einen Politiker relativ häufig bewertet, allerdings zu großen Teilen nicht gerade positiv, und kommt damit auf Rang drei der bewerteten Eigenschaften. Nur am Rande erwähnen die Zeitungen Berlusconis Auftreten, was sie als ausdrücklich gut beurteilen. Ein Blick auf Abbildung 35 verrät auch, dass sich die beiden Unterstichproben mit der gesamten Stichprobe in Bezug auf die Eigenschaftsdimensionen sehr stark ähneln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 35. Bewertete Eigenschaftsdimensionen nach Stichprobe

(Basis: Cluster-Stichprobe n= 196/Bereinigte Stichprobe n=624/ Stichprobe gesamt n=820)

Die Auswertung anhand der acht Persönlichkeitsmerkmale soll nun eine detaillierte Sicht auf die Eigenschaften Berlusconis in der deutschen Presse öffnen. Die dazugehörigen Daten befinden sich in Schaubild 36 und auch in Tabelle 20 im Anhang. Am häufigsten kommen die Zeitungen auf Berlusconis Integrität zu sprechen. Der Reihenfolge nach schließen sich Interaktionsfähigkeit, Meinungsmacht, Entscheidungskraft, Geistige Fähigkeiten, Reputation und Auftreten an. Damit bestätigt sich die Ansicht von Kindelmann, der bei seiner Übersicht von Politiker-Images­Studien zwei Schlüsselkompetenzen, Politische Kompetenz und Integrität, ausfindig gemacht hat (Vgl. Kindelmann, S.43). Im vorliegenden Fall sind das Entscheidungskraft, auszugsweise auch geistige Kompetenzen und Interaktionsfähigkeiten (Politische Kompetenz) und Integrität (Integrität). Nur Berlusconis Auftreten wird überwiegend positiv beurteilt. Nicht ganz so fällt Berlusconi in der Presse mit seiner Interaktionsfähigkeit und mit seinen geistigen Fähigkeiten auf. Kaum Positives sieht die Presse hingegen, wenn sie auf seine Meinungsmacht und seine Reputation zu sprechen kommt. Integrität und Entscheidungskraft werden dem Ministerpräsidenten Italiens ebenso abgesprochen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 36. Bewertete Persönlichkeitsmerkmale nach Medium

(Basis: Stichprobe n=820)

Berlusconis Integrität wird medienübergreifend hauptsächlich an drei Punkten festgemacht, an seiner Glaubwürdigkeit, seiner Regelkonformität und seiner generellen Amtseignung. Diese Merkmale werden im Schnitt negativ bewertet. Charakteristika wie Toleranz oder Verantwortungsbewusstsein, die seiner integeren Erscheinung zuträglich sein könnten, werden von den Zeitungen kaum erwähnt. Unter Interaktionsfähigkeit verstehen die Medien hauptsächlich Berlusconi Verhältnis zu anderen, das von den Zeitungen sehr unterschiedlich, insgesamt jedoch tendenziell positiv bewertet wird. Dagegen stimmen die Zeitungen überein, dass Berlusconi Konflikte nicht scheut und unangemessen auf Kritiken reagiert, er sich also nicht unter Kontrolle hat. Im Vergleich zu seinem Herausforderer Romano Prodi schneidet er zeit- und medienübergreifend ein wenig schlechter ab. Etwa jede achte Nennung in der Stichprobe beschäftigt sich mit der Charakteristik Meinungsmacht. Offenbar bestätigen die Medien, dass Berlusconi durch seine Medien das Meinungsklima in Italien zugunsten seines Machterhalts beeinflusst.

Als Ministerpräsident muss Berlusconi seine Regierung auf einen Kurs bringen, um damit allgemein verbindliche Entscheidungen zugunsten seines Volkes zu treffen. Dass ihm dies nicht ganz gelingen mag, zeigen die Ergebnisse unter dem Aspekt Entscheidungskraft: Sein Führungsstil wie auch seine generelle Entscheidungspotenz wird von einigen Medien angezweifelt, von anderen aber auch positiv gesehen. Sein Streben nach Erfolg liegt den Zeitungen nach eher am Eigennutz und nicht am Gemeinwohl. Etwa jede zehnte Bewertung beschäftigt sich mit Berlusconis geistigen Kompetenzen: Auf der einen Seite gestehen die Medien ihm Optimismus zu, andererseits sprechen sie ihm aber seinen Realitätssinn ab. Auch an politischer Sachkompetenz dürfte es dem Parteichef von Forza Italia nach Aussage aller Medien Summe 100 26 100 21 100 41 100 29 100 17 100 27

mangeln. Für Berlusconis Wahlerfolg war zum großen Teil sein Auftreten entscheidend. Es wundert daher nicht, dass die meisten Zeitungen Berlusconis Auftritte loben und ihm Charisma, Selbstbewusstsein und auch eine adäquate Verhaltensweise den Medien gegenüber zusprechen.

Die beiden linksorientierten Zeitungen, die FR und die sz, berichten und bewerten in Bezug auf die Persönlichkeitsmerkmale sehr ähnlich. Beide setzen ihr Hauptaugenmerk auf Berlusconis Integrität, auf seine Interaktionsfähigkeit und seine Meinungsmacht. Bis auf wenige Ausnahmen gleichen sich die beiden Blätter auch hinsichtlich der Bewertungen der Merkmale, übereinstimmend sehen sie seine Entscheidungskraft, Meinungsmacht und Reputation negativ. Die sz beurteilt von allen Medien Berlusconis Integrität am negativsten. Besonders kritisch sieht sie auch dessen Unabhängigkeit und Gesetzestreue. Während die WELT nur wenige Schwerpunkte mit den Eigenschaftskomponenten Integrität, Interaktionsfähigkeit und geistige Fähigkeiten setzt, bewertet die FAZ die Eigenschaften von Berlusconi viel differenzierter und ausgewogener. Die beiden Zeitungen mit konservativem Profil ähneln sich allerdings hinsichtlich der Bewertungen der einzelnen Persönlichkeitsmerkmale. Berlusconis Entscheidungskraft, seine geistigen Fähigkeiten, Meinungsmacht und nicht zuletzt seine Reputation beurteilen sie besser als die linken Blätter. Nur die FAZ bewertet Berlusconi als einigermaßen integere Politikerpersönlichkeit. Trotz allem spricht sie ihm wie auch die anderen Zeitungen Amtseignung für den Ministerpräsidenten-Posten generell ab. Der SPIEGEL sieht Berlusconis Attribute bis auf die Punkte Auftreten und geistige Fähigkeiten sehr negativ.

