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Schule in Südtirol in der Zeit bis zum Ende des II. Weltkriegs: Bildung und Identität

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 27 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I: Einleitung:

II: Geschichtlicher Überblick

III: Einleitende Betrachtung von Ethnizität:
Allgemeine Theorien und regionalspezifisch

VI: Südtirols Schulwesen vor 1918

V: Die Südtiroler Schule unter italienischer Herrschaft
a.) Die Zeit vor der faschistischen Machtergreifung (1919-1922)
b.) Unterdrückung durch den Faschismus, Beginn des organisierten Wiederstandes

VI: Die Zeit des II. Weltkrieges (1939-1945)
a.) 1940-1943
b.) 1943-1945

VII: Zusammenfassung und Schluss

VIII: Quellenverzeichnis
a.) Literatur
b.) Internetquellen

Wenn ich im folgenden von Südtirolern, Lehrern, etc spreche, sind immer auch Südtirolerinnen, Lehrerinnen, etc gemeint.

I: Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Schulsystem in Südtirol und dessen Rolle als Identitätsstifter für die Bevölkerung, insbesondere aber für Kinder und Jugendliche. Außerdem soll untersucht werden inwieweit die geschichtlichen Ereignisse Rückwirkungen auf die vermittelte Bildung haben. Interessant ist das in Südtirol drei verschiedene Sprach- und Kulturgruppen zusammenleben, was im Laufe dieses Jahrhunderts immer wieder zu Spannungen führte. Aufgrund des beschränkten Rahmens dieser Arbeit, liegt das Augenmerk dieser Untersuchung auf dem Zeitraum bis zum zweiten Weltkrieg.

Schule und Kultur hängen zusammen, bedingen und erhalten einander. Wenn das Bildungssystem ein fremdes Kultursystem vermittelt muss es zwangsläufig zu Spannungen und Reibereien mit der eigenen Kultur kommen, was die Identitätsfindung und -bildung von Kindern und Jugendlichen natürlich beeinträchtigt. Wie eng Schule, Politik und Kultur zusammenhängen verdeutlicht ein Zitat des italienischen Zivilverwalters aus der vorfaschistischen Zeit vor dem römischen Senat: „Die Südtirol- Politik wird zu drei Viertel in der Schule gemacht. Der Kampf zwischen den Volksgruppen spielt sich vorwiegend in der Schule ab. Die Schule bringt den Kindern nicht nur das Lesen, Schreiben und Rechnen bei, sondern führt sie in ein bestimmtes Kultursystem ein; sie vermittelt mit der Sprache und mit der gesamten Führung des Unterrichts und der Erziehung auch Denkformen, Traditionen und Einstellungen, die die Identität einer Sprachgruppe bestimmen. Sie ist - ob sie es sich eingesteht oder nicht - immer ein Werkzeug der politischen Bildung.“[1]

Schule wird als politisches Werkzeug missbraucht und verfolgt die Ziele eines Regimes die verschiedenen Volksgruppen durch Entnationalisierung zu einem homogenen Volk, zu vereinen versucht. Das diese Bestrebungen scheitern müssen wird nicht in Betracht gezogen. Statt die Vorteile einer multikulturellen Gemeinschaft zu nutzen versucht die Regierung die deutsche Kultur auszumerzen. Die Schule vergisst ihre Hauptaufgabe, die Bildung, und stürzt ihre Schützlinge in einen Identitätskonflikt.

Die wechselvolle Geschichte Südtirols spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, deswegen soll zu Beginn ein Überblick darüber vermittelt werden. Im folgenden werden allgemeine Überlegungen über Ethnizität angestellt, die sich dann speziell auf Südtirol beziehen. Der Hauptteil der Arbeit geht chronologisch vor, wobei durch die geschichtlichen Geschehnisse eine Dreiteilung gewählt wurde (1.:die Zeit bis zum ersten Weltkrieg; 2.: die Zeit zwischen den Weltkriegen; und 3.: die Zeit während des zweiten Weltkrieges.)

Im Kapitel Zusammenfassung und Schluss werden die gesammelten Erkenntnisse noch einmal komprimiert dargestellt und die Auswirkungen der damaligen Zeit auf die Gegenwart bezogen.

