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Malmesbury Abbey und das Programm des Südportals

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 33 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Forschungsstand

Das Südportal

Deutung und Interpretation

Illustrierte Manuskripte als Vorlage?

Fazit

Literaturverzeichnis

Bild- und Quellenverzeichnis

Anhang

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit entstand im Zuge des Aufbauseminares ״Mittelalterliche Portalprogramme". In dieser Arbeit werde ich den Blick nach England wenden; genauer gesagt in den Südwesten Englands, nach Wiltshire, zur Gemeinde Malmesbury. In der ältesten Gemeinde Englands steht die Malmesbury Abbey, eine Abtei mit vielen Vorgängerbauten und einem berühmten Südportal.

Im Jahre 1531 zog Sir Harold Brakespear die Aufmerksamkeit auf einen Brief von Papst Alexander III. an den Bischof von Worcester und den Bischof von London. Gegenstand der Forschung ist hierbei die Weihe der Kirche. Laut Brakspear wurde dieser Brief mit dem Datum 11. Februar und dem Ort Vesta unterschrieben. Er datierte das Datum falsch auf das Jahr 1163. Papst Alexander III. war laut Kit Gailbraith allerdings nur einmal in Vesta und zwar im Jahre 1177. Eine Weihe musste also unmittelbar zu diesem Zeitpunkt bevorstehen. Deswegen geht er davon aus, dass die Weihe bis 1180 stattgefunden haben muss. Die Arbeit am Südportal müssen gegen 1170 begonnen worden sein.[1] Castineiras datiert dagegen den Bau der neuen Abteikirche auf die 1140er Jahre. Demnach hätte man um 1150 mit dem Südportal begonnen. Die Weihe setzt er auf das Jahre 1177 fest.[2] Zu dem verantworlichen Künstler ist leider nichts bekannt.

Die Abtei wurde über Jahrhunderte immer weiter zerstört und steht heute nur noch in Überresten. Auf der Südseite des romanischen Baus liegt das massive Südportal. Dieses Portal weist ein detailliertes romanisches Portalprogramm auf, welches in dieser Wertigkeit seinesgleichen in Großbritannien sucht.

In dieser Arbeit möchte ich zunächst den Forschungsstand diskutieren. Was wurde in der Vergangenheit zur Malmesbury Abbey und dem Südportal verfasst und welche Thesen werden in der Literatur vertreten? Weiterführend werde ich mich detailliert mit dem Portal und seinen Darstellungen befassen. Woher kam der Künstler? Können wir dazu Aussagen treffen? Welche Einflüsse sind am Portalprogramm des Südportals erkennbar? Anschließend werde ich ausgehend von der Forschungsliteratur und ihrer Thesen Vergleiche zu anderen Objekten herstellen und prüfen, ob diese ikonografisch und kunstgeschichtlich zutreffend sind. Zum Abschluss ziehe ich mein Fazit und prüfe, inwieweit Malmesbury von anderen Objekten und Werken beeinflusst worden ist.

Der Forschungsstand

Die Abtei von Malmesbury wurde in der Forschungsliteratur in einigen Werken und Aufsätzen behandelt. Zu den wichtigsten Werken gehört hierbei M.R. James mit ״On the Sculptures of the South Portal of the Abbey Church at Malmesbury", welches schon 1900/ 1901 publiziert wurde. Fritz Saxl schrieb über die Malmesbury Abbey in ״English Sculptures of theTwelth Century" (1954) und к. Gailbraith verfasste einen Aufsatz mit dem Titel ״The Iconography of the Biblical Scences at Malmesbury Abbey" (1965), wo er sich in erster Linie mit den Ursprüngen und der Flerkunft der dargestellten Szenen beschäftigt und diese in Relation zu verschiedenen Manuskripten und Wandmalereien setzt. All diese Werke waren Grundlage für das Werk ״The Sculptures of the South Porch of Malmesbury Abbey. A Short Guide by M.Q. Smith", welches 1975 von dem Verein ״Friends of Malmesbury Abbey" publiziert wurde. Die Arbeit von Smith wird Grundlage dieser Arbeit sein. Zudem befasse ich mich mit dem Aufsatz ״The Frieze at Malmesbury" von Lech Kalinowski, welcher nicht nur die Ausarbeitungen am Portal behandelt, sondern auch Vergleiche zu anderen Werken zieht. Kalinowski vertritt die These, dass Malmesbury in Verbindung zu Chartres steht. Dies wird an dem Vergleich der beiden ikonografischen Programme deutlich. Außerdem zieht er Vergleiche zu den Kathedralen von Moissac, Lincoln und Rochester. 2015 erschien unter dem Titel ״The Romanesque Portal as Performance" eine Lesung von Manuel Castineiras. Dort sprach er über die Intentionen, welche hinter dem Portalprogramm von Malmesbury Abbey stehen könnten und welche Wirkung damit erzeugt werden sollte. Insgesamt muss man allerdings feststellen, dass die englische Literatur zur Malmesbury Abbey spärlich ausfällt, die deutsche Literatur nicht vorhanden ist und keine großen Aufsätze und Werke nach 1992 zu diesem Thema entstanden sind. Dieses Feld darf nun also beackert werden.