Welche Eigenschaft genannt und bewertet wird, ist mitunter auch manchmal Frage des Urhebers. Zwar setzen fast alle Urheber der wertenden Aussagen ähnliche Schwerpunkte, was den Charakter Berlusconis angeht. Nur gibt es Unterschiede, wie sie diese bewerten, wie man anhand der Daten in Abbildung 37 erkennen kann. Auf internationaler Ebene wird Berlusconis Persönlichkeit kaum angesprochen, dafür verstärkt seine politischen Fähigkeiten, die stark negativ konnotiert sind. Die Deutschen vertreten die Ansicht, dass Berlusconi ein sehr gutes Bild bei seinen Auftritten in der Öffentlichkeit abgibt. Ähnlich wie die italienischen Nachbarn bewerten sie Berlusconis Verhältnis zu anderen einigermaßen ausgewogen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 37. Bewertete Eigenschaftsdimensionen nach Urhebern

(Basis: Stichprobe n=820)

Negativer als die Italiener sehen die Deutschen den italienischen Ministerpräsidenten in Bezug auf seine politischen Fähigkeiten. Die Italiener sind besonders von Berlusconis persönlichen Eigenschaften und seinem Auftreten überzeugt. Die Journalisten als bedeutendste Urheber von Urteilen über Berlusconi in der deutschen Presse sehen hingegen nur sein Auftreten im positiven Licht.

Welche Eigenschaft von Berlusconi in den deutschen Medien publiziert wird, ist aber nicht nur eine Frage des Urhebers, sondern auch des Themas wie man auf Abbildung 38 erkennen kann. Seine politischen Fähigkeiten werden dann angesprochen, wenn es entsprechend um Politisches wie Wahlen, Innen- oder Außenpolitik geht. Aber auch bei anderen Themen sind diese Eigenschaften von Bedeutung, und zwar wenn Berlusconi im Rahmen seiner unternehmerischen Tätigkeiten, in seinen Auseinandersetzungen mit der Justiz oder im Zuge seines Interessenkonflikts genannt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 38. Bewertete Eigenschaftsdimensionen nach Themen

(Basis: Stichprobe n=820)

Persönliche Eigenschaften sind für das Berlusconi-Bild entscheidend, wenn es entsprechend um den Privatmenschen Berlusconi geht. Allerdings werden sie auch im Rahmen seiner politischen Amtshandlungen genannt, was darauf hinweist, dass auch eher rollenferne Attribute durchaus eine Bedeutung für das Image des Politikers haben. Sein Verhältnis zu anderen wird dann von der Presse betont, wenn es entsprechend um seine Beziehung zum Volk oder um internationale Beziehungen geht. Sein Auftreten scheint hingegen zwar auch im Rahmen von politischen Aspekten zum Ausdruck zu kommen, vor allem aber dann, wenn sich die Medien mit dem Privatmenschen Berlusconi beschäftigen.

6.3.2 Bewertete Eigenschaften - im zeitlichen Verlauf

Für die Nennung von Berlusconis Eigenschaften in der deutschen Presse lassen sich nur geringe Unterschiede im zeitlichen Verlauf feststellen, wie auf Abbildung 39 zu erkennen ist. Die Rangordnung (1) Politische Fähigkeiten, (2) Verhältnis zu anderen, (3) Persönlichkeit und (4) Auftreten bleibt bis auf drei in allen Jahren unverändert. Wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben, sind es politische Fähigkeiten, die Berlusconis Image dominieren, insbesondere in den Jahren 2002 und 2006, in denen sich circa die Hälfte der Aussagen auf seine politischen Kompetenzen konzentrieren. Nur in den publikationsarmen Jahren 2004 und 2005 scheinen die Zeitungen sich nicht nur mehr für andere Themen, sondern auch für andere Eigenschaften Berlusconis zu interessieren. So wird er in diesem Zeitraum mehrheitlich im Verhältnis zu anderen dargestellt. Die Befunde zeigen somit auch, dass eher rollenferne Eigenschaften wie persönliche Attribute aber auch Berlusconis Auftreten in allen Jahren stets eine Rolle spielen. Der relativ hohe Anteil p.a. von Persönlichkeit und die kontinuierliche Erwähnung seines Auftretens lässt auch auf eine langfristige personalisierte Sichtweise der deutschen Presse auf Berlusconi schließen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 39. Bewertete Eigenschaftsdimensionen im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=820/ Daten: Tab. 21 i.A./ ■f: 34.4 dl' 18 p 0.01 Cramers Y 0.118)

Um auch hier wieder genauere Aussagen treffen zu können, wird die Auswertung im zeitlichen Verlauf anhand der acht Persönlichkeitsmerkmale dargestellt. Wie auf Abbildung 40 zu sehen, werden im ersten Jahr seiner politischen Karriere Berlusconis Attribute wie sein charismatisches Auftreten und seine geistigen Fähigkeiten nicht allzu schlecht bewertet - allerdings kommen sie eher am Rande vor. Hier wie auch in den anderen Jahren dominieren das Berlusconi-Image bereits Eigenschaften wie Integrität, seine Interaktionsfähigkeit und seine Meinungsmacht. Sie werden als eher negativ eingestuft. Berlusconis Interaktionsfähigkeit kommt vor allem 2001 positiv zur Geltung und wird in den übrigen Jahren zwar nicht positiv, aber auch nicht ausgesprochen negativ bewertet. Seine Meinungsmacht wird im Laufe der Jahre allerdings sukzessive noch schlechter bewertet. Mit seinem zur Farce geratenen Auftritt im EU-Parlament ist 2003 das negativste Jahr in der Karriere des Ministerpräsidenten. Parallel dazu werden Eigenschaften wie seine Integrität, seine Entscheidungskraft und vor allem seine Interaktionsfähigkeit, die ihm sonst zugesprochen wird, negativ bewertet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 40. Bewertete Persönlichkeitsmerkmale im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=820)

In den Jahren 2004 und 2005 werden Themen wie Innenpolitik oder sein Privatleben erwähnt, die Berichterstattung wird eher undifferenziert, wie man in Kapitel 6.2.2 sehen konnte. In diesen Jahren scheinen die Medien ihm auch wieder mehr Vertrauen zu schenken, seine Integrität wird jedenfalls positiv gesehen, sein Auftreten und seine geistigen Fähigkeiten sogar als ausgesprochen gut. Doch auch diese positiven Stimmen reduzieren sich im letzten Jahr: Berlusconis Integrität wird 2006 erneut sehr negativ dargestellt. Positiv sehen die Medien allerdings nach wie vor sein Auftreten, was ihm Zusammenhang mit den anstehenden Wahlen bedeutend ist. Dass könnte bedeuten, dass er auch noch nach fünf Jahren Regierungszeit nichts von seiner Ausstrahlung eingebüßt hat. Allerdings konnte sich seine internationale Reputation wie auch die Popularität bei seinem eigenen Volk, zu sehen am Persönlichkeitsmerkmal Reputation, seit 2003 nicht mehr erholen und wird seit diesem Zeitpunkt als fortwährend negativ angesehen.

