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Zorn auf der Bühne: John Osbornes 'Look Back in Anger' und das englische Theater der Nachkriegszeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. John Osborne

3. Look Back in Anger – Blick Zurück im Zorn

4. Jimmy Porters Zorn
4.1. Der Ausdruck des Zorns
4.2. Der Zorn und seine Ursachen
4.2.1. Die Situation Englands in den Nachkriegsjahren
4.2.2. Klassengesellschaft und Ehekonflikt
4.3. Die Wirkung des Zorns

5. Osbornes Intention und seine Definition des Zorns

6. Wirkung des Stückes in Öffentlichkeit und dessen Ursachen
6.1 Die Entwicklung des englischen Nachkriegstheaters
6.2. 1956 und die Reaktionen
6.3. Generation Angry Young Man

7. Zusammenfassung

8. Bibliografie

1. Einleitung

Am 8. Mai 1956 wurde in London ein neues Theaterstück aufgeführt, das die englische Theaterlandschaft grundlegend verändern sollte. Es wurde von einer Bühnenrevolution gesprochen, von einer Bombe, die schliesslich explodierte und auf die eine ganze Generation geradezu sehnsüchtig gewartet hatte. Look Back in Anger von John Osborne wurde als Meilenstein gesehen in der Entwicklung des englischen Nachkriegstheaters und hat bis heute nicht wesentlich an Bedeutung eingebüßt.

Das wichtigste Kennzeichen des Stückes wird sofort in der ersten Szene des Werkes deutlich. Hier wird eine Emotion in Szene gesetzt, die dem Ausdruck einer gesamten Generation in England entsprach und die bis zu diesem Zeitpunkt nur wenig Raum auf der Bühne gefunden hatte. John Osborne gab dem Zorn einen dramatischen Ausdruck und benutzte die Stärke dieser Emotion um seine Intention deutlich zu machen. Zum ersten Mal standen Gefühle im Mittelpunkt im Royal Court Theatre am 8. Mai 1956. Gefühle, die nicht unbedingt als angenehm empfunden wurden, sondern vielmehr als schockierend und demaskierend. Die extreme Stärke der Emotion des Zorns wird hierbei als ein Mittel gesehen, um nicht nur die Wut, Enttäuschung und Abscheu gegenüber einem Teil der Gesellschaft deutlich zu machen, sondern vielmehr um den Zuschauer das Gefühl als solches wieder näherzubringen. Osborne versucht somit den Zuschauer zu bewegen seine Einstellung gegenüber der Emotion zu verändern und diese wieder verstärkt zuzulassen. Der Schriftsteller sieht nur im Zorn noch das Mittel dies zu erreichen. Diese Einstellung Osbornes erhellt gleichermaßen die Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft, die zunehmend von Konsum, Anonymität und Korruption gekennzeichnet ist. Im folgenden soll auf die Ursachen des Zorns und die mit der Utilisation der Emotion des Zorns verbundene Intention Osbornes eingegangen werden. Das Gewicht liegt folglich nicht auf einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem Text, sondern vielmehr auf der Darstellung des Zorns im Zusammenhang mit den äuβeren gesellschaftlichen Umständen.

2. John Osborne

John Osborne wurde 1929 in London als Sohn eines Künstlers und einer Kellnerin geboren. Nachdem er 1945 nach einem tätlichen Angriff auf seinen Lehrer von der Schule verwiesen worden war, arbeitete er Anfang der 50 er Jahre nach einer kurzen Tätigkeit als freier Journalist als Schauspieler an mehreren kleine Theatern. Mit seinem Stück Look Back in Anger erlangte seinen Durchbruch als Dramatiker; und es folgten zahlreiche Stücke – mehr oder weniger erfolgreich – bis zu seinem Tod in Shropshire, England. Abgesehen von seinem Erfolg von Look Back in Anger erhielten seine Stücke eine vergleichsweise mäßige Resonanz. Dies ist vor allem durch die Tatsache zu erklären, dass sein Stück Look Back in Anger zum einem bestimmten Zeitpunkt eine Wende des englischen Theaters herbeiführte. Der Inhalt des Dramas war dabei so entscheidend innovativ für die Entwicklung des Theaters, dass die Qualität des Stückes nur zweitrangig war. Nachdem sich jedoch eine neue Theaterlandschaft mit zahlreichen neuen jungen Dramatikern gebildet hatte, wurde Osborne als einer von vielen gesehen, dessen Stücke durchaus ein Publikum fand, dessen Qualität jedoch nicht die große Karriere ermöglichte.