Das Südportal

Verlässt man den Marktplatz von Malmesbury Abbey und läuft über den nahen Friedhof nach Norden, so steht man unmittelbar vor dem massiven und weitläufigen romanischen Südportal der Malmesbury Abbey (Anhang, S.17 oben). Der Bau lässt auf einen lokalen, spätromanischen Stil schließen, der hier starken Einfluss des angelsächsischen Stiles aufweist.[3] Positioniert man sich mittig vor dem Portaleingang, so fällt auf, dass das Portal in drei Bereiche zu gliedern ist. Zuerst ist da das vordere Rundbogenportal. Schreitet man dieses durch, so wird man von zwei Tympana an den Seitenwänden links und rechts flankiert. Vor einem liegt nun direkt ein weiteres Portal, das heutzutage durch eine Glastür geschlossen wird. Diese Ausschmückungen der Vorhalle werden von Kalinowski als Triptychon bezeichnet, da sie Bezug zueinander nehmen.[4] Die kleine Vorhalle wird über ein Rippengewölbe zur Decke hin abgeschlossen (Anhang, S.19 oben). Auffällig hierbei ist, dass die Seitentympana jeweils größer sind, als das Tympanon in der Mitte. Diese Skulpturen seien laut Kalinowski für die Außenfassade gedacht und im Nachhinein an einen rechteckigen Platz hinzugefügt worden. Die Flanken dominieren, der mittlere Teil wirkt gequetscht.[5]

Das Vorhallenportal zur Kirche hin wird durch drei Archivolten umgeben. Jeder Bogen weist eine andere Ordnung auf. Es finden sich florale und geometrische Formen wieder, die sich über die Bögen als Muster verteilen. Eine Figur in einer Mandorla und mit Nimbus, getragen von zwei symmetrischen Engeln, bildet das Zentrum. Die Figur, welche einen Umhang trägt und lange Flaare und einen Bart hat, kann in der Mitte als Christus charakterisiert werden. Im Flintergrund sitzt Christus auf einem Regenbogen, seine linke Hand hält ein Buch, die rechte Hand ist angehoben, wahrscheinlich zum Segensgestus, über den Engeln und Christus sind am Rand des Tympanons ״Zick-Zack" Linien mit Punkten. Dies könnten Wolken sein. Der Türsturz darunter zeigt keine figürliche Darstellung, sondern eine florale Ornamentik.