6.4 Ergebnisse im Überblick: Inhaltliche Merkmale

Das wohl prägnanteste Ergebnis der inhaltlichen Auswertung bezieht sich auf den generellen Meinungstenor zu Silvio Berlusconi in der deutschen Presse, denn dieser fällt wie anfangs vermutet deutlich negativ aus - nur rund ein Viertel der Nennungen sind positiver Art. Die Bilanz nach sechs Jahren Amtszeit ist medienübergreifend sogar schlechter als noch zu Beginn im Jahr 2001. Bis auf die FAZ stellen ihm alle untersuchten Zeitungen bzw. Zeitschriften dieses negative Image aus. Insgesamt am kritischsten äußert sich der SPIEGEL zum italienischen Ministerpräsidenten und dessen Politik. Wie bereits in Kapitel 5 gezeigt wurde, ist die Berichterstattung über Silvio Berlusconi in den Jahren 1994, sowie 2001 bis 2003 umfangreicher als in den nachfolgenden Jahren. Die Intensität der Bewertung allerdings nicht. Nur zum Ende seiner Amtszeit findet eine etwas intensivere Beurteilung Berlusconis durch die deutsche Presse statt. Insgesamt kann man sagen, dass die gefundenen Artikel mit zwei Bewertungen im Durchschnitt eher verhalten meinungsfreudig zu Berlusconi sind, was sich allerdings nicht auf die große Anzahl meinungsneutraler Artikel zurückführen lässt. Im Gegenteil, denn auch hier sind wertende Aussagen über Berlusconi zu finden. Dass in den deutschen Medien keine strikte Trennung von Nachricht und Meinung herrscht, bestätigten bereits andere Studien, exemplarisch dafür steht jene von Schönbach im Jahr 1990.[20] Besonders rückläufig ist der Umfang der Berichterstattung in den Jahren 2004 und 2005, also in der Zeit in der Berlusconi außenpolitisch und damit im internationalen Geschehen weniger ins Gewicht fällt. In dieser Periode gehen die negativen Statements augenscheinlich zurück, das Image Berlusconis verbessert sich insgesamt ein wenig, gelangt jedoch 2006 erneut auf einen Tiefstand. Der erste markante Einschnitt in Berlusconis veröffentlichtem Image in Deutschland findet allerdings bereits 2003 statt, das Jahr in dem Silvio turnusgemäßdie EU-Ratspräsidentschaft übernimmt. Welche Urheber, Themen und genannten Eigenschaften Berlusconis damit im Zusammenhang stehen, soll nun im Verlauf dieser Abschlussbetrachtung dargestellt werden.

Um den Menschen Berlusconi zu charakterisieren, orientieren sich die Zeitungen überwiegend an seiner Integrität, an seinen politischen Fähigkeiten wie Interaktionsfähigkeiten, Entscheidungskraft oder an seinen geistigen Kompetenzen. Alle untersuchten Medien kommen zu dem Schluss, dass er nicht für die Rolle des Ministerpräsidenten geeignet sei. Die meisten von ihnen sprechen ihm Kernkompetenzen eines integeren Politikers wie Glaubwürdigkeit, Regelkonformität oder Politische Sachkompetenz ab. Hinzu kommen eindeutig negative Verhaltensweisen wie der Gebrauch seiner Medien- und damit verbundenen Meinungsmacht oder sein egozentrisches Macht- und Erfolgsstreben. Etwas besser bewerten die Medien hingegen seine geistigen Kompetenzen und seine Interaktionsfähigkeit: Berlusconis Stärken sind demnach Optimismus sowie sein guter Umgang mit anderen. Vor allem das Auftreten des charismatischen Medienfachmanns wird überwiegend als positiv beschrieben - negativ fällt hier nur seine Unbeherrschtheit auf. Insgesamt liegt ein großer Akzent auf Berlusconis persönlichen Attributen, was als personalisierte Sichtweise der deutschen Medien auf Berlusconi zu werten ist.

Auf die Frage, welche Urheber am häufigsten Silvio Berlusconi bewerten, kann eine klare und naheliegende Antwort gegeben werden: Es sind die Journalisten der Zeitungen, die auch mehrheitlich als Verfasser der Beiträge auftreten. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Korrespondenten aus Italien, die ihre Meinung über den Forza Italia-Chef vor Ort in Rom bilden können. Daneben haben sich in absteigender Reihenfolge Italiener, Deutsche, Repräsentanten anderer Staaten und überstaatlicher Einrichtungen in der deutschen Presse zu Wort gemeldet. Bis auf die Italiener betrachten die Urheber Berlusconi eher negativ. Allerdings muss erwähnt werden, dass zur Gruppe der Italiener auch Berlusconi selbst gehört, der häufig seine Qualitäten positiv ins Licht rückt. Damit leisten die Urteile von Berlusconi in persona einen nicht allzu kleinen Beitrag zum eher ausgeglichenen Meinungstenor der Italiener. Etwas negativer ist die Sicht der Journalisten und der Deutschen auf den amtierenden Regierungschef des Nachbarlandes. Die Vertreter der Zeitungen bzw. Zeitschriften äußern sich zu vielen Themen wie dem Interessenkonflikt oder Berlusconi vor Gericht deutlich negativ, andererseits zu seiner allgemeinen Politik nur verhalten kritisch, in den Jahren 2004 und 2005 auch durchaus positiv. Als deutsche Urheber fallen im untersuchten Zeitraum die deutsche Bundesregierung, insbesondere Kanzler Gerhard Schröder, Politiker aus dem Mitte-Links-Spektrum, Vertreter der Landesregierungen und auch deutsche Bürger auf. Das Hauptaugenmerk der Deutschen liegt auf seiner politischen Rolle aber auch auf der Vermischung privater und öffentlicher Interessen, was sie ausdrücklich kritisieren. Ihr Verhältnis zu Berlusconi bewerten die Deutschen allerdings als eher ausgeglichen, was womöglich auch das bislang gute politische wie auch kulturelle Verhältnis zwischen den beiden Staaten wieder spi egeit, das nur 2003 durch das deutsch-italienische Sommertheater vorrübergehend belastet scheint. Insgesamt ist das bilaterale Verhältnis jedoch stark von der Diskussion um den Interessenkonflikt geprägt. Die größten Kritiker des Politikers aus Norditalien sind allerdings andere Staaten und Vertreter aus EU-Gremien. Bei ihnen lassen sich kaum positive Bewertungen über den Ministerpräsidenten und zeitweiligen Außenminister Italiens finden. Dabei gestalten sich einzelne Beziehungen zu anderen Ländern durchaus positiv, wie beispielsweise im Fall der USA und Russlands.

