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Antijudaismen in Psalm 2. Eine Exegese

Seminararbeit 2017 18 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kleine Exegese von Psalm 2
Einordnung des Textes
Übersetzung
Gattung
Gliederung
Literarkritik
Auffälligkeiten in Psalm 2
Ergebnis

Antijudaistische Perspektiven in Psalm 2
Bernhard Duhm
Zur Person
Kommentar
Kommentar Franz Delitzsch
Zur Person
Kommentar
Kommentar Alfred Bertholet
Zur Person
Kommentar

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Mitte des 20. Jahrhunderts gipfelte in Mitteleuropa der Antisemitismus in scheußlich verdichteten Judenhass, der bis zum Massenmord führte. Doch wie weit beeinflusste dies die christliche Theologie? Erfuhr auch diese einen antijudaistisehen Höhepunkt zu Zeiten des zweiten Weltkrieges? Oder führte gar ein stetig mit schwelgendes antijüdisches Bild zur Ideologie der Nationalsozialisten? Dies sind Fragen, die sich im Umfang dieser Hausarbeit nicht beantworten lassen. Dennoch möchte ich einen Blick in ausgewählte Psalmenkommentare zu Psalm 2 des 19. und 20. Jahrhunderts werfen, um festzustellen, in welchem Maße sich antij udai sti sehe Interpretationen und Sprachmuster finden und damit direkt und indirekt Judenfeindlichkeit unterstützen.

Unter dem Begriff Antijudaismus verstehe ich eine hauptsächlich religiöse, genauer christlich-theologisch, begründete Judenfeindschaft. Die Grundlage dieser Feindschaft bezieht sich auf den Vorwurf des ״Christus-” bzw. ״Gottesmordes“. Zudem zeichnet sich eine deutliche Infragestellung bis hin zur Ablehnung des Ranges der Juden als auserwähltes Volk Gottes ab.

Der Antisemitismus hingegen begründet sich antinationalistisch-rassistisch. Oft ökonomisch begründet, weil sie sich, aufgrund der Berufsstruktur der Juden im Mittelalter, auf den Finanz- und Handelssektor spezialisierten. Somit wurden und werden sie als Wucherer und Betrüger bezeichnet.

Eine strikte Trennung der beiden Begriffe ist jedoch kaum möglich. Beide Begriffe wirken sich in der Praxis negativ für die Juden aus und oftmals sind Anschuldigungen weder rein religiös noch rein antinationalistisch geprägt.

In der hier vorliegenden Arbeit werde ich mich zunächst der Exegese von Psalm 2 widmen, um einen besseren Zugang und ein besseres Verständnis des Textes vorzuweisen. Im Anschluss habe ich drei Exegeten ausgewählt, deren Kommentare ich einzeln genauer betrachten und erörtern werde. Bei der Auswahl der Kommentatoren habe ich versucht, eine möglichst breite Zeitspanne abzudecken, um das Stimmungsbild im groben Verlauf des 19. Und 20. Jahrhunderts dazustellen. (Delitzsch: 1873 - Duhm: 1899 -Bertholet: 1923)

Kleine Exegese von Psalm 2

Einordnung des Textes

Übersetzung

1 A) Warum toben die Nationen / B) und sinnen Eitles die Völker?

2 A) Auflehnen sich Könige der Erde, / B) und Fürsten ratschlagen zusammen wider JHWH und seinen Gesalbten

3 A) ״Zerreißen lasst uns ihre Bande / B) und von uns werfen ihre Seile!“

4 A) Der im Himmel Thronende lacht, / B) der Herr spottet über sie:

5 A) Dann spricht er sie an in seinem Zorn, / B) in seiner Glut niederdonnern sie:

6 A) ״Habe doch ich meinen König eingesetzt / B) auf Zion, meinem heiligen Berg!“

7 A) ״Bekanntgeben will ich von meinem Ratschluss! / B) JHWH sprach zu mir: Mein Sohn bist du, / C) ich habe dich heute gezeugt.

