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Das unsichtbare Selbst: Das Weg-Ziel-Modell und die Eigenschaften und Funktionen der katalysatorischen Größen in Gustav Meyrinks Roman "Das grüne Gesicht"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Das Weg-Ziel-Modell und die Eigenschaften und Funktionen der katalysatorischen Größen in Gustav Meyrinks Roman Das grüne Gesicht
II.1 Die Ausgangsphase und das auslösende Ereignis
II.2 Die katalysatorischen Größen

III Schlußbetrachtung

IV Literaturangaben

V Versicherung

I Einleitung

Gustav Meyrinks Roman Das Grüne Gesicht, der in dieser Arbeit behandelt werden soll, wurde im Jahre 1916 veröffentlicht und fällt damit in eine Schaffensphase Meyrinks, die seine bekanntesten Werke mit der Thematisierung okkulter Denk- und Handlungsweisen sowie einer Behandlung verschiedener religiöser und spiritueller Richtungen hervorbrachte. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang Der Golem (1915), Walpurgisnacht (1917), Der Weisse Dominikaner. Aus dem Tagebuch eines Unsichtbaren (1921) und später Der Engel vom westlichen Fenster (1927). Im behandelten Roman wird der Leser in extenso mit den Ausprägungen okkulter und religiöser Modelle konfrontiert, die zwischen tief in der Person verwurzeltem okkultem Heilspotential, wissenschaftlich-rationalem Umgang mit Mythen und Glaubensstrukturen bis hin zu religiösem Wahn reichen.

Neben einer übermenschlichen Wesenheit mit grünem Gesicht weist der Roman ein vergleichsweise sehr großes menschliches Figureninventar auf, dessen größerer Teil auffallend groteske Züge trägt und sich damit von demjenigen Teil der Figuren abhebt, die sich durch ein entscheidendes Merkmal hervortun: Sie alle scheinen funktionalisierte Begleiter des Helden, Fortunat Hauberisser, zu sein, der vom „Fremden“[1] zum „Bürger zweier Welten“[2] wird und damit letztlich das im Kontext des im Roman formulierten okkulten Systems „höchste(…) Erwachen“, das Heilsziel erreicht.

In dieser Arbeit soll anhand des von Marianne Wünsch entwickelten „‚Weg’-‚Ziel’-Modells“[3] der Weg des Helden nachvollzogen und die diesbezügliche Funktionalisierung der katalysatorischen Größen genauer untersucht werden. Dabei soll sowohl analysiert werden, auf welche Art die Figuren dem Helden direkt zur Seite stehen, als auch, welches Denksystem sie verkörpern und wie dieses mit der Text- und Epochenideologie vereinbar ist. Besonderes

Augenmerk wird der Tatsache geschenkt werden, daß Hauberisser hier eine vorbestimmte „Gefährtin“[4] zur Seite gestellt bekommt, die den gleichen Weg geht, um eine Art ‚geistiger Hochzeit’ mit dem Helden zu halten.

Ich werde mich im Rahmen dieser Arbeit darauf beschränken, die oben genannte ergiebige Untersuchung Marianne Wünschs heranzuziehen, eine von Margit Hamann im Jahre 1998 eingereichte Magisterarbeit zu dem Thema Merkmale, Status und Funktion von Helfer- und Verführer-Figuren in ausgewählten Romanen Gustav Meyrinks[5] wird nicht weiter berücksichtigt werden, da die in der Arbeit vorgenommene, sehr strikte Klassifizierung und Benennung der Helfer- und ‚Verführer’-Figuren innerhalb der vorliegenden Arbeit eine Diskussion verlangte, die deren Rahmen sprengte.

II Das Weg-Ziel-Modell und die Eigenschaften und Funktion der katalysatorischen Größen in Gustav Meyrinks Roman Das grüne Gesicht

II. 1 Die Ausgangsphase und das auslösende Ereignis

Wünsch erarbeitet in ihrer Schrift zur fantastischen Literatur der Frühen Moderne die Weg-Ziel-Struktur, genauer „die biographische Erzählung von einem Helden mit Weg-Ziel-Struktur“[6] als ein grundlegendes narratives Modell fantastischer und nicht-fantastischer literarischer Texte. Dabei gehe es entscheidend um das Erreichen der beiden Werte „‚Leben’ im emphatischen Sinne“[7] und „Selbstfindung“[8]. ‚Leben’ im emphatischen Sinne meint ein „intensives, gesteigertes, erfülltes“[9] Leben, welches sich außerhalb der als defizitär empfundenen Normen desjenigen kulturellen, sozialen Systems befindet, in dem der Held den Zustand des Nicht-Lebens oder des Nicht-Selbstbesitzes erfährt.[10] Das Erreichen des emphatischen Lebens kann aber nur gelingen, wenn der Held sich zunächst der unbefriedigenden Lage, in der er sich befindet, bewußt wird, um dann durch einen „Auf- oder Ausbruch“[11] den erstrebenswerten Zustand herzustellen. Dem Zustand des emphatischen Lebens ist eine Instabilität inne, es ist „immer von Verlust bedroht“[12] und muß unter immer neuen Anstrengungen wiederhergestellt werden. Das gleiche gilt auch für das Konzept ‚Person’: „‚Person’ wird zu einem im Prinzip unabschließbaren Prozeß“[13], doch das Streben nach ‚Person’ ist kohärent mit dem Streben nach ‚Leben’. Hier ist eine wichtige Unterscheidung zwischen Figurenklassen zu unternehmen, jenen nämlich, die nicht nach ‚Leben’ und damit nicht nach ‚Person’ suchen (und damit neutral oder negativ bewertet sind) und denjenigen, denen der Dauerzustand der anderen ein Ausgangszustand ist, der als defizitär empfunden wird. Diese Figuren werden positiv bewertet.[14]

Weiterhin sind zu unterscheiden

„die realisierte Person, das, was das Subjekt im gegebenen Zeitpunkt tatsächlich ist, und ein unrealisiertes Potential dieser Person, d.h. eine Menge noch unverwirklichter Möglichkeiten, deren Existenz man in diesem Denksystem [der Frühen Moderne, T.H.] annimmt. Das heißt mit anderen Worten: in dieser Kultur wird angenommen, daß nichts von außen in die Person hineinkommt, daß somit alles, was sie überhaupt sein und werden kann, als Potential in ihr vorhanden ist: alle möglichen Lebensgeschichten des Subjekts sind somit schon durch dieses Potential festgelegt.“[15]

Schließlich besteht eine kulturelle Differenzierung zwischen dem Ich, also dem bewußten Teil der Person, und dem Nicht-Bewußten. Wünsch nennt hier für das Unbewußte sowohl das „personale und subjektspezifische Unbewußte als auch Nicht-Bewußtes ganz anderer Art, das z.B. biologischer (…) oder soziologischer (…) Natur sein kann.“[16]

In Meyrinks Roman Das Grüne Gesicht wird der Held in einer auffälligen Weise eingeführt: ungewöhnlich für das Vorhandensein einer allwissenden Erzählinstanz, ist zunächst die Rede von einem „vornehm gekleidete[n] Fremde[n][17]. Ihm entgegengestellt wird die „Menge (…), die ihn in holländisch bärenhafter Plumpheit umdrängte“[18], konkretisiert durch die Beschreibung der Straßenjungen, von denen ein deformiert-schwachsinniges Bild gezeichnet wird, dem Devotion genauso innewohnt wie Bedrohlichkeit:

„…die Hände tief in die unförmlich weiten blauen Leinwandhosen vergraben, mit krummem Rücken, eingezogenem Bauch und gesenkten Hintern, dünne Gipspfeifen durch die roten Halstücherknoten gesteckt,[19] sich in schlurrenden Holzschuhen faul und schweigsam hinter ihm drein[schiebend].“[20]

Zum einen hebt das Epitheton fremd den Helden hier positiv von der Masse ab, zum andern konstituiert es den Grundgedanken der Unbehaglichkeit, dem zugleich eine Hierarchisierung von Figurenklassen inhärent ist, die den Helden im Unterschied zur amorphen Masse auf die Position eines elitären Einzelgängers festlegt.

Eine weitere Dimension des Begriffes fremd eröffnet sich, wenn er subjektspezifisch betrachtet wird, denn er kann auch bedeuten, daß der Held sich selbst fremd ist. Dies wird deutlich, wenn man betrachtet, zu welchem Zeitpunkt sein Name bekannt wird; es gehen diesem Zeitpunkt nämlich mehrere entscheidende Vorfälle voraus: Schauplatz ist ein „Vexiersalon“[21], also ein trügerischer oder be trügerischer Ort, den der Held „neugierig geworden oder um der Menge nicht länger als Zielscheibe zu dienen“[22] betritt. So werden also für den Helden sowohl eine diffuse interne Motivation (Neugier) als auch eine Abneigung gegenüber gesellschaftlichen Zuständen zu auslösenden Faktoren, den Laden in Augenschein zu nehmen. Im Schaufenster und im Ladeninneren wird er konfrontiert mit einer überdeutlichen Binarität von trügerischer Oberfläche und geheimnisvoller Tiefe, wobei die verborgenen Dinge ausschließlich mit Normverletzungen im Bezug auf Sexualität korreliert sind. Als Beispiele wären die mit Transparent-Farben gemalten Bildchen zu nennen, die „üppige Damen im Hemde, den Brustlatz schamhaft festhaltend“[23] zeigen, und die „tegen het licht te bekijken“[24], also ‚gegen das Licht zu betrachten’ sind. Ferner eine ganze Reihe Bücher mit absurd-beliebigen Titeln, die eher ein konservatives Bildungsbürgertum ansprechen, hinter dem Schmutzblatt sich hingegen als „Sodom- und Gomorrabibliothek“[25] entpuppen, oder die hinter einer „mit trauten Familienszenen bemalt Klappe“[26] [sic!] auftauchende leicht bekleidete Dame, die „mit verschleimter Stimme“[27] ein vulgäres Lied singt. Wünsch weist darauf hin, daß die „initialen Normverletzungen“[28], die dem Weg zum emphatischen Leben vorausgehen, „primär, aber nicht ausschließlich, im Bereich der Normen statt[finden], die das Sexualleben regeln, wie denn auch solches emphatisches Leben primär in einer höchstbewerteten erotischen Beziehung gesucht wird.“[29] So wird auch der Held nicht in dem Maße von den schlüpfrigen Artikeln entsetzt wie ein „fluchtartig das Weite [suchender]“[30] Handelsherr: „Obschon mit der Sittenreinheit nordischer Völkerstämme wohlvertraut, konnte sich der Fremde dennoch die übermäßige Verwirrung des alten Herren nicht recht erklären.“[31]

Der Namensgebung geht allerdings noch eine weitere, entscheidende Begebenheit voraus: Wurde bisher eine Konstituente Unbehaglichkeit und Entfremdung (Vexierung) der kulturell normalen Realität[32] geschaffen, so wird dem Fremden durch die Erscheinung des grünen Gesichts, begleitet von einem somnambulen Zustand,[33] ein entscheidender Anstoß zur „Reinterpretation der Welt und des eigenen Selbst“[34] gegeben und durch ein selbständiges Herantreten der okkulten Welt an den Helden die Möglichkeit eines Zieles in dieser eröffnet:[35]

[...]


[1] Meyrink, Gustav: Das Grüne Gesicht. Ein Roman. Furth im Wald / Prag, 2003, S. 9.

[2] A.a.O., S. 294.

[3] Vgl. hierzu Wünsch, Marianne: Die Fantastische Literatur der Frühen Moderne (1890-1930). München, 1991, S. 227 ff.

[4] Meyrink: Gesicht, a.a.O., S. 149.

[5] Hamann, Margit: Merkmale, Status und Funktion von Helfer- und Verführer-Figuren in ausgewählten Romanen Gustav Meyrinks. Univ. Mag., Phil. Fak., Kiel, 1998.

[6] Wünsch: Fantastische Literatur, a.a.O., S. 228.

[7] Ebd.

[8] A.a.O., S. 229, zit. nach Titzmann, Michael: Das Konzept der ‚Person’ und ihre ‚Identität’ in der deutschen Literatur um 1900. In: Pfister, Manfred (Hrsg.): Die Modernisierung des Ich. (Passauer Interdisziplinäre Kolloquien, Bd. 1), Passau, 1989, S. 36-52.

[9] Ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] A.a.O., S. 230.

[14] Vgl. ebd.

[15] Wünsch: Fantastische Literatur, a.a.O., S. 230. Hervorhebungen im Original.

[16] A.a.O., S. 230 f.

[17] Meyrink: Gesicht, a.a.O., S. 5, Hervorhebung T.H.

[18] Ebd.

[19] Im Übrigen eine Knochenhalsband-Analogie zum mit höchster Bedrohung gleichgesetzten wilden Neger Usibepu, worauf noch näher eingegangen wird; vgl. Meyrink: Gesicht, a.a.O., S. 261.

[20] Ebd.

[21] Meyrink: Gesicht, a.a.O., S. 5.

[22] Ebd., Hervorhebung T.H.

[23] A.a.O., S. 6.

[24] Ebd.

[25] A.a.O., S. 12.

[26] Ebd.

[27] A.a.O., S. 13.

[28] Wünsch: Fantastische Literatur, a.a.O., S. 229.

[29] Ebd.

[30] Meyrink: Gesicht, a.a.O., S. 13.

[31] Ebd.

[32] Vgl. hierzu Wünsch: Fantastische Literatur, a.a.O., S. 232.

[33] Dieser Begriff ist festgelegt auf den Magnetismus, eine im 18. und frühen 19. Jahrhundert für Aufsehen sorgende nicht-medikative Heilmethode, der heutigen Hypnose im Grundzuge ähnlich, und bezeichnet einen nicht selbst-kontrollierbaren Wachschlaf, in dem der Geist aufs höchste sensibilisiert ist. Es wird an späterer Stelle noch darauf eingegangen werden.

[34] Wünsch: Fantastische Literatur, a.a.O., S. 232.

[35] Vgl. ebd.

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638415354
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43812
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien
Note
1,3
Schlagworte
Selbst Weg-Ziel-Modell Eigenschaften Funktionen Größen Gustav Meyrinks Roman Gesicht Fantastische Erzähltexten

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