Silvio Berlusconi wird in der deutschen Presse hauptsächlich mit politischen Themen in Verbindung gebracht. Dass Berlusconi in den Jahren 1994, von 2001 bis 2003 und schließlich 2006 besonders häufig in der deutschen Presse erwähnt wird, liegt wohl Ereignissen wie den Parlamentswahlen, seiner Außenpolitik und Geschehnissen, die direkt mit Deutschland in Verbindung Stehen. Diese drei Themen rufen ein besonders großes Interesse hervor. Kontinuierlich widmet sich die deutsche Presse allerdings innenpolitischen Themen, sie stellen den Großteil der veröffentlichten Themen p.a. dar. Nur am Rande werden Beiträge über unpolitische Themen wie Berlusconi als Privatmann oder Unternehmer veröffentlicht. Zu Beginn seiner Politikkarriere im Jahr 1994 steht bereits der Interessenkonflikt auf der Agenda der deutschen Medien. Insgesamt wird dieser Aspekt allerdings erst an fünfter Stelle der Themenliste erwähnt, dafür aber viel häufiger als Thema beurteilt. So wird der Interessenkonflikt in Verbindung mit Beiträgen zum Thema Berlusconi und Deutschland, in Beziehung zu den Medien oder zum Unternehmer Berlusconi aufgegriffen. Er stellt sich als ein eher latentes denn als manifestes, ereignisgeprägtes Thema dar. Die Vermischung von privaten mit öffentlichen Interessen wird kontinuierlich am negativsten von der deutschen Presse bewertet.

Von 2001 bis 2004 werden vermehrt außenpolitische Themen in Zusammenhang mit Berlusconi erwähnt und allmählich gehen die positiven Stimmen zu Berlusconi zurück. Es sind die Jahre nach den Terroranschlägen am 11. September 2001, in denen vor allem die mächtigen westlichen Industriestaaten agieren und in die internationale Terrorbekämpfung unter Federführung der USA eintreten. Auch Berlusconi nimmt Stellung, italienische Truppen ziehen in Friedensmission in die Krisengebiete. Parallel dazu verschlechtert sich die Stimmung im eigenen Land, wofür mit Berlusconis Kriegszugeständnis, seiner flächendeckenden Justizreform, seinen Anklagen vor Gericht und seinem kontinuierlich schwelenden Interessenkonflikt nur wenige Ursachen aufgeführt werden können. Für die Einschätzung des negativen Verhältnisses von Italienern zu ihrem Regierungschef zeichnen allerdings nicht die Italiener - sie befinden es zu Beginn des Untersuchungszeitraumes als durchaus positiv -, sondern vorwiegend deutsche Journalisten verantwortlich. Eine Zäsur der Berichterstattung über Berlusconi

erfolgt 2003, da hier die Urteile insgesamt am negativsten und die Themen deutlich anders gewichtet sind. In diesem Jahr werden besonders viele Beiträge mit außenpolitischem Bezug publiziert, was vor allem auf den Eklat zwischen dem deutschen Europa-Abgeordneten Martin Schulz (SPE) und dem neuen EU- Ratspräsidenten zurückzuführen ist. Parallel dazu werden seine Kompetenzen als Politiker in Frage gestellt, seine Reputation nach diesem Vorfall ist stark angeschlagen und wird sich bis zum Ende seiner Amtszeit nicht mehr erholen. Insgesamt sind die Stimmen zu seiner EU-Politik allerdings nicht ganz so negativ wie in diesem Jahr. Tendenziell positiv bewerten ihn die Medien in der Rolle des Unternehmers oder im Verhältnis zu anderen Staaten, was vor allem an Berlusconis Beziehungen zu den USA und Russland liegt: Sein Verhältnis zu deren jeweils mächtigsten Männern im Staat, George w. Bush und Vladimir Putin, ist von Freundschaft geprägt und stärkt daher auch die allgemeinen politischen und bilateralen Bande. Weniger positiv wird dagegen das Verhältnis zu Frankreich oder zu Staaten des Nahen Ostens erwähnt. Diese Länder tun sich mit Berlusconi schwer, was bei letzteren auch auf die Diskussion um Berlusconis abfällige Äußerungen gegenüber der islamischen Welt nach dem 11. September zurückzuführen sein könnte. 2004 und 2005 beruhigt sich die deutsche Berichterstattung um Berlusconi: Der Umfang geht zurück und auch die Stimmen werden etwas positiver. Er kann als Privatmann und Unternehmer mit seinem generellen Auftreten und persönlichen Eigenschaften punkten. Zu den Wahlen 2006 sinkt die Stimmung allerdings wieder, der Meinungstenor der deutschen Presse stellt den italienischen Medienmogul noch schlechter dar als zu den Wahlen 1994 sowie 2001 und die Medien sprechen ihm jegliche Form von Integrität ab. Die Berichterstattung wird thematisch zum Ende des Untersuchungszeitraumes undifferenzierter, viele Aspekte wie Berlusconis Beziehung zu Deutschland werden gar nicht mehr erwähnt, die Perspektive verengt sich auf Innen- bzw. Außenpolitik und die Europa-/Regionalwahlen bzw. Parlamentswahlen in 2006.

Im Gegensatz zur der sehr unterschiedlichen Struktur der Berlusconi­Berichterstattung zeigen die einzelnen Medien in Bezug auf inhaltliche Schwerpunktsetzungen und Bewertungen oft ein ähnliches Bild. Den größten Anteil an der Berichterstattung bzw. der Beurteilung Berlusconis haben die FAZ und der SPIEGEL, etwas weniger die sz und die WELT. Am zurückhaltendesten in Bezug auf Berlusconi präsentiert sich die FR. Gemessen am Umfang der Beiträge und den Urteilen, kann man die FAZ, die sz und den SPIEGEL als besonders bedeutend für das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse bezeichnen. In einigen Jahren prägen sie die Berichterstattung im Vergleich zu den anderen Medien besonders stark: Der SPIEGEL vorwiegend in den Jahren der Wahlen, die sz 2002 und 2004 und die FAZ berichtet auch dann noch, wenn alle anderen Zeitungen Berlusconi eher vernachlässigen, also in den Jahren 2004 und 2005. Im Zuge der inhaltlichen Auswertung wurde allerdings auch festgestellt, dass zwar die Themen, Urheber und Eigenschaften ähnlich gesetzt werden, deren Bewertung je nach Medium aber etwas differenziert. So ähneln sich vor allem die links-geprägten Zeitungen FR und sz in ihrer Bewertung. Die konservative WELT vertritt allerdings weniger oft die gleichen Ansichten wie die FAZ. FR und sz berichten insgesamt etwas negativer über die Themen Politiker Berlusconi, Interessenkonflikt, Parlamentswahlen und Berlusconi und die Justiz als die FAZ und die WELT. Die beiden konservativen Zeitungen sehen Berlusconis politisches Engagement durchaus positiv, insgesamt gut bewerten sie sein Image im Jahr 2005. Trotzdem weisen die FAZ und die WELT gerade hinsichtlich der thematischen Schwerpunktssetzung oder auch der allgemeinen Bewertung von Berlusconi Differenzen auf. Im Gesamturteil gleicht die WELT eher den beiden Blättern des linken Spektrums. Der SPIEGEL und die FAZ weisen in vielerlei Hinsicht eine besondere Exponiertheit zum Thema Berlusconi auf: Beide berichten über ihn im Zusammenhang mit vielen Themen sehr differenziert und lassen die unterschiedlichsten Urheber zu Wort kommen. In einem unterscheiden sich diese beiden Medien allerdings besonders: Die FAZ bewertet den italienischen Ministerpräsidenten oft moderat, teilweise positiv und nur selten sehr negativ. Das Urteil des SPIEGELS hingegen ist in fast allen Aspekten stets sehr kritisch, seine Berichte stellen kaum Positives über Berlusconi fest.

