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Wenn Pflege krank macht. Auswirkungen häuslicher Pflege auf pflegende Angehörige

Hausarbeit 2018 20 Seiten

Pflegewissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

1 Herausforderungen des Pflegealltags

2 Psychische Auswirkungen der häuslichen Pflege auf pflegende Angehörige

3 Physische Auswirkungen der häuslichen Pflege auf pflegende Angehörige

4 Weitere Auswirkungen der Pflege auf pflegende Angehörige
4.1 Der Faktor Zeit
4.2 Auswirkungen auf das Berufsleben pflegender Angehöriger
4.3 Finanzielle Belastung pflegender Angehöriger

5 Geschlechterspezifische Unterschiede

Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Psychische Störungen und Verhaltensstörungen

Abb. 2 Psychische Belastungen bei pflegenden Angehörigen

Abb. 3 Anzahl der Muskel-Skelett-Erkrankungen bei pflegenden und nicht-pflegenden Angehörigen.

Abb. 4 Pflegeerfahrung der Deutschen.

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Durchschnittlicher Zeitaufwand der Hauptpflegepersonen nach Tätigkeitsbereichen und Pflegestufen in Stunden.

Einleitung

Mehr als 2,8 Millionen Menschen waren 2015 in Deutschland pflegebedürftig - Tendenz steigend (vgl. Statistisches Bundesamt nach Statista 2015a). Den Hauptgrund für den Anstieg liefert der demografische Wandel, im Zuge dessen die Menschen immer älter werden. Künftig wird pflegenden Angehörigen damit eine noch größere Bedeutung in der Pflege zuteil als heute, denn bereits 2015 wurden 71% der pflegebedürftigen Menschen zuhause versorgt (vgl. Statistisches Bundesamt nach Statista 2015b).

Mit der immensen Verantwortung als größter informeller Pflege- und Betreuungsdienst der Gesellschaft gehen bei den pflegenden Angehörigen auch hohe Belastungen einher. Beginnend mit der Diagnose einer chronischen Krankheit können sowohl die Bewältigung des Alltags als auch physische Beanspruchungen, das Ausmaß der Pflege, die Erkrankungsdauer sowie die zeitliche Beanspruchung ebenso Stressoren für die Angehörigen darstellen wie die emotionale Belastung, die veränderte Beziehung zu den Pflegebedürftigen, Schuldgefühle, Einsamkeit und Isolation. Aufgrund dieser vielfältigen gesundheitlichen Auswirkungen häuslicher Pflege begeben sich pflegende Angehörige in Gefahr, selbst zu Patienten zu werden. Sie werden daher auch als „hidden patients“ oder „second victims“ bezeichnet (vgl. Posch-Eliskases et al. 2015b, S.12).

Im Endbericht des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG) wird die Belastung pflegender Angehöriger wie folgt zusammengefasst: „Pflegende Angehörige werden häufiger krank und sind anfälliger für stressbedingte Krankheiten als die Durchschnittsbevölkerung. Die Belastungen aus der Pflege sind zumeist über einen längeren Zeitraum im häuslichen Umfeld existent und dieser Umstand wirkt sich verstärkend auf das pathogene Potenzial der Pflegebelastungen aus. Eine kontinuierliche Belastung aus der Übernahme einer Pflegeaufgabe stellt sich sehr schnell ein.“ (BMSK 2005, S. 42).

Aufgrund der starken aktuellen Relevanz der Thematik soll es das Ziel dieser Arbeit sein, konkrete Belastungsfaktoren sowie deren wissenschaftlich belegte Auswirkungen auf pflegende Angehörige zusammenfassend und übersichtlich darzustellen. Hierfür werden zunächst die Tätigkeitsbereiche informell Pflegender skizziert. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden dann sowohl psychische als auch physische Auswirkungen der täglichen Belastungssituation pflegender Angehöriger dargestellt. Nachfolgend wird auf weitere Auswirkungen der Pflegeübernahme eingegangen. Im Rahmen dessen wird geklärt, ob aus der zeitlichen Einbindung pflegender Angehöriger berufliche Einschränkungen und/oder finanzielle Einbußen resultieren. Abschließend wird die Geschlechterverteilung pflegender Angehöriger dargestellt. Hierbei wird auch auf geschlechterspezifische Unterschiede bei der Belastungsempfindung sowie den Auswirkungen der Belastung eingegangen. Dies erfolgt, da es für die im Fazit dargestellten möglichen, zukünftigen Implikationen von Bedeutung ist.

1 Herausforderungen des Pflegealltags

Häusliche Pflege ist wahrlich eine Vollzeit-Aufgabe. Durchschnittlich stehen 64% der Hauptpflegepersonen[1] ihrem unterstützungsbedürftigen Angehörigen rund um die Uhr zur Verfügung. Etwa 26% sind mehrere Stunden am Tag und acht Prozent mehrere Stunden wöchentlich anwesend (vgl. Schneekloth et al. 2003, S. 22).

