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"Der Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz. Eine Tragikomödie

Hausarbeit 2018 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Komik und Tragik im „Hofmeister“ und deren Wirkung
2.1 Komische Elemente... 3-
2.2 Tragische Elemente.

3. Formelle Analyse
3.1 Aufbau und Strukturierung des Dramas
3.2 Kritische Bezugnahme auf Lenzens „Anmerkungen übers Theater“

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur.

Einleitung

Lange entbrannte in der Forschung eine Diskussion darüber, wie Jakob Michael Reinhold Lenz‘ Werk „Der Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung“ gattungsspezifisch einzuordnen ist. Der russische Lenz-Biograph und Literaturkritiker M.N. Rosanow bezeichnete den „Hofmeister“ schlicht als „bürgerliches Drama“ und rügte die damals innovative Vermischung aus tragischen und komischen Elementen, die er als gänzlich unkünstlerisch betrachtete.[1] Es wurden auch Stimmen laut, die die Existenz einer Tragikomödie als eigenständige Form vollständig verneinten, wie etwa der Literarhistoriker Samuel Lublinski, der scharf zwischen den Gattungen trennte.[2] Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt vertrat dahingegen die diametrale Auffassung von einer alleinigen Existenzberechtigung der Komödie, da die Tragödie in einer „sinnlosen“ und „grotesken Welt“ nicht mehr möglich wäre.[3] Selbst Bertolt Brecht, der sich seinerzeit einer Neubearbeitung des „Hofmeisters“ annahm, trennte zwischen beiden Gattungen. Für ihn sind „alle beseitigbaren gesellschaftlichen Unvollkommenheiten“ Teil der Komödie, und nicht der Tragödie.[4] Überdies gab es eine Reihe von Autoren, die im „Hofmeister“ gar epische Elemente erkannt haben wollen, darunter Rosanow und Oskar Gluth.[5]

Lenz selbst schien sich in der gattungsspezifischen Einordnung seines Dramas nicht festlegen zu können; so erschien „Der Hofmeister“ als Komödie, wurde von Lenz gelegentlich in Briefwechseln als „Trauerspiel“[6] betitelt, in seiner handschriftlichen Fassung allerdings als „Lust- und Trauerspiel“,[7] was heute äquivalent zu der Bezeichnung „Tragikomödie“ ist, ausgewiesen.

Aufgrund dieser Unstimmigkeiten wird meine Abhandlung der Frage nach der gattungsmäßigen Einordnung des „Hofmeisters“ nachgehen. Dazu erfolgt zunächst eine Konkretisierung der Begriffe „Tragödie“ und „Komödie“, um der formellen und inhaltlichen Analyse des Dramas fähig zu sein. Daraus soll eine Konklusion gezogen werden, inwiefern Lenz seiner Programmatik im Hinblick auf die Vermengung der Genres gerecht wird.

Komik und Tragik im „Hofmeister“ und deren Wirkung

Komische Elemente

Etymologisch lässt sich der Begriff „Komödie“ mit aus dem Griechischen stammenden „komoidia“, was so viel wie „Freudengelage“ oder „Umzug“ bedeutet, erklären.[8] Ursprünglich stammt dieser Terminus aus dem Dionysos-Kult der alten Griechen, entwickelte sich mit der Zeit aber in andere Richtungen.[9] Im deutschen Sprachraum bildete sich etwa im 16. Jahrhundert die Bezeichnung des „Lustspiels“ heraus, was heute synonym zur „Komödie“ verwendet wird.[10] Zahlreiche deutsche Dichter und Denker wie etwa J.C. Gottsched, G.E. Lessing oder F. Schlegel beschäftigten sich mit der Theorie der (modernen) Komödie und beriefen sich auf Autoren aus der Antike; hierbei spielen Aristoteles, Aristophanes und Plautus eine wichtige Rolle. Besonders die antiken Autoren werden, wie noch gezeigt werden soll, von Lenz kritisiert.