7. Fazit und Diskussion

Beschäftigt man sich mit der Person Silvio Berlusconi begegnet man sehr vielen Theorien, Stimmen und Geschichten. Wie schon eingangs beschrieben, ist er einer der faszinierendsten Politikerpersönlichkeiten auf europäischem Boden - wenn auch eher in negativer Weise. Die vorliegende Untersuchung sollte das Bild Berlusconis aus der Sicht der deutschen Presse erfassen. Die Untersuchung hat zu eindeutigen und nachvollziehbaren Resultaten und kann daher auch als eine Art Bilanz zu Berlusconis Auftritt als Ministerpräsident in den letzten Jahren angesehen werden, als eine Art Schlussstrich unter die vielen Stimmen und Geschichten.

Beeindruckend ist vor allem die Summe der vielen negativen Aspekte, die über Berlusconi in den vergangenen Jahren in den hiesigen Zeitungen bzw. Zeitschriften publiziert wurden. Sein Image ist bis auf wenige Punkte sehr negativ, wie bereits in der ersten Forschungshypothese angenommen. Erstaunlich ist auch, dass dieses Bild bereits zu Anfang seiner ersten Regierung im Jahr 1994 von den Medien gezeichnet und bis auf wenige Ausnahmen kontinuierlich aufrechterhalten wurde. Besonders schwer wiegen Themen wie seine Interessenvermischung von Privatem und öffentlichem Mandat und dem damit verbundenen heiklen Verhältnis zu seinen eigenen Medien. Die deutschen Medien attestieren ihm deshalb einen wenig integeren Auftritt, einen Mangel an Glaubwürdigkeit und Regelkonformität. Ihre Bilanz ist erstaunlich klar: Silvio Berlusconi ist nicht für das Amt des Ministerpräsidenten Italiens geeignet. Etwas milder fällt ihr Urteil allerdings bezüglich seiner generellen Politik und seiner Fähigkeit als Politiker aus, wenn man die eben genannten gravierenden Nachteile außer Acht lässt. Nur dies lässt sich wohl kaum bewerkstelligen, denn der Interessenkonflikt als negativstes Thema ist in allen sechs Regierungsjahren stets präsent und wirkt sich auch auf seine Politik aus. Das Thema Interessenkonflikt ist damit in der deutschen Presse latent präsent, manifest wird es unter anderem im Jahr 2002 als Berlusconi zensurähnliche Eingriffe in der öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Anstalt RAI vornimmt. Da der Interessenkonflikt zwar hauptsächlich in den Bewertungen auftaucht, aber weniger als Artikelthema, ist es allerdings nicht an erster Stelle der Agenda der deutschen Berichterstattung über Berlusconi zu finden, sondern erst an Fünfter. Forschungshypothese 2 konnte daher nicht bestätigt werden, vor allem sind es politische

Themen wie auf nationalem, europäischen oder internationalem Niveau, die das veröffentlichte Bild des Politikers Berlusconi hierzulande prägen.

Wie man erkennen konnte, zogen vor allem Parlamentswahlen oder außenpolitische Ereignisse die Aufmerksamkeit der Presse auf sich - insbesondere solche, die mit Deutschland in Zusammenhang standen. Dies schlug sich in einer erhöhten Berichterstattung in den Jahren 1994, 2001 bis 2003 und schließlich 2006 nieder. Im Vergleich der einzelnen Parlamentswahlen machte Berlusconi zwar auch 1994 schon keine gute Figur, jedoch waren die Stimmen zur Wahl 2006 insgesamt noch negativer. Dies könnte man auch als eine Art publizistische Bilanz der Regierungszeit Berlusconi II (2001-2006) sehen, und weiter als eine Art kritisches Votum in Hinblick auf eine Wiederwahl des Medienmoguls. Privat fiel Berlusconi nur am Rande auf. Allerdings wurden seine persönlichen Eigenschaften häufiger von den Medien hervorgehoben, was auf eine personalisierte Sichtweise schließen lässt. Allein die Fokussierung auf Berlusconi als Spitze der italienischen Politik stellt bereits eine Art Personalisierung dar. An dieser Stelle wäre interessant zu erfahren, ob Berlusconi im Vergleich zu anderen politischen Vertretern aus Italien oder auch im Verhältnis zur generellen Erwähnung italienischer Politik besonders häufig in der Presse vorgekommen ist.