Die Seitenwände zeigen jeweils sechs Männer nebeneinandersitzend, eingefasst in halbkreisförmigen Tympana. Sie sitzen auf einer Bank, welche durch rechteckige und kreisförmige Ausarbeitungen verfeinert wurde. Ihre nackten Füße ruhen auf einem Gesims. Darunter ist ein vierbogiger Rundbogenfries mit ״Zick-Zack" Muster. Links und rechts wird die Arkade durch Säulen und Kapitelle abgeschlossen. Die Doppelbogenarkade ist durch ein ״Zick-Zack" Muster geschmückt, über den vier mittleren Männern ist jeweils ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln horizontal positioniert. In seinen Händen hält er einen Gegenstand, möglicherweise war dies eine Schriftrolle mit Inschrift. Bei diesen Männern handelt es sich daher um die zwölf Apostel. Dies wird daran deutlich, wie einzelne Figuren dargestellt wurden. Zwei von ihnen können wir sicher identifizieren: Auf der Westseite der Vorhalle sitzt, dem zweiten Portal am nächsten, eine Figur mit einem Schlüssel in der rechten und einem Buch, abgestützt auf dem Bein, in der linken Hand. Diese Darstellungsweise ist typisch für Petrus. Der Schlüssel in seiner Hand wäre in diesem Fall der Schlüssel zum Himmelreich. Sein Blick ist starr, er geht geradeaus auf die gegenüberliegende Figur der Ostseite der Vorhalle. Petri Gegenstück auf der Ostseite wird gebildet von einer Figur mit langem Bart, Gewand, wenigen Haaren und einem Buch in der linken Hand. Sein Blick richtet sich direkt auf das mittlere Tympanon des zweiten Portals. Man kann sicher davon ausgehen, dass es sich hierbei um Paulus handeln muss. Er reagiert am heftigsten auf das, was er sieht. Er blickt direkt auf das zentrale Tympanon mit der Majestätsfigur.[6] Alle Apostel haben komplett ausgearbeitete Beine, die Arme zeigen in verschiedene Richtungen, die meisten Arme deuten allerdings in Richtung zweites Portal, also ins Innere der Kirche. Ihre Beine sind leicht ausgebreitet, die Füße teilweise gekreuzt. Die Apostel sind in Paaren dargestellt. Es erscheint so, dass sie sich rege unterhalten würden. Einige sind in Meditation versunken und haben den Kopf gesenkt. Von zwölf Apostel sind sechs mit Büchern dargestellt. Ein Apostel trägt eine ungeöffnete Schriftrolle.

Das Hauptportal der Vorhalle misst eine Breite von ca. 5,5m. Das Südportal ist ein dreistufiges, offenes Rundbogenportal, welches nicht durch einen hervorgehobenen Kämpfer unterteilt wird und somit einen fließenden Übergang bildet. Zudem ist kein Tympanon vorhanden. Insgesamt sind es acht Ordnungen, drei davon zeigen in Medaillons gefasst, ein Figurenprogramm. Die anderen fünf trennen die verschiedenen Bögen stark voneinander und bilden zudem eine innere Ordnung zur Portalöffnung hin. Vorgelagert sind zwei große und ein kleiner Rundbogen. Große Teile des Programms sind wetterbedingt zerstört.[7] Das Figurenprogramm selbst muss inhaltlich geordnet werden. Insgesamt werden in 78 Medaillons Szenen aus der Bibel, einem Tierkreislauf, den Tugenden und Lastern sowie Szenen der Arbeit dargestellt (Anhang, S.17 unten). 38 Medaillons zeigen Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament und müssen von innen nach außen im Uhrzeigersinn gelesen werden. Weitere 32 zeigen Tiere, Engel und andere Figuren. Acht Medaillons, jeweils vier auf jedem äußeren Rundbogen im unteren Bereich, zeigen die Tugenden und die Laster.[8] Smith vermerkt, dass es sich auch um den Zodiak, Monatsbilder und die freien Künste halten könnte.[9] Der biblische Zyklus beginnt mit dem Buch Genesis. Hier finden sich im innersten Bogen von links nach rechts die Darstellungen der Szenen Erschaffung des Adam, Erschaffung der Eva, Gottes Verbot, Der Sündenfall, Adam und Eva verstecken sich, Gott ruft Adam und Eva, Vertreibung aus dem Paradies, Engel reicht Spaten und Stab, Adam und Eva arbeiten, Eva säugt Kain, die Opfer von Kain und Abel (Anhang, S.27). Die weiteren Darstellungen im mittleren Rundbogen zeigen Szenen aus der Genesis und Taten großer biblischer Figuren, wie Noah, Abraham, Moses und David. Dazu gehören hier die Darstellungen Gott warnt Noah, Noah baut die Arche, Noah in der Arche, Abraham bietet Isaak zum Opfer an, Abraham findet den Widder, Gott zeigt Abraham die Sterne, Moses und der brennende Busch, Moses zerschlägt den Stein, Moses erhält die zehn Gebote, Samson und der Löwe, Samson und das Tor von Gaza, Samson zerstört den Tempel, David rettet das Lamm, David besiegt Goliath (Anhang, S.17 oben).