Hauptmerkmal der Komödie ist die Darstellung und Übertreibung von Kontrasten.[11] Im „Hofmeister“ wird im Besonderen ein Kontrast explizit hervorgehoben: der Kontrast von Bürgertum und Adel, d.h. Hermann Läuffer, sein Vater Pastor Läuffer, Wenzeslaus, Rehaar und Pätus auf der einen Seite, und die Familie von Berg inklusive den Herren Wermuth und Seiffenblase auf der anderen. Allein der Name der Familie von Berg macht diesen Klassenunterschied deutlich und hebt sie buchstäblich hervor, was beim Leser respektive Zuschauer einen humoristischen Effekt erzeugt. Das Drama ist vor allem durch nicht ernstzunehmende und (bewusst) karikierte Figuren geprägt; an dieser Stelle sind hauptsächlich Läuffer, Wenzeslaus, Graf Wermuth, Pätus und der Major hervorzuheben. Läuffer ist insofern nicht ernstzunehmen, als dass er apriori von Lenz als „Verlierer“ gezeichnet wird: er findet nach seinem Universitätsabschluss keine Anstellung und lässt sich aus ökonomischen Zwängen heraus als Hofmeister[12] bei der Familie von Berg anstellen. Nirgends scheint er richtig anzukommen – weder in der Familie von Berg noch später bei dem Schulmeister Wenzeslaus. Trotz seines Bildungsstandes – denn mit einem Hochschulabschluss scheint er immerhin etwas geleistet zu haben und ein gewisses Bildungsniveau erreicht zu haben – erfährt er regelmäßig in der Familie von Berg Schikanen und Verunglimpfungen. So verspricht der Major ihm beispielsweise am Anfang des Stückes 300 Dukaten Lohn,[13] am Ende soll sein Entgelt auf 40 Dukaten herabgesetzt werden.[14] Des Weiteren wird Läuffer von Leopold von Berg ge-ohrfeigt, woraufhin er sich bei Gustchen beklagt. Er findet letztenendes aber nicht den Mut, gegen diese Demütigungen und Vertragsbrüche weitergehende Schritte einzuleiten, denn wie aus diesem Gespräch zu entnehmen ist, aus Angst vor Konsequenzen.[15] Betrachtet man diese Tatbestände inklusive der zusätzlichen Zurechtweisung Läuffers durch den Major,[16] wird deutlich, dass Lenz Läuffer bewusst in das Licht des „Taugenichts“ gerückt hat. Es wirkt parodistisch und höchst befremdlich, dass sich Läuffer mit seinem Bildungsniveau die Unverfrorenheiten der Familie von Berg gefallen lässt – selbst von dem ungezogenen Sohn, der ihn ohrfeigt, und der Tochter, die es nicht einmal für nötig hält, sich vor dem Fernbleiben des Unterrichts bei Läuffer abzumelden.[17] Einerseits ist in dem Werk eine gewisse deterministische Struktur auszumachen – die Unterschiede in den Ständen scheinen undurchdringbar – andererseits sympathisiert ein großer Teil des Publikums höchstwahrscheinlich nicht mit Läuffer, da er schnell als „Feigling“ abgetan wird. W. Iser bietet hierzu einen interessanten Interpretationsansatz, nämlich dass die lächerliche Darstellung Läuffers beim Publikum den Effekt hat, automatisch mit der Gegenseite zu sympathisieren, und dadurch ab einem gewissen Punkt auf die gesellschaftlichen Missstände aufmerksam gemacht wird.[18] Wenzeslaus, der sich im Laufe des Stückes als geistiger Vater und Vorbild für Läuffer herausbildet, wirkt ebenfalls überzeichnet: er lebt in seinem Mikrokosmos und stuft jedwede sexuelle Handlung als gefährlich ein. Scheinbaren Ersatz für seine entsagte Sexualität bietet ihm seine Pfeife, die er im selben Atemzug mit seiner Mutters Brust nennt.[19] Sein Leben ist durch eine strenge Tagesstrukturierung geprägt, seine harte Arbeit sinnstiftend und für sein Dasein konstituierend. Zudem neigt er dazu, seine Position trotz bürgerlicher Herkunft durch fremdsprachliche Floskeln zu demonstrieren. Dies geschieht auffällig häufig im Zusammensein mit Läuffer. Diese Tatsache diskreditiert den ohnehin schon nicht ernstzunehmenden Läuffer einmal mehr, da er es nicht einmal schafft, sich vor dieser kautzig dargestellten Figur des Wenzeslaus zu beweisen. Ein weiterer Beleg für parodistisch exponierte Figuren findet sich in der des Grafen von Wermuth. Nicht nur, dass sich sein Name von einem bitter schmeckenden Heilkraut ableitet, auch lässt er auf der Seite des Adels stehend Letzteren in keinem guten Licht erscheinen: er prahlt bei annähernd jedem Auftritt, ob es nun mit den Kosten seiner Tanzstunden[20] ist oder seiner Trinkfestigkeit.[21] Dazu kommt, dass er am Anfang des Stückes abfällig mit ironischem Unterton im Beisein Läuffers eine Bemerkung über diesen macht.[22] Dadurch wirkt er auf den Zuschauer überheblich und intrigant. Auch Pätus, dessen Name aus dem Lateinischen übersetzt so viel wie „verliebt blinzelnd“ bedeutet, ist in keiner Hinsicht ernstzunehmen. Er tritt nur im Schlafrock und im Wolfspelz auf, verschuldet sich und vollzieht unüberlegte Handlungen. Als es zu dem von Fritz geforderten Duell mit Rehhaar kommt, zeigt sich Pätus ängstlich und macht mit einer Entschuldigung an Rehhaar einen Rückzug.[23] Auch diese Figur trägt einen erheblichen Teil zur Komik des Dramas bei. Eine groteske Wandlung macht der Major im Laufe des Stückes durch: anfangs allseits gemieden und gefürchtet, später aufgrund seiner Gefühlsausbrüche und intensiver Feldarbeit selbst von der Majorin belächelt.[24] Diese Wandlung kommt gänzlich überraschend, die Konsequenz daraus ist Komik. Ähnlich verhält es sich mit dem geheimen Rath, der zwar von allen Figuren noch am ehesten mit dem heroischen Kraftmenschen des Sturm und Drang verglichen werden könnte, aber dem nach der ersten Szene im zweiten Akt ebenfalls jegliche Glaubwürdigkeit abgesprochen werden kann. Er plädiert auf der einen Seite für öffentliche Schulen, hat aber auf der anderen Seite Läuffer eine Stelle für ein öffentliches Amt verwehrt.