In den meisten Fällen zeichneten Journalisten bzw. Korrespondenten für die Beiträge und Urteile über Berlusconi verantwortlich und prägten mit ihren überwiegend negativen Einschätzungen das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse ganz entscheidend. Aber auch die Urheber, die nur am Rande auftauchten und von den Journalisten zitiert wurden, waren relevant. Für den Leser einer deutschen Zeitung waren dies insbesondere Vertreter des hiesigen Politik- oder Kulturbetriebes. Nicht ganz eindeutig war die Ansicht deutscher Politiker und Bürger zu Berlusconi. Zwar wurde deren Beziehung zu Berlusconi als ausgewogen bezeichnet, was auch auf ein generell gutes Verhältnis zwischen den beiden Staaten zurückzuführen ist, doch ihre Ansichten zum benachbarten Premier waren in vielen Aspekten negativ. Da sich die Amtszeiten der Mitte-Links-Regierung unter Bundeskanzler Schröder mit der Mitte-Rechts­Koalition in Italien üb er schnitten, waren es in den meisten Fällen Vertreter des linken Spektrums in Deutschland, die über Berlusconi urteilten. Die Urteile der Deutschen über Berlusconi waren stark vom Interessenkonflikt geprägt: Womöglich nicht nur auf Grund direkter Berührungspunkte, wie im Zusammenhang mit der möglichen Einflussnahme von Berlusconis Mediennetzwerk in Deutschland im Jahr 2002 oder der Auseinandersetzung mit dem deutschen Abgeordneten Martin Schulz im EU-Parlament im Jahr 2003, sondern auch wegen der besonderen Bedeutung von Pressefreiheit nach der Neuorganisation der deutschen Medienlandschaft durch die Alliierten nach 1945. Die Deutschen sind vor diesem historischen Hintergrund besonders für dieses Thema sensibilisiert und haben ein starkes Bewusstsein für eine pluralistische und unabhängige Meinungsbildung bzw. Presse. Auch aus diesem Grund missbilligten sie vermutlich Berlusconis Interessenkonflikt und seinen übermächtigen Einfluss auf das italienische Fernsehen. Im Verhältnis zu anderen Staaten kristallisierte sich ein besonders gutes Verhältnis von Berlusconi zu den EISA und Russland heraus: Zu ihren Präsidenten George w. Bush und Vladimir Putin pflegte Berlusconi eine freundschaftliche Beziehung, die sich auch auf die politischen Verbindungen auswirkte. Die Urteile der Vertreter dieser Staaten waren daher auch positiver Natur. Im europäischen Raum hingegen hatte Berlusconi nur wenige Befürworter, Großbritannien verhielt sich weitestgehend neutral, Deutschland und Frankreich waren eher abgeneigt und auch Vertreter der EU äußerten sich kaum positiv zum Ministerpräsidenten Italiens. Berlusconis EU-Politik fand keinen Anklang, sein unbeherrschtes Verhalten anlässlich der EU-Ratspräsidentschaft wurde von den Politikern aus Straßburg und Brüssel stark kritisiert. Nach seinem denkwürdigen Auftritt im EU-Parlament, sank Berlusconis internationale Reputation nach Einschätzung der deutschen Presse und konnte sich bis zum Ende seiner Amtszeit nicht wieder erholen. Einzige Befürworter in dieser Zeit wie auch in den anderen Jahren waren die Italiener, auch wenn ihre Urteile tendenziell nur ausgewogen bis negativ erschienen. In Bezug auf seine Politik sympathisierten sie sogar mit ihrem Regierungschef. Dass die Urteile der Italiener eher moderat ausfielen, war allerdings auch auf eine einzige Person zurückzuführen: Silvio Berlusconi selbst.

Das Berlusconi-Bild ist das Substrat aus den untersuchten Zeitungen Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Welt und aus dem Spiegel. Es konnte gezeigt werden, dass die FAZ, die sz und der SPIEGEL die Berichterstattung sowie die Meinungen zu Berlusconi in der deutschen Presse generell und auch zu diversen einzelnen Zeitpunkten besonders prägten, was ihre Meinungsführerposition hinsichtlich des Themas Berlusconi sowie in der deutschen Medienlandschaft bestätigt (Vgl. Reinemann 2003, s. 190-200, s. 221-233, s. 261­270). Jede Zeitung für sich stellte jedoch ein etwas anderes Berlusconi-Bild für die vergangenen Jahre dar. Gemeinsam war den untersuchten Medien, dass sie bis auf die FAZ mit einem überwiegend negativen Tenor über Berlusconi berichteten. Alle Zeitungen diskutierten Berlusconi auch im Rahmen gleicher Themen, was die These des Agenda-Settings bestätigt und zeigt, dass sich diese Zeitungen aneinander orientierten, wie es bereits Kepplinger formulierte (Vgl. Kepplinger 1985, s. 19/ s. auch Kap. 3.1 und 3.2.1). In einigen Fällen konnte auch das Links-Rechts-Schema der Zeitungen bestätigt werden, wonach, wie in Forschungshypothese 3 formuliert, Berlusconi als Politiker des Mitte-Rechts-Spektrums von der konservativen Presse besser beurteilt werden müsste als von der Linken. In der Tat bewerteten ihn die FR und die sz im Rahmen der Parlamentswahlen, seiner Interessenvermischung und seiner gerichtlichen Auseinandersetzungen etwas schlechter als die FAZ und die WELT dies taten. Vor allem Berlusconis Politik bewerteten die konservativen Zeitungen als eher ausgeglichen. Und während die rechtsorientierten Blätter in den letzten Untersuchungsjahren noch Positives über Berlusconi zu berichten hatten, folgten die Linksorientierten dem allgemeinen Negativtrend. Zeitraumübergreifend stellte die WELT Berlusconi allerdings ebenso negativ dar wie die Zeitungen des linken Spektrums. Die FAZ zeichnete sich ebenso wie der SPIEGEL durch eine besonders umfangreiche und differenzierte Berichterstattung über Berlusconi aus. Doch hier enden die Gemeinsamkeiten: Während sich die FAZ relativ moderat Berlusconi gegenüber äußerte, präsentierte der SPIEGEL ein sehr negatives Bild von Berlusconi. Mit seinen ausführlichen Berichten und zwei Titelstories über Berlusconi hat er vermutlich viel zur Debatte über den Interessenkonflikt des italienischen Ministerpräsidenten in Deutschland beigetragen und hierzulande besonders zum Zeitpunkt der italienischen Parlamentswahlen ein negatives Image des italienischen Politikers propagiert. In wie weit FAZ und SPIEGEL die anderen Blätter und die öffentliche Meinung in ihrer Einstellung zu Berlusconi beeinflusst haben, kann an dieser Stelle allerdings nicht gesagt werden. Die beiden Medien haben der gesamten deutschen Berichterstattung und damit dem Image über Berlusconi aber sicherlich eine besondere und entscheidende Note gegeben.

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9. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

ABBILDUNGEN IM TEXT

Abbildung 1. Berlusconis Konzern Fininvest

Abbildung 2. Entwicklungsstufen des Images eines Politikers

Abbildung 3. Untersuchungsanlage und Kategoriensystem im Überblick

Abbildung 4. Auswahlverfahren der Zufallsstichprobe im Überblick

Abbildung 5. Umfang des Datenmaterials nach Stichprobe

Abbildung 6. Umfang der Berichterstattung über Berlusconi

Abbildung 7. Artikelanzahl und durchschnittlicher Zeilenumfang pro Cluster

Abbildung 8. Anteil der einzelnen Medien nach Zeilenumfang

Abbildung 9. Ressorteinteilung der Beiträge nach Medium

Abbildung 10. Beachtungsgrad der Beiträge im zeitlichen Verlauf

Abbildung 11. Beachtungsgrad der Beiträge nach Medium

Abbildung 12. Journalistische Darstellungsformen der Beiträge nach Medium 47 Abbildung 13. Journalistische Darstellungsformen der Beiträge im zeitl. Verlauf.