II: Geschichtlicher Überblick

Südtirol gehörte bis 1918 zu Tirol, die große Mehrheit der damaligen Bevölkerung war deutschsprachig. In Italien hatte sich 1861 ein Königreich gebildet, und die Idee eines italienischen Nationalstaates („Risorgimento“) wurde geboren. Darauf folgte die Zeit des „Irredentismo“ in der die italienischen Gebiete vor allem Trient und Triest eingegliedert werden sollten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Italien Stimmen nach der natürlichen Grenze Italiens (Wasserscheide, Brenner) laut, die schließlich von Ettore Tolomei so formuliert wurden: „I l possesso del Brennero e il possesso di Trieste non l‘avremo mai senza guerra. Viva la sacra guerra!“[2]

Nach Ausbruch des I. Weltkrieges wahrte Italien zuerst seine Neutralität, trat aber, nachdem England und Frankreich im Londoner Vertrag Italien die Grenze bis zum Brenner zugesichert hatten, 1915 in den Krieg ein. Die Grenze war nur schwach besetzt und leicht einzunehmen. Nach dem Ende des Krieges wurde Südtirol Italien zugesprochen. Es wurden keinerlei Regelungen für den Umgang mit der deutschsprachigen Mehrheit oder den Ladinern getroffen. Die Ladiner, obwohl eine eigene Volksgruppe, verknüpften in einer Erklärung ihr Schicksal mit dem der deutschsprachigen Volksgruppe.

Der König sicherte den neuen Provinzen Selbstverwaltung zu, aber nachdem 1922 die Faschisten unter Mussolini die Regierung übernommnen hatten, begann die Unterdrückung der Deutschsprachigen. Tolomei wurde als Senator eingesetzt, und sein Italienisierungsprogramm (Rückführung) wurde konsequent umgesetzt. Die alleinige Amtssprache war fortan Italienisch, der Deutschunterricht verboten, die deutschen Orts- und Familiennamen ins italienische übersetzt (Toponomastik). Südtirol hieß von nun an „ Alto Adige“ (Oberetsch) . Für Neubauten wurde ein italienischer Stil gefordert und die Neuansiedlung von Italienern wurde stark gefördert. Das in Bozen errichtete Siegesdenkmal mit der Inschrift: „Hinc excoluimus ceteros lingua, legibus, artibus[3], erregte großen Zorn. Auch die Industrie wurde durch Steuererleichterungen angelockt und um Bozen angesiedelt. Die Arbeitsplätze wurden größtenteils von den zugezogenen Italienern besetzt. Das Hitler- Mussolini Abkommen stellte die Deutschen und die Ladiner vor die Wahl nach Deutschland umzusiedeln (Option). Es kam zu starken Spannungen innerhalb der „Dableiber“ (14 %) und der „Geher“ (86 %). Letztlich entschieden sich jedoch der Großteil zum Wegzug, der aufgrund der Kriegsereignisse allerdings nie in diesem Masse stattfand. Als 1943 schließlich Deutschland Südtirol besetzte litten vor allem die „Dableiber“ unter der Naziherrschaft, da sie sich gegen Deutschland und für Italien, meist aus Liebe zur Heimat Südtirol, entschieden hatten. Nach dem Ende des Krieges gründete sich die SVP (Südtiroler Volkspartei) die das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol forderte. Im Pariser Friedensvertrag wurde, aus verschiedenen politischen Gründen heraus, Südtirol wieder Italien zugesprochen. Das Gruber- Degaspari Abkommen zwischen Österreich und Italien sicherte den deutschsprachigen Gleichbehandlung, zweisprachige Ortsnamen und das Recht, Unterricht in der Grund- und Mittelschule in der Muttersprache zu haben, zu. Die italienisierten Familiennamen konnten wieder gewechselt werden und die Ämter- und Arbeitsverteilung sollte nach dem Verhältnis der Volksgruppen (Proporz) aufgeteilt werden.

1948 wurde das erste Autonomiestatut verabschiedet, Südtirol wurde mit dem Trentino zusammengefasst, so dass die deutschsprachigen in der Minderheit waren. Der kontinuierliche Zuzug von Italienern nach Südtirol tat ein übriges um die Stimmung gegen die mangelnde (obwohl versprochene) Selbstverwaltung anzuheizen. In den 60er Jahren kam es zu terroristischen Anschlägen was dazu führte das Österreich die unbefriedigt gelöste Südtirolfrage vor die UNO brachte, die offizielle Gespräche in Gang brachte. Die Verhandlungen zogen sich über mehrere Jahre hin, der Terror von Aktivisten nahm zu und die italienische Polizei beantwortete dies mit Gegenterror.

1972 gipfelten die Gespräche schließlich in Erfolg, in Form des zweiten Autonomiestatutes, das Trient und Bozen größtenteils wirtschaftliche und kulturelle Unabhängigkeit zusagte. Auch die Schulhoheit die bis dahin zentral organisiert war ging an die Provinzen über.