Es ist grob zu sagen, dass jede Figur im „Hofmeister“ eine lächerliche Seite aufweist, deshalb kann aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit nicht näher auf weitere Figuren eingegangen werden. Allerdings sollte noch der parodistische Höhepunkt des Dramas kurz in Augenschein genommen werden: die Schlussszene. In dieser versammeln sich sämtliche zerstrittene Parteien und es kommt zu einer kollektiven Versöhnung: der entmannte Läuffer bekommt eine Frau, Gustchen einen guten Ehemann, der Vater seine vorm Selbstmord gerettete Tochter, Pätus und Fritz gewinnen in der Lotterie, Rehaar erhält einen Schwiegersohn und der alte Pätus seine verloren geglaubte Mutter.

Jedoch scheinen die Voraussetzungen für dieses Zusammentreffen höchst unwahrscheinlich. Lenz lässt die finale Situation durch einen Deus Ex Machina entstehen. Der Effekt, der dadurch entsteht, ist eine Art „erzwungene Harmonie“, denn bei genauerer Betrachtung sprechen keine Frauen in der Schlussszene. Eine Reformation der patriarchalisch-ständischen Ordnung bleibt also völlig aus. Der parodistische Höhepunkt des Stücks wird durch Fritz ausgesprochen und ist dessen unehelichem Kind gewidmet: „Wenigstens, mein süßer Junge! Werd ich dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.“ Der Adel schreibt also dem Hofmeister gänzlich die Schuld an der Misere zu.

Tragische Elemente

Die Tragödie ist vor allem durch einen guten Anfang und ein trauriges Ende gekennzeichnet.[25] Charakteristisch tragisch ist demnach ein unauflöslicher Konflikt, der in einem Desaster mündet.[26] Im „Hofmeister“ finden sich zweifelsohne tragische Komponenten. Jede Figur unterliegt der Macht der ständischen Gesellschaft, deren Strukturen nicht durchbrochen werden können; jeglicher Versuch selbstbestimmten Handelns ohne der höheren Instanz Folge zu leisten scheint tragisch zu enden. Gustchen und Fritz schwören sich ewige Treue, werden dabei allerdings vom geheimen Rath belauscht.[27] Aus dieser Szene folgt schlussendlich die Entfremdung beider, da der geheime Rath es ihnen untersagt, sich zukünftig ohne Aufsichtsperson zu treffen. Darüber hinaus soll Fritz nun länger die Schule besuchen.[28] Das nach Ersatz für Fritz suchende Gustchen geht eine Beziehung mit Läuffer ein, was in dem tragischen Höhepunkt des Dramas endet: die Selbstkastration Läuffers als Akt der Selbstbestrafung. Die ständische Ordnung fordert ihren Tribut: das letzte bisschen Freiheit, über das Läuffer verfügt hat – nämlich der Bestimmung über seine Sexualität – wird zunichte gemacht. Ein Ausgang, den man sich tragischer nicht denken könnte. Auch Pätus‘ Einbruch in Jungfer Rehaars Zimmer und der körperliche Übergriff auf ihren Vater bleiben nicht unbestraft: Pätus soll Rehaar duellieren – was scheinbar auch auf eine Katastrophe hinausläuft.