8 A) Fordere von mir, ich will dir die Nationen zum Erbe geben, / B) und zu deinem Besitz die Enden der Erde.

9 A) Mit eisernem Stab sollst du sie zerschmettern, / B) wie Töpfergeschirr sie zerschmettern.

10 A) Lind nun, ihre Könige, handelt verständig; / B) lasst euch warnen, Ihr Richter der Erde!

11 A) Dienet JHWH mit Ehrfurcht, / B) und jauchzt mit Zittern!

12 A) Küsst den Sohn, dass er nicht zürne / B) und ihr verloren geht; / C) denn leicht entbrennt sein Zorn. / D) Glücklich alle, die sich in ihm bergen!

Gattung

Zentrales Thema des Psalms ist die Verherrlichung eines Königs auf dem Zion.1 Somit lässt sich dieser in die Familie der Königspalme einordnen. ״Da alle Beispiele dieser Gattung im Psalter zu festlichen Veranstaltungen des fürstlichen Hofes gehören, so ist dasselbe auch für diesen Vorauszusetzen.“2 Konkreter, so behauptet Gunkel, handelt es sich um die Feier der Thronbesteigung.3 Die Rede des Königs selber in Vers 7, lässt darauf deuten, das der Psalm, ״als Lied des Fürsten selber gedacht ist“4. Somit handelt es sich also um ein Lied, welches der judäische König selbst am Feste seiner Thronbesteigung singt.

Gliederung

Psalm 2 lässt sich in 4 Szenen gliedern. Dabei bildet Vers 1-3 den ersten Teil und handelt von der Verschwörung der Fremdvölker und ihrer Könige gegen JHWH und seinen Gesalbten und endet mit einem Zitat aus der Rede der Aufrührer. Im zweiten Teil, Vers 4-6, geht es um die Reaktion JHWHs. Dabei wird der Ort des Geschehens in den Himmel (Teil 1 auf der Erde) verlegt. Auch diese Szene gipfelt in einem Zitat der direkten Rede JHWHs. In Vers 7-9 schildert der Gesalbte durch die Zitation einer JHWH-Rede seine Rolle auf Erden. Der letzte Teil, Vers 10-12, ist eine Aufforderung an die rebellischen Könige, JHWH und dessen Weltordnung anzunehmen.5 Vers 12d hingegen scheint mit der Seligpreisung nicht recht eingliederbar. Somit ist anzunehmen, das 12d redaktionell ist und ״mit Ps. 1,1a den Rahmen des Proömiums Ps 1-2“6 bildet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literarkritik

Es ist davon auszugehen, dass die ״alttestamentlichen Bücher in der Regel nicht auf einen einzigen Autor zurückgehen (können), sondern ihre gegenwärtige Gestalt einer teilweise äußerst komplizierten Entstehungsgeschichte verdanken.“7 Somit ist es Aufgabe der Literarkritik den zu bearbeitenden Text auf seineliterarische Einheitlichkeit hin zu befragen, mögliche Quellen herauszuarbeiten und Schichtungen freizulegen“8. Durch ein genaues Lesen und analysieren des Originaltextes lässt sich herausarbeiten, ob der Text ein sinnvolles Ganzes bildet, das planvoll strukturiert ist oder inhaltliche oder formale Brüche aufweist und somit auf ein Wachstum hindeutet.9

Auffälligkeiten In Psalm 2

Aufgrund seiner formalen und inhaltlichen geschlossenen Struktur erscheint Ps 2 zunächst als einheitlicher Text. Bei näherer Betrachtung lassen sich aber Nahtstellen erkennen, an denen ältere und jüngere Überlieferungen zusammengefügt wurden.“10

In Psalm 2 kommt es zu mehreren Wortwiederholungen. Das Wort“ (Nationen) tritt sowohl in Vers la) wie auch in 8a) auf. Besonders oft fällt das Wort ““ (König) [2a; 6a; 10a], genauso wie das Wort ““ (Erde). [2a; 8b; 10b], Diese Wortwiederholungen sind auf den gesamten Psalm verteilt und übergreifen somit die ganze Handlung.