Schließlich wurden 1976 die ethnischen Proporzbestimmungen und die Zweisprachigkeit in öffentlichen Ämtern beschlossen. Diese besagte: „Die Stellen in den Stellenplätzen nach Absatz 1 werden, nach Verwaltung und Laufbahn gegliedert, Bürgern jeder der drei Sprachgruppen vorbehalten, und zwar im Verhältnis zur Stärke der Sprachgruppen, wie sie sich aus den bei den amtlichen Volkszählungen abgegebenen Zugehörigkeitserklärungen hervorgehen.“[4]

Neben den Proporzbestimmungen wurde für Angestellten des öffentlichen Dienstes die Zweisprachigkeit (Deutsch, Italienisch; in Ladinischen Gebieten die Dreisprachigkeit) gefordert.

1988 kam es zu einem Generationswechsel an der Spitze der SVP, auch der Landerat für Schule und Kultur der bis dahin 28 Jahre lang die Geschicke nach dem Motto: „Je besser wir uns trennen , umso besser verstehen wir uns.“[5] gelenkt hatte wurde abgelöst.

Schließlich waren 1993 alle Durchführungsbestimmungen der Autonomie ausgeführt und der jahrzehntelange Streit mit Österreich wurde auch offiziell beigelegt.[6]

III: Einleitende Betrachtung von Ethnizität:
Allgemeine Theorien und regionalspezifisch

Ethnizität ist ein Begriff der zur Unterscheidung von Gruppen verwendet wird. Die Definitionsmerkmale unterscheiden sich bisweilen drastisch, Isajiw[7] hat eine Untersuchung über die am häufigsten genannten Merkmale zusammengestellt. Die Sprache rangiert in dieser Liste auf Platz fünf, in Südtirol jedoch wird die Zugehörigkeit zu einer Ethnie fast ausschließlich über die Sprache definiert. Allgemein kann man festhalten, dass Individuen sich selbst zu einer Gruppe zugehörig zählen und ihr Schicksal damit an das der Gesamtgruppe binden. Die Grenzen dieser Gruppe definiert die Gruppe, im Fall von Südtirol die Sprache, und nicht so sehr der kulturelle Inhalt dieser Gemeinschaft. Ethnische Gruppen sind Interessengemeinschaften, in denen oft, v.a. auch ökonomische Interessen dominant sind. Bei den Sprachgruppenzugehörigkeiteitsbekundungen in Südtirol ist dies z.B. von den Ladinern bekannt, die sich früher oft zur deutschen Gruppe bekannt haben, aus Sorge vor Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt. Nach dem Bekannt werden der offiziellen Dreisprachigkeit im Ladinischen stieg der Anteil der sich zur ladinischen Volksgruppe Bekennenden rapide an.

Zu welcher Gruppe ein Individuum gehört, hängt von der Zuschreibung innerhalb der Gruppe sowie von Außenstehenden und vom Individuum selbst ab. Ein wichtiger Faktor für die Identität von Individuen ist natürlich deren Vergangenheit, was insbesondere für diese Untersuchung relevant ist. Die Menschen und hier v.a. die Kinder, die in einer Zeit der Unterdrückung (Südtirol unter faschistischer Herrschaft) lebten bzw. aufgewachsen sind, behalten die geformten Denkstrukturen bei, oder legen sie zumindest nur sehr langsam wieder ab. Erdheim schreibt hierzu: „Ich bin ein Produkt meiner Geschichte, und meine Zukunft werde ich auf Grund dieser Vergangenheit gestalten.“[8] Da Denkmuster auch von Generation zu Generation zumindest unterbewusst reproduziert werden, v.a. wenn man vornehmlich innerhalb der eigenen Gruppen (mit ähnlichen Denkmustern) agiert, können sich diese hartnäckig festsetzen.

Ethnizität kann nicht nur als Instrument der Herrschaftssicherung verwendet werden , sondern kann auch als „Fluch“ die Aufstiegschancen des Einzelnen der in der Minderheitengruppe ist hemmen.

Identität ist kein statisches festgelegtes Konzept, sondern ständig im Wandel begriffen.