Abbildung 14. Quellen der Beiträge nach Darstellungsform

Abbildung 15. Quellen der Beiträge nach Medium

Abbildung 16. Anzahl der wertenden Aussagen nach Medium

Abbildung 17. Urheber der wertenden Aussagen n. Medium und nach Tendenz...

Abbildung 18. Urheber der wertenden Aussagen nach Medium und Tendenz

Abbildung 19. Anzahl der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

Abbildung 20. Anzahl der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf n. Medium.

Abbildung 21. Tendenz der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf.

Abbildung 22. Tendenzen der wertenden Aussagen im zeitl. Verlauf n. Medium..

Abbildung 23. Urheber der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

Abbildung 24. Umfang der Artikel bzw. der wertenden Aussagen n. Cluster

Abbildung 25. Bewertungs-Tendenzen der einzelnen Cluster

Abbildung 26. Umfang ״Zentrales Thema“ u. ״Thema der wertenden Aussage“..

Abbildung 27. Zentrales Thema nach Medium

Abbildung 28. Thema der wertenden Aussage nach Medium

Abbildung 29. Thema der wertenden Aussagen/ ״Parlamentswahlen“

Abbildung 30. Urheber/Themen feine Kategorisierung

Abbildung 31. Zentrales Thema u. Thema der w. Aussagen im zeitl. Verlauf

Abbildung 32. Zentrales Thema im zeitlichen Verlauf

Abbildung 33. Thema der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

Abbildung 34. Themen nach Clustern

Abbildung 35. Bewertete Eigenschaftsdimensionen nach Stichprobe

Abbildung 36. Bewertete Persönlichkeitsmerkmale nach Medium

Abbildung 37. Bewertete Eigenschaftsdimensionen nach Urhebern

Abbildung 38. Bewertete Eigenschaftsdimensionen nach Themen

Abbildung 39. Bewertete Eigenschaftsdimensionen im zeitlichen Verlauf

Abbildung 40. Bewertete Persönlichkeitsmerkmale im zeitlichen Verlauf

TABELLEN IM ANHANG

Tabelle 1. Anteil der einzelnen Medien n. Zeilenumfang

Tabelle 2. Beachtungsgrad der Beiträge im zeitlichen Verlauf

Tabelle 3. Beachtungsgrad der Beiträge nach Medium

Tabelle 4. Platzierung der Beiträge nach Titelseite

Tabelle 5. Journalistische Darstellungsformen der Beiträge im zeitlichen Verlauf

Tabelle 6. Quellen der Berlusconi-Berichterstattung im Verlauf

Tabelle 7. Wertende Aussagen nach Darstellungsformen

Tabelle 8. Urheber der wertenden Aussagen nach Medium - detailliert

Tabelle 9. Tendenzen der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

Tabelle 10. Umfang u. Tendenzen der w. Aussagen im zeitl. Verlauf n. Medium

Tabelle 11. Urheber der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

Tabelle 12. Umfang ״Zentrales Thema“

Tabelle 13. Umfang ״Thema der wertenden Aussage“

Tabelle 14. Zentrales Thema/ Thema der wertenden Aussage

Tabelle 15. Themen der Berlusconi-Berichterstattung nach Medium - detailliert

Tabelle 16. Zentrales Thema im zeitlichen Verlauf

Tabelle 17. Zentrales Thema im zeitlichen Verlauf - bereinigte Stichprobe

Tabelle 18. Thema der wertenden Aussage im zeitlichen Verlauf.

Tabelle 19. Thema der wertenden Aussage im zeitl. Verlauf - ber. Stichprobe

Tabelle 20. Bewertete Eigenschaften nach Medium - detailliert

Tabelle 21. Bewertete Eigenschaftsdimensionen im zeitlichen Verlauf.

10. Anhang

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1. Anteil der einzelnen Medien an der Berichterstattung nach Zeilenumfang

(Basis: Stichprobe n=405)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2. Beachtungsgrad der Beiträge im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n= 405 Beiträge)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3. Beachtungsgrad der Beiträge nach Medium

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4. Platzierung der Beiträge nach Titelseite

Basis: Stichprobe n=405)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5. Journalistische Darstellungsformen der Beiträge im zeitlichenVerlauf

(Basis: Stichprobe n=405)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 6. Quellen der Berlusconi-Berichterstattung im Verlauf

(Basis: Stichprobe n=405)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 7. Wertende Aussagen nach Darstellungsformen

(Basis: Stichprobe n=820)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 8. Urheber der wertenden Aussagen nach Medium - detailliert

(Basis: Stichprobe n=820)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 9. Tendenzen der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

(Basis: Cluster-Stichprobe n=196/ bereinigte Stichprobe n=624/ Stichprobe gesamt n=820)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 10. Umfang und Tendenzen der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf nach Medium

(Basis: Stichprobe n= 820)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 11. Urheber der wertenden Aussagen im zeitlichen Verlauf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 12. Umfang „Zentrales Thema“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 13. Umfang „Thema der wertenden Aussage“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 14. Zentrales Thema/ Thema der wertenden Aussage

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 15. Themen der Berlusconi-Berichterstattung nach Medium - detailliert

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 16. Zentrales Thema im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=405)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 17. Zentrales Thema im zeitlichen Verlauf – bereinigte Stichprobe

(Basis: bereinigte Stichprobe n=294)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 18. Thema der wertenden Aussage im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=820)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 19. Thema der wertenden Aussage im zeitlichen Verlauf – ber. Stichprobe

(Basis: bereinigte Stichprobe n=624)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 20. Bewertete Eigenschaften nach Medium - detailliert

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 21. Bewertete Eigenschaftsdimensionen im zeitlichen Verlauf

(Basis: Stichprobe n=820)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[1] Citizen Kane ist ein Film von Orson Welles, in dem ein amerikanischer Medienmagnat als Präsidentschaftskandidat auftritt; Ross Perot ist ein milliardenschwerer Unternehmer, der 1992 als unabhängiger Politiker für die Präsidentschaftswahlen in den USA kandidierte.

[2] Der Praxis halber wird für die Rollenbeschreibung Berlusconis auf die korrekte Form ״Ex- Ministerpräsident“ verzichtet. Das Gleiche gilt auch für andere Amtsinhaber.