Der äußerste Bogen zeigt die Szenen aus dem neuen Testament. Dabei wird das Leben, Sterben und die Auferstehung Christi thematisiert. Gezeigt werden Die Verkündigung, die Geburt Jesu, Verkündigung an die Hirten, die drei heiligen Könige, Jesus im Tempel, Taufe Christi, Einzug in Jerusalem, das letzte Abendmahl, die Kreuzigung, die Grablegung, die Auferstehung, die Himmelfahrt, Pfingsten (Anhang, S.30). Die mittleren und inneren vertikalen Medaillons auf beiden Seiten wurden stark zerstört und sind kaum zu identifizieren. Hier sind Fische, sitzende Figuren, Tänzer, stehende Figuren, Engel, ein Hahn und ein Widder positioniert, was man zusammenfassend als einen Tierkreislauf bezeichnen könnte.[10]

Betrachtet man als Beispiel die Grablegung Christi (Anhang, S.22 unten), so fällt auf, wie detailreich die Medaillons gestalten worden sind. Es finden sich nicht nur angedeuteter Edelsteinschmuck, sondern auch Verzierungen an den Kleidern, welche fein ausgearbeitet wurden. Abgeschlossen wird das Medaillon durch einen Rahmen mit Rauten- und Kreismuster. Sehr schön sind die Details der Ordnungen sichtbar. Linksunten sieht man ein Rautenmuster, welches florale Elemente aufweist und rechtsoben wird zur Unterteilung dagegen ein Geäst gezeigt, welches ebenfalls fein ausgearbeitet wurde. Die Szene der Grablegung selbst zeigt Jesus, in Tüchern eingewickelt und von Joseph und Nicodemus ins Grab gelegt. Das Hintergrundmuster ist ebenfalls typisch für die Romanik. An den Personen erkennt man sehr gut, dass der Künstler den Figuren unterschiedliche Gewänder gegeben hat und auch auf die Ausführungen der der Haare und der Bärte geachtet hat. Zudem wird die Körpersprache der Figuren sehr anschaulich gemacht. Die rechte Person im Bild zeigt offenkundig starke Gefühle von Trauer. Auch wenn viele Medaillons nicht mehr erhalten sind oder stark zerstört wurden, so zeigen die Ausführungen doch deutlich, dass der Künstler sich große Mühen für eine detaillierte Darstellung der Szenen gemacht hat.

Deutung und Interpretation

Bei der ikonografischen Deutung muss man vor allem das Triptychon der Vorhalle in den Fokus rücken. Die zwölf Apostel auf den beiden Seiten in Verbindung mit Christus in einer Mandorla, umgeben von zwei Engeln, müssen als ein Ganzes gesehen werden (Anhang, S.21 u. 22). Die Forschungsliteratur diskutierte in der Vergangenheit die Frage, ob die dargestellte Szene mit Christus und seinen Aposteln eine Darstellung des Jüngsten Gerichts, der Himmelfahrt Christi sei oder eine andere ikonographische Deutung in Frage kommen würde. Zarnecki bezieht sich auf die Engel auf der West- und Ostseite der Vorhalle und lenkt den Fokus auf den Gegenstand, den beide in ihren Händen halten, die Schriftrolle. Laut ihm sei davon auszugehen, dass diese beiden eine Kolorierung hatten. Castineiras und Kalinowski sind sich sicher, dass die Vorlage der beiden Engel in der Kirche von st. Laurence in Bradford-on-Avon zu finden ist, auch, weil die Orte in der gleichen Grafschaft Wiltshire liegen (Anhang, s. 20 u. 23). Dennoch geht man bei den beiden Engeln davon aus, dass sie in Bradford einer Kreuzigungsgruppe angehörten und nicht in Verbindung mit den Aposteln präsentiert wurden.[11] Die Engel unterscheiden sich dennoch in der Ausarbeitung des Steines und in ihrer Form und Ausdehnung.[12] Eine Inschrift ist allerdings bei den Engeln in Malmesbury nicht mehr vorhanden. Diese hätten weitere Auskunft über die Szene geben können.[13]