In Südtirol ist eine Südtiroler Identität sehr stark ausgeprägt, durch den ereignisreichen Lauf der Geschichte, und die Einflüsse mehrerer Nationalstaaten und Kulturen fällt es den meisten Südtirolern schwer, sich mit einem der Nationalstaaten zu identifizieren. Daher definiert sich der Großteil der Bevölkerung schlicht als Südtiroler. Ein Auszug aus einem Interview verdeutlicht dies: „Ich glaube schon, dass eine recht starke Südtiroler Identität da ist; [...]Man hat die Eigenart sich als Südtiroler zu definieren. [...] Für mich ist die Identität, Südtiroler zu sein, etwas, was mich ganz stark differenziert von der rechtlichen Situation, dass ich auch Italiener bin.“[9]

Die Erinnerung und Interpretation von Geschichte ist immer selektiv. Die Rolle, die die Interpretation von Geschichte für den Einzelnen und die Gruppe(n) einnimmt wird im gesellschaftlichen Diskurs festgelegt. Identitätsbilder formen sich und werden über die Zeit weitergetragen und modifiziert. Geschichte und Identität sind Begriffe die nicht voneinander zu trennen sind. In Südtirol wird die Geschichte fast größtenteils entlang der ethnischen Grenzen interpretiert, andere Identitätskonzepte (Geschlecht, Sozialstatus) haben wenig Platz neben der übermächtigen Bedeutung der Sprache. Kollektive Identitäten die sich anhand so eindeutiger Grenzen manifestieren, wie die Sprache, führen bei einem so engen Zusammenleben wie dies in Südtirol der Fall ist, leicht zu Reibereien. Wenn die Machtverhältnisse sich noch dazu im Laufe der Geschichte umdrehen, und die dominante Gruppe eine repressive Politik verfolgt, sind Aggressionen und Anfeindungen vorprogrammiert. Durch die Option wurde die Möglichkeit einer neuen Identität als Reichs- oder Volksdeutsche geschaffen. Dabei kam es zu einer Spaltung innerhalb der bis dahin homogenen Gruppe. Die Verräter die „Dableiber“ noch dazu in der Minderzahl wurden ausgegrenzt.

Ein weiteres Identitätsmerkmal war das Gefühl historisches Opfer zu sein was die Gruppe zusammenschweißte.

Die Ich- Identität die eine kritische Reflexion mit der kollektiven Identität voraussetzt erfordert Distanz zur Gruppe um sich zu konstituieren. Dies ist vielleicht die größte Herausforderung für das Individuum[10]

IV: Südtirols Schulwesen vor 1918

In Italien gab es vor der Vereinigung zum Königreich Italien 1861 sehr unterschiedliche Schulsysteme. Die Staaten die habsburgisch regiert oder beeinflusst waren hatten von der theresianischen Reform profitiert. Nach der Gründung des Königreiches wurde das Schulwesen aber zentral verwaltet, nach dem Vorbild der Schulordnung des alten Königreiches Piemont- Sardinien. Über diese Ordnung schrieb der spätere Unterrichtsminister De Sanctis bereits 1861: „...ein System, das von einem grundsätzlichen Misstrauen gegen die Lehrer ausgeht und in einer minutiösen Einmischung in die kleinsten Dinge besteht, ein System, das einen glatten Ablauf der öffentlichen Verwaltung verhindert.“[11]

In Tirol gab es bereits 1586 die erste Schulordnung, bei der es jedoch hauptsächlich darum ging dem katholischen Glauben zu verbreiten. 1774 wurde auf Wunsch der Kaiserin Maria Theresia eine Neue Ordnung erlassen, dessen Ziel es war: „durch wohlgetroffene Erziehungs- und Lehranstalten die Finsternis der Unwissenheit aufgeklärt, und jedem der nach seinem Stande angemessene Unterricht verschaffet werde.“[12]

[...]


[1] Seberich 2000: 64

[2] Die Italienisierung Südtirols: Kap.: 1.1 (Brenner und Triest werden wir nie ohne Krieg bekommen. Es lebe der heilige Krieg!)

[3] Zappe 1996:69; (Von hieraus brachten wir den anderen Sprache, Gesetz und Kultur bei.)

[4] Zappe 1996:78

[5] Zappe 1996: 80

[6] Vgl.: Zappe 1996:67- 81und Facharbeit: http://www.altenforst.de/faecher/geschi/facharbe/maren.htm, und Steininger: http://zis.uibk.ac.at/stirol_doku/stirol.html,

[7] vgl. Isajiw in Zappe 1996: 33

[8] Erdheim in Zappe 1996: 60

[9] in Zappe 1996: 179

[10] vgl. Zappe 1996: 25-66 und Inwiefern prägt die Südtiroler Geschichte die Südtiroler Identität: nachzulesen unter: http://asus.sh/verdorfer.245.0.html

[11] Seberich 2000: 18

[12] Seberich 2000: 22

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638415194
ISBN (Buch)
9783638878340
Dateigröße
725 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43795
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Europäische Ethnologie
Note
1,5
Schlagworte
Schule Südtirol Zeit Ende Weltkriegs Bildung Identität Forschungsfeld Ethnizität Kulturalität Territorialität

Autor

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Titel: Schule in Südtirol in der Zeit bis zum Ende des II. Weltkriegs: Bildung und Identität