3. Look Back in Anger

Jimmy Porter steht im Mittelpunkt dieses Schauspiels in drei Akten. Der 25jährige Intellektuelle der Arbeiterklasse lebt mit seiner Frau Alison und seinem Freund Cliff in einer Industriestadt im Norden England und betreibt dort einen Süßwarenstand. Die Hauptfigur ist gekennzeichnet durch eine ständige Unzufriedenheit, Aggressivität und einen Abscheu gegenüber der Gesellschaft, in der er sich als Außenseiter fühlt. Alison wird, nachdem sie erfährt , dass sie schwanger ist, durch die Provokationen Porters ins Elternhaus zurückgetrieben. Ihre Position in der Wohnung wird kurzzeitig von ihrer Freundin Helena übernommen. Jedoch kehrt Alison nach dem Verlust ihres Kindes zu Jimmy Porter zurück. Das Stück endet mit einem kindlich-naiven Rollenspiel der beiden Figuren, die die Fragwürdigkeit einer gemeinsamen Zukunft zurückdrängt.

4. Jimmy Porters Zorn

John Osbornes Stück Look Back in Anger hebt sich besonders durch die Umsetzung der starken Emotion des Zorns von anderen dramatischen Werken seiner Zeit ab. Im folgenden Teil der Hausarbeit soll sich mit den gesellschaftlichen Umständen und der Intention dieser Umsetzung des Zorns im Text beziehungsweise auf der Bühne auseinandergesetzt werden.

4.1 Der Zorn und dessen Ausdruck

Der Ausdruck des Zorns durchzieht das gesamte Werk John Osbornes sowohl auf verbaler als auch auf physischer Ebene. Jedoch liegt das Gewicht dieser Hausarbeit nicht auf der detaillierten Auseinandersetzung mit dem Text beziehungsweise der Bühnendarstellung, sondern vermittelt vielmehr einen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung der englischen Nachkriegszeit. Die Anwendung von Regieanweisungen und einer starken Metaphorik im Stück intensivieren den Ausdruck des Zorns und werden durch andere dramatische Mittel komplementiert.

Mit Beginn des Stückes wird sofort die Bedeutung der Regieanweisungen deutlich. Osborne beschreibt seinen Hauptdarsteller, dessen Aussagen von zentraler Bedeutung ist, eingehend.

Jimmy ist eine merkwürdige Mischung aus Aufrichtigkeit, charmanter Bosheit, Zärtlichkeit und Grausamkeit; er ist nervös, ruhelos, eigensinnig und stolz, eine Mischung, die empfindliche und unempfindliche Menschen gleichermaßen abstößt. Dick aufgetragene Ehrlichkeit, auch wenn sie wie bei ihm, echt ist, scheint nicht dafür geschaffen zu sein, sich Freunde zu machen. Die einen finden, dass er in seiner Gereiztheit oft bis an die Grenze des Geschmacklosen gehen kann. Andere sehen in ihm einen Angeber. Durch seine Heftigkeit verliert er beinahe den Kontakt zu seiner Umwelt. (Osborne 1975;13)

Diese Umschreibung ist von besonderer Bedeutung, drückt sie doch den Charakter der Figur aus, die die Entwicklung des englischen Theaters der Nachkriegsjahre verändern sollte. In den folgenden Akten wird durch die Regieanweisungen deutlich wie intensiv er seine Emotionen zum Ausdruck bringt. Wirft er in der ersten Szene seine Zeitung zu Boden und wendet sich schreiend nicht nur an Alison und Cliff, sondern auch an seine Umwelt insgesamt, so wird er auch physisch aggressiv.