Ebenso erstreckt sich über den gesamten Psalm das Wortfeld der Gewalt wie zum Beispiel(Zorn; V. 5a),(zerschmettern; V. 9a), oder auch(zerreißen V. 3a),

Hier scheint der Text einheitlich und gibt keine Anzeichen für eine redaktionelle Überarbeitung.

Jedoch gibt die Sprechrichtung Indizien, für eine gegebenenfalls nachträgliche redaktionelle Überarbeitung. In den ersten beiden Abschnitten, redet der Sprecher zunächst keinen erkennbaren, konkreten Adressaten an. Diese beiden Abschnitte enden aber jeweils mit einem Zitat in der wörtlichen Rede. Im dritten Abschnitt (Vers 7-9) kommt der Sprecher von einer allgemeinen Ansprache zu sich und redet konkret über sich und spricht jemanden direkt an: ״Fordere von mir, ich will dir die Nationen zum Erbe geben [...]“ (Vers 8) (2. Person Singular). Im letzten Abschnitt spricht der Sprecher die rebellierenden Könige direkt an, also findet auch hier wieder ein Wechsel der Sprechrichtung statt.

Auffallend ist außerdem ein Ortswechsel. Geht es in den Versen 1-3 noch um die Schilderung eines irdischen Problems, so sind die Verse 4-6 in der Himmelssphäre verortet und beschreiben die Reaktion JHWHs.

Ergebnis

Es lässt sich also vermuten, dass der Sprecher des Psalms, der auf dem Zion thronende König ist, welcher über sein nicht endendes Reich spricht. Es wurde von JHWH geschenkt und steht über allen anderen Nationen, welche hier angesprochen werden.

Das zu Beginn beschriebene Chaos (V. 1-3), wird durch den von JHWH eingesetzten König bezwungen, damit die Weltordnung wiederhergestellt werden kann. Besonders geprägt wird der Psalm dabei von der ägyptischen und hellenistischen Königsideologie.11 Somit wird der König als Gottes Sohn erkannt (Vers 7), welcher ״mit eisernem Stab“ (Vers 9) über alle Nationen regiert. Der Beschluss in Vers 7 ״ist ein Begriff des sakralen Königrechtes. Er bezeichnet die Legitimationsurkunde, das Königsprotokoll, das bei der Inthronisation niedergeschrieben worden ist und forthin den rechtmäßigen Herrscher ausweist.“12 Das heißt aber nicht, dass JHWH wortwörtlich als Zeuger des Königs gilt, sondern lediglich, dass dieser von JWHW adoptiert wurde. ״Das JHWH-Wort des Psalms bedeutet, daß der Gott den König zum Sohne angenommen hat.“13 Die in Vers 8 bis 9 beschriebenen ״‘Gewaltbilder’, die primär Aussagen über den Auftrag des Königs zum Kampf gegen das den Kosmos bedrohende Chaos sind, sind aus heutiger Sicht bereits höchst problematisch“14 und provokativ, welche direkt im letzten Abschnitt (V. 10-12) relativiert werden. Hier ist zunächst nicht klar, wer spricht. Aber auch hier könnte es sich um den Zionskönig handeln, ״der nun gerade nicht ankündigt, das er V.7-9 in konkrete

Politik umsetzt, sondern die Fremdkönige zur Huldigung JHWH auffordert.“15 Der letzte Abschnitt bringt nochmal eine positiv abschließende Perspektive auf.

Anzunehmen ist also, das Psalm 2 durch die Verse 10-12 nachträglich erweitert wurde. Denn sowohl literarisch als auch inhaltlich scheint dieser Abschnitt nicht hundertprozentig ins Schema zu passen. Es scheint sich eher um eine nachträgliche Redaktion zu handeln, die unter der ״Perspektive eines ‘erneuerten’ bzw. messianischen Königtums“16 nach dem babylonischen Exils entstand.