[3] Bei folgenden Gerichtsprozessen war Silvio Berlusconi angeklagt: Geheimloge p2 wg. Meineid (1990), All Iberian/Offshore-Geschäfte wg. Illegaler Parteienfinanziemng (1996-99), Fininvest/Medien wg. Bestechung von Finanzbeamten (1996-2000), Medusa/Film wg. Bilanzfälschung (1997-2000), VillaMacherio/Immobilien wg. Bilanzfälschung (1998-99) Finimest/RAI wg. A1ntsmissbrauch(1998),Ä/erfMäei '7Twg. Bestechung (1998), Telecinco wg. Steuer- und Wettbewerbsdelikte,Ä/owrfarfon/I er/ag wg. Richterbestechung (2000), Lentini/Fußballer wg. Bilanzfälschung (2001 ), SME/Lebensmittel wg. Korruption (2001-2005), Fininvest wg. Bilanzfälschung und Steuerhinterziehung. Vgl. Schlamp 2006, s. 115

[4] Darin wird festgestellt, dass (Abs. 61) in Italien eine zu hohe Konzentration von wirtschaftlicher, politischer und Medienmacht in der Hand von Silvio Berlusconi liegt und (Abs. 59) dieser Interessenkonflikt trotz Ankündigung von Berlusconi noch nicht gelöst wurde. Das EU-Parlament forderte das italienische Parlament auf, eine angemessene Lösung zu finden. Vgl. Ausschuss für die Freiheiten und Rechte der Bürger, Justiz und innere Angelegenheiten 2004.

[5] Die Einstufung wurde mit der hohen Medienkonzentration im TV-Bereich und zunehmenden politischen Einfluss auf die Medien begründet. Vgl. Freedom House 2004.

[6] Als ״Lex Berlusconi“ oder ״Ad-Personam-Gesetze“ werden Gesetze bezeichnet, die zum Vorteil des Ministerpräsidenten erlassen wurden. Weitere Lex Berlusconi sind u.a. die Abschaffung der Erbschaftssteuer (10/2001), Strafmilderung bei Bilanzfälschung (04/2002), Steueramnestie für Kapitalflüchtlinge (04/20002), Spoil System - Auswechselung von Beamten (07/2002), Legge Cirami - Ortswechsel des Strafverfahrens (11/2002)

[7] Die ARD/ZDF-Langzeitstudie ״Massenkommunikation“ bestätigt für die Jahre 1964 bis 2005, dass die Gesamt-Nutzungsdauer aller Massenmedien im Durchschnitt von knapp 6 Stunden (1980) auf 10 Stunden (2005) pro Tag stieg. Vgl. VanEimeren 2005, S.496.

[8] Dafür bürgt einerseits das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit Artikel 5 GG, wonach jede/r das Recht sich eine eigene Meinung zu bilden, diese frei zu äußern und zu verbreiten, und andererseits das Spiegel-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 5. August 1966: ״Eine freie, nicht von der

öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfenen Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates; insbesondere ist eine freie, regelmäßig erscheinende politische Presse für die Demokratie unentbehrlich.“ BverfGE 20, 174.

[9] (1) Frequenz, (2) Schwellenfaktor, (3) Eindeutigkeit, (4) Bedeutsamkeit, (5) Konsonanz, (6) Überraschung, (7) Kontinuität, (8) Variation, (9) Bezug auf Elite-Nationen, (10) Bezug auf Elite­Personen, (11) Personalisiemng und (12) Negativismus Vgl. Galtung/Ruge 1965, s. 66 f.

[10] Das Fernsehen ist auf Grund der Authentizität und der hohen Glaubwürdigkeit für viele Menschen Hauptquelle ihrer politischen Information. Ein Wert der dies verdeutlicht ist das Ausmaßder Nutzung:

Aus der ARD/ZDF-Langzeit-Studie ״Massenkommunikation“ geht hervor, dass sich die Deutschen im Jahr 2005 pro Tag 220 Minuten dem Fernsehen und 28 Minuten der Tageszeitung gewidmet haben. 1970 lag die Nutzungsdauer bei 113 Minuten (TV) bzw. 35 Minuten (TZ). Fazit der Studie ist, dass die Deutschen seit dem Aufkommen des Fernsehens die Nutzungsdauer kontinuierlich gesteigert haben. Bei der Tageszeitung hingegen blieb das Niveau im Verlauf der letzten 50 Jahre in etwa auf gleicher Höhe. Vgl. Van Eimeren 2005, s. 496

[11] für folgende Variablen wurde ein Reliabilitätskoeffizient berechnet: MEDIUM 1, DATUM 1, RESSORT .85, QUELLE .82, UMFANG .96, BEACHTUNGSGRAD .92, STILFORM .85, ZENTRALES THEMA .82, URHEBER .82, THEMA .78, AUSSAGE .85, TENDENZ .9

[12] Der Begriff Zeitungen schließt im Folgenden auch die Zeitschrift Der Spiegel mit ein.

[13] Die Auswertung des Artikelumfangs pro Jalu־ erfolgt anhand derbereinigten Stichprobe, da liier die Verzerrung durch die zusätzlichen Cluster-Fälle ausgeschaltet ist und die jährlich untersuchten Ausgaben in etwa (bis auf 1994 und 2006) einen ähnlichen Umfang haben. Damit ist eine höhere Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Untersuchungsjahren gegeben als bei der vollen Stichprobe.

[14] Der Gesamtzeilenumfang der Stichprobe beläuft sich auf insgesamt 54.832. Davon wurden insgesamt 43.584 Zeilen in meinungsbetonten Formaten und 11.248 Zeilen in meinungsneutralen Formaten veröffentlicht.

[15] Eigenbeiträge. Joumalist/Redakteur, Korrespondent Eigener Bericht der Redaktion; Fremdbeiträge: Experten, Prominente, Politiker, Intellektuelle, Berlusconi; Agenturbeiträge: dpa, ddp, vwd, afp, ap, Reuters, UP/UPI, andere Agenturen.

[16] Auch hier wird erneut die bereinigte Stichprobe (n=624) als Grundlage herangezogen (s. Kap. 5.1).

[17] Politiker Berlusconi = allgemeine Bewertung zur Ausführung seiner politischen Rolle bzw. Amtshandlungen, die kein bestimmtes politisches Thema betreffen

[18] Schönbach hat die Berichterstattung der ״Berlin-Verhandlungen“ im Jahr 1971 in Zeitungen, Magazinen, Fernsehen und im Hörfunk durch eine Inhaltsanalyse untersucht. Dabei fand er heraus, dass auch bei Qualitätszeitungen eine Vermischung von Nachricht und Meinung stattfand. Vgl. Schönbach 1990, s. 125f

Details

Seiten
124
Jahr
2006
ISBN (Buch)
9783668811348
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438685
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
1,7
Schlagworte
Berlusconi Public Relations Polit-PR Politiker Wahlkampf Image Italien Korruption Zeitung Analyse Silvio Öffentlichkeitsarbeit

Autor

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Titel: Das Berlusconi-Bild in der deutschen Presse. Eine quantitative Inhaltsanalyse zur Untersuchung des Images von Silvio Berlusconi in ausgewählten deutschen Zeitungen