Um dem zu Pflegenden gerecht werden zu können gehören vielfältige Verrichtungen zu den Tätigkeitsbereichen pflegender Angehöriger. Hierunter fallen zum einen die Körperpflege (Waschen, Duschen, Baden, Zahnpflege, Kämmen, Rasur, Darm- oder Blasenentleerung), Unterstützung bei der Ernährung (mundgerechte Zubereitung und Aufnahme der Nahrung), aber auch Hilfestellung bei der Mobilität (Aufstehen und Zu-Bett-Gehen, An- und Auskleiden, Gehen, Stehen, Treppen steigen, Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung) sowie die hauswirtschaftliche Versorgung (Einkaufen, Kochen, Reinigen der Wohnung, Spülen, Waschen, Beheizen). Zum anderen bedarf es auch der Fürsorge in Form von Betreuung und Beaufsichtigung (z.B. Hilfen zur Alltagsgestaltung, „nach dem Rechten schauen“), durch die Begleitung zu Arztbesuchen bzw. ärztlich angeordneten Therapien, für die Organisation der Pflege und die Regelung bürokratischer Angelegenheiten (z.B. Anträge ausfüllen, Post beantworten, Telefonate, Abstimmung mit anderen Helfern) (vgl. Hielscher et al. 2017, S. 55).

Je beeinträchtigter ältere Menschen werden, desto mehr steigen auch ihre körperlichen Ansprüche. Zahlreiche alltägliche Situationen erfordern großen Kraftaufwand und sind ohne zusätzliche Hilfe nicht zu bewältigen (vgl. Schulz et al. 1995 nach Posch-Eliskases et al. 2015b, S.12). Pflegende Angehörige sind daher mit immensen Belastungen konfrontiert. Sie sind gezwungen ihren Alltag neu zu strukturieren und innerfamiliäre Rollen neu zu verteilen. Wenn sie zudem noch berufstätig sind, kommt es schnell zu einer Dreifachbelastung zwischen Familie, Pflege und Beruf, welcher zu große psychische Druck führen kann. Hinzu kommt die körperliche Anstrengung der Pflege. Die Gesamtheit dieser divergenten Belastungen kann krank machen. Daher soll im nachstehenden Kapitel zunächst auf die psychischen Belastungen und im darauf folgenden Kapitel auf die körperlichen Beschwerden pflegender Angehöriger eingegangen werden.

2 Psychische Auswirkungen der häuslichen Pflege auf pflegende Angehörige

Es gibt diverse Studien die sich mit der psychischen Belastung pflegender Angehöriger auseinander gesetzt haben. Eine dieser Studien führte die DAK-Gesundheit im Jahr 2015 durch. Um zu validen Aussagen zu gelangen, hat sie die Daten von rund 12.000 pflegenden Angehörigen sowie einer ebenso großen nicht pflegenden Vergleichsgruppe erhoben und diese beiden Gruppen miteinander verglichen. Die Personen beider Gruppen waren dabei ähnlich strukturiert, beispielsweise bezüglich ihrer Berufstätigkeit. Zudem bestand die Vergleichsgruppe überwiegend aus weiblichen Probanden, um der Tatsache gerecht zu werden, dass hauptsächlich Frauen häusliche Pflege durchführen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass durchschnittlich mehr als die Hälfte (55% aller Personen zwischen 45 und 70 Jahren) aller pflegenden Angehörigen von psychischen Beschwerden betroffen sind (Abb. 1). Bei der Vergleichsgruppe sind lediglich 39,5% der Probanden mit psychischen Problemen belastet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Psychische Störungen und Verhaltensstörungen. Eigene Darstellung in Anlehnung an DAK-Gesundheit 2015, S. 25

Weiterhin zeigte sich, dass in der Vergleichsgruppe die jüngeren Personen deutlich seltener betroffen sind. Bei den unter 45-Jährigen sind es 31%, bei den über 45-Jährigen 48%. Bei den pflegenden Angehörigen machte das Alter wiederum nur einen marginalen Unterschied aus (vgl. DAK-Gesundheit 2015, S. 24f).

Durch die Neustrukturierung des Alltags, die häufig mit verminderter Freizeit einher geht, ist auch das Umfeld der Pflegenden betroffen. Dies kann zur Vernachlässigung sozialer Kontakte und damit auch zu Konflikten führen. Letzten Endes geraten pflegende Angehörige nicht selten in eine Spirale der Überbelastung, welche eine gesellschaftliche Isolation zur Folge hat. Die häufigste psychische Erkrankung unter pflegenden Angehörigen sind Depressionen. Diese äußern sich durch eine gedrückte Stimmung, morgendliche Müdigkeit sowie eine mehr oder minder ausgeprägte Antriebslosigkeit. Die Betroffenen fühlen sich niedergeschlagen und vereinsamt. Laut den Ergebnissen der DAK-Gesundheit leiden durchschnittlich fast 20% der pflegenden Angehörigen unter depressiven Episoden. In der Vergleichsgruppe sind hingegen lediglich zwölf Prozent betroffen. Auch hierbei zeigten sich altersabhängige Unterschiede. Bei den Probanden unter 45 Jahren ist dies stärker ausgeprägt. Hierbei leiden etwa 17% der pflegenden Angehörigen an Depressionen wobei es bei der Vergleichsgruppe knapp neun Prozent sind. Bei den Probanden über 45 Jahren ist dieser Unterschied weniger ausgeprägt (20% der Pflegeperson, 15% in der Vergleichsgruppe) (vgl. DAK-Gesundheit 2015, S. 25f).

Eine weitere Querschnittstudie, die bei pflegenden weiblichen Angehörigen von Schlaganfall-Patienten durchgeführt wurde, überprüfte depressive Symptome und deren Tagescortisolwerte. Hierbei gaben, ebenso wie in der DAK-Studie, die jüngeren Teilnehmerinnen signifikant höhere Ausprägungen an depressiven Symptomen an. Die Teilnehmerinnen wiesen hohe Niveaus an Stress, wahrgenommener Belastung und depressiven Symptomen, sowie eine schlechte Schlafqualität auf. Diejenigen, die depressive Symptome stärker erlebten, empfanden auch Stress, Belastung und verminderte Schlafqualität intensiver als die die eine schwache depressive Verstimmung verspürten (vgl. Saban et al. 2012, S. 400f).

Auch die Techniker Krankenkasse (TKK) hat hierzu durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa 2013 eine Studie, in Form computergestützter Telefoninterviews mittels strukturierten Fragebogens, durchführen lassen. Hierbei wurden 1000 Personen zu ihrem Stresslevel sowie zu Auslösern und Folgen von Stress befragt. Diese Stichprobe wurde nach Geschlecht, Alter, Bildung und Region gewichtet. Das Geschlechterverhältnis hält sich etwa die Waage (49% Männer, 51% Frauen) (vgl. Bestmann et al. 2014, S. 42). Bei dieser Studie gaben fast 70% pflegender Angehöriger an, dass sie manchmal oder häufig gestresst seien. Zudem leidet etwa jeder zweite an Schlafstörungen und 40 % gaben an, das Gefühl des Ausgebranntseins zu kennen. Insgesamt 25% erlitten in den vorangegangenen Jahren psychische Erkrankungen wie Burn-out, Depressionen oder Angststörungen wie in der nachfolgenden Grafik (Abb. 2) zu erkennen ist (vgl. Bestmann et al. 2014, S. 11f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Psychische Belastungen bei pflegenden Angehörigen. Eigene Darstellung in Anlehnung an Bestmann et al. 2014, S. 11

Daraus wird die außerordentliche Belastungssituation, in welcher sich viele pflegende Angehörige befinden, erkenntlich. Auf verschiedenen Ebenen wirkt zugleich Stress auf sie ein. Pflege bedeutet, dass Angehörige auch Intimitäten teilen müssen, welche die Schamgrenze überschreiten können, etwa bei der Körperpflege oder dem Toilettengang. Verschlechtert sich der gesundheitliche Zustand eines lieben Menschen, kann dies ebenso Stress auslösen. Verändert sich ein zu pflegender Mensch in Folge einer Demenz und wird seinen Angehörigen gegenüber abweisend oder gar aggressiv, ist dies für die Pfleger oft sehr belastend (vgl. DAK-Gesundheit 2015, S. 25). Laut den Ergebnissen des Deutschen Alterssurveys fühlte sich 2014 etwa ein Drittel (32%) der pflegenden Angehörigen stark oder sehr stark belastet (vgl. Klaus et al. in Mahne et al. 2017, S. 195).

Des Weiteren stellt sich die Belastungssituation der pflegenden Angehörigen entsprechend der Grunderkrankung der zu Pflegenden unterschiedlich dar. Beispielsweise zeigt sich die Pflege von Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium sowie von Demenz- und Alzheimer-Patienten als belastender für die Angehörigen als bei anderen Pflegesituationen mit körperlich gebrechlichen Menschen (vgl. Pinquart et al. 2003, S. 254f). Ebenso stellt die Pflege von Menschen nach einem Schlaganfall oder mit einer Demenz eine größere Belastung dar, aufgrund der Beeinträchtigung mentaler Funktionen dieser Patienten (vgl. Andren et al. 2005, S.165).

[...]


[1] Hauptpflegepersonen sind informelle Pflegepersonen mit und ohne Verwandtschaftsgrad, die die Hauptver- antwortung für die Organisation und das Funktionieren des Pflegearrangements tragen und die Pflege- und Unterstützungsarbeit nicht professionell bzw. beruflich ausüben. (vgl. Hielscher et al. 2017, S. 45)

Details

Seiten
20
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668783041
ISBN (Buch)
9783668783058
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438164
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule der Pallottiner Vallendar – Pflegewissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
wenn pflege auswirkungen angehörige

Autor

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Titel: Wenn Pflege krank macht. Auswirkungen häuslicher Pflege auf pflegende Angehörige