Trotzdem ist sich Zarnecki sicher, dass der Ruhm Christi und seiner Schüler beim jüngsten Gericht dargestellt wird.[14] Kalinowski sagt in seinem Aufsatz, dass man der Ikonografie vertrauen muss, da fehlende Inschriften und Kolorierung die Identifikation der Szene schwermachen. Weiterhin schreibt er, dass Jesus oft in Szenen des Jüngsten Gerichts so gezeigt wird, aber ein Bezug zur Eschatologie vorhanden sein muss und dies an dieser stelle fehlt.[15] Die Darstellung der vier Evangelistensymbole fehlt in Malmesbury, was am Portail Royal in Chartres (ca.1150) sehr gut sichtbar ist (Anhang, s. 24, unten) und auch in Rochester aufgegriffen wird (Anhang, s. 22). Die Kathedrale von Lincoln weist mit einer Entstehung ab 1140 als einzige ein älteres romanisches Portalprogramm auf, als das in Malmesbury (Anhang, s. 19 unten). Zarnecki zog zudem einen Vergleich zwischen den Aposteln in Malmesbury und denen am Himmelfahrtsportal in Chartres am Portail Royal (Anhang, s. 25). Die sitzenden Apostel hätten eine ungewöhnliche Position, welche man in Chartres wiederfinden würde. Laut Kalinowski handelt es sich bei diesem Spiel mit der Position von Fuß und Beinen um eine bekannte Praxis in mittelalterlicher Kunst, die Einzug in viele verschiedene Kunstformen erhalten hat. Trotz einiger stilistischer Unterschiede kann man feststellen, dass jeweils drei Figurenordnungen existieren: Ein von Engeln gestützer Christus, fliegende Engel in Kontakt mit den Aposteln und sitzende Schüler, welche durch Christus zu Überbringern der Botschaft werden. Die größten Unterschiede bestehen im Fehlen des Türsturzes bei Malmesbury sowie die Versetzung der Engel auf die flankierenden Tympana. Des Weiteren wurde die Anzahl der kommunizierenden Engel von vier auf zwei in Malmesbury reduziert. Auch die Taube wurde nicht nach Malmesbury übernommen, welche in Chartres nahe des Christi Hauptes positioniert wurde. Kalinowski ist sich sicher: Malmesbury und Chartres zeigen dennoch dieselben Szenen der Himmelfahrt Christi.[16] Smith ist sich ebenfalls sicher, dass ein französischer Einfluss gegeben ist und verweist auf die Pilgerrouten ab Poitiers Richtung Santiago de Compostela.[17] Castineiras lenkt den Fokus auf ein anderes Blickfeld. Für ihn sind die Darstellungen des Portals ein Ruf der Selbstbestätigung. Unter dem Bischof Roger Sarum wurde die ehemalige autonome Abtei einem Prior unterstellt. Erst durch den neuen Abt Peter Moraunt konnte diese Würde wiederhergestellt werden. Eine neue Kirche sollte demnach gebaut werden, deren Portalprogramm wir heute in Teilen bestaunen dürfen. Castineiras führt fort, dass er die Aposteldarstellungen mit der Klostergemeinschaft verknüpft sieht. So sieht er in den sich gegenübersitzenden Aposteln einen klösterlichen Chor mit Glaubensbrüdern beim Gebet gefüllt.[18]

Diese These sieht er darin bestätigt, dass eine steinerne Ausbuchtung unter den Aposteln auf jeder Seite als leere Bank verstanden werden kann. Auf diese Weise wäre der direkte Kontakt zu den Gläubigen, Pilgern und allen anderen Besuchern gegeben. Zu beachten ist auch die Blickrichtung der Apostel. Einige schauen den Betrachter direkt an, andere verweisen auf Petrus, welcher wiederum auf Paulus schaut und dieser das Tympanon mit Christus betrachtet. Auf diese Weise wird der Betrachter mitgenommen und ״abgeholt". Er ist Adressat und fühlt sich dem Geschehen näher. Castineiras vermerkt zudem, dass Petrus in seiner Darstellung einem Mönch nahekommt. All dies seien für Castineiras Indizien für die Rückbesinnung auf vergangene Errungenschaften. Der große Gelehrte und Abt Aldhelm ist in Malmesbury Abbey begraben. Dieser Sachverhalt lockte Pilger und andere Reisende an. Vom Marktplatz durchquerte man laut Castineiras also in erster Linie ein Portal, welches den Markt vom Kloster trennte. Das Südportal der Abtei eröffnete einem somit den Weg vom Abteigelände zur Kirche und damit auch zum Grab seines Heiligen, st. Aldhelm.[19] Unter Aldhelm war die Abtei nur dem Heiligen Stuhl unterstellt. Die Darstellungen am äußeren Portals, die Tugenden und Laster sowie der Tierkreislauf und die Arbeiten zeugen laut Castineiras davon, dass hier die Weisheit, personifiziert an St. Aldhelm, gezeigt und verehrt werden soll. Abschließend verweist Castineiras darauf, dass die damalige Rückbesinnung auf die Vergangenheit, in Form eines Anglo- Sächsischen Stiles, auch in der Wahl einer illustrierten Manuskriptvorlage, den Bezug zur glorreichen Vergangenheit herstellen konnte.[20] Laut Castineiras ging es dem Künstler des Portals um die Identifikation mit der Vergangenheit und die Stärkung klösterlicher Gemeinschaft.

Smith ist sich sicher, dass keine andere Kathedrale in England neue Erkenntnisse über die Herkunft der Steinschnitzereien am Südportal liefern kann. Er plädiert dafür, die unzähligen Manuskripte genauer zu beleuchten, über den unbekannten Künstler schreibt Smith, dass er kein Anfänger war. Zarnecki und Smith erwähnen den Gedanken, dass der Künstler möglicherweise aus Frankreich, Saintonge stammen könnte.[21] Eine andere Theorie ist, dass der Künstler über Old Sarum, nach Lincoln und dann nach Malmesbury gereist ist. Smith setzt allerdings dagegen, dass er den Künstler von Malmesbury als mindestens eine Generation jünger ansieht. Zudem hat der Meister von Malmesbury keine Schule hinterlassen und gehörte damit wohl zu den letzten Anhängern des Romanismus in Britannien.

Illustrierte Manuskripte als Vorlage?

Auch der biblische Zyklus am äußeren Portal ist ein interessanter Gegenstand in der Forschung. Mit welchen Werken kann man diese figürlichen Ausschmückungen vergleichen? Fakt ist, dass solche massiven Figurenportale in Verbindung mit großen Rundbögen typisch für die Spätromanik sind. Gerade in Südwestfrankreich existieren dazu einige Musterbeispiele. Diese sind Chartres und Aulnay. Gerade die Frage nach den bildlichen Vorlagen für die Ausgestaltung des Südportals bei Malmesbury sollte Auskunft darüber geben. In der Forschung wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert, wie ein gewisser räumlicher Einfluss, Auswirkungen durch Wanderbewegungen, Z.B. Pilgern, auf die inländische Kunst haben könnte. Diese Bewegung vollzog sich in Südwesteuropa vor allem auf den Wanderrouten nach Santiago de Compostela.[22]

Die Adam und Eva Szene ist ein frühchristliches Motiv, welches charakteristisch für die Genesis benutzt wurde. Die ersten sieben Medaillons weisen eine direkte Parallele zum Aelfric Manuskript in Reihenfolge und ikonografischer Darstellung auf, d.h., dass die illustrierten Bibelstellen von Aelfric als Vorlage gedient haben könnten. Sechs von sieben Bildkompositionen sind exakte Spiegelungen des Aelfric Manuskripts. Aelfric war einer der wichtigsten angelsächsischen Gelehrten und war verantwortlich für unzählige Manuskripte und Illustrationen. Er starb 1020.[23] Ein weiteres wichtiges Manuskript stellt das Junius Manuskript dar, welches in der alten Forschung bei Gailbraith fälschlicherweise noch dem Dichter Caedmon zugeordnet wurde. Dieses Junius Manuskript weist ebenfalls zahlreiche Darstellungen zum Buch Genesis und Exodus auf.

[...]


[1] Gailbraith, Iconography, s. 39.

[2] Castineiras, Romanesque Portal, s. 8.

[3] Smith, South Porch, s. 5.

[4] Kalinoswki, Romanesque Frieze, s. 85.

[5] Kalinoswki, Romanesque Frieze, s. 85.

[6] Kalinoswki, Romanesque Frieze, s. 86 ff..

[7] Smith, South Porch, s. 10.

[8] Smith, South Porch, s. 27.

[9] Ebenda, s. 12.

[10] Ebenda, s. 27.

[11] Castineiras, Romanesque Portal, s. 12.

[12] Smith, South Porch, s. 10.

[13] Kalinoswki, Frieze, s. 85.

[14] Ebenda, s. 85.

[15] Ebenda, s. 85f.

[16] Kalinowski, Frieze, s. 90.

[17] Smith, South Porch, s. 10.

[18] Castineiras, Romanesque Portal, s. 8.

[19] Castineiras, Romanesque Portal, s. 12.

[20] Castineiras, Romanesque Portal, s. 14.

[21] Smith, South Porch, s. 14.

[22] Smith, South Porch, s. 10.

[23] Gailbraith, Iconography, s. 40.

Details

Seiten
33
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668782587
ISBN (Buch)
9783668782594
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v438093
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
2,70
Schlagworte
malmesbury malmesbury abbey england romanik

Autor

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Titel: Malmesbury Abbey und das Programm des Südportals