Erst durch die Regieanweisungen wird der Darstellung des bezeichnenden Zorns völlig gewährleistet. Osborne unterstreicht, dass dieses dramatische Mittel in den 50er Jahren notwendig war. Die Darstellung einer solch starken Emotion war auf den englischen Bühnen fremd. Regisseure sollten durch die Umsetzung dieser Anweisung schließlich das aufführen, was sich von anderen Stücken abhob und einen Wendepunkt in der Theaterentwicklung darstellte.

At that time, [these stage directions] were necessary to an author if his intentions were to be approximated. Actors, indeed directors, demanded literal signpost, not only about motivation but where they should actually sit down. Those days are long gone. (Osborne 1958; 279)

Rückblickend unterstreicht Osborne die Notwendigkeit der Regieanweisungen. Details mussten im Stück eingearbeitet werden, um den Inhalt und die Realisierung dessen auf der Bühne gewährleisten zu können. Somit ist hier auch der Zorn Jimmy Porters wiederzufinden.

Darüber hinaus wird im Stück Look Back in Anger die Metaphorik benutzt, um die Intensität der Emotionen hervorzuheben. Dies kommt zum Beispiel in Porters Aussage über seine Zukunftspläne zum Ausdruck.

Jimmy: One day, when I’m no longer spending my days running a sweetstall, I may write a book about us all. It’s all there. (Slapping his forehead) Written in flames a mile high. And it won’t be recolllected in tranquility either, picking daffodils with Auntie Wordsworth. It’ll be recollected in fire, and blood. My blood. (Osborne 1993; 53)

Hier drückt die Hauptfigur mit Metaphern von Flammen und Blut seine unabbändige Aggression und seinen nicht enden wollenden Zorn aus. Darüber hinaus wird durch die Gegenüberstellung mit dem Dichter Wordsworth aus dem 19. Jahrhundert deutlich, wie entfernt er ist von der traditionellen englischen Gesellschaft. Harmonie und Ruhe wurden abgelöst und durch emotionale Aufgewühltheit, Wut und Zorn. Durch den Zukunftsbezug wird zugleich deutlich, dass diese Emotion Porters nicht kurzlebiger Natur, sondern eine konstante Emotion ist, die eher noch an Intensität zunehmen wird. Mit der Metaphorik des Zorns setzt sich der Literaturwissenschaftler Kövecses auseinander und hält fest:

In the central metaphor, the scale indicating the amount of anger is the heat scale. But, as the central metaphor indicates, the anger-scale is not open-ended; it has a limit. Just as a hot fluid in a closed container can only take so much heat before it explodes, so we conceptualize the anger scale as having a limit point. We can only bear so much anger before we explode, that is, lose control. (Kövecses 1986; 171)

Osborne bedient sich somit einer weitverbreiteten Metaphorik, die jedem Menschen eingehend verständlich ist und unterstreicht seine Intention dadurch.

Durch seinen Zorn werden auch die anderen Figuren beeinflusst, hier vor allem seine Frau Alison, die unter seinem Zustand leidet und gleichermaßen von dessen Auswirkungen betroffen ist.

Alison: This is what he’s been longing for me to feel. This is what he wants to splash about in! I’m in the fire, and I’m burning, and all I want to is to die!“ (Osborne 1993;94)

Hier ist jedoch die Metaphorik des Feuers als Auswirkung des Zorn von Porter zu sehen. Alison erscheint sich in einer unerträglichen Situation zu befinden, die nur das Brennen im Feuer verbildlichen kann.

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638415552
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43854
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2.0
Schlagworte
Zorn Bühne John Osbornes Look Back Anger Theater Nachkriegszeit

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Titel: Zorn auf der Bühne: John Osbornes 'Look Back in Anger' und das englische Theater der Nachkriegszeit