Antijudaistische Perspektiven in Psalm 2

Bernhard Duhm

Zur Person

Bernhard Duhm (1847-1928) war Professor für Altes Testament in Göttingen, sowie in Basel. Sein hauptsächliches Forschungsgebiet war die Prophetie.17 Den Psalter betrachtet er als ein ״religiöses Volksbuch“18. Es war nicht, wie allgemein angenommen, das Gesangbuch der Tempelgemeinde, sondern sei vielmehr für private Devotion.19 Außerdem zweifelt er an der literarischen Qualität des Psalters. ״Stil und poetische Ausdrucksmittel halten sich im Allgemeinen innerhalb der Grenzen eines bescheidenen dichterischen Vermögens und machen keine hohen Ansprüche an die geistige Bildung des Lesers.“20 Auch wenn er damit keine allgemeine ״Herabsetzung der Hebräischen Poesie“21 ausdrücken möchte, erhält man dennoch den Eindruck, ״dass seine Bewertung mit seiner Verunglimpfung des Judentums als einer ,religio des Nomismus’ (Duhm, S.3) usw. zusammenhängt.“22

[...]


1 Vgl. Gunkel, Hermann: Die Psalmen, übersetzt und erklärt von Hermann Gunkel. Göttingen 61968, s. 5.

2 Ebd. s. 5.

3 Vgl. Ebd. s. 5.

4 Gunkel: Psalmen, s. 5.

5 Vgl. Zenger, Erich; Merklein, Helmut (Hrsg.): Stuttgarter Neues Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon. Stuttgart 52010, s. 1041.

6 Ebd. s. 1041.

7 Becker, Uwe: Exegese des Alten Testaments. Ein Methoden- und Arbeitsbuch. Tübingen ^2011, s. 41.

8 Becker: Exegese, s. 41.

9 Vgl. Ebd. s. 55.

10 Saur, Markus: Die Königspsalmen. Studien zur Entstehung und Theologie. Berlin New York 2004, s. 27.

11 Vgl. Hossfeld, Frank-Lothar; Zenger, Erich: Die Psalmen, Bd. 1. Psalm 1-50. Würzburg 1993, s. 50.

12 Kraus, Hans-Joachim: Psalmen 1-63, 1. Teilband, Neukirchen-Vluyn 1972, s. 18.

13 Gunkel: Psalmen, s. 7.

14 Zenger; Merklein: Stuttgarter Neues Testament, s. 1041. (Hervorhebung im Original)

15 Ebd. s. 1041.

16 Zenger; Merklein: Stuttgarter Neues Testament, s. 1041.

17 Bauer, Uwe F. w.: Rachgier, Lohnsucht, Aberwitz, eine Analyse antij udai sti scher Interpretationen und Sprachmuster in Psalmenkommentaren des deutschen Protestantismus im 19. und 20. Jahrhundert. In: Müller, Hans-Peter; Welker, Michael; Zenger, Erich (Hrsg.): Altes Testament und Moderne. Wien Münster 2009, s. 17f.

18 Duhm, Bernhard: Die Psalmen. In: Marti, Karl (Hrsg.): Kurzer Hand-Commentar zum Alten Testament. Freiburg i. B. Leipzig Tübingen 1899, s. XXIV.

19 Vgl. Bauer: Rachgier, s. 18.

20 Duhm: Psalmen, s. XXV.

21 Ebd. S. XXV.

22 Bauer: Rachgier s. 18.

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668785922
ISBN (Buch)
9783668785939
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438268
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Schlagworte
Antijudismen Psalm2 Altes Testament Exegese Antijudismus Antisemitismus Bernhard Duhm Franz Delitzsch Alfred Bertholet

Autor

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Titel: Antijudaismen in Psalm 2. Eine Exegese