Markant ist vor allem der mangelnd erfüllte Erwartungshorizont im Hinblick auf Gustchens Situation: nach der (vorehelichen) Beziehung mit einem Bürgerlichen impliziert der Zuschauer entsprechend der gesellschaftlichen Normen im 18. Jahrhundert, wo voreheliche Sexualität praktisch das Todesurteil bedeutete, den Verstoß Gustchens aus der Familie von Berg. Überraschenderweise wird diese Erwartung nicht erfüllt, sondern sogar noch Läuffer die Schuld zugeschoben. Gustchen wird in die Familie reintegriert, als wäre nie etwas vorgefallen. Alle (vermeintlich) tragischen Begebenheiten lösen sich in der bereits erwähnten Schlussszene in Luft auf, außer natürlich die irreparable Kastration Läuffers. Er ist und bleibt somit der Leidtragende.

Lässt man Läuffers Situation außer Acht, findet eine Wendung vom Tragischen ins Komische statt, denn diese Szene ist derart überzeichnet, dass dem Zuschauer damit zusätzlich die Missstände vor Augen geführt werden, besonders aufgrund der Abwesenheit Läuffers in der Schlussszene. Doch trotz anscheinendem Überschuss an Elementen der Komik wiegt die Tragik aufgrund der genannten Punkte ebenfalls schwer.

[...]


[1] Vgl. Parkes, Ford Briton: Epische Elemente in Jakob Michael Lenzens Drama ‚Der Hofmeister‘, Göppingen 1973, S. 2.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd.

[4] Werner, Franz: Soziale Unfreiheit und ‚bürgerliche Intelligenz‘ im 18. Jahrhundert: der organisierte Gesichtspunkt in J. M. R. Lenzens Drama ‚Der Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung‘. In: Saarbrücker Beiträge zur Literaturwissenschaft, Frankfurt / Main 1981, Bd. 5, S. 58.

[5] Vgl. Parkes

[6] Werner S. 64

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Lamping, Dieter (Hrsg.): Handbuch der literarischen Gattungen. Stuttgart 2009, S. 413.

[9] Vgl. ebd. S. 413 - 414

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd. S. 413

[12] Ein „Hofmeister“ war im 18. Jahrhundert die Bezeichnung für einen Privatlehrer, der in adeligen Familien eingesetzt wurde. Ähnlich wie in Lenz‘ Werk dargestellt, mussten Hofmeister oft gegen ein geringfügiges Entgelt arbeiten und waren der Willkür des Adels ausgesetzt.

[13] Lenz, Jacob Michael Reinhold: Der Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung. In: Gesammelte Werke und Schriften Bd. II, hrsg. Von Britta Titel & Hellmut Haug, München 1967, S. 13. Ab sofort nur noch „Hofmeister“ genannt.

[14] Hofmeister S. 40

[15] ebd.

[16] ebd. S. 17

[17] ebd. S. 32

[18] Vgl. Werner S. 79-80

[19] Hofmeister S. 58

[20] „(…) ich habe mir mein Tanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen (...)“, Hofmeister, S. 16

[21] „(…) und zwanzig Bouteillen Champagner dabei ausgetrunken (...)“, Hofmeister, S. 42

[22] „Vermutlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn bestimmt?“, Hofmeister, S. 15

[23] Hofmeister S. 78

[24] Hofmeister S. 42-43

[25] Vgl. Lamping S.722

[26] Vgl. edb.

[27] Siehe Hofmeister S. 20-24

[28] Siehe ebd. S.22

Details

Seiten
12
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668784024
ISBN (Buch)
9783668784031
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438638
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
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Autor

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Titel: "Der Hofmeister oder die Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Michael Reinhold Lenz. Eine